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Über dieses Buch

Achtung, Grizzlybären!

Julies Traum hat sich erfüllt: Endlich ist sie als Rangerin ins Team des Nationalparks aufgenommen worden und darf mit ihren geliebten Huskys weiter im Einsatz sein. Doch es warten noch ganz andere Aufgaben auf sie. Ein bekannter Tierfilmer will eine Dokumentation über die Grizzlybären drehen, die in der Nähe des Red Mountain gesichtet wurden, und Julie soll den Mann begleiten. Was nach einer angenehmen Zusammenarbeit mit dem weltberühmten Profi klingt, gerät zum Desaster. Der Filmemacher schert sich nicht um die Vorschriften des Nationalparks. Für spektakuläre Aufnahmen ignoriert er die einfachsten Verhaltensregeln, zieht auf eigene Faust los und versucht sogar, die Bären zu provozieren. Verzweifelt setzt Julie alles daran, ihn einzuholen. Kann sie das Schlimmste verhindern?

In der Reihe Alaska Wilderness sind

bei Ueberreuter erhältlich:

Band 1: Verschollen am Mount McKinley

Band 2: Die Wölfe von Rock Creek

Band 3: Allein am Stony Creek

Band 4: Schutzlos am Red Mountain

Inhalt

1

Auf einem der Hügelkämme, die zum Gipfel führten, blieb Julie stehen. Sie richtete ihren Feldstecher auf die unter ihr liegende Schlucht, suchte den schmalen Tattler Creek bis zu der schroffen Felswand ab, die weiter südlich aus der Tundra ragte, und ließ den Blick über die Beerengestrüppe zu beiden Ufern schweifen. Erst beim wiederholten Hinsehen erkannte sie die grauen Flecken, die sich langsam durch das Buschwerk bewegten. »Ich wusste doch, dass uns jemand beobachtet«, sagte sie. »Eine Grizzly-Mutter mit zwei Jungen. Zwischen den Bäumen an der letzten Biegung. Sieht aus wie Bär 104.«

»Ich hab sie«, antwortete Carol, die ebenfalls durch ihr Fernglas sah. »Stimmt, das ist die Bärin, der wir vor einem Monat das Funkhalsband angelegt und die Ohren markiert haben. Eine ziemlich aggressive Grizzly-Dame.«

Julie beobachtete, wie sich die Bärin nach ihren Jungen umdrehte und ungeduldig wartete, bis sie zu ihr aufgeschlossen hatten. »Ich erinnere mich. Selbst als sie bewusstlos war, hab ich Abstand gehalten.« Sie ließ das Fernglas sinken und griff nach ihrem Funkgerät. »Ich sag im Hauptquartier Bescheid. Bei dem schönen Wetter sind bestimmt einige Wanderer unterwegs. Sie schlagen besser einen weiten Bogen um Bär 104.« Sie rief die Kollegen und gab die Meldung durch. »Wir sind am Sable Mountain«, fügte sie hinzu, »unterhalb des Gipfels. Ja, natürlich, wir bleiben in der Gegend, für alle Fälle.«

Julie Wilson steckte das Funkgerät weg und lächelte stolz. Seit zwei Monaten war sie von der Praktikantin zur vollwer­tigen Rangerin aufgestiegen und gehörte nun fest zum Team im Denali National Park. »Park Ranger« stand auf ihrer neuen Visitenkarte. Vorbei waren die Zeiten, da sie jeden Abend mit der Ungewissheit eingeschlafen war, ob Superintendent John W. Green ihr die heiß ersehnte Urkunde aushändigen würde. Sie hatte während ihrer Probezeit hervorragende Arbeit geleistet, aber auch erstklassige Bewerber mussten oftmals zurückstecken, wenn freie Stellen oder Gelder gestrichen wurden. Seit der Übernahme fühlte Julie sich als der glücklichste Mensch auf Erden.

Für die Viertelmeile zum Gipfel brauchten sie fast eine halbe Stunde. Der Anstieg zum Sable Mountain war ungewöhnlich steil, und obwohl Julie und ihre ehemalige Vorgesetzte wie alle Ranger sehr sportlich und durchtrainiert waren, taten sie sich schwer. Carol hatte sich vor einigen Wochen den rechten Fuß verstaucht und zögerte noch, ihn voll zu belasten. Sie war Ende zwanzig, ungefähr sieben Jahre älter als Julie, und hatte die dunklen Haare wie immer im Dienst zu einem festen Knoten gebunden. Sie arbeitete schon seit einigen Jahren im Denali National Park und war wegen ihrer Erfahrung im Umgang mit Huskys zu einer gewissen Bekanntheit gelangt – es gab Besucher, die sie sogar um ein Autogramm baten. Vor einigen Jahren war Carol Fünfte beim Iditarod geworden, dem legendären Hundeschlittenrennen zwischen Anchorage und Nome nördlich des Polarkreises, dem härtesten und längsten Rennen der Welt. Eine Herausforderung, die Julie, wenn alles nach Wunsch lief, im nächsten März annehmen wollte.

Auf dem Gipfel blieben Carol und Julie stehen und blickten andächtig in die Runde. Obwohl beide schon seit vielen Jahren in Alaska lebten, waren sie immer wieder beeindruckt von der spektakulären Natur, die sich insbesondere von den Aussichtspunkten im Nationalpark darbot. Der Gipfel des Sable Mountain, obwohl nur 1800 Meter hoch, gehörte zu den besten. An einem sonnigen Sommertag wie diesem erhob sich die Gebirgskette der Alaska Range direkt vor ihren Augen, und der schneebedeckte Bergriese des Mount McKinley schien sich bis weit in den Himmel zu schrauben. Selten war der höchste Berg der USA in seiner ganzen Pracht zu sehen. Im Westen leuchteten die felsigen Hänge des Polychrome Mountain in allen Braun- und Rottönen, und im Osten ragte der mächtige Cathedral Mountain empor. Die Morgensonne überzog die Berge, die alle über der Baumgrenze lagen, mit einem goldenen Schimmer.

Julie und Carol atmeten die klare Bergluft tief ein und teilten sich ein Sandwich mit Geflügelsalat. Dazu gab es leicht gesüßten Tee. Zum Nachtisch gönnte sich jede einen Mini-­Schokoriegel aus Carols Geheimvorrat. Die morgendlichen Wanderungen gehörten zu den beliebtesten Aufgaben bei den Rangern, weil man auf diese Weise nicht nur die Trails überprüfen und von entwurzeltem Gestrüpp oder losem Geröll befreien konnte, sondern auch Zeit fand, die frische Luft und die Natur zu genießen. »Jetzt bin ich schon sieben Jahre hier, aber am Denali werde ich mich nie sattsehen«, sagte Carol. »Wie ein König im weißen Mantel steht er da, einfach … überwältigend.« Denali war der indianische Name des Mount McKinley und bedeutete »Der Hohe« oder »Große«.

Über den Trail stiegen sie ins Tal hinab. Eigentlich gab es nur Markierungen, die man zur Orientierung der Wanderer angebracht hatte, und keinen befestigten Weg, wie man ihn aus anderen Nationalparks kannte. In einem Wildnispark, wie Denali es war, sollte die Natur möglichst unberührt bleiben. Die Ranger ermutigten die Wanderer sogar, nebeneinander statt hintereinander zu laufen, um das Gras und die Erde zu schonen.

Julie war am liebsten im Winter mit ihren Huskys unterwegs, schätzte aber auch den kurzen Sommer. Die vielen Moskitos konnten ihn zwar zur Plage machen, doch dank Carol war sie auf ein wenig bekanntes Spray gestoßen, das der Kollegin schon in Yosemite geholfen hatte und bei Julie ebenfalls gute Dienste tat. Auf den grünen Bergwiesen, die die Hänge bedeckten, wuchsen Wildblumen in allen Farben und an beiden Ufern des Tattler Creek, der weit unter ihnen silbern in der Sonne glänzte, leuchteten tiefblaue Vergissmeinnicht. Ein Anblick, der auch die vier Wanderer begeisterte, die ihnen auf halber Höhe entgegenkamen. Zwei Männer und zwei Frauen, alle um die dreißig und sehr sportlich, wie Julie sofort erkannte. Sonst hätten sie auf dem steilen Hügelkamm nicht gelächelt.

»Wissen Sie, dass sich eine Grizzly-Dame mit ihren beiden Jungen in dem Beerengestrüpp am Fluss herumtreibt?«, fragte Julie, nachdem ihnen die Wanderer erzählt hatten, dass sie zum Sierra Nevada Hiking Club aus Kalifornien gehörten. Sie verbrachten ihren Urlaub im Denali National Park.

Einer der beiden Männer, ein blonder Modelathlet, der sich seines guten Aussehens offensichtlich bewusst war, nickte zustimmend. »Der Ranger im Besucherzentrum hat uns gewarnt. Wir haben die Bärin gesehen, zum Glück noch rechtzeitig, um ihr aus dem Weg zu gehen. Sie hatte ziemlich schlechte Laune. Trieb dauernd ihre Jungen vor sich her, als hätte sie es besonders eilig.«

»Wir behalten sie im Auge«, versprach Julie, »aber passen Sie auf dem Rückweg dennoch auf. Ich bin sicher, Sie haben das Bärenvideo gesehen …«

»Muss das nicht jeder, der im Nationalpark wandert? Ja, wir wissen, wie man sich verhalten muss. Und keine Angst, wir gehören nicht zu den Leuten, die einen Grizzly mit einem Teddybär verwechseln. Wir halten Abstand.«

Die Rangerinnen verabschiedeten sich von den Wanderern und gingen weiter. Nicht mehr so bedächtig wie bisher, eher stramm und wie geübte Bergsteiger, um möglichst bald die Schlucht zu erreichen. Weder Julie noch Carol hatten Angst vor wilden Tieren. Beide waren den Anblick von Bären, Elchen und Wölfen gewöhnt und wussten, wie man sich ihnen gegenüber am besten verhielt: indem man ihnen den nötigen Respekt zollte und sich bewusst machte, dass man in ihr Territorium eingedrungen war, und nicht umgekehrt. Am wichtigsten war es, den nötigen Abstand zu wahren und die wilden Tiere nicht etwa mit willigen Zoo- oder Zirkustieren zu verwechseln. Fünfzig Meter empfahlen die Ranger als Mindestabstand von einem Bären und hundert Meter von einer Mutter mit Jungen. Nicht mal die Busse durften näher heran.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als sie den Tattler Creek erreichten. Eigentlich war es nur ein schmaler Bach mit steinigem Grund, den man an manchen Stellen bedenkenlos in Wanderschuhen durchqueren konnte. Carol und Julie unterhielten sich jetzt besonders laut, hielten ihre Ferngläser in den Händen und suchten immer wieder das Gestrüpp nach einer ungewöhnlichen Bewegung ab, die ihnen die Anwesenheit der Bären verraten konnte. Wanderer waren ihnen keine mehr entgegengekommen. Sie waren um diese Zeit entweder schon weit oben oder hatten sich von der Warnung der Ranger abschrecken lassen.

Im Bärenvideo, das sich alle Wanderer vor dem Besuch des Denali Parks anzusehen hatten, wurde eindringlich auf die Gefahr einer Begegnung mit Grizzlys oder Schwarzbären hingewiesen, aber auch vor plötzlicher Panik gewarnt. Wenn man die Ratschläge der Experten befolgte und sich zum Beispiel möglichst laut unterhaltend und singend bewegte, gingen einem die Bären meist freiwillig aus dem Weg. Bei Bär 104 durfte man sich darauf jedoch nicht verlassen. Eine aggressive Grizzly-Mutter war nur mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Noch lag die Schlucht verlassen vor ihnen. Der Wind strich sanft über die grünen Hügel und die schroffen Felsen, die in einiger Entfernung aus dem Land wuchsen, und raschelte in den Espen und dem Gestrüpp am Ufer. Hätten sich Julie und Carol nicht so laut unterhalten und ihre warnenden »Hey Bear!«-Schreie in die Gegend getönt, hätte man sogar das bedächtige Gurgeln des Flusses gehört. In weiter Ferne war bereits die Park Road zu erkennen.

»Vielleicht sind sie weitergezogen«, überlegte Julie, »zum Polychrome Mountain oder über die Park Road zum Glacier River, da waren sie schon vor ein paar Tagen. Am Glacier River soll es noch mehr Blaubeeren geben.«

Carol setzte das Fernglas ab. »Das hätten die Kollegen doch bemerkt. Am Tattler Creek gibt’s genug Futter, außerdem haben sie im Gestrüpp mehr Deckung. Ich glaube, unsere Bärin hat es nicht so gern, wenn sich Besucher aus den Busfenstern lehnen und ihr zurufen, dass sie sich umdrehen soll.«

»Das würde mich auch nerven«, erwiderte Julie lachend.

Einige Minuten später begegneten sie der Bärin tatsächlich. Julie sah sie zuerst, einen dunklen Schatten, der ungefähr eine Viertelmeile von ihnen im Unterholz der verkrüppelten Fichten und Espen herumstieg und die Blaubeeren mit der rechten Pranke von den Sträuchern streifte. Hinter ihr tauchten die beiden Jungen auf und versuchten es ihr gleichzutun. Dass sie dabei öfter das Gleichgewicht verloren und in den Beeren landeten, amüsierte ihre Mutter nur wenig. Missgelaunt half sie ihnen jedes Mal auf die Beine und warnte sie mit einem Grunzlaut, das nächste Mal besser aufzupassen.

Der Wind blies von Nordwesten und verhinderte, dass die Bärin Julie und Carol witterte. Ihre Sehkraft war begrenzt, wie bei allen Bären. Sie bewegte sich kühn und forsch, als wären sie und ihre Jungen allein in der Wildnis und hätten nichts zu befürchten. Nur ihre aufgestellten Ohren verrieten, wie aufmerksam sie tatsächlich war. Eine Bärenmutter tat alles, um ihren Nachwuchs zu beschützen. Jeder, der ihr zu nahe kam, wurde als möglicher Feind betrachtet.

Umso größer war das Entsetzen bei Julie und Carol, als sie einen ungefähr sechzehnjährigen Jungen entdeckten, der den abgesteckten Trail verlassen hatte und mit erhobener Kamera auf die Bären zulief. Sein rötlicher Haarschopf und sein blauer Anorak leuchteten zwischen den Bäumen hervor. Er lief gebückt und so unbedarft und unvorsichtig auf die Bären zu, als bewegten sich die wilden Tiere in einem Gehege, das durch eine hohe Mauer gesichert war.

»Ist der verrückt?«, rief Julie erschrocken. »Das ist glatter Selbstmord!«

Carol war ebenso entsetzt. »Hey!«, rief sie. »Zurück! Zurück!« Sie unterstrich ihren Warnruf mit eindeutigen Handbewegungen, aber der Junge reagierte nicht – ob absichtlich oder nicht, war auf die Entfernung schwer zu sagen.

»Der hat den Verstand verloren.« Julie blickte ungläubig auf den Jungen der keine hundert Meter mehr von den Bären entfernt war. »Zurück! Zurück! Weg von den Bären!«, warnte auch sie ihn. »Bleib sofort stehen, verdammt!«

Sie waren bereits losgerannt, liefen am Fluss entlang, bis sie an eine flache Stelle kamen, an der man ihn ohne Mühe durchqueren konnte. Am anderen Ufer ließen sie es vorsichtiger angehen. Auf keinen Fall wollten sie der Bärin in die Quere kommen. Über das Geröll, das sich bis zum Gestrüpp unterhalb der Hügel ausbreitete, näherten sie sich so schnell wie möglich dem Jungen.

Ungefähr hundert Meter von ihm und dem Bären entfernt, blieben sie keuchend stehen. Weder der Grizzly noch der Junge schienen sie gesehen zu haben.

»Hey!«, rief Carol, gerade so laut, dass der Junge sie verstehen konnte. »Weg von den Bären! Dreh sofort um und geh langsam zurück. Langsam!«

Obwohl Carol so eindringlich gesprochen hatte, dass dem Jungen der Ernst der Lage bewusst sein musste, tat er so, als hätte er sie nicht gehört. Er ging weiter auf die Bärin zu und schien die Gefahr bewusst zu ignorieren. Als hinge sein Schicksal von dem einen Foto ab, das er aufnehmen würde, sobald die Bärin groß im Bild war.

Julie blieb fast das Herz stehen. Es würde sein letztes Foto sein. Die Grizzly-Mutter würde ihn als Bedrohung für ihre Jungen ansehen und gnadenlos verfolgen. Und einem Grizzly entkam keiner, nicht mal ein Sprint-Weltmeister.

Trotz der großen Gefahr, die auch ihnen drohte, liefen die jungen Frauen geduckt auf den Jungen zu. Sie konnten ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen, auch wenn er sich durch seine eigene Dummheit in diese Lage gebracht hatte. Bis auf fünfzig Meter wagten sie sich an ihn heran, ohne die Grizzly-Mutter und ihre Jungen aus den Augen zu lassen. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

»Zurück!«, rief Carol dem Jungen mit gedämpfter, aber bestimmter Stimme zu. »Geh langsam zurück … rückwärts … mach schon, oder willst du sterben? Geh langsam zurück, dann passiert dir nichts. Wenn er doch angreift, leg dich auf den Boden und spiel den toten Mann!«

Julie hatte bereits ihr Bärenspray aus dem Anorak gezogen und legte den Finger auf die Drucktaste, ohne die Grizzly-­Mutter und ihre Jungen aus den Augen zu lassen. Außer einer großkalibrigen Waffe, die nur die Ranger der Polizeitruppe tragen durften, war Bärenspray die einzig wirksame Waffe gegen die Tiere, kein Pfefferspray, sondern eine besondere chemische Verbindung, die den Bären verwirrte und seine Sinne unterdrückte, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Das Problem war, dass es Grizzlys gab, die sich selbst durch das Spray nicht irritieren ließen, wenn sie nur wütend oder hungrig genug waren.

Auch Carol hielt ihre Spraydose bereits in der Hand.

»Junge!«, rief sie so leise sie konnte. »Kehr sofort um! Oder willst du sterben? Ein Schritt weiter, und der Grizzly greift an. Willst du, dass dein Name morgen in der Zeitung steht? Der Verrückte, der offenen Auges in sein Verderben lief?«

Der Junge blieb zum ersten Mal stehen und drehte sich nach ihnen um. Carols letzte Worte hatten ihn anscheinend getroffen. Sie hakte sofort nach.

»Willst du, dass die Leute abfällig über dich reden?« Sie veränderte ihre Stimme. »Über Tote soll man ja nichts Schlechtes sagen, aber nur ein Idiot wagt sich so nahe an einen Grizzly heran. Selbst schuld, der Junge.« Und wieder mit ihrer eigenen Stimme: »Willst du, dass sie über dich lachen?«

Julie beobachtete, wie Bär 104 den Kopf hob und in die Richtung des Jungen blickte. Seine Ohren zeigten steil nach oben, ein Zeichen dafür, dass er etwas Verdächtiges gewittert hatte. »Langsam zurück, Junge!«, forderte Julie den Jungen auf. »Das ist deine letzte Chance! Geh langsam zurück und blick dem Bär nicht in die Augen! Keine hastige Bewegung! Mach schon! Hörst du mich, mein Junge? Du musst da unbedingt weg!«

Die Grizzly-Mutter war nervös geworden. Ihre Ohren zeigten jetzt nach hinten, und aus ihren Mundwinkeln lief Speichel. Sie war kurz davor anzugreifen. Hinter ihr hatten auch die Jungen ihr Spiel unterbrochen und blickten neugierig zu ihrer Mutter auf. Sie erkannten die Gefahr nicht, merkten nur, wie unruhig die Bärin war und dass irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte.

»Zurück!«, befahl Carol dem Jungen. »Weg da! Sofort!«

Erst jetzt, als es beinahe schon zu spät war, gehorchte der Junge. Übernervös und sich der tödlichen Gefahr plötzlich bewusst, stolperte er aus dem Blickfeld der Bärin. In seiner Panik bewegte er sich viel zu abrupt und hastig. Bär 104 knurrte laut und setzte zur Verfolgung an.

»Auf den Boden!«, rief Carol. »Spiel den toten Mann! Hände über den Kopf!« Aber der Junge schien sie nicht zu hören. Nur noch daran interessiert, die Bärin hinter sich zu lassen und sich in Sicherheit zu bringen, rannte er wie verrückt davon.

Julie und Carol versuchten, zwischen ihn und die Bärin zu kommen und sich mit einigen Schüben aus ihren Spraydosen die nötige Zeit zur Flucht zu verschaffen, wussten aber, dass ihre Chancen sehr gering waren. Hätten sie doch nur ein Gewehr dabeigehabt!

Nur ein Zufall rettete den Jungen. Die Bärin war noch keine zehn Schritte gelaufen, als ihre Jungen verzweifelt nach ihr riefen. Ein männlicher Grizzly war im Gestrüpp aufgetaucht und hatte sich ihnen genähert. Er konnte dem Nachwuchs noch gefährlicher werden als ein Zweibeiner. Denn auch wenn die Bärin noch keine weiteren Jungen bekommen konnte, griffen männliche Bären sie oftmals ohne vorherige Warnung an und töteten die Kleinen.

Die Bärin wirbelte herum und zögerte keinen Augenblick. Noch wilder fauchend als beim Anblick des aufdringlichen Zweibeiners rannte sie zu ihren Jungen zurück und stellte sich dem Angreifer entgegen. Entschlossen, ihren Nachwuchs bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, hielt sie auf den größeren und schwereren Bären zu und vertrieb ihn wütend aus ihrem Gebiet.

Julie und Carol nutzten die unverhoffte Atempause, um den Jungen an den Armen zu packen und möglichst weit von der Bärin wegzuzerren. Als der fremde Grizzly abzog und die Bärin zu ihrem Nachwuchs zurückkehrte, waren sie mit dem Jungen schon um die nächste Biegung verschwunden und zur Park Road unterwegs. In der Ferne leuchteten die Fenster des Eielson Visitor Center in der hellen Sonne.

2

Der Junge rannte so plötzlich davon, dass sie ihn nicht daran hindern konnten. Drehte sich um und jagte in die Schlucht zurück, als bereute er seine Entscheidung, mit den Rangern zu gehen und sein Leben zu retten. »Meine Kamera«, jammerte er, »ich hab meine Kamera fallen lassen! Ich brauche meine Kamera! Die ganzen Fotos!«

Er war flink auf den Beinen und hatte schon einen beträchtlichen Vorsprung, als sich Julie und Carol an die Verfolgung machten. »Bleib stehen!«, riefen sie abwechselnd. »Zurück! Komm zurück, oder willst du unbedingt sterben? Sei doch vernünftig! Die Kamera holen wir später.«

Der Junge schien sie nicht zu hören und stürmte weiter am Ufer entlang. Es war offensichtlich, dass er keine Ahnung von Bären hatte. In dem aufgebrachten Zustand, in dem sich die Grizzly-Mutter nach der Herausforderung durch den männlichen Bären befand, bedeutete eine weitere Begegnung den sicheren Tod.

»Zurück! Zurück! Sonst greift die Bärin an!«

Julie war etwas schneller als Carol, aber der Vorsprung des Jungen war immer noch groß. Er schien komplett den Verstand verloren zu haben. Wie ein Wahnsinniger rannte er in die Schlucht hinein, der aggressiven Bärin und ihren Jungen entgegen.

Er hatte es wohl nur seinem Schutzengel zu verdanken, dass er auch diesmal überlebte. Im Gestrüpp abseits des Ufers stolperte er über einen abgebrochenen Ast und stürzte der Länge nach zu Boden. Fluchend rutschte er durch das Strauchwerk und mit dem Oberkörper ins kühle Wasser des Tattler Creek. Er wollte aufspringen und sofort weiterlaufen, aber da war Julie schon zur Stelle und bekam ihn am linken Oberarm zu fassen. Sie zog ihn aus dem Fluss, drehte seine Arme auf den Rücken, wie sie es im Selbstverteidigungskurs beim Law Enforcement gelernt hatte, und presste das Knie auf seinen Rücken.

»Jetzt reicht’s mir aber!«, fuhr Julie den Jungen an. »Bist du lebensmüde oder was? Reicht es denn nicht, dass du ein Mal in Lebensgefahr warst?«

»Meine Kamera«, jammerte der Junge. Er versuchte, sich gegen ihren Druck aufzulehnen, schaffte es aber nur, seinen Kopf zu drehen. »Lassen Sie mich los! Ich hab meine Kamera verloren. Ohne die gehe ich nicht zurück!«

Julie dachte nicht daran, ihren Griff zu lockern. »Du wirst erst mal ohne deine Kamera auskommen müssen. Wir lassen auf keinen Fall zu, dass du dein Leben riskierst, verstanden?«

»Ich brauche einen Beweis!«, widersprach er eigensinnig.

»Für was? Für deine Dummheit?«

Inzwischen war auch Carol da, und sie zogen ihn gemeinsam vom Boden hoch. Auf dem Rückweg hielten sie ihn an beiden Armen fest. Anfangs wehrte sich der Junge noch, doch dann sah er wohl ein, dass er gegen die Ranger nicht ankam, und ergab sich in sein Schicksal. Julie und Carol ließen sich nicht täuschen. Wer sich einmal losriss, würde es auch ein zweites Mal versuchen, und sie hatten keine Lust, ihn noch einmal zu verfolgen und vielleicht schuld an einer Katastrophe zu sein. Der Junge hatte sein Glück aufgebraucht. Bei einem weiteren Versuch, seine Kamera zu holen, griff sein Schutzengel bestimmt nicht mehr ein und ließ ihn gewähren.

Sie packten den Jungen auf die Rückbank ihres Suburban und stiegen ein. Mit einem entschlossenen Griff verriegelte Carol die Türen. Während sie zum Funkgerät griff und das Hauptquartier verständigte, drehte Julie sich zu dem Jungen um und beobachtete ihn scharf. »Das war sehr leichtsinnig von dir«, sagte sie. »Was hast du dir bloß dabei gedacht? Mit einem Grizzly ist nicht zu spaßen und mit einer Bärin und ihren beiden Jungen schon gar nicht. Haben sie dir im Besucherzentrum denn nicht gesagt, wie du dich verhalten sollst?«

Der Junge antwortete nicht. Er war ein schmächtiger Kerl, der im Sportunterricht sicher keine gute Figur machte und sich anscheinend nicht entscheiden konnte, ob er wütend oder beleidigt sein sollte. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt. Nicht gerade der Typ, auf den die Highschool-Girls flogen.

Carol hatte den Auftrag bekommen, den Jungen zu Ranger Erhart, dem Chef der Polizeitruppe, zu bringen und startete den Motor. Ihren breitkrempigen Hut, den sie sonst gerne auf die Rückbank legte, hatte sie Julie gegeben.

Sie blickte in den Innenspiegel. »Wie heißt du?«

»Terry«, kam die zögerliche Antwort. »Terry Lombard.«

»Aus Fairbanks?«

»Fox«, erwiderte er. Ein Nachbarort von Fairbanks.

»Wie alt bist du?«

»Vierzehn. Warum?«

»Weil man mit vierzehn eigentlich vernünftig genug sein sollte, einer Bärin und ihren Jungen aus dem Weg zu gehen. Und weil nicht mal ein Siebenjähriger zurücklaufen würde, um seine Kamera zu holen.« Sie schüttel­te immer noch ungläubig den Kopf. »Was hast du dir bloß dabei gedacht, Terry?«

»Ich bin kein Feigling«, erwiderte er trotzig.

»Hat das jemand behauptet?«

»Alle sagen das, die Schüler in der Highschool, die Lehrer, sogar meine Eltern. Ich wär eine Memme, weil ich kein Football und kein Eishockey mag und vor Angst geheult hätte, als wir mit unserem Jahrgang beim Schwimmen waren.« Seine Stimme wurde lauter und trotziger. »Aber das ist gelogen! Ich war nicht feige! Mir war nur was in die Augen gekommen, deshalb bin ich nicht gleich ins Wasser gesprungen. Ich bin doch nicht wasserscheu.« Er wischte sich mit einer raschen Bewegung eine Träne von der Wange. »So ein Blödsinn! Ich mache halt keine große Show aus einem Sprung wie Marty.«

»Marty? Geht der auch auf deine Highschool?«

Er nickte schwach. »Marty Remick. Auf die West Valley High.«

»Marty … und wer noch?«

»Marty, Chip … Sandy und ihre Cheerleader …«

Carol begann den Jungen zu durchschauen. »Und denen wolltest du’s mal richtig zeigen, was? Du wolltest ihnen beweisen, was für ein mutiger Kerl du bist, stimmt’s? Und die Fotos der Bärin wolltest du als Beweis mitnehmen.«

Terry brummte unwirsch. »Was weiß ich.«

»Wie bist du hergekommen?«, fragte Julie. »Mit dem Wagen?«

»Per Anhalter«, antwortete der Junge missgelaunt. »Und dann mit dem Shuttlebus. Auf der Website steht, dass man in dieser Gegend besonders häufig auf Bären trifft.« Sein Blick wurde zornig. »Warum fragen Sie das alles? Warum lassen Sie mich nicht die verdammte Kamera holen? Der Grizzly war doch meilenweit entfernt, der hätte mir schon nichts getan. Und wenn doch, wäre ich weggerannt.« Der Junge glaubte anscheinend, was er sagte.

Julie schüttelte ungläubig den Kopf. Sie hatte schon einiges erlebt, seitdem sie im Park arbeitete, aber so viel Dummheit war ihr noch nie untergekommen. »Da irrst du dich aber gewaltig, Terry. Du warst keine fünfzig Meter mehr von der Bärin entfernt, als du sie fotografiert hast, und wenn der andere Bär nicht aufgetaucht wäre und sie abgelenkt hätte, wär’s das gewesen.«

Er lächelte unsicher. »Sie wollen mir doch nur Angst machen.«

»Hast du dir nicht das Video über Bären im Besucherzentrum angesehen? Das muss jeder sehen, der die Park Road verlassen und über einen der Trails wandern will. Außerdem gibt es Info-Blätter über Bären.« Sie bemerkte seinen unsicheren Blick. »Du warst gar nicht im Besucherzentrum, was? Du hast den erstbesten Shuttlebus genommen und bist am Tattler Creek ausgestiegen, weil sich hier einige Grizzlys aufhalten sollen. Du hast deine ganze Weisheit aus dem Internet.« So viel Naivität war doch nicht zu fassen. »Aber auch auf unserer Homepage steht alles über Bären.«

»Ich wollte ihn doch nur fotografieren.«

»Ich muss es leider wiederholen, Terry. Das war sehr leichtsinnig und höchst unverantwortlich von dir, und du wirst um eine saftige Strafe leider nicht herumkommen. Beziehungsweise deine Eltern. Du hast gegen die Vorschriften des Nationalparks verstoßen und dich gegen zwei Ranger gewandt.«

»Meine Eltern?« Er bekam es mit der Angst zu tun.

»Ich glaube kaum, dass du so viel Geld auf dem Konto hast. Außerdem wird man dir verbieten, in absehbarer Zeit den Park zu betreten. Du hast mit deinem Leben gespielt, Terry, und alles nur, um deine Highschool-Freunde zu beeindrucken und ihnen zu zeigen, was für ein mutiger Bursche du bist.«

»Sie sind nicht meine Freunde«, erwiderte er. »Niemand ist mein Freund. Schon gar nicht auf der Highschool. Die wollen mich fertigmachen, weiter nichts. Marty und Chip, obwohl Chip nur Ersatzmann der Football-Mann­schaft ist, und Sandy, diese eingebildete Cheerleader-Zicke. Die verbreitet lauter Lügen, dass ich sie zum Abschlussball eingeladen hätte und so was.«

Julie bekam Mitleid mit dem Jungen. Ihre eigene High­school-Zeit lag nur ein paar Jahre zurück, und sie erinnerte sich noch gut an die Ungerechtigkeiten und die Eifersüchteleien, die viele Schüler erdulden mussten. Es ging immer auf die Schwächsten. Auch in ihrem Jahrgang hatte es einen schmächtigen Jungen gegeben, der dauernd gehänselt und von den It-Girls oder wie immer sie sich gerade nannten, gemobbt wurde. Ihr Schulpsychologe hatte Wind von der Sache bekommen und die Mädchen mit einem Verweis bestraft, und der Junge arbeitete inzwischen bei der Stadt und lachte wohl über diese Zeit.

Und Terry Lombard? Julie musterte ihn aufmerksam. Wer sein Leben riskierte und sich einem Grizzly näherte, war entweder wahnsinnig oder sehr verzweifelt. Sie wechselte einen raschen Blick mit Carol und wandte sich wieder an den Jungen. »Marty, Chip und Sandy … gehören die zu einer Clique? Ärgern die dich ständig? Was tun sie denn noch alles?«

»Spielt das eine Rolle? Sie können mir nicht helfen.«

»Aber ich könnte versuchen, dich besser zu verstehen.«

Der Junge schwieg eine ganze Weile, blickte aus dem Fenster, schloss die Augen, öffnete sie wieder und begann ein paarmal stotternd, bis er endlich hervorstieß: »Vor drei Monaten haben sie einen Hund auf mich gehetzt. Einen giftigen Köter, der ständig an mir hochsprang und mir an die Kehle wollte. Und als eine Woche später ein Musher zu uns in die Schule kam und einige Schlittenhunde mitbrachte, lachten sie mich aus, weil ich plötzlich Angst vor den Huskys hatte.« Sein Blick wurde wieder zornig. »War doch kein Wunder! Woher sollte ich denn wissen, dass mich die nicht auch bissen? Sie lachten mich vor versammelter Mannschaft aus, und die Lehrerin lachte mit und sagte, in Alaska hätte man doch keine Angst vor Huskys.«

»Hast du’s deinen Eltern erzählt?«, wollte Julie wissen.

»Meinen Eltern?« Er klang bitter. »Die würden mich doch genauso auslachen. Stell dich nicht so an, so benimmt sich doch kein junger Mann … die haben nicht die geringste Ahnung, was in der Schule abgeht. Wenn dich Typen wie Marty und Sandy auf dem Kieker haben, hast du keine Chance.«

»Diese Sandy … ist sie sehr hübsch?«

Terry errötete leicht und zuckte die Achseln. »Sie ist Cheerleaderin, die sehen alle gut aus. Lange blonde Haare, dunkle Augen, schlank und immer wie ein Model angezogen. Sie geht mit Marty.«

»Und du hast sie zum Abschlussball eingeladen?«

»Unsinn!«, rief er aufgebracht. »Sie hat mit mir geflirtet und mich gefragt, ob ich mit ihr gehen würde, falls Marty sie fallen lassen würde, und ich hab irgendwas Doofes geantwortet, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Und dann hat sie gelacht und mir ihr iPhone vor die Nase gehalten … sie hatte alles aufgenommen. Sie hat die Aufnahme ins Netz gestellt, und alle haben gelacht.«

»Bist du zu eurem Vertrauenslehrer gegangen?«

»Damit alles noch schlimmer wird? Ich bin doch nicht lebensmüde! Eher beiße ich mir die Zunge ab, als zu dem zu laufen. Am besten ist es, gar nichts zu sagen, dann verlieren sie irgendwann die Lust, und ich hab meine Ruhe.«

»Sprich wenigstens mit deinen Eltern.«

»Wann denn? Mein Vater ist Trucker und die meiste Zeit unterwegs, und meine Mutter arbeitet bei Fred Meyer an der Kasse und ist immer ganz erledigt, wenn sie nach Hause kommt.« Fred Meyer war der größte Supermarkt in Fairbanks und Umgebung. »Die will gar nicht wissen, was in der Schule abgeht. Einmal hab ich gesagt, dass sie mich mobben würden, und meine Mutter sagte nur: ›Was meinst du, was ich im Supermarkt mitmache? Du musst dich überall durchbeißen, also kneif gefälligst die Arschbacken zu­sammen.‹«

Julie schüttelte stumm den Kopf und wandte sich wieder nach vorn. Sie hatten bereits den Savage River überquert und waren nicht mehr weit von den Headquarters entfernt. So nahe beim Parkeingang und bei den Campgrounds waren zahlreiche Wanderer unterwegs, standen oftmals am Straßenrand und suchten mit ihren Ferngläsern die Tundra ab. Grizzlys wagten sich selten so nahe an Menschen heran, aber Julie hatte schon Elche direkt am Parkeingang stehen sehen.

»Sperren Sie mich jetzt ein?«, fragte Terry.

»Nein«, antwortete Carol, »wir bringen dich zu Ranger Erhart, dem Chef unserer Polizeitruppe. Einer seiner Leute wird deine Personalien aufnehmen und dir ein paar Fragen stellen, und dann kannst du gehen. Welche Strafe deine Eltern bezahlen müssen, wird man euch schriftlich mitteilen.«

»Die zahlen meine Eltern nie!«

»Es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. Du hast dich eines Vergehens schuldig gemacht, und dass man dir in der Schule übel mitspielt, wird das Urteil nicht beeinflussen. Sei froh, dass dir nichts passiert ist. Das hätte auch ganz böse ausgehen können. Und lass es dir vor allem eine Lehre sein.«

Sie hatten die Park Headquarters erreicht und sahen Ranger Erhart aus dem Verwaltungsgebäude kommen. Der Polizeichef der Rangertruppe war ein stämmiger Mann, der allein durch sein entschlossenes Auftreten eine natürliche Autorität ausstrahlte und mit seinem Schnurrbart und seinem leichten Bauchansatz wie ein Sheriff aus dem Wilden Westen aussah. Die Geschichte des amerikanischen Westens und alte Westernfilme waren seine große Leidenschaft, und er bedauerte sicher, nicht hundertfünfzig Jahre früher geboren zu sein. Breitbeinig, die Daumen hinter seinen Gürtel gehakt, blieb er stehen.

»Und du wolltest es mit einer ausgewachsenen Grizzly-Dame aufnehmen?«, empfing er den Jungen, der unter seinem strengen Blick sichtlich kleiner wurde. »Da hattest du dir ja ordentlich was vorgenommen. Das hat nur der gute Jim Bowie geschafft. An den Filmtitel kann ich mich leider nicht mehr erinnern.« Er rief einen Ranger seiner Truppe herbei und befahl ihm, den Jungen in sein Büro zu bringen. »Bleiben Sie bei ihm, bis ich komme.«