GROSSE
GESCHICHTEN
VOM KLEINEN
VOLK
Mit Illustrationen von Jürgen Speh
BASTEI ENTERTAINMENT
Die Kurzgeschichten dieses E-Books erschienen erstmals in dem in der Bastei Lübbe AG veröffentlichten Erzählband »Große Geschichten vom kleinen Volk«, herausgegeben von Ruggero Leò
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Originalausgabe
Copyright © 2012 by Bastei Lübbe AG, Köln
Redaktion: Julia Abrahams, Dr. Frank Weinreich, Ruggero Leò
Lektorat: Ruggero Leò
Illustrationen im Innenteil: Jürgen »Geier« Speh
Titelillustration und Covergestaltung: Guter Punkt GmbH & Co. KG, München
Datenkonvertierung E-Book:
Urban SatzKonzept, Düsseldorf
ISBN 978-3-8387-2241-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Gesa Schwartz
IN DEN SCHATTEN
Christoph Hardebusch
WENN EINER EINE REISE TUT
Linda Budinger
DER STEINERNE FLUCH
AUTORENBIOGRAPHIEN
Der Himmel über der Weißen Klippe stand in flammenden Farben. Donnernd schoben sich die Wolken ineinander, der Sturm peitschte das Meer auf und trieb Regenschleier über das Land, und immer wieder zuckten grelle Blitze durch die Nacht, als wollten sie die Welt wie eine Leinwand auseinanderreißen. Es war ein Wetter zum Davonlaufen, ein Wetter, das sämtliche Halblinge des Dorfes in ihren Häusern hielt und sie dazu brachte, sich am Morgen noch zweimal umzudrehen, ehe sie auch nur einen großen Zeh vor die Tür setzten – und es war genau das richtige Wetter für Rima, um eingewickelt in ihren Mantel auf dem Findling der Klippe zu sitzen und das Schauspiel mit einer Mischung aus Furcht und Faszination zu beobachten.
Für gewöhnlich war das Wetter im Kleinen Tal gemäßigt wie die Wesen, die in diesem Landstrich lebten, doch nun lag eine seltsame Anspannung in der Luft, ein dumpfes Grollen, das tiefer war als das Wüten des Unwetters und das die Schatten zwischen den Felsen und den Bäumen des Nachtwaldes dunkler färbte. Rima schien jeder Blitz wie eine Ankündigung von etwas Anderem zu sein, für das sie noch keine Worte hatte, und sie knetete in unbestimmter Vorfreude ihre Finger. Eigentlich sollte sie in diesen Augenblicken in der Backstube ihres Onkels stehen und ihm ohne jegliches Talent dabei helfen, winzige Kringel, Törtchen und Laugenbrezeln zu backen, aber das Gewitter tauchte die Welt in Feuerfarben, und spätestens als Elmsfeuer die spitzen Felsen der Klippe ergriffen hatten und der Himmel von einem purpurfarbenen Blitz zerrissen worden war, hatte sie nichts mehr in der Stube gehalten. So schnell sie konnte, hatte sie das Dorf hinter sich gelassen und war den steilen Klippenpfad hinaufgeeilt. Da saß sie nun und sah den Wolken zu, deren groteske Formen Ungeheuer aus lang vergangener Zeit heraufbeschworen und die mit ihrem Donner den Boden zum Beben brachten, als wohnten Trolle im Inneren der Klippe. Rima hatte die Stollen der Alten Zwergenmine gegen jedes Verbot ihres Onkels oft genug durchstreift, um zu wissen, dass es dort unten nichts mehr gab, nur noch Fledermäuse und Rattendreck. Aber in Momenten wie diesen gab sie sich dem Gedanken hin, wie es wohl wäre, wenn es all jene Wesen noch gäbe, die sie nur aus Geschichten kannte, weil sie die Bekannte Welt vor langer Zeit verlassen hatten. Ein Wetter wie dieses würde ihr Kommen ankündigen, daran zweifelte sie nicht, und sie musste lächeln, als die Stimme ihres Vaters in ihr widerklang.
Man kann nie wissen, was sich in den Schatten verbirgt, hatte er immer gesagt und auf diese rätselhafte Art gelächelt, die er sich während seiner Reisen angeeignet hatte. Vielleicht war es nicht nur die Trauer um seine Frau, sondern auch die Neugier auf die Dunkelheit gewesen, die ihn zu dem Abenteurer gemacht hatte, der er geworden war. Er hatte viele Wunder darin gefunden, und er hatte die uralte Magie noch gefühlt, die einst alles durchdrungen haben sollte, lange vor Rimas Geburt. Von seinem Volk misstrauisch beäugt, war er nie müde geworden, seiner Tochter von seinen Erlebnissen zu erzählen, und sie hatte nie genug davon bekommen können, ihm zuzuhören. Nachdenklich strich sie über den rauen Stein des Findlings. Ihr Vater hatte dieses Wetter geliebt. Früher hatten sie oft gemeinsam an diesem Ort gesessen und dem Wolkenspiel zugeschaut – früher, als sie noch klein gewesen war, und später war er häufig allein hierherauf gekommen, umtost von Donner und Sturm. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie verloren sein silberner Ring auf diesem Felsen gewirkt hatte, glimmend wie ein Abschiedswort in der Dämmerung, das er für sie zurückgelassen hatte. Es war ein Wetter wie dieses gewesen in jener Nacht, in der er sie verlassen hatte.
Mittlerweile hatte der Donner nachgelassen. Grünes und safrangelbes Licht brachte die Wolken zum Leuchten, und Rima wandte den Blick nach Westen, dorthin, wo die Farben des Himmels am hellsten waren. Sie kannte alle Legenden über die Länder, die angeblich hinter dem Meer lagen, und obwohl sie nicht mehr daran glaubte, dass die Toten dort ihre letzte Ruhe fanden, überkam sie beim Blick zum Horizont doch immer der übermächtige Drang, über ihn hinausschauen zu wollen. Sie seufzte leise, denn sie sah das Gesicht ihres Onkels vor sich, dieses liebenswerten Halblings mit Kugelfigur, der sich nach dem Tod ihres Vaters aufopfernd um sie gekümmert hatte. Über ihre Abenteuerlust jedoch schüttelte er stets besorgt und verständnislos den Kopf. Kein anständiger Halbling hegte derartige Gedanken, und ein Mädchen schon gar nicht. Denn davon abgesehen, dass ihr Volk trotz einiger Ausnahmen nie eine Liebe für derartige Eskapaden entwickelt hatte, waren die Helden in den alten Geschichten immer Männer gewesen. Die Zeit der Abenteuer ist vorbei, hörte sie ihren Onkel sagen, und sie konnte nicht umhin, ihm zuzustimmen. Heutzutage waren das Aufregendste im Leben eines Halblings die bevorstehende Ernte, die Festlichkeiten zu allen möglichen Anlässen und die Besucher, die hin und wieder durch die Länder des Kleinen Volkes reisten und allerhand zu berichten wussten. Auch in dieser Nacht hatte sich ein Reisender angekündigt, ein Mensch aus dem Süden, der auf seinem Weg in die Hauptstadt am Rand des Nachtwaldes rasten wollte.
Als sich der Himmel zu dunklem Blau verfärbte, rutschte Rima vom Findling hinunter. Die Sonne würde bald aufgehen. Wenn sie noch länger hier herumsäße, würde sie in den nächsten Tagen nicht aus der Backstube kommen, so viel war sicher. Außerdem war sie neugierig auf den Fremden, der bald eintreffen würde und gewiss eine Menge aus der Welt zu erzählen hätte – jener Welt, die jenseits von Zimtkringeln und Mohnschnecken lag und wenig mit dem behaglichen Leben im Kleinen Tal zu tun hatte.
Der Regen hatte etwas nachgelassen, doch als Rima den Klippenweg hinunterlief und den Nachtwald erreichte, spürte sie die Tropfen wie winzige Nadelstiche auf der Haut. Der Sturm ließ die Blätter der Bäume rauschen, als hätten sich tausend Geister in ihnen verfangen. Rima schlang die Arme um den Körper, als sie den schmalen Pfad entlangging. Für gewöhnlich streunte sie gern in diesem Wald herum, kletterte auf die uralten Bäume und lauschte den Stimmen der Tiere, die in seinem Dickicht lebten. Vor einiger Zeit hatte sie sogar eine Frostkatze gesehen – beinahe so groß wie sie selbst war das Tier gewesen, und seine Augen hatten geleuchtet, als würde es im Inneren in Flammen stehen. Rima wusste, dass Frostkatzen gefährlich waren; oft genug hatte sie die Bilder zerrissener Halblingskörper in den Büchern ihres Onkels gesehen, Bilder aus Zeiten, in denen die Frostkatzen noch zahlreich gewesen waren. Und doch hatte sie angesichts dieser Kreatur keine Furcht empfunden. Regungslos hatten sie sich gegenseitig gemustert, dann waren sie ihrer Wege gezogen, als hätten sie ohne jedes Wort einen heimlichen Pakt geschlossen. Nein, Rima hatte sich noch nie gefürchtet zwischen den Bäumen des Nachtwaldes … doch nun, da sich der Himmel unheilschwanger über den Wipfeln abzeichnete und das Wetterleuchten flackernde Schattenspiele auf den Boden malte, setzte sich Anspannung in ihrem Nacken fest. Sie hörte noch immer das dumpfe Grollen, das wie das Stöhnen gewaltiger Gebirge klang, und sie sah die Schatten im Unterholz auflodern wie schwarze Flammen. Nach wie vor pochte eine wilde und kindliche Neugier in ihren Schläfen, aber sie fühlte auch die Kälte, die plötzlich über den Waldboden auf sie zustrich, und zog sich den Mantel enger um den Leib. Verflucht, sie war doch kein kleines Kind mehr. Auf dem Hinweg war sie auch durch diesen Wald gegangen, warum verspürte sie auf einmal so etwas wie … Angst? Sie unterbrach ihren Gedanken, als die Schatten zwischen den Bäumen zu wispern begannen. Ein kaum hörbares, raunendes Flüstern war es, das die Luft durchdrang. Rima beschleunigte die Schritte, doch ihr Blick hing an den Schatten, die wie lebendige Wesen aufflammten und sich zu Gestalten verformten, zu Chimären mit mehreren Köpfen, zu klauenbewehrten Hexenmeistern und zu Menschen, deren Körper wie die Glieder eines Scherenschnittes auseinanderrissen und zu tanzen begannen. Rima starrte auf die lockende Hand einer hochgewachsenen Frau in wallenden Gewändern, und die Zeilen alter Kindergeschichten schossen ihr durch den Kopf. Weiche vom Wege nicht, raunte es um sie herum, ehe sie den Blick gewaltsam von der Gestalt losriss. Entschlossen grub sie die Fingernägel in ihre Handflächen und fixierte den Weg unmittelbar vor ihr. Sie musste sich zusammenreißen. Schlimm genug, dass sie durch ihre ausufernde Fantasie Dinge sah, die es gar nicht gab, doch sie durfte nicht auch noch wegen ihrer eigenen Hirngespinste in Panik verfallen. Sie würde …
Die Schreie setzten so plötzlich ein, dass sie zusammenfuhr. Sie klangen wie Kinderstimmen, Panik lag in jedem Ton, doch als Rima innehielt und lauschte, trieb der Wind die Schreie durch die Luft wie aufgewirbelte Blätter, sodass sie von überall zugleich zu kommen schienen. Sofort schlug ihr Herz schneller. Bilder flammten in ihr auf: Sie sah ihren Onkel vor sich, ihre Cousinen und ihre Tante, sie sah die Kinder des Dorfes, wie sie angsterfüllt durch die Gassen liefen. Rima begann zu rennen. Selten zuvor hatte sie Bilder im Kopf gehabt, die ihr so unwirklich erschienen waren wie diese, aber sie hörte die Schreie durch die Nacht hallen, und wenngleich sie nicht verstehen konnte, ob sie von Worten begleitet wurden, nahm sie doch die Hilflosigkeit wahr, die in jedem Ton mitschwang – die dunkle, verzweifelte Stimme der Todesfurcht.
Mit aller Macht kämpfte sie die Panik nieder, die ihr die Schreie zu Geisterstimmen verzerrte. Sie sah graue Gestalten mit zerfransten Leibern über sich hinwegfliegen, deren Finger mit jedem kühlen Windstoß über ihre Wangen strichen, und sie schaffte es nicht, die Gesichter ihrer Familie aus ihren Gedanken zu vertreiben. Ihre Cousinen waren noch klein, drei und fünf Jahre alt, braungelockt wie ihr Onkel, und sie besaßen die blauen Augen ihrer Tante. Wenn sie lachten, lief Rima ein Schauer über den Rücken, so hell und warm klang dieser Ton. Sie kamen zu ihr, wenn sie schlecht geträumt hatten, sie lachten und weinten mit ihr, sie liebten sie wie eine Schwester. Rima spürte die Schreie wie Messerschnitte in ihrem Fleisch und schrak umso heftiger zusammen, als plötzlich jedes Geräusch verstummte.
Die Stille war so vollkommen, dass sie nur noch den eigenen Atem hörte – und das gierige Wittern im Dickicht direkt vor ihr. Irgendetwas hockte dort in der Dunkelheit und sog ihren Duft ein, etwas Großes, das Hunger hatte. Rima schien es, als zöge eine unsichtbare Schlinge sie näher zu den Schatten; fast meinte sie, eine tastende Klaue an ihrer Kehle zu spüren. Der Boden erbebte unter einem tiefen Grollen. Dann brach etwas durch die Bäume und hielt geradewegs auf Rima zu.
Atemlos wirbelte sie herum und rannte los. Sie sah kaum, wohin sie lief, sie war so schnell, dass die Zweige der Bäume peitschengleich über ihre Wangen schlugen, aber der Leib ihres Verfolgers preschte gewaltsam durch das Unterholz und kam immer näher. Geifernd sog er die Luft ein, glühend strich sein Atem über ihren Nacken. Etwas Höhnisches lag darin, etwas, das Rima wie ein Schlag traf. Gleichzeitig wurde der Boden unter ihr weich. Sie fühlte noch den Schreck, als sie erkannte, dass sie ins Moor gelaufen war – gehetzt von einer Bestie, die sie nicht sehen konnte. Dann verlor sie das Gleichgewicht und schlug auf dem Boden auf.
Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Wie von Ferne hörte sie ein Zischen über sich hinweggleiten, dicht gefolgt vom dumpfen Krachen schwerer Felsen. Sie atmete flach, irgendetwas in ihr flüsterte ihr zu, dass sie durch ihren Sturz entkommen sein könnte, dass ihr Verfolger über sie hinweggesprungen war, ohne sie zu bemerken. Doch gleich darauf spürte sie Kälte, die von hinten auf sie zukroch und lautlos ihre Beine emporwanderte. Rima schauderte, so eisig war die Berührung. Sie drehte sich auf den Rücken. Verflucht, sie wollte sehen, womit sie es zu tun hatte, wenn sie ihm schon zu Füßen liegen musste!
Rima kniff die Augen zusammen, aber alles, was sie sah, war Dunkelheit. Sie wollte sich schon abwenden, als eine Bewegung durch die Schatten ging, ein kaum merkliches Flackern, und doch fühlte sie instinktiv, dass sie noch nie zuvor in eine tiefere Finsternis als diese geblickt hatte. Im selben Moment erreichte die Kälte ihren Brustkorb und erschwerte ihr das Atmen. Keuchend schaute sie zu der Dunkelheit auf, die sich über ihr aufbäumte, und sie spürte einen Blick auf sich, ohne selbst auch nur das Geringste erkennen zu können.
Dieser Blick durchdrang jede Finsternis und jede Kälte, er glitt in sie hinein wie ein Schwerthieb, bohrte sich durch Fleisch und Sehnen, brach in ihre Gedanken ein, in ihre Erinnerungen, in ihr innerstes Wesen. Jäh sog sie die Luft ein, doch auch sie war eiskalt geworden, und gerade in dem Moment, als die Panik sie überkam, schoben sich die Schatten vor ihr auseinander. Kurz schien es ihr, als sähe sie das Schlagen eines mächtigen Schwingenpaares in der Dunkelheit, und ein Name formte sich tief in ihrem Inneren, ein Name, der vielleicht vom Blick dieser Finsternis erst in sie gepflanzt worden war und den sie nicht begreifen konnte. Verzweifelt griff sie danach, aber er glitt ihr aus den Fingern und verschwand in den Schatten. Die Dunkelheit vor ihr jedoch blieb, ob sie ihr einen Namen geben konnte oder nicht, und als die Furcht ihre Klauen in Rimas Nacken grub, wusste sie, dass sie noch nie zuvor so große Angst gehabt hatte wie in diesem Moment. Sie fasste sich an die Kehle, da sie glaubte, angesichts dieser Finsternis ersticken zu müssen, doch der Schrei ihrer Furcht drang nicht über ihre Lippen. Er kam aus der Nacht, die vor ihr lag.
Mit gewaltigem Donnern brach er über sie herein, zerfetzte die Luft und ließ die Bäume tosen, und als er ihr ins Mark fuhr, riss sie den Blick von den Schatten los und warf sich herum. Es schien ihr, als wäre eine eiserne Klaue von ihrem Körper genommen worden. Überdeutlich nahm sie den Geruch des Moores wahr, sie hörte das Grollen hinter sich, aber ehe die Dunkelheit sie packen konnte, sprang sie auf die Beine. Sie würde sich nicht umbringen lassen, nicht von einem Haufen Schatten! Wie besessen rannte sie los, schlug einen Haken und sprang ungeachtet des Schmerzes durch einen Dornenbusch. Wie oft hatte sie sich vorgestellt, von Monstern verfolgt zu werden, als sie noch klein gewesen war – und war sie ihnen nicht immer entkommen? Vor ihrem geistigen Auge bäumte sich die Finsternis hinter ihr auf, doch je mächtiger die Kälte wurde, die ihr nachjagte, desto schneller wurde ihr Lauf. Sie eilte um die Bäume herum, duckte sich hinter Findlinge und sah endlich die Lichter des Dorfes durchs Unterholz schimmern. Schwer atmend sprang sie aus dem Dickicht des Waldes und fühlte gleich darauf den Schein der Fackeln auf ihrer Haut, die Schäfer Berrus am Rand seiner Weide zum Schutz seiner Tiere angebracht hatte. Erleichtert blinzelte sie gegen das Licht an und hob geblendet die Hand. Sie hörte Stimmen auf der anderen Seite der Koppel, erkannte Berrus unter ihnen und ihren Onkel und setzte sich in Bewegung. Es waren nicht die Kinder gewesen, die geschrien hatten, das wusste sie plötzlich, und sie beschleunigte die Schritte. Die anderen würden wissen, was geschehen war, sie hatten die Schreie sicher auch gehört, und vielleicht hatten sie sogar die Dunkelheit gesehen, die Rima noch immer zwischen den Bäumen spürte. Die Schatten blieben im Wald zurück, doch etwas darin schaute ihr nach, als ob …
Ein heftiger Widerstand riss ihr die Beine unter dem Körper weg. Sie stolperte über einen weichen, reglosen Gegenstand und landete mit erschrockenem Schrei im Gras. Sofort wurden die Stimmen der anderen lauter, sie riefen nach ihr. Rima richtete sich auf; benommen fuhr sie sich übers Gesicht und wollte gerade antworten, als sie den Geruch wahrnahm, der sie umgab. Bereits am Rand der Weide war er vorhanden gewesen, allerdings so flüchtig, dass sie ihn nicht weiter beachtet hatte. Jetzt aber roch sie den metallischen, süßlichen Duft mehr als deutlich. Sie fühlte verbrannte Erde und eine klebrige Flüssigkeit an ihren Fingern, und kaum hatte sie sich umgesehen und den Gegenstand betrachtet, über den sie gestürzt war, da stockte ihr der Atem.
Es handelte sich um ein Schaf, tot und gehäutet wie Schlachtvieh. Die Augen lagen wie gesprungenes Eis in den Höhlen, die Glieder waren halb verbrannt, und das Maul des Tieres stand offen, als würde es noch immer schreien – rasend vor Angst im Angesicht des Todes. Rima kam auf die Beine. Sie taumelte, als die Fackeln der herbeilaufenden Dörfler die Weide zusätzlich erhellten, und bemerkte erst jetzt, wie unwirklich still es war. Wie im Traum wandte sie den Blick und spürte, wie ihr vor Entsetzen das Blut aus dem Kopf wich. Um sie herum lagen die Leiber der anderen Schafe, glänzend im Licht des Feuers. Die verkohlte Erde war rot von ihrem Blut. Rima hob die Hand vor den Mund. Sie sah noch das Blut an ihren Fingern und fühlte, wie ihr Onkel nach ihrem Arm griff. Dann wurde ihr schwarz vor Augen, und sie wusste nichts mehr.
Die Ratslinde breitete ihre Äste als schützendes Dach über dem Marktplatz aus und warf ein Mosaik aus Licht und Schatten auf den steinernen Tisch des Ältestenrates. Abgesehen von Arok, dem Dorfvorsteher, hatten sich sämtliche Mitglieder bereits an seinem Rund versammelt. Rima saß dem Schäfer Berrus gegenüber, der sich leise mit einem der Ältesten unterhielt, und zeichnete mit dem Finger die Kerben nach, die vor langer Zeit in den Granit geschlagen worden waren. Das letzte Mal hatte sie vor diesem Tisch gestanden, als sie bei einem Ausflug ins Finstermoor erwischt worden war. Sie erinnerte sich noch gut an die strengen Mienen der Ältesten, doch heute war sie aus einem anderen Grund hier. Sie war als Zeugin geladen worden – als Zeugin von etwas, auf das sich niemand einen Reim machen konnte.
Sie schaute in die Runde. Wie immer bei derartigen Veranstaltungen war beinahe das gesamte Dorf auf den Marktplatz gekommen, doch während die Halblinge für gewöhnlich wie bei einem Picknick um den alten Baum herumsaßen, als wären die Versammlungen nichts weiter als Frühlingsfeste, auf denen man ausgiebig essen und trinken konnte und die den Alltag mit sorglosen Geschichten versüßten, sah Rima nun ihre eigene Anspannung auf den Gesichtern der anderen widergespiegelt. Trotzdem klang das Gemurmel, das über den Platz flog, warm und beinahe alltäglich, als wären die Halblinge unfähig, ihren Stimmen eine Klangfarbe wie Furcht zu verleihen. Einzig ihr Onkel saß schweigsam auf seinem Platz und schaute bekümmert zu ihr herüber. Sie hatte ihm nicht viel von dem erzählt, was im Wald geschehen war, aber wie so oft hatte ihm ein Blick genügt, um zu wissen, dass in ihrem Innersten Aufruhr herrschte. Er hatte sie den ganzen Tag nicht aus den Augen gelassen, hatte darauf bestanden, dass sie sich ausruhte und sich die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochzog, obwohl sie nicht einmal krank war, und als die Einladung zur Ratsversammlung gekommen war, hatte er sie zuerst nicht gehen lassen wollen. Doch sie hatte keine Wahl gehabt. Zu deutlich sah sie die Weide vor sich, auf der noch immer einzelne Kadaver in all dem Blut lagen, weil es gar nicht so einfach war, so viele tote Schafe auf einmal zu beseitigen. Und zu abstrus waren die Erklärungsversuche, die durch das Dorf geisterten, angefangen bei Wolfsangriffen über unerwartete Aggressionen innerhalb der Herde bis hin zu tollwütigen Eichhörnchen mit plötzlichem Appetit auf Schafsfleisch. Rima holte tief Luft, während sie den fast sorglosen Stimmen der Halblinge lauschte. Sie konnte es ihnen nicht verdenken. Niemand außer ihr selbst hatte in die Finsternis des Waldes geblickt. Niemand sonst war ihr so nah gekommen.
Ein widerwilliges Schnauben ließ sie aufschauen. Arok bahnte sich den Weg durch die Menge und setzte sich mit lautem Seufzen auf seinen Platz. Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer unzufriedenen Pampelmuse angenommen. Eigentlich war er ein fröhlicher Halbling mit einer Leidenschaft für Wein und gutes Essen, doch er verabscheute drei Dinge: unvorhergesehene Ereignisse, Versammlungen unter freiem Himmel bei Regen – zumindest, wenn er dabei nüchtern bleiben musste – und die Kochkünste seiner Frau. Zumindest der erste Punkt war bereits erfüllt, und wenn Rima die Wolken betrachtete, die schwer und unheilvoll so dicht über den Dächern hingen, als wollten sie darauf niederstürzen, dann rechnete sie fest damit, dass auch der zweite Punkt schon bald zutreffen würde. Sollte Arok dann noch genötigt werden, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein, würde es ein Donnerwetter geben, daran bestand kein Zweifel.
»So«, begann er, wie er jede Versammlung einleitete, und blinzelte mit finsterer Miene in die Runde. »Ihr wisst, wieso wir hier sind. Irgendetwas ist letzte Nacht passiert, Berrus hat all seine Schafe verloren, und das auf wahrhaft grausige Art und Weise. Es gibt wohl keinen hier, der die Tiere nicht schreien hörte. Einen solchen Vorfall gab es in der Geschichte unseres Dorfes noch nie.«
»Wäre ja auch noch schöner«, stellte Berrus fest und fuhr sich durchs Haar, woraufhin es in alle Himmelsrichtungen abstand. »Siebzehn Jahre bin ich nun Schäfer wie mein Vater vor mir und mein Großvater vor ihm und …« Er stockte, als sich Aroks Augenbrauen zu einer einzigen verbanden, und zuckte die Achseln. »Jedenfalls will ich wissen, was da passiert ist«, murmelte er kleinlaut.
»Deswegen sind wir hier«, erwiderte Arok, und die Ältesten nickten bedeutungsvoll. »Du hast deine Tiere kurz nach dem Verstummen der Schreie gefunden. Am besten erzählst du uns, wie sich das Ganze zugetragen hat.«
Berrus nickte. »Ich bin wie immer aus der Schenke gekommen, so gegen … na, es war jedenfalls ziemlich dunkel. Und dann hörte ich auf einmal das Geschrei. Ich wusste sofort, dass es die Schafe waren, aber ich habe sie noch nie auf diese Weise schreien gehört, selbst bei einer Schlachtung nicht. Ich habe die Beine in die Hand genommen und bin gerannt, was das Zeug hielt, aber als ich die Weide erreichte …« Abermals stockte er, und Rima bemerkte einen verräterischen Glanz in seinem Blick. Sie wusste, dass Berrus seine Tiere geliebt, jedes einzelne beim Namen gekannt hatte. Als er sich nun mit dem Ärmel über die Augen fuhr, als wäre ein Samenkorn hineingeraten, senkte sich bedrückte Stille über die Köpfe. »Sie waren tot«, fuhr er fort. »Ihre Körper waren bis aufs Fleisch verbrannt und teilweise zerrissen, und ihre Augen …« Er fuhr sich erneut durch die Haare. »Ich habe schon häufig Schafe durch Wölfe verloren, ab und an auch durch einen Bären. Aber das … das war etwas anderes.«