Umschlag

Rainer Dissars-Nygaard, Jahrgang 1949, studierte Betriebswirtschaft und war als Unternehmensberater tätig. Er lebt als freier Autor auf der Insel Nordstrand. Im Emons Verlag erschienen unter dem Pseudonym Hannes Nygaard die Hinterm Deich Krimis »Tod in der Marsch«, »Vom Himmel hoch«, »Mordlicht«, »Tod an der Förde«, »Todeshaus am Deich«, »Küstenfilz«, »Todesküste«, »Tod am Kanal«, »Der Inselkönig«, »Der Tote vom Kliff«, »Sturmtief«, »Schwelbrand«, »Tod im Koog« sowie die Niedersachsen Krimis »Mord an der Leine«, »Niedersachsen Mafia« und »Das Finale«.
www.hannes-nygaard.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: Heribert Stragholz
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-160-2
Niedersachsen Krimi
Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons:
Kostenlos bestellen unter www.emons-verlag.de

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur
EDITIO DIALOG, Dr. Michael Wenzel, Lille, Frankreich
(www.editio-dialog.com)

 

Für Margit

 

Man muss die Tatsachen kennen,
bevor man sie verdrehen kann.

Mark Twain

EINS

Georg hatte sie zu Boden geworfen, als die Schüsse hinter ihr krachten und ins Holz schlugen. Frauke Dobermann, Erste Kriminalhauptkommissarin, hatte den Mann nicht bemerkt, der ihr bis zur Villa in Isernhagen gefolgt sein musste.

Blitzschnell hatte sie ihre Dienstwaffe gezückt und zurückgeschossen. Zwei Mal. Stöhnend war der Mann in der Motorradkluft zusammengebrochen. Frauke hatte ihn erkannt. Necmi Özden, den sie wegen Mordes suchte.

Doch zunächst galt es, Einsatzkräfte zum Tatort zu ordern. Sie forderte den Notarzt und den Rettungsdienst an, dann informierte sie ihre Dienststelle.

»Wo sind Sie?«, fragte der schwergewichtige Hauptkommissar Nathan Madsack ungläubig, der das Gespräch entgegennahm.

»Das habe ich Ihnen eben erklärt, Madsack«, herrschte Frauke ihren Mitarbeiter an. »Und nun sehen Sie zu, dass hier die Routine abgespult wird.«

»Natürlich«, erwiderte Madsack.

Sie sah Georg zu, wie er ohne jede Hast, aber professionell Özdens Schussverletzung versorgte. Er kramte in seiner Arzttasche, holte eine steril verpackte Spritze hervor, suchte nach einer Ampulle und zog die Spritze auf. Dann schob er Özdens Ärmel hoch, desinfizierte mit einem Tupfer die Armbeuge und injizierte das Medikament.

»Was machst du da?«, fragte Frauke erstaunt.

Georg sah kurz auf. »Das Richtige«, antwortete er knapp.

»Bist du Arzt?«

»Hast du meine Frage beantwortet? Die mit der Reihenfolge der Schüsse?« Georg wurde durch Özden abgelenkt, der leise stöhnte. »Ganz ruhig«, sagte er. »Sie werden gleich richtig versorgt.«

»Das sieht aber nicht laienhaft aus, was du gemacht hast.« Sie zeigte auf die Arzttasche. »Und solche Sachen trage ich nicht im Erste-Hilfe-Kästchen mit mir herum. Außerdem ist er ein Berufsmörder.«

»Ich bin kein Richter«, erwiderte Georg. Seine Stimme klang unwirsch.

Frauke beugte sich zu Özden hinunter. »Wer hat Sie beauftragt?«

Ein giftiger Blick streifte sie. »Fuck you. Du bist das Opfer«, fluchte der Mann, um erneut aufzustöhnen.

»Die Leute im Hintergrund mögen keine Versager«, sagte Frauke. »Das wird mit dem Tode bestraft. Ein angespitzter Löffel ins Herz … das sind die Methoden im Gefängnis, mit denen die Bosse Nieten wie Sie umbringen lassen.«

»Schluss!« Das erste Mal erlebte Frauke Georg zornig. »Du treibst deine Spielchen hier nicht.«

»Spielchen?«, erwiderte Frauke scharf. »Das nennst du Spielchen? Der Typ«, dabei zeigte sie auf den am Boden liegenden Özden, »wollte uns beide ermorden.«

»Dich«, entgegnete Georg kühl. »Nur dich. Nicht mich.«

Frauke stemmte die Hände in die Hüften. »Interessant. Wie kommst du darauf? Woher nimmst du deine Gewissheit?«

»Logik, meine Liebe.«

»Ich bin nicht deine Liebe«, sagte Frauke zornig. »Und jetzt möchte ich wissen, wer du bist?«

»Ich bin Georg.« Er lachte sie an.

Sie streckte ihm fordernd die Hand entgegen. »Deine Papiere. Los!«

Er lächelte. Es wirkte überheblich. Dann zuckte er die Schultern und nickte in Richtung Özden. »Wie denn? Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin. Das wäre unterlassene Hilfeleistung. Dann hätte ich meinen Erste-Hilfe-Kursus umsonst gemacht.«

Von Weitem näherten sich Signalhörner von Einsatzfahrzeugen. Kurz darauf hielt der erste Streifenwagen mit quietschenden Bremsen vor dem Grundstück. Ein stämmiger Polizist, unter dessen Mütze dichte graue Haare hervorquollen, kam mit gezückter Waffe auf Frauke zu. Der zweite Beamte schien sich in seinem Windschatten zu halten.

»Was ist hier passiert?«, fragte der Große und warf einen schnellen Blick in die Runde.

»Eine Schießerei«, antwortete Frauke. »Ich bin vom LKA

»Können Sie sich ausweisen?« Es klang nicht unfreundlich, aber bestimmt.

Frauke zog ihren Dienstausweis hervor. Der Beamte warf einen kurzen Blick auf das Dokument, nickte und sagte zu seinem Begleiter: »Eine Kollegin.« Dann sah er Georg an. »Und wer sind Sie?«

Georg nickte in Fraukes Richtung. »Auf die Hauptkommissarin ist geschossen worden.«

Sie wurden durch den Rettungswagen abgelenkt, der zeitgleich mit dem Notarzt eintraf.

Die Männer in den signalroten Jacken beugten sich zu Özden hinab. »Was hat er?«, fragte der Bärtige mit der Aufschrift »Notarzt« auf dem Rücken.

Georg gab eine kurze Erklärung ab und sagte, was er injiziert hatte.

»Wie kommen Sie dazu?«, fragte der Notarzt mit einem deutlichen Vorwurf in der Stimme.

»Haben Sie einen besseren Vorschlag?«, erwiderte Georg bissig.

Der Notarzt antwortete nicht, sondern erteilte den drei Rettungsassistenten Anweisungen.

»Ist noch jemand im Haus?«, fragte der erste Uniformierte.

»Nein«, sagte Frauke, aber der Beamte wollte sich selbst davon überzeugen. Mit seinem Kollegen trat er in die geräumige Diele, immer noch die Waffe in beiden Händen haltend. Mittlerweile war ein weiterer Streifenwagen eingetroffen, dessen Beamte die Schaulustigen fernhielten. Der Notarzt und die Rettungsassistenten bemühten sich immer noch um Özden, der in einer großen Blutlache auf der Zuwegung zum Haus lag.

»Wo ist der Herr, der die Erstversorgung vorgenommen hat?«, fragte Frauke den Notarzt, nachdem sie Georg nirgends entdecken konnte.

»Ich bin beschäftigt«, schnauzte sie der Mann an.

»Der ist da runter«, half ein Rettungsassistent aus und zeigte in Richtung Garage. »Ich glaube, er ist mit einem Motorrad weg.«

Frauke wandte sich ab. Sie unterdrückte einen Fluch. Für eine die Ermittlungen leitende Beamtin verbot sich so etwas.

»Was auch immer mit ihm geschieht«, sagte Frauke zu dem stämmigen Polizisten und zeigte auf Özden, »das ist ein gefährlicher Mörder. Lassen Sie sich nicht durch die Rotjacken irritieren. Passen Sie auf den Typen auf.«

»Was heißt hier ›Rotjacken‹?«, empörte sich der Notarzt. »Sind Sie hier eine Art weiblicher Wyatt Earp?«

»Schlimmer«, erwiderte Frauke. »Passen Sie lieber auf, dass wir den Killer heil vor ein Gericht stellen können. Er soll uns nicht entwischen. Weder so noch so.«

»Dass er nicht ins Jenseits entwischt … Das ist mein Job«, sagte der Arzt eine Spur versöhnlicher.

»Und dass er uns nicht auf Erden entfleucht, ist meiner.« Sie wartete die Antwort nicht ab. Es war ein nutzloses Geplänkel. Stattdessen ging sie ins Haus und sah sich um. Es war wie bei ihrem ersten Besuch. Alles war penibel aufgeräumt. Nirgendwo schien ein Staubkorn zu liegen. Auch das Gästeapartment, in dem sie übernachtet hatte, war hergerichtet.

Im Geschirrspüler war grob abgespültes Geschirr eingeräumt: ein Weinglas, ein Teller, Besteck, eine Espressotasse und das Frühstücksgeschirr. Es sah nicht so aus, als hätte Georg am Vorabend Besuch gehabt. Im Kühlschrank fand sie Lebensmittel, die zu einem gehobenen Junggesellenhaushalt passten. Auch die angebrochene Rotweinflasche, aus der Georg vermutlich am Vorabend getrunken hatte, stand in der Bibliothek, in die er sie bei ihrem ersten Besuch geführt hatte. Neu war für sie der private Bereich, in dem Georg geschlafen hatte. Das Schlafzimmer war großzügig. Ein breites Bett, das eher einer Spielwiese glich, jedoch nur mit einer übergroßen Bettdecke ausgestattet war, die akkurat ausgerichtet auf dem Bett lag. Das Kopfkissen war glatt gestrichen. Auf dem Nachttisch lagen mehrere Bücher. Frauke schmunzelte, als sie darunter einen Kriminalroman von P.D. James in der Originalsprache entdeckte.

Sie griff unter die Bettdecke und ertastete einen seidenen Schlafanzug. Vorsichtig hielt sie ihn unter die Nase und hatte für einen kurzen Moment die Illusion, als könne sie Georg erschnuppern.

Die Kleiderschränke hingegen waren eine Enttäuschung. Obwohl sie Platz für eine umfangreiche Wäscheausstattung geboten hätten, fand Frauke nur ein sauber gelegtes Hemd, einen Kaschmirpullover, Socken und eine Garnitur Unterwäsche. Es sah aus, als wäre Georg, sofern es sich um seine Kleidung handelte, nur zu Besuch hier gewesen.

Wieso hat jemand mehrere Bücher auf dem Nachttisch liegen, für deren Lektüre er auch als geübter Leser eine längere Zeit benötigt, aber nur für einen Tag Wäsche im Haus?, überlegte Frauke.

Im Badezimmer fand sie alle Utensilien, die ein Mann für die Körperpflege braucht. In einem aus Peddigrohr geknüpften Korb lagen zwei flauschige Handtücher. Sie wollte das Bad bereits wieder verlassen, als ihr auffiel, dass Georg keinen Rasierapparat besaß. Dafür fand sie alle Mittel, die für eine Nassrasur benötigt wurden.

Frauke suchte gezielt nach einer Tageszeitung oder einem Fernsehprogramm. Nichts. Ebenso wenig fand sich ein Schriftstück. Weder ein Brief, ein Foto noch sonst ein persönliches Dokument. Außergewöhnlich war auch, dass es weder einen Telefonanschluss noch einen Computer gab. Die Rätsel um Georg wurden immer größer.

»Hallo?«, rief eine männliche Stimme aus der Diele. Als sie dorthin zurückkehrte, traf sie auf die drei Beamten der Spurensicherung.

»Vor der Tür wurde auf mich geschossen«, erklärte sie dem Leiter des Teams. »Wir müssen die Geschosse und die Spuren sichern, sehen, wie der Täter hierhergekommen ist, wie –«

»Danke. Sie müssen uns nicht unsere Arbeit erklären«, unterbrach sie der Beamte. »Sonst noch was?«

»Ja.« Sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter ins Haus. »Ich möchte, dass Sie dort Spuren aufnehmen. Fingerabdrücke und DNA

Der Spurensicherer seufzte. »Geht es ein wenig präziser? Das ist sonst eine Jahresarbeit.«

Sie maß den Mann vom Scheitel bis zur Sohle. »Ich denke, Sie wissen, wie Sie Ihre Arbeit zu erledigen haben«, sagte sie in spitzem Ton und ließ den Polizisten stehen. Was hätte sie ihm sagen können? Sie wusste es selbst nicht. Und den Auftrag »Such nach Spuren von Georg« hätte niemand verstanden.

Kurz darauf trafen Madsack und Putensenf ein, zwei Mitarbeiter aus Fraukes Team. Der schwergewichtige Hauptkommissar schnaufte, als hätte ihn der kurze Weg vom Fahrzeug zum Einsatzort überanstrengt, während Kriminalhauptmeister Jakob Putensenf einen kurzen Blick auf Necmi Özden warf, der vom Arzt und von den Rettungsassistenten so weit stabilisiert worden war, dass er in den Rettungswagen geladen wurde.

»Ist das Rossis Mörder?«, fragte Putensenf und musterte Frauke, als könne er aus ihrem Äußeren den Ablauf der Geschehnisse herauslesen.

»Vermutlich«, sagte Frauke.

Putensenf sah Madsack an. »Ist eine heiße Mutti, unsere Vorturnerin. Wo die auftritt, da knallt es. Ich habe immer gesagt, wenn Frauen sich mit Bohnen beschäftigen, dann sollen es weiße oder grüne sein, aber keine blauen.«

»Sind Sie hier als Dummschwätzer oder als Polizeibeamter engagiert?«, fuhr Frauke Putensenf an.

Der schob demonstrativ seine Hände in die Hosentaschen und baute sich vor Frauke auf. »Schön. Dann erzählen Sie mal, was sich hier abgespielt hat.«

Das war der Augenblick, dem Frauke mit Unbehagen entgegengesehen hatte. »Özden muss mich verfolgt haben«, erklärte sie.

»Und Sie haben das nicht bemerkt?«, unterbrach sie Putensenf und schüttelte missbilligend den Kopf.

»Warum sollte ich?«

Putensenf grinste. »Männer drehen sich öfter um, insbesondere wenn ihnen eine attraktive Frau begegnet. Frauen scheinen in der Fahrschule hingegen gelernt zu haben, dass der Rückspiegel ausschließlich zur Kontrolle von Lippenstift und Make-up dient.«

»Sie scheinen auf der Evolutionsstufe von Adam stehen geblieben zu sein, Putensenf«, erwiderte Frauke. »Sie haben offenbar bis heute nicht begriffen, dass Frauen mehr als eine Rippe sind. Oder ist Ihnen entgangen, dass Gott noch übte, als sie den Mann erschuf.«

Nachdem Putensenf keine Reaktion zeigte, ergänzte Frauke: »Das ist einer zum Nachdenken. Lassen Sie die Zahnräder, die Sie in Ihrem mechanisch betriebenen Hirn haben, aber nicht zu sehr rotieren.«

Das hatte gesessen. Putensenf stieg die Zornesröte ins Gesicht. Seine Miene spiegelte deutlich wider, dass er beleidigt war. Frauke störte es nicht. Wer sich so oft wie Putensenf im Ton vergriff, musste auch einstecken können.

»Darf ich fragen, was Sie hierhergeführt hat?«, versuchte Madsack die Situation zu überspielen.

»Ein vager Verdacht«, wiegelte Frauke ab.

»Das ist mir zu wenig«, legte Putensenf den Finger in die Wunde und zeigte auf das Haus. »Wer wohnt hier? Sie sind nicht zufällig hier aufgekreuzt. War die Tür offen, als Özden den Anschlag auf Sie verübte? Wieso verfolgte er Sie bis an diesen Ort?« Putensenf sah sich um. »Ich habe nur Özden gesehen. Gibt es ein weiteres Opfer? Wer war noch an dem Schusswechsel beteiligt?«

»Es gibt kein weiteres Opfer. Özden hat auf mich geschossen, und ich habe zur Selbstverteidigung zurückgeschossen.«

Putensenf spitzte die Lippen. »Das ist wie in einem guten Western. Der Böse zieht als Erster seinen Colt, und der Sheriff schießt zurück. Mit einer Kugel – Blattschuss. Gratulation.«

»Es waren zwei Schüsse, die ich abgegeben habe. Zuvor einen Warnschuss«, antwortete Frauke.

Putensenf zog die Stirn kraus. Trotz seiner gewöhnungsbedürftigen Umgangsformen war er ein guter Polizist. »Das wird in die Annalen als Wunder von Isernhagen eingehen. Das müssen Sie mir noch einmal genauer erklären. Den Trick würde ich auch gern beherrschen.«

Madsack blickte zum Haus hinüber. »Wen haben Sie hier aufgesucht?«, fragte er fast beiläufig.

»Einen Informanten.«

»Und wie heißt der?«, hakte Putensenf nach.

»Das ist noch vertraulich«, sagte Frauke.

»So geht das nicht«, schimpfte Putensenf. »Dann fragen wir ihn doch nach seinem Namen.« Er sah sich um. »Wo ist der Herr?«

»Weg.«

»Was heißt ›weg‹?«, empörte sich Putensenf. »Sie haben ihn gehen lassen?«

»Nein. Während ich den Rettungseinsatz koordiniert habe und Sie informierte, hat er sich abgesetzt.«

»Soso. Der große Unbekannte. Wie sind Sie an den geraten?«

»Das war anonym.«

»Und dann halten Sie es nicht für notwendig, uns davon in Kenntnis zu setzen?«

»Ich treffe meine Entscheidungen allein«, sagte Frauke mit Bestimmtheit.

»Wem gehört das Haus?«, mischte sich Madsack ein.

»Das ist eine interessante Frage«, erwiderte Frauke. »Können Sie das herausbekommen?«

Der Hauptkommissar nickte, griff in die Tasche seines Sakkos und förderte eine Rolle mit Schweizer Schokolade zutage. Er hielt sie zuerst Frauke, dann Putensenf hin, bevor er sich selbst mehrere Stücke in den Mund schob.

»Organisieren Sie die Befragung der Nachbarn«, wies Frauke Putensenf an. »Hat jemand den Täter gesehen, als er eintraf? War er allein? Wie ist er hierhergekommen? Vermutlich mit einem Motorrad. Haben die Nachbarn beobachtet, wer in diesem Haus ein und aus ging?«

»Das ist ein Job für einen Doofen«, knurrte Putensenf missmutig.

»Dann habe ich den Richtigen ausgewählt«, beendete Frauke den Disput. Sie atmete tief durch, nachdem sie die erste Runde überstanden hatte. Damit war das Thema aber noch nicht erledigt. Dessen war sie sich sicher.

Frauke suchte die Spurensicherer und begann, akribisch in den Räumen, die die Kriminaltechniker untersucht hatten, in den Schränken und Schubladen nach einem Hinweis zu forschen, der ihr Aufschluss über Georgs Identität gegeben hätte. Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich so unprofessionell verhalten hatte. Warum hatte Georg seine Identität zu verschleiern versucht? Und warum hatte sie das zugelassen? Es war ein schwacher Moment gewesen, und auch wenn sie es sich selbst nicht eingestehen wollte, hatte sie den Hauch eines romantischen Gefühls verspürt. Das durfte ihr nicht passieren, schalt sie sich.

Nirgendwo im Haus fand sich ein Hinweis auf seine Identität, nicht einmal eine Stromrechnung.

Nach einer halben Stunde kehrte Putensenf zurück. Er zeigte ein breites Grinsen.

»Ein vornehm aussehender Mann war öfter in diesem Haus. Er hat bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er jemandem begegnet ist, freundlich gegrüßt. Man glaubt sich erinnern zu können, dass der Besucher schon seit drei oder vier Jahren sporadisch hier aufgetaucht und immer für eine Weile geblieben ist. Ein fester Rhythmus war aber nicht zu erkennen, das heißt, er ist nicht nur im Sommer hier gewesen und hat den Winter in der Karibik zugebracht. Ein Nachbar konnte sich aber erinnern, dass vor Kurzem eine Frau mit dem Mann hergekommen ist. Als Sozia auf einem Motorrad.« Putensenf kratzte sich den Hinterkopf. »Der Nachbar glaubt, die Frau heute wiedererkannt zu haben. Das Beste wäre, Sie sprechen einmal persönlich mit dem Zeugen.«

»Das ist nicht erforderlich. Ich denke, Sie können solche Aufgaben allein erledigen.«

»Sollen wir ein Phantombild von der Frau anfertigen lassen?«, fragte Putensenf mit lauerndem Unterton.

»Wenn Sie es für richtig halten.«

Eine Spur Enttäuschung zeigte sich auf Putensenfs Antlitz. »Wollen Sie bei dieser Aktion nicht Modell sitzen?«

»Putensenf! Ich ermahne Sie, Ihre Arbeit nicht mit Kaspereien zu begleiten«, wies Frauke ihn zurecht. Es war eine Flucht nach vorn gewesen, da der Kriminalhauptmeister darauf anspielte, dass man Frauke wiedererkannt hatte. Ihr Vorwärtspreschen verunsicherte Putensenf. Mit einer solchen Reaktion hatte er nicht gerechnet.

»Ist schon in Ordnung«, murmelte er und wandte sich ab.

Madsack hatte keinen Zeugen gefunden, der eine ergänzende Aussage hätte liefern können.

Frauke fuhr von Isernhagen über die Kugelfangtrift Richtung Westen. Nomen est omen, dachte sie, da unweit dieser Straße Giancarlo Rossi von Necmi Özden ermordet worden war, jenem Killer, der auch auf sie angesetzt war. Sie durchquerte das äußerlich unaufgeräumt wirkende Industriegebiet beiderseits der Vahrenwalder Straße, das auf dem Areal des alten Flughafens errichtet worden war. Wenig später hatte sie die Justizvollzugsanstalt in der Schulenburger Landstraße erreicht.

Es dauerte eine Weile, bis man Bernd Richter in den Verhörraum gebracht hatte. Mit einer gewissen Genugtuung stellte Frauke fest, dass dem ehemaligen Hauptkommissar die Untersuchungshaft zusetzte. Richter sah bleich aus. Die Augen lagen tief in den Höhlen.

»Gefällt Ihnen die Unterkunft? Es wird für Essen und Trinken gesorgt, der Zimmerservice ist hervorragend, Sie bekommen keine Stromrechnung. Und das Tolle daran ist, dieser Zustand bleibt Ihnen noch viele Jahre erhalten. Hat man schon Vorsorge getroffen, damit Sie hinter Gittern nicht zu einsam sind? Wie wäre es, wenn man jemanden auf Ihre Zelle legt, der dieses Quartier Ihnen verdankt, weil Sie ihn ins Gefängnis gebracht haben? Damals – als Sie noch ein ehrlicher Polizist und kein Mörder waren.«

Richter funkelte sie böse an. »Bei mir verfangen solche Sprüche nicht. Sie können mir keine Angst einjagen.«

»Man mag im geschlossenen Sozialsystem Haftanstalt keine ehemaligen Polizisten. Und schon gar keine Polizistenmörder. Weder das Aufsichtspersonal noch die Insassen können sich für solche Mitbewohner begeistern.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie lange wollen Sie sich dem Druck noch widersetzen? Es wäre vorteilhafter, Sie würden mit uns kooperieren. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass sich eine solche Haltung immer positiv vor Gericht auswirkt.«

»Sie können mir nichts beweisen. Mein einziges Vergehen ist Ihr Ehrgeiz. Sie wollten meinen Job und haben sich diesen perfiden Plan ausgedacht.«

Frauke lächelte amüsiert. »So schräg kann niemand denken. Man verdächtigt einen Polizeibeamten, um an seine Dienststellung zu gelangen. Richter! Sie waren als Beamter offenbar nicht ausgelastet und haben zu viel freie Zeit mit dem Gucken schlechter amerikanischer Krimis zugebracht. Ich glaube, Ihr Anwalt hat Ihnen diesen Rat nicht erteilt.«

»Ich habe keinen Anwalt. Ich wüsste nicht, wofür.«

»Hat Ihnen Dottore Carretta noch nicht Ihre Vertretung angetragen? Der verteidigt doch alle Straftäter, die wir im Zusammenhang mit der Organisation verhaften.«

»Mutmaßliche Straftäter«, belehrte sie Richter.

»Wenn Sie Wert auf diese Kleinigkeit legen … bitte schön. Carretta soll nicht schlecht sein. Ein durchtriebener Fuchs, der sich offenbar auch im Milieu auskennt. Zumindest scheint er über die nötigen Verbindungen zu verfügen. Wenn Sie ihn beauftragen würden, könnten Sie auch auf legalem Weg Kontakt zur Außenwelt pflegen und sich mit den Bossen der Organisation austauschen. So ist es ein wenig schwierig. Man trifft nicht oft auf bestechliche Vollzugsbeamte, die Nachrichten oder Kassiber ins Gefängnis oder hinausschmuggeln. Sicher weiß ich, dass die Mauern nicht undurchlässig sind. Es gibt fast nichts, was nicht in den Knast gelangt.« Frauke streckte die Hand aus und zeigte auf Richter. »Es wird Ihren Nachbarn auf demselben Zellengang nicht behagen, wenn wir in der nächsten Zeit öfter die Zellen durchsuchen werden. Das bringt Unruhe. Man wird Sie dafür verantwortlich machen.«

»Ich werde nicht lange hierbleiben«, sagte Richter. Dabei klang seine Stimme nicht sehr überzeugend.

»Soso. An Ihre Unschuld glauben wir beide nicht.«

»Denken Sie an meine Worte.«

»Glauben Sie wirklich, dass Ihre Freunde Sie hier herausholen werden?«

Richter antwortete mit einem verächtlichen Blick. Frauke beugte sich über den Tisch.

»Haben Sie daran gedacht, dass man Sie womöglich richtig lieb haben wird im Gefängnis?«

Richter zog die Augenbraue hoch, weil er Fraukes Ausführungen offenbar nicht folgen konnte.

»Ich meine … richtige Liebe. So unter Männern. Wenn man lange genug hinter schwedischen Gardinen sitzt, steigt der Hormonspiegel. Irgendwann wird unter der Dusche auch ein ehemaliger Hauptkommissar ein begehrenswertes Objekt.«

»Sie sind ein durchtriebenes Schwein«, schimpfte Richter.

Frauke sah ihrem Gegenüber an, dass es ihr gelungen war, seine Angst zu schüren. Das hatte sie bezweckt. Sie hatte nicht erwartet, dass Richter den Mord an Lars von Wedell gestehen würde. Noch schwieriger würde es sein, Auskünfte über Kontaktpersonen oder Hintermänner zu erlangen.

Richter musste ihre Absicht erkannt haben.

»Das war dumm von Ihnen«, sagte er plötzlich. »Solche Äußerungen sind unzulässiger Psychoterror. Das hat Folgen für Sie.«

»So? Was habe ich denn gesagt?« Frauke lehnte sich entspannt zurück und verschränkte die Arme vor dem Oberkörper, sodass ihre Brüste auf den Unterarmen zum Liegen kamen. Dann hob sie ein wenig die Arme an. Frauke besaß genug Selbstbewusstsein, um die Wirkung ihrer weiblichen Reize richtig einzuschätzen. Richters Blick blieb an ihrer Oberweite haften. Unwillkürlich fuhr sich der ehemalige Polizist mit der Zungenspitze über die Lippen. Es war nur ein kleiner Augenblick gewesen. Dann legte sie ihre Unterarme wieder auf die Tischkante.

»Sie wollten mir eine Drohung zukommen lassen«, erinnerte sie ihn an seine letzten Ausführungen.

»Sie haben mir gedroht«, sagte Richter, und es klang eine Spur selbstzufrieden.

»Ich? Wann?«

»Eben.«

»Inwiefern?«

»Das ist alles protokolliert.«

»Wo?«

Richter zeigte auf das Mikrofon des Aufnahmegeräts, das zwischen ihnen auf dem Tisch stand. »Da.«

Frauke lächelte. »Oh, Verzeihung.« Wie suchend fuhr ihre schlanke Hand über das Gerät. »Erinnern Sie sich noch an Jakob Putensenf? Der ist der festen Überzeugung, Frauen würden nicht in den Polizeidienst, sondern in die Küche gehören. Ich glaube, Putensenf hat recht. Frauen verstehen nichts von Technik. Da habe ich doch glatt vergessen, das Gerät einzuschalten.«

Richter rieb sich mit der Hand über die Augen. »Sie verfluchtes Miststück«, fuhr er sie an. »Wenn Sie zur Hölle fahren, werde ich dabei sein.«

»Sie meinen, ich soll Sie begleiten, wenn Sie Ihre letzte Reise antreten?« Als würde sie mit einem unartigen Kind reden, schüttelte Frauke den Kopf. »Richter! Was haben Sie für krause Gedanken. Sie hier im Knast und ich … Wissen Sie noch, wie gut ein roter Wein zu einem vorzüglichen Essen schmeckt? Wie die Sonne lacht? Wie herrlich es rund um den Kröpcke duftet? Wie es sich anhört, wenn eine Frau im Seidennegligé ins Schlafzimmer kommt?«

»Sie sind der Teufel in Menschengestalt.« Es klang wie das Zischen einer Schlange. »Sie werden dafür zahlen müssen. Irgendwann.«

Frauke lehnte sich entspannt zurück. »Täuschen Sie sich nicht, Richter. Ich habe genug Wechselgeld dabei. Ich kann herausgeben. Sie und Ihre Mordgesellen werden sich die Zähne ausbeißen. Wir sind hier nicht in Italien, wo Recht und Gesetz manchmal zu kapitulieren scheinen. Und deutsche Polizeibeamte ähneln dem Spargel. Wenn es Ihnen wirklich gelingt, einen Kopf abzuschlagen, wachsen ständig neue nach. So einfach ist das.« Frauke war aufgestanden. »Übrigens … das sollten Sie Ihrem Anwalt erzählen –«

»Verdammt, ich habe keinen Anwalt!«, rief Richter dazwischen.

»Dottore Carretta wird die Haltung der Polizei sicher interessieren.« Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern verließ den Raum. Ihr Ziel, Richter zu provozieren, hatte sie erreicht. Frauke hatte weder Zweifel an seiner Täterschaft noch an seinen Kontakten zur Organisation. Sie wussten noch nicht, welche Stellung Richter dort einnahm. Mit Sicherheit, so vermutete Frauke, war er mehr als ein unbedeutender Handlanger. Dass Richter selbst zum Mörder geworden war, war ein Betriebsunfall, der der Organisation schweren Schaden zugefügt hatte. Als Leiter der Ermittlungsgruppe gegen die Organisation saß Richter in der entscheidenden Position. Noch war es nicht gelungen, herauszufinden, ob die Entscheidung, Lars von Wedell zu ermorden, eine Kurzschlusshandlung Richters war oder ob die Organisation auch das Risiko der Entdeckung ihres wichtigsten Mannes bei den Strafverfolgungsbehörden in Kauf nahm. In diesem Fall musste die Polizei der Organisation empfindlich nahe gekommen sein.

Wie gut, dass die Organisation nicht wusste, dass Frauke in dieser Hinsicht noch im Dunkeln tappte. Sie vermied es auch, mit den Mitgliedern des Teams darüber zu sprechen. Es gab zwar keinen direkten Verdacht, der gegen einen ihrer Mitarbeiter gerichtet war, aber auch unbedachte Äußerungen könnten gefährlich sein. Man hatte erkannt, dass Frauke ein gefährlicher Gegner war. Mit Sicherheit würde man nichts unversucht lassen, um sie zu eliminieren.

Frauke fuhr zum Landeskriminalamt zurück. Heute, am Sonnabend, wirkte die Behörde wie ausgestorben.

Sie verbrachte die folgenden Stunden damit, etwas über Georg herauszufinden. Doch es gab zu wenig Anhaltspunkte, an die sie hätte anknüpfen können. Zwischendurch rief sie im Klinikum Nordstadt an. Das Krankenhaus war ein akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie fragte nach dem Zustand Özdens, aber man verweigerte ihr die Auskunft.

Ergebnisse der Spurensicherung waren am Wochenende auch nicht zu erwarten, zumal sich die Beamten, die in Isernhagen gewesen waren, sehr zugeknöpft gezeigt hatten, da Frauke ihnen keine klaren Anweisungen erteilen konnte, wonach sie suchen sollten. Sie war froh, dass sich Putensenf nicht mehr meldete. Lediglich Nathan Madsack rief noch einmal an und fragte nach dem Stand der Dinge. Er selbst hatte keine Neuigkeiten.

Resigniert verließ Frauke am Nachmittag ihr Büro. Es war ein wunderbarer Spätsommertag. Mit Sicherheit war die City ebenso voll wie die Wege rund um den Maschsee, die Eilenriede oder die Herrenhäuser Gärten. Sie verspürte aber kein Verlangen, den Rest des Wochenendes in ihrer Wohnung zu verbringen. So raffte sie ein paar Sachen zusammen und fuhr nach Celle, um dort von einem kleinen Hotel aus die alte Residenzstadt zu erkunden. Sie hatte beschlossen, am Montag direkt aus Celle an ihren Schreibtisch zurückzukehren.

ZWEI

Als Frauke im Landeskriminalamt eintraf, waren die Mitarbeiter ihres Teams schon anwesend. Madsack begrüßte sie mit einem distanzierten, aber immerhin freundlichen »Guten Morgen«, Thomas Schwarczer verhielt sich neutral, und Jakob Putensenf schenkte ihr einen mehr geknurrten als gesprochenen Morgengruß.

Noch auf dem Flur wurde sie von Uschi Westerwelle-Schönbuch abgefangen, der Sekretärin von Kriminaloberrat Ehlers.

»Der Chef bittet Sie, zu ihm zu kommen.«

Sie betrat Ehlers’ Büro, dessen Tür wie so häufig offen stand.

»Guten Morgen, Frau Dobermann.« Er stand von seinem Platz hinter dem Schreibtisch auf, gab ihr die Hand und ging zur Zimmertür, um sie zu schließen. Das bedeutete, dass das Gespräch einen vertraulichen Charakter haben würde.

»Bitte«, sagte Ehlers, deutete auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch und stieg sofort in das Thema ein, ohne sie nach dem Wochenende oder nach ihrem persönlichen Befinden zu fragen. »Was ist vorgestern in Isernhagen geschehen?«

Frauke berichtete von dem Attentat.

»Galt es Ihnen oder dem Mann, den Sie aufgesucht haben?«

»Mir«, sagte Frauke. »Ich habe keine Beweise dafür, bin aber davon überzeugt.«

»Wer war der Mann, den Sie aufgesucht haben? Und warum ist er unerkannt entkommen?«

»Ich kenne den Namen nicht«, erwiderte Frauke. »Es war ein anonymer Hinweis, der mich erreichte. Dem bin ich nachgegangen.«

Ehlers rümpfte die Nase. »Da kommen mir zu viele merkwürdige Zufälle und mangelnde Professionalität zusammen. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie sind gefährdet. Und ich trage die Verantwortung für meine Mitarbeiter. Deshalb überlege ich, ob ich Sie von diesem Fall abziehe. Ich habe kein Misstrauen Ihnen gegenüber und bin überzeugt, die Angelegenheit ist bei Ihnen in den besten Händen. Dafür spricht auch, dass man es gezielt auf Sie abgesehen hat. Man fürchtet Sie. Deshalb bin ich enttäuscht, dass Sie sich so leichtfertig in Gefahr begeben und ohne Abstimmung oder Unterstützung einen solchen Termin wahrnehmen. Was haben Sie sich davon versprochen?«

»Wir wissen zu wenig über unsere Gegner. Es ist uns zwar gelungen, in ihre Strukturen einzudringen und Teile davon zu zerschlagen, aber die Organisation ist so aufgebaut, dass wir noch weit von den Hintermännern entfernt sind. Wir erwischen immer nur die Handlanger, und die werden ständig ersetzt. Die Leute scheinen über ein großes Reservoir zu verfügen. Da gibt es nicht nur einen oder zwei gewaltbereite Akteure. So habe ich mir von diesem Termin versprochen, eventuell ein paar Hintergrundinformationen zu erhalten. Die hätten wir nicht bekommen, wenn wir dort mit einem größeren Aufgebot anmarschiert wären. Deshalb bin ich allein zu diesem konspirativ anmutenden Treffen gegangen.«

»Kann es sein, dass der Anschlag nicht Ihnen, sondern Ihrem Gesprächspartner galt? Dass man ihn eliminieren wollte, bevor er aussagt?«

Es hatte keinen Sinn, dem Kriminaloberrat etwas vormachen zu wollen. Ehlers war ein kluger Analytiker.

»Ich bin mir dessen nicht sicher. Tatsache ist, dass der Informant den Attentäter zuerst gesehen und mich zur Seite gestoßen hat. Daher bezweifle ich, dass es eine gegen mich geplante Aktion war. Dann hätte man mich nicht gewarnt. Vor allem wäre das Ganze auch nicht so aufwendig inszeniert worden.«

Ehlers gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Frauke hätte ihm die wahren Gründe, weshalb sie nach Isernhagen gefahren war, nicht erklären können. Das Ganze war zu unglaubwürdig. Sie selbst gestand sich ein, dass sie die Geschichte auch keinem ihrer Mitarbeiter abgenommen hätte.

Ehlers wies auf ein Blatt Papier, das vor ihm lag. »Der Unbekannte hat Erste Hilfe geleistet«, sagte er. Es klang wie eine Feststellung.

Frauke nickte. Georgs sicheres Auftreten und die Arzttasche ließen keinen Zweifel daran, dass Georg Mediziner war. Ein noch so gut ausgebildeter Laie hätte nicht so gehandelt.

»In welchem Zusammenhang könnte der Mann mit der Organisation stehen?«, bohrte der Kriminaloberrat weiter.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Frauke. Und das war ehrlich.

»Finden Sie nicht auch, dass das Ganze sehr mysteriös ist?« Ehlers musterte sie über den Rand seiner Brille hinweg nachdenklich.

»Ja«, gab sie zu. Auch das war ehrlich.

»Wie wollen Sie weiter vorgehen?«

»Ich warte auf die Spurenauswertung. Vielleicht finden wir einen Hinweis auf unseren Unbekannten. Zur Fahndung würde ich ihn nicht ausschreiben wollen. Wenn er uns etwas erzählen wollte, dann ist die Suche nach ihm unter Zuhilfenahme des ganzen Apparats der falsche Weg. Wir würden damit unter Umständen Spuren legen, denen auch die Organisation folgen könnte.«

»Ist das alles, was Sie im Köcher haben?« Es klang eine Spur enttäuscht.

»Nein«, sagte Frauke, und zum ersten Mal gelang es ihr, ein wenig zu lächeln. »Wir müssen herausfinden, wem das Haus gehört und in welchem Zusammenhang dieser Mann mit den Eigentümern steht. Er schien mir mit den Örtlichkeiten vertraut.«

»Können Sie das näher erläutern?«, fragte Ehlers misstrauisch dazwischen.

»Das war mein Eindruck, als er die Tür öffnete und mich ins Haus bat.«

Ehlers warf einen kurzen Blick auf die Notiz vor sich. »Der erste Bericht der Spurensicherung besagt aber, dass sich in dem Haus nicht ein einziger persönlicher Gegenstand befand. Finden Sie das nicht auch ungewöhnlich?«

»Ja«, gestand Frauke ein. »Immerhin befanden sich Toilettenartikel im Bad. Daraus schließe ich, dass der Mann dort übernachtet hat. Das lässt auch der Inhalt des Kühlschranks vermuten.«

»Na schön«, sagte Ehlers, und es klang eine Spur versöhnlicher. »Ich möchte über alle Schritte informiert werden. Und weitere Alleingänge werde ich nicht mehr akzeptieren. Betrachten Sie es als förmliche Ermahnung.«

Frauke versuchte, ihre Erleichterung zu verbergen. Es war eine missliche Situation, in die sie hineingeraten war.

Als sie auf dem Flur Putensenf begegnete und der Kriminalhauptmeister sie prüfend ansah, hatte sie sich so weit gefangen, dass sie ihn anfuhr: »Gibt es schon Ergebnisse? Oder muss man sich um alles selbst kümmern?«

Putensenf schien für einen Moment verwirrt. »Ich kümmere mich um die Spurensicherung«, versicherte er. »Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.«

In ihrem Büro meldete sich Frauke an ihrem Computer an. Die unendlich erscheinende Zeit, bis das System hochgefahren war, nutzte sie, um noch einmal über das Gespräch mit Ehlers nachzudenken. Der Kriminaloberrat war erstaunlich gut informiert gewesen. Irgendjemand musste ihn mit Details gespickt haben. Zu gern hätte Frauke gewusst, von welchem Zettel Ehlers abgelesen hatte und wer ihm diese Informationen hatte zukommen lassen. Seit ihrer Ankunft in Hannover fühlte sie sich beobachtet. Es fiel ihr schwer, jemanden ins Vertrauen zu ziehen. Ihr Vorgesetzter war sicher loyal, davon war Frauke überzeugt, aber Ehlers musste alle Aspekte in Betracht ziehen und auch ihre Vorgehensweise kritisch hinterfragen. Hier in Hannover misstraute anscheinend jeder jedem. Mit einem Hauch von Wehmut dachte sie an Flensburg, an Schleswig-Holstein und an Kriminalrat Lüder Lüders, selbst an die beiden Husumer Christoph Johannes und Große Jäger. Freunde waren sie nie geworden, aber Frauke hatte diesen Leuten bedingungslos vertrauen können. Das fehlte ihr hier.

Sie griff zum Telefon und bestellte Nathan Madsack zu sich ins Büro. Natürlich hätte sie auch die wenigen Schritte bis zu ihm gehen können, aber mit dieser Geste unterstrich sie, wer in dieser Ermittlungsgruppe das Sagen hatte.

Der schwergewichtige Hauptkommissar erschien wenig später und nahm ächzend Platz.

»Was haben Sie über das Haus in Erfahrung bringen können?«

Madsack musste keine Notizen zurate ziehen, als er antwortete.

»Das Anwesen gehört Dr. Eigelstein. Das ist ein in Hannover angesehener Rechtsanwalt, Senior der Kanzlei Dr. Eigelstein, Knappe und Collegen in der Georgstraße.«

»Der Name ist uns doch bekannt«, überlegte Frauke. »Das ist der Anwalt von Stupinowitsch, dem weißrussischen Bordellbesitzer.« Sie maß Madsack mit einem abschätzigen Blick. »Hatten Sie mir nicht versichert, dass es sich um eine angesehene Kanzlei handeln würde? Wie erklären Sie es sich, dass der saubere Dr. Eigelstein nicht nur Stupinowitsch berät, sondern dass vor seinem Haus auch ein Mordanschlag auf mich verübt wurde?«

»Aber ich …«, stammelte Madsack. »Ich kann doch nur das wiedergeben, was mir bekannt ist.«

Frauke schüttelte den Kopf. »Offenbar weiß hier in Hannover niemand etwas Konkretes.«

»Wie gut, dass wir Sie haben. Unsere Frauenquote«, mischte sich Putensenf ein, der an Fraukes Bürotür stehen geblieben war. »Bevor Sie hier aufgetaucht sind, haben wir keine Ahnung von der Kriminalitätsbekämpfung gehabt.«

»Sie sind der Richtige«, schimpfte Frauke. »Ist es zulässig, dieser Tätigkeit mit ungeputzter Brille nachzugehen? Ihnen fehlt doch der Durchblick. Sie haben nicht bemerkt, dass Ihr Vorgesetzter mit der organisierten Kriminalität paktiert und sogar vor einem Mord nicht zurückschreckt.«

»Ein mutmaßlicher Mörder«, versuchte sich Putensenf zu verteidigen. »So viel Korrektheit muss sein.«

»Sparen Sie sich Ihre Wortklauberei. Was hat die Spurensicherung ergeben?«, wechselte sie abrupt das Thema.

Putensenf trat an den Schreibtisch heran. »Nichts. Es gibt Fingerabdrücke von mehreren Personen, darunter von einer Frau.«

»Das könnten meine sein«, unterbrach Frauke ihn.

Putensenf spitzte die Lippen. »Soso. Wie war das mit der Professionalität? Sie laufen vor der Spurensicherung durchs Haus und fassen alles an. Macht man das so in Flensburg? Ach ja, ich vergaß.« Er legte den Zeigefinger gegen die Schläfe, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen. »Da gibt es doch dieses Versandhaus in Flensburg, Beate Dingsbums … Die vertreiben doch Artikel für ein Vergnügen, bei dem Betatschen dazugehört.«

Frauke unterließ es, Putensenf zu antworten. Wenn der Kriminalhauptmeister hartnäckig weiterfragen würde, hätte sie ein Problem, ihre Anwesenheit in dem Haus zu erklären. In gewisser Hinsicht hatte er recht, wenn er ihr mangelnde Professionalität vorwarf, allerdings auf ganz andere Weise, als er vermutete.

»Gibt es Spuren, die zu bei uns gespeicherten Personen führen?«, fragte Frauke.

»Nein«, erwiderte Putensenf. »Wir haben nur Fingerabdrücke abgeglichen. Ich gehe davon aus, dass Sie keine DNA-Spuren analysieren lassen wollen.«

Das hätte keinen Sinn, überlegte Frauke. Wonach sollte man suchen? Und niemand würde Verständnis für die damit verbundenen Kosten haben.

»Danke, Putensenf«, sagte sie eine Spur freundlicher. Dann wandte sie sich Madsack zu. »Dr. Eigelstein wird uns einiges zu erzählen haben.«

»Sollen Nathan und ich ihn aufsuchen?«, fragte Putensenf.

»Nein«, entschied Frauke. »Ich werde Thomas Schwarczer mitnehmen.«

Kommissar Thomas Schwarczer war leger gekleidet. Er trug ein Hemd aus leichtem Stoff und darüber eine rotbraune Lederjacke. Die oberen Knöpfe des Hemdes waren geöffnet und gaben den Blick auf einen goldenen Anhänger frei, der an einem geknoteten Lederriemen um den Hals hing.

Geschickt steuerte Schwarczer den Opel Astra durch den dichten Innenstadtverkehr, ohne dabei hektisch zu werden oder gar zu drängeln. Frauke überraschte immer wieder, über welche profunden Ortskenntnisse Schwarczer verfügte. Er schien auch in der engen City genügend Plätze zu kennen, an denen er Abstellmöglichkeiten fand.

Nur einen Steinwurf entfernt lag das Rotlichtviertel mit Stupinowitschs Bordell. War das der Grund, weshalb der zwielichtige Weißrusse Dr. Eigelstein als Anwalt gewählt hatte?, überlegte Frauke.

Auf dem Platz vor dem Bürogebäude residierte Friedrich von Schiller auf einem Denkmalssockel. Im Erdgeschoss des Hauses mit der gegliederten Fassade, dem über die oberen Etagen reichenden Erker und den großen Rundbogenfenstern befand sich der Zugang zu einer großen Buchhandlung. Rechts daneben führte ein Durchgang zur Parallelstraße, der mit »Georgspassage« ausgeschildert war. Ein Relief zeigte den mutigen Ritter Georg, hoch zu Ross, wie er dem Drachen die Lanze ins weit aufgerissene Maul stieß.

Georgstraße. Georgspassage. Das Bildnis des Ritters Georg. Und auf dem Georgsplatz hatte sie den rätselhaften Mann kennengelernt, der sich selbst mit diesem Namen vorgestellt hatte. Es war ein bisschen viel »Georg«, befand Frauke. Der Geheimnisumwitterte, der es verstanden hatte, sie zu umgarnen, schien sie mit diesem Namen verspotten zu wollen. Und sie war darauf hereingefallen.

Ein messingfarbenes Schild wies den Weg zur Kanzlei, die sich hinter der hohen Flurtür als nüchterner Bürobetrieb erwies, dessen Interieur überhaupt nicht zum Charme des Altstadthauses passte. Auf Frauke wirkten die an Seilen von der Decke hängenden Lamellenlampen so, als wäre die Inneneinrichtung seit dem Beginn der sechziger Jahre unverändert geblieben. Lediglich die moderne technische Infrastruktur zeugte davon, dass man offenbar den Zug der Zeit nicht verpasst hatte.

Die Frau am Empfang fragte nach dem Wunsch der Besucher, zog gekonnt eine Augenbraue in die Höhe, als sie die Bitte um ein Gespräch mit Dr. Eigelstein vernahm, und sagte: »Ich muss nachsehen, ob der Herr Doktor im Hause ist.«

Frauke hätte ihr am liebsten geantwortet, dass dies ein dummes Argument war. Natürlich wusste jeder Beschäftigte in einem überschaubaren Betrieb wie dieser Kanzlei, ob der Chef anwesend war.

Die Frau nahm den Telefonhörer zur Hand, und die Beamten hörten es zwei Räume weiter klingeln. »Herr Jasper. Ist Herr Dr. Eigelstein im Hause?« Sie sah Frauke an. »Um welche Angelegenheit geht es?«

»Polizei«, sagte Frauke. »Landeskriminalamt«, schob sie hinterher.

Erneut zog die Frau die Augenbraue in die Höhe und wiederholte Fraukes Antwort wörtlich. Dann legte sie auf und sagte: »Einen Moment, bitte.«

Kurz darauf erschien ein Mann in einer grauen Strickweste.

»Jasper«, stellte er sich vor. »Ich bin der Bürovorsteher. Was kann ich für Sie tun?«

In gut geführten Kanzleien lief fast alles über den Schreibtisch des Bürovorstehers. Das war Frauke bekannt. Dennoch ärgerte es sie, dass man ihre Bitte, den Anwalt zu sprechen, überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen schien.

»Zeigen Sie mir bitte die Vollmacht«, sagte sie in scharfem Ton, »dass Herr Eigelstein Sie damit betraut hat, seine privaten Angelegenheiten gegenüber der Kriminalpolizei zu vertreten. Dann bin ich bereit, mit Ihnen zu sprechen.«

Für einen Moment war Jasper irritiert.

»Sie sind wegen einer – äh – persönlichen Sache hier? Und möchten Dr. Eigelstein sprechen?«

»Reicht es, wenn ich es Ihnen gegenüber noch einmal wiederhole? Oder kommen noch mehr Kollegen aus einem dieser Zimmer«, dabei zeigte sie den Flur entlang, »die hören wollen, dass die Polizei Herrn Eigelstein in einer privaten Sache sprechen möchte?« Sie hatte die Stimme erhoben und bewusst lauter gesprochen.

Jasper bewegte die Hand auf und ab, als wollte er ihre Stimme dämpfen. Fast im Flüsterton erwiderte er: »Wenn Sie mir bitte folgen wollen?« Er führte sie in einen kleinen Raum mit einem halben Dutzend abgenutzter Lederstühle, die nebeneinander an der Wand standen. In der Ecke befand sich ein kleiner Tisch mit der obligatorischen Büchermappe. »Nehmen Sie bitte einen Augenblick Platz«, bat er.

»Wenn Sie sich ein wenig beeilen könnten …«, rief ihm Frauke hinterher.

Nach zehn Minuten tauchte Jasper wieder auf und schaffte es, eine kleine Verbeugung zu zeigen. »Würden Sie bitte mitkommen?«, sagte er und führte sie zu einem Raum am Ende des langen Flures.

Das Zimmer war groß und mit Antiquitäten eingerichtet. Es glich einem Stillleben. Ein großer dunkler Schreibtisch, hinter dem auf einem Schreibtischstuhl, der mehr einem Ohrensessel ähnelte, ein Mann mit vollem silbergrauem Haar thronte, beherrschte den Raum. Der Anwalt trug einen gedeckten Anzug und eine silberne Krawatte. Er war hinter den Bergen von staubigen Aktenmappen kaum auszumachen.

Frauke sah sich um. Im Raum stand ein langer, ebenfalls dunkler Tisch, um den sechs Stühle mit brüchigem grünem Lederbezug gruppiert waren. An den Wänden standen Bücherregale, teilweise durch Glastüren abgeschlossen, in denen sich eine ganze Bibliothek von Fachliteratur, Gesetzestexten und Kommentaren verbarg. Mit einem zweiten Blick bemerkte Frauke, dass der Anwalt auch auf dem Fußboden Aktenmappen verteilt hatte.

Madsack hatte gesagt, dass die Kanzlei zu den angesehensten in Hannover gehörte. Damit war offensichtlich auch viel Arbeit verbunden.

»Danke, Gundolf«, sagte Dr. Eigelstein und entließ den Bürovorsteher mit diesen Worten. Mit seiner sauber manikürten Hand wies er auf den Besprechungstisch und nahm gegenüber den beiden Beamten Platz. Er musterte die Polizisten und kniff dabei die Augen ein wenig zusammen. Dann wandte er sich an Frauke und streckte ihr die schlanke Hand entgegen. »Darf ich Ihre Legitimation sehen?«

Frauke reichte ihm den Dienstausweis, den er sorgfältig betrachtete. Zwischendurch warf er einen Blick über den Rand der dunklen Brille, als würde er das Bild auf dem Ausweis mit dem Original vergleichen.

»Danke«, sagte er mit seiner angenehmen dunklen Stimme und gab das Papier zurück. »Was führt Sie zu mir?« Dabei warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, als würde er damit andeuten wollen, dass seine Zeit knapp bemessen war.

»Es geht um das auf Ihren Namen eingetragene Haus in Isernhagen.«

Der Anwalt lehnte sich ein wenig zurück und legte die Fingerspitzen so gegeneinander, dass die Hände ein Dach bildeten. Er lächelte.

»Welches?«, fragte er.

»Die Villa im Birkenweg, vor der gestern ein Schusswechsel stattgefunden hat.«

»Waren Sie daran beteiligt?«