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Über dieses Buch und seinen Autor

Wir Medien bauen Bühnen für Popstars, Sportler und Sportlerinnen, Schauspieler und Schauspielerinnen. Das sei ihnen vergönnt. Aber wir sollten die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit und Bewunderung auch auf jene richten, die mit Mut, Fleiß und Kreativität täglich dafür kämpfen, unser Leben sicherer, bunter, einfacher oder spannender zu machen.

So einer ist Jochen Schweizer. Ein Protagonist des Unternehmens, der Courage, des Kampfes, des Nicht-Aufgebens. Seine Biografie sollte Pflichtlektüre in allen Schulen sein, zeigt sie doch auf fesselnde Weise, dass Niederlagen keine sein müssen, uns oft stärker und manchmal sogar glücklicher werden lassen können.

Jochen Schweizer ist nicht nur aus 2500 Meter Höhe mit einem Bungee-Seil am Fuß aus dem Helikopter gesprungen. Er hat schlimme Desaster und Unfälle überstanden. Sein Leben ist eine Parabel über das Wiederaufstehen. Es zeigt nicht nur Mut, sondern macht auch welchen.

Und als ob all das nicht genug wäre, um sich mit diesem Buch in eine Ecke zu setzen und erst nach zwei Tagen sprachlos wieder herauszukommen – Jochen Schweizer ist überdies ein wunderbarer Vater, ein loyaler Freund, ein vielseitiger Extremsportler, ein schnell Lernender, ein visionärer Unternehmer, ein leidenschaftlicher Yogi und einfach ein sehr cooler Typ. Nur eins kann er nicht: Langweilen.

Dr. Florian Langenscheidt

Bestsellerautor („Langenscheidts Handbuch zum Glück“), Unternehmer und Angel Investor

Prolog

Warum dieses Buch und kein anderes?

17. Juni 2013, kurz vor Mitternacht, Hamilton Mesa, Colorado, USA. In the middle of nowhere, auf einem Gebirgsplateau in 3500 Metern Höhe, liege ich auf dem Rücken, zwischen mir und dem unglaublichen Sternenhimmel des amerikanischen Westens nur die dünne Zeltplane. Cowboyromantik. Eben noch haben wir am Lagerfeuer gesessen und ein Colorado Native Beer getrunken, während die letzten Sonnenstrahlen den Mount Wilson zum Glühen brachten. Jetzt bin ich hundemüde – und kann doch nicht schlafen. Zu kurz war die Zeit, um sich an die große Höhe zu gewöhnen; erst vor zwei Tagen bin ich aus Europa hier angekommen. Außerdem dringen aus dem Nachbarzelt Geräusche, als würde dort jemand alle umstehenden Nadelbäume zersägen. Es ist Jan Ullrich, der ehemalige Tour de France-Sieger, der nach der 60 Kilometer langen Tagesetappe hinauf in die Berge Colorados hörbar kein Problem mit seiner Nachtruhe hat.

Ich bin Mitglied eines ganz besonderen Pelotons. Der Reiseveranstalter Tilmann Held hat mich eingeladen, ihn auf der achttägigen Exklusiv-Tour „Mountain to Desert – away with the Champs“ zu begleiten. Mit von der Partie sind neben dem Olympiasieger und Weltmeister Jan Ullrich, den hier alle nur Ulle nennen, auch einige bekannte Journalisten, darunter Christof Siemes, Kulturredakteur bei der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der liegt nun neben mir und kann so wenig schlafen wie ich, obwohl uns beiden die vielen Höhenmeter der heutigen Etappe in den Knochen stecken. Also beginnen wir, uns Geschichten aus unserem Leben zu erzählen. Da ich im Laufe der Jahre einiges erlebt habe, sind wir im Morgengrauen immer noch nicht fertig – und fassen gemeinsam einen Entschluss: Meine Geschichte vom Hinfallen und Wiederaufstehen aufzuschreiben.

Drei Jahre zuvor, zur Frankfurter Buchmesse im Jahr 2010, habe ich bereits den ersten Teil meiner Autobiografie veröffentlicht. „Warum Menschen fliegen können müssen“ erzählt die Geschichte meiner Herkunft, meiner frühen Abenteuer und meiner Anfänge als Unternehmer; das Buch endet am Dreikönigstag 2004, als ich nach einer Katastrophe, die mein ganzes Leben verändert und für immer prägen wird, den Neuanfang wage. Lange kann ich mir nicht sicher sein, ob mein Versuch, wieder auf die Beine zu kommen, auch gelingen wird. Doch nun zeichnet sich ab, dass ich es fertigbringen kann, etwas Großes, Nachhaltiges zu schaffen. Und darüber möchte ich schreiben. Weil ich in vielen Gesprächen immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass andere Menschen aus meiner Lebensgeschichte für sich selbst Kraft gewinnen können.

Christof bestärkt mich in diesem Vorhaben, aber bevor wir uns ans Werk machen können, müssen wir erst einmal die Tour zu Ende bringen, noch ein paar Hundert Kilometer mit Mountainbike und Rennrad durch diese Bilderbuchlandschaft, entlang des Dolores River, über den steilen Pass am Ende des John Brown Canyons hinüber in die Moab Wüste und ihre rot glühenden Felsmonumente. Einmal gelingt es mir dabei sogar, unseren Champ Ulle abzuhängen, der zwar inzwischen zehn Kilo mehr wiegt als zu seiner aktiven Zeit, aber immer noch jeden von uns mit einem kleinen Antritt ganz alt aussehen lassen kann. Doch auf einem der breiten Schotterwege kurz vor einer Anhöhe trete ich an und fliege mit einem dicken Grinsen im Gesicht an ihm vorbei. Fassungslos schaut er mich an – er weiß ja nicht, dass ich mich die letzten zwei Kilometer vom Begleitfahrzeug habe ziehen lassen und nun dessen Schwung für meine Attacke nutze. Als Vollblutsportler fühlt er sich jedenfalls herausgefordert und macht nun seinerseits ernst – den Rest können Sie sich denken. Aber für ein paar Hundert Meter habe ich vor dem Champion gelegen, der im Übrigen der angenehmste Reisegefährte ist, den man sich denken kann.

Zurück in Deutschland, machen sich Christof und ich im Jahr darauf ans Werk. Auf der Grundlage ausführlicher, sehr persönlicher Gespräche entsteht ein erstes Manuskript, das ich überarbeite und das schließlich vom Verlag Gräfe und Unzer angenommen wird. Die stellvertretende Verlagsleiterin Regina Denk entdeckt in unserem Text ein Thema, dessen ich mir in dieser Deutlichkeit nicht bewusst war: Resilienz, die Fähigkeit des Menschen, mit Krisen fertig zu werden. Ich habe im Laufe meines Lebens eine ganze Reihe schwerer Niederlagen wegstecken müssen – ernsthaft aus der Bahn geworfen haben sie mich nie. Warum das so ist? Davon handelt dieses, mein zweites Buch.

Es ist also nicht der ursprünglich geplante zweite Teil meiner Autobiografie geworden, auch wenn es natürlich Ereignisse aus den letzten Jahren behandelt. Ich hatte ein Ziel – aber wie ich es im Folgenden auch beschreibe: Ziele sind nicht statisch, sie verändern sich, und damit verändern sie uns. Dieses Buch ist ein anderes geworden und ich mit ihm. Zwar erzähle ich auch, was mir in den Jahren 2004 bis 2015 widerfuhr. Aber wichtiger – und für Sie vielleicht interessanter und hilfreicher – sind die Erkenntnisse über Erfolg und Misserfolg, Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe und die ich in meiner Sprache an Sie weitergeben möchte.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei Christof Siemes für die gute Zusammenarbeit und bei Regina Denk – dafür, dass sie das verborgene Potenzial dieser Geschichte erkannt und mir geholfen hat, es an die Oberfläche zu holen.

München, im Juni 2015

Jochen Schweizer

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WARUM ICH WEISS, WOVON ICH REDE …

„Selbsterkenntnis ist der Anfang von Weisheit, die das Ende der Angst bedeutet“

KRISHNAMURTI

Unternehmer des eigenen Lebens werden

New York, vor vielen Jahren

10. Juli 2004. Ein heißer Sommertag. Ich stehe in einer Suite des Mandarin Oriental Hotels am Columbus Circle in New York City. Der Blick aus den riesigen Panoramafenstern in der 52. Etage auf den Central Park und die Skyline von Manhattan ist atemberaubend. Ich aber habe keine Zeit, die Aussicht zu genießen, darum bin ich nicht hier ...

Ich bin hergekommen, weil vor genau einem Jahr, am 20. Juli 2003, mein Leben aus den Angeln gehoben wurde. Nun, nur 355 Tage später, stehe ich vor einem Neuanfang – und gleichzeitig mit dem Rücken zur Wand. Um meine Pläne für die Zukunft in die Tat umzusetzen, brauche ich dringend Geld, viel Geld, über eine Million Euro. Damit will ich einen Traum verwirklichen, von dem ich glaube, dass er groß ist. Er könnte meine Rettung sein und ist die vielleicht letzte Chance, mein Leben noch einmal zu drehen.

Meine Idee: Eine völlig neue Art von Produkt, etwas, das es so bisher noch nicht gab und das die Frage „Was soll ich schenken?“ besser beantwortet als alles, was sich so kaufen und einpacken lässt. Eine einfache Box, die nicht etwa einen Gegenstand enthält, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten, eigene Erfahrungen zu machen. Ich möchte Erlebnisse zu einem Handelsprodukt und somit verschenkbar machen.

Vor mir in den cremefarbenen Sesseln sitzen fünf Männer. Sie haben, was mir fehlt, um den entscheidenden Schritt nach vorne zu gehen: die notwendigen finanziellen Mittel. Es sind Private Equity Investoren, millionenschwere Geschäftsleute, die etwas von ihrem Vermögen in junge Unternehmen stecken, um nach ein paar Jahren, wenn die Firmen erfolgreich sind, ein Vielfaches davon zurückzubekommen. Man könnte sagen: Für sie ist die Million, die ich brauche, einfach nur Spielgeld. Nicht mehr. Deshalb habe ich alles auf diese eine Karte gesetzt und trotz der Ebbe in meiner Kasse auf eigene Kosten einen Flug nach New York gebucht, um diese Männer für meinen Traum zu begeistern.

Eine halbe Stunde hören die Investoren zu, dann ergreift einer von ihnen das Wort. „Junger Mann“, höre ich, „wir glauben nicht, dass man Erlebnisse handeln kann. Und übrigens: Sie werden auf Ihrer Suche nach Geldgebern für diese Idee auf einen Haufen Leute treffen, die zwei Dinge besitzen, die Sie nicht haben, Herr Schweizer – erstens Zeit und zweitens Geld.“

Ich weiß gar nicht, was mich tiefer trifft, die Ablehnung als solche oder der herablassende „junge Mann“, der ich mit meinen 47 Jahren definitiv nicht mehr bin. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit leeren Händen und noch leereren Taschen wieder nach Hause zu fliegen.

An dieser Stelle hätten vermutlich die meisten Menschen das Handtuch geworfen. Kritik und Ablehnung für die eigene Sache zu erfahren kostet Kraft, viel Kraft, und manchmal kann es einen aus der Bahn werfen. Ich persönlich habe in Rückschlägen immer eine Herausforderung gesehen, ganz nach dem Motto: Jetzt erst recht! Als ich nach meiner Katharsis neu startete, sagte ich trotzig: „100 Millionen – mit dieser Idee mache ich 100 Millionen Umsatz!“ Und alle haben erst mal gelacht!

Heute gibt es für diese innere Einstellung sogar einen Fachbegriff: „Resilienz“. Er stammt vom lateinischen Wort „resilire“, was zurückspringen, aber auch abprallen bedeutet. Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit, die es dem Menschen erlaubt, Extremsituationen und tiefe Krisen zu meistern, ohne daran zu zerbrechen. Die negativen Einflüsse prallen gleichsam am resilienten Charakter ab; selbst wenn ihn etwas aus der Bahn zu werfen droht, springt er zurück in die Erfolgsspur. Es gibt viele Faktoren, die diese Widerstandsfähigkeit beeinflussen, das familiäre und kulturelle Umfeld, die angeborene Intelligenz und Charakterstärke. Entscheidend aber für die Resilienz ist die emotionale Intelligenz, die Fähigkeit, Gefühle und Handlungen kontrollieren und eine aktive Haltung zu den Herausforderungen einnehmen zu können. Der resiliente Charakter lässt sich von Krisen nicht entmutigen, sondern arbeitet sich lösungsorientiert aus ihnen heraus. Oft sind es Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, die eine hohe Resilienz entwickeln. Ihre Lebensumstände – meist geprägt von Armut, Gewalt, Krieg, Flucht – scheinen niederschmetternd, aber Kinder lernen rasch, diesen Widrigkeiten zu widerstehen und sich immer neue Wege nach vorn, in eine bessere Zukunft zu suchen. Und auch Erwachsene haben diese Fähigkeit und können an ihr, mit ihr arbeiten.

Die Herausforderungen auf meinem Weg mögen sehr speziell gewesen sein, und die Lösungen, die ich für mich fand, sind für viele andere vielleicht nur schwer in die Praxis umzusetzen. Aber eins gilt für uns alle gleichermaßen: Resilienz kann man lernen und trainieren. Sie hilft einem dabei, sich von seinem Weg nicht abbringen zu lassen und die eigenen Ziele zu verwirklichen.

Zehn Jahre, acht Monate und 15 Tage nach meinem New York-Abstecher hat sich das Blatt gewendet. Heute sitze ich selbst in einem bequemen Leder-Sessel, ein halbes Dutzend Kameras ist auf mich gerichtet. Es ist der letzte von drei Drehtagen in „Die Höhle der Löwen“, einer Fernsehshow des Senders VOX, in der Firmengründer die Chance bekommen, ihr Produkt, ihr Geschäftsmodell fünf erfolgreichen Unternehmern – den „Löwen“ – zu präsentieren. Sind die von einer Idee überzeugt, geben sie dem Gründer Geld für den Auf- und Ausbau seines Unternehmens und bekommen im Gegenzug Anteile an seiner Firma. Heute bin ich nicht mehr der Bittsteller mit einer Geschäftsidee, ich bin der „Löwe“ mit dem Eigenkapital ...

Wie mir das gelingen konnte, wie ich es auf die andere Seite geschafft habe, wie ich vom Investitionssuchenden selbst zum Investor in einem guten Dutzend Start-Ups, vom Firmengründer zum Eigentümer von über 20 Unternehmen wurde – davon handelt dieses Buch.

Vor allem aber handelt es davon, wie man sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt. Davon, dass es Scheitern eigentlich gar nicht gibt, sondern lediglich neue Situationen, die man als Herausforderungen annehmen kann. Davon, was man tun muss, um ihnen gewachsen zu sein. Wie man lernen kann, stark zu werden und die kleinen und großen Lebenshürden zu meistern. Davon, was man braucht, um sein Glück zu finden. Und schließlich will ich davon erzählen, wie perfekte Momente einem immer wieder neuen Antrieb geben.

Man muss nicht zwangsläufig selbstständig oder gar ein Unternehmer sein, um von meinem Erfahrungsschatz profitieren zu können. Was mich das Leben gelehrt hat, kann sich jeder Mensch zu eigen machen, ganz unabhängig von Alter, Beruf oder Einkommen.

Meine Biografie soll lediglich als Beispiel dienen. Denn sie steckt voller Extreme, voller Berg- und Talfahrten. Voller Momente, in denen ich mich immer wieder neuen Herausforderungen stellen und meine Kräfte für das Abenteuer Leben sammeln musste. Und sie ist die einzige, die ich kenne.

Haben Sie also keine Angst! Sie müssen keinen Weltrekord im Bungee-Springen aufstellen, keine Firmengruppe mit über 500 Mitarbeitern führen und nicht Millionen in andere Unternehmen investieren können oder wollen. Dennoch wird Ihnen meine Geschichte etwas für Ihr Leben mitgeben. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch mehr aus sich machen kann, als er selbst zunächst glaubt. Er braucht dafür den Willen, sich wirklich anzustrengen, und die Bereitschaft, Unsicherheit in Kauf zu nehmen, ins Risiko zu gehen. Dafür bin ich der lebende Beweis und, wenn Sie so wollen, der beste Motivator.

Denn auch ich selbst bin nicht als der Löwe zur Welt gekommen, als der ich nun im Fernsehstudio sitze und selbstbewusst gute Ratschläge erteile. Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Und ob Sie es glauben oder nicht – ich, der Stuntman, der Extremsportler, dem kein Sprung zu tief, keine Wand zu steil, kein Fluss zu wild sein kann, hatte Höhenangst. Aber ich war nicht bereit, mich von dieser Furcht kontrollieren zu lassen. Ängste hindern uns daran, das Geschenk des Lebens ganz zu genießen, perfekte Augenblicke zu erleben und das zu sein, wozu wir geboren sind: frei. Wir müssen nur eins lernen: dem, was uns einschränkt, das Einzige entgegenzustellen, das wir wirklich besitzen – unseren Willen!

Vielleicht, weil ich als Kind einige Jahre eine Waldorfschule besuchte, kommt mir beim Blick auf meinen eigenen Lebensweg Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ in den Sinn. Der Begründer der Anthroposophie entwirft darin seine Vorstellung des wahrhaft „freien Menschen“, der nicht an Vorhersehung, höhere Mächte oder die unbedingte Gültigkeit gesellschaftlicher Normen glaubt, sondern alles bei sich selbst findet: Erkenntnis, Werte, den Sinn des Lebens. „Was hat der Mensch für eine Aufgabe im Leben?“, fragt Steiner und antwortet: „Die, die er sich selbst setzt. Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle. Ich trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.“

So habe ich es auch immer empfunden und danach gehandelt: Natürlich bestimmen zunächst äußere Faktoren meine Existenz, wann, wo, von wem ich geboren wurde, hinein in welche Umgebung, in welche Gesellschaft. Aber als freier Mensch liegt es an mir, in mir, was ich daraus mache. Ich selbst bestimme die Marschroute meines Lebens. Der freie Mensch, schreibt Steiner, „handelt, wie er will; und er empfindet die Erreichung dessen, was er will, als seinen wahren Lebensgenuß.“ Auch das habe ich in meinem Leben immer wieder ganz praktisch erfahren: Dass nichts so befriedigend und erfüllend ist wie ein selbst gesetztes Ziel zu erreichen, sei es im Sport, im Privatleben oder im Business.

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Ein Kandidat in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ überzeugt mich, wenn ich spüre: da will einer wirklich was erreichen

Köln, viele Jahre später

Mit diesem Willen, aus mir selbst heraus etwas bewegen zu wollen, bin ich nicht alleine auf diesem Planeten. Ich habe ihn hier in Köln, in den MMC Studios während der Dreharbeiten zu „Die Höhle der Löwen“ schon bei vielen Menschen gespürt. Dutzende Gründer habe ich im Laufe der bislang zwei Staffeln kommen und gehen sehen. Zwar entdecke ich nur bei wenigen Kandidaten eine Chance und Aufgabe für mich persönlich. Aber allein die Zahl der Bewerber hat mir gezeigt, wie viel Potenzial in diesem Land steckt. Die Sendung zeigt einem Millionenpublikum, dass es gar nicht so schwer ist, selbst etwas auf die Beine zu stellen.

In „Die Höhle der Löwen“ erfährt man auf unterhaltsame, anschauliche und sehr persönliche Weise eine Menge darüber, wie die Welt funktioniert, in der wir leben und in der wir täglich Entscheidungen zu treffen haben, große und kleine.

Sagen Sie jetzt nicht: Das ist doch Fernsehen, die Bewerber gibt es bestimmt nicht in echt, das sind sicher Schauspieler und das hier ist „just TV“! Ja, es stimmt, „Die Höhle der Löwen“ ist Entertainment. Aber die Show ist viel näher an der Realität, als die Zuschauer vielleicht vermuten, und ebenso sind es die Menschen darin.

Es geht um die Zukunft der Kandidaten, und es geht um echtes Geld – mein Geld. Mehr als eine Million Euro habe ich inzwischen in Menschen und ihre Ideen gesteckt, von denen ich nicht mehr wusste, als sie mir während der 60 Minuten vor der Kamera erzählt haben.

Was braucht ein Kandidat, um mich innerhalb dieser kurzen Zeitspanne zu überzeugen? Für mich ist der Mensch entscheidend. Businessplan, Markt und Produkt/Dienstleistung sind die Variablen eines Geschäftsmodells. Sie verändern sich, müssen sich laufend verändern. Der Gründer, sein Charakter, seine Energie, sein Wille sind die am Ende entscheidenden Faktoren. Er muss bestimmte Führungseigenschaften vorweisen, die nicht jeder hat. Insbesondere die nötige Energie, um die Extrameile zu gehen. Dazu Empathie, und die Fähigkeit, andere zu begeistern und ein Team zusammenzuhalten. Er benötigt die Fähigkeit, Partner für strategische Allianzen zu gewinnen. Idealerweise ist er offen für Beratung.

Und ich muss spüren, dass der Mensch, der vor mir steht, will und kann. Die beste Idee, das intelligenteste Geschäftsmodell bringt nichts, wenn der Unternehmer dahinter nicht in der Lage ist, auf die sich ständig wandelnden Gegebenheiten des Marktes zu reagieren. Im Zweifel investiere ich lieber in einen schlauen Kopf oder eine starke Persönlichkeit, denn selbst der perfekteste Businessplan ist meist schon überholt, bevor die letzte Zahl gerechnet ist.

Es gibt vier Investment-relevante Faktoren: 1. Gründer, 2. Markt, 3. Produkt/Dienstleistung und 4. Businessplan. Der Businessplan zeigt, wie realistisch sich der Gründer mit Markt und Wettbewerb auseinandergesetzt hat, ist für mich dann aber weitgehend nur eine Absichtserklärung. Aus Erfahrung wissen die meisten Unternehmer, dass die Inhalte des Plans in der Realität später häufig nicht so umgesetzt werden können. Denn Faktoren wie Markt und Produkt oder Dienstleistung sind extrem variabel.

Die einzige relativ verlässliche Größe ist Punkt 1 – ein starker Gründer. Oder ein sich heterogen ergänzendes, schlagkräftiges Gründerteam. Denn am Ende des Tages geht es darum, laufend die drei verbleibenden Faktoren zu gestalten und immer wieder neu aufeinander abzustimmen.

Und so verhält es sich auch mit dem Leben. Wie vorausschauend man sich auch anstellt – ein Erfolgsrezept gibt es weder für berufliche noch private Pläne, so sehr wir uns das auch wünschen. Felsenfest habe ich immer an meine Idee eines neuen Handelsprodukts, einer ganz neuen Warengruppe im stationären Einzelhandel – der Erlebnis Geschenkbox – geglaubt und mit diesem unerschütterlichen Glauben schließlich tatsächlich Berge versetzt. Aber eine Garantie konnte auch ich niemandem geben. Letztlich ist Erfolg immer auch eine Verabredung mit dem richtigen Zeitpunkt. Aber der Dreh- und Angelpunkt sind wir selbst. Versucht man es lange genug und immer wieder neu, dann kommt irgendwann auch der Zeitpunkt, der den Erfolg zulässt. Wie es klappen kann, erfolgreicher Unternehmer des eigenen Lebens zu werden – darüber berichte ich auf den kommenden Seiten. Nur so viel schon vorweg: Es ist unabdingbar, hart zu arbeiten und bereit zu sein, einen Schritt mehr zu tun als alle anderen. Der resiliente Mensch nimmt sein Schicksal selbst in die Hand.

Ich engagiere mich bei „Die Höhle der Löwen“ nicht nur, um anderen zu helfen, sondern verfolge handfeste eigene Interessen. Ich wäre nicht ich und säße heute nicht in dieser Jury, wenn ich nicht weiter und weiter auch an meinen eigenen Zielen arbeiten würde. Die Sendung ist für mich eine der Möglichkeiten, die Erlebnismarke Jochen Schweizer bekannter zu machen und etwas vom eigenen Erfolg an Gründer weiterzugeben. Umgekehrt profitiert der Sender wie die Show von meiner unternehmerischen Expertise, der Kommunikationsreichweite meiner Firma und der Bekanntheit meines Namens. Allein 1,6 Millionen meiner Kunden haben den Erlebnisnewsletter abonniert, in dem wir regelmäßig auch über „Die Höhle der Löwen“ berichten. – Ein guter Deal für beide Seiten also. Dabei war es für mich überraschend zu lernen, dass zwar einem Großteil der deutschen Bevölkerung „Jochen Schweizer“ etwas sagt – aber vielen meiner bisher 4,5 Millionen Kunden wird nun zum ersten Mal klar: Die Person Jochen Schweizer gibt es wirklich! Wer noch nicht wusste, dass es hinter der Firma einen echten Menschen aus Fleisch und Blut gibt, lernt mich nun kennen. Und wird schnell merken, dass es sich nicht um ein Kunstprodukt wie zum Beispiel „Jack Wolfskin“ oder „Jeff Green“ handelt. Die Marke „Jochen Schweizer“ ist die Verkörperung dessen, was ich mein Leben lang getan habe und weiterhin tue: das Leben im Erleben auszukosten bis an seine Grenzen und darüber hinaus, sosehr und so oft ich nur kann. Dieses Gefühl, den besonderen Moment zu spüren, das will ich mit Erlebnissen und Erlebnisgeschenken für jeden Einzelnen möglich machen. Und mit diesem Buch will ich noch etwas mehr.

Vom Geben und Nehmen

Als ich damals das Mandarin Oriental mit leeren Händen verließ, hatte ich eine Niederlage erlitten. Aber sie war zugleich eine Chance: Ich musste mich nach neuen Geldgebern umschauen und habe sie gefunden. Menschen, die an mich und meine Idee glaubten. Sie haben mir am Ende mehr gegeben, als Geld und Zeit – ihr Vertrauen. Dafür will ich mich heute erkenntlich zeigen. Nicht mehr ihnen gegenüber – bis auf zwei Freunde habe ich alle meine Investoren von damals längst ausbezahlt. Nein, das Gleichgewicht will ich auf andere Art wiederherstellen.