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THICH NHAT HANH

Aus Angst wird Mut

Grundlagen buddhistischer Psychologie

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Fünfzig Verse
über die
Natur des Bewusstseins

Aus dem Englischen von Thomas Geist

Besuchen Sie Theseus im Internet: www.Theseus-Verlag.de

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel Transformation at the Base
bei Parallax Press, P. O. Box 7355, Berkeley, CA 94707, USA

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book Ausgabe 2014

© 2001 by Unified Buddhist Church
Copyright der deutschen Ausgabe © 2003 by Theseus in
J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld.

Lektorat: Dr. Ulrich Scharpf / Ursula Richard

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Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, www.mbedesign.de
Unter Verwendung eines Fotos: © Hildegard Morian
Satz und Gestaltung: Ingeburg Zoschke
E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

www.weltinnenraum.de

ISBN Print 978-3-89901-966-7
ISBN E-Book 978-3-89901-939-1

Teil I

Speicherbewusstsein

Nach den Lehren des Nur-Manifestation-Buddhismus1 hat unser Geist acht Aspekte oder, wie wir auch sagen können, gibt es acht Formen oder Arten des Bewusstseins. Die ersten fünf basieren auf den physischen Sinnen. Es sind die Bewusstseinsaspekte, die entstehen, wenn unsere Augen Formen sehen, unsere Ohren Klänge hören, unsere Nase Gerüche riecht, unsere Zunge etwas schmeckt oder unsere Haut ein Objekt berührt. Die sechste Bewusstseinsform, das Geistbewusstsein (manovijnana), entsteht, wenn unser Geist einem Objekt der Wahrnehmung begegnet. Die siebte, manas, ist der Teil des Bewusstseins, der das Geistbewusstsein entstehen lässt und als seine Stütze dient. Die achte, Speicherbewusstsein (alayavijnana), ist der Grund oder die Basis der sieben übrigen Bewusstseinsarten.2

In den Versen eins bis fünfzehn geht es um das Speicherbewusstsein. Das Speicherbewusstsein hat drei Funktionen. Die erste besteht darin, alle »Samen« (bijas) unserer Erfahrungen zu speichern und zu bewahren. Die in unserem Speicherbewusstsein vorhandenen Samen repräsentieren alles, was wir je getan, erlebt oder wahrgenommen haben. Die durch diese Taten, Erlebnisse und Wahrnehmungen gepflanzten Samen sind das »Subjekt« des Bewusstseins. Das Speicherbewusstsein zieht all diese Samen an, wie ein Magnet Eisenspäne anzieht.

Die zweite Funktion des Speicherbewusstseins bezieht sich auf die Samen selbst. Ein Museum zum Beispiel ist mehr als das Museumsgebäude. Es umfasst ebenso die Kunstwerke, die in ihm ausgestellt sind. Ebenso ist auch das Speicherbewusstsein nicht nur der »Speicher« für die Samen, sondern zugleich die in ihm enthaltenen Samen. Die Samen lassen sich zwar vom Speicher unterscheiden, aber nur in ihm können sie gefunden werden. Wenn man einen Korb Äpfel hat, lassen sich die Äpfel vom Korb unterscheiden. Wäre der Korb jedoch leer, könnte man nicht von einem Korb Äpfel sprechen. So ist das Speicherbewusstsein zugleich sowohl der Speicher als auch der gespeicherte Inhalt. Auf diese Weise sind die Samen auch das »Objekt« des Bewusstseins. Wenn wir also von »Bewusstsein« sprechen, beziehen wir uns gleichzeitig sowohl auf das Subjekt als auch das Objekt des Bewusstseins.

In seiner dritten Funktion schließlich ist das Speicherbewusstsein ein »Speicher für das Anhaften an einem Selbst«.3 Das liegt an der subtilen und komplexen Beziehung zwischen Manas – der siebten Form des Bewusstseins – und dem Speicherbewusstsein. Manas erwächst aus dem Speicherbewusstsein, ergreift seinerseits dann einen Teil des Speicherbewusstseins und hält daran als eine separate, unterscheidbare Entität – ein »Selbst« fest. Ein Großteil unseres Leidens rührt aus dieser Fehlwahrnehmung durch Manas, und dies ist Thema des zweiten Teils dieses Buches.

Eins Der Geist ist ein Feld

Der Geist ist ein Feld,
das alle Arten von Samen aufnimmt.
Dieses Geistfeld kann man auch
»alle Samen« nennen.

Die Hauptfunktion des Speicherbewussteins besteht darin, alle Samen zu speichern und zu bewahren. Ein Name für das Speicherbewusstsein lautet sarvabijaka, »Gesamtheit aller Samen«. Ein weiterer ist adana und bedeutet »bewahren«, »halten«, »nicht verlieren«. Das Bewahren aller Samen – sie lebendig zu erhalten, damit sie jederzeit manifest werden können – ist somit die grundlegende Funktion des Speicherbewusstseins.

Samen (bijas) verleihen den Phänomenen die Fähigkeit zu überdauern. Wenn man im Frühling einen Samen pflanzt, wird im Herbst eine Pflanze ausgereift sein, die Früchte trägt. Von diesen Früchten wiederum fallen neue Samen zur Erde, wo sie bewahrt werden, bis sie aufkeimen und weitere Pflanzen hervorbringen. Unser Geist ist ein Feld, in das alle Arten von Samen gepflanzt werden – Samen des Mitgefühls, der Freude und Hoffnung, Samen der Sorge, der Angst und der Probleme. Tag für Tag pflanzen unsere Gedanken, Worte und Handlungen neue Samen in das Feld unseres Bewusstseins, und was diese Samen hervorbringen, wird zur Substanz unseres Lebens.

In unserem Geistfeld gibt es sowohl heilsame als auch unheilvolle Samen, gesät von uns selbst, von unseren Eltern, unseren Mitschülern und Lehrern, unseren Vorfahren und der Gesellschaft. Wenn wir Weizen säen, wird Weizen wachsen. Wenn wir heilsam handeln, werden wir Glück erfahren. Wenn wir unheilsam handeln, gießen wir die Samen von Gier, Zorn und Gewalt in uns selbst und in anderen. Die Praxis der Achtsamkeit hilft uns, sämtliche Samen in unserem Bewusstsein zu identifizieren, und mit diesem Wissen können wir uns dafür entscheiden, nur die heilsamen gießen zu wollen. Wenn wir die Samen unserer Freude pflegen und gleichzeitig die Samen des Leidens verwandeln, werden Verständnis, Liebe und Mitgefühl in uns erblühen.

Zwei Vielfalt der Samen

Eine unendliche Vielfalt von Samen gibt es in uns –
Samen des Samsara und Samen des Nirwana,

Samen der Verblendung und Samen der Erleuchtung,

Samen des Leidens und Samen des Glücks,
Samen der Wahrnehmungen, der Namen und Begriffe.

Unser Speicherbewusstsein enthält alle möglichen Arten von Samen. Einige Samen sind schwach, andere stark, einige sind groß, andere klein, aber es sind die Samen für alle Erfahrungen vorhanden – die Samen des Samsara und des Nirwana, die Samen des Leidens und die Samen des Glücks. Wenn ein Samen der Verblendung in uns gegossen wird, nimmt unsere Ignoranz zu. Wenn der Samen der Erleuchtung in uns wächst, erblüht unsere Weisheit.

Samsara, der Kreislauf des Leidens, ist unser Aufenthaltsort, wenn wir in Ignoranz leben. Aus diesem Kreislauf auszusteigen ist äußerst schwierig. Schon unsere Eltern haben gelitten, und sie haben die negativen Samen ihres Leidens an uns weitergegeben. Wenn es uns nicht gelingt, die unheilvollen Samen in unserem Bewusstsein zu erkennen und zu transformieren, werden wir sie ohne jeden Zweifel auch an unsere Kinder weitergeben. Diese fortwährende Übertragung von Angst und Leiden treibt den Kreislauf von Samsara an. Gleichzeitig haben unsere Eltern uns aber auch Samen des Glücks übertragen. Durch die Praxis der Achtsamkeit können wir die heilsamen Samen in uns und anderen erkennen und sie jeden Tag gießen.

Nirwana bedeutet Stabilität, Freiheit und das Ende von Samsara. Erleuchtung kommt nicht von außen; niemand kann sie uns geben, auch nicht der Buddha. Der Samen der Erleuchtung liegt bereits jetzt in unserem Bewusstsein. Das ist unsere Buddhanatur – die uns allen innewohnende Qualität des erleuchteten Geistes, die nur genährt werden muss.

Um Samsara in Nirwana zu verwandeln, müssen wir klar erkennen, dass sowohl Samsara als auch Nirwana Manifestationen unseres eigenen Bewusstseins sind. Die Samen von Samsara, Leiden, Nirwana und Glück liegen bereits in unserem Speicherbewusstsein. Wir müssen nur die Samen des Glücks statt die Samen des Leidens gießen. Wenn wir jemanden lieben, versuchen wir die positiven Samen in diesem Menschen zu erkennen und sie mit freundlichen Worten und heilsamen Taten zu stärken. So werden die Samen des Glücks genährt, während die Samen des Leidens immer mehr an Kraft verlieren, weil wir sie nicht durch unfreundliche Worte und unheilsame Taten stärken.

Unser Speicherbewusstsein enthält auch Samen, die durch unsere Wahrnehmung erzeugt worden sind. Wir nehmen viele Dinge wahr, und die Objekte dieser Wahrnehmungen werden dann in unserem Speicherbewusstsein gespeichert. Wenn wir ein Objekt sehen, dann sehen wir, in buddhistischer Terminologie ausgedrückt, sein »Zeichen« (lakshana). Das Sanskritwort Lakshana bedeutet auch Merkmal, Bezeichnung oder Erscheinung. Das Zeichen eines Dings ist das Bild, das wir durch unsere Wahrnehmung (samjna) von ihm erschaffen.

Angenommen wir sehen eine hölzerne Platte auf vier Beinen – dieses Bild wird zu einem Samen in unserem Bewusstsein. Der Name, den wir diesem Objekt zuordnen, »Tisch«, ist ein weiterer Samen in uns. »Tisch« ist das Objekt unserer Wahrnehmung, wir selbst, der Wahrnehmende, sind das Subjekt. Beide sind verbunden: Jedes Mal, wenn wir das von uns als »Tisch« bezeichnete Objekt sehen oder auch nur das Wort »Tisch« hören, wird unser Bild eines Tisches in unserem Geistbewusstsein manifest.

Der Buddhismus unterscheidet drei Zeichenpaare. Das erste Paar besteht aus dem allgemeinen und dem speziellen Zeichen von etwas. Wenn wir ein Haus erblicken, so ist das Zeichen oder Bild »Haus« anfänglich allgemein. Das allgemeine Zeichen »Haus« ist eine Art Gattungsbegriff. Bis vor einigen Jahren konnte man noch im Supermarkt Dosen kaufen, die keine bunten Bilder und Markennamen hatten, sondern auf denen schlicht zum Beispiel das Wort »Mais« in schwarzer Schrift auf einfachem weißen Papier stand. So ähnlich verhält es sich mit dem allgemeinen Zeichen eines Objekts.

Mit Hilfe unseres unterscheidenden Geistes nehmen wir jedoch schnell tausende Einzelheiten wahr – Ziegel, Holz, Nägel und so weiter, die für dieses Haus spezifisch sind. Ein Haus kann also als Ganzes gesehen werden – sein allgemeines Zeichen – und ebenso als eine Kombination seiner Teile – sein spezielles Zeichen. Alles hat sowohl eine allgemeine als auch eine spezielle Natur.

Das zweite Zeichenpaar besteht aus Einheit und Vielfalt. Der Begriff »Haus« entspricht einem Konzept von Einheit. Alle Häuser fallen unter die Bezeichnung »Haus«. Doch die allgemeine Idee »Haus« zeigt uns kein in seinen spezifischen Merkmalen individuelles Haus. Häuser gibt es in zahllosen Variationen – das ist die Natur der Vielfalt. Wenn wir irgendein beliebiges Phänomen betrachten, sollten wir die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit erkennen können.

Das dritte Zeichenpaar ist Aufbau und Auflösung. Ein Haus kann sich gerade im Prozess des Aufbaus befinden und ist doch gleichzeitig auch im Prozess der Auflösung. Obwohl das Holz neu und das Haus noch nicht einmal ganz fertig ist, beginnt es durch die Feuchtigkeit oder Trockenheit der Luft, bereits zu verwittern. Wenn wir etwas Form annehmen sehen, sollten wir erkennen können, dass es sich gleichzeitig schon im Prozess der Auflösung befindet.

Unsere Meditationspraxis sollte uns dazu befähigen, stets beide Aspekte jedes dieser Zeichenpaare zu erkennen. Wenn wir die Teile betrachten, sehen wir das Ganze, und wenn wir das Ganze betrachten, sehen wir jedes Teil. Wenn ein Schreiner einen Baum betrachtet, kann er sich die Blockhütte bereits vorstellen, denn er ist darin ausgebildet, aus dem Holz eines Baumes ein Haus zu bauen. Er sieht die allgemeinen und die spezifischen Aspekte eines Baumes. Achtsamkeit hilft uns, alle sechs Zeichen zu sehen – das Allgemeine und das Spezifische, die Einheit und die Vielfalt sowie den Aufbau und die Auflösung – wann immer wir ein einzelnes Zeichen, ein spezifisches Objekt wahrnehmen. Das ist die Lehre der wechselseitigen Verbundenheit und Durchdringung, die Lehre des Interseins.

Den Objekten unserer Wahrnehmung ordnen wir Namen, Worte oder Bezeichnungen wie »Berg«, »Fluss«, »Buddha«, »Gott«, »Vater« oder »Mutter« zu. Jeder Name, den wir einem Phänomen zugeordnet haben, jeder Begriff wird als Samen in unserem Bewusstsein gespeichert. Diese Samen lassen wiederum andere Samen in uns entstehen, die wir »Bilder« nennen. Sobald wir den Namen von etwas hören, entsteht in unserem Bewusstsein ein Bild, und dieses Bild halten wir dann für die Wirklichkeit. Sagt zum Beispiel jemand in unserer Umgebung die Worte »New York«, berühren wir augenblicklich die in unserem Speicherbewusstsein liegenden Samen unseres Bildes von New York. Wir sehen zum Beispiel die Insel Manhattan oder die Gesichter von Menschen, die wir dort kennen, vor uns. Diese Bilder können sich jedoch von der gegenwärtigen Wirklichkeit New Yorks stark unterscheiden. Vielleicht sind sie sogar voll und ganz Schöpfungen unserer Einbildung, aber wir sind selten in der Lage, die Grenze zwischen Wirklichkeit und unserer eingebildeten Wahrnehmung zu erkennen.

Wir benutzen Begriffe, um auf etwas zu verweisen – ein Objekt oder ein Konzept. Diese Begriffe können der »Wahrheit« des Bezeichneten, die sich letztlich nur durch eine direkte Wahrnehmung seiner Wirklichkeit erkennen lässt, entsprechen oder nicht. In unserem Alltagsleben nehmen wir nur äußerst selten direkt wahr. Auf der Basis der in unserem Speicherbewusstsein vorhandenen Samen jener Bilder, die wir von den Dingen haben, erfinden und erschaffen wir uns Wahrnehmungen. Sind wir verliebt, kann sich das Bild des geliebten Menschen in unserem Geist erheblich von der tatsächlichen Person unterscheiden. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass wir am Ende eher unsere falsche Wahrnehmung heiraten als den Menschen selbst.

Falsche Wahrnehmungen sind für sehr viel Leid verantwortlich. Wir sind uns so sicher, dass unsere Wahrnehmungen richtig und vollständig sind, doch häufig trifft das einfach nicht zu. Ich kenne einen Mann, der den Verdacht hatte, sein Sohn sei nicht von ihm, sondern von einem Nachbarn, der seine Frau oft besucht hatte. Der Mann war zu stolz und schämte sich zu sehr, um mit seiner Frau oder irgendjemandem über seinen Verdacht zu sprechen. Eines Tages erwähnte ein zu Besuch gekommener Freund, wie sehr der Junge doch seinem Vater glich. Erst da begriff der Mann, dass das Kind tatsächlich sein Sohn war. Weil er an seiner falschen Wahrnehmung festgehalten hatte, musste die Familie jahrelang viel Schmerz erdulden.

Es geschieht so leicht, dass wir unser geistiges Bild, unser Zeichen von etwas, mit dessen Wirklichkeit verwechseln. Der Prozess der Verwechslung unserer Wahrnehmung mit der Wirklichkeit ist so subtil, und wir erkennen nur sehr schwer, dass er überhaupt stattfindet. Achtsamkeit hilft uns, diesen Prozess nicht zu übersehen. Bei der Meditation üben wir, unseren Geist in unmittelbarer, also korrekter Wahrnehmung zu schulen. Wir blicken tief in unsere Wahrnehmungen hinein, um ihre Natur zu entdecken und herauszufinden, welche Elemente korrekt und welche eingebildet sind.

Wahrnehmungen können auf Vorurteilen beruhen, die sich aus den Samen vergangener Erlebnisse in unserem Speicherbewusstsein entwickelt haben. Wenn wir nicht achtsam sind, werden wir solche Wahrnehmungen für korrekt halten. Halten wir aber eine falsche Wahrnehmung auf Dauer aufrecht, fügen wir uns selbst und anderen Schaden zu. Tatsächlich bringen Menschen sich sogar wegen ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung ein und derselben Wirklichkeit gegenseitig um.

Wir leben in einem von falschen Bildern und Einbildungen erfüllten Universum. Doch wir sind davon überzeugt, mit der Welt wirklich in Kontakt zu sein. Wir mögen tiefen Respekt vor dem Buddha haben und sicher sein, dass wir uns, begegneten wir ihm persönlich, vor ihm verbeugen und alle seine Unterweisungen anhören würden. In Wirklichkeit jedoch hätten wir dem Buddha in unserer eigenen Stadt längst begegnet sein können, ohne den geringsten Wunsch verspürt zu haben, ihm nahe zu sein, weil er schlicht nicht unserer Vorstellung vom Aussehen eines Buddha entsprach. Wir glauben vielleicht, dass ein Buddha in schöne Roben gekleidet und von einer Aura des Lichts umgeben sei. Wenn wir dann einem Buddha in gewöhnlicher Alltagskleidung begegnen, erkennen wir ihn folglich nicht. Wie kann ein Buddha ein Sporthemd tragen? Wie kann eine Buddha keine Lichtaura haben?

Es sind so viele Samen falscher Wahrnehmungen in unserem Bewusstsein. Dennoch sind wir uns ziemlich sicher, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit richtig ist. »Dieser Mensch hasst mich. Er schaut mich nicht einmal an. Er will mich verletzen.« Das ist möglicherweise nicht mehr als eine Phantasie unseres Geistes. In dem Glauben aber, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit entspricht, handeln wir aufgrund dieser Wahrnehmung. Das ist überaus gefährlich. Eine falsche Wahrnehmung kann zahllose Probleme schaffen. Tatsächlich lässt sich unser gesamtes Leiden auf unser Unvermögen zurückführen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Wir sollten uns stets bescheiden fragen: »Bin ich mir sicher?«, und uns dann Zeit und Raum geben, unsere Wahrnehmungen tiefer, klarer und stabiler werden zu lassen.

Drei Manifeste und nicht manifeste Samen

Samen, die als Körper und Geist manifest werden,
als Daseinsbereiche, Stufen und Welten,
sind sämtlich in unserem Bewusstsein gespeichert.
Deshalb wird es »Speicherbewusstsein« genannt.

Bevor etwas manifest wird, behaupten wir, dass es nicht existiert. Können wir es aber wahrnehmen, dann sagen wir, es existiert. Aber auch wenn ein Phänomen nicht manifest ist, so ist es doch vorhanden – als Samen in unserem Bewusstsein.

Dieser Vers bezieht sich auf verschiedene buddhistische Vorstellungen im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Seinsweisen lebender Wesen, die in späteren Kapiteln des Buches ausführlicher beschrieben werden. Kurz gesagt handelt es sich bei den »Daseinsbereichen« (dhatus) um den Bereich der Begierde (kamadhatu), den Bereich der Form (rupadhatu) und den Bereich der Nichtform (arupadhatu). Der Bereich der Begierde wird von Begehren, Zorn, Hass, Arroganz und Verblendung geprägt. Die Lebewesen in diesem Bereich leiden sehr, weil sie ständig Dingen hinterherrennen. Wenn wir uns entschließen, einfach zu leben und einige unserer Begierden aufzugeben, gelangen wir in den Bereich der Form. In diesem Bereich leiden wir weniger und können sogar ein gewisses Maß an Glück erfahren. Im dritten, dem Nichtform-Bereich, gibt es keine Materie mehr. Es ist nur noch Energie vorhanden, und diese Energie manifestiert sich als unser Geist, unser Zorn, unser Leiden und so weiter. Das Leben geht weiter, aber es gibt keine Wahrnehmung von Form.

Der Bereich der Begierde, die vier Ebenen des Bereichs der Form und die vier Ebenen des Nichtform-Bereichs ergeben zusammen die neun Stufen des Seins. (Die einzelnen Stufen werden in Kapitel Neun beschrieben.) Solange wir uns nicht von unseren falschen Wahrnehmungen befreit haben, werden wir uns in den Bereichen von Begierde, Form und Nichtform verfangen. Frühe buddhistische Texte vergleichen die drei Bereiche samsarischer Existenz mit einem »brennenden Haus«. Die drei Bereiche stehen in Flammen, und wir selbst sind es, die durch unsere falschen Wahrnehmungen das Feuer gelegt haben.

Der Sinn und Zweck buddhistischer Praxis besteht darin, das Leiden dieser Bereiche und Stufen zu transformieren. Wenn wir uns darin üben, tief in das Wesen der Begierde hineinzuschauen, dann befreien wir uns vom Bereich der Begierde und beginnen, im Bereich der Form, einem höheren Bereich, zu leben. Schauen wir noch tiefer, können wir auch unsere Anhaftung an die Form lockern und anfangen, im Bereich der Nichtform zu existieren. Auch im Bereich der Nichtform gibt es noch Leiden, weil nicht alle falschen Vorstellungen beseitigt sind und noch viele Begierden in der Tiefe unseres Geistes ruhen. Es ist möglich, alle drei Bereiche im gegenwärtigen Augenblick zu berühren, und zwar sowohl in uns als auch um uns herum.

Jeder Daseinsbereich ist das Ergebnis des kollektiven Bewusstseins derer, die in ihm leben. Wenn unsere Welt ein friedlicher, glücklicher Ort ist, dann aufgrund unseres kollektiven Bewusstseins. Wenn sie in Flammen steht, dann sind wir auch dafür mitverantwortlich. Ob ein Ort angenehm oder unangenehm ist, hängt immer vom kollektiven Bewusstsein der dort Lebenden ab. Wenn fünf oder sechs Menschen gemeinsam praktizieren und die Früchte von Freude, Frieden und Glück ernten und wenn diese Menschen dann ein Praxiszentrum errichten, in dem auch andere an diesem Glück teilhaben können, dann haben sie ein kleines »Reines Land« geschaffen. Die Daseinsbereiche entstammen alle unserem Geist, sie manifestieren sich aus den in unserem Speicherbewusstsein vorhandenen Samen.

Die Samen werden generell als zwei Arten von Welten manifest. Die erste ist die Welt der fühlenden Wesen – der menschlichen, tierischen und pflanzlichen Spezies also. Die menschliche Gesellschaft entsteht, genauso wie die Gesellschaften der tierischen und pflanzlichen Spezies, im kollektiven Bewusstsein. Die zweite ist die instrumentale Welt, die von den so genannten nicht-fühlenden Wesen – Bergen, Flüssen, Luft, Erde, Ozonschicht und so weiter – gebildet wird. Die instrumentale Welt ist die Welt der Natur, der Umwelt, und auch sie ist die Schöpfung unseres kollektiven Bewusstseins. Unser Speicherbewusstsein enthält und manifestiert die Samen dieser Welten, die alle nach bestimmten Gesetzen und Rhythmen funktionieren.

Alle Gebilde sind Manifestationen unseres Bewusstseins. In seinem Text, Standardverse über die Acht Formen des Bewusstseins, sagt Xuanzang: »(Bewusstsein) empfängt, imprägniert, erhält und bewahrt die Körper-Basis und die instrumentale Welt.«4 Das Bewusstsein empfängt alle Erfahrungen und Wahrnehmungen, die uns über das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren erreichen, und wird von ihnen durchdrungen. Sämtliche unserer Erfahrungen und Wahrnehmungen werden zu Samen in unserem Speicherbewusstsein. Das wird »Imprägnierung« (vasana) genannt. Alles, was wir lernen, gelangt in unser Speicherbewusstsein, hinterlässt seinen »Geruch« und wird dort bewahrt. Vielleicht glauben wir, etwas vergessen zu haben, aber nichts von dem, was das Speicherbewusstsein aufnimmt, geht jemals verloren. Alles bleibt dort gespeichert, doch manifestiert es sich erst dann, wenn die Umstände dafür reif sind.

Vier Übertragung

Einige Samen sind uns angeboren,
sie wurden uns von unseren Ahnen vererbt.
Andere wurden gesät, als wir uns noch im Mutterleib befanden,
wieder andere gehen auf unsere Kindheit zurück.

Einige Samen empfangen wir im Laufe unseres Lebens in der »Sphäre unserer Erfahrung«. Andere waren jedoch schon vorhanden, als wir geboren wurden – die »Sphäre der angeborenen Samen«. Zum Zeitpunkt unserer Geburt waren diese Samen bereits in unserem Bewusstsein vorhanden – Samen des Leidens und des Glücks, die uns von vielen Generationen von Vorfahren vererbt wurden. Viele unserer Fähigkeiten, Verhaltensweisen und körperlichen Merkmale wie auch unserer Werte sind uns von unseren Vorfahren vererbt oder »übertragen« worden. Und wenn dann im Laufe unseres Lebens sich entsprechend günstige Umstände ergeben, werden einige dieser Samen manifest. Andere werden in unserem ganzen Leben nicht manifest, aber wir geben sie an unsere Kinder weiter, die sie dann an ihre Kinder weitervererben. Und vielleicht werden viele Generationen später, zu Lebzeiten eines unserer Ururenkel, die Umstände günstig und einige der übertragenen Samen werden dann manifest.

Die Genetik hat gezeigt, dass die »Blaupause« für die Merkmale unseres Körpers und Geistes von vielen Generationen von Vorfahren stammt. Die Wissenschaft hat in Experimenten nachgewiesen, dass es bei Ratten sieben Generationen dauern kann, bis ein bestimmtes Merkmal wieder auftritt. Wenn wir uns in Achtsamkeit üben, so sorgen wir damit nicht nur für unser eigenes Wohl, sondern ebenso für das unserer Vorfahren und zahlloser nachfolgender Generationen. Alle diese Generationen sind bereits jetzt in uns. Die Erfahrungen aller Ahnen sowie unendliche Zeit und unendlicher Raum sind schon im Bewusstsein eines winzigen Embryos enthalten. Wenn wir das verstehen, empfinden wir eine ungeheure Verantwortung für alles werdende Leben.5

Wenn wir uns an einem Tag der Woche in besonderer Weise um Frieden, Freude und Glück bemühen, dann bringen wir in diesen vierundzwanzig Stunden unseren Vorfahren und den zukünftigen Generationen Glück und Frieden. Lassen wir hingegen eine ganze Woche verstreichen, ohne uns darin zu üben, haben nicht nur wir selbst eine Gelegenheit zur Freude verpasst, sondern auch unsere Vorfahren, unsere Kinder und deren Kinder haben eine Gelegenheit verloren. Wenn wir vom Leiden befreit sind und Frieden und Glück verwirklichen, erfahren auch unsere Vorfahren Frieden und Glück und wir übertragen die Samen von Frieden und Glück auf zukünftige Generationen.

Die Samen, die uns übertragen wurden, können wir auch als »Gewohnheitsenergien« (vasana, »Imprägnierung«) bezeichnen. Vielleicht glauben wir, nicht singen zu können, aber die Samen des Singens, die von unserer Großmutter stammen, die singen konnte, sind auch in uns. Unter den richtigen Umständen werden wir uns nicht nur daran erinnern können, wie man singt, sondern wir werden das Singen sogar genießen. Die Samen des Singens in uns können schwach sein, weil sie über lange Zeit nicht gegossen wurden. Aber sobald wir beginnen, uns tatsächlich im Singen zu üben, keimen diese Samen aus und werden kräftiger. Samen wie diese sind weitgehend angeboren. Alles, was sie brauchen, um zu erblühen, sind förderliche Umstände.

Dasselbe gilt für die Erleuchtung. Wenn wir erstmals von den Lehren des Erwachens hören, glauben wir, auf etwas für uns ganz Neues gestoßen zu sein. Aber auch die Samen des Erwachens tragen wir bereits in uns. Unsere Lehrerinnen und Lehrer, unsere Freundinnen und Freunde auf dem Pfad geben uns nur die Gelegenheit, diese Samen zu berühren, und helfen uns, sie wachsen zu lassen. Als der Buddha den Pfad des großen Verstehens und der grenzenlosen Liebe verwirklichte, rief er aus: »Wie erstaunlich, dass sämtliche Lebewesen die grundlegende Natur des Erwachens besitzen und sie doch nicht kennen. Darum treiben sie Leben um Leben im Ozean des großen Leidens.«6 Es gibt bereits jetzt viele heilsame und gesunde Samen in unserem Bewusstsein. Mit Hilfe eines Lehrers, einer Lehrerin und einer Sangha, einer Gemeinschaft von Praktizierenden, können wir zu uns selbst zurückkehren und in Kontakt mit diesen Samen gelangen. Der Zugang zu einem Lehrer, einer Lehrerin und einer Sangha sind die förderlichen Umstände, die unsere Samen des Erwachens heranreifen lassen.

In jeder Zelle unseres Körpers, in unserem Speicherbewusstsein, befinden sich alle Samen, die uns von allen Generationen unserer Vorfahren übertragen wurden. Die »Imprägnierung« unseres Bewusstseins findet bereits vor unserer Geburt statt, während wir uns noch im Leib unserer Mutter befinden. Schon bald nach der Zeugung beginnen wir weitere Samen aufzunehmen. Jede Wahrnehmung, jede Freude und jede Sorge unserer Mutter und unseres Vaters hinterlassen in uns einen neuen Samen. Das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können, ist ihr eigenes Glück. Wenn die Eltern glücklich und friedvoll miteinander leben, empfängt das Kind Samen des Glücks. Wenn die Eltern jedoch voller Wut miteinander umgehen und sich gegenseitig Leid zufügen, imprägnieren diese negativen Samen das Speicherbewusstsein des Kleinkindes.

Neues Leben in diese Welt zu bringen ist eine sehr ernste Angelegenheit. Ärzte und Therapeuten brauchen bis zu zehn Jahre, um eine eigene Praxis eröffnen zu können. Aber jeder kann ohne jede Ausbildung und Erfahrung Mutter oder Vater werden. Wir sollten eine Art »Schule der Familie« gründen, in der junge Menschen vor ihrer Hochzeit ein Jahr lang lernen können, tief in sich hineinzuschauen und herauszufinden, welche Samen in ihnen stark und welche schwach sind. Wenn die positiven Samen zu schwach sind, müssen die zukünftigen Eltern Mittel und Wege finden, sie zu gießen und damit zu kräftigen. Sollten die negativen Samen zu stark sein, müssen sie Mittel und Wege finden, sie zu verwandeln, und sie müssen auf eine Weise zu leben lernen, in der diese Samen nicht mehr so stark gegossen werden.

Ein Jahr Vorbereitungszeit, bevor man heiratet und eine Familie gründet, ist keine übertriebene Forderung. Zukünftige Mütter könnten lernen, wie sie statt unheilvoller Samen solche des Glücks, des Friedens und der Freude in das Speicherbewusstsein ihres ungeborenen Babys säen können. Und auch zukünftige Väter müssen sich darüber klar sein, dass die Art und Weise ihres Handelns Samen in das Speicherbewusstsein ihres ungeborenen Kindes sät. Strenge Worte, ein abweisender Blick oder eine lieblose Handlung – das Baby im Mutterleib nimmt alles auf. Das Speicherbewusstsein des Fötus nimmt alles auf, was in der Familie geschieht. Ein gedankenloses Wort oder eine entsprechende Tat begleitet das Kind vielleicht für den Rest seines Lebens.

In einer solchen Familienschule könnten die jungen Frauen und Männer auch zu einem neuen Kontakt mit ihren Eltern und Vorfahren finden. Dies hilft ihnen dabei, sich selbst kennen zu lernen – die eigenen Stärken und Schwächen – und einen angemessenen Umgang mit den eigenen Samen zu finden. Das ist ein wichtiges Projekt.

Junge Eltern sollten alle Freuden und Schwierigkeiten festhalten, die sie in der Zeit vor und nach der Zeugung erleben; ebenso sollten sie alle wichtigen Ereignisse von der Geburt des Kindes bis etwa zu seinem zehnten Lebensjahr festhalten. Die Kinder vergessen wohl die meisten Dinge, die sich während dieser Zeit zugetragen haben, wenn aber die Eltern ihnen von allen Ereignissen dieser Zeit berichten können, wird dies später, wenn sie selbst erwachsen geworden sind und nun ihrerseits die Familienschule besuchen, sehr hilfreich für sie sein.

Wir haben Samen des Leidens von unseren Eltern erhalten. Vielleicht sind wir entschlossen, es selbst ganz anders zu machen als sie. Wenn wir aber nicht wissen, wie man Samen verwandelt, werden wir es ganz genauso machen wie unsere Eltern. Ihre Freuden und Leiden beeinflussen uns auch weiter. Wenn unser Vater etwas sagt, das unsere Mutter glücklich macht, erhalten auch wir Samen des Glücks. Sagt er etwas, das unsere Mutter zum Weinen bringt, empfangen wir Samen des Leidens.

Am besten können wir unsere Kinder schützen, wenn wir schon ganz früh damit beginnen. Ich kenne Paare, die ihren Alltag voller Achtsamkeit und Sanftmut zu gestalten suchen, um keine negativen Samen in das Speicherbewusstsein ihrer Kinder zu säen. Achtsam zu leben ist während der neun Monate, in denen das Kind im Mutterleib heranwächst, besonders wichtig. Aber auch nach der Geburt sollten die Eltern weiterhin achtsam sein. Das Baby mag die Worte zwar nicht verstehen, aber unsere Stimmen verraten unsere Gefühle. Wenn wir etwas mit Liebe sagen, kann das Baby es fühlen. Wenn wir etwas aus einer gereizten Stimmung heraus sagen, so empfängt das Kleinkind auch das. Wir sollten niemals glauben, nur weil unser Kind noch im Mutterleib oder ganz klein sei, verstünde es nichts. Wie immer die familiäre Atmosphäre beschaffen sein mag, sie geht in das Speicherbewusstsein des Babys ein. Es kann deutlich fühlen, wenn in der Familie dicke Luft herrscht.

Viele Kinder können die bedrückende Atmosphäre zu Hause nicht ertragen und verstecken sich im Badezimmer oder in einem anderen Raum, um die Worte, die Wunden in ihre Herzen reißen, nicht hören zu müssen. Manche Kinder werden wegen der Art und Weise, wie ihre Eltern miteinander umgehen, sogar krank. Nicht selten entwickeln sie dann eine Angst vor Erwachsenen und Autoritätspersonen, die ein Leben lang anhält. Ich habe Kleinkinder gesehen, die ganz natürlich und glücklich spielten, solange kein Erwachsener im Raum war, sobald sich aber die Tür öffnete und ein Erwachsener das Zimmer betrat, waren sie wie gelähmt und stumm. Die Samen der Angst waren schon so stark in ihnen geworden.

Kinder sind so zart und verletzlich. Darum müssen wir als Eltern ganz umsichtig sein und nichts sagen oder tun, was unserem kleinen Jungen oder Mädchen Leid zufügen würde. Wir wissen, dass der Eindruck dieses Leidens sie ihr Leben lang begleiten würde. Viele Kinder werden körperlich und emotional von ihren Eltern missbraucht und leiden ihr ganzes Leben darunter. Achtsames Leben – im Bewusstsein, dass unsere Kinder eine Fortdauer unserer selbst sind – ist äußerst hilfreich. Indem wir achtsam leben und tief schauen, erkennen wir, dass unsere Kinder tatsächlich unsere Fortdauer sind. Sie sind nichts anderes als wir selbst. Wenn wir wegen unserer Eltern gelitten haben, wissen wir, dass wir die negativen Samen unserer Eltern in uns tragen. Sind wir dann nicht in der Lage, diese Samen in uns zu erkennen und durch unsere Praxis zu transformieren, werden wir unseren Kindern genau das antun, was unsere Eltern uns angetan haben. Dieser Teufelskreis des Leidens kann nur durch die Praxis achtsamen Lebens zum Stillstand gebracht werden.

Um zu verstehen, wie die Samen in unserem Speicherbewusstsein von Generationen von Vorfahren übertragen werden, empfahl der Buddha, die Übertragung des physischen Körpers eingehend zu betrachten. Unser Körper ist uns von unserer Mutter, unserem Vater und unseren Vorfahren übertragen worden; wir sind die Empfänger der Übertragung; und unser Körper ist das Objekt der Übertragung. Die drei Elemente in diesem Prozess der Übertragung sind also: der Übertragende, das übertragene Objekt und der Empfangende.

Der Buddha lehrte, tief in die Natur jedes Phänomens zu blicken und die Leerheit der Übertragung zu erkennen. Wir stellen uns die Frage: Was hat mein Vater mir übertragen? Die Antwort lautet: Er hat sich selbst übertragen. Das übertragene Objekt ist nichts anderes als er selbst, und ich bin tatsächlich die Fortdauer meines Vaters. Ich bin mein Vater. Unsere Vorfahren sind in uns. Sie manifestieren sich manchmal in der Art, wie wir lächeln, reden oder denken. Dann stellen wir uns die Frage: Wer ist der Empfangende der Übertragung? Ist er eine separate Wesenheit? Nein. Der Empfangende der Übertragung ist sowohl das Objekt der Übertragung als auch der Übertragende selbst. Das Objekt der Übertragung ist eins mit dem Übertragenden.

Wenn wir diese Wahrheit durchdringen, die Realität der Leerheit der Übertragung, erkennen wir, dass wir unser Vater sind. Wir können nicht länger sagen: »Ich will mit meinem Vater nichts zu tun haben; ich bin zu wütend auf ihn.« Tatsächlich sind wir die Fortdauer unseres Vaters. Das Einzige, was uns übrig bleibt, ist, uns mit ihm zu versöhnen. Und er ist nicht dort draußen, getrennt von uns – er ist in uns. Nur mit diesem Wissen ist Frieden möglich.

Fünf Individuelle und kollektive Samen

Seien sie nun von Familie, Freunden,
der Gesellschaft oder durch Erziehung übertragen,
alle unsere Samen sind
sowohl individueller als auch kollektiver Natur.

Unsere Gesellschaft, unser Land und das ganze Universum sind gleichermaßen Manifestationen von Samen aus unserem kollektiven Speicherbewusstsein. Plum Village, die Gemeinschaft in Frankreich, in der ich lebe, ist eine Manifestation des Bewusstseins. Für uns, die wir dort leben, gibt es eine kollektive Manifestation von Plum Village, die wir miteinander teilen, aber für jede und jeden von uns gibt es auch eine persönliche Manifestation von Plum Village im eigenen Geist. Das Plum Village von Schwester Doan Nghiem ist nicht dasselbe wie das Plum Village von Bruder Phap Dang. Plum Village hat seine kollektiven und individuellen Gesichter.

Wenn wir nun sagen, Plum Village sei sowohl eine objektive als auch eine subjektive Realität, so ist das nicht ganz korrekt. Wir mögen denken, dass es eine objektive Realität von Plum Village gibt, die wir eines Tages begreifen werden, obwohl wir stets nur die subjektive Realität von Plum Village in unserem eigenen Bewusstsein erfahren haben. Aber das, was wir »objektiv« nennen, entsteht auch aus unserem Bewusstsein. Unser Bewusstsein umfasst beides: das Individuelle wie das Kollektive, das Subjektive wie das Objektive. Trotzdem sind wir zutiefst überzeugt, dass unser Bewusstsein etwas in uns ist und dass es dort draußen noch – getrennt vom Bewusstsein – eine äußere »objektive« Wirklichkeit gibt, die unser Bild von Plum Village formt.

So vergleichen und streiten wir und stellen uns die Frage, wie wir unsere persönliche subjektive Sicht loslassen und zu einer objektiven Erkenntnis der Dinge gelangen können. Wir wollen mit der Wirklichkeit der Welt in direktem Kontakt sein. Doch die, wie wir glauben, unabhängig von unseren Sinneswahrnehmungen existierende objektive Wirklichkeit ist selbst eine Schöpfung kollektiven Bewusstseins. Unsere Vorstellungen von Glück und Leid, Schönheit und Hässlichkeit sind Spiegelbilder der Vorstellungen vieler Menschen. Kollektives Bewusstsein ist nicht nur das Bewusstsein von drei oder vier Menschen sondern von hunderten oder tausenden. Einige Dinge beginnen als Schöpfungen individuellen Bewusstseins und werden dann Teil des kollektiven Bewusstseins.

Unser Speicherbewusstsein umfasst sowohl individuelles als auch kollektives Bewusstsein. Was als modisch gilt zum Beispiel, ist eine Schöpfung des kollektiven Bewusstseins einer Gesellschaft. Wir glauben, unsere eigene Vorstellung von Schönheit zu haben, aber wenn wir tief schauen, müssen wir einsehen, dass sie aus den Vorstellungen vieler Menschen gebildet wurde. Angenommen wir wollen eine Krawatte kaufen. In dem Augenblick, in dem wir eine Krawatte sehen, die mit den Samen in unserem Speicherbewusstsein übereinstimmt, die uns signalisieren, was wir für attraktiv halten, hat die Krawatte uns ausgesucht. Wir glauben, unsere Wahlfreiheit ausgeübt zu haben, aber in Wirklichkeit ist die Wahl schon vor langer Zeit gefallen.

Wenn ein Gemälde sich für Millionen von Euro verkaufen lässt, dann liegt das daran, das unser kollektives Speicherbewusstsein es als wertvoll erachtet. Ein Kind hält das Bild vielleicht für hässlich oder wertlos. Unsere Wertschätzung für ein Kunstwerk spiegelt nicht nur unsere eigene, persönliche Vorstellung von Schönheit wider, sondern ebenso das Schönheitsideal unserer Gesellschaft und unserer Vorfahren. Mit unseren Essensvorlieben verhält es sich genauso. Für mich sind eingelegte Senfblätter köstlich. Meine Vorfahren haben sie schon gegessen, und die Samen in meinem Speicherbewusstsein haben die Gewohnheitsenergie, sie zu genießen. Aber Ihnen schmecken eingelegte Senfblätter womöglich nicht im Geringsten. Ob lecker oder widerlich, hängt von den Samen in unserem Bewusstsein ab, sowohl den individuellen als auch den kollektiven.

Demokratie und andere politische Strukturen sind Schöpfungen des kollektiven Bewusstseins. Die Aktienbörse, der Wert des Euro und der Goldpreis sind ebenfalls Produkte des kollektiven Bewusstseins. Börsenmakler und Analysten sind ständig damit beschäftigt, zu rechnen, abzuschätzen und lautstark Meinungen von sich zu geben. Durch diese Aktivitäten verändert sich der Wert der Aktien, des Goldes oder des Euro fortwährend. Die Berechnungen und Schlussfolgerungen setzen eine Kettenreaktion in Gang, die zu kollektivem Verständnis führt, und manchmal führen dieselben Spekulationen zu großem Leid. Die Auf- und Abbewegungen der Börse sind Manifestationen unserer kollektiven Hoffnungen und Ängste. Himmel, Hölle, die Verfassung unserer Nation und die Waren, die wir tagtäglich konsumieren, sie alle sind Manifestationen unseres kollektiven Bewusstseins.

Kein Samen in unserem Bewusstsein ist uns hundertprozentig entweder angeboren oder übertragen worden. Es ist auch nicht so, dass einige Samen rein individueller und andere rein kollektiver Natur wären. Bei einem Musiker gilt dessen Begabung als individuelles Vermögen. Wenn wir aber tief schauen, können wir auch die kollektive Natur seiner Fähigkeit erkennen. Vielleicht stammt die Begabung von seinen Vorfahren, seinen Lehrern oder einfach nur vom Radiohören. Der Samen existiert in seinem Speicherbewusstsein, aber genährt wurde er vom Glück und Leiden, von den Fähigkeiten und Schwächen eines jeden Menschen, mit dem er je in Kontakt gekommen ist.

Jeder Samen in unserem Speicherbewusstsein ist gleichzeitig von sowohl individueller als auch kollektiver Natur. Nichts ist ausschließlich individuell oder kollektiv. Im Individuellen kann das Kollektive erkannt werden und im Kollektiven das Individuelle. Das Kollektive ist aus dem Individuellen gemacht und das Individuelle aus dem Kollektiven. Das ist die Natur der wechselseitigen Verbundenheit aller Phänomene, des Interseins.

Tatsächlich sind die Unterscheidungen zwischen angeborenen und übertragenen Samen, zwischen individuell und kollektiv nur vorläufige. Diese Unterscheidungen sollen uns auf der intellektuellen Ebene helfen, scheinbar gegensätzliche Vorstellungen besser zu verstehen, damit wir in unserer Meditationspraxis mit ihnen arbeiten können. Sobald aber unsere Praxis gereift ist und wir die Natur des Interseins erkannt haben, benötigen wir diese Unterscheidungen nicht länger.

Darum müssen wir die Vorstellungen von individuell und kollektiv letztlich überschreiten. Allen Phänomenen wohnen beide Elemente inne. Das Kollektive und das Individuelle bedingen und durchdringen einander. Der Sehnerv eines Busfahrers scheint eine rein individuelle Sache zu sein, spezifisch und wichtig nur für ihn selbst, aber der Zustand seines Sehnervs kann die Sicherheit vieler anderer Menschen beeinflussen. Wir mögen glauben, gewaltlos zu sein, doch es gibt den Samen der Gewalt auch in uns, gegossen und damit gekräftigt wird er durch das Fernsehen, die Zeitungen oder durch das, was wir sonst sehen oder erleben. Wenn wir tief schauen, werden wir erkennen, dass auch dieser Samen gleichzeitig sowohl eine individuelle als auch eine kollektive Natur besitzt.

Während unserer Meditationsklausuren üben wir achtsames Atmen, Lächeln und Gehen und erzeugen damit eine besondere, die Achtsamkeit fördernde Atmosphäre. Das ist die kollektive Natur einer solchen Veranstaltung. Durch unser achtsames Gehen, Lächeln und Atmen fördern wir unser individuelles Wohlbefinden. Aber so wie das Kollektive im Individuellen enthalten ist, hat auch das Individuelle Einfluss auf das Kollektive. Sobald wir einen friedvollen Schritt machen, verwandelt sich die Welt. Sobald wir lächeln, ändern wir uns nicht nur selbst ein bisschen, sondern auch die, mit denen wir in Kontakt kommen, ändern sich ein wenig. Das Individuelle hat immer einen Einfluss auf das Kollektive und umgekehrt. Alle Samen in unserem Speicherbewusstsein sind von dieser zweifachen Natur: individuell und kollektiv. Wenn wir praktizieren, um unsere heilsamen Samen zu nähren, statt unsere unheilvollen Samen zu gießen, ist es wichtig, dass wir uns dieser Tatsache bewusst sind.

Darum ist die Verbindung zu Menschen so wichtig, die die Samen der Freude in uns stärken. Natürlich wollen wir uns nicht von denjenigen abgrenzen, die leiden, aber so lange unsere heilsamen Samen noch schwach sind, brauchen wir Freundinnen und Freunde, die uns helfen, die Samen von Frieden, Gesundheit und Glück in uns zu kräftigen. Wenn dann die Samen von Frieden und Glück stärker in uns geworden sind, können wir auch den Leidenden wirksamer helfen. Wir müssen wissen, wann wir stark genug sind, um helfen zu können, andernfalls besteht die Gefahr, dass wir von den schwierigen Samen anderer überwältigt werden.

In einem Praxiszentrum gibt es immer einige Menschen mit ernsten psychischen Problemen. Eine Dharmalehrerin hat die Verantwortung, mit diesen Menschen zu sitzen und ihnen zuzuhören. Sie muss ihr Herz öffnen und ganz und gar präsent sein, um helfen zu können. Wenn aber die Achtsamkeit der Lehrerin für die nicht-duale und sich wechselseitig durchdringende Natur von individuellem und kollektivem Bewusstsein zu schwach ist, kann es sein, dass sie mehr Leiden aufnimmt, als sie verkraften kann, und dann ist sie nicht mehr in der Lage, anderen zu helfen. Übt sie beim Zuhören nicht Achtsamkeit, nährt das Leiden der anderen Person nur die Samen des Leidens in ihr selbst. Dharmalehrer zu sein verleiht uns nicht die Fähigkeit, Dinge zu tun, die über unsere Kräfte gehen. Auch Lehrer oder Lehrerinnen müssen die Anzahl der leidenden Menschen, denen sie zu helfen versuchen, begrenzen oder sie brechen irgendwann zusammen.

Gleiches gilt für Psychotherapeuten. Als Psychotherapeut müssen Sie Ihr Herz öffnen, um das Leiden Ihrer Klientinnen und Klienten verstehen und Mittel und Wege zu ihrer Hilfe finden zu können. Haben Sie aber jemandem geholfen, müssen Sie mit dem Wohltuenden und Heilsamen in Ihnen selbst und in Ihrer Umgebung in Kontakt sein. Wenn Sie die Grenzen Ihrer Kapazität, Leiden aufzunehmen, erreicht haben, dürfen Sie keine Klienten mehr behandeln, bis Sie Ihre eigenen Samen von Gesundheit und Frieden wieder gestärkt haben. Auf diese Weise können Sie helfen, ohne sich zu erschöpfen.

Allerdings müssen wir nicht notwendigerweise Dharmalehrer oder Psychotherapeutin sein, um anderen zu helfen. Wir alle sollten uns Zeit nehmen, unseren Freundinnen und Freunden zuzuhören. Haben wir ihr Leiden angehört, können wir Gehmeditation üben oder etwas tun, was uns wirklich Freude macht. Das gibt uns die Möglichkeit, uns zu erholen und wieder klar zu werden, stark genug, um bald erneut helfen zu können. Wenn wir bereitwillig unser Herz öffnen, ohne uns unserer Grenzen bewusst zu sein, werden nur die Samen unserer eigenen Gereiztheit gegossen, und wir werden vom Leid überwältigt. Wir müssen die gesunden Samen in unserem Bewusstsein kontinuierlich stärken.Viele Menschen in helfenden Berufen glauben, sich keine Ruhe gönnen zu dürfen, weil es ja so viele Menschen gibt, die ihrer Hilfe bedürfen. Aber wenn sie sich nicht erholen, verlieren sie nicht nur ihren eigenen Frieden und ihre Freude, sondern sie können auch für andere nicht mehr hilfreich sein.

Sigmund Freud hatte eine Vorstellung vom Unbewussten, die in gewisser Weise dem buddhistischen Konzept vom Speicherbewusstsein ähnelt. Allerdings ist das Unbewusste nur ein winziger Teil des Speicherbewusstseins. Die siebte Bewusstseinsform, Manas, entspricht mehr oder weniger dem »Ich«, der von Freud gegründeten Schule der Psychoanalyse. Das, was Freud das »Über-Ich« nannte, hat eine gewisse Beziehung zur sechsten Bewusstseinsform, dem Geistbewusstsein. Der Psychoanalytiker C. G. Jung ging noch weiter als Freud und behauptete, dass unsere Emotionen und alle Erfahrungen von Glück und Leid in unserem Geist auch das kollektive Bewusstsein widerspiegeln. Jung bezog einige seiner Ideen aus dem tibetischen Buddhismus. Viele Psychotherapeuten haben sich Jungs Ansichten angeschlossen.