Hanser Berlin E-Book
KLAUS SCHERER
NAGASAKI
Der Mythos der
entscheidenden Bombe
Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-25023-9
© Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2015
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung zweier Bilder von National Archives und Records Administration
Satz: Greiner & Reichel, Köln
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Datenkonvertierung E-Book:
Kreutzfeldt digital, Hamburg
INHALT
Einleitung: Menschengeschichte
I. TAUMELNDES JAPAN
Vielfache Tragik: Annäherung an Nagasaki
Kriegskinder: Alltag im Erdloch
Tokios Optionen: Endkampf oder Ausweg?
II. AMERIKAS DOPPELSPIEL
Newcomer Truman: Rache für Pearl Harbor
Los Alamos: Basteln an der Wunderwaffe
Verpasste Chancen: Die Potsdam-Konferenz
III. DIE VERMEIDBARE TRAGÖDIE
Hiroshima: Welt aus den Fugen
Zeitzeuge Barney: Irrflug zum Ersatzziel
Die Hölle der Opfer: »Tötet mich!«
IV. DAS MÄRCHEN VOM »FINAL BLOW«
Endkämpfe: Die mühsame Wende
Gegenthesen: Wahre Wirkung, unwahre Ursache
Stalins Nebelkerzen: Der unsichtbare Dritte
V. DER GUTE KRIEG
Die Kapitulation: Signaturen und Sichtweisen
Historiker gegen Verklärung: Das Gewissen der Nachwelt
Der Nutzen: Angenehmer für alle
VI. DER CHOR DER LEBENDEN
Mutter in Asche: Das Schweigen von Frau Ryu
Das Trauma danach: Befunde des Schreckens
Bilanz der Befragten: Von Schuld und Verantwortung
Mythos Bombe: Ende einer Ausrede
Dank
Bildnachweis
EINLEITUNG
MENSCHENGESCHICHTE
Auf Landkarten erscheint Tinian, wenn überhaupt, meist nur als Punkt. Die Pazifikinsel, die zu den Nördlichen Marianen zählt, ist am Ende des Zweiten Weltkrieges die Basis der US-Langstreckenbomber. In diese weltabgewandten Weiten des Ozeans kehrt am 9. August, drei Tage nach der ersten Atomexplosion der Kriegsgeschichte, die über 100.000 Bewohner Hiroshimas das Leben gekostet hat, auch die Besatzung der zweiten Mission zurück. Hinter ihr liegen 17 Flugstunden. »Unser eigentliches Ziel konnten wir in drei Anläufen nicht orten«, gibt Pilot Charles Sweeney zu Protokoll. »Deshalb berieten wir uns und entschieden, das Ersatzziel anzusteuern.« Das war Nagasaki. Der wissenschaftlich Verantwortliche an Bord pries die Crew. »Sie leistete hervorragende Arbeit. Wir waren alle erleichtert, als wir unter uns den Blitz sahen. Wir hatten dem Feind die zweite Atombombe geliefert.«
Siebzig Jahre lang blieb das die Perspektive, aus der Amerika, wenn nicht die ganze Welt, auf diese Bomben blickte: Wie aus dem Flugzeugfenster, auf einen immer höher aufquellenden Wolkenpilz, faszinierend im Detail, wenn auch schrecklich für jene dort unten, im alles vernichtenden Radius von Gluthitze und Druckwelle. Allein schon weil es keine anderen Aufnahmen gab, blieb das Bild der Bombe die Draufsicht. Die Ansicht aus der Distanz.
Auch die opportune Deutung dazu hatte die US-Propaganda bald mitgeliefert. »Japan war bereit, einen endlosen Krieg zu führen«, hieß es in bildgewaltigen Rückblicken der Wochenschau am ersten Jahrestag des »Victory Day« – bis Amerikas erster Schlag das Industriezentrum Hiroshima ausgelöscht habe. Die »Japse« habe das beeindruckt, doch noch immer hätten sie nicht aufgegeben. Drei Tage später sei deshalb die zweite Bombe gefolgt. »Das war der finale Schlag«, lernte die Nachwelt. »Sie kapitulierten.«
Dabei war das schon der geschönte Rückblick. Unmittelbar nach Kriegsende, also ein Jahr zuvor, hatte die gleiche Wochenschau noch eine ganz andere Wahrheit verbreitet. Japans Städte seien dem Erdboden gleich, die Streitkräfte aufgerieben, die Industrien zerstört, und das »schon lange bevor« die Atombomben gefallen seien, lautete da der Kommentar zu den ersten Bildern, die Militärfotografen gerade aus dem unterlegenen Land lieferten.
Wie konnte sich die offizielle Wahrnehmung des Kriegsendes derart umkehren? Warum wurde den Atombomben im Allgemeinen und der Nagasaki-Bombe im Besonderen binnen eines Jahres eine so alleinentscheidende Wirkung zugeschrieben, obwohl die Erkenntnisse unmittelbar nach Kriegsende eher gegenteilig waren? Das ist eine der Fragen, denen dieses Buch nachgeht.
Sweeney und seine übermüdete Besatzung gingen nach ihrer Rückkehr rasch zu Bett. Es gab weder Orden noch eine Zeremonie wie für die Hiroshima-Mannschaft. In Wahrheit blieb Nagasaki immer zweitrangig. »Die erste Bombe war nun mal die erste Bombe, es war wie die Goldmedaille«, sagt mir der US-Historiker Martin Sherwin, der sich so intensiv mit der Geschichte der Atombombe befasst hat wie kein anderer. »Und die zweite war nur die zweite, die zudem noch von Pannen überschattet war.«
Kaum einer fragte nach, warum diese Bombe tatsächlich noch fiel. Und kaum einer suchte nach der zweiten Perspektive, dem Blick von unten, dem Schock der Opfer. Verklärung lag näher. »Es sollte unser guter Krieg bleiben«, erklärt mir Sherwin. »Wir hatten erfolgreich gegen den Faschismus in Europa und gegen den Militarismus in Fernost gekämpft. Amerika hätte nicht ertragen, das alles am Ende noch negativ einzufärben.«
Das Städtchen Los Alamos im US-Bundesstaat New Mexico, wo Physiker und Militärs im Geheimauftrag die Atombomben bauten, rühmt sich denn auch bis heute als Ort, »der Entdeckungen macht«. Wie ein technisches Versuchsresultat zeigt ein Wandfoto in der Gedenkstätte das verwüstete Stück Erde, das einmal Hiroshima war. Kein einziges Bombenopfer ist dort zu sehen. Kein Kind, das traumatisiert überlebte, erzählt seine Geschichte. Und kein Foto zeigt Nagasaki. Stattdessen hält der Eingangsshop Ohrschmuck in der Form beider Bomben bereit. Eine Menschheitskatastrophe, verniedlicht zu perfidem Klimbim.
Dabei gibt es die Kinder von damals noch. »Das Flugzeug war kaum zu sehen«, schildern sie uns, als sei alles nur ein paar Tage her. »Keine formierte Jägerstaffel wie sonst, kein bedrohlicher Lärm. Die Flugabwehr hatte sogar den Luftalarm aufgehoben, weil die letzten Jagdflieger längst weg waren.« Sakue Shimohira heißt eine der Überlebenden, die beim Erzählen bis heute nur mühsam die Tränen zurückhält. »Viele krochen schon wieder aus dem Schutzbunker«, sagt sie. »Erst als sie dieser fürchterliche Blitz blendete, ahnten sie, dass es eine Bombe war.«
Zehn Jahre war sie damals alt. Nun sitzt sie mir im schattigen Museumshof in Nagasaki gegenüber, achtzigjährig und zeitlebens krank. Leiser Wind weht durch Bambusbüschel. Ein sonnenwarmer Tag. Es war der Ort ihrer Wahl, auch wenn ihr jeder Schritt hierher schwerfiel. Aber sie hat immer kämpfen müssen. Und es scheint, als blicke aus diesen alten, friedvollen Gesichtszügen noch immer das Mädchen Sakue.
Was es erlebt hat, als Sweeneys Besatzung den Blick auf den wachsenden Atompilz genoss, ist unfassbar. Seit Jahrzehnten höre ich als Reporter Menschen zu. Nie hat mich eine Kindheitsgeschichte mehr aufgewühlt als die Sakues. Noch als ich später der Abschrift erste Randnotizen hinzufügen will, lege ich bald den Stift aus der Hand und lese sie kopfschüttelnd und mit feuchten Augen zu Ende.
Es gab zuletzt Erfolgsromane, die mit solchen Szenarien begannen. Düstere, apokalyptische Plots von einsam umherirrenden Helden auf einem zerstörten Planeten. Von Vater und Sohn, die sich ohne jede Aussicht auf Rettung durch die Asche amerikanischer Großstadtruinen schlugen. Auf die Idee, dass Menschen eine solche Hölle tatsächlich erlebt haben, bin ich nie gekommen. Sakue hat sie durchlitten. Und an ihrer Seite war lange nur ihre kleinere Schwester.
»Ich war damals in der vierten Klasse, die Schule hatte man wegen des Krieges schon geschlossen«, erzählt sie uns. »Der nächste Bunkereingang lag am Fuß eines Berges. Hörten wir den Alarm, eilten wir hinein. Gab es Entwarnung, gingen wir wieder hinaus. Meist suchten wir in der Umgebung nach halbwegs essbaren Kräutern, denn der Krieg ließ uns hungern. Das war unser Alltag.«
Am Tag, als die Atombombe fiel, blieb sie mit ihrer jüngeren Schwester länger als die anderen im Schutzraum. Das rettete ihr das Leben. Doch es blieb eines, das nur noch von Tod und Sterben umgeben war. Schon in der Angst und Enge des Bunkeralltags seien Müttern ihre Babys weggestorben, erinnert sie sich. Dann, nach Blitz und Schockwelle, tasteten sich erste Brandopfer herein, um Wasser bettelnd oder gar um den Gnadentod. Und draußen wartete nichts außer den verkohlten Resten einer Stadt, die Tausende Grad Hitze hinterlassen hatten – einschließlich der Gerippe der Nachbarn, die zu Staub zerfielen, sobald man sie berührte.
Auch Michiaki Ikeda überlebte durch Zufall. »Ich war sechs Jahre alt«, erzählt er uns. »Auf dem Dach des Krankenhauses, wo meine Mutter arbeitete, hatte ich nach dem Ende des Luftalarms mit meinem Freund nach Bombensplittern gesucht. Wir hatten gewettet, wer von uns beiden die größeren Metallteile fände. Wir nahmen den Aufzug nach unten, doch als sich die Tür öffnete, war es plötzlich so hell, dass ich ohnmächtig wurde.« Als der Brandgeruch ihn aufweckt, glaubt der Junge zunächst, er sei erblindet, denn um ihn her ist es finster. Doch er ist nur geblendet. Das Gebäude liegt in Trümmern. Entstellte Tote überall. Das ist es, was Michiaki sieht, als sein Augenlicht wiederkehrt. »Diejenigen, die noch lebten, flohen wie Geister in Richtung der Berge. Die Arme hielten sie vor Schmerzen von sich gestreckt. Vom ganzen Körper hingen ihnen wie verbrannte Tücher die Hautfetzen herab.«
Warum, frage ich mich zunächst, soll ich das aufschreiben? Siebzig Jahre nach dem Schrecken, den die Atombombe über die Menschheit brachte. Ein Schrecken, der immerhin verhindert hat, dass weitere davon auf Kriegsziele fielen. Wer soll es lesen, in Zeiten, da täglich zeitgemäßere Gräueltaten unsere Nachrichten füllen?
Tatsächlich gibt es mehrere Antworten. Schon der Respekt vor den Opfern, dass wir ihre ganze Geschichte kennen. Die Letzten der Überlebenden sind nunmehr in einem Alter, das nicht mehr viele Gespräche mit ihnen zulässt. Ein kleiner Kreis von ihnen trifft sich gelegentlich noch in Nagasakis Museum, um zu beratschlagen, wer wohl nach ihnen noch die Erinnerung wachhalten könne. Eine Antwort fanden sie bisher nicht.
Es waren vor allem die Details ihrer Schilderungen, die mich schockierten. Dass es die Bomben und ihre Opfer gab, die Jahreszahlen und die verschobenen Grenzverläufe, all das lernten wir in den Geschichtsstunden unserer eigenen Schulzeit. Wie sich jedoch Tod und Überleben unter dem Atomblitz anfühlten, lernten wir nicht, obwohl erst das Geschichte begreifbar macht.
Je weiter man sich indes auf Details einlässt, die Historiker über das Kriegsende im Pazifik noch immer zutage fördern, desto mehr drängt sich ein zweiter Grund für das Buch auf. Bis heute wurde Generationen von Schulabgängern vermittelt, es sei zuallererst die Atombombe gewesen, die den Weltkrieg beendet habe – um so beiden Ländern eine noch größere Zahl von Opfern zu ersparen, die ein Endkampf um Japan unweigerlich gefordert hätte. Diese Sichtweise half der Nachwelt, den Schrecken zu rechtfertigen. Nach dem Jubel in Amerikas Städten über Tokios offenbar prompte Kapitulation schien das auch den meisten Geschichtsschreibern schlüssig. Heutige Historiker jedoch, die den Aktenbestand aller beteiligten Kriegsgegner – also auch Russlands – ausgewertet haben, bestreiten dies entschieden. Die Fixierung auf die Atombombe habe den Blick auf den sowjetischen Anteil am Ende des Pazifikkrieges verstellt.
Von einer Huldigung der Sowjets als Friedensstifter sind sie dennoch weit entfernt. Denn ebendiese Rolle habe Moskau bewusst vermieden. Wenn heute im russischen Parlament manche fordern, dass Amerika sich für die Atombomben entschuldigen müsse, dann müsste ihr Land dies ebenso tun – denn es hatte die Amerikaner eher zu deren Einsatz ermuntert und die Japaner vorsätzlich getäuscht.
Auseinandersetzungen um die Bomben hat es immer wieder gegeben. Frühe Revisionisten verurteilten die Abwürfe. Sogar führende US-Militärs formulierten Zweifel an ihrer Notwendigkeit. »Von fast allen Generälen und Admirälen, die im Zweiten Weltkrieg ihren fünften Stern erhielten, ist aktenkundig, dass der Abwurf der Atombomben militärisch unnötig und moralisch nicht vertretbar war«, sagt uns der US-Historiker Peter Kuznick an der Washingtoner American University. Doch in der Öffentlichkeit sollte sich diese Erkenntnis nie durchsetzen.
Zuletzt wurde, vor allem dank Kuznick, über eine Ausstellung des Hiroshima-Bombers in Washington gestritten. Zudem rüttelte das Buch Racing the Enemy des Japaners Tsuyoshi Hasegawa, das auf Deutsch noch immer nicht vorliegt, an der etablierten Wahrnehmung des Kriegsendes. Hasegawa, ein wissenschaftlicher Weltbürger, der sowohl an amerikanischen als auch an japanischen Universitäten lehrt und brillantes Englisch spricht, beschreibt darin den Wettlauf zwischen US-Präsident Harry Truman und Sowjetführer Josef Stalin um den Sieg im Pazifik und den strategischen Einfluss in Fernost. Wir haben den Historiker an einem Wochenende in Tokio zum ausführlichen Interview getroffen. Seiner Detailkenntnis verdankt dieses Buch viel.
Martin Sherwin, der für seine umfassende Oppenheimer-Biographie den Pulitzer-Preis erhalten hat und derzeit an der George Mason University nahe Washington lehrt, befragte ich mehrmals. Am Ende unseres letzten Gesprächs geriet sein Schlusswort fast zur Lebensbilanz. »Seit nunmehr fünfzig Jahren forsche ich über die Hintergründe der Bombenabwürfe«, sagte er. »Zuerst fand ich noch, für Hiroshima ließen sich Gründe anführen, aber die zweite Bombe war eindeutig überflüssig. Je mehr Material jedoch in den Archiven zugänglich wurde, desto klarer wurde mir, wie unnötig beide Abwürfe waren.«
Zu einem ähnlichen Fazit kommen auch der US-Friedensforscher Ward Wilson in New Jersey und sein japanischer Kollege Akira Kimura, mit dem ich nach den Zeitzeugeninterviews in Nagasaki sprach. Allein die zeitliche Nähe zwischen den Bombenabwürfen und der Kapitulation rechtfertige nicht, die Atombomben als Ursache zu verklären, sagen beide. Bombardements, die ganze Städte auslöschten, habe Japans Führung schon zuvor hingenommen. Und Hardliner innerhalb der Armee, die sich die Niederlage nicht eingestanden, habe es auch danach noch gegeben. Doch obwohl der Regierung in Tokio klar gewesen sei, wie tief ihr Land längst am Boden lag, habe sie die Signale, dass sie zum Kriegsende bereit sei, ausschließlich nach Moskau gesandt – in der naiven Hoffnung, Stalin könne als unbeteiligter Dritter einen Frieden vermitteln.
Viel mehr als die Atombomben löste den Historikern zufolge denn auch Stalins unerwarteter Kriegseintritt – trotz eines gültigen Neutralitätspaktes – das entscheidende Umdenken bei Kaiser und Kabinett in Tokio aus. Tatsächlich hatte Stalin die Japaner stets im Glauben gelassen, er würde neutral bleiben, denn nach dem Sieg über Hitler-Deutschland brauchte er Zeit, um seine Truppen nach Asien zu verlegen. »Lasst uns Japan im Schlaf wiegen«, lautete seine Losung, bis seine Truppen am 8. August begannen, die japanischen Linien in der Mandschurei zu überrennen.
Washington fürchtete unterdessen die Sowjets als konkurrierende Siegermacht im Pazifik, wenngleich mit Stalin vereinbart war, er werde auch gegen Japan den Endkampf mitführen, sollte dieser über den Sommer hinaus andauern. Doch dann erhielt Truman die Nachricht, dass Amerikas neue Waffe bald einsatzbereit sei. Sollte also die Bombe, so fragen die Historiker, statt des Triumphs über Japan eher den Sieg im Wettlauf gegen Stalin sichern? Und zögerte Truman gar seinerseits das Kriegsende hinaus, um ihre Schlagkraft im Schlachtfeld wenigstens einmal testen zu können?
Als Stalin von Hiroshimas Bombardement erfuhr, sah er sich als Verlierer des Rennens, denn er ging davon aus, dass Japan kapituliere. Frustriert und vermeintlich geschlagen, schwieg er einen ganzen Tag lang. Dann erst erkannte er, dass Japans Führung noch immer auf ihn setzte. Fast hektisch ließ er nun seine Kriegserklärung verlesen – und bewirkte damit viel mehr als die Bomben. Kabinett und Kaiser in Japan verloren ihre letzten Optionen, und Chronisten wie Propagandisten in Amerika blieb als gefällige Rückschau nur noch, dass es die nachfolgende Nagasaki-Bombe gewesen sei, die den Gegner endgültig bezwungen habe. Die Frage indes, warum weder Truman noch Stalin Tokios Ausstiegsofferten nutzten, um den grausamen Krieg früher zu beenden, verhallte im historischen Hintergrund.
»Ich glaube schon, dass es in Amerika auch das Motiv gab, die Zerstörungskraft der beiden Atombombentypen im Feld zu testen«, legt sich Historiker Kimura fest. Andere ergänzen, dass das sogenannte Ultimatum von Potsdam, in dem der Westen Japan zur bedingungslosen Kapitulation aufforderte, gar kein Datum enthalten habe. Zudem habe Truman bewusst darauf verzichtet, auf diplomatischen Wegen die Chance auf ein Kriegsende auszuloten. Und zuletzt: Selbst von dem dringenden Wunsch Japans, das Kaiserhaus zu erhalten, habe Amerika früh gewusst – ohne dass Washington jemals signalisierte, er sei erfüllbar. Erst nach den atomaren Attacken auf Hiroshima und Nagasaki ging man auf jenen Wunsch ein. Warum nicht schon zuvor? Und schließlich: Warum hält sich die These der so herbeigebombten Kriegswende bis heute? »Weil alle damit besser leben konnten«, sagt Friedensforscher Ward Wilson. Der Westen, weil er eine Rechtfertigung für das Grauen, das die Bombe auslöste, gut habe gebrauchen können. Und auch Japan selbst, allen voran der Kaiser. »Versetzen Sie sich doch einmal in dessen Lage«, rät Wilson. »Sie haben Ihr Land gerade durch einen katastrophalen Krieg geführt. Die Wirtschaft liegt in Trümmern. Achtzig Prozent der Städte sind zerbombt und niedergebrannt, Armee und Flotte aufgerieben. Das Volk hungert. Was würden Sie eher tun: Zugeben, dass Sie eine ganze Reihe schwerer Fehler begangen haben? Oder die Niederlage einem nicht vorhersehbaren wissenschaftlichen Durchbruch des Gegners zuschreiben, mit dem keiner habe rechnen können?«
Selbst die Frage, warum drei Tage nach der Katastrophe von Hiroshima noch eine weitere Bombe detonieren musste, trieb die Nachwelt kaum noch um. Dabei wusste der verantwortliche US-Kriegsminister, Henry Stimson, sehr genau, wie viel Zeit die Friedensfraktion in Tokio brauchen würde, um im Kabinett die Oberhand zu gewinnen. Dennoch wurde auch Nagasaki ausgelöscht, die weltoffenste Stadt, die sich Japan über Jahrhunderte erlaubt hatte.
Weder Japan noch Amerika sind mir als Journalist fremd. In beiden Ländern haben meine Familie und ich über zehn Jahre lang gelebt, und in beiden lebten wir gern. Schon als Fernostkorrespondent mit Sitz in Tokio hatte ich ähnliche Fragen an die Geschichte gestellt, die beide Länder auf so tragische Weise verbindet. Damals mochte ich nicht glauben, dass Japans Kamikaze-Piloten, die man dort bis heute als Kriegshelden ehrt, sich tatsächlich in Scharen freiwillig meldeten, um sich auf feindliche Schiffe zu stürzen. Nach langen Gesprächen mit Überlebenden – die nach verlorenem Luftkampf notlanden konnten oder wegen des Kriegsendes nicht mehr zum Einsatz kamen – verdichtete sich denn auch eher das Gegenteil. Der Mythos sei nur schöner Schein für die Hinterbliebenen, klagten die Männer. Nur Propaganda, die ein Kriegsverbrechen an Kindern und Halbwüchsigen kaschierte. In Wahrheit hatte das Kriegsregime die blutjungen Piloten zwangsrekrutiert und ihnen eingetrichtert, nur sie könnten noch Kaiser und Volk retten. Zum Lohn würden sie wie Kirschblüten fallen und so zu Göttern werden. Als Zeitzeugen erschütterten jene Überlebenden, was Japans pathetische Rückblicke die Nachwelt glauben machten.
Nun hat mich eine neue Frage in diese Länder zurückgeführt, wieder zunächst zu Zeitzeugen, solange es sie gibt. Nicht nur in Japan. Als Sakues hungernde Heimatstadt unter dem Blitz der Bombe verglüht, fotografiert der junge Sergeant William Barney über ihnen durch sein Flugzeugfenster die Riesenwolke. Als wir ihn aufsuchen, ist er mit 94 Jahren das letzte noch lebende Mitglied der Atombombermissionen. Auf einer Farm im US-Bundesstaat Indiana, eine halbe Globusdrehung von Nagasaki entfernt, zeigt er uns am Ende eines langen Lebens die Fotos des Einsatzes. »Alles, was wir an Bord noch wollten, war dieses Ding loszuwerden«, sagt er lapidar. Dennoch könne er auf den Einsatz nicht stolzer sein. Die Bombe habe den Krieg beendet, reklamiert er selbstsicher, ein Endkampf um Japan hätte viel mehr Menschenleben gekostet. Was sonst sollte er sagen? Es ist die herrschende Lehre.
Auch Bill Hudgins, nunmehr neunzig Jahre alt, sieht sich faktisch als Lebensretter, wenn man, wie er sagt, »alles verrechnet«. Er hantierte in den Geheimlabors von Los Alamos, angeleitet von Chefwissenschaftler Robert Oppenheimer, mit radioaktiven Substanzen. Nur eine einzige Briefkastenadresse gab es dort für mehrere Tausend Mitarbeiter. Und nur einmal im Monat durfte Hudgins das Gelände verlassen. Gespräche, auch mit Familienangehörigen, hatte er auf das Nötigste zu beschränken. Briefe wurden zensiert.
Doch selbst hier erfahren wir, dass es eine andere Seite der Geschichte gab: Wissenschaftler, die dafür warben, dem Kriegsgegner Japan lieber einen Bombentest im Pazifik vor Augen zu führen, als die Zivilbevölkerung ganzer Städte auszulöschen. Es war Oppenheimer selbst, sagt uns Sherwin, der die Petition der Kritiker früh kassierte.
Umso eindrucksvoller ist das Augenmaß der Überlebenden. Ich hatte damit gerechnet, dass diese Kinder von einst, als einzige Kriegsopfer der Geschichte, die je dem Horror der Atombombe ausgesetzt waren, allein jene als Täter bezichtigen würden, die sie geplant, gebaut und zum tödlichen Einsatz gebracht hatten. Tatsächlich aber reicht ihre Umsicht darüber hinaus. »Wir sind Opfer zweier Täter«, sagen sie am Ende. »Sicherlich derer in Amerika. Aber auch unserer eigenen in Japan, die diesen Krieg nie hätten beginnen dürfen und die zudem versäumten, ihn zu beenden.«
In den siebzig Jahren seit der Bombe haben jene Kinder, die selbst nur mit viel Glück überlebten, fast alle ihre Weggefährten verloren. Sakues kleine Schwester warf sich vor einen Zug. Auch sie selbst spürte lange die Versuchung, dies als Ausweg zu wählen. Andere, wie Chieko Ryu, verschwiegen ihr Leid. Eines der ersten Fotos, das zwischen Nagasakis Trümmern aufgenommen wurde, zeigt sie als Mädchen neben dem verkohlten Häuflein dessen stehen, was einmal ihre Mutter war. Jahrzehntelang hat sie nicht darüber geredet. In einem Altenheim weit jenseits von Nagasaki schilderte sie uns, was sie damals erlebt hat.
Sakue wurde indes zu einer stetigen Stimme der Opfer. »Ich habe mich zwischen dem Mut zu sterben und dem Mut weiterzuleben entscheiden müssen«, offenbart sie uns. »So ist es meine Aufgabe geworden, von der Welt ein Versprechen einzufordern. Ich möchte ihr abringen, dass wir für immer die letzten Atombombenopfer bleiben.«
Auch der verantwortliche US-Kriegsminister Henry Stimson formulierte dies nach Kriegsende als Lehre für die Menschheit – nur weniger glaubwürdig. Denn noch immer rechtfertigte er reuelos die Katastrophe, als wäre jeder einzelne Schritt zu ihr hin zwingend gewesen. Dabei hatte er seinem Präsidenten anfangs noch selbst empfohlen, Japan lieber bei den Bedingungen für die Kapitulation entgegenzukommen, als nur selbstherrlich Atombomben zu werfen. Doch statt zu seinen frühen Zweifeln zu stehen, verklärte er rückblickend die Bombe selbst – und damit auch sich als Entscheidungsträger – zum neuen Quell des Weltfriedens.
Die Versuchung, dem Massensterben in Hiroshima und Nagasaki ein moralisches Gütesiegel aufzudrücken, war offenbar größer. Oder der Druck.
VIELFACHE TRAGIK
ANNÄHERUNG AN NAGASAKI
Es sind sattgrüne Reisterrassen, die unter uns die Hänge hochklettern. Gelegentlich erkennen wir Bauernhäuser mit wulstigen Dachziegeln. Dann wieder Bambuswälder entlang der zerklüfteten Küste, bizarre Felsen, die aus Buchten emporragen. Neben mir steuert ein ortskundiger Pilot den Hubschrauber, hinter uns dreht mein Kameramann aus den Fenstern die Bilder, die unsere Anreise festhalten. Das offene Meer haben wir schon vor Minuten hinter uns gelassen. Seitdem folgen wir Uferlinien. Schließlich öffnet sich landeinwärts das Flusstal, das zunächst zu Hafen und Fabriken und schließlich zu Geschäfts- und Wohnvierteln eines der schicksalsbeladensten Orte in Asien führt. Die Bombercrew näherte sich auf ähnlichem Kurs, nur in größerer Flughöhe, bis sie Nagasaki als Abwurfziel ihrer Bombe fixierte und diese wie vorausberechnet so weit über dem Boden explodierte, dass der Vernichtungskegel unter ihr den größtmöglichen Radius erreichte.
»Das Hypozentrum lag über der Kathedrale«, erklärt mir später der Mann, der uns als geschichtsfester Fremdenführer und Zeitzeuge begleitet. Es ist Michiaki Ikeda, 76 – der Junge, der mit seinem Freund nach den Bombensplittern gesucht hatte. In seinem kleinen Kastenwagen kurvt er uns bis zur Aussichtsplattform des höchsten Berges der Umgebung hinauf. Seine gebordete Stoffmütze wirkt, als sollte eher ein Baby sie tragen. Als er sie abnimmt, kommt ein kurzgeschorener Schädel zum Vorschein. Es ist ein rundliches und dennoch markantes Gesicht, das er mir zuwendet. Ikeda ist ein besonnener, freundlicher Mann. Sein ausgestreckter Arm weist nun nach unten auf den Friedenspark und die wiedervollendete Kirchenkuppel, auf das restaurierte Holländerviertel am Ufer und am Ende flussabwärts auf die Mitsubishi-Werften, die Nagasaki auf die Zielliste für Amerikas Bomber brachten. Alles, was in der Stadt aus Holz gewesen sei, sagt er, sei unter dem Atomblitz in Sekunden verbrannt. Steinerne Häuser habe danach die Druckwelle weggefegt. Nur Beton habe ihr teilweise standgehalten, wenn auch aus allen Angeln gehoben. Mitunter habe man später noch die Schatten der Opfer darauf erkannt, die sie vor ihrem Verglühen hinterließen. Unten im Stadtzentrum führt er uns dann zur Kirche, neben der noch das abgestürzte Kuppeldach aus der Erde ragt, mitsamt der Halterung für die Glocke. Die Stadt beließ sie hier unverändert als Mahnmal.
Dass die Bombe, die vorgeblich den Willen eines kriegswütigen Volkes brach, auch Japans größte Christengemeinde traf, ist nicht frei von Zynismus. Denn wenn es im historischen Japan ein Tor zur Welt gab, dann war es Nagasaki. Katholische Kaufleute aus Portugal, deren Schiff hier einst vor der Küste auf Hilfe angewiesen war, überließen den Gastgebern zum Dank Feuerwaffen. Danach folgten Missionare und weitere Händler, auch aus Spanien und Holland. Der Hafen wuchs und wurde zum Anlaufpunkt für Großsegler aus Übersee. Brot, Tabak, Früchte und Seide fanden auf Japans Hauptinseln so erste Verbreitung. Derweil bauten Jesuiten Kirchen und Waisenhäuser – bis der Wohlstand des Handelspostens, den sie verwalteten, unter Japans Schwertadel Missmut erregte. So sehr, dass man die Christen kreuzigen ließ oder vertrieb. Allein die holländische Handelsvertretung, verbannt auf eine ummauerte Flussinsel, überdauerte die lange Zeit der japanischen Selbstisolation, und auch das nur, weil sie die Missionierung aufgab, sich aus Glaubensfragen heraushielt und aufs Geschäftemachen beschränkte.
Es war Mitte des 17. Jahrhunderts, als Japan sich so von der übrigen Welt abschloss, Ausländer internierte oder verjagte. Erst 1854, als die wehrhaften Schiffe des US-Commodore Matthew Perry Japans Machthaber zwangen, am Seehandel teilzuhaben, sollte sich ihr Land wieder nach außen öffnen. Wer bis dahin nach Wissen über die Welt jenseits Japans suchte, nach Bibliotheken und Dolmetschern, dem blieb nur, nach Nagasaki zu reisen, denn das Land zu verlassen war beim Tode verboten. Als die Herrschaft der Schogune zerbrach, war es dann erneut Nagasaki, das als Erstes seinen Vertragshafen öffnete. Die Christengemeinden, soweit sie im Untergrund überlebt hatten, bauten ihre Kirchen wieder auf. Und der Kaiser ließ im Eiltempo Wissenschaft und Justiz, Militärwesen und Medizin reformieren, zumeist nach europäischem, wenn nicht deutschem Vorbild. Die Flagge des Commodore Perry indes sollte noch einmal auf einem US-Schiff vor Japan wehen: Im September 1945 schmückte sie in der Bucht von Tokio die USS Missouri, auf der Japans Delegation nach dem Kriegseintritt Moskaus und Amerikas Atombomben die Kapitulationsurkunden signierte.
»Alle Städte, die von den Amerikanern als Ziele ausgesucht wurden, hatten ähnliche Eigenschaften«, erläutert uns der Historiker Akira Kimura, der seine Studien Mitte der neunziger Jahre an Nagasakis Friedensforschungsinstitut aufnahm. »Ihre Siedlungsfläche war eben, aber ringsum waren sie von Hügeln umgeben. Zudem sollten es Großstädte sein, die zuvor kaum bombardiert worden waren.«
Kimura, der auch mit amerikanischen Forschern zusammenarbeitet, stammt aus der Stadt Kokura, die an jenem 9. August 1945 eigentlich das Ziel der zweiten Atombombe sein sollte, wegen schlechter Wetterlage aber verschont blieb. »Alle drei Ziele, Hiroshima, Kokura und Nagasaki, verfügten über militärische Einrichtungen, die man gut als Anlass der Attacke ausgeben konnte«, sagt er. »In Wahrheit jedoch ging es darum, auch möglichst viele Bewohner zu treffen und die Auswirkungen der Bomben im Krieg zu untersuchen.« Dafür spreche auch, dass sie nicht nachts gefallen seien, sondern am Morgen, in Hiroshima um 8.15 Uhr, in Nagasaki am Vormittag, da man über Kokura viel Zeit verloren habe. »Man wollte besonders viele Menschen im Freien antreffen.«
Nagasakis Opferschicksale seien mithin gleich mehrfach tragisch, fügt Kimura hinzu. »Die Stadt war nur als Ersatzziel aufgeführt, sie war weltoffen, und am Ende lag das Epizentrum im christlichen Viertel, wo überwiegend nationale Randgruppen wohnten.« Der amerikanische Arzt John Pastore wird ihm später beipflichten, er habe es immer als eine beklemmende Metapher empfunden, dass die Bombe über dem wohl westlichsten Symbol Japans explodierte – einer Kathedrale. »Der Pilot verfehlte die Rüstungsfabriken deutlich. Stattdessen wählte er die Kirche und riss den Heiligenstatuen ihre Köpfe ab«, sagt Pastore, der Jahrzehnte danach in Hiroshima und Nagasaki die Langzeitfolgen der Strahlung studierte. »Diejenigen also, die Gott an ihrer Seite wähnten, jagten als Erstes ein Gotteshaus in die Luft.«
Wie fast jeder japanischen Großstadt sieht man auch Nagasaki heute an, wie zweckmäßig der Wiederaufbau erfolgte. Vom Handelsviertel abgesehen, drängen sich in der Innenstadt die üblichen Kastenbauten. Nur an dichten Hängen erinnern manche Wohnhäuser noch an frühere Baustile. In Bahnhofs- und Hafennähe wuchsen zuletzt Shoppingmalls mit Glasfronten und Kaffeehausketten zwischen den traditionellen Suppenküchen. Die Abende gehören den Hafenlokalen, wo Einheimische und Reisende dann auch draußen gegrillten Fisch, Pizza und Kirin-Bier genießen, während vor den Kaimauern Schiffsmasten im Sommerwind schaukeln.
»Von der Stadt Hiroshima geht die Botschaft aus, dass dort die erste Atombombe fiel, die Menschheit also erstmals diesen Fehler machte«, sagt uns Bürgermeister Tomihisa Taue im Rathaus. »Unsere Botschaft ist, dass dieselbe Menschheit in Nagasaki den Fehler zum letzten Mal gemacht haben sollte.« Dass der 58-Jährige hier so beliebt ist, obwohl er nicht in der Stadt aufwuchs, liegt daran, dass er gern klare Worte spricht. In einer Stadt, die zuletzt zwei Bürgermeister verlor, deren Sätze offenbar mächtigen Syndikaten missfielen, ist das mutig. Einer von ihnen hatte sich geweigert, die Aussage zurückzunehmen, dass der Kaiser am Krieg mitschuldig gewesen sei. Der zweite kritisierte die Besuche konservativer Politiker im berüchtigten Yasukuni-Schrein, wo Japan noch immer auch Kriegsverbrecher ehrt. Beide Bürgermeister wurden mutmaßlich von Auftragskillern ermordet. Seit Taue den Premierminister öffentlich gebeten hat, sich für eine abfällige Äußerung eines Regierungsmitglieds über Nagasakis Kriegsopfer zu entschuldigen, wähnen manche auch ihn auf der Abschussliste.
»Nagasakis Bürger wurden von den Strahlen an Körpern und Seelen verwundet«, sagt er uns. »Diese Erinnerung müssen wir wach halten, auch in den nächsten Generationen. Aber wir dürfen nicht nur davon erzählen. Wir müssen auch selbst Frieden leben und aussenden. In Nagasaki war das immer Tradition. Hier lebten und arbeiteten seit jeher Menschen aus allen Kulturen zusammen, jeder nach seinen Gaben und Fähigkeiten. Das machte die Stadt immer stark.«
Auch die Universitätsklinik, auf deren Dach die Kriegskinder Michiaki Ikeda und sein Freund als Schuljunge spielten, stand für Nagasakis Weltoffenheit. Sie galt als führende Bildungsstätte in Asien. Ihr Personal war hochqualifiziert. Nach dem Bombenabwurf auf Hiroshima wurden hier die ersten transportfähigen Verbrennungsopfer behandelt – bis sie mit den Ärzten unter der zweiten Atombombe starben.
Am Rande des Explosionskegels gelegen, hielt sich zwar die Betonstruktur der Klinikgebäude. Holzwände und Fensterglas aber zerbarsten wie Splittergeschosse. Warum Ikeda und sein Freund damals gerade nach unten wollten, frage ich ihn. »Mein Freund musste aufs Klo«, antwortet er. »Das hat uns gerettet.«
Was genau er gesehen habe, als die Aufzugtür aufging? »Es war auf einmal so hell, dass wir beide ohnmächtig zu Boden fielen«, erinnert er sich. »Ich weiß nicht, wie lange ich da lag, bis mich der Rauch und das Feuer aufweckten, obwohl ich es nur hörte und roch. Meine Augen sahen gar nichts mehr, alles schien dunkel zu sein. Da fiel mir ein, dass da ja noch mein Freund Shige sein musste, und ich rief nach ihm. Aber niemand antwortete. Nach einer Weile schrie ich noch einmal seinen Namen heraus. Dann erst hörte ich, dass auch er aus der Dunkelheit nach mir rief. Allmählich begann ich dann wieder Licht zu sehen. Ich lag auch gar nicht mehr in einem Flur. Das halbe Gebäude war weggerissen, und der Boden war voller Glassplitter und Sand. Dann erkannte ich, dass das Feuer immer näher kam.«
Auf seinen Freund traf Ikeda an jenem Tag nicht wieder. Die Kriegswirren sollten sie dauerhaft trennen. Später erfuhr er, Shige habe durch die Atombombe beide Eltern verloren und sei irgendwo in Japan adoptiert worden. Die beiden haben einander nie mehr gesehen. Selbst seine eigene Mutter, die in den Klinikräumen unweit von ihm das Bombardement schwerverletzt überlebte, sollte Ikeda erst nach Tagen des Grauens und der Wirrnis wiederfinden.