HAUPTTITEL

Udo Rauchfleisch

L(i)eben mit Borderline

Ein Ratgeber für Angehörige

Patmos Verlag

Buch lesen

Für James Preston

ÜBER DEN AUTOR

Udo Rauchfleisch, Professor für Klinische Psychologie, ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis in Basel. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Themen sexuelle Identität, sexuelle Orientierung, Persönlichkeitsstörungen sowie psychosoziale Arbeit in Beratung, Therapie und Seelsorge. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Patmos zuletzt: Anne wird Tom – Klaus wird Lara. Transidentität/Transsexualität verstehen, 2013.

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© Claude Giger

ÜBER DAS BUCH

Menschen mit einer Borderlinestörung leben ständig auf der Grenze: Sie schwanken zwischen Liebe und Hass, Angst und Wut, innerer Leere und Euphorie. Doch nicht nur sie selbst leiden am inneren Chaos. Ihr schnelles Wechseln zwischen Idealisierung und Verachtung, ihr aggressives oder selbstschädigendes Verhalten sind vor allem auch eine Belastung für ihre zwischenmenschlichen Beziehungen.

Udo Rauchfleisch hilft Angehörigen, Freundinnen und Freunden von Menschen mit Borderline, diese gravierende psychische Erkrankung zu verstehen. Der erfahrene Psychotherapeut gibt viele konkrete Hinweise, wie das Zusammenleben trotz aller Probleme gelingen kann.

Auch als Printausgabe erhältlich.

www.patmos.de/ISBN978-3-8436-0636-3

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© 2015 Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagabbildung: © DWerner/photocase.de

Hergestellt in Deutschland

ISBN 978-3-8436-0636-3 (Print)

ISBN 978-3-8436-0637-0 (eBook)

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Inhalt

Einleitung: Warum ein Ratgeber für Angehörige, Freundinnen und Freunde von Menschen mit einer Borderlinestörung?

1. Was ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?

2. »Die Welt ist für ihn nur schwarz oder weiß …«

3. »›Böse‹ sind immer nur die anderen – wo bleibt da die Selbstkritik?«

4. »Mal ist er total geknickt, dann wieder arrogant und hochtrabend …«

5. »Wenn sie nur endlich die Realität wahrnehmen würde!«

6. »Ich halte die Wutausbrüche und das impulsive Verhalten nicht mehr aus!«

7. »Und immer wieder diese Angst!«

8. »Ich fühle mich durch seine Erwartungen an unsere Beziehung total erdrückt!«

9. »Warum kann sie nicht akzeptieren, dass ich anders bin?«

10. »Hoffentlich tut sie sich nichts an!«

11. »Er bleibt mir einfach ein Rätsel …«

12. »Sie ist schon ziemlich ›schräg‹, aber irgendwie auch genial.«

Schluss: Das Wichtigste auf einen Blick

Anmerkungen

Literatur

1. Was ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Die Literatur, die uns heute über die Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt, ist unüberschaubar. Nicht nur haben die verschiedenen Psychotherapieschulen – etwa die psychoanalytische Therapie und die kognitive Verhaltenstherapie, um nur zwei der größten zu nennen – je eigene Konzepte entworfen, wie sich Menschen seelisch-geistig entwickeln, die im Laufe ihres Lebens an einer solchen Störung erkranken. Es sind auch zum Teil erheblich voneinander abweichende Behandlungsmethoden konzipiert worden, die in der Therapie dieser Patientinnen und Patienten angewendet werden. Neben diesen therapeutisch orientierten Konzepten liegen uns heute auch Untersuchungen aus den neurowissenschaftlichen Fächern vor; es gibt Studien zur Dynamik in Familien mit einem an einer Borderlinestörung erkrankten Mitglied sowie viele Veröffentlichungen, die sich mit der Diagnostik dieser Erkrankung beschäftigen.

Es wäre indes ein Irrtum anzunehmen, die Erkrankung, die wir heute als Borderlinestörung bezeichnen, habe es in früheren Zeiten nicht gegeben. Die psychiatrischen Publikationen und die Veröffentlichungen aus der Anfangszeit der Psychoanalyse lehren uns etwa, dass bereits in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts – und auch noch früher – Menschen beschrieben worden sind, bei denen wir heute eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostizieren würden.

Nicht ganz klar ist allerdings, ob diese Erkrankung in den zurückliegenden Jahren, in denen sie genauer erforscht worden ist, zahlenmäßig zugenommen hat. Aus klinischer Erfahrung scheint manches für eine Zunahme der Zahl von Menschen, die an einer Borderlinestörung leiden, zu sprechen. Es liegen bisher allerdings keine verlässlichen epidemiologischen Studien vor, mit denen dies sicher nachzuweisen wäre. Sogar wenn wir davon ausgehen, dass die Zahl zugenommen hat, so stellt sich die Frage, ob die Erkrankung in der Gegenwart tatsächlich häufiger vorkommt als in früheren Zeiten oder ob wir heute lediglich in stärkerem Maße für dieses Störungsbild sensibilisiert sind und es deshalb eher erkennen und diagnostizieren.

Man darf in dieser Diskussion auch nicht vergessen, dass es für die Diagnostik von psychischen Störungen nicht unerheblich ist, welche therapeutischen Konsequenzen sich aus der Erkennung einer Erkrankung ziehen lassen und welches »Image« die betreffende Störung in der Öffentlichkeit hat. In einer Zeit wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es noch keine therapeutischen Methoden zur Behandlung von Borderline gab, bedeutete es etwas völlig anderes, wenn bei einer Person die Merkmale diagnostiziert wurden, die wir heute einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zuordnen.

In der Gegenwart liegen uns hingegen verschiedene Therapiemethoden vor, die sich in der Behandlung von Menschen mit Borderline als effizient erwiesen haben. Dementsprechend ist auch das »Image« dieser Erkrankung heute ein anderes als in der Vergangenheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten Störungen, die der heutigen Borderline-Persönlichkeitsstörung entsprechen, als mehr oder weniger unbehandelbar. Nur wenige Therapeutinnen und Therapeuten versuchten, mit diesen Menschen psychotherapeutisch zu arbeiten. Die Erfolge waren insgesamt eher bescheiden. Heute hingegen sind mit Hilfe verschiedener Konzepte Therapiemethoden entwickelt worden, die sich bewährt haben. Damit sind die Chancen, das Befinden von Menschen mit solchen Störungen wesentlich zu verbessern, sie unter Umständen sogar zu heilen, erheblich gestiegen.

Bei der Frage, welches »Image« eine Erkrankung hat, ist es interessant, dass die Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung selbst sehr unterschiedlich mit der Diagnose umgehen. Sehen die einen darin ein vernichtendes Urteil, das mit der Diagnosestellung über sie gefällt wird, so empfinden andere die Tatsache, unter Borderline zu leiden, beinahe wie eine Auszeichnung und tragen die Diagnose mitunter geradezu vor sich her. Dementsprechend verhalten sich diese beiden Gruppen auch unterschiedlich: Diejenigen, welche die Dia­gnose Borderline-Persönlichkeitsstörung als Makel empfinden, sind bestrebt, sie möglichst zu verheimlichen. Sie wehren sich im Allgemeinen auch dagegen, dass ihnen diese Diagnose zugeschrieben wird. Anders hingegen diejenigen, die darin einen Beweis ihrer Außergewöhnlichkeit sehen: Sie äußern sich gerne zum Thema Borderline und betonen im Freundeskreis und in der Öffentlichkeit stolz, sie seien »Borderliner«.

In der Fachliteratur werden zwar je nach theoretischer Sicht von­einander abweichende Beschreibungen von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gegeben. In wesentlichen Punkten stimmen diese Darstellungen jedoch überein, zumal die beiden international gebräuchlichen Diagnosesysteme für die Erfassung von psychischen Erkrankungen, die Internationale Klassifikation der Diagnosen (ICD) und das Diagnostische Statistische Manual (DSM) im Hinblick auf die Hauptmerkmale dieser psychischen Störung einander weitgehend entsprechen. Auch die psychoanalytische Forschung sieht die Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung ähnlich wie die ICD und das DSM.

Im Folgenden seien die wichtigsten Merkmale genannt und kurz kommentiert. Dabei müssen Sie als Leserin oder Leser bei Ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Borderline bedenken, dass Sie aufgrund dieser Übersicht keine Diagnose stellen können. Sie können aber auf die Möglichkeit aufmerksam werden, dass bei Ihrem Angehörigen, Ihrer Freundin oder Ihrem Freund eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt. Was Sie in einem solchen Fall tun können, werde ich weiter unten und in den verschiedenen Kapiteln dieses Ratgebers noch ausführlicher darstellen.

Die Borderlinestörung gehört zur Gruppe der Persönlichkeitsstörungen. Bei diesen handelt es sich um länger anhaltende Zustandsbilder und Verhaltensmuster, die sich im Lebensstil und im Verhältnis zur eigenen Person und zu anderen Menschen manifestieren. Die Abweichungen gegenüber anderen Menschen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen sind so ausgeprägt, dass das daraus resultierende Verhalten in vielen persönlichen und sozialen Situationen deutlich wird. Dabei ist für die Persönlichkeitsstörungen bezeichnend, dass sie zumeist in der Kindheit oder Adoleszenz beginnen und sich in ihrem Verlauf starre Reaktionsmuster entwickeln, welche die betreffenden Menschen unflexibel machen und zu einem sozial unangepassten oder auf andere Art unzweckmäßigen Verhalten führen. Häufig gehen diese Erkrankungen mit persönlichem Leiden und einer gestörten sozialen Funktionsfähigkeit einher.

Unter den Persönlichkeitsstörungen stellt die Borderline-Persönlichkeitsstörung die bekannteste und am weitesten verbreitete Erkrankung dar. Die Hauptsymptome sind die folgenden:

Das Gemeinsame der hier genannten Symptome ist zum einen die Instabilität, welche Menschen mit Borderline auszeichnet. Diese betrifft sowohl ihre Stimmungen – so fehlt ihnen die Fähigkeit, Affekte zu regulieren – als auch ihre sozialen Beziehungen, die im Allgemeinen mit Erwartungen überladen sind und jeweils schnell wieder abbrechen. Zum anderen liegt den angeführten Symptomen eine Unfähigkeit zur Steuerung von Impulsen zugrunde. Dies zeigt sich vor allem im impulsiven Verhalten dieser Menschen, das immer wieder zu sozialen Konflikten führt. Eine drittes grundlegendes Merkmal einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betrifft die Identitätsunsicherheit. Menschen mit Borderline haben keine klaren, ganzheitlichen Bilder von sich selbst und anderen Menschen. Sie nehmen sich und andere stets nur bruchstückhaft wahr, zumeist abhängig davon, was bzw. wer für sie gerade wichtig ist. Dies führt zu einer inneren und äußeren Orientierungslosigkeit und zu Problemen in den sozialen Beziehungen.

Diese Störungen in verschiedenen Persönlichkeitsbereichen verfestigen sich im Laufe der Jahre und werden zu dem, was wir gemeinhin als »Charakter« bezeichnen. Es ist die je typische Art des betreffenden Menschen zu denken, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Charakteristisch für die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist dabei, dass es zu dysfunktionalen, d. h. den inneren und äußeren Bedingungen nicht angepassten Bewältigungsstrategien in nahezu allen Lebens- und Erlebensbereichen kommt. Daraus resultiert, dass Menschen mit Borderline in den verschiedensten Bereichen ihres Lebens Probleme haben.

Was die Ursachen betrifft, die zur Ausbildung einer Borderlinestörung führen, müssen wir davon ausgehen, dass es zum einen biologische Determinanten gibt (z. B. eine gewisse Impulsivität und affektive Instabilität sowie eine erhöhte Verletzlichkeit) und zum anderen psychosoziale Stressoren, die eine Wirkung ausüben. Dabei ist zu bedenken, dass nicht jeder Mensch, bei dem biologische Risikofaktoren bestehen, auch an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erkranken muss. Einen wesentlichen Einfluss haben in jedem Fall die Umweltfaktoren, d. h. vor allem etwaige (meist in der Kindheit erlittene) Traumatisierungen, emotionale Vernachlässigung und instabile Beziehungserfahrungen. Auch von psychoanalytischer Seite (etwa bei Kernberg1) wird ein solches Zusammenspiel von hereditären und psychosozialen Faktoren postuliert (interessierte Leserinnen und Leser finden eine detaillierte Darstellung der aktuellen Forschung bei Kernberg, Dulz und Sachsse2).

Bezüglich der Häufigkeit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung liegen, wie oben bereits erwähnt, bisher keine verlässlichen epidemiologischen Studien vor. Die in der Literatur genannten Zahlen beruhen auf Schätzwerten, die von 1 bis 2 % von Borderline in der Allgemeinbevölkerung ausgehen. In klinischen Stichproben, d. h. unter Menschen, die stationäre oder ambulante fachliche Hilfe in Anspruch nehmen, ist die Zahl verständlicherweise wesentlich höher. Dort liegt sie bei 14 bis 20 %. Auch wenn dies nur Schätzwerte sind, zeigen sie doch, dass wir in unserer Gesellschaft mit einer recht großen Zahl von Menschen rechnen müssen, die unter einer Borderlinestörung leiden.

Bei der Auflistung der Symptome, wie ich sie oben gemäß den international gebräuchlichen Diagnosesystemen zitiert habe, ist zu berücksichtigen, dass hier nur die Störungsmerkmale genannt werden, nicht aber die kompensatorisch wirkenden Kräfte in den betreffenden Menschen. Genauso verhält es sich mit den psychosozialen Faktoren, welche, wie oben dargestellt, Stressoren darstellen und die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung begünstigen. Ihnen gegenüber stehen jene psychosozialen Faktoren, die sich gesundheitserhaltend und -fördernd auswirken. Diese müssen bei der Diskussion von Borderline ebenfalls berücksichtigt werden.

Um eine Person in ihrer Ganzheit beschreiben zu können, sind ihre positiven Persönlichkeitsanteile, z. B. ihre Begabungen und ihre sozialen Kompetenzen, wichtig, mitunter sogar noch wichtiger als die Störungsanteile. Außerdem dürfen die stützenden sozialen Faktoren nicht außer Acht gelassen werden. Dazu gehören etwa die berufliche Situation und die Einbettung in tragende soziale Netzwerke. Eine große, die Gesundheit Ihres Angehörigen fördernde Bedeutung kann aber auch Ihnen als Angehörigem oder Freund zukommen, der dem oder der Kranken eine emotional tragfähige Beziehung anbietet und ihm oder ihr in anderer Weise hilfreich zur Seite steht.

Nie können wir einen Menschen allein durch seine Defizite charakterisieren. Deshalb ist es unzureichend und würde ein verzerrtes Bild von einem Menschen mit Borderline vermitteln, wenn Sie sich in Ihrer Sicht allein von der oben zitierten Symptomliste leiten ließen. Gerade bei Menschen, bei denen zum Teil schwerwiegende Störungen ins Auge stechen, müssen wir besonders vorsichtig sein und dürfen unser Augenmerk nicht nur auf die Defizite richten. Ebenso wichtig sind die positiven Seiten, die auch Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen besitzen. Damit über den vielen Problemen, mit denen Menschen mit einer Borderlinestörung uns konfrontieren und die ich in den folgenden Kapiteln darstellen werde, diese positiven Seiten nicht übersehen werden, werde ich im letzten Kapitel dieses Ratgebers eine Frau schildern, die trotz ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu kreativen Leistungen fähig ist und weithin soziale Anerkennung genießt.

Prinzipiell müssen Sie bedenken, dass die von uns Fachleuten gestellten Diagnosen keineswegs in Stein gemeißelte letzte Wahrheiten sind. Wie oben ausgeführt, werden in den international gebräuchlichen Diagnosesystemen bestimmte Symptome vorgegeben, und wir haben anhand dieser Symptomlisten zu entscheiden, ob eine Person zu der einen oder der anderen diagnostischen Kategorie gehört. So exakt ein solches Vorgehen auch erscheinen mag, sind die diagnostischen Prozesse doch immer auch mit einer gewissen Unsicherheit und Unschärfe sowie mit einem persönlichen Ermessensspielraum – oder sollten wir unverblümt sagen: mit größerer Willkür? – verbunden. Vertrauen Sie deshalb im Hinblick auf die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung bei einem Ihnen nahestehenden Menschen oder Sie selbst betreffend nicht »blind« dem Urteil Dritter, auch wenn dies Fachleute der Psychiatrie und Psychologie sind. Gerade Sie als Angehörige kennen Facetten der Persönlichkeit Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes, welche die Professionellen vielleicht nicht wahrnehmen.

Hinzu kommt, dass sich Diagnosen psychischer Störungen mit größerer Sicherheit oft erst stellen lassen, wenn wir einen gewissen zeitlichen Verlauf überschauen. Dies gilt insbesondere auch für die Dia­gnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. In Kindheit und Jugend finden sich vielleicht schon erste Anzeichen, die auf diese Störung hinweisen können. Die Sicherheit, mit der wir diese Diagnose zu stellen vermögen, nimmt aber deutlich zu, wenn wir die Entwicklung der zu beurteilenden Person über mehrere Jahre hin verfolgen können. Was bei einer »Momentaufnahme« vielleicht völlig klar erscheint, zeigt sich bei einer Langzeitbetrachtung unter Umständen in einem ganz anderen Licht und führt dementsprechend zu einer anderen diagnostischen Beurteilung.

Im Allgemeinen richtet sich das Interesse der Fachleute auf die Menschen mit einer Borderlinestörung selbst, auf ihre Lebensgeschichte, ihre Befindlichkeit und die Möglichkeiten, mit den verschiedenen Behandlungsmethoden zu ihrer Heilung beizutragen. Daneben wird in der Fachliteratur auch diskutiert, wie sich die Therapeutinnen und Therapeuten fühlen, die solche Patientinnen und Patienten behandeln, und welche Probleme in der Interaktion zwischen ihnen auftreten können. Soweit sich die Aufmerksamkeit der Professionellen auf die Angehörigen richtet, geschieht dies im Allgemeinen vor allem bei der Diskussion, welche positive oder negative Rolle Angehörige im therapeutischen Prozess spielen.

Als eigenständige Gruppe werden die Angehörigen, aber auch die Freundinnen und Freunde sowie die Mitarbeitenden und Vorgesetzten von Menschen mit Bordeline hingegen von den Professionellen selten wahrgenommen. Dabei spielen Sie als nahe Bezugsperson, wie in der Einleitung ausgeführt, vielfach eine außerordentlich wichtige Rolle, verbringen Sie doch die meiste Zeit mit den Kranken und sind von ihren Störungen oft am stärksten betroffen. Dies ist der Grund dafür, dass ich mich mit diesem Ratgeber in erster Linie an Sie, die zu diesen nächsten Bezugspersonen gehören, wende.

Auf den Punkt gebracht