Über dieses Buch:
Paris, 1822. Mit ihrem virtuosen Klavierspiel und einer Stimme wie Samt steigt Marie-Thérèse am Königshof auf wie ein leuchtender Stern. Aber ist die blinde Pianistin vielleicht nichts anderes als ein Spielball ihres machthungrigen Onkels? Auch dem jungen Arzt Petrus Cocquéreau gibt sie Rätsel auf: Mit seiner Gabe für die Hypnose kann er Menschen tief in die Seele blicken, Marie-Thérèse jedoch scheint eine undurchdringliche Mauer um sich errichtet zu haben. Warum verwickelt sie die Zwillingsbrüder Ludwig und Philippe von Oberkirch in ein ebenso kokettes wie gefährliches Spiel? Als Ludwig bald darauf ermordet aufgefunden wird, beginnt Petrus zu begreifen, dass Marie-Thérèse ein dunkles Geheimnis umgibt, das auch ihn das Leben kosten könnte – und dennoch kann er sie nicht aufgeben…
Über den Autor:
Andreas Liebert ist Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt 18. und 19. Jahrhundert. Seit Jahren arbeitet er als Schreibcoach für eine bundesweite Romanwerkstatt, gleichzeitig engagiert er sich als Lehrkraft im zweiten Bildungsweg.
Bei dotbooks veröffentlichte Andreas Liebert auch seinen Regio-Weinkrimi »Schwarze Reben« sowie seine historischen Romane »Die Töchter von Sankt Petersburg«, »Das Blutholz«, »Die Töchter aus dem Elbflorenz«, »Corellis Geige«, »Die Tochter des Komponisten«, »Die Hexe von Rothenburg« und »Die Hexe von Tübingen«.
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eBook-Neuausgabe März 2020
Dieses Buch erschien bereits unter dem Titel »Der Hypnotiseur« 2004 im Aufbau Verlag und 2013 bei dotbooks.
Copyright © der Originalausgabe 2004 Aufbau Verlag, Berlin
Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/Thomas Launois, Zea_hanet
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-95520-298-9
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Andreas Liebert
Die Pianistin von Paris
Roman
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Ich bin Petrus – und stand im Ruf, ein zu weiches Herz zu haben. Und dies allein deswegen, weil ich mich gegen die Gepflogenheiten wehrte, sogenannte Unbotmäßige in Zwangsjacken zu stecken, sie unmäßig zur Ader zu lassen oder sie unter kalten Duschen festzuschnallen und mit Opium zu betäuben.
Ich arbeitete im Pariser Vorort Charenton im Hospiz der Barmherzigen Brüder, wo noch heute einfache Sonderlinge wie auch schwer Geistesgestörte aus dem Bürgertum und niederem Adel einquartiert sind – wie zum Beispiel einst der von gewissen Libertins als »göttlich« gepriesene Marquis de Sade. Vor der Revolution galt diese kirchliche Einrichtung als mustergültig, damals freilich, ich spreche vom Jahr 1822, zeichnete sich die Irren-Priorei von Charenton nur noch durch die hohen Beträge aus, die den Familien für ihre dort lebenden »Pensionäre« abgeknöpft wurden. Eine fortschrittliche Psychiatrie gedieh anderenorts, und so kam es zwangsläufig dazu, dass ich nach zwei Jahren Dienst entsprechend desillusioniert war.
Indes, so interessant es wäre, über Charenton und seine »Barmherzigen Brüder« zu berichten, ich möchte davon nur erzählen, was für mich wichtig war. Denn meine Geschichte ist die eines Hypnotiseurs, der weit über ein Jahrzehnt gleichsam selbst hypnotisiert gewesen war und dreißig Jahre alt werden musste, um wieder selbstbewußt zu seiner suggestiv-hypnotischen Gabe zu stehen und mit ihr umzugehen. Darum ist meine Geschichte auch eine über Marie-Thérèse, die Liebe und mörderische Leidenschaften. Und nicht zuletzt eine über die Pariser Polizei, der ich mit meiner Gabe half, Verbrechen aufzuklären – was freilich alles erst möglich wurde, als ich im Herbst 1822 vom Prior des Hospizes in Charenton entlassen wurde.
Hatte ich mir etwas zuschulden kommen lassen?
Nein.
Andererseits, ja.
Jedenfalls begann alles mit einer Rangelei und zwei beißwütigen Hunden.
Es war Ende August, ein hochsommerlicher Freitagnachmittag. Da ich nicht zur Bereitschaft eingeteilt war, freute ich mich darauf, das Wochenende in Paris verbringen zu können.
In wenigen Stunden würde ich über die grünen Boulevards flanieren, auf denen die herausgeputzten Pariserinnen den Augen so gut schmecken wie dem Gaumen Wiener Konfekt. Es störte mich wenig, dass der Glanz der Kaiserzeit verblichen war und sich die Stadt mit ihrem Anspruch, Mittelpunkt der Welt zu sein, schwertat. Doch ob nun im Palais Royal die Holzgalerien vor sich hinrotteten oder Napoleons Triumphbogen am Ende der Champs Elysées abwechselnd aufgebaut und dann wieder niedergerissen wurde, die Verlockungen der Geschäfte, die Restaurants und Märkte, Kirchen, Paläste und Parks - all das ist verglichen mit der dörflichen Einöde Charentons wie pures Gold. Ich brauchte nur an die Cafés denken, in denen man so behaglich lauschen, lesen und sinnieren konnte, schon wurde mir warm ums Herz. So indiskret und verleumderisch die Pariser Zungen auch sein mochten und so schlecht das übrige Frankreich die moralischen Qualitäten der Pariser beurteilte, für mich gab es keinen geeigneteren Ort der Welt, um die Schatten der Vergangenheit zu vergessen.
Wenn ich durch Paris` Gassen spazierte oder über die Boulevards flanierte, dann wurde ich Teil der Seele dieser Stadt und bildete mir ein, nicht nur die in jedem Stadtführer aufgeführten Bauwerke zu lieben, sondern auch die Reize seiner ganz banalen Lebendigkeit: etwa die Armeen seiner Kamine, die Blumentöpfe auf den Fenstersimsen oder die Wachsdecken auf den Tischen der Straßencafés. Selbst der zuweilen knöchelhohe Pferdemist störte mich nicht, genauso wenig die rostigen Straßenlaternen, deren ausströmendes Gas nicht minder stinken konnte wie die entsetzlichen Latrinen von Montfaucon.
Aber eben Paris, seine Menschen! Ihnen zu lauschen und zuzugucken, sie zu erleben – für mich ist dies auch heute noch ein Abbild des Universums: rotwangige Laufburschen, die von Pontius zu Pilatus rennen, Büroangestellte mit makellosen Manschetten und Gesichtern wie zerknülltes Papier, die schiefen Münder der Spieler und Absahner, die frisch ondulierten Hochstapler, die Karrieristen mit Spiegelglatzen. Oder die torkelnden Säufer, desillusionierten Soldaten, die lüsternen und schwitzigen Dickerchen, die gehetzten Liebhaber und Betrüger, die langhaarigen Heuchler oder erfolglosen Künstler, hinter deren melancholischen Augen stets der Hochmut blitzt.
Und erst die Frauen! Weiber, fett, faul und gefräßig wie Karpfen in einem See, aber auch dürre und fade Xanthippen. Dann Weibchen, so fein wie Porzellan, Schönheiten, die mit den Blumen der ganzen Welt wetteifern, aber habsüchtig sind wie verrückt gewordene Hamster. Pariser Frauen! Fremdgängerinnen, Büßerinnen, verschlagene Dummgänse, brillante Rhetorikerinnen, gutmütige Schafe, Einsame, Schwindsüchtige, Flehende, derbe Arbeiterinnen und gleichgültige Betthasen. Kurtisanen mit Tripper, Dirnen mit Syphilis, zahnlose Greisinnen, kluge Beobachterinnen.
Pariser Männer, Pariser Frauen – eitel sind sie alle, und ich selbst bin keine Ausnahme: Schlank und breitschultrig gewachsen, achte ich auf saubere Rasur und habe eine Vorliebe für feste Stoffe. Meine Anzüge und Hemden duften stets ein wenig nach Jean-Marie Farinas Eau de Cologne, dessen leichte Zitronen-Bitterorange-und-Bergamotte-Kreation mir einen vornehmen und sauberen Eindruck verleihen sollen. Schon Napoleon hat diesen Duft vor allen anderen geschätzt.
»Ihm half es, polnische Gräfinnen zu erobern, mir nützt es, um von meiner Narbe abzulenken.«
So pflegte ich zu antworten, wenn ich auf meinen Duft angesprochen wurde, und wischte mit dem Rücken meines Zeigefingers flüchtig über meine rechte Wange – ganz so, als wolle ich damit andeuten, dass meine Wangennarbe über ihre Äußerlichkeit hinaus auch meine Persönlichkeit und Seele zeichne.
Was mich hingegen wirklich von anderen unterscheidet, ist meine dichterische Redekraft, die sich aber nur dann entfaltet, wenn ich neben meiner Stimme auch meine Augen einsetzen kann. Marie-Thérèse meint heute, meine Augen seien kastanienbraun, damals jedoch ein wenig heller, nämlich haselnußbraun gewesen. Ich kann es nicht beurteilen, aber da Natur und Schicksal mir nun einmal beschieden hatten, als Hypnotiseur zu wirken, paart sich die Farbe meiner Augen mit außergewöhnlicher Klarheit. Passend dazu wurde ich – so Marie-Thérèse, die es vor allen anderen beurteilen kann – mit einer wohltemperierten Samtstimme beschenkt, die so warm und magisch wirke, wie ein »Ballett dunkler Edelsteine«.
Kurz und gut, eigentlich hätte ich damals, im Sommer 1822, ein überaus erfolgreicher Psychiater sein müssen: mit einer großen Praxis an einer der Boulevards, einem Dutzend Angestellten, eigenem Fuhrpark und einer schönen Gattin. Die Wahrheit ist eine andere: Mein von den Geisteskranken so geschätztes weiches Herz, meine Bescheidenheit und die Last, die auf meiner Seele lag, hatten damals jede Karriere verhindert. Ich war mit meinen dreißig Jahren nur ein einfacher Psychiater, der weder gut noch schlecht verdiente, wenig Geld ausgab und sich in diesem August 1822 hauptsächlich damit beschäftigte, einen geeigneten Verlag für einen Gastronomieführer ausfindig zu machen.
Natürlich leistete ich mir auch dann und wann ein Mädchen, schließlich war ungebunden, aber das soll in keinem Fall heißen, ich verdiente das Schimpfwort »Hurenbock«. Andere Zeitgenossen, wie zum Beispiel mein Chef Roger Collard, trieben es ärger. Er prahlte oft damit, dass er beim Eintritt in ein Etablissement die häßlichste Hure auswähle, die er finden könne, und sie dann, den Zylinder noch auf dem Kopf und eine Zigarre im Mund, vor aller Augen vögele. Sich derartig zu vergnügen war mein Geschmack nicht! Trotzdem widersprach ich nicht, als Collard einmal feststellte: »Wir, Petrus, müssen sogar in die Puffs. Denn erstens dienen unsere Besuche mehr der Selbstfindung und Befreiung als der Befriedigung, und zweitens sind sie schlicht und einfach notwendig, um unter den Barmherzigen Brüdern zu überleben, anders gesagt, um nicht selbst verrückt zu werden.«
Ich hatte bereits angedeutet, dass die Methoden der Irrenbehandlung in Charenton antiquiert waren – was vornehm ausgedrückt ist. Tatsächlich hatten sie mehr mit Barbarei zu tun. Die humanistischen Therapien des Pariser »Irren-Papstes« Philippe Pinel und seines Schülers Jean Etienne Dominique Esquirol fanden keine Anwendung, was bedeutete, dass zum Beispiel Tobsüchtige nach wie vor von den Barmherzigen Brüdern mißhandelt wurden. So war es an der Tagesordnung, bereits leichte Aufsässigkeiten mit dem Ochsenziemer zu ahnden. In gesteigerten Fällen wurde bis zur Bewußtlosigkeit zur Ader gelassen, und nach wie vor gab es »Brüder«, die für ein paar Sous ihre Schützlinge zur Belustigung gelangweilter Touristen wie Affen an der Kette vorführten.
Alle zwei, drei Tage passierten irgendwelche Exzesse, und an jenem Freitagabend war es wieder besonders schlimm gewesen.
Wie gesagt, ich wollte nach Paris.
Zuvor hatte ich einem der »Schließ-Brüder« eine saftige Standpauke halten müssen, weil dieser einem Dementen, der bei der Essensausgabe nicht mit ihm beten wollte, den Ochsenziemer durchs Gesicht gezogen hatte. Immerhin, wenigstens versprach der »Bruder« für die Zukunft behutsameren Umgang. Aber, hatte er zu bedenken gegeben, beim Beten müsse sich auch ein Dementer zusammenreißen.
»Die Hände zu falten und einmal Amen zu brabbeln – Herrgott, das darf ein Barmherziger Bruder doch verlangen. Oder nicht? Schließlich haben wir dafür zu sorgen, dass auch Pensionäre ihren Anteil am Glauben, der Kirche und dem Himmelreich bekommen.«
»Einem Dementen können Glauben, Kirche und Himmelreich aber niemals mit dem Ochsenziemer vermittelt werden. Zur Hölle mit dem Ding!«
Ich war ich noch immer aufgebracht, als ich auf dem Marktplatz in den Coiffeur-Salon trat - ein Laden, der genau wie das Hospiz noch nicht im 19. Jahrhundert angekommen war. Mich erinnerte er an die Coiffeur-Kaschemmen des Ancien Regime, wie sie einst Mercier geschildert hatte: Die verschmierten Fensterscheiben wehrten erfolgreich das Tageslicht ab, waren überdies mit einer feinen Schicht Puder überzogen. Spinnen hingen leblos in weißbestäubten Netzen, in den Ecken der Fensterbänke lagen tote Fliegen. Auf einem rohen quadratischen Tisch stand nebst einer Tonvase voller Kämme und Scheren ein offener Tiegel mit fliegenumschwirrter Pomade. Doch trotz dieser wenig einladenden Staffage hatte Coiffeur Baptiste Marchand Kundschaft: Ein triefäugiger Arbeiter aus der nahen Papierfabrik ließ sich fürs Wochenende rasieren. Frisch eingeseift verharrte er bewegungslos unter einem Wachstuch und krähte mir zu, Meister Marchand sei dabei, warmes Wasser zu holen.
Natürlich hatte ich nicht die leiseste Lust, auch nur eine Minute länger als nötig in dieser Lichtfalle zu warten.
»Verzeihung Monsieur«, sagte ich, »könnten Sie dem Meister bitte ausrichten, sich am Montag mit Werkzeug im Hospiz zu melden?«
Anstelle einer Antwort zerbrach klirrend eine Scheibe. Ich rannte ins Freie und brüllte den drei flüchtenden Jungen hinterher, sie sollten gefälligst stehenbleiben.
»Ihr Feiglinge! Glaubt ihr, ihr seid unsichtbar? Ich kenne euch doch! Hab ich Recht, Sébastien?«
Der Angerufene blieb stehen, mit ihm seine Kameraden. Ich winkte die Übeltäter zu mir.
»Ich habe nicht geworfen«, murrte Sébastien.
Er war der Sohn des Bürgermeisters Soulé, vierzehn Jahre alt und für sein Alter reichlich hoch aufgeschossen. Seine Augen hatten irgendwie etwas Fanatisches an sich, einen harten Glanz, wie ihn auch einige Pensionäre zeigten, die ich zu den Psychotikern zählte.
»Gut, du hast nicht geworfen. Wer dann und wieso überhaupt?«
»Michel. Überhaupt war´s eher ein Unfall. Aber da Marchand ein Hugenotten-Schwein ist, kann es so schlimm gar nicht sein.«
Für den Fortgang der Ereignisse spielt es zunächst keine Rolle, ob Sébastien pöbelhafte Vorurteile hatte oder nicht. Michel sprang ihn wie ein Wolf an und riss ihn zu Boden. Gut zwei Jahre älter und bulliger überschüttete er Sébastien mit allen Schimpfwörtern, die er kannte. Doch Sébastien wollte seine Ehre als Sohn des Bürgermeisters verteidigen. Er nahm den Kampf auf, wild entschlossen, sich nicht bäuchlings aufs Pflaster drücken zu lassen. Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es ihm, einen Katzenbuckel zu machen und schaffte es sogar, sich aus Michels Umklammerung zu befreien, doch der änderte daraufhin seine Taktik und wurde noch ein Stück rabiater.
»Gib auf!«, rief er, packte Sébastien am Arm und drehte ihn ihm auf den Rücken.
»Du dreckiger Krähenfresser!« Sébastien brüllte auf vor Schmerz. »Und doch bist du ein armer dreckiger Krähenfresser!«
»Schluß!«, befahl ich.
An anderen Tagen hätte ich die Jungen sich noch eine Weile prügeln lassen, doch heute war für mich das Maß an Gewalt erschöpft. Michel und Sébastien dachten allerdings gar nicht daran, aufzuhören.
Sébastien ging in die Knie und robbte ein Stück auf dem Pflaster. Michel ließ ihn einen halben Meter krabbeln – aber nur, um ihn plötzlich in den Schwitzkasten zu nehmen und ihm den Kopf brutal in den Dreck zu drücken.
»Kannst du nicht hören?« Michel konnte es offenbar nicht. Also musste er fühlen: Ich riss ihn an den Haaren zurück und verpaßte ihm eine saftige Ohrfeige. Hasserfüllt brüllte Michel auf, während Sébastien sich schniefend und den Tränen nah, den Dreck aus dem Gesicht wischte. »Du fängst dir gleich noch eine ein, Michel!«
»Sie sind tot!« zischte Michel. »Warum mischen Sie sich ein!«
»Was hast du da gerade gesagt, Freundchen? Noch einmal: Was – hast – du – da – gerade – gesagt?«
Überraschung ist ein wesentliches Mittel der Hypnose. Und so klang meine Stimme entgegen Michels Erwartung weder wütend noch aggressiv, sondern nur sanft und weich - ein Effekt, der mehr bewirkte, als hätte ich aus Leibeskräften gebrüllt. Verblüfft riss Michel den Mund auf und starrte mich an, als hätte er eine Erscheinung. Mein Blick tat ein übriges. Was genau dieser suggestiv-hypnotische Blick auslöst, vermag ich nicht zu sagen. Marie Bonet jedoch verdanke ich eine ungefähre Vorstellung davon. Sie beschrieb mir einmal, was sie empfindet, wenn wir Sitzung abhalten - ganz ähnlich muss es also Michel ergangen sein und den vielen anderen Menschen, die ich später hypnotisierte: Sie bilden sich zum Beispiel ein, dass die Augen vor ihnen wie frische Kastanien duften, gleichzeitig erscheinen sie ihnen so klar wie das Wasser eines schmelzenden Eiszapfens.
»Ihre völlige Ruhe«, so Madame Bonet, »überträgt sich fast sofort und lässt in einem die Sehnsucht wachsen, auf der Stelle vor ihnen zu kapitulieren. Gleichzeitig ergreift einen das Gefühl, irgendwo in deinem Kopf habe sich ein Leck aufgetan, aus dem alle Gedanken ins Nirgendwo strudeln.«
Sagte ich eingangs, dass ich meine hypnotische Gabe damals gleichsam eingebüßt hatte, darf dies nicht absolut verstanden werden. Ich räumte ihr nur keinen besonderen Platz ein, weil ich unter einer Art Bann stand, der erst gebrochen werden musste. Mithin war es eher ein aus einer grimmigen Laune heraus geborenes Spiel, dass ich Michel hypnotisierte. Mit fatalen Folgen, wovon später noch zu erzählen sein wird.
Zunächst aber hatte ich Erfolg. Michel war wie gefangen, fast schon gelähmt – nicht aber Sébastien Soulé, dieser hinterhältige Sohn des Bürgermeisters.
»Du bist ein Krähenfresser, Michel«, ahmte er teuflisch geschickt meine Stimme nach, womit er seinen Kombattanten zurück in die Wirklichkeit riss.
Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Denn da Michel noch an meinen Augen hing, glaubte er, ich habe ihn beleidigt. Es nützte nichts mehr, dass ich Sébastien ohrfeigte. Michel rannte davon, als wären die Furien hinter ihm her, und nichts sah danach aus, dass er sich mir schon eine halbe Stunde später wieder in Erinnerung bringen sollte. Wenigstens gelang es mir, Sébastien soweit zu bringen, sich zwischenzeitlich bei Meister Marchand zu entschuldigen. Ich fragte dann noch in der Fischräucherei nach, warum nicht, wie vereinbart gewesen war, mittags die Aale im Hospiz angekommen seien. Die freche Antwort trieb meinen Blutdruck gleich wieder hoch, und als ich kurz darauf Michel wiedertraf, der von zwei Riesenschnauzern begleitet wurde, dämmerte es mir, dass das Schicksal wohl heute Besonderes mit mir vorhatte.
Zwei Hunde. So also sah Michels Rache aus. Die Köter reichten einem ausgewachsenen Mann ein gutes Stück über das Knie, waren also nicht zu groß, aber eben auch alles andere als klein. Das wenig freundliche Trio hatte sich vor meinem Häuschen versammelt – in einer Seitenstraße der Pariser Chaussee, unmittelbar am Rand des Bois de Vicennes.
Bis zur Abfahrt des Omnibus-Wagens nach Paris war es noch eine halbe Stunde. Ich musste mich beeilen.
»Sieh da!«, rief ich launig. »Der Michel und sein Empfangskomitee. Sehr einladend. Richtig nobel.«
Ich tat, als könnte mich nichts einschüchtern, und marschierte, ohne den Schritt zu verlangsamen, auf mein Domizil zu, in der Nase den Duft wunderbar gelbgrüner August-Äpfel. Auf den ersten Blick schienen die Hunde sogar friedfertig, zumindest knurrten sie nicht. Doch Michel war so durchtrieben wie bösartig. Ohne ein Wort zu sagen, haschte er nach meiner Apfeltüte, die prompt zerriss. Die Äpfel fielen in den Sand.
»Du Satan! Ich werde dir zeigen …«
Der erste Schnauzer entschied sich, anzugreifen. Noch einen Apfel in der Hand, hatte ich keine Zeit, länger zu überlegen. Mein Apfel traf den Schnauzer am Schädel. Der Köter jaulte auf und suchte das Weite, nicht so jedoch der andere. Panisch trat ich zur Seite, bückte mich und opferte zwei weitere Äpfel. Doch die trafen nicht, und so konnte ich nur zusehen, wie der Hund allmählich schneller und schneller wurde und schließlich in einem ungeheuren Sprung auf mich zuflog. Ich schlug mit meinem Zylinder um mich, aber eine solche Waffe taugt natürlich nicht gegen ein gefletschtes Hundegebiß. Im ersten Augenblick spürte ich nur den Druck der sich verkrampfenden Kiefer, doch dann kam der Schmerz. Das Viech riss an meinem Arm, grollend, die Schnauze schaumig, Mordlust in den Augen.
Mit dem Mut der Verzweiflung warf ich mich auf den Boden und wälzte mich mit allem Schwung herum. Der Schnauzer kugelte damit in eine Art halbe Rückenlage, wodurch es mir irgendwie gelang, ihm meinen freien Arm auf die Brust zu dreschen und ihn dabei unter mir zu begraben. Ein einziger, unbändiger knurrender und geifernder Muskel lag jetzt unter mir, aber meine Schenkel waren wie ein Schraubstock.
Ich herrschte den Hund an, aber nicht hysterisch oder gar verzweifelt. Wahrscheinlich sah es aus, als wollte jetzt ich dem Viech meine Zähne in den Hals schlagen oder es hypnotisieren. Tatsächlich konzentrierte ich mich darauf, alle Kraft in meine Faust zu legen. Ich kroch ein Stück nach vorn, Blitze und Donner in meinem Blick - dann krachte meine Faust auf den Hundeschädel, einmal, zweimal. Der Beißkrampf lockerte sich, ich bekam den Arm frei. Ein letztes Mal sammelte ich meine Kräfte, schob mich noch einmal ein Stück vor und rammte dem Hund das Knie unter die Schnauze. Er jaulte auf, begann zu röcheln. Seine Kraft war gebrochen. Und genau in diesem Moment ergriff mich der Hass. Während ich mit dem Knie nachdrückte, verkrallte ich mich in die Nackenhaare - und schmetterte den Kopf mit einem entschlossenen Ruck nach hinten. Mit widerlichen Knacken brach das Genick. Michels Schnauzer erschlaffte und fühlte sich mit einemmal nur noch an wie ein schlecht ausgestopftes Balg.
Erst nachdem ich wieder einigermaßen zu mir gekommen war, erinnerte ich mich daran, wem ich dieses Spektakel verdankte. Ich schaute um mich, doch niemand hatte den Kampf bemerkt. Und Michel war bereits wieder verschwunden.
Noch eine Viertelstunde bis zur Abfahrt des Omnibus-Wagens nach Paris. Der Ärmel meines Rocks hing in Fetzen, das Hemd darunter war blutdurchtränkt.
Ich taumelte ins Haus. Mein Mund war ausgetrocknet, und mein Arm brannte bei jeder Bewegung. Zum Glück war der Wasserkrug im Schlafzimmer noch voll. Ich leerte ihn in die Waschschüssel und tauchte das Gesicht hinein. Nachdem ich meine Stirn gekühlt hatte, ließ die Hitze nach, und die Selbstbeherrschung kehrte zurück. Ich wand mich aus Gehrock und Hemd, zog ein frisches Taschentuch aus dem Nachtschrank und tränkte es mit Franzbranntwein. Als ich es auf die Wunde legte, überfiel mich sofort große Erleichterung. Das Blut war bereits geronnen, mit ein bisschen Glück würde es keine Komplikationen geben. Denn Michels Schnauzer waren zwar beiß-, nicht aber tollwütig.
Der Omnibus-Wagen!
Ich lauschte auf das Rasseln und Hufeschlagen, den kurzen Moment der Stille, zählte die Sekunden, bis die Peitsche knallte und die Pferde wieherten. Trappeln, Ächzen, rollende, sich entfernende Räder. Dann eben morgen, dachte ich und sah im Geist die sich immer schneller drehenden Speichen. Wenigstens half der Franzbranntwein. Nach einer Weile ebbten die Schmerzen ab und verschwammen zu einem dumpfen Pulsieren. Ich wickelte etwas Leinen um meinen Arm und gönnte mir zur weiteren Beruhigung sechs Tropfen Laudanum. Ich legte mich sofort ins Bett. Es dauerte keine Minute, da war ich eingeschlafen.
Als ich erwachte, fühlte ich mich elend. Doch nicht der Wundschmerz plagte mich, sondern mein Gewissen. Ich machte mir Vorwürfe wegen des toten Hundes. Ausgerechnet ich, der ich nicht müde wurde, Milde bei den Barmherzigen Brüdern einzufordern, hatte einer Kreatur das Genick gebrochen. Ich hätte mit Michel sprechen, freundlicher sein sollen. Andererseits, hatte ich eine andere Wahl? Der Schnauzer hätte mich zerrissen, wäre er stärker gewesen.
»Also, in dubio pro reo.«
Ich setzte mich auf und stierte von der Bettkante aus vor mich hin. Vielleicht bin ich wirklich zu weich, sprach ich mit mir selbst. Vielleicht ist es ja ganz normal, zu töten. Jäger tun es täglich, der Henker auch und Soldaten sowieso. Im Waschkrug entdeckte ich mein verzerrtes Spiegelbild, versuchte mich an einem aufmunternden Lächeln. Doch mein Kopf war leer. Schaffe das Viech unter die Erde und dann vergiß diesen mißratenen Tag. Wozu sonst gibt es volle Weinflaschen?
Statt im Schuppen nach einem Spaten zu suchen, blieb ich jedoch sitzen. Noch einmal rief ich mir die Bilder ins Gedächtnis, wie ich sie so oder ähnlich immer wieder erlebte: Michel, der unter meinem Blick gefügig wurde wie eine Wachspuppe und der Schnauzer, der sich für Momente davon hatte irritieren lassen.
»Und du kannst es doch.«
Was ließ ich mich irre machen! Was zweifelte ich! Das Geheimnis der rätselhaft erscheinenden Dinge besteht zu oft darin, dass es kein Geheimnis gibt. Ich wusste doch um meine Augen und meine Stimme! Sie waren mein Kapital, und ich lebte von den Zinsen. Allein dieser Gabe verdankte ich meinen guten Ruf bei den Pensionären, wegen ihr konnte ich fast völlig auf Repressionsmittel wie Zwangsjacken und Duschbäder verzichten. Der Haken war, dass mir dieses Kapital bislang viel zu wenig Zinsen eintrug, denn Prior de Coulmier und Chefarzt Collard sahen keinen Grund, diesen natürlichen Schatz angemessen zu vergüten. Dabei hatten sie selbst mehrfach erlebt, wie leicht es mir gelang, selbst Tobsüchtige zu zähmen. Langes ruhiges Anblicken genügte, und wenn ich dabei mit meiner Stimme zauberte und sagte: »Es wird gut und besser, alles schwimmt im Fluss davon, das Böse, der Zorn, der Hass« – dann verloren sich Aggressionen wie kochender Dampf im Wind.
Freilich gab es auch Psychopathen, die mich, wo immer sie mich witterten oder sahen, am liebsten auf der Stelle zerrissen hätten. Leider war genau dies der Grund, weshalb Chefarzt Roger Collard meiner suggestiver Gabe so wenig zutraute und im Grund seines Herzens nichts von ihr wissen wollte. Rückwirkend betrachtet ließ sich schon damals nicht leugnen, dass mein Wirken in Charenton in eine Sackgasse geraten war. Allein, dass ich fünf Tage die Woche in dieser ländlichen Langweiligkeit verbringen musste, war ein Opfer. Es bedeutete, fünf Tage lang Einsamkeit zu ertragen und gegen Abstumpfung zu kämpfen. Denn dort, am Bois de Vincennes, lebte man ganz und gar irdisch. Und zwar von Holz, Jagd und Fischerei. Zusätzlich ernährte die Marne noch zwei Müllerfamilien und eine Papier- und Sägemühle. Man arbeitete für Paris, besaß als einzige Attraktion eine klobige Brücke und konnte sich ansonsten nur rühmen, seit 1660 Geisteskranke zu beherbergen, zu denen im Ancien Régime auch politisch Unbequeme gezählt worden waren. Einzig aus diesem Grund hatte König Ludwig XVI. 1785 befunden, die Gegebenheiten und therapeutischen Gepflogenheiten Charentons wären für die Pensionäre »günstig« – eine Einschätzung, die bis 1792 selbst die Revolutionäre geteilt hatten. Trotzdem kamen sie im säkularen Überschwang überein, die Institution im April zu schließen. Freilich nur bis zum Juni 1797, denn nicht alle Familien wollten, dass »ihre Irren« in den damaligen Höllen von Bicêtre oder der Salpêtrière im eigenen Unrat verreckten.
Soweit die äußeren Umstände. Die Luft, das gute Wasser und die Ruhe des nahen Waldes schonten im Sommer zwar die Konstitution, in den übrigen Jahreszeiten jedoch hatte ich mich damit abzufinden, unter der Woche vor allem Verzicht, Langeweile und Stumpfsinn zur Gesellschaft zu haben. Mit Frau und Familie wäre alles vermutlich ein gutes Stück erträglicher gewesen, was mich damals aber vor allem verstimmte, waren die sich häufenden Auseinandersetzungen mit Chefarzt Roger Collard.
Collard war strikter Somatiker, der sämtliche Geisteskrankheiten auf physische Ursachen zurückführte. Gehirn und Nerven waren für ihn Organe wie alle anderen auch. Psychologische Gebrechen, die er hypochondrische Phantasmen nannte, gestand er nur Frauen zu. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass meine Frustrationen im selben Maß wuchsen wie die Mengen von Calvados, die Collard konsumierte. An jenem Freitag war das Fass übergelaufen. Gereizt hatte ich ihm vorgeworfen, wie borniert und hirnverbrannt ich es fände, mir ständig anhören zu müssen, meine mantrische Redebegabung und die damit verbundene magisch suggestive Autorität bei den Pensionären sei kein »substantielles Therapeutikum«, sondern höchstens ein »akzidentielles«.
»Warum um alles in der Welt stehen Sie den positiven Aspekten meiner Gabe bloß so ablehnend gegenüber? Himmel, sie mag nicht mehr als ein Werkzeug sein, aber es ist eines, das seine Bestimmung in dem findet, was es auszurichten vermag. Ein Hammer ist dazu da, zu schlagen, ein Schraubstock, Werkstücke festzuhalten, ein Hebel, Lasten zu heben. Das Wesen dieser Werkzeuge besteht in dem Zweck, zu dem sie angefertigt wurden. Und der Herr, unser aller Gebieter, hat mich hierher zu den Barmherzigen Brüdern geschickt, um diese Gabe anzuwenden. Sie sind doch ein gottgläubiger Mensch! Warum leugnen Sie meine Bestimmung!«
»Ihre Bestimmung! Lächerlich. Was soll dieses religiöse Pathos, Petrus. Sicher, Ihre Gabe ist Teil von Ihnen, aber die Weltweisheit hat bis heute erkennen müssen, dass alles nicht nur um seiner Funktion da ist, sondern sich mitunter auch verselbständigt und einen eigenen Willen entwickelt. Mit anderen Worten: Bisweilen geschieht etwas, das Ihren guten Absichten zuwiderläuft. Sie erkennen dies erst, wenn es zu spät ist. Davor will ich Sie und unsere Pensionäre bewahren.«
»Ich sag es Ihnen offen ins Gesicht, Roger, Sie haben nichts als Angst vor mir. Angst! Ganz einfach, weil Sie um Ihren Platz hier fürchten, Sie Calvadosianer. Schönes Wochenende noch! Sie sind einfach unbelehrbar.«
Calvadosianer! Ja, das traf es. Und war doch nichts anderes als die elegante Umschreibung der Tatsache, dass Roger Collard ein strammer Trinker war vor dem Herrn, der, stünden Calvados und Frömmigkeit zueinander in einem Verhältnis, ein Heiliger sein müßte.
Mir kam der Gedanke, meine Wortschöpfung in meinem Gastronomie-Führer aufzunehmen, doch um nicht zu sehr abzuschweifen: Ich, noch immer stur auf der Bettkante sitzend, musste mich der Tatsache stellen, den Chefarzt beleidigt und einem Schnauzer das Genick gebrochen zu haben. Beides würde ein Nachspiel haben. Was die Sache mit dem toten Schnauzer betraf, war ich zuversichtlich, schließlich war ich Arzt und Psychiater und Michel nur der Sohn des Stadtschreibers.
Also, sagte ich mir, greife endlich zum Spaten!
Doch nichts geschah. Irgendwelche Mächte waren dagegen.
Zwei Minuten später änderte sich mein Leben von Grund auf. Auch wenn das Schicksal mich in den vergangenen Jahren nicht unbedingt in gerader Richtung hatte laufen lassen, jetzt kam ich dort an, wo der Weg eine scharfe Biegung machte. Ging ich im übertragenen Sinn bislang auf verschwimmendem Sand, betrat ich nun konturiertes Pflaster, und meine bisher geräuschlosen Schritte begannen zu klingen. Genausogut aber kann ich behaupten: Die Zeit war gekommen, dass ich das Gewand des Arztes und Psychiaters abstreifte und stattdessen in den Mantel des Hypnotiseurs und Kriminologen schlüpfte.
Gleich an dieser Stelle sei verraten, dass der »Fall Bonet«, der diese Wende einleitete, an sich wenig spektakulär war. Insgesamt gesehen jedoch half Marie Bonet mir zu erkennen, wie außergewöhnlich meine suggestiv-hypnotischen Kräfte waren und mit welch geringer Anstrengung ich sie zu meinem Vorteil einsetzen konnte.
Es war gegen acht Uhr. Das Türklopfen Monsieur Bonets riss mich aus meiner Starre. Er war ein vierschrötige Mann, mir aber auf den ersten Blick nicht unsympathisch, da er angenehm nach Gewürzen duftete. Auf jeden Fall aber war dieser Mann den Tränen nahe, und das musste etwas mit der Frau zu tun haben, die er auf den Armen trug wie ein Hochzeiter seine Braut.
»Man hat mir gesagt, Sie seien Arzt, aber auch einer für die Seele und den Kopf. Einer aus dem Hospiz. Bitte helfen Sie mir! Das ist Marie, meine Frau. Sie will nicht mehr. Will nicht mehr sein. Ach, ich bin am Ende. Ich habe alles falsch gemacht.«
Ohne weiter zu fragen, drängte er sich durch die Tür und legte seine Frau in meiner Stube behutsam auf der Chaiselongue ab. Was war passiert? Marie, erfuhr ich, sei nach einer Fehlgeburt zunehmend in Depressionen versunken und habe beschlossen, sich zu Tode hungern. Im Gartenhaus der Familie sollte sie wieder zu Kräften kommen, aber ausgerechnet hier, so Monsieur Bonet verzweifelt, wo die wahnsinnig machenden Glocken von Paris nicht mehr zu hören seien, wurde alles so schlimm, dass sie nun schon fast hinüber sei.
Monsieur Bonet war ein Hüne von Mann, aber er hatte die Seele einer besorgten Mutter. Und als seine Frau dann für einen Moment die Augen öffnete, konnte ich gar nicht anders, als zu helfen.
Denn Madames Augen – das war wie ein Déjà-vu.
Mir stockte der Atem, und die Zeit löste sich auf. Einen Moment lang schien es mir, als stürze ich in einen Schacht, der mich geradewegs in die Vergangenheit führte. Bedrohliche Gefühle und Bilder wogten auf und machten aus mir wieder jenen siebzehnjährigen Jungen, der so hilflos und voller Schuld steckte, dass er sich in eine Ohnmacht flüchtete. Denn wieder sah ich braune Rehaugen vor mir, die fragenden, ängstlichen, nicht verstehenden, zornigen Augen meiner Schwester Juliette.
»Nein, nicht ins Hospiz«, hörte ich mich sagen. »Ich begleite Sie nach Paris. In die Salpêtrière.«
Als Monsieur Bonet und ich zwei Stunden später im Faubourg Saint Victor in der Salpêtrière, dem neuen Hôpital National, vorstellig wurden, überfiel mich die Ahnung, dass auch hier, unter der Kuratel des großen »Irrenpapstes« Philipp Pinel, Marie Bonet nicht würde geholfen werden. Selbst ein Pinel, sah ich voraus, würde diesem Reh von Frau falsch begegnen und sie nur quälen. Ich sah lediglich einen Ausweg: Ich musste die Sache selbst in die Hand nehmen, wozu ich Marie Bonet kurzerhand zu meinem Schützling erklärte und beschloss, sie mit der bloßen Kraft meines Willens und meiner suggestiven Fähigkeiten zu heilen.
Erst einmal jedoch musste ich mich um Monsieur Bonet kümmern. Ich sprach ihm Mut zu und versicherte ihm, mich persönlich für das Wohlergehen seiner Frau einzusetzen. Denn Madames bärenstarker Mann war mit seinen Nerven am Ende. Stumm begann er zu weinen, als der Nachtpfleger erschien, ihm seine Frau aus dem Arm nahm, in einen Rollstuhl setzte und grußlos mit ihr davonfuhr. Ich empfand echtes Mitleid für Monsieur Bonet, der ein weiches Herz hatte und sich seiner Tränen nicht schämte. Haselnußgroß waren die Tropfen, die ihm über die Wangen liefen, Tränen, wie ich sie so schwer und schillernd noch nie gesehen hatte.
»Vertrauen Sie mir«, sagte ich zum Abschied und war so kühn, ihm zu versichern, dass er seine Frau binnen einer Woche wieder gesund in die Arme schließen könnte.
Vierundzwanzig Stunden später dann saß ich das erste Mal Jean Etienne Dominique Esquirol gegenüber. Neben Pinel, dem er assistierte, war Esquirol die zweite Koryphäe der neuen Psychiatrie. Mittlerweile fünfzig Jahre alt, hatte er vor vier Jahren, 1818, eine Kommission zur Untersuchung und Abstellung der Mißbräuche in den Irrenanstalten veranlaßt und darauf basierend eine Denkschrift verfasst, die bereits ein Jahr später Wirkung zeigte: Die von Pinel geforderte Entflechtung von Zucht- und Tollhäusern wurde nach und nach umgesetzt, und in der Salpêtrière wurden die Zellen zu Zimmern. Die Losung hieß: Dielen statt Stein, Fenster statt Ketten. Der Ochsenziemer wurde ausgemustert und der Speiseplan mannigfaltiger. Gleichwohl war Esquirol ein Moralist, was in der Salpêtrière all diejenigen Frauen zu spüren bekamen, die sich religiösen Obsessionen hingaben, klauten, andere mit unkeuschen Handlungen belästigten oder über das Essen maulten.
Esquirol war gereizt. Gewiß war er überarbeitet, trotzdem aber paßte mir der Ton nicht, mit dem er über meinen Schützling sprach: Marie habe sich, kaum sei sie in ihr Zimmer gebracht worden, mit geradezu wollüstiger Gier in ihre Depression und Schwäche hineingearbeitet. Jedes nur erdenklich essbare Ingrediens, murrte er, habe sie mit theatralischer Inbrunst zurückgewiesen.
»Richtschnur meines Handelns ist es, mit jedem Patienten selbst zu sprechen, wenn es irgend geht. Aber diese Bonet – ich bekenne, ich spielte heute morgen mit dem Gedanken, sie in die Zwangsjacke zu stecken. Dann: Türschlüssel zwischen die Zähne stecken, drehen und rein mit dem Trichter. Ich habe mir den Mund fusselig geredet, bessere Mahlzeiten finanziert zu bekommen, und jetzt ist es endlich soweit. Aber was erleben wir hier? Proportional zur Gewißheit, satt werden zu können, steigt die Anzahl derjenigen, die hungern wollen! Irgendwie glaube ich, bringt diese Bonet das Fass bei mir jetzt zum Überlaufen. Eine lächerliche Fehlgeburt, und sie maßt sich an, zu Tode depressiv sein zu dürfen! Eine Perversion! Dazu diese sentimentale Religiosität! `Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Halten Sie es ebenso mit mir. Seien Sie gerecht, wie die Worte der Heiligen Schrift. Lassen Sie mich einfach sterben.‘«
Esquirols gehässige Imitation versetzte mir einen Stich ins Herz. Tief enttäuscht von diesem Mann, schaute ich zu, wie er mit der flachen Hand eine Fliege erschlug. Zufrieden mit diesem Sieg, überließ sich einer von Frankreichs großartigsten Ärzten minutenlang einer konzentrierten Fliegenjagd. Damit ich auch wirklich begriff, wie wütend er war, stieß er bei jedem Schlag einen Namen hervor: Bonet, Charron, Muzzel, Lorry! Vier unbeugsame Charaktere, vier Patientinnen, die Esquirol am liebsten in die Zwangsjacke gesteckt hätte.
»So, alle tot!« Natürlich waren es nur Fliegen, aber Esquirol schien die Rolle, den Verrückten zu mimen, zu gefallen. »Sagen Sie, welche Besserungsmittel konkret praktischer Art befürwortet Monsieur Collard bei Ihnen in Charenton? Für die schweren Fälle?«
Esquirol fragte derart sarkastisch, dass ich mir die Antwort ersparen konnte. Natürlich kam auch ich nicht ohne Zwangsjacke aus! So sehr ich sie auch hasste, manchmal hatte selbst ich keine andere Wahl. Bei schweren Tobsuchtsanfällen, wenn einer der Pensionäre im Begriff war, sich Schädel und Knochen in der Zelle zu zerschlagen, musste ich die beiden Titanen rufen: barmherzige Brüder mit kolossaler Körperkraft, die bislang noch jeden Tobenden klein gekriegt hatten. Trotzdem war ich jedesmal aufs neue bestürzt, wie entwürdigt ein Mensch aussah, wenn er quasi seiner Arme beraubt war. An den Leib gepresst und übereinandergelegt, glichen sie unter dem grauen harten Leinen wurstähnlichen Schwellkörpern, bei denen die zu Fäusten geballten Hände in verlederten Schnürtaschen steckten. Nach spätestens einer halben Stunde war jeder gleichgewichtsgestört. Um der zunehmenden Taubheit, die die Arme befiel, entgegenzuwirken, wälzten sich dann viele auf dem Boden, wo sie sich Quetschungen und schwere Blutergüsse zuzogen. Selbst Finger und Handwurzelbrüche waren nichts Ungewöhnliches.
Marie Bonet aber war von zarter Konstitution. Die Zwangsjacke würde sie umbringen.
»Madame Bonet wird essen«, sagte ich fest. »Lassen Sie mich zu ihr. So wahr ich in Charenton der Mann mit dem weichen Herzen genannt werde, ich werde ihr so zureden, dass sie isst.«
»Probieren Sie es! Hätte ich Ihren wunderbar psychoiden Blick, würde ich ebenfalls auf Zureden setzen. Ein bisschen Suggestion kann bestimmt nicht schaden. Deshalb wohl gehen Sie in Charenton als weichherzig durch, wie?«
Trotz des unüberhörbaren Spotts erging sich Esquirol in einer großzügigen Geste. Ich glaube, seine beste Eigenschaft war seine Dünkellosigkeit. Er schien tatsächlich bereit, mich, einen unbekannten Provinzdoktor, als Kollegen zu akzeptieren. Andererseits hatte Esquirol wohl so seine Hintergedanken und agierte damals auch als kluger Karrierist. Warum sollte er sich mit mir einen Gegner schaffen, wo er sich doch mit Ambitionen trug, Charenton zu einem Musterhospitz zu machen? Prior de Coulmier war alt, Chefarzt Roger Collard ein Trinker, die Salpêtrière aber allein aufgrund ihrer Größe ein Moloch. Sie beherbergte circa zweieinhalbtausend Patienten, Charenton als kirchliche Privatklinik, wenn es hoch kam, zweihundertfünfzig. Von der Salpêtrière wegzukommen war also schlicht gesagt nicht das Schlechteste – selbst wenn Esquirol damit gewissermaßen Philipp Pinel verriet vermutlich stillschweigend annahm, dass Esquirol seine Nachfolge antrat.
Auf eitle Weise glücklich war ich damals, weil es mir tatsächlich gelang, Marie Bonet zum Essen zu bewegen. Wie dies konkret geschah, werde ich noch darlegen, aber jetzt möchte ich erst schildern, wie ich mir die Momente in der Salpêtrière vorstelle, in denen Monsieur Esquirol mit meinem Erfolg konfrontiert wurde.
Gute zwölf Stunden nach dem Gespräch mit mir sehe ich ihn am Sonntagvormittag vor dem Fenster seines Büros stehen. Übernächtigt starrt er auf die Allee, die auf das Hôpital zuläuft. Irgendwann stutzt er: Da unten – ist das nicht diese Bonet? Sie schleppt sich am Arm ihres Pflegers über das Pflaster und zeigt auf eine der gerade frei gewordenen Bänke. Langsam, als wollte sie jeden Schritt auskosten, setzt sie einen Fuß vor den anderen, dann macht sie sich los und geht das letzte Stück allein. Als sie sich auf die Bank niederlässt, lächelt sie, ganz so wie jeder Mensch, wenn er über seine Schwäche triumphiert.
Esquirol schaut wie elektrisiert. Hat diese Bonet etwa gegessen und dieser Petrus mit seiner Suggestion Erfolg gehabt? Die Neugier packt ihn - doch auch seine Eitelkeit regt sich. Wer bin ich, denkt er, und wer dieser kleine Arzt aus Charenton? Nein, beruhigt er sich schließlich. Bestimmt hat Raoul ihr Schlüssel und Trichter verabreicht. Vielleicht auch ein wenig gedroht.
Ich sehe zwei Klepper vor mir, die jeweils einen Karren über das Pflaster ziehen. Als Esquirol versucht, die Schrift auf den darauf transportierten Weinfässern zu lesen, beginnt ihm der Magen zu knurren. Da weiß er, dass diese Bonet gegessen hat. Vielleicht ist er erleichtert, vielleicht aber auch schockiert.
Als er am nächsten Morgen den Pfleger fragt, erlebt er eine zweite Überraschung. Dieser Petrus, berichtet Raoul, habe lediglich seine Taschenuhr gezogen, sie vor den Augen von Madame pendeln lassen und dann auf unnachahmliche Art begonnen, ein Menü zu beschreiben:
»Gänseleber aus der Dordogne, von schneeweißen, mit Getreide und Rahm gemästeten Tieren, Madame. Danach taufrische Filets von der Seezunge, in Butter sautiert mit einer hellen Zitronensauce! Schmecken Sie sie? Wie Ihnen die Filets auf der Zunge zergehen, kaum dass sich Ihre Lippen geschlossen haben? Und dann erst das marinierte Lamm, Madame! Herangewachsen auf den salzigen Wiesen der Vendeé, beträufelt mit einem dunklen klaren Fond, der so einzigartig zu den provenzalischen Bohnen in Olivenöl paßt! Speisen Sie mit mir Madame! Wir feiern zusammen und lobpreisen den würzigen Camembert aus der Normandie und den edlen Blauschimmel des Roquefort! Sehnen Sie sich jetzt nicht auch nach dem Apéritif, dem Champagner? Ich führe wie Sie die Flûte zum Mund, Madame, und seufze, wie ich auch schon vorher geseufzt habe, als wir geruhten, unseren Gaumen mit einem herzhaft erdigen Burgunder zu verwöhnen.«
»Raoul!«
Esquirol runzelt die Stirn. Dass Raoul, ein Hüne von Pfleger mit eher bescheidener Intelligenz, sich derart minutiös an mein Menü erinnert, ist ja auch zu befremdlich! Außerdem irritiert es ihn, wie verklärt dieser vierschrötige Charakter dabei lächelt. Geradezu peinlich jedoch findet er es, dass Raoul auf einmal zu kauen und zu schmatzen beginnt.
»Ist dir unwohl?«, fragt er nach.
»Verzeihung, Monsieur Esquirol. Ich bildete mir gerade ein, ein Bröckchen frischgebuttertes Baguette mit Gänseleber …«
Möglicherweise war es so. Ich kann mir gut vorstellen, dass Esquirol in diesem Augenblick mich, die Salpêtrière, Madame Bonet und die Psychiatrie an sich verflucht hat. Und da ich weiß, wie gerne Monsieur Esquirol den Tafelfreuden zuspricht, stelle ich mir noch vor, dass Raouls Menüschilderung fröhliche Urstände in Esquirols Hirn auslöste: Plötzlich hat die Nummer Zwei der Französischen Irrenärzte selbst Heißhunger auf Gänseleber, Weißbrot und Deichlämmer und ist in der Laune, ein ganzes Fass Wein auszutrinken.
Und wie ging es weiter? Am Montagabend war ich wieder in meiner Klause in Charenton. Die Beine angezogen, die Hände im Nacken verschränkt, lag ich einem brütenden Finsterling gleich auf der Chaiselongue und stierte an die Decke, wo eine kleine Spinne an einem Faden wob. Diffuse Rachegedanken beherrschten mich, Szenen, in denen ich Chefarzt Collard Calvados ins Gesicht schüttete und ihn und Prior de Coulmier in einer der alten Keuchen ankettete, sie hypnotisierte und dann mit Regenwürmern fütterte.
Voller Selbstmitleid haderte ich mit meiner Gabe und dem Schicksal, dass es mich nach Charenton geführt hatte. Wenn Collard und diese ganze Bagage der Barmherzigen Brüder doch nicht so borniert gewesen wären!
Denn ich, Petrus - hatte ich Marie Bonet nun zu essen veranlaßt, oder nicht? Wer war es, der sie ohne Zwang und ohne Drohungen, allein durch Zureden und eine einfache Suggestion dazu gebracht hatte, zu sagen: »Ja, Monsieur, ich speise mit Ihnen. Denn es ist schön, Ihnen zu lauschen und dort zu sein, wohin Sie mich schicken.«
So lauteten ihre Worte, worauf sie den Mund öffnete und sich von Pfleger Raoul füttern ließ wie ein gehorsames Kind.
Welch ein Triumph für mich!
Collard aber hatte mir alles madig gemacht und sich darüber aufgeregt, wie unverschämt ich sei, ihm die Entgleisungen der Barmherzigen Brüder anlasten zu wollen.
»Verdammt! Was berechtigt Sie dazu, Petrus, ausgerechnet mir Barbarei zu unterstellen? Bin ich es, der dieses System gutheisst? Mit dem Ochsenziemer durchs Gesicht … Himmel, die Pfleger hier sind doch selbst alle verrückt! Es ist Monsieur de Coulmier, unser aller Prior, der nicht durchgreift. Was weiß ich, warum! Vielleicht verfolgt ihn nachts der Geist des Göttlichen Marquis? Aber um die Sache abzukürzen, was sind Sie plötzlich so heftig? Ist Ihnen die Geliebte weggelaufen? Oder hatten Sie eine Erscheinung?«
»Richtig. Und diese Erscheinung heisst Marie Bonet, ist die Frau eines Pariser Metzgers und hat dieselben Augen wie meine Schwester. Ich hatte das Vergnügen, sie am Freitagabend nach Paris in die Salpêtrière zu begleiten und sie dort zu therapieren.«
»Wie bitte?«
»Sie haben richtig gehört. Trotzdem, ich wiederhole es gern: Meine Erscheinung hieß Marie Bonet, deren depressive Störung ich mittels eines suggestiven Gesprächs vorübergehend beseitigen konnte. Und das, obwohl sie dem ersten Anschein nach durchaus zu den unbeugsamen Charakteren gehörte. Nach hiesigen Maßstäben wäre sie damit mindestens für die kalte Dusche gut.«
»Ein suggestives Gespräch also? Wie weiland bei Mesmer und Puységur? Dann wollen Sie also die Barbarei abschaffen, aber die Scharlatanerie vom animalischen Magnetismus wiederbeleben?«
»Nein!«
»Anscheinend aber doch! Wissen Sie, wie Sie gerade aussehen, Petrus? Wie ein Pensionär! Der Unterschied ist allein der, dass Sie rasiert sind und nach Farinas Eau du Cologne duften statt nach Fisch.«