1 John Ruskin (1998): »Unto this Last«. In: The Genius of John Ruskin. Selections from his Writings. Hg. von John D. Rosenberg. Charlottesville und London, S. 270.
2 John Maynard Keynes, First Annual Report of the Arts Council (1945–1946), zitiert nach Wikiquote.
3 Erich Fromm (1979): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München, S. 23.
4 Robert Nelson (2006): Economics as Religion. From Samuelson to Chicago and Beyond. University Park, Pennsylvania, S. 65.
5 Erstmals erschienen 2007 im Berlin Verlag, 2008 als Taschenbuch.
6 Siehe http://www.oekosystem-erde.de/html/stern_report.html.
7 James Blignaut, James Aronson (2008): »Getting serious about maintaining Biodiversity«. Conservation Letters (1) 1: 12–17.
8 Arild Vatn, Daniel W. Bromley (1994): »Choices without prices without apologies«. Journal of Environmental Economics and Management 26: 129–148.
9 Loren Eiseley (1978): The Star Thrower. New York, S. 94.
10 Zitiert nach Dietmar Dath (2008): »Wie Maschinen den Menschen versklaven.« Spiegel Online, 22. Mai 2008.
11 Ode (‘There was a time’). Zitiert nach William Wordsworth (2000): The Major Works. Hg. von Stephen Gill. Oxford, S. 298.
12 Zitiert nach Robert L. Nadeau (2003): The Wealth of Nature. How Mainstream Economics has Failed the Environment. New York, S 41.
13 Ebd., S. 44.
14 Ebd., S. 55 f.
15 Norbert Wiener (1964): God and Golem, Inc. Cambridge, Mass.
16 Wassilij Leontjew (1982): »Academic economics«. Science 217 (9. Juli): 104 f.
17 Herman Daly (1971): »Toward a Stationary-State Economy«. In: Patient Earth. Hg. von John Harte und Robert Socolow. New York.
18 Zitiert nach Nelson, a. a. O., S 61.
19 Nelson, a. a. O., S. 16.
20 Zitiert nach Nelson, a. a. O., S. xxii.
21 Zitiert nach E. F. Schuhmacher (2003): Small is Beautiful. A Study of Economics as if People Mattered. London, S. 12.
22 Christy Pettey (2007): »Gartner Estimates ICT Industry Accounts for 2 Percent of Global CO2 Emissions.« Presseerklärung der IT-Unternehmensberatung Gartner, online unter http://www.gartner.com/it/page.jsp?id=503 867.
23 Ian Sample (2008): »Final warning«. New Scientist 2662 (28.6.), S. 34.
24 Siehe Peter Sloterdijk (2006): Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung. Frankfurt am Main, S. 360.
25 Ed Diener und Martin Seligman (2004): »Beyond Money: Toward an Economy of Well-Being«. Psychological Science in the Public Interest 5: 1, S. 30.
26 Sharon Begley (2007): »Why Money doesn’t buy Happiness.« Newsweek Web Exclusive, http://www.newsweek.com/id/43884.
27 Harald Willenbrock (2006): Das Dagobert-Dilemma. Wie die Jagd nach Geld unser Leben bestimmt. München, S. 252 f.
28 Richard Layard (2005): Happiness. Lessons from a New Science. London, S. 29 ff. Siehe auch Robert E. Lane (2000): The Loss of Happiness in Market Democracies. New Haven und London, S. 20.
29 Ed Diener und Martin Seligman, a. a. O., S. 3.
30 Robert E. Lane, a. a. O.
31 Hartmut Rosa (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main, S. 190.
32 Herman E. Daly und John B. Cobb, Jr. (1994): For the Common Good. Redirecting the Economy toward Community, the Environment, and a Sustainable Future. Boston, S. 128.
33 Ebd., S. 443 ff.
34 Herman E. Daly und Joshua Farley (2004): Ecological Economics: Principles and Applications. Washington D. C., S. 234.
35 »USA: Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer.« Die Presse vom 12. Oktober 2007, online unter diepresse.com/home/wirtschaft/economist/336 520/index.do.
36 Christiane Grefe, Mathias Greffrath, Harald Schumann (2003): Attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? Reinbek bei Hamburg, S. 101.
37 Richard Layard, a. a. O., S. 162.
38 Revkin, Andrew C. (2005): »A New Measure of Well-Being From a Happy Little Kingdom«. The New York Times, 4. Oktober.
39 Cathy Scott-Clark, Adrian Levy (2003): »Fast forward into trouble«. The Guardian, 14. Juni.
40 Zitiert nach Cathy Scott-Clark, Adrian Levy, a. a. O.
41 Richard Layard, a. a. O., S. 86.
42 Bill McKibben (2007): Deep Economy. The Wealth of Communities and the Durable Future. New York.
43 Zitiert nach Carl Amery und Hermann Scheer (2001): Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur. Ein Gespräch mit Christiane Grefe. München, S. 117.
44 Jeffrey A. Lockwood (2001): »Good for nothing«. UU World XV 2 (Mai/Juni), S. 30–35.
45 Marshall Sahlins (1972): »The Original Affluent Society.« In: Ders., Stone Age Economics. Hawthorn, NY, S. 1 ff.
46 Auf diesen Satz machte mich Michael Succow aufmerksam. Interessant ist dazu auch ein anderer Laotse-Ausspruch: »Das Universum ist vollkommen. Es kann nicht verbessert werden. Wer es verändern will, verdirbt es. Wer es besitzen will, verliert es.« (Dao-de-Dsching, Kapitel 29)
47 Geerat J. Vermeij (2004): Nature: An Economic History. Princeton, S. 314.
48 Aldo Leopold (1966): A Sand County Almanac. New York, S. 253.
49 Erich Fromm (1979): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München, S. 15.
50 Siehe Martha C. Nussbaum (1999): Gerechtigkeit oder Das Gute Leben. Frankfurt am Main, S. 200 ff. Die menschlichen Grundfähigkeiten sind:
1. Die Fähigkeit, ein menschliches Leben von normaler Länge zu leben, nicht vorzeitig zu sterben oder zu sterben, bevor das Leben so reduziert ist, daß es nicht mehr lebenswert ist.
2. Die Fähigkeit, sich guter Gesundheit zu erfreuen, sich angemessen zu ernähren, eine angemessene Unterkunft und Möglichkeiten zu sexueller Befriedigung zu haben, sich in Fragen der Reproduktion frei entscheiden und sich von einem Ort zu einem anderen bewegen zu können.
3. Die Fähigkeit, unnötigen Schmerz zu vermeiden und freudvolle Erlebnisse zu haben.
4. Die Fähigkeit, seine Sinne und seine Phantasie zu gebrauchen, zu denken und zu urteilen – und diese Dinge in einer Art und Weise zu tun, die durch eine angemessene Erziehung geleitet ist, zu der auch (aber nicht nur) Lesen und Schreiben sowie mathematische Grundkenntnisse und eine wissenschaftliche Grundausbildung gehören. Die Fähigkeit, seine Phantasie und sein Denkvermögen zum Erleben und Hervorbringen von geistig bereichernden Werken und Ereignissen der eigenen Wahl auf den Gebieten der Religion, Literatur, Musik usw. einzusetzen. Der Schutz dieser Fähigkeit, so glaube ich, erfordert nicht nur die Bereitstellung von Bildungsmöglichkeiten, sondern auch gesetzliche Garantien für politische und künstlerische Meinungsfreiheit sowie für Religionsfreiheit.
5. Die Fähigkeit, Beziehungen zu Dingen und Menschen außerhalb unser selbst einzugehen, diejenigen zu lieben, die uns lieben und für uns sorgen, traurig über ihre Abwesenheit zu sein, allgemein Liebe, Kummer, Sehnsucht und Dankbarkeit zu empfinden. Diese Fähigkeit zu unterstützen bedeutet, Formen des menschlichen Miteinanders zu unterstützen, die nachweisbar eine große Bedeutung für die menschliche Entwicklung haben.
6. Die Fähigkeit, eine Vorstellung des Guten zu entwickeln und kritische Überlegungen zur eigenen Lebensplanung anzustellen. Dies schließt heutzutage die Fähigkeit ein, einer beruflichen Tätigkeit außer Haus nachzugehen und am politischen Leben teilzunehmen.
7. Die Fähigkeit, mit anderen und für andere zu leben, andere Menschen zu verstehen und Anteil an ihrem Leben zu nehmen, verschiedene soziale Kontakte zu pflegen; die Fähigkeit, sich die Situation eines anderen Menschen vorzustellen und Mitleid zu empfinden; die Fähigkeit, Gerechtigkeit zu üben und Freundschaften zu pflegen. Diese Fähigkeit zu schützen bedeutet abermals, Institutionen zu schützen, die solche Formen des Miteinanders darstellen, und die Versammlungs- und politische Redefreiheit zu schützen.
8. Die Fähigkeit, in Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der ganzen Natur zu leben und sie pfleglich zu behandeln.
9. Die Fähigkeit, zu lachen, zu spielen, sich an erholsamen Tätigkeiten zu erfreuen.
10. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben und nicht das eines anderen zu leben. Das bedeutet, gewisse Garantien zu haben, daß keine Eingriffe in besonders persönlichkeitsbestimmende Entscheidungen wie Heiraten, Gebären, sexuelle Präferenzen, Sprache und Arbeit stattfinden.
11. Die Fähigkeit, sein Leben in seiner eigenen Umgebung und seinem eigenen Kontext zu führen. Dies heißt Garantien für Versammlungsfreiheit und gegen ungerechtfertigte Durchsuchungen und Festnahmen; es bedeutet auch eine gewisse Garantie für die Unantastbarkeit des persönlichen Eigentums, wenngleich diese Garantie durch die Erfordernisse sozialer Gerechtigkeit auf verschiedene Weise eingeschränkt werden kann und im Zusammenhang mit der Interpretation der anderen Fähigkeiten immer verhandelbar ist, da das persönliche Eigentum im Gegensatz zur persönlichen Freiheit ein Mittel und kein Selbstzweck ist.
51 Manfred Max-Neef (1992): »Development and Human Needs«. In: Paul Ekins, Manfred Max-Neef (Hg.), Real-Life Economics. London und New York, S. 206 f.
Die Matrix der menschlichen Bedürfnisse (a. a. O.):
52 Erich Fromm (1980): Psychoanalyse und Ethik. Frankfurt am Main, Berlin, Wien, S. 29.
53 Mein großes Buch des Wissens, Bindlach 1997.
54 Siehe Hartmut Rosa, a. a. O., S. 223.
55 Herbert Girardet, Hg. (2007): Surviving the Century. Facing Climate Change and other Global Challenges. London.
56 Jeffrey D. Sachs (2006): Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt. München, S. 432 f.
57 Paul Hawken und William McDonough (1993): »Seven Steps to Doing Good Business«. Inc. Magazine (November), S. 79.
58 Siehe Bill McKibben, a. a. O., S. 93.
59 Ebd., S. 68.
60 Robert Frenay (2006): Impuls. Das kommende Zeitalter naturinspirierter Systeme und Technologien. Berlin, S. 275.
61 Bill McKibben, a. a. O., S. 200.
62 Carl Amery und Hermann Scheer, a. a. O., S. 13.
63 Harald Schumann und Christiane Grefe (2008): Der globale Countdown. Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung – Die Zukunft der Globalisierung. Köln, S. 235.
64 Ebd., S. 244.
65 Ebd., S. 248.
66 Nathalie Klüver (2008): »Frau Shang und ihr Energieschwein«. Spiegel online 30.04.08, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518, druck-550 215,00.html.
67 Michael Braungart, William McDonough (2003): Einfach intelligent produzieren. Cradle to Cradle: Die Natur zeigt, wie wir die Dinge besser machen können. Berlin, S. 138 ff.
68 Peter Barnes (2006): Capitalism 3.0. A Guide to Reclaiming the Commons. San Francisco, S. 17.
69 Ebd., S. 28.
70 Peter Barnes, Robert Costanza, Paul Hawken, David Orr, Elinor Ostrom, Alvaro Umaña und Oran Young (2008): »Creating an Earth Atmospheric Trust.« Science 319 (5864), S. 724.
71 Peter Barnes, a. a. O., S. 107.
72 Ebd., S. 129.
73 Yannick Vanderborght, Philippe Van Parijs (2005): Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags. Frankfurt am Main/New York, S. 130.
74 Andreas Weber (2006): »Die Zukunft beginnt vor der Haustür«. In: Volker Hauff und Günther Bachmann, Hg., Unterm Strich. Erblasten und Erbschaften für das Deutschland von morgen. Eine Generationenbilanz. München, S. 67–74; sowie Andreas Weber und Reiner Klingholz (2007): Gutachten zum demografischen Wandel im Land Brandenburg. Expertise im Auftrag des Brandenburger Landtages. Online unter http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Studien/Brandenburg_Web version.pdf.
75 Zitiert nach Peter Barnes, a. a. O., S. 37.
76 Sabine Kinkartz (2005): »Schwerstarbeit für Lobbyisten in Berlin.« Deutsche Welle Wirtschaft, online http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,1 772 597,00.html.
77 Zitiert nach Jim Hansen (2007): »Special Interests are the One Big Obstacle«. The Times, 12. März 2008.
78 Jim Hansen, a. a. O.
79 Schumann und Grefe, a. a. O., S. 85.
80 Thomas Friedman (1999): Globalisierung verstehen. Zwischen Marktplatz und Weltmarkt. Berlin, S. 206 f.
81 Darly und Farley, a. a. O., S. 257.
82 Siehe dazu Josef Huber (2004): »Reform der Geldschöpfung. Wiederherstellung des staatlichen Geldregals durch Vollgeld«. Zeitschrift für Sozialökonomie 142: 13–21.
83 Herman E. Daly und John C. Cobb, a. a. O., S. 432.
84 Carl Amery und Hermann Scheer, a. a. O., S. 59
»Die Geschichte westlichen Denkens seit der Aufklärung ist durch eine utopische Vision nach der anderen gekennzeichnet. Jede findet an ihrem Vorläufer etwas auszusetzen, verspricht dann aber ihrerseits die Aussicht auf einen anderen, wahreren – wissenschaftlicheren – Pfad zum Himmel auf Erden.«
Robert Nelson4
IN ZEITEN DES VON ALLEN SPÜRBAREN KLIMAWANDELS machen viele Menschen eine erstaunliche Entdeckung: Die Frage, was unserer Wirtschaft hilft, und die Frage, was der Natur guttut, stehen nicht länger auf zwei getrennten Blättern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Neuzeit zeichnet sich ab: Nur Verhaltensweisen, die unsere Natur bewahren, werden langfristig überhaupt noch Wirtschaften ermöglichen. Ohne die Natur lässt sich nicht wirtschaften, nur in ihr.
Wir erkennen, dass zwischen ökologischer Krise, struktureller Arbeitslosigkeit und auch dem individuell empfundenen Mangel an Lebenserfüllung ein tieferer Zusammenhang besteht. Wirtschaftswachstum und größeres Lebensglück, Mehr und Besser gehen längst nicht mehr Hand in Hand. Im Gegenteil: Die Menschen haben sich mit ihrem Streben nach dem besseren Leben an den Rand des schlechten gebracht – und vielerorts ist die Lebensqualität de facto schon seit geraumer Zeit am Sinken. Wir haben heute die Schwelle der beginnenden Klimakatastrophe überschritten.
Diese Situation aber markiert einen Wendepunkt. Wir stehen zugleich am Beginn einer neuen Denkweise, am Beginn einer ökologischen Ökonomie. Heute zeigt sich, dass sich nur gemeinsam mit einer funktionierenden Natur wirtschaften lässt – und nicht gegen sie. Die ökologische Ökonomie löst jene Trennung zwischen Natur und Markt wieder auf, die den Erfolg – und die Zerstörungskraft – unseres Wirtschaftsdenkens ermöglicht hat.
Die Wirtschaft ist gar nicht der Feind der Natur. Deren Feind ist nur die falsche Wirtschaft, die kurzsichtige, dogmatische, lebensfremde Wirtschaft mit ihrem Modell vom gefühllosen Homo oeconomicus, der in kalter Rationalität und totaler Kenntnis aller Details seinen Nutzen beständig weiter maximieren will. Leider hat dieses Zerrbild die letzten 200 Jahre ökonomischen Handelns dominiert und den Menschen an den planetarischen Abgrund geführt.
Natürlich warnen Kritiker seit mehr als fünfzig Jahren, dass unsere Lebensweise moralisch und ökologisch falsch sei. Aber nun erkennen wir, dass sie auch nach den Maßstäben ihrer Befürworter ein Verlustgeschäft ist. Insofern ist die Erkenntnis heute eine andere als die wirtschaftsfeindliche Haltung der ersten Öko-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre, die ja auch nie in den ökonomischen Kern der Gesellschaft vorzustoßen verstand.
Zugespitzt müssen wir fordern: Wir brauchen nicht weniger Wirtschaftsbewusstsein im Denken, sondern mehr. Wir müssen das ökonomische Kalkül nicht aus unseren Gefühlen heraushalten, sondern umgekehrt: endlich die fühlende, schöpferische Produktivität des Lebendigen zum Maßstab des ökonomischen Kalküls machen.
Dieses neue Denken will ich auf den folgenden Seiten beschreiben. Ich will Orte schildern, an denen es bereits Früchte trägt, Visionäre vorstellen, die es entwickeln, und Möglichkeiten zu einem neuen, sinnerfüllten Leben ausloten, die es enthält. Dieses Buch ist ein Versuch, über das tiefere Verhältnis des Menschen zur Natur nachzudenken, ein Buch über die Einheit der ökonomischen und ökologischen Kreisläufe. Es ist ein entschiedenes Plädoyer dafür, dass wir diese Einheit wiederfinden müssen, wenn wir auf der Welt nicht nur überleben, sondern dabei auch unser inneres Gleichgewicht wiedererlangen wollen.
Es geht nicht länger darum, Natur und Wirtschaft gegeneinander auszuspielen. Mit der Rettung der Natur soll nicht ein schöner Traum realisiert werden, eine unerreichbare Utopie. Vielmehr geht es um eine fundamentale Umkehrung unseres auf kurzfristige Effizienz gepolten Denkens. Wir müssen begreifen, dass es die auf ungezügelten Fortschritt setzende und sich unausgesetzt vergrößernde Weltwirtschaft ist, die einer Utopie folgt. Wir erkennen heute, dass ein immerwährend gesteigertes Wirtschaftswachstum nicht nur ökologisch schädlich ist – es ist schlichtweg ökonomisch falsch. Es klingt paradox: Die Wirtschaft darf gar nicht ins Unermessliche wachsen, damit es den Menschen besser geht. Was wieder wachsen muss, ist die Gesundheit der Biosphäre und die seelische Gesundheit der Menschen.
Dieses Buch soll diese revolutionäre und existenzielle neue Wirtschaft skizzieren. Es soll – im Wechsel von anschaulicher Reportage und analytischem Argument – zeigen, dass eine humane Wirtschaft eine natürliche Wirtschaft ist, die mit den Ökosystemen arbeitet. Die gequälte Erde, aber auch die Hunderte Millionen armer, unterernährter, allem Lebenssinn beraubter Menschen in den ärmsten wie in den reichsten Ländern brauchen einen ökologischen New Deal (Thomas Friedman). Eine ökologische Ökonomie vermag unsere Wirtschaft mit den Lebenssystemen der Erde zu versöhnen – und unser Bild von uns selbst mit den anderen Geschöpfen.
Kapital des Lebens: Die Dienste der Biosphäre
DIE VORHERRSCHENDE WIRTSCHAFTSAUFFASSUNG BEHARRT darauf, dass sie eine erschöpfende Beschreibung des Menschen gefunden hat, ein allgemeingültiges Modell, das unser Zusammenleben reguliert. Menschen sind in dieser Sichtweise mathematisch beschreibbare Partikel, gleichsam Atome, die nur einem Streben folgen: ihren Nutzen zu maximieren. Im Grunde hat unser Wirtschaftsdenken die Frage nach Sinn, nach Glück und nach Werten der Existenz ausgeklammert – genauso wie die Frage nach unserem Zusammenhang mit der übrigen lebenden Natur. Diese beiden Probleme gehören aber zusammen.
Lange Zeit haben Ökonomen die Natur – die Biogeosphäre – als eine außerhalb des Marktes liegende Ressource betrachtet. Natur kommt bis heute in Marktbilanzen kaum vor. Die Pioniere der ökonomischen Theorie im 19. Jahrhundert haben ihre damals neue Wissenschaft am Vorbild der Physik Newtons geformt, an einem starren System objektiver Gesetzmäßigkeiten. Sie haben dabei den Markt, das heißt die gesamte Welt menschlichen Wirtschaftens, gleichsam als Blackbox konzipiert, in die Stoffe hineinfließen und aus der Abfälle herauslaufen.
Diese Sicht liegt dem Wirtschaftsdenken bis heute zugrunde. Doch der Markt ist ein offenes System in einem anderen, größeren System: der Erde. In diese wird nur eine Sache »kostenlos« eingespeist, nämlich die Sonnenenergie, die alle Lebensvorgänge treibt. Alle anderen Verwandlungen von Stoffen, alle Abfälle aber bleiben im System erhalten. All seine Ressourcen, all seine Pufferkapazitäten sind real und endlich.
Ökonomen haben nicht gesehen, dass die Natur und ihre kostenlos erbrachten Dienste – Nahrung, Trinkwasser, Stoffkreisläufe, Biomasse, ein gedeihliches Klima, Stabilität durch Artenvielfalt – nicht eine ökonomische Ressource unter anderen sind, sondern dass sie überhaupt erst die Grundlage aller Wirtschaftsprozesse bilden. Fossile Brennstoffe, denen allein die Bewohner der Industrieländer die gigantische Steigerung ihres Lebensstandards verdanken, sind die über Jahrmillionen gespeicherten Leistungen vergangener Lebewesen und Ökosysteme. Trinkwasser ist das Produkt eines komplexen atmosphärischen Kreislaufs von Verdunsten, Kondensieren und Versickern, der alle Landflächen und die Ozeane umfasst und in dem etwa die Regenwälder eine essenzielle Rolle spielen. Dass überhaupt stabile klimatische Verhältnisse herrsch(t)en, ist einem komplexen, selbstorganisierenden atmosphärischen System zu verdanken, das vornehmlich von Lebewesen – Pflanzen produzieren Sauerstoff, Tiere CO2 – hervorgebracht wird.
Das Wachstum der Wirtschaft in den vergangenen Jahrhunderten und besonders in den letzten Jahrzehnten wurde zu großen Teilen durch den Ausverkauf dieser kostenlos angebotenen Lebensleistungen finanziert. Ihre Verluste haben sich bislang in keiner Bilanz niedergeschlagen, aber die Kosten kommen auf uns zu – und große Rückversicherer haben bereits ihre Volumina berechnet. Fast könnte man sagen: Die eigentliche Fehlentwicklung war es, dass überhaupt zwei verschiedene Wissenschaften des Haushaltens erfunden wurden. Ökologie und Ökonomie haben einander zu lange ignoriert. Es ist Zeit, beide in einer gemeinsamen Weisheit des »Lebenshaushaltes« zu vereinen.
Stetiges Wachstum ist nicht bloß schädlich, sondern falsch
DAS QUANTITATIVE WACHSTUM DES BRUTTOINLANDSPRODUKTS galt bisher als einziger Weg zum Wohlergehen – sozusagen als Synonym für Glück. Hatte der schottische Moralphilosoph Adam Smith nicht vor 200 Jahren prophezeit, dass allein die ungebremste Marktwirtschaft, das heißt ein Prozess, in dem jeder Einzelne seinen größtmöglichen ökonomischen Vorteil verfolgt, mit »unsichtbarer Hand« den Wohlstand aller steigern würde? Und hat Smith nicht recht behalten, wenn man sich den Aufstieg des Westens zu nie da gewesenem Reichtum anschaut? Hat die freie Marktwirtschaft nicht endgültig und für alle Zeiten ihren Sieg bewiesen, als sie Ende der 1980er Jahre das fast ein Jahrhundert lang konkurrierende Wirtschaftsmodell des Kommunismus in die Knie zwang?
Heute droht sich der Triumph des Westens als Pyrrhussieg zu entlarven. Die Idee des Marktes, wie sie Adam Smith zum ersten Mal entwickelte und wie sie die klassischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts weiter ausarbeiteten, beruht auf stetigem Wachstum. Die Handelnden müssen ihren Profit vermehren, damit dieser neuen Investitionen zur Verfügung stehen kann. Überschüsse haben zu steigen, damit die Zinsen bedient werden können. Doch heute erkennen wir – und spüren es auch körperlich an einem bereits jetzt rapide umschlagenden Erdklima und einem in der Erdgeschichte nahezu beispiellosen Aussterben von Arten –, dass immerwährendes Wachstum unmöglich ist. Natürlich können getrennte Zweige der Biosphäre – einzelne Industrien, einzelne Länder – auf Kosten des Gesamtsystems größer werden. Aber das Ganze kann es nicht.
Die Vorstellung der Ökonomen, wonach der Wohlstand von demnächst sieben Milliarden Menschen allein von der »unsichtbaren Hand« des globalen Marktes herbeigezaubert werden könne, ist demnach eine physikalische Unmöglichkeit. Wirtschaftliches Wachstum mit diesem Ziel ist zum Scheitern verurteilt, weil die Lebenserhaltungssysteme des Planeten schon jetzt aus den Fugen geraten. Sie werden es nicht überleben, wenn sieben Milliarden Menschen ein Auto fahren und ein Einzelhaus bewohnen. Die Vorstellung vom numerischen Wachstum hat sich damit als das universelle Heilmittel, als das sie die Ökonomen ansahen, überholt. Heute zeigt sie ihr wahres Gesicht: das eines gefährlichen Strudels, in dem die Natur – und ein maßvolles Selbstbild des Menschen – unterzugehen drohen.
»Mehr« ist nicht länger »Besser«
DAS WIRTSCHAFTSWACHSTUM KOMMT ZUDEM IMMER weniger Menschen zugute. So kontrollieren heute 30 Supermarktketten ein Drittel des weltweiten Lebensmittelhandels. 350 Menschen auf der Erde besitzen die Hälfte allen Reichtums, während große Teile der Weltbevölkerung mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen müssen. Doch das Wohlergehen selbst der Menschen, die immer reicher werden, steigt nicht etwa, sondern sinkt. Seit den 1950er Jahren regelmäßig in den USA durchgeführte Umfragen zeigen, dass die Amerikaner heute signifikant weniger glücklich sind als vor einem halben Jahrhundert. Ihre Anfälligkeit für Depressionen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten um 1000 Prozent gesteigert.
Inzwischen haben Mediziner sogar ein neues Krankheitsbild definiert: NDS, das »Nature Deficiency Syndrome«. Es befällt vor allem Kinder, die nicht mehr draußen spielen, sondern meist vor dem Bildschirm leben – Hyperaktivität und Schwermut sind einige der Symptome, auf Wiesenboden zu stolpern ein anderes. Doch Ernüchterung bewirken nicht allein psychologische Befragungen, sondern auch wirtschaftliche Berechnungen: Legt man nicht das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für den Wohlstand eines Volkes an, sondern ein Modell, das die Gesundheit der Natur und die Entfaltungsmöglichkeiten in einer Gesellschaft mit erfasst, so sind allein die Amerikaner zwischen 1951 und 1990 keinen Deut reicher geworden – sondern real ärmer.
Die Konsequenz daraus ist: Die Wachstumsphilosophie ist nicht nur jetzt nicht mehr angebracht. Sie ist generell nicht die adäquate Beschreibung unserer Rolle in der Welt. Der Vorrang der Wirtschaft vor allen anderen Belangen ist nicht nur schädlich – wie Ökologen seit dreißig Jahren behaupten. Er ist falsch. Unser bisheriges Verhalten ist nicht nur wirtschaftlich ungerecht – etwa gegenüber benachteiligten Völkern und gegenüber der Natur. Vielmehr wird klar: Was wir tun, folgt einer naiven Ideologie.
Die Neubewertung der Natur spielt darum eine Schlüsselrolle in allen zentralen Herausforderungen der Zukunft. Unser Wirtschaftssystem würde sich grundlegend wandeln, wenn wir den versteckten Bestandteil offenlegten, den Leistungen der Biosphäre in den Wirtschaftsbilanzen einnehmen. So etwa die Artenvielfalt mit ihren seelischen, medizinischen und technischen Ressourcen und ihrer Fähigkeit, Abfallstoffe der Industrie zu entsorgen. Würde man solche lebenswichtigen Leistungen der Natur wirtschaftlich bewerten, dann wären die meisten Entwicklungsländer auf einmal nicht mehr bettelarm – und sie hätten einen wirksamen Anreiz, ihre Naturressourcen zu bewahren. Bisher aber verbrauchen wir gerade die Naturleistungen der ärmsten Länder ebenso nahezu kostenlos wie die fossilen Brennstofflager.
Auch die Landwirtschaft, die bisher vielerorts in regelrechter Konkurrenz zur Natur steht, könnte einen entscheidenden Beitrag zu einer produktiven Wirtschaft leisten und zugleich für mehr Wohlergehen, mehr Zufriedenheit und mehr natürliche Vielfalt sorgen. Ökologische Produkte, die ohne Einsatz von Chemie und mit viel Handarbeit hergestellt werden, verbrauchen wenig fossile Treibstoffe und erzeugen kaum CO2. Zugleich aber lassen sich mit Bioprodukten im Prinzip weit höhere Gewinne erzielen, weil der Bauer sie lokal vermarkten kann und dabei die Kette der Zwischenhändler einspart, die im internationalen Lebensmittelhandel oft mehr als 95 Prozent der Gewinne einstreichen. Es ist kaum fassbar, aber wahr: Wenn wir unseren gesamten Landbau auf ökologische Bewirtschaftung umstellten, würden wir reicher, nicht ärmer – und könnten zugleich kostenlos die natürliche Vielfalt wiederherstellen.
Diese Wende der Sichtweise würde armen Ländern helfen – aber auch Regionen, die hierzulande in Armut und Rückständigkeit zu versinken drohen, wie viele Gegenden der ostdeutschen Bundesländer. Eine ökologische Ökonomie, so zeigen jetzt schon viele praktische Erfolge, stellt das Rezept gegen wirtschaftliche Stagnation und Niedergang in ländlichen Regionen dar. Aber das Entscheidende ist: Diese Art, das Land zu behandeln, macht die Menschen nicht nur gesünder und wohlhabender, sondern auch glücklicher. Psychologische Studien auf bäuerlichen Wochenmärkten haben gezeigt, dass hier die Menschen zehnmal mehr miteinander sprechen als in Filialen der großen Verbraucherketten. Das ökologisch bebaute Land ist produktiver – vor allem aber ist es Heimat. Die immer wieder beschworene »Nachhaltigkeitswende« verlangt einen schonenderen Umgang mit dem übrigen Leben auf dem Planeten. Doch sie scheitert bislang an unserem Irrglauben, dass mit den dafür erforderlichen Änderungen unser Leben schlechter würde. Wir müssen aber sehen, dass es erfüllter, gesünder und humaner sein könnte.
Wirtschaft: der Haushalt fühlender Wesen
DIE ÖKOLOGISCHE ÖKONOMIE ENTDECKT DEN MENSCHEN als komplexes Natur- und Kulturwesen wieder. Damit stellt sie infrage, was die Naturwissenschaften und die Ökonomie gleichermaßen seit 200 Jahren behaupten: dass der Mensch – wie alle Wesen – ein seelenloser Automat sei, der einzig und allein den Gesetzen der egoistischen Gier und der effizienten Optimierung gehorche. Es ist bezeichnend, dass sowohl in der Biologie als auch in der Marktwirtschaft die gleiche darwinistische Sicht auf unser Leben dominiert: Wir sehen uns als stumme Rädchen in einem Existenzkampf seelenloser Partikel – seien es die Gene aus dem Denken des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins oder die Marktteilnehmer in der Auffassung des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman.
Die Biologie, die selbst an der Schwelle zu einem Paradigmenwechsel steht, kann heute entscheidende Impulse für die neue Art eines »holistischen«, eines ganzheitlichen Wirtschaftens geben. Sie entdeckt, dass die Ideen mechanischer Objektivität und blinden Wettbewerbs nicht ihre großen Fragen lösen können. Solche Fragen sind etwa: Was ist ein Lebewesen und wie bildet es sich? Wie hängt die Biosphäre in sich zusammen? Was ist der Mensch und in welchem Verhältnis steht er zur Natur? Die Wissenschaft vom Haushalt des Lebendigen, die Ökologie, begreift zunehmend, dass nicht allein Effizienz und Auslese die Basis für den Erfolg des Lebens bilden, sondern ebenso Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe. Ein Streben nach Harmonie und Wohlergehen prägt das Handeln aller Organismen.
Ich habe diese Sichtweise in meinem letzten Buch Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften beschrieben.5 Die dort entfaltete neue Wissenschaft vom Leben akzeptiert, dass Subjektivität und Schönheit, Werte und Wahrheit im Erreichen oder Verfehlen der Lebensziele untrennbar zum Charakter der Biosphäre gehören. Die Vorstellung der Ökonomen vom rein rationalen Akteur entspricht nicht der Realität in der Natur. Die Biologie entdeckt heute vielmehr das Fühlen als Zentrum einer neuen Sicht auf die Lebewesen. Eine ökonomische Theorie, die demgegenüber auf den veralteten Überzeugungen des 19. Jahrhunderts von blinden Gesetzen und Organismen als stummen und wertlosen Maschinen beharrt, ist der Wirklichkeit unangemessen. Sie kann nicht anders, als diese verkennen und zerstören. Genau das ist das Dilemma der Welt.
Gesundheit, seelische Zufriedenheit, ökologisches Gedeihen und eine dauerhafte, gerechte und auf die Zukunft hin angelegte Ökonomie sind keine konkurrierenden Ziele, zwischen denen man sich entscheiden muss. Sie können nur Hand in Hand gehen. Denn das Problem des Lebens, allen Lebens, ist es immer, innerhalb einer grundsätzlichen Polarität zu vermitteln, die Gegensätze von Ordnung und Freiheit auszugleichen. Eine neue ökologische Wirtschaft macht sich diesen Grundsatz, der zu Bescheidenheit, Maß und Realismus mahnt, zu eigen. Nur ein Haushalten, das diese immerwährende Dynamik anerkennt, kann den Menschen und seine Natur wieder mit der Biosphäre versöhnen und zu mehr Wohlergehen auf unserem umkämpften kleinen Planeten führen. Es kann die gesuchte Wende hin zur Nachhaltigkeit schaffen – nicht als Rückschritt, sondern als Zugewinn. Ein solches Wirtschaften wäre Weisheit.
»Wenn man trotz vieler Jahre Forschens keine Antwort auf ein Problem gefunden hat, dann stellt man wahrscheinlich die falsche Frage. Die richtige Frage beantwortet sich in der Regel von selbst.«
Ferdinando Villa
»Geben Sie mir zehn Quadratkilometer von diesem Land«, sagt der Biologe Edgar Reisinger von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie und streckt seinen Arm über die Umgebung aus wie ein Feldherr kurz vor der entscheidenden Schlacht für eine große Eroberung. »Geben Sie mir zehn Quadratkilometer und Sie bekommen dafür eine Lizenz zum Gelddrucken.«
Wir stehen auf einer bewaldeten Kuppe am Nordhang des Thüringer Waldes. Vor uns laufen die Eichen und Buchen zu einer breiten Ebene hin aus, vertropfen als vereinzelte Büsche und geben einer weiten Prärie Raum, auf der sich in der Ferne einzelne Gruppen von großen Tieren abzeichnen – Pferdeherden und Rinder, deren Hörner manchmal im steigenden Licht aufblitzen. Gehölze lockern die Graslandschaft auf, Baumgruppen und Heckenreihen, die aus der Ferne mit Reif überzogen scheinen: Der Weißdorn steht in voller Blüte.
Die Sonne hat sich jenseits der Ebene über den Horizont gereckt und fährt mit ihren Lichtfingern behutsam das wellige Relief der Niederungen ab, gießt bläulichen Schimmer in die Schatten und legt einen Hauch von Ferne auf die Hügel, die jenseits des Tals aufsteigen, die sanfte Neigung immer wieder von Felsklippen durchbrochen. Kein Gebäude ist dort zu sehen, keine Spur bäuerlicher Ordnungsliebe: Das weite Weideland des Tales steigt auf der gegenüberliegenden Seite wieder an. Hier liegt der noch selten genutzte Truppenübungsplatz Ohrdruf, der jedem Landbau entzogen wurde, lange bevor Spritzmittel und Kunstdünger auf den Markt kamen. Ein Fuchs huscht geduckt durch eine Senke. Von überall her klirren die Stimmen der Feldlerchen.
»Wenn man es richtig anfängt«, setzt Reisinger seine Gedanken fort, ohne die Augen vom Aufgang des Frühlingsmorgens zu lassen, »dann könnte man hier einen zweiten Krüger-Nationalpark erschaffen, eine Urlandschaft Europas mit allen großen Tieren, wie sie einmal unsere Landschaft prägten – mit Auerochsen, Wisenten, Wildpferden – und den dazugehörenden Raubtieren.« Es wäre die Wildnis, die am Ursprung unserer Kultur stand – und warum sollte sie nicht Menschenmassen anziehen wie anderswo, in Breiten, in denen das prähistorische Erbe präsenter ist, weil es nicht schon vor so langer Zeit umgestaltet wurde?
In Südafrika ist Natur – nicht überall, aber an vielen Orten – längst einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren. 11 Milliarden Euro pro Jahr werden mit der Sehnsucht der Menschen nach ursprünglicher Landschaft umgesetzt, nach einer Form und Tiefe von Wildnis, die es auch in Europa einmal gab, die aber hier schon seit Tausenden von Jahren verloren ist. 1,3 Millionen Beschäftigte im Kapstaat verdienen ihren Lebensunterhalt in irgendeiner Form mit dem Naturschutz. 16 Millionen Dollar wirft allein die Rooibos-Bushveld-Region des Krüger-Nationalparks jährlich ab – Tendenz steigend, denn anderswo wächst das Bedürfnis nach der dort schwindenden Fülle stetig an.
»Das Land hier wäre ideal, hier könnte man zeigen: Der Schutz der Vielfalt ist keine Wirtschaftsbremse, wie die meisten immer noch glauben«, sagt Reisinger. Ökologen wie er beginnen zu entdecken: Natur ist ein Wohlstandsfaktor – und in einer Zeit, in der die Biosphäre zunehmend bedroht ist, ist er längst der wichtigste. Nur blieb er bisher weitgehend unbemerkt.
Aber auf der Ebene des thüringischen Fleckens Crawinkel, vor der wir an diesem leuchtenden Landmorgen stehen, ist Reisinger mit seinen Visionen so weit wie wenige hierzulande in der Wirklichkeit angekommen. Das Land vor unseren Augen mit seinen verstreuten Herden gleicht nicht nur oberflächlich einer afrikanischen Savanne. Es kommt der damit verbundenen Idee vom grünen Kapital auch wirtschaftlich nahe. Hier – in diesem kleinen Ausschnitt der Biosphäre, umgeben von Kalkhängen von karger Anmut, blühendem Trockenrasen, alten Eichenhainen, sumpfigen Weihern und schattigen Bächen – wird bereits heute Geld damit verdient, dass Schönheit und Ursprünglichkeit zunehmen – und nicht wie allerorten damit, dass sie immer weiter den Anforderungen von Nutzenmaximierung, Zweckrationalität und Effizienz weichen müssen.
Der Mann, der sich für diese Perspektive begeistert, ist vierschrötig, zupackend, unkonventionell – ein Durchsetzer, der ausspricht, was er meint, und den Konventionen wenig schrecken. Heinz Bley, der von einer langen Linie von Landwirten aus dem Oldenburgischen abstammt, ist ein Pionier. Kein Öko, sondern ein Macher. Aber vielleicht gerade darum hat er sich anders als viele Kollegen nicht vom Naturschutz schrecken lassen, sondern verdient Geld damit.
Dass Bley nicht zu den armen Schluckern gehört, die sich im Namen eines Landbau-Ideals verzehren und selbst darben wie einst die halb verhungerten Kätner in jenen Zeiten, als alle Agrikultur automatisch ökologisch war, zeigt sein funkelnd neuer VW-Touareg auf dem weitläufigen Hof. Aber morgens um sechs besteigt Bley ein älteres 4x4-Modell zur täglichen Runde über seine 3000 Hektar. Als der Landwirt die Tür des Geländewagens zuschlägt, scheppert der abgerissene Außenspiegel gegen das Blech, in dem sich Plastikfolie statt einer Scheibe spannt. Erst gestern hatte ein Heckrind, die halbwilde Nachzüchtung eines Auerochsen, wie ein waidwundes Rhinozeros das Fahrzeug demoliert und dabei einen Angestellten knapp verfehlt.
Fließend wie Wogen treiben die Pferdeherden vom Fahrzeug weg, als Bley über die taufeuchten Wiesen schlingert. Der Chef der Agrar-GmbH im thüringischen Crawinkel fährt jeden Morgen auf Safari. Er hält seine Tiere nicht im Stall – nicht einmal im härtesten Winter. Die 500 Pferde und 1500 Rinder zwischen den Baum- und Heckengruppen der weitläufigen Senken sind aber auch nicht gewöhnliches Vieh. Die meisten gehören keinen hochgezüchteten Rassen an, sondern ähneln ausgestorbenen Ahnen. Wie die massigen Heckrinder mit ihren gebogenen Hörnern sind auch die Konik-Pferde, die aschfahlen Islandponys ähneln, eine halbwilde Rückkreuzung, die prähistorische Vorfahren abbilden soll. Dazwischen stehen Warmblut-Zuchtpferde – auch sie das ganze Jahr draußen. Dichtwollene Galloway-, Highland- und Deutsch-Angus-Rinder scheuchen beim gemächlichen Kräuterrupfen Kiebitze und andere Wiesenvögel auf. Stämmige Tarpane, Rückzüchtungen der letzten europäischen Wildpferde, verstecken sich hinter den fast 30 Kilometern Heckenlinien des Gebietes, dessen Gesamtausdehnung das Dreißigfache des Berliner Tiergartens beträgt.
Bley verdient sein Geld nicht damit, Schlachtvieh zu mästen. Seine urtümlichen Äser produzieren weniger Filets im Überfluss als eine Ware, die längst Mangel geworden ist: natürliche Vielfalt. Das Land des Bauern ist eine wilde Wiesenwelt, durchzogen von Senken und Tümpeln, zerteilt von Büschen voller Vögel und Insekten, ein Flickenteppich des Lebens, in dem viele Arten Heimat und menschliche Augen Halt und Struktur finden. Die Großtiere schaffen kauend ein Mosaik von unterschiedlichsten Landschaftsteilen. Sie lassen hier blumendurchwirkte Grasflächen übrig, trampeln dort sumpfige Löcher und »verbeißen« im Winter harte Stauden und holzige Büsche, die sonst die Landschaft langsam überwuchern und schließlich wieder zu Wald verwandeln würden.
Für den Ökologen Reisinger ist Bleys Bauernsavanne der Anbruch unserer sowohl wirtschaftlichen wie auch ökologischen Zukunft – genau wie eine Vielzahl ähnlicher, aber meist kleinerer Wildweide-Experimente in Deutschland und seinen Nachbarländern. Wo Heck-Rinder und Koniks eine »halboffene Weidelandschaft« schaffen, kehren ganz von allein die Naturelemente der bäuerlichen Vergangenheit Europas wieder, beobachten Ökologen – und mit ihr auch deren einstige Bewohner, die Schmetterlinge, Käfer, Vögel, Frösche und Fledermäuse. »Artenschützer haben viel zu lange darauf geschaut, einzelne Tiere und Pflanzen zu erhalten, nicht aber ein funktionierendes Ökosystem, das von alleine die richtigen Spezies an die richtigen Plätze verweist«, sagt Reisinger. Viele europäische Pflanzen sind daran gewöhnt, regelmäßig von großen gelben Zähnen abgeknabbert zu werden. Einige wachsen nach der Schur sogar besser, meint der Biologe: »Graslandschaften sind aufs Grasen angewiesen, sonst gehen sie kaputt.« Aber auch Insekten zeigen Anpassungen, die sie Wald- und Wiesenbiotopen zugleich zuweisen: Viele Käferlarven etwa nagen an Eichenholz, ihre Eltern aber laben sich an Blütenpollen.