Umschlag

Rainer Dissars-Nygaard, Jahrgang 1949, studierte Betriebswirtschaft und war als Unternehmensberater tätig. Er lebt als freier Autor auf der Insel Nordstrand. Im Emons Verlag erschienen unter dem Pseudonym Hannes Nygaard die Hinterm Deich Krimis »Tod in der Marsch«, »Vom Himmel hoch«, »Mordlicht«, »Tod an der Förde«, »Todeshaus am Deich«, »Küstenfilz«, »Todesküste«, »Tod am Kanal«, »Der Inselkönig«, »Der Tote vom Kliff«, »Sturmtief« sowie die Niedersachsen Krimis »Mord an der Leine« und »Niedersachsen Mafia«. In der Emons-TATORT-Reihe erschienen »Erntedank« und »Borowski und die einsamen Herzen«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2006 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Berlin
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-045-2
Hinterm Deich Krimi 4
Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur EDITIO DIALOG,
Dr. Michael Wenzel, Lille, Frankreich (www.editio-dialog.com)

Für meine Familie

EINS

Es war ein angenehmes Gefühl, das sich über den ganzen Körper ausbreitete. Ein wohliges Prickeln lag auf der Haut und zog sich über den Nacken zum Kopf. Seine Nase nahm den feinen Duft des Parfums von der jungen Frau an seiner Seite auf. Er spürte ihre Wärme.

Ein Strahlen lag in ihrem Blick. Dann streckte sie ihren Kopf empor und spitzte den Mund. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen.

Endlich war es so weit. Annika hatte mit einem sanften Lächeln seinem vorsichtigen Drängen nachgegeben. Sein Herz schlug schneller, das Blut pulsierte durch den Körper.

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und in der ruhigen Seitenstraße, die von der Kiellinie, der Promenade am Ufer der Förde, zum Parkplatz seines Autos führte, waren keine Passanten mehr unterwegs.

Lediglich ein gut gekleideter Mann mittleren Alters schien ihren Weg kreuzen zu wollen. Der Fremde war nur noch wenige Schritte entfernt. Offenbar angetrunken torkelte er ihnen entgegen. Er hatte Probleme, sich auf den Beinen zu halten und stierte die jungen Leute aus weit geöffneten, glasigen Augen an.

Jan nahm Annika fester in den Arm und drängte sie an die Seite, aber der Fremde machte einen Schlenker direkt auf die beiden zu. Er breitete die Arme aus. Es schien, als wolle er sie aufhalten.

»He, was soll der Scheiß?«, rief Jan, doch der Mann reagierte nicht darauf. Kurz bevor er Jan und seine Freundin erreicht hatte, stolperte er, fiel nach vorn und riss dabei die Arme hoch. Das junge Mädchen versuchte noch, sich mit einem Rückwärtsschritt der Berührung zu entziehen, wurde aber von Jans Arm, der sie immer noch fest um die Taille fasste, daran gehindert. Die Hände des Fremden glitten von Annikas Bauch über ihren Unterleib an der Jeans hinab und fielen dann kraftlos auf das Pflaster. Der Mannes lag jetzt ausgestreckt vor den beiden.

»Jan!« Annika entfuhr ein Entsetzensschrei. Sie klammerte sich an ihn. Ein furchtbares Zittern fuhr durch den schlanken Mädchenkörper. Auch Jan sah das Blut, das unter dem Körper des Unbekannten herauslief. Jans Blick fiel auf Annika. Mit seinen Händen hatte der Mann an der Kleidung des Mädchens eine blutige Spur hinterlassen.

»Mein Gott«, stammelte Jan. Vorsichtig löste sich der Junge aus der Umarmung seiner Freundin und zog sie ein kleines Stück fort. »Wir müssen den Rettungsdienst rufen«, jappte er und suchte in der Tasche seiner khakifarbenen Capri-Hose nach dem Handy, während Annika immer noch gebannt auf den Unbekannten starrte.

»Hallo. Ja! Hier liegt einer. In der Reventlouallee. Hausnummer?« Jan sah sich suchend um und gab dann dem Beamten in der Leitstelle der Kieler Feuerwehr die genaue Adresse durch. »Was mit ihm ist? Der blutet wie ein Schwein.«

Dann schwieg er einen Moment.

»Wo denken Sie hin. Das ist kein Märchen. Uns ist wirklich einer vor die Füße gestolpert!« Annika hatte sich an seinem Arm festgekrallt, sodass er nur mit Mühe das Mobiltelefon am Ohr halten konnte. »Natürlich warten wir hier. Nun machen Sie endlich, statt mich hier mit unnötigen Fragen zu überfallen«, gab er zornig zurück. Er umarmte Annika, nahm mit der anderen Hand ihren Kopf. Dann fuhr er sanft mit seiner Hand über die Haare der schluchzenden jungen Frau.

»Das ist ja ‘nen Ding«, murmelte er.

*

Kurze Zeit später wimmelte es in der Straße von Einsatzfahrzeugen. Blaulichter rotierten und ließen ihre blauen Strahlenfinger über die Fassaden der Häuser gleiten. Neben mehreren Streifenwagen und zwei Rettungswagen der Kieler Feuerwehr trafen jetzt auch zwei VW-Variant ein, denen drei Männer und eine Frau entstiegen.

»’n Abend«, grüßte einer der uniformierten Beamten und gab den vieren den Weg zu der Stelle frei, an der sich ein Notarzt und zwei Rettungsassistenten um den Mann auf dem Gehweg kümmerten.

Der bullige Arzt sah kurz auf die Neuankömmlinge, wandte sich dann aber ohne ein Wort zu sagen wieder dem Opfer zu.

»Kripo Kiel«, stellte sich der hoch gewachsene Mann mit dem gepflegten Bart bei den Männern des Rettungsdienstes vor. »Können Sie schon etwas sagen?«

Ein böser Blick des Arztes streifte ihn. »Ich bin mit anderen Dingen beschäftigt«, belehrte ihn der Mediziner.

Hauptkommissar Thomas Vollmers wandte sich ab. Der Mann in der roten Weste hatte natürlich Recht. Vollmers sah, dass sich seine drei Kollegen professionell um die Absicherung des Tatortes kümmerten. Sie waren ein eingespieltes Team, das sich in zahlreichen Einsätzen bewährt hatte und in dem jeder ohne Anweisungen des Leiters der Mordkommission wusste, was zu tun war.

Es wurden knappe Kommandos ausgetauscht, und die Kollegen der Schutzpolizei halfen mit, die Schaulustigen zurückzudrängen.

Der Notarzt kam mit einem Ächzen in die Höhe, fasste sich dabei ins Kreuz und sah sich suchend um. Sein Blick blieb an Vollmers hängen.

»Sind Sie der Einsatzleiter?«

»Ja. Hauptkommissar Vollmers von der Mordkommission.«

Der Arzt streckte ihm versöhnlich die Hand entgegen. »Sorry, dass ich vorhin ein wenig grob war. Jürgen Bischoff«, stellte er sich vor. Dann nickte er in Richtung des Mannes auf dem Gehweg. »Da ist nichts mehr zu machen. Tot. Das Messer hat mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bauchschlagader verletzt. Da gibt es keine Rettung. Null Chance.«

»Welches Messer?«, fragte Vollmers.

Der Arzt zeigte auf die andere Straßenseite. »Da drüben haben die Streifenbeamten ein langes Messer gefunden. Ich vermute, damit wurde er erstochen.«

»War der Mann schon tot, als Sie eintrafen?«

»Ich habe keine Lebenszeichen mehr feststellen können. Der Exitus muss aber kurz zuvor eingetreten sein.«

»Also hat er nichts mehr sagen können?«

Der Arzt hob bedauernd die Schultern und sah einen Moment versonnen seinen Rettungsassistenten zu, die ihre Notfallausrüstung zusammenpackten. »Nein! In meiner Gegenwart hat er keinen Laut von sich gegeben.«

Inzwischen war die Spurensicherung eingetroffen und begann mit der Untersuchung des Tatorts.

»Was glauben Sie, Doktor? Wie weit kommt man mit einer solchen Wunde?«

Der Arzt schob das Kinn vor. »Schwer zu sagen. Das hängt von der Art der inneren Verletzungen ab, die ich nur schwer einschätzen kann. Ich vermute aber, dass er im nahen Umkreis des Fundorts erstochen wurde. Weit ist er nicht gelaufen.«

Vollmers sah sich um. Hier, zwischen Regierungsviertel, Förde und Düsternbrooker Gehölz, befand sich eine der bevorzugten Wohngegenden der Stadt. Die Reventlouallee führte von der Hauptstraße, die parallel zum Wasser lief, fort und stieg leicht bergan. Auf der rechten Straßenseite lagen einige etwas nach hinten versetzte großbürgerliche Häuser, während die andere Seite von einem bunten Mix von Mehrfamilien- und Reihenhäusern gesäumt wurde. Es würde eine der ersten Routineaufgaben sein, die Anwohner zu befragen, nach Auffälligkeiten zu forschen und zu eruieren, ob neugierige Nachbarn etwas über missliebige Mitbewohner verlauten ließen.

Dann sah er den Kollegen der Spurensicherung zu, die mit ihren durchsichtigen Plastikoveralls ein wenig den Rentnern vergangener Tage ähnelten, die sich mit ihrem Klepperüberzug auf dem Fahrrad gegen den Regen schützten.

Vollmers überquerte die Straße. Dort hielt ein Streifenbeamter am möglichen Tatwerkzeug Wache. Es war eine ungewöhnliche Waffe, größer als herkömmliche Messer, offenkundig mit beidseitiger Schneide und einem verzierten Griff, vermutlich aus Silber. Die Spurensicherung würde sich der Waffe annehmen.

Vollmers kehrte zum Opfer zurück.

Soweit er erkennen konnte, war das Messer auf der rechten Seite unterhalb der Leber eingedrungen und musste vom Stichkanal her seitlich in die Mitte des Bauchraumes vorgestoßen sein. Auffallend war auch, dass die Schneide anscheinend waagerecht geführt wurde und nicht senkrecht, wie es bei Messerattacken sonst fast immer der Fall ist. Dadurch, dass die Waffe quer geführt worden war, hatte sie im Inneren des Opfers einen wesentlich größeren Schaden angerichtet und beim Durchtrennen der Aorta eine absolut tödliche Wirkung gehabt.

Als wenn der Arzt seine Gedanken gelesen hätte, erklärte er: »Das blasse Gesicht und die extrem harte Bauchdecke lassen auf eine Schocksymptomatik durch Volumenmangel schließen.«

»Das heißt im Klartext?«

»Dem armen Kerl ist das Blut in den Bauchraum gelaufen. Da ist die ärztliche Kunst machtlos. Es sei denn, dieses Missgeschick passiert Ihnen auf dem Operationstisch eines erfahrenen Bauchchirurgen. Dann haben Sie vielleicht noch eine Chance.« Der Arzt zuckte noch einmal mit den Schultern. Mit einem »Tschüss denn« verabschiedete er sich.

Vollmers wandte sich zu Oberkommissar Frank Horstmann um, der von hinten an ihn herangetreten war.

»Habt ihr etwas?«

Sein langjähriger Kollege schüttelte den Kopf. Horstmann ging auf Mitte vierzig zu. Das rotblonde Haar und die leichten Sommersprossen verliehen ihm das Aussehen eines nicht älter werdenden Lausbuben.

»Nein, Thomas«, erwiderte Horstmann. »Ich habe mit den jungen Leuten gesprochen, denen der Tote vor die Füße gefallen ist. Die haben nichts bemerkt. Sie haben den Mann erst wahrgenommen, als er von der anderen Straßenseite herübertorkelte und direkt vor ihnen zusammengebrochen ist. Sonst haben sie niemanden gesehen, nicht einmal einen Schatten.«

»Mist«, fluchte Vollmers. »Keine Idee, ob er eventuell aus einem der Häuser gekommen ist?«

»Nichts. Aber Ingo und Babs sind schon unterwegs und klappern die Nachbarschaft ab.«

Horstmann meinte die anderen Mitarbeiter der Mordkommission, Oberkommissar Küster und Kommissarin Scholtz.

Vollmers wusste, dass er sich auf seine Kollegen verlassen konnte. Der erste Angriff nach einer Tat, wie die ersten Aktivitäten im Polizeijargon hießen, war von entscheidender Bedeutung. Spuren, die dabei übersehen wurden, waren später kaum noch zu rekonstruieren.

Die beiden wurden durch einen Mann abgelenkt, der erst nach einer Diskussion mit den Beamten der Schutzpolizei die Absperrung überwinden konnte und auf sie zukam.

Unter seinem offenen Blouson trug er ein weißes Poloshirt. Die dunkelblaue Jeans und die Laufschuhe unterstrichen den Eindruck, dass der hoch gewachsene Mann mit dem schütteren dunklen Haar aus dem Feierabend abberufen worden war. Der dichte Schnauzbart im schmalen Gesicht, der an ein Walross erinnerte, verlieh ihm auf den ersten Blick einen traurigen Eindruck.

»’n Abend, Herr Kremer«, begrüßte Thomas Vollmers den trotz seiner schwindenden Haarpracht jugendlich wirkenden Staatsanwalt.

Vollmers schilderte in kurzen Zügen, was sie bisher in Erfahrung gebracht hatten.

»Wissen Sie schon, wer der Tote ist?«, fragte der Staatsanwalt.

Hauptkommissar Vollmers verneinte. »Nein. Das können wir noch nicht sagen.« Er betrachtete den Toten. Der war mit einer dunklen Stoffhose bekleidet. Die Füße steckten in schwarzen Halbschuhen. Über dem karierten Hemd trug er einen leichten gelben Pullover, dessen Kragen vom vollen, fast blauschwarzen Haar bedeckt wurde. Das lag sicher auch am leicht nach hinten geneigten Kopf.

Einer der Kriminaltechniker schwenkte ein Papier. »Das ist ein argentinischer Reisepass. Der Mann heißt José Felipe Hernandez und ist achtundvierzig Jahre alt.«

»Wie kommt ein argentinischer Staatsbürger nach Kiel?«, fragte Vollmers.

»Und warum lässt er sich hier ermorden?«, ergänzte Staatsanwalt Kremer.

Die drei schwiegen einen Moment und blickten auf den Toten zu ihren Füßen. Dann gingen sie gemeinsam zum Fundort der Waffe.

»Das Messer sieht ungewöhnlich aus. Diese Form und vor allem die Größe sind in unseren Breitengraden selten. Man müsste prüfen, ob es sich um eine Waffe handelt, die auch aus Argentinien stammt«, sagte Vollmers.

Sein Kollege Horstmann stimmte ihm zu. »Du meinst, es könnte eine Auseinandersetzung unter Südamerikanern gewesen sein? Aus einem uns unerklärlichen Grund hat es einen Streit mit tödlichem Ausgang gegeben. Die Menschen dort haben ein anderes Temperament als wir kühlen Holsteiner.«

»Bei Ihrer These ist Vorsicht geboten«, bremste ihn der Staatsanwalt. »Argentinien gilt als das europäischste Land in Südamerika. Im Unterschied zu anderen Staaten der Region wurde es überwiegend von Einwanderern aus der alten Welt bevölkert. Darum finden Sie dort auch kaum Indianer oder Schwarze. Aber natürlich könnte es ein Ansatzpunkt für unsere Ermittlungen sein.«

Sie beobachteten stumm die akribische Arbeit der Spurensicherung, bis die beiden anderen Beamten der Mordkommission auftauchten.

»Es ist wie immer«, stöhnte Oberkommissar Ingo Küster. »Ein halbes Dutzend Leute ist sich sicher, dass nur einer ihrer Nachbarn als Mörder in Frage kommt. Gründe dafür gibt es massenhaft. Die hören die falsche Musik, sind zu laut – oder umgekehrt: Man nimmt sie kaum wahr. Da verkehren ständig andere Frauen – oder Männer. Das ganze Spektrum. Aber etwas Konkretes war nicht dabei.«

»Seid ihr auf Ausländer gestoßen?«, wollte Vollmers wissen.

Kommissarin Scholtz übernahm es zu antworten. »Ja, sicher. Türken, Polen, ein Schwede, ein Ami – soll ich die geografische Aufzählung fortsetzen?«

»Waren da Südamerikaner drunter?«

Küster und Scholtz sahen sich an. Dann schüttelte der Oberkommissar den Kopf.

»Nee! Die haben wir nicht angetroffen.«

»Schade«, mischte sich der Staatsanwalt ein.

»Das wäre auch zu einfach gewesen«, meinte Vollmers.

»Das einzig Bemerkenswerte, was eine weitere Untersuchung lohnen würde, ist ein privates Bordell. Dort drüben.« Küster streckte den Arm aus und wies mit dem Zeigefinger auf ein schräg gegenüberliegendes Haus, vor dessen Hecke das Tatwerkzeug gefunden worden war.

»Dann sehen wir uns das doch einmal genauer an«, beschloss Vollmers und ließ sich von einem der Kriminaltechniker ein Foto geben, das mit einer Sofortbildkamera geschossen worden war. Staatsanwalt Kremer und Oberkommissar Horstmann folgten ihm wortlos.

Das graue Haus mochte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gebaut worden sein. Es machte einen gepflegten Eindruck. Die hohen Fenster mit den von Säulen getragenen Stürzen sowie die umlaufenden Reliefs verliehen dem Bauwerk den Charakter, der modernen Profanbauten häufig fehlt. Neben dem Gebäude führte eine Treppe zu einem überdachten Windfang, dem Eingang zum Haus.

Ein tiefer melodischer Gong ertönte. Nach einer Weile wurde die Tür geöffnet, und eine stark geschminkte Blondine mit einem üppigen, aber makellosen Dekolletee erschien in der Türöffnung. Sie war sicher nicht mehr ganz jung, aber immer noch von einer unbestimmten Attraktivität. Sie musterte die drei Männer.

»Polizei?« Es klang eher wie eine Feststellung als eine Frage.

»Richtig«, antwortete Vollmers und wollte nach seinem Ausweis greifen.

»Lasst stecken, Jungs«, erwiderte die Blonde und zog ihre linke Augenbraue gekonnt in die Höhe. »Ihr tragt euren Ausweis doch im Gesicht. Ist das euer Lehrling?«

Sie sah Kremer an.

»Das ist der Staatsanwalt«, erklärte Vollmers.

»Oje. Die geballte Macht.« Die Blonde war nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie machte den Eingang frei. »Kommt doch rein. Bei uns bleibt niemand draußen.« Es war ihr anzumerken, dass diese doppeldeutige Formulierung nicht unbeabsichtigt über ihre Lippen kam.

Das Foyer war mit roter Seidentapete ausgekleidet. Die manikürte Hand der Blondine wies auf eine Gruppe schwerer Sessel.

»Setzt euch so lange. Ich hol mal den Chef. Wollt ihr was trinken?« Sie machte einen Schritt auf die Bar zu.

»Nein, danke«, wehrte Vollmers ab.

»Hätte euch nichts extra gekostet.« Die Blonde zwinkerte mit einem Auge und verschwand in einem Gang. Im Hintergrund war ein leises Tuscheln zu hören.

Kurz darauf erschien ein schlanker Mann, dessen Schritte der dicke Teppich verschluckte. Sein Haar lag in Wellen um die Ohren und bündelte sich zu einem dichten Wust über dem Hemdkragen. Am freien Ohrläppchen glitzerte ein großer Brillant. Kräftige Augenbrauen markierten die braunen Augen in dem dunklen Gesicht. Der Dreitagebart verlieh dem Mann etwas Verwegenes. Die Knopfleiste seines blütenweißen Hemdes war bis kurz über den Bauchnabel geöffnet und gab den Blick auf ein großes rundes Amulett frei, das vor der behaarten Brust hing. Zwischen der hellen Seidenhose und dem Hemd bildete ein geflochtener Ledergürtel mit einer übergroßen silbernen Schnalle einen auffälligen Kontrast.

Natürlich fehlte am Unterarm der linken Hand nicht die schwere goldene Uhr. Vollmers musste schmunzeln. Der Mann war der Inbegriff eines Zuhälters. Und wenn er jetzt noch … Tatsächlich! Der Bursche machte den Mund auf und sprach unverkennbar mit österreichischem Dialekt.

»Grüß Gott, die Herren. Sie sind von der Gendarmerie?«, säuselte die erstaunlich hohe Stimme.

»Wir sind von der Polizei«, antwortete Vollmers.

»Was kann ich für die Herren tun?«

»Sie sind der Betreiber dieses Etablissements?«

Der Mann musterte die drei Ermittler intensiv.

»Ja«, hüstelte er dann gekünstelt. »Obwohl ich die praktische Leitung abgegeben habe. Meine Geschäftsführerin haben Sie ja schon kennengelernt.«

»Wie heißen Sie?«

Der Mann maß Vollmers vom Scheitel bis zur Sohle.

»Hinterbichler«, sagte er dann.

Horstmann hielt die Hand an den Mund und unterdrückte ein Glucksen. »Österreicher?«

»Haben Sie etwas gegen uns?«, erwiderte der Bordellbetreiber. »Es gibt die Gewerbefreiheit im vereinten Europa.«

»Vorname? Papiere?« Vollmers ging nicht weiter auf die kleinen Spitzen ein.

»Harry Hinterbichler.« Dann nannte er eine Adresse und sein Geburtsdatum.

»Sie sind also achtundzwanzig«, stellte Vollmers fest. »Kann ich mal Ihre Papiere sehen?«

Der Zuhälter fuhr sich theatralisch mit der Hand über die Augen.

»Ach, du Schreck. Die habe ich in meiner Wohnung gelassen. Vorsichtshalber. Ich gehe häufig ohne Papiere aus. Man weiß ja nie … die Zeiten sind sooo unsicher.«

Horstmann zog sich in eine Ecke des Foyers zurück und griff zu seinem Handy, um die Personalangaben prüfen zu lassen. Er zog das Bild des Ermordeten hervor. Die Aufnahme mit der Sofortkamera war nur mäßig, aber man konnte das Gesicht deutlich erkennen.

»Sagt Ihnen dieser Mann etwas?«

Hinterbichler besah sich das Bild. »Nein. Wer soll das sein?«

Vollmers ließ die Frage unbeantwortet. »Kann es sein, dass der Mann Kunde in Ihrem Etablissement war und Sie es nicht mitbekommen haben?«

»Jeder Gast wird durch meine Geschäftsführerin persönlich empfangen. Die Gesellschaftsdamen, die die Herren durch den Abend begleiten, werden erst danach mit den Gästen bekanntgemacht. Es sei Ihnen versichert, dass ich den Mann erkannt hätte, wäre er Kunde bei uns.«

»Wie wollen Sie das beurteilen, wenn Sie die Kunden nicht selbst empfangen?«

Erneut fuhr er sich mit der Hand über die Augen. »Hach. Das gehört einfach zum Business.«

»Haben Sie in der letzten halben Stunde etwas von den Ereignissen auf der Straße mitbekommen?«

»Wovon sprechen Sie? Nein! Was ist denn passiert?«

»Hat jemand in dieser Zeit Ihre Räumlichkeiten verlassen oder betreten?«

Hinterbichler klapperte empört mit den Liddeckeln. »Wo denken Sie hin? Die Geschäfte laufen ja sooo schlecht. Die Konkurrenz ist übermächtig. Nein! Unser Gesellschaftsinstitut ist in dieser Zeit nicht frequentiert worden.«

Das war nicht viel, was sie in Erfahrung gebracht hatten. Vollmers überlegte kurz, ob eine Razzia im Bordell Erfolg versprechend wäre. Aber es gab keinen Anhaltspunkt dafür, dass es in Verbindung mit dem Mord stand.

Mit einem knappen Gruß verließen die drei das Haus und kehrten zum Fundort der Leiche zurück.

»Wir haben außer persönlichen Gegenständen nichts weiter bei ihm gefunden«, sagte Oberkommissar Küster.

»Wissen wir, wo er hier in Kiel wohnte? Hotel? Anschrift?«

»Nein«, erwiderte Küster. »Aber das Schlüsselbund, das er bei sich trug, sieht aus, als würde es zu einer Wohnung gehören. Außerdem hatte er einen Autoschlüssel bei sich. BMW. Kollegin Scholtz sucht gerade die Straßen ab und versucht, das passende Fahrzeug dazu zu finden. Seine Brieftasche hat nichts hergegeben. Familienbilder. Offensichtlich war Hernandez verheiratet und hatte Kinder. Merkwürdig, dass sich auch ein Bild darunter befand, dass ihn und zwei andere Männer in Uniform zeigte.«

»Was für eine Uniform?«, hakte Vollmers nach. Bevor Küster antworten konnte, hatte Horstmann ihm das Bild aus der Hand genommen.

»Sieht aus wie Karneval«, kommentierte er. »Vermutlich sind das aber argentinische Marineuniformen. Zumindest ist im Hintergrund ein Hafen mit Kriegsschiffen zu erkennen.«

»Das könnte ein Anhaltspunkt sein«, fuhr Küster fort. »Wir haben noch einen Besucherausweis für die Werft bei ihm gefunden.«

»HDW?«, fragte Vollmers erstaunt.

Küster nickte. »Richtig. Howaldtwerke – Deutsche Werft. Mit Lichtbild und Chip.«

»Donnerwetter. Ein Marineoffizier mit offenkundigen Beziehungen zur Werft. Da sollten wir die Kollegen von der Abteilung 300 informieren. Ich möchte die zwar nicht so gern mit im Boot haben, aber besser ist besser.«

»Was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?«, wollte Babs Scholtz wissen.

»Das ist der polizeiliche Staatsschutz beim Landeskriminalamt, die Zentralstelle für alle Straftaten von Extremisten. Die stellen den Personenschutz. Außerdem ist es die Ermittlungsstelle für Spionage, Straftaten mit nachrichtendienstlichem Hintergrund und Brand- und Sprengstoffanschläge. Die Jungs haben einen guten Ruf, seit sie damals die Brandanschläge in Mölln und auf die Lübecker Synagoge geklärt haben. Gab’s sonst noch was?«

Küster schüttelte den Kopf. »Nö. Ein Raubmord scheint es nicht gewesen zu sein. Die Uhr war noch da. Und auch das Portemonnaie mit Scheckkarte und Bargeld.«

»Wie viel?«

»Dreihundert und ein paar Zerquetschte.«

»Welche Währung?«

»Nur Euro.«

»Merkwürdig. Dann sieht es so aus, als hätte sich Hernandez hier längerfristig aufgehalten, wenn er keine andere Währung dabeihatte, nicht einmal Pesos.«

ZWEI

Der Ostwind blies in die Förde hinein und brachte kühlere Temperaturen, als es der erste Blick auf den morgendlichen Augusthimmel verhieß.

Hauptkommissar Vollmers hatte sein Team, das K1 der Bezirkskriminalinspektion Mitte mit Dienstsitz in der Landeshauptstadt, morgens zur Abstimmung der weiteren Vorgehensweise in die Dienststelle beordert.

Vollmers hatte es dem Staatsanwalt überlassen, Kontakt zum Landeskriminalamt aufzunehmen. Dort sollte über ein Mitwirken des polizeilichen Staatsschutzes entschieden werden, da es sich beim Opfer um einen Militär handelte, der möglicherweise in offizieller Mission in der Bundesrepublik weilte. Begeistert war der Hauptkommissar nicht von der Vorstellung, dass eventuell ein weiterer Beamter zu seinem Team dazustoßen könnte. Die Mannschaft arbeitete in dieser Besetzung bereits eine ganze Weile zusammen.

Mittlerweile lagen die ersten Ergebnisse der Kriminaltechnik vor.

»Bei der Tatwaffe handelt es sich um ein etwa unterarmlanges, zweischneidiges Messer. Die Spurensicherung hat jede Menge Fingerabdrücke feststellen können. Nicht einer wird in unserer daktyloskopischen Datei geführt. Es sieht aber so aus, als würden die zahlreichen Prints von Leuten stammen, die nichts mit dem Mord zu tun haben, sondern einfach dieses merkwürdige Messer in den Händen gehalten haben, um es zu betrachten. Das könnte unsere erste Spur sein. Wenn das Messer an einem Ort mit Publikumsverkehr ausgestellt oder zumindest einem größeren Personenkreis zugänglich war, erinnert sich vielleicht jemand an diese ungewöhnliche Waffe. Wir sollten deshalb eine Beschreibung sowie ein Bild über die Pressestelle weiterleiten. Vielleicht haben wir Glück, und es meldet sich jemand. Kannst du …«

»Ist okay«, unterbrach ihn Ingo Küster. »Wir kümmern uns darum.« Dabei sah er Babs Scholtz an. »Wir klappern auch Antiquitätengeschäfte und Kuriositätenläden ab. Wenn du damit einverstanden bist, Thomas.«

Vollmers nickte. »Fein. Das wollte ich gerade vorschlagen. Der nächste Punkt ist die Weise, wie das Messer vom Täter geführt wurde. Er hat von der Seite zugestochen wie beim Ausholen zum Schmetterball im Tischtennis. Dabei stand die Klinge waagerecht. Merkwürdig ist auch der Griff, mit dem der Täter die Waffe hielt. Wenn man das Messer von oben nach unten in den Leib des Opfers sticht, zum Beispiel ins Herz oder von hinten zwischen die Schulterblätter, zeigen bei einem Rechtshänder vier Finger nach links und die Knöchel nach oben. Der Mörder hat Handschuhe getragen, die Schmierspuren hinterlassen haben. Aus denen hat die Spurensicherung ermittelt, dass der Täter es aber andersherum gehalten hat.«

»Was heißt: andersherum?«, fragte Horstmann.

»Wenn du das Messer umklammerst, wie wir es alle tun würden, zeigt in diesem Fall die Klinge auf den Täter. Der hat es aber von der rechten Seite um den Körper des Opfers herumgeführt und zugestochen.«

»Und warum stach er genau so zu?«, fragte Horstmann und schenkte sich Kaffee aus der Thermoskanne nach. Stumm reichte ihm Oberkommissar Küster seine Tasse herüber, die er ebenfalls füllte.

»Die Frage ist in der Tat interessant«, erwiderte Vollmers. »Im Menschengetümmel hätte man vermuten können, dass die seitliche Messerführung unauffälliger ist, aber die Straße war fast menschenleer. Der Täter hätte also auch auf die ›herkömmliche‹ Weise zustechen können, wenn ich sie so bezeichnen darf. Auf jeden Fall handelt es um einen Rechtshänder.«

»Gibt es weitere Anhaltspunkte?«, mischte sich Babs Scholtz ein.

»Der Rechtsmediziner hat festgestellt, dass der Stichkanal leicht von unten nach oben führt. Das ist nicht verwunderlich, weil der Arm bei der Vorwärtsbewegung einen Halbkreis beschreibt. Aus der Einstichstelle beim Opfer haben unsere Wissenschaftler errechnet, dass der Täter eher klein sein muss. So etwa um einen Meter siebzig.«

Horstmann lachte auf. »Dann ist es ja ganz einfach. Wir suchen ‘nen lütten Rechtshänder. Da sind wir aber froh, dass sich der Kreis potenzieller Mörder so rigoros einschränken lässt.«

»Okay«, schloss Vollmers die Besprechung und sah dabei Horstmann an. »Frank und ich versuchen, etwas über das Opfer in Erfahrung zu bringen. Wir wissen, dass er mit einem Leasingwagen unterwegs war. Der BMW stand in der nächsten Querstraße, dem Niemannsweg. Wir haben ihn anhand der Autoschlüssel identifizieren können.«

»Halteranfrage?«, warf Küster ein.

»Große Überraschung«, antwortete Vollmers. »Das Fahrzeug ist von der Werft geleast. Nun wird es spannend. Ich denke, nachdem wir uns mit dem argentinischen Generalkonsulat in Hamburg in Verbindung gesetzt haben, werden wir die Werft besuchen. Vielleicht erfahren wir dann auch, wo José Hernandez gewohnt hat. Das war’s. Dann treffen wir uns heute Mittag zur nächsten Abstimmung unserer Aktivitäten.«

Oberkommissar Küster und seine Kollegin nickten und verließen den Raum.

Vollmers nahm Kontakt zur Pressestelle auf.

»Gut, dass du dich meldest«, sagte Sven Kayssen, der zuständige Beamte, am anderen Ende der Leitung. »Der Mord ist der Aufhänger in den regionalen Rundfunknachrichten. Irgendwie ist es durchgesickert, dass ein argentinischer Offizier erstochen wurde. Gottlob war es für die Zeitungen schon zu spät. Lediglich für eine kleine Notiz im Lokalteil der regionalen Presse hat es noch gereicht. Die großen Blätter mit dem täglichen Blutbad auf der Titelseite laufen mir die Bude ein. Und selbst die Nachrichtenredaktion des Schleswig-Holstein-Magazins vom NDR ist schon vorstellig geworden.«

Vollmers berichtete von dem Wenigen, was sie bisher zusammengetragen hatten, und bat gleichzeitig um Unterstützung bei Hinweisen zur Tatwaffe.

»Ingo Küster kommt gerade zur Tür herein«, kam es durchs Telefon. »Ich werde alles in gewohnter Weise veranlassen.«

Die Zwischenzeit hatte Frank Horstmann genutzt, um das Konsulat zu benachrichtigen und die Daten des Opfers durchzugeben. Er notierte sich den Namen seines Gesprächspartners und bat um Rückruf, falls der argentinischen Vertretung noch weitere sachdienliche Hinweise einfallen sollten, da José Hernandez dem Mitarbeiter des Konsulats namentlich nicht bekannt war.

Danach fuhren Vollmers und Horstmann mit einem Dienst-Golf zur Werft. Über die Stadtautobahn, den Theodor-Heuss-Ring, umkurvten sie großzügig das Stadtzentrum, das westlich des »Kieler Hafens« liegt, der nichts anderes als der Wurmfortsatz der Kieler Förde ist. Hinter der Eisenbahnüberführung bogen sie in den Ostring ein, um sich dann auf nur Eingeweihten vertrauten Wegen zur Werftstraße durchzuschlängeln. Diese trennt das riesige Areal der Werft vom alten Arbeiterviertel Gaarden. Die Werft selbst nimmt große Teile des Ostufers der Innenförde ein.

Am Eingang zu HDW wurden sie vom Sicherheitsdienst angehalten. Auch ihre Dienstausweise ließen die Männer in den Uniformen unbeeindruckt. So mussten sie eine geschlagene halbe Stunde warten, bis sie von einem Herrn Böttcher abgeholt und zu einem der über das gesamte Areal verstreuten Verwaltungsgebäude geleitet wurden.

»Ich bin von der Security«, erklärte der Mann mit seiner silbernen Brille, der eher wie ein braver Buchhalter aussah. In seinem schlichten Büro ließ er sich noch einmal die Dienstausweise der beiden Beamten zeigen und studierte sie ausführlich. Danach erklärte ihm Vollmers, weshalb die Kripo hier war.

»Hernandez, sagten Sie?« Böttcher zog die Tastatur seines Rechners zu sich heran. Er ließ vier Finger über die Buchstabenreihen huschen und sah dann über den Schreibtisch seine Besucher an. »Davon haben wir mehrere.«

»José Felipe Hernandez. Aus Argentinien«, sagte Vollmers.

Erneut gab Böttcher etwas ein. »Aha! Hier haben wir ihn. Der hat einen Besucherausweis für einen Großteil unseres Geländes. Der Ausweis wurde vor knapp drei Monaten ausgestellt. Interessant«, murmelte der Mann.

»Was ist so bemerkenswert daran?«

»Commodore Hernandez ist sogar berechtigt, gewisse Sicherheitsbereiche zu betreten. Ich glaube, Sie sollten mit Dr. Vollquardsen sprechen.«

»Wer ist das?«, fragte Vollmers.

Herr Böttcher sah ihn an, als könne er so viel Unwissenheit nicht verstehen. »Das ist der Bereichsleiter für den Sonderschiffbau.«

»Was verstehen Sie unter Sonderschiffen?«

»Das sind Marineschiffe. Bei uns in Kiel sind das überwiegend U-Boote.«

Dann griff Böttcher zum Hörer, überlegte einen Moment, um sich schließlich doch noch einmal dem Computer zuzuwenden.

»Hatte ich doch Recht«, murmelte er. »Die Durchwahl stimmt.«

Es dauerte eine Weile, bis er einen Gesprächspartner an der Leitung hatte. »Ich habe hier Besuch für Dr. Vollquardsen«, sprach er in den Hörer.

Nachdem er eine Weile gelauscht hatte, deckte er die Muschel ab und sah die beiden Beamten an. »Ich höre, der hat diese Woche keine Zeit. Er ist mit Terminen eingedeckt.«

»Der wird schon Zeit für uns finden«, ereiferte sich Horstmann. »Sagen Sie, sonst bitten wir ihn in die Polizeidienststelle.«

Böttcher wiederholte seinem unsichtbaren Gesprächspartner Horstmanns Drohung. Dann wandte er sich wieder an die beiden Polizisten. »Reicht eine halbe Stunde?«

»Das hängt nicht von uns ab«, erwiderte Vollmers.

»Können Sie die Herren bei mir abholen lassen?«, fragte Böttcher in den Hörer. Offenbar wurde ihm von der anderen Seite deutlich gemacht, wie die Hierarchien auf der Werft verteilt waren. »Gut«, seufzte er. »Ich bringe sie zu Ihnen.«

Er stand auf. »Folgen Sie mir bitte.«

*

Gut versteckt zwischen einem Wohngebiet mit engen Siedlungshäusern, einem Gewerbegebiet und der hinter einer Lärmschutzmauer unsichtbaren Stadtautobahn, westlich des Zentrums, dort wo die Gemeinde Kronshagen wie ein Finger in das Stadtgebiet hineinragt und Kiel eine Art Taille verpasst, liegt das Polizeizentrum Eichhof. Auf diesem rundum bebauten Areal, das nur durch einen mehr als unauffälligen Eingang mit einem tristen Wachcontainer und den die Nachbarhäuser überragenden Antennenanlagen als Sicherheitsbereich erkennbar ist, befindet sich auch das Landeskriminalamt.

Das Büro von Jochen Nathusius war größer als die benachbarten Räume. Die Ausstattung verriet dem Eingeweihten, dass er zu den höheren Beamten des Landeskriminalamtes gehörte.

Der Kriminaldirektor war Leiter der Abteilung 300, des Polizeilichen Staatsschutzes. Auf den ersten Blick hätte niemand in dem mittelgroßen Endvierziger mit den rotblonden Haaren und dem runden Gesicht mit den zahlreichen Sommersprossen den brillanten Analytiker vermutet, der als intimer Kenner der politischen Szene galt.

Nathusius sah auf seine Frau Beatrice, die ihm, in einen silbernen Rahmen gefasst, vom Schreibtisch zulächelte. Dann wanderte sein Blick zurück zu dem großen Blonden mit dem verwuschelten, leicht ungekämmt wirkenden Haar, der ihm gegenübersaß.

Kriminalrat Lüder Lüders war einer seiner wichtigsten Mitarbeiter. Nathusius sträubte sich gegen klischeehafte Begriffe wie »mein bester Mann«, aber er wusste, dass Lüders sicher zu den Aktivposten der Abteilung gehörte, auch wenn der Umgang mit ihm nicht immer ganz einfach war.

»Mehr als diese kurze Information habe ich auch nicht«, erklärte Nathusius in seiner sehr bedächtigen Sprechweise und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Der Staatsanwalt wollte schon vor einer viertel Stunde hier sein.«

In diesem Moment klopfte es, und Kremer steckte seinen Kopf zur Tür herein.

»Ich bitte um Entschuldigung, aber ich wurde noch aufgehalten.« Er steuerte den zweiten Besucherstuhl vor dem Schreibtisch des Kriminaldirektors an. Dann trug er die bisherigen Ergebnisse vor. »Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand halte ich es für überlegenswert, Ihre Abteilung die Ermittlungen begleiten zu lassen. Noch wissen wir nicht, ob sich hinter dem Mord Motive verbergen, die im persönlichen Umfeld des Opfers zu suchen sind, oder ob es Verbindungen zu seinem offiziellen Aufenthalt in Deutschland gibt.«

»Was hat Hernandez nach Kiel geführt?«, fragte Nathusius.

An dieser Stelle musste Kremer passen. »Wir wissen bisher nur, dass er einen Besucherausweis für die Werft hatte. Details dazu eruiert derzeit die Mordkommission.«

»Das sind sehr vage Verdachtsmomente.« Der Kriminaldirektor lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. »HDW baut Kriegsschiffe für die halbe Welt. Das ist allgemein bekannt. Aus unserer Sicht gibt es wenig Anlass, bei Argentinien spontan an politische Hintergründe zu denken. Abgesehen von wirtschaftlichen Problemen und sicher noch offenen Fragen zur Aufarbeitung der Diktatur sehe ich wenige Ansatzpunkte für politisch motivierte Gewaltanwendungen. Diese beiden Probleme des Landes sind weit entfernt von Kiel. Einzig die Spannungen zwischen Argentinien und dem Iran wegen des Vorwurfs, die Iraner wären Urheber des Bombenanschlags auf die jüdische Synagoge von Buenos Aires, fallen mir im Moment ein«, meinte Nathusius und stellte damit sein fundiertes Wissen unter Beweis. »Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die politischen Spannungen mit Chile und Bolivien über die Energieversorgung zum Anschlag auf einen argentinischen Militär hier bei uns geführt haben sollen.«

»Es geht uns auch darum, gegen Vorwürfe jeglicher Art gewappnet zu sein, wir hätten dem Mord an einem ausländischen Militär nicht hinreichend Aufmerksamkeit geschenkt«, hielt Kremer dagegen. »Ich würde es für sinnvoll erachten, wenn einer Ihrer Leute – zumindest vorübergehend – die Arbeit der Mordkommission unterstützen würde.«

»Wie denken Sie darüber, Lüders«, wandte sich Nathusius an seinen Mitarbeiter, der den bisherigen Ausführungen der beiden anderen schweigend gefolgt war.

Der Kriminalrat legte die Finger wie zum Gebet zusammen und spitzte den Mund.

»Als Beamter habe ich dem Staat meine Seele verkauft. Und meine Zeit.«

Der Kriminaldirektor lächelte mild. Er kannte Lüders und wusste, dass es manchmal schwierig war, dem kantigen Mann eine klare Antwort zu entlocken.

»Gut«, entschied er. »Hören Sie sich die Sache einmal an und erstatten Sie mir morgen früh Bericht, wie sich der Fall entwickelt hat.«

»Willkommen an Bord«, begrüßte Kremer das neue Mitglied im Ermittlungsteam.

»Hoffentlich bleibt das Fahrwasser ruhig, wenn ich mitfahren muss. Ich bin zwar seefest, kann es aber nicht gut leiden, wenn andere Mitsegler ständig am Spucken sind, weil sich der Törn zunehmend in raue See begibt«, kommentierte Lüder Lüders sein neues Engagement.

*

Böttcher, der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, hatte die beiden Kripobeamten über das Werftgelände geführt.

Wer noch nie einen großen Schiffbaubetrieb von innen gesehen hat, ist erstaunt über das scheinbare Durcheinander. Es herrschte eine hektische Betriebsamkeit wie in einem Ameisenhaufen: Lkws, Gabelstapler mit quer stehenden Lasten, andere Flurförderfahrzeuge, dazwischen jede Menge Menschen.

Die Arbeiter, erkennbar an ihrer grauen Kluft und den gelben Schutzhelmen, traten fast immer in Rudeln auf. Sie schleppten ihre persönlichen Gegenstände, aber auch die Werkzeuge, in groben Zampelbüdel mit sich herum. Wer sich an der zentralen Materialausgabe ein Werkzeug auf seinen Namen besorgt hatte, achtete darauf, dass er es nicht aus den Augen verlor. Es war sonst unwiederbringlich verschwunden, und der Mann musste persönlich für den Verlust einstehen.

Zwischen diesem Gewimmel huschten Angestellte und Techniker über das Gelände, die es gewohnt waren, von einer entgegenkommenden Arbeiterkolonne mit Schmähungen begrüßt zu werden. Gemeinhin lachten alle über die derben Scherze. Auch die wenigen Frauen, die sich in das Gewimmel stürzten, sahen über die Verbalattacken hinweg, wussten sie doch, dass sich außer einem Bellen nichts weiter dahinter verbarg.

Vollmers staunte besonders über die Stapel von Stahlplatten, die im Freigelände lagerten und mit ihrem Rostüberzug für den Laien wie Schrott aussahen. Ein Außenstehender würde nie verstehen, wie die Fachleute in diesem Tohuwabohu jederzeit die richtige Stahlplatte in exakt den vorgegebenen Ausmaßen wiederfinden konnten.

Böttcher begleitete sie in ein Gebäude, dessen Eingang von einem uniformierten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes bewacht wurde. Sie mussten ihre Ausweise ein weiteres Mal vorlegen und sich eintragen lassen.

Von dem Flur ging eine Tür ab, deren Türschild auf ihren nächsten Gesprächspartner hinwies: »Dr. Ing. Sönke Vollquardsen, Bereichsleitung Marinetechnik« war dort zu lesen.

Böttcher klopfte an der Tür des benachbarten Büros und trat ein. Er wirkte fast schüchtern, als er sich an die ältere der beiden dort arbeitenden Frauen wandte.

»Ich habe eben mit Ihnen telefoniert. Hier sind zwei Herren von der Polizei, die mit Herrn Dr. Vollquardsen sprechen möchten.«

Die dezent geschminkte Mittfünfzigerin mit den brünetten Haaren und einer langen Perlenkette über der cremefarbenen Bluse sah auf.

»Ich weiß Bescheid«, sagte sie. »Nehmen Sie bitte Platz. Herr Dr. Vollquardsen ist noch im Gespräch.« Dabei wies sie auf eine kleine Sitzgruppe in der Ecke des Raumes. »Möchten Sie einen Kaffee?«

»Gern, wenn es keine Umstände bereitet«, antwortete Vollmers. Die Frau warf ihrer Kollegin, einer blassen Angestellten, die sich hinter einem Bildschirm versteckt hatte, einen Blick zu. Die Jüngere verstand auch ohne Worte, dass es ihre Aufgabe war, diese Dienstleistung zu verrichten.

Die beiden Beamten nahmen Platz. Auch Böttcher wollte sich hinsetzen, als die Brünette mit schneidender Stimme entschied: »Ich glaube, Ihre Anwesenheit ist bei diesem Gespräch nicht erforderlich.«

Der Mann vom Sicherheitsdienst verharrte für den Bruchteil einer Sekunde in der hockenden Stellung, richtete sich dann wieder auf und ging zur Tür. »Wenn Sie mich noch benötigen, können Sie mich jederzeit ansprechen.« Dann verschwand er in den Flur.

Der Kaffee war heiß und gut und wurde stilvollendet auf einem kleinen Tablett serviert. Nicht einmal der Begleitkeks fehlte.

Es dauerte noch zwanzig Minuten, bis die Brünette aufstand, ohne dass Vollmers und Horstmann mitbekommen hatten, in welcher Weise sie eine Nachricht erhalten hatte.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden«, bat sie und ging zu einer Tür, die ins benachbarte Büro führte.

Hinter einem fast leeren Schreibtisch aus Chrom und Glas thronte der verantwortliche Manager. Dr. Vollquardsen trug einen blauen Anzug mit dezenten Nadelstreifen. Das blütenweiße Hemd mit der elegant wirkenden Krawatte, die akkurate Bügelfalte, handgenähte Schuhe und die leicht gelblich getönte randlose Brille vervollständigten das Bild des Managers, der sich allein durch seine äußere Erscheinung seiner Wirkung auf andere bewusst ist.

Er war höchstens Anfang vierzig und hatte sich eine jugendliche Ausstrahlung bewahrt. Dr. Vollquardsen stand auf, kam den beiden Polizisten entgegen und reichte ihnen die manikürte Hand. Einzig der Kaiser-Wilhelm-Bart passte nicht ganz zur Erscheinung des Mannes.

»Nehmen Sie Platz.« Er lud die beiden mit einer Handbewegung ein und zeigte auf eine tiefe Ledersitzgruppe. »Kaffee?«

»Danke, wir hatten schon«, sagte Vollmers.

»Was ist der Grund Ihres Besuchs?«, fragte der Manager und sah auf seine Armbanduhr. »Ich habe in thirty minutes das nächste Meeting. Ich hoffe, es ist time enough.«

»Wir ermitteln in einem Mordfall. Gestern Abend wurde José Felipe Hernandez erstochen.« Vollmers führte in kurzen Zügen aus, was sie bisher wussten.

»What a pity«, kommentierte Dr. Vollquardsen. »Das ist schlimm. Der Commodore ist vom Customer-Management. Er hat das Leadership der Auftraggeber und ist für uns absoluter Key-People.«

Horstmann beugte sich in seinem Ledersessel ein wenig vor.

»Sorry, aber können wir vielleicht Deutsch miteinander sprechen?«

Dr. Vollquardsen strafte den Oberkommissar mit einem bösen Blick.

»Im Zeitalter der Globalisierung sollten wir uns alle bemühen, universell zu denken.« Er brachte es fertig, in seine Stimme gleichzeitig einen leicht spöttischen und einen belehrenden Unterton zu mischen. »Also, Commodore Hernandez ist der Bevollmächtigte unseres Auftraggebers. Wir bauen derzeit vier Unterseeboote für die argentinische Marine. Zwei werden hier in Kiel gefertigt, die anderen beiden in La Plata.«

»Das ist in Argentinien?«, wollte Vollmers wissen.

Der Manager sah ihn an, als wäre er ein kleines Kind, das seine ersten dummen Fragen stellt.

»Natürlich. La Plata ist eine bedeutende Hafenstadt mit über einer halben Million Einwohnern am Rio de la Plata, dem Silberfluss. Dort befinden sich die Marineakademie und das Marinearsenal, ebenso die Werft, die die beiden anderen Boote baut.«

»Das verstehe ich nicht«, warf Horstmann ein. »Wo werden die Schiffe denn nun hergestellt?«

Vollquardsen warf dem Oberkommissar einen abschätzenden Blick zu, der besagte, dass er ihn nicht als adäquaten Gesprächspartner einstufte.

»Das ist doch ganz einfach. Wie ich schon erklärte. Vier Boote sind bestellt.« Dabei streckte er vier Finger seiner linken Hand in die Luft. »Zwei bauen wir schlüsselfertig auf unserer Werft. Für die anderen beiden liefern wir die Pläne und das Material.«

»Das bedeutet, Sie geben die Pläne aus der Hand?«

»Natürlich. Allein für die Bedienung eines so komplexen Waffensystems müssen sie dem Betreiber umfangreiche technische Instruktionen an die Hand geben. Wir haben Partnerschaften rund um den Globus, nicht nur mit der argentinischen Marine.«

»Und das Material liefern Sie auch?«

»Ja. Es ist eine außergewöhnliche Herausforderung an Planung und Logistik, das richtige Material zur rechten Zeit vor Ort zu haben. Sonst drohen uns hohe Konventionalstrafen. Zu solchen Leistungen sind nur ganz wenige Unternehmen auf der Welt in der Lage. Und wir gehören mit unserer Technologie zur absoluten Spitze.«

Der Mann zeigte jetzt deutlich Stolz auf das System, an dessen Funktionieren er entscheidend beteiligt war.

»Und welche Position hatte nun José Hernandez inne?«

Dr. Vollquardsen lehnte sich zurück und musterte die beiden Polizisten eine Weile.

»Der Commodore hat den Baufortschritt begutachtet und abgenommen, das Qualitätsmanagement beaufsichtigt und sich mit der Technik der Boote vertraut gemacht. Er ist … war ein exzellenter Marinefachmann und trägt … trug in seiner Heimat Verantwortung an maßgeblicher Stelle. Wir haben ihm zudem Kontakte zur deutschen Marine vermittelt. Was dort besprochen wurde, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.«

»Welche Bedeutung hat es jetzt für Sie, dass Hernandez tot ist?«, fragte Vollmers.

Dr. Vollquardsen atmete hörbar aus.

»Das Ereignis des gestrigen Abends ist ein schwerer Schlag für uns. Nur mit der Unterschrift des Commodore erhalten wir die Zahlungen für den Baufortschritt. Ich sehe da Probleme auf uns zukommen. Die Zusammenarbeit mit Hernandez war hervorragend.«

»War er denn alleine hier in Kiel?«

Der Manager schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Sein Vertreter ist Kapitänleutnant Heimberger. Aber der wurde vom Commodore an der kurzen Leine geführt. Heimberger hat weder das Format noch das Wissen, mit dem Hernandez seine Aufgabe erledigte. Abgesehen davon sind ihm auch nicht die Kompetenzen zugewiesen, die der Commodore hatte.«

Dr. Vollquardsen sah auf seine Uhr. »Das nächste Meeting wartet auf mich.« Dann sah er Horstmann an. »Ich muss zuvor noch zu einem Briefing. Ich bin Member eines Steering-Committees. Da kann ich nicht zu spät erscheinen.«

»Können Sie uns etwas zum privaten Umgang von Hernandez hier in Kiel sagen? Schließlich hatte der Mann bei allem Eifer auch freie Zeit.«

Vollquardsen war aufgestanden und hatte sich zu seinem Schreibtisch begeben. Er kramte in Unterlagen, die auf dem Sideboard lagen, und nahm eine lederne Mappe zur Hand. Er hob leicht den Kopf, als er antwortete: »Darüber vermag ich nichts zu sagen. Über den privaten Umgang unserer Kunden weiß ich nichts.«

Damit waren die beiden Beamten entlassen.

»Komisch«, merkte Horstmann beim Rückweg zu ihrem Auto an. »Der Bursche hat nicht eine Silbe des Bedauerns über den Tod eines Menschen geäußert, kein Zeichen von Mitgefühl für die Angehörigen. Auch hat er sich nicht nach Einzelheiten zum Mord erkundigt. Einen so auf sich selbst bezogenen Menschen sieht man selten.«

»Da magst du Recht haben. Aber nur auf diese Weise gelangt man in die Spitzenpositionen. Wenn du deine Zeit damit verschwendest, an Dritte zu denken, kannst du kaum Karriere machen.«

*

Die Bezirkskriminalinspektion war im altehrwürdigen Gebäude in der Blumenstraße untergebracht. Mit dem Türmchen und den beiden markanten Spitzgiebeln diente dieses denkmalgeschützte Haus seit Generationen der Polizei als Standort.

Es war kurz vor ein Uhr. Im Besprechungsraum hatten sich die Mitglieder des K1 zusammengefunden; kurz darauf erschien Staatsanwalt Kremer.

»Wir erhalten Verstärkung vom LKA«, erklärte er. »Kriminalrat Lüders vom Staatsschutz wird zu uns stoßen.«

»Staatsschutz?«, fragte Oberkommissar Horstmann. »Ein Schlapphut?«

»Nein«, sagte Kremer lachend. »Herr Lüders ist nicht vom Verfassungsschutz, sondern vom Polizeilichen Staatsschutz. Er soll …«

Der Staatsanwalt wurde unterbrochen, weil Lüder Lüders seinen Kopf zur Tür hereinstreckte. Er erkannte Kremer und trat ein.

»Lüders«, stellte er sich vor und gab Babs Scholtz, dann den Männern der Mordkommission die Hand.

»Kriminalrat Lüders?«, fragte Horstmann.

Lüder lachte. »Richtiger ist: Polizist Lüders. Ich glaube, ich wäre der Erste in Schleswig-Holstein, der außerhalb der Grundausbildung mit dem Dienstgrad angesprochen wird. Heute bin ich aber eher ›Zuhörer Lüders‹. Ich will einfach nur Ihren Ausführungen lauschen. Alles Weitere sehen wir dann.«

Kremer gab Vollmers ein Zeichen, damit dieser mit seinen Ausführungen beginnen konnte. Der Hauptkommissar berichtete vom Besuch auf der Werft und blickte dann Küster an.