LISA GENOVA


EIN GUTER TAG
ZUM LEBEN

ROMAN

Übersetzung
aus dem amerikanischen Englisch
von Veronika Dünninger

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BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für Stella

In liebevollem Gedenken an Meghan

 

Wenn ihr das, was in euch ist, hervorbringt, wird euch das, was ihr hervorbringt, retten. Wenn ihr nicht hervorbringt, was in euch ist, wird euch das, was ihr nicht hervorbringt, zerstören.

Thomas-Evangelium, Spruch 70        

 

Sobald man sich diese Dinge vorstellen kann, kann man sie sich nicht mehr unvorstellbar machen.

Joe O’Brien        

TEIL I


Die Huntington-Krankheit ist eine neurodegenerative Erbkrankheit, die durch einen fortschreitenden Verlust der Willkürmotorik und eine Zunahme unwillkürlicher Bewegungen gekennzeichnet ist. Erste körperliche Symptome können einen Gleichgewichtsverlust, verminderte Geschicklichkeit, Stürze, Chorea, eine lallende Sprechweise und Schluckbeschwerden beinhalten. Die Krankheit wird durch neurologische Untersuchungen auf der Grundlage dieser Bewegungsstörungen diagnostiziert und kann durch genetische Tests bestätigt werden, da eine einzige Genmutation diese Krankheit verursacht.

Auch wenn das Auftreten körperlicher Symptome für die Diagnose notwendig ist, gibt es ein heimtückisches »Huntington-Prodrom«, das bis zu fünfzehn Jahre vor dem Auftreten der motorischen Störungen einsetzen kann. Prodromale Symptome der Huntington-Krankheit sind sowohl psychiatrisch als auch kognitiv und beinhalten häufig Depressionen, Apathie, Paranoia, Zwangsneurosen, Impulsivität, Wutausbrüche, verminderte Geschwindigkeit und Flexibilität bei der kognitiven Verarbeitung sowie Gedächtnisstörungen.

Die Huntington-Krankheit wird typischerweise zwischen dem fünfunddreißigsten und fünfundvierzigsten Lebensjahr diagnostiziert und führt innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren unaufhaltsam zum Tod. Es gibt keine Behandlung, die das Fortschreiten aufhalten kann, und keine Heilung.

Sie wurde die grausamste Krankheit genannt, die die Menschheit kennt.

EINS


Die verdammte Frau räumt ständig seine Sachen um. Er kann seine Stiefel nicht im Wohnzimmer von sich schleudern oder seine Sonnenbrille auf dem Couchtisch ablegen, ohne dass sie sie dorthin räumt, »wo sie hingehören«. Wer hat sie zur Herrscherin in diesem Haus gemacht? Wenn er einen stinkenden Haufen seiner eigenen Scheiße mitten auf dem Küchentisch hinterlassen will, dann sollte er genau dort liegen bleiben, bis er selbst ihn entfernt.

Wo zum Teufel ist meine Pistole?

»Rosie!«, ruft Joe aus dem Schlafzimmer.

Er sieht auf die Uhr: 7.05 Uhr. Er wird zu spät zum Anwesenheitsappell kommen, wenn er nicht in null Komma nichts von hier verschwindet, aber ohne seine Pistole kann er nirgendwohin gehen.

Denk nach. Es fällt ihm in letzter Zeit so schwer nachzudenken, wenn er es eilig hat. Außerdem ist es hier drinnen tausend Mal heißer als in der Hölle. Es ist viel zu heiß für Juni, schon die ganze Woche über dreißig Grad, und nachts kühlt es kaum ab. Ein schreckliches Wetter zum Schlafen. Die Luft im Haus ist ein zäher Sumpf, und die Hitze und Feuchtigkeit des heutigen Tages drücken schon jetzt auf alles, was gestern drinnen gefangen war. Die Fenster sind geöffnet, aber das hilft kein bisschen. Sein weißes Hanes-T-Shirt klebt unter der Weste an seinem Rücken und nervt ihn. Er hat eben erst geduscht und könnte schon wieder eine Dusche vertragen.

Denk nach. Er hat geduscht und sich angezogen – Hose, T-Shirt, Kevlar-Weste, Socken, Stiefel, Pistolengürtel. Dann hat er seine Pistole aus dem Safe genommen, den Abzug entriegelt – und dann was? Er sieht an seiner rechten Hüfte hinunter. Die Glock ist nicht da. Er kann das fehlende Gewicht spüren, ohne hinzusehen. Er hat seine Magazintasche, Handschellen, Pfefferspray, Funkgerät und Schlagstock, aber keine Pistole.

Sie ist nicht im Safe, nicht auf seiner Kommode, nicht in der obersten Schublade seiner Kommode, nicht auf dem ungemachten Bett. Er sieht hinüber zu Rosies Kommode. Nichts bis auf die Jungfrau Maria auf einem elfenbeinfarbenen Spitzendeckchen. Sie wird ihm mit Sicherheit nicht helfen.

Heiliger Antonius, wo zum Teufel ist sie?

Joe ist müde. Er hat am vergangenen Abend drüben beim Garden den Verkehr geregelt. Das verdammte Justin-Timberlake-Konzert war erst spät zu Ende. Daher ist er müde. Na und? Er ist seit Jahren müde. Er kann sich nicht vorstellen, so müde zu sein, dass er seine geladene Pistole achtlos verlegt. Viele Typen, die so viele Jahre bei der Truppe sind wie Joe, werden selbstgefällig und nachlässig im Umgang mit ihrer Dienstwaffe, aber er ist es nie geworden.

Er stapft den Flur hinunter, vorbei an den beiden anderen Schlafzimmern, und steckt den Kopf in ihr einziges Badezimmer. Nichts. Er stürmt mit in die Hüften gestemmten Händen in die Küche, tastet mit dem rechten Handballen aus Gewohnheit nach dem oberen Ende seiner Pistole.

Seine vier noch nicht geduschten, zerzausten, verschlafenen Teenager sind schon auf und sitzen um den winzigen Küchentisch beim Frühstück – vor Tellern mit zu kurz gebratenem Speck, dünnflüssigen Rühreiern und verbranntem Toast. Das Übliche. Joe sucht die Küche mit den Augen ab und entdeckt seine Pistole, seine geladene Pistole, auf dem senfgelben Resopaltresen neben der Spüle.

»Morgen, Dad«, begrüßt ihn Katie, seine Jüngste, lächelnd, aber schüchtern, als spürte sie, dass irgendetwas nicht stimmt.

Er ignoriert Katie. Stattdessen schnappt er sich seine Glock und verstaut sie sicher in seinem Holster, bevor er Rosie ins Fadenkreuz seiner Wut nimmt. »Was tust du denn hier mit meiner Waffe?«

»Wovon redest du?« Rosie steht barfuß am Herd, in Shorts und einem rosa Tanktop ohne BH.

»Du räumst ständig meine Sachen um«, sagt Joe.

»Ich rühre deine Pistole nie an«, gibt Rosie zurück.

Sie ist klein und zierlich, kaum mehr als einen Meter fünfzig groß und höchstens hundert Pfund schwer. Joe ist auch kein Riese. Er ist eins fünfundsiebzig, mit seinen Kampfstiefeln, doch alle halten ihn für größer, als er ist, vermutlich weil er eine breite Brust, muskulöse Arme und eine tiefe, rauchige Stimme hat. Mit sechsunddreißig hat er einen leichten Bauchansatz, aber nicht viel für sein Alter oder wenn man bedenkt, wie viel Zeit seines Lebens er sitzend in einem Streifenwagen verbringt. Im Allgemeinen ist er umgänglich und zu Späßen aufgelegt, ein Schmusekater im Grunde, doch selbst wenn er lächelt und dieses Funkeln in seinen blauen Augen zu sehen ist, wissen alle, dass er ein harter Typ vom alten Schlag ist. Niemand legt sich mit Joe an. Niemand außer Rosie.

Sie hat recht. Sie rührt seine Pistole nie an. Selbst nach all den Jahren, die er nun schon bei der Truppe ist, fühlt sie sich noch immer nicht wohl damit, eine Schusswaffe im Haus zu haben, auch wenn sie immer mit verriegeltem Abzug im Safe oder in seiner obersten Kommodenschublade oder an seiner rechten Hüfte ist. Bis heute.

»Wie zum Teufel ist sie denn dann dorthin gekommen?« Er zeigt auf die Stelle neben der Spüle.

»Pass auf, was du sagst«, gibt sie zurück.

Er sieht hinüber zu seinen vier Kindern, die alle mit dem Essen aufgehört haben, um der Show zuzusehen. Er konzentriert sich auf Patrick. Gott behüte ihn, aber er ist sechzehn und nicht besonders helle. Das wäre genau die idiotische Nummer, die er abziehen würde, selbst nach all den Lektionen, die er und seine Geschwister wegen der Pistole über sich ergehen lassen mussten.

»Wer von euch ist es denn dann gewesen?«

Sie starren ihn alle an und sagen nichts. Der Charlestown-Schweigekodex, was?

»Wer hat meine Pistole genommen und sie neben der Spüle liegen gelassen?«, fragt er mit donnernder Stimme. Schweigen wird keine Option sein.

»Ich war’s nicht, Dad«, sagt Meghan.

»Ich auch nicht«, sagt Katie.

»Ich bin unschuldig«, sagt JJ.

»Ich habe nichts damit zu tun«, sagt Patrick.

Genau das, was jeder Verbrecher, den er je verhaftet hat, gesagt hat. Jeder ist ein verdammter Heiliger. Sie sehen alle zu ihm hoch, blinzelnd, abwartend. Patrick steckt sich eine gummiartige Scheibe Speck in den Mund und beginnt zu kauen.

»Frühstücke etwas, bevor du gehst, Joe«, sagt Rosie.

Er ist zu spät dran, um etwas zu frühstücken. Er ist zu spät dran, weil er nach seiner gottverdammten Pistole gesucht hat, die irgendjemand genommen und dann auf dem Küchentresen liegen gelassen hat. Er ist spät dran, und er fühlt sich außer Kontrolle, und ihm ist heiß, zu heiß. Die Luft in diesem beengten Raum ist zu stickig zum Atmen, und Joe fühlt sich, als schürte die Hitze des Herdes und der sechs Menschen und des Wetters irgendetwas in ihm, was ohnehin schon überzukochen droht.

Er wird zu spät zum Anwesenheitsappell kommen, und Sergeant Rick McDonough, fünf Jahre jünger als Joe, wird ein Wörtchen mit ihm reden oder sich vielleicht sogar seinen Namen notieren. Er kann den Gedanken an diese Demütigung nicht ertragen, und irgendetwas in ihm explodiert.

Joe packt die gusseiserne Pfanne auf dem Herd am Stiel und schleudert sie quer durch die Küche. Sie reißt knapp neben Katies Kopf ein beträchtliches Loch in die Trockenbauwand und landet dann mit einem scheppernden RUMS auf dem Linoleumboden. Rötlich braunes Bratfett tropft an der Gänseblümchentapete hinunter, wie Blut, das aus einer Wunde sickert.

Die Kinder sind still, haben die Augen weit aufgerissen. Rosie schweigt und rührt sich nicht. Joe stürmt aus der Küche, den schmalen Flur hinunter, und geht ins Bad. Sein Herz rast, und sein Kopf ist heiß, zu heiß. Er spritzt sich kaltes Wasser über die Haare und das Gesicht und trocknet sich mit einem Handtuch für die Hände ab.

Er muss jetzt los, jetzt sofort, aber irgendetwas an seinem Spiegelbild hält ihn fest und lässt ihn nicht gehen.

Seine Augen.

Seine Pupillen sind erweitert, schwarz und groß vor Adrenalin, wie Hai-Augen, doch das ist es nicht. Es ist der Ausdruck in seinen Augen, der ihn so verblüfft hat. Wild, wirr, voller Wut. Seine Mutter.

Es ist der gleiche unausgeglichene Blick, der ihm als kleinem Jungen schreckliche Angst gemacht hat. Er sieht in den Spiegel, spät dran für den Anwesenheitsappell, gebannt von dem elenden Blick seiner Mutter, die ihn früher genau so angestarrt hat, als sie nichts anderes mehr tun konnte, außer stumm, ausgemergelt und besessen in ihrem Bett in der psychiatrischen Abteilung des staatlichen Krankenhauses zu liegen und auf den Tod zu warten.

Der Teufel in den Augen seiner Mutter, die seit fünfundzwanzig Jahren tot ist, starrt ihn jetzt aus dem Badezimmerspiegel an.

SIEBEN JAHRE SPÄTER


ZWEI


Es ist ein kühler Sonntagmorgen, und Joe führt den Hund aus, während Rosie in der Kirche ist. Früher ist er immer zusammen mit ihr und den Kindern in die Messe gegangen, wenn er freihatte, aber nach Katies Firmung war damit Schluss. Jetzt geht Rosie allein, und sie ist angewidert von diesem ganzen erbärmlichen, sündigen Haufen. Als großer Anhänger von Tradition – eine unglückliche Eigenschaft für jemanden, der nur alle siebeneinhalb Wochen ein ganzes Wochenende freibekommt und seit sechs Jahren keinen Weihnachtsmorgen mit seiner Familie mehr verbracht hat – geht Joe noch immer an Heiligabend und Ostern zur Messe, wenn er kann, doch mit dem allwöchentlichen Sakrament ist er fertig.

Es ist nicht so, dass er nicht an Gott glaubt. Himmel und Hölle. Gut und Böse. Richtig und Falsch. Schuldgefühle bestimmen noch immer viele seiner tagtäglichen Entscheidungen. Gott kann dich sehen. Gott kann hören, was du denkst. Gott liebt dich, aber wenn du Mist baust, wirst du in der Hölle schmoren. Die Nonnen haben ihm diese paranoiden Überzeugungen seine ganze Jugend hindurch in seinen dicken Schädel gehämmert, genau zwischen die Augen. Es rasselt alles noch immer da drin herum, ohne einen Ausweg zu finden.

Aber Gott muss wissen, dass Joe ein guter Mensch ist. Und wenn Er es nicht weiß, dann wird eine Stunde in der Woche, die er kniend, sitzend und stehend in der St. Francis Church verbringt, Joes unsterbliche Seele jetzt auch nicht mehr retten.

Auf Gott lässt er noch immer nichts kommen, es ist die katholische Kirche als Institution, an die er den Glauben verloren hat. Zu viele Priester, die es mit zu vielen kleinen Jungen getrieben haben; zu viele Bischöfe und Kardinäle und selbst der Papst, die diesen ganzen schmutzigen Skandal vertuscht haben. Und Joe ist nun wirklich kein Feminist, doch sie behandeln Frauen nicht fair, wenn man ihn fragt. Erstens einmal: keine Empfängnisverhütung. Entschuldigung, ist das wirklich ein Gebot Jesu? Wenn Rosie nicht die Pille nehmen würde, dann hätten sie inzwischen vermutlich ein Dutzend Kinder, und sie würde mit mindestens einem Fuß im Grab stehen. Gott segne die Errungenschaften der modernen Medizin!

Das ist der Grund, weshalb sie einen Hund haben. Nach Katie sagte er zu Rosie, das reicht. Vier sind genug. Rosie wurde in dem Sommer, in dem sie beide die Highschool abschlossen, mit JJ schwanger (sie konnten von Glück reden, dass es mit dem »Aufpassen« überhaupt so lange gut ging), daher gab es für sie eine Mussheirat und ein Baby, bevor sie neunzehn wurden. JJ und Patrick waren irische Zwillinge, mit elf Monaten Abstand geboren. Meghan folgte fünfzehn Monate nach Patrick, und Katie kam achtzehn Monate nach Meghan schreiend auf die Welt.

Als die Kinder älter wurden und zur Schule gingen, wurde das Leben leichter, aber diese frühen Jahre waren hässlich. Er erinnert sich, dass er Rosie viele unerwiderte Abschiedsküsse gab, dass er sie mit vier Kindern unter fünf Jahren, drei davon noch in Windeln, allein zu Hause ließ, froh, einen berechtigten Grund zu haben, von dort zu verschwinden. Aber er war jeden Tag besorgt, sie würde bis zum Ende seiner Schicht vielleicht nicht durchhalten. Er stellte sich sogar vor, dass sie irgendetwas Entsetzliches tat – seine Erfahrungen in seinem Job oder Geschichten darüber, was seine Kollegen gesehen hatten, schürten seine schlimmsten Befürchtungen. Ganz gewöhnliche Leute rasten irgendwann aus, wenn sie an ihre Grenzen getrieben werden. Rosie schlief vermutlich zehn Jahre lang keine Nacht durch, und mit ihren Kindern hatte sie alle Hände voll zu tun. Es ist ein Wunder, dass sie alle noch am Leben sind.

Rosie war bei dem »Infield-Plan«, wie Joe es nannte, anfangs nicht mit an Bord. Irrsinnigerweise wollte sie noch mehr Babys haben. Sie wollte noch mindestens einen Pitcher und einen Catcher auf die Spielerliste der O’Briens setzen. Sie ist das jüngste von sieben Kindern, das einzige Mädchen, und auch wenn sie ihre Brüder heutzutage nur selten sieht, ist sie froh, aus einer großen Familie zu stammen.

Aber Joe traf seine Entscheidung, und damit war das Thema erledigt. Er ließ nicht mit sich reden, und zum ersten Mal in seinem Leben weigerte er sich sogar, Sex zu haben, bis sich Rosie seiner Meinung anschloss. Es waren angespannte drei Monate. Er hatte sich schon darauf eingestellt, seine Bedürfnisse bis in alle Ewigkeit unter der Dusche zu befriedigen, als er eines Tages einen flachen, runden Behälter auf seinem Kopfkissen vorfand. Darin entdeckte er einen Ring mit Pillen, die sieben für die erste Woche bereits herausgedrückt. Gegen Gottes Willen beendete Rosie ihren kalten Krieg. Joe konnte ihr die Kleider nicht schnell genug vom Leib reißen.

Aber wenn sie schon keine Babys mehr bekommen durfte, dann wollte sie wenigstens einen Hund. Na schön. Sie kam irgendwann mit einem Shih Tzu aus dem Tierheim nach Hause. Er denkt noch immer, dass sie das nur getan hat, um ihn zu ärgern, ihre Art, das letzte Wort zu behalten. Joe ist ein Bostoner Cop, Herrgott noch mal. Er sollte stolzer Besitzer eines Labradors oder eines Berner Sennenhundes oder eines Akitas sein. Er hatte zugestimmt, dass sie sich einen Hund zulegen, einen richtigen Hund, keine zimperliche kleine Ratte. Er war nicht erfreut.

Rosie nannte ihn Yaz, was den Köter zumindest erträglich machte. Früher hasste Joe es, Yaz allein auszuführen, mit ihm zusammen in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Dabei kam er sich wie ein Weichei vor. Aber irgendwann stand er darüber. Yaz ist ein guter Hund, und Joe ist Manns genug, um in Charlestown gesehen zu werden, wie er einen Shih Tzu ausführt. Solange Rosie den Kläffer nicht in einen dieser verdammten Pullover steckt.

Er geht gern durch Town, wenn er keinen Dienst hat. Auch wenn alle hier wissen, dass er ein Cop ist, und er seine Pistole unter dem Hemd, das er über der Hose trägt, verborgen bei sich führt, fühlt er sich innerlich befreit, wenn er sein knallhartes Polizistenimage nicht mit der Uniform und der Dienstmarke herumträgt, die ihn zu einer sichtbaren Zielscheibe machen. Er ist immer ein Cop, aber außerhalb des Dienstes ist er auch ein ganz normaler Typ, der in seiner Nachbarschaft seinen Hund ausführt. Und das fühlt sich gut an.

Alle hier nennen den Ort Town, aber Charlestown ist eigentlich gar keine Stadt. Es ist eine Gegend von Boston, und eine kleine noch dazu, nicht mal zwei Quadratkilometer Land zwischen dem Charles und dem Mystic River. Aber, wie jeder Ire über seine Männlichkeit sagen würde, was ihr an Größe fehlt, das macht sie durch Persönlichkeit wett.

Das Charlestown, in dem Joe aufgewachsen ist, war inoffiziell in zwei Gegenden unterteilt. Unten am Hügel war der Teil, wo die armen Iren lebten, und oben am Hügel, nahe der St. Francis Church, war das Zuhause der wohlhabenden Spitzengardinen-Iren. Die Leute oben am Hügel konnten genauso arm sein wie die Lumpen unten, und in den meisten Fällen waren sie das vermutlich auch, aber in der allgemeinen Wahrnehmung waren sie besser gestellt. Die Leute hier denken das noch immer.

Es gab auch ein paar schwarze Familien in den Sozialbauten, und eine Handvoll Italiener, die vom North End herüberschwappten, ansonsten jedoch war Charlestown ein homogener Hügel irischer Arbeiter und ihrer Familien, die in dichten Reihen von Kolonial- und dreistöckigen Häusern lebten. Die Townies. Und jeder Townie kannte jeden in Town. Wenn Joe als Junge irgendetwas Verbotenes tat, was oft der Fall war, hörte er im Allgemeinen irgendjemanden von einer Türschwelle oder aus einem offenen Fenster brüllen: Joseph O’Brien! Ich habe dich gesehen, und ich kenne deine Mutter! Damals mussten die Leute nicht die Polizei rufen. Kinder fürchteten ihre Eltern mehr als die Behörden. Joe fürchtete seine Mutter mehr als irgendjemanden sonst.

Noch vor zwanzig Jahren lebten in Charlestown ausschließlich Townies. Aber in den letzten Jahren hat sich der Ort stark verändert. Wenn Joe und Yaz jetzt die Cordis Street entlang den Hügel hochstapfen, ist es, als beträten sie eine andere Welt. Die Stadthäuser in dieser Straße wurden alle saniert. Sie sind entweder aus Backstein oder in einer glänzenden Palette genehmigter historischer Farben gestrichen. Die Türen sind neu, die Fenster wurden ausgetauscht, ordentliche Reihen mit Blumen blühen in kupfernen Blumenkästen, und die Gehsteige sind von charmanten Gaslaternen gesäumt. Er besieht sich die Marke jedes parkenden Wagens, während er den steilen Hügel hinaufsteigt – Mercedes, BMW, Volvo. Hier oben ist es wie auf dem verdammten Beacon Hill.

Willkommen zur Invasion der Neureichen! Er kann es den Leuten nicht verdenken, dass sie kommen. Charlestown ist ideal gelegen – am Wasser, einen Katzensprung über die Zakim Bridge ins Zentrum von Boston, über die Tobin Bridge in den Norden der Stadt, durch den Tunnel zur Südküste, eine beschauliche Überfahrt mit der Fähre nach Faneuil Hall. Daher begannen sie zu kommen, mit ihren schicken Firmenjobs und dicken Brieftaschen, kauften die Immobilien und werteten die Gegend auf.

Aber die Neureichen bleiben im Allgemeinen nicht. Wenn sie herkommen, sind die meisten von ihnen »Dinks« – Doppelverdiener ohne Kinder. Dann, in ein paar Jahren, bekommen sie vielleicht ein Kind und dann möglicherweise noch eines, um für ein bisschen Ausgewogenheit zu sorgen. Wenn das Älteste in den Kindergarten kommt, ziehen sie meist in die Vororte.

Daher ist alles von vornherein nur als Übergang gedacht, und sie kümmern sich nicht so sehr darum, wo sie leben, wie es Leute tun, die wissen, dass sie bleiben, bis sie in eine Kiste gelegt werden. Die Neureichen engagieren sich nicht ehrenamtlich beim YMCA und trainieren nicht die Little-League-Teams, und die meisten von ihnen sind Presbyterianer oder Unitarier oder Vegetarier oder Anhänger irgendeines anderen Schwachsinns. Daher unterstützen sie die katholischen Kirchen hier nicht, was der Grund ist, weshalb St. Catherine’s geschlossen ist. Sie werden nicht wirklich ein Teil der Gemeinde.

Aber das größere Problem ist, dass die Neureichen Charlestown attraktiv für Ortsfremde gemacht und so den Wohnungsmarkt aufgebläht haben. Heutzutage muss man reich sein, um sich Charlestown leisten zu können. Die Townies haben zwar viele gute Seiten, aber wenn sie nicht eine Bank ausgeraubt haben, ist keiner von ihnen reich.

Joe ist ein Ire der dritten Generation in Charlestown. Sein Großvater, Patrick Xavier O’Brien, kam im Jahr 1936 aus Irland herüber, arbeitete als Hafenarbeiter in der Marinewerft und ernährte eine zehnköpfige Familie mit vierzig Dollar in der Woche. Joes Vater, Francis, arbeitete ebenfalls in der Marinewerft und verdiente seinen Lebensunterhalt durch harte, aber angesehene Arbeit mit der Reparatur von Schiffen. Joe verdient sich keine goldene Nase mit dem Gehalt eines Cops, aber sie kommen über die Runden. Sie haben sich hier nie arm gefühlt. Doch die meisten Townies der nächsten Generation, egal, welcher Arbeit sie nachgehen, werden es sich niemals leisten können, hier zu leben. Es ist wirklich eine Schande.

Er kommt an einem Zu verkaufen-Schild vor einem frei stehenden Kolonialhaus vorbei, einem der seltenen Häuser mit einem Innenhof, und versucht den empörenden Verkaufspreis zu schätzen. Joes Vater hat ihr Haus, ein dreistöckiges Gebäude unten am Hügel, im Jahr 1963 für zehn Riesen gekauft. Ein ähnliches dreistöckiges Haus zwei Straßen hinter Joes und Rosies ist letzte Woche für eine glatte Million weggegangen. Jedes Mal, wenn er darüber nachdenkt, schwirrt ihm der Kopf. Manchmal reden er und Rosie darüber, ihr Haus zu verkaufen, eine schwindelerregende, fantasievolle Unterhaltung, die fast so klingt, als malten sie sich aus, was sie tun würden, wenn sie im Lotto gewinnen.

Joe würde sich einen neuen Wagen kaufen. Einen schwarzen Porsche. Rosie hat keinen Führerschein, aber sie würde sich neue Kleider und Schuhe und ein bisschen echten Schmuck kaufen.

Doch wo würden sie leben? Sie würden nicht in irgendeinen Vorort ziehen, in eines dieser monströsen Häuser mit einem großen Grundstück. Joe würde einen Rasenmäher kaufen müssen. Rosies Brüder leben alle in ländlichen Städten, mindestens eine Dreiviertelstunde außerhalb von Boston, und scheinen jedes Wochenende mit Jäten und Harken und sonst irgendwelchen mühseligen Gartenarbeiten zu verbringen. Wer will das schon? Und Joe würde bei der Polizei von Boston aufhören müssen, wenn sie in einen Vorort ziehen. Das kommt nicht infrage. Und realistisch betrachtet, kann er einen solchen Wagen in der Gegend hier gar nicht fahren. Damit würde er sich erst recht zur Zielscheibe machen. Daher würde er sich den Porsche tatsächlich gar nicht kaufen, und Rosie ist zufrieden mit ihren künstlichen Diamanten. Wer will sich schon Sorgen wegen verlorenen oder gestohlenen Schmucks machen müssen? Und so führt sie ihre Unterhaltung, auch wenn sie rauschhaft beginnt, letztendlich jedes Mal in einer großen Schleife genau dorthin zurück, wo sie sind. Sie sind beide glücklich hier, und um nichts in der Welt würden sie irgendwo anders leben wollen. Nicht einmal im Süden von Boston.

Sie können sich glücklich schätzen, dieses dreistöckige Haus geerbt zu haben. Als Joes Vater vor neun Jahren starb, hinterließ er das Haus Joe und Joes einziger Schwester, Maggie. Es erforderte ernsthafte Detektivarbeit, Maggie ausfindig zu machen. Schon immer genau das Gegenteil von Joe, machte sie es zu ihrer Mission, Charlestown unmittelbar nach der Highschool zu verlassen, und kehrte nie wieder dorthin zurück. Er fand heraus, dass sie in Südkalifornien lebte, geschieden, ohne Kinder, und nichts mit dem Haus zu tun haben wollte. Joe versteht das.

Rosie und er leben im Erdgeschoss, und der dreiundzwanzigjährige Patrick wohnt noch immer bei ihnen. Ihr anderer Sohn, JJ, und seine Frau Colleen bewohnen den ersten Stock. Katie und Meghan teilen sich eine Wohnung auf der zweiten Etage. Alle bis auf Patrick zahlen Joe und Rosie Miete, aber eine sehr geringe, weit unter dem Marktwert, nur etwas, um sie alle in der Verantwortung zu halten. Und es hilft, die Hypothek abzubezahlen. Sie mussten ein paar Mal refinanzieren, um alle vier Kinder durch die Gemeindeschule zu bringen. Das war ein dicker Batzen, doch um nichts in der Welt hätte Joe seine Kinder mit dem Bus nach Dorchester oder Roxbury fahren lassen.

Joe biegt um die Ecke und beschließt, die Abkürzung durch den Doherty Park zu nehmen. Charlestown ist still um diese verschlafene Stunde an einem Sonntagmorgen. Der Clougherty Pool ist geschlossen. Die Basketballfelder sind leer. Die Kinder sind alle entweder in der Kirche oder schlafen noch. Abgesehen von einem gelegentlich vorbeifahrenden Wagen sind die einzigen Geräusche das Klimpern von Yaz’ Halsband und dem Kleingeld in Joes Hosentasche, die wie bei einem Lied zusammenspielen.

Wie erwartet, trifft er den dreiundachtzigjährigen Michael Murphy auf der hintersten Bank im Schatten an. Er hat seinen Gehstock und seine braune Tüte mit altem Brot für die Vögel dabei. Er sitzt den ganzen Tag dort, jeden Tag, es sei denn, das Wetter ist ungewöhnlich scheußlich, und behält die Dinge im Auge. Er hat schon alles gesehen.

»Wie geht’s dir heute, Bürgermeister?«, fragt Joe.

Alle nennen Murphy »Bürgermeister«.

»Besser, als die meisten Frauen verdient haben«, erwidert Murphy.

»Du hast ja so recht«, kichert Joe, auch wenn es wortwörtlich dieselbe Antwort ist, die er ungefähr jedes dritte Mal bekommt, wenn Joe dem Bürgermeister diese Frage stellt.

»Wie geht’s der First Lady?«, will Murphy wissen.

Murphy nennt Joe »Mr. President«. Ursprünglich lautete der Spitzname vor einer Ewigkeit »Mr. Kennedy«, eine Anspielung auf Joe und Rose, und wurde irgendwann abgewandelt, ging vom Vater auf den Sohn über, trotzte der tatsächlichen US-politischen Geschichte, und Mr. Joseph Kennedy wurde »Mr. President«. Und dadurch wurde Rosie natürlich zur »First Lady«.

»Gut. Sie ist in der Kirche und betet für mich.«

»Na, dann wird sie wohl noch eine Weile dort sein.«

»Oh, ja. Schönen Tag noch, Bürgermeister!«

Joe geht weiter den Weg hoch, sieht von diesem Hügel in der Ferne die Industriesilos und die Everett-Werft auf der anderen Seite des Mystic River. Die meisten Leute würden sagen, dass diese Aussicht nicht der Rede wert ist, sie vielleicht sogar als Schandfleck bezeichnen. Vermutlich würde er niemals auf einen Maler stoßen, der sich an dieser Stelle mit einer Staffelei niederlässt, aber Joe sieht hier eine Art urbane Schönheit.

Er steigt den steilen Hügel hinunter, nimmt die Treppe anstelle des Serpentinenwegs, als er irgendwie einen falschen Schritt tut und auf einmal nur noch Himmel sieht. Er schlittert auf dem Rücken drei Betonstufen hinunter, bevor er so geistesgegenwärtig ist, sich mit den Händen abzubremsen. Vorsichtig setzt er sich auf, kann schon jetzt etliche hässliche Prellungen an den Knubbeln seines Rückgrats spüren. Er wirft einen Blick auf die Treppe hinter sich, erwartet, irgendein Hindernis zu sehen, dem er die Schuld geben kann, einen Stock oder einen Stein oder eine kaputte Stufe. Aber da ist nichts. Er schaut hoch zum oberen Ende der Treppe, zu dem Park um ihn herum und dem Treppenabsatz unter ihm. Wenigstens hat ihn niemand gesehen.

Yaz japst und wedelt mit dem Schwanz, will endlich weiter.

»Augenblick, Yaz.«

Joe hebt einen Arm nach dem anderen und untersucht seine Ellenbogen. Beide sind aufgeschürft und bluten. Er wischt mit einer Hand über den Kies und das Blut und steht vorsichtig auf.

Warum zum Teufel ist er gestolpert? Muss sein kaputtes Knie sein. Er hat sich vor ein paar Jahren das rechte Knie verdreht, als er einen Mann, der des Einbruchs verdächtigt wurde, die Warren Street hinunter verfolgte. Backsteinwege sehen vielleicht hübsch aus, doch sie sind holperig und uneben, brutal, wenn man auf ihnen rennen muss, vor allem im Dunkeln. Sein Knie ist nie wieder so geworden, wie es früher war, und scheint ihn von Zeit zu Zeit ohne jede Vorwarnung im Stich zu lassen. Vermutlich sollte er es untersuchen lassen, aber er geht nicht gern zu Ärzten.

Joe ist besonders vorsichtig, als er die restlichen Stufen und weiter zur Medford Street hinuntergeht. Er beschließt, bei der Highschool die Abkürzung zu nehmen und der Straße zu folgen. Rosie müsste bald aus der Kirche kommen, und inzwischen verspürt er bei jedem Schritt ein stechendes Zwicken im unteren Rücken. Er will nach Hause.

Während er die Polk Street entlanggeht, bremst ein Wagen neben ihm ab. Es ist Donny Kelly, Joes bester Freund aus seiner Kindheit. Donny lebt noch immer in Town und arbeitet als Rettungssanitäter, daher sieht Joe ihn ziemlich oft beruflich und privat.

»Hast du gestern Abend zu viel getrunken?«, fragt Donny lächelnd durch das offene Fenster seines Pontiac.

»Hm?«, gibt Joe zurück und erwidert das Lächeln.

»Humpelst du, oder was?«

»Ach ja, ich habe mir den Rücken verrenkt.«

»Soll ich dich über den Hügel mitnehmen, alter Mann?«

»Nein, alles in Ordnung.«

»Komm, steig schon ein!«

»Ich brauche die Bewegung«, sagt Joe und klopft sich auf den Bauch. »Wie geht’s Matty?«

»Gut.«

»Und Laurie?«

»Gut, es geht allen gut. Hey, bist du sicher, dass ich dich nicht irgendwohin bringen kann?«

»Nein, wirklich, danke.«

»Na gut, ich muss los. War schön, dich zu sehen, O. B.«

»Dich auch, Donny.«

Joe gibt sich große Mühe, gleichmäßig und in einem zügigen Tempo zu gehen, solange er Donnys Wagen noch sehen kann, aber sobald der Freund die Kuppe des Hügels erreicht und gleich darauf verschwunden ist, lässt Joe die Scharade sein. Er humpelt weiter, mit jedem Schritt wird jetzt irgendeine unsichtbare Schraube tiefer in sein Rückgrat gedreht, und er wünscht, er hätte das Mitfahrangebot angenommen.

Joe denkt über Donnys Bemerkung nach, dass er zu viel getrunken hat. Er weiß, dass es nur ein harmloser Witz war, aber Joe war schon immer sehr bedacht auf seinen Ruf, was das Trinken angeht. Er trinkt nie mehr als zwei Bier. Na ja, manchmal beschließt er seine zwei Bier mit einem Gläschen Whiskey, nur um zu beweisen, dass er ein Mann ist, doch das ist auch schon alles.

Seine Mutter war eine Trinkerin, hat sich in die Klapsmühle getrunken, und alle wussten es. Es ist lange her, aber dieser Mist lässt dich nicht los. Die Leute vergessen nicht alles, und von wem du kommst, ist genauso wichtig wie wer du bist. Alle rechnen halb damit, dass du ein tobender Alkoholiker wirst, wenn deine Mutter sich zu Tode getrunken hat.

Ruth O’Brien hat sich zu Tode getrunken.

Das ist es, was alle sagen. Es ist die Legende und das Erbe seiner Familie. Wann immer es zur Sprache kommt, marschiert eine Parade von Erinnerungen dicht dahinter vorbei. Es wird sehr schnell unangenehm, und Joe wechselt rasch das Thema, damit er sich nicht damit befassen muss. Wie haben die Red Sox gespielt?

Aber heute – und er kann nicht sagen, ob es an einer Zunahme von Mut, Reife oder Neugier liegt – lässt er zu, dass dieser Satz ihn den Hügel hinaufbegleitet. Ruth O’Brien hat sich zu Tode getrunken. Es ergibt eigentlich keinen Sinn. Ja, sie hat getrunken. Um genau zu sein, hat sie so viel getrunken, dass sie nicht mehr klar sprechen oder gerade gehen konnte. Sie sagte und machte verrückte Dinge. Gewalttätige Dinge. Sie war völlig außer Kontrolle, und als sein Vater nicht mehr mit ihr fertig wurde, steckte er sie ins staatliche Krankenhaus. Joe war erst zwölf, als sie starb.

Ruth O’Brien hat sich zu Tode getrunken. Zum ersten Mal in seinem Leben wird ihm bewusst, dass dieser Satz, den er als das Evangelium angesehen hat, als eine Tatsache, die so nachweisbar und echt ist wie sein eigenes Geburtsdatum, nicht wirklich wahr sein kann. Seine Mutter war fünf Jahre in diesem Krankenhaus. Sie musste knochentrocken sein, auf permanentem Entzug in einem Krankenhausbett, als sie starb.

Vielleicht waren ihr Gehirn und ihre Leber schon zu viele Jahre in Alkohol eingeweicht, sodass beides nur noch Brei war. Daher war es vielleicht zu spät. Der Schaden war bereits angerichtet, eine Genesung unmöglich. Ihr aufgeweichtes Gehirn und ihre durchfeuchtete Leber ließen sie letztendlich im Stich. Todesursache: die Spätfolgen ihres chronischen Alkoholkonsums.

Er erreicht die Kuppe des Hügels, erleichtert und bereit, sich einem einfacheren Weg und Thema zuzuwenden, aber der Tod seiner Mutter lässt ihm noch immer keine Ruhe. Irgendetwas an dieser neuen Theorie klingt nicht glaubhaft. Er hat dieses unruhige, nagende Gefühl, das er immer verspürt, wenn er zu einem Notfall gerufen wird und von niemandem gesagt bekommt, was eigentlich passiert ist. Er hat ein Ohr dafür, für die Wahrheit, und das hier ist sie nicht. Das heißt, wenn seine Mutter sich nicht zu Tode getrunken hat oder an den Spätfolgen ihres jahrelangen Alkoholmissbrauchs gestorben ist, was war es dann?

Er sucht noch drei Blocks weit nach einer besseren Antwort, doch er findet keine. Was spielt es überhaupt für eine Rolle? Sie ist tot. Sie ist schon lange tot. Ruth O’Brien hat sich zu Tode getrunken. Lass es gut sein.

Die Glocken läuten, als er die St. Francis Church erreicht. Er entdeckt Rosie sofort. Sie wartet auf der obersten Stufe auf ihn, und er lächelt. Als sie sich mit sechzehn ineinander verliebten, fand er, sie war eine Wucht, und ehrlich gesagt findet er, dass sie mit dem Alter sogar noch hübscher wird. Mit dreiundvierzig hat sie eine Pfirsichhaut, die mit Sommersprossen gesprenkelt ist, rotbraune Haare (auch wenn die Farbe heutzutage aus einer Flasche kommt) und grüne Augen, bei denen er manchmal noch immer weiche Knie bekommt. Sie ist eine wundervolle Mutter und eindeutig eine Heilige, weil sie es mit ihm aushält. Er ist ein Mann, der sich sehr glücklich schätzen kann.

»Hast du ein gutes Wort für mich eingelegt?«, fragt Joe.

»Viele Male«, sagt sie, während sie mit den Fingern etwas Weihwasser in seine Richtung schnippt.

»Gut. Du weißt, ich kann alle Hilfe gebrauchen, die ich kriegen kann.«

»Blutest du etwa?«, fragt sie, als sie seinen Arm sieht.

»Ja, ich bin auf irgendeiner Treppe gestürzt. Nichts passiert.«

Sie nimmt seine andere Hand, hebt seinen Arm und entdeckt die blutige Schürfwunde am Ellenbogen. »Bist du sicher?« Besorgnis liegt in ihrem Blick.

»Alles in Ordnung.« Er drückt ihre Hand in seiner. »Komm schon, meine Braut, lass uns nach Hause gehen!«