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Lucius Annaeus Seneca

Mächtiger als das Schicksal

(Sachbuch)

 

 

 

Copyright © 2014 Der Drehbuchverlag, Wien 

2. Auflage, 13. Februar 2016 

Alle Rechte vorbehalten 

eBook: Mächtiger als das Schicksal 

ISBN: 978-3-99042-860-3 

Kapitel 1: Von der Kürze des Lebens

 

Die meisten Menschen, mein lieber Paulinus (Anmerkung 1), beschweren sich über die Bosheit der Natur, die uns nur eine winzige Spanne Zeit zum Leben gegeben habe. Sie beklagen sich, dass auch diese uns zugemessene Zeit zu schnell vergeht. So kommt es, dass das Leben den meisten Menschen bereits entgleitet, während sie noch Anstalten machen, das Leben zu beginnen. Über diesen vermeintlichen allgemeinen Übelstand jammern aber nicht nur die Masse und der Durchschnittsmensch; diese Empfindung hat auch berühmte Männer zu Klagen verleitet. So hadert ein so urteilsfähiger Mann wie Aristoteles mit der Natur und lässt Äußerungen fallen, die eines weisen Mannes unwürdig sind: »Die Natur habe sich den Tieren so wohlwollend gezeigt, dass sie ein Alter von fünf- oder zehnfacher Dauer eines Menschenlebens erreichen könnten, dem Menschen aber, der für so viele und große Aufgaben geboren sei, habe sie ein viel zu frühes Ende bestimmt.«

   Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir vergeuden zu viel. Das Leben ist lang genug und reicht auch zur Vollendung der größten Aufgaben aus, wenn es im ganzen recht angewendet wird. Lassen wir aber das Leben in Luxus und Nachlässigkeit sinnlos dahinfließen und setzen wir es für keine wertvolle Aufgabe ein, dann spüren wir erst unter dem Zwange der letzten Notwendigkeit, dass es vorübergegangen ist, während wir den Ablauf selbst nicht bemerkten. Es ist schon so: Wir bekommen nicht ein kurzes Leben zugeteilt, sondern wir machen es selbst kurz. Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir verschwenden zu viel. Wie ein reiches und fürstliches Vermögen im Augenblick vertan ist, wenn es an einen schlechten Besitzer kommt, während ein weit mäßigeres Vermögen unter guter Obhut bei vorsichtigem Gebrauch wächst, so bietet uns auch unser Leben genügend Raum, wenn wir es in der rechten Weise anwenden.

   Was beklagen wir uns über die Natur? Sie hat sich uns gütig gezeigt: das Leben ist lang, wenn man es zu nutzen weiß. Aber den einen hält unersättliche Habsucht gefangen, den anderen eine emsige Geschäftigkeit bei überflüssigen Beschäftigungen. Der eine ergibt sich dem Trunke, der andere überlässt sich trägem Nichtstun. Den einen treibt ein glühender Ehrgeiz, der sich von fremdem Urteil abhängig macht, bis zur Erschöpfung umher, den anderen schleifen seine Gewinnsucht und ein niederer Krämergeist weit über Länder und Meere. Manche Leute reiben sich auf in der Pflege ihrer Beziehungen zu einflussreichen Männern und unterwerfen sich freiwilliger Knechtschaft – wahrlich ein undankbares Geschäft! Viele Leute sind ganz erfüllt von dem Wunsche, es möge ihnen so ergehen, wie es anderen geht, oder sie bewegen sich in Klagen über ihr eigenes Geschick. Die meisten aber verfolgen kein bestimmtes Ziel. Ein unsteter Leichtsinn, verbunden mit innerer Unzufriedenheit, treibt sie immer wieder zu neuen Plänen. – Durchmustere sie alle, von den kleinen Leuten bis zu den Höchstgestellten: der eine tritt als Sachverständiger auf, der andere als Zeuge, dieser klagt an, jener übernimmt die Verteidigung, wieder ein anderer ist Richter. Niemand tritt für sich selbst ein, einer verzehrt sich im Dienste des anderen. Der eine kümmert sich um diesen, der andere um jenen. Um sich selbst kümmert sich keiner. Dann noch die äußerst törichte Empörung dieser Leute: Sie beklagen sich über die abweisende Haltung der Höhergestellten, die für ihre zudringlichen Aufwartungen keine Zeit haben. So wagt es jemand, sich über den Hochmut eines anderen zu beklagen, der selbst nie für sich Zeit hat.

   Es ist auch nicht nötig, solche Dienstfertigkeit jemandem hoch anzurechnen: Als du deine Dienste anbotest, wolltest du nicht für einen anderen da sein, sondern konntest es mit dir selbst nicht mehr aushalten.

   Die großen Geister aller Zeiten sind in diesem Punkte einer Meinung und können sich nicht genug über die menschliche Kurzsichtigkeit auf diesem Gebiete wundern. Die Menschen dulden es nicht, dass ihr Grundbesitz von jemandem mit Beschlag belegt wird. Ja, wenn nur ein unwesentlicher Streit über den Verlauf der Grenze entsteht, greifen sie schon zu den Waffen. Aber in ihr Leben lassen sie andere einbrechen, sie ebnen sogar denen die Wege, die in Zukunft über ihr Leben verfügen sollen. Niemand will sein Geld teilen, sein Leben aber – an wie viele verteilt es ein jeder! Engherzig halten die Menschen ihr Vermögen zusammen, wenn es aber um Zeitverlust geht, sind sie äußerst verschwenderisch, wo doch hier allein Geiz sittlich berechtigt wäre.

   Nehmen wir einen aus dem Kreise der alten Männer: Wir sehen, du hast das höchste Alter erreicht, das einem Menschen beschieden ist. Hundert Jahre oder mehr hast du auf dem Rücken. Wohlan, lass dein Leben noch einmal zur Abrechnung an dir vorbeiziehen! Von deiner Lebenszeit ziehe ab, was dir der Gläubiger, die Freundin, der König, der Klient raubte, was verloren ging durch ehelichen Streit, durch Maßregelung der Sklaven, durch geschäftiges Umherlaufen in der Stadt. Hierzu rechne Krankheiten, die wir selbst heraufbeschwören, und die Zeit, die zwecklos vertan ist. Du wirst sehen, dir bleiben viel weniger Jahre, als du dir nach deinem Geburtstag ausrechnest. Rufe dir ins Gedächtnis zurück, wann deine Entschlüsse fest waren, welcher Tag so verlief, wie du es dir vorgenommen hattest, wann du zu sinnvoller Anwendung deiner Fähigkeiten kamst, wann deine Miene ruhig war und deine Stimmung furchtlos. Überlege dir auch, was du in dieser langen Zeit wirklich geleistet hast. Wie viel Leute haben dir, ohne dass du es merktest, Teile deines Lebens geraubt? Wie viel Zeit hast du selbst vertan, wie viel haben dir törichter Schmerz, alberne Lustigkeit, hässliche Begierde, leeres Geschwätz weggenommen? Bedenke, wie wenig dir von deinem Leben bleibt! Du wirst sehen, dass du als unfertiger Mensch in den Tod gehst.

   Woran liegt das alles? Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet. Niemals kommt euch eure Hinfälligkeit zu Bewusstsein. Ihr bemerkt nicht, wie viel Zeit schon verflossen ist. Als ob ihr aus dem Vollen, aus dem Überfluss zu geben hättet, verschwendet ihr eure Zeit. Aber dieser Tag, der irgendeinem Menschen oder einer gleichgültigen Angelegenheit gewidmet war, ist vielleicht schon euer letzter.

   Man hört immer wieder die Worte: mit fünfzig Jahren setze ich mich zur Ruhe, mit sechzig Jahren ziehe ich mich ganz aus dem öffentlichen Leben zurück. – Und wer bürgt dir dafür, dass dein Leben überhaupt länger dauert? Wer gibt dir die Gewähr, dass alles so geht, wie du es dir gedacht hast? Schämst du dich nicht, nur den Rest deines Lebens für dich selbst aufzusparen und nur die Zeit für die Pflege der höheren Seelenkräfte zu bestimmen, die zu nichts anderem mehr zu brauchen ist? Wahrlich, zu spät beginnt man erst dann mit dem Leben, wenn es ans Aufhören geht! In unserer Verblendung vergessen wir ganz, dass wir einmal sterben müssen. Wir schieben segensreiche Entschlüsse bis zum fünfzigsten oder sechzigsten Jahre auf und wollen mit dem Leben erst zu einem Zeitpunkt anfangen, den überhaupt nur wenige erreichen.

   Der verewigte Augustus, dem die Götter mehr als irgend einem anderen geschenkt hatten, wünschte sich sein ganzes Leben lang Ruhe und Freisein von Staatsgeschäften. Immer wieder kam er im Gespräch auf diesen Punkt zurück: er erhoffe sich Freiheit von Geschäften. So tröstete er sich mit der erfreulichen – wenngleich trügerischen – Hoffnung, er werde einmal dazu kommen, für sich selbst zu leben, und suchte sich so die Mühsal des Alltags erträglicher zu machen.

   M. Cicero war unter Männer wie Catilina und Clodius, Pompeius und Crassus geraten. Teils waren es offene Feinde, teils zweifelhafte Freunde. Inmitten der Aufstiegs- und Abstiegsbewegungen des Staates suchte er den Untergang der Republik zu verhindern, wurde aber schließlich doch politisch ausgeschaltet. Cicero vermochte es nicht, glückliche Situationen mit Ruhe und unglückliche mit Fassung zu ertragen. Wie oft hat er gerade die Zeit seines Konsulates verflucht, das er nicht ohne Grund, aber ohne Ende gepriesen hatte. In einem Briefe an Atticus lässt er weinerliche Äußerungen vernehmen, als Pompeius, der Vater, schon besiegt war und sein Sohn in Spanien immer noch versuchte, die Niederlage auszugleichen. Er schreibt: »Was ich hier treibe, fragst du? Ich halte mich in meinem tusculanischen Landgut auf als ein halbfreier Mensch.«

   Wahrlich, niemals wird sich ein weiser Mann eine so niedere Bezeichnung beilegen, niemals wird er halbfrei sein, seine Freiheit ist immer unangetastet und gesichert. Selbständig ist er, sein eigener Herr. Er steht über allem anderen. Denn was sollte über dem stehen, der über das Schicksal erhaben ist?

   Es erübrigt sich, noch weitere Beispiele aufzuführen von Leuten, die zwar anderen als besondere Günstlinge des Glücks erschienen, sich selbst aber ein richtiges Zeugnis ausstellten und mit tiefem Abscheu auf alle ihre bisherige Tätigkeit zurückblickten.

   Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass ein vielbeschäftigter Mann nichts recht zustande bringt. Das gilt für die Pflege der Beredsamkeit wie für die Fachwissenschaften. Ein zerstreuter Mensch prägt sich nichts tief ein, sondern gibt alles schnell wieder von sich, als wäre es in ihn hineingestopft worden. Am wenigsten aber versteht ein vielbeschäftigter Mann zu leben, denn das ist von allem die schwierigste Aufgabe.

   Lehrer anderer Künste mag man oft und in großer Zahl treffen. Manches zwar scheinen die Knaben von ihnen nur dazu zu lernen, damit sie es wieder lehren können. Leben aber muss man das ganze Leben lang lernen, und was dich vielleicht noch mehr wundern wird, auch sterben muss man das ganze Leben lang lernen. Viele große Männer haben alle Schwierigkeiten überwunden, haben sich von Reichtum, Pflichten und Vergnügungen losgesagt und haben nur dies eine bis ins höchste Alter betrieben, nämlich leben zu lernen. Viele von ihnen haben am Ende ihres Lebens bekannt, dass sie diese Kunst noch nicht verstünden. Wie sollten sich da jene Vielgeschäftigen darauf verstehen?

   Es gehört zu den Eigentümlichkeiten eines bedeutenden und über die menschlichen Irrtümer erhabenen Mannes, dass er sich nichts von seiner Zeit wegnehmen lässt. Deshalb ist sein Leben, gleichgültig, welchen Zeitraum es umfasst, immer sehr lang. Stand es ihm doch ungekürzt zur Verfügung. Kein Augenblick blieb ungenutzt und unausgefüllt, keine Minute gehörte einem anderen. Als sparsamer Haushalter fand er nichts, was wert gewesen wäre, gegen seine Zeit eingetauscht zu werden. Daher genügte sie ihm. Fehlen aber muss sie denen, deren Leben zum beträchtlichen Teil von anderen mit Beschlag belegt wird. Glaube aber nicht, jene Leute wüssten nicht um ihren Verlust: die meisten, die unter dem Druck ihres Glückes seufzen, hört man im Gedränge ihrer Klienten, unter der Arbeit für ihre Prozesse und bei ihren anderen Ehrenämtern jammern: »Ich komme nicht zum Leben.« – Warum nicht? Weil alle, die dich für sich in Anspruch nehmen, dich dir selbst entziehen. Wie viel Tage hat dir jener Angeklagte gestohlen, wie viele jener Kandidat? Wie viele dieses alte Weib, das erschöpft ist vom Beerdigen ihrer Erben? Wie viele Tage raubte dir jener, der sich krank stellte, um die Habsucht der Erbschleicher zu reizen? Wie viele jener einflussreiche Freund, der dich nicht als Freund schätzt, sondern dich nur in seinem Hofstaat führt? Durchmustere und beurteile die Tage deines Lebens: du wirst sehen, dass nur lächerlich wenig Tage auf deinem Konto bleiben.

   Wer aber jeden Augenblick zu eigenem Nutzen anwendet, wer jeden Tag so sorgsam einrichtet, als wäre es der letzte, der wünscht den morgigen Tag nicht herbei und fürchtet ihn auch nicht.

   Es besteht kein Grund zu glauben, es habe einer lange gelebt, weil er graue Haare und Runzeln hat. Er hat nicht lange gelebt, er ist nur lange dagewesen. Meinst du denn etwa, es sei jemand viel zur See gefahren, wenn ihn ein wilder Sturm aus dem Hafen schleudert, hierhin und dorthin wirft, wenn verschiedene wechselnde Winde ihn an derselben Stelle im Kreise herumwirbeln? Er ist nicht lange zur See gefahren, sondern er ist viel umhergeworfen worden.

   Ich wundere mich immer, wenn ich sehe, wie die Menschen die Zeit anderer Leute in Anspruch nehmen und wie diese letzteren sich darin gar zu freigebig zeigen. Jeder achtet nur auf den Grund, um dessentwillen man die Zeit beansprucht, auf die Tatsache als solche achtet niemand, als ob nichts beansprucht und nichts gewährt würde. Man spielt mit dem allerkostbarsten Wert. Man täuscht sich nämlich leicht über das Wesen der Zeit, weil sie etwas Unkörperliches ist, weil man sie nicht mit Augen sehen kann. Daher wird ihr Wert äußerst gering veranschlagt, sie wird nahezu für wertlos angesehen. Jahresgehälter und Geschenke nehmen die Menschen gern an und verwenden Arbeit, Mühe und Sorgfalt auf eine entsprechende Gegenleistung. Die Zeit achtet keiner. Man verbraucht sie so leichtfertig, als sei sie nichts wert. Nun beobachte aber dieselben Leute, wenn sie krank sind, wenn der Tod in gefährliche Nähe gerückt ist, wie sie die Knie der Ärzte umklammern, oder wenn sie Todesstrafe fürchten, wie sie bereit sind, all ihren Besitz daranzugeben, um weiterzuleben. Solcher Zwiespalt der Gefühle herrscht in ihnen.

   Aber niemand ersetzt dir deine Jahre, niemand gibt dich dir selbst zurück. Du bist beschäftigt, das Leben aber eilt dahin. Inzwischen tritt der Tod heran, für den du, magst du nun wollen oder nicht, Zeit haben musst.

   Ein Leben aber, das fern von allen geschäftigen Händeln verläuft, wie sollte das nicht lang sein! Kein Augenblick wird fremder Verfügung überlassen oder an nichtige Ziele verschwendet. Keine Minute bleibt dem Zufall überlassen oder geht durch Nachlässigkeit verloren. Kein Augenblick wird durch Verschenken vertan. Keine Minute ist überflüssig. Solches Leben steht sozusagen ganz auf der Haben-Seite. Mag es auch in Wirklichkeit nur kurz sein, es reicht hinlänglich aus. So wird denn der Weise, wenn der letzte Tag naht, ohne Zögern und mit festem Schritt in den Tod gehen.

   Bei manchen Leuten aber ist sogar das Nichtstun von Geschäftigkeit erfüllt. In ihrem Landhaus, auf ihrem Bett, mitten in der Einsamkeit, von allem abgesondert, sind sie sich selbst zur Last. Ihr Leben ist nicht Müßiggang zu nennen, sondern nichtsnutzige Geschäftigkeit. Willst du etwa einen Mann frei von Geschäftigkeit nennen, der korinthische Vasen, die nur durch die Sammelwut einiger Sonderlinge wertvoll geworden sind, mit ängstlicher Sorgfalt ordnet und den größten Teil seiner Tage bei grünspanbehaftetem Blech verbringt? Willst du solche Leute müßig nennen, die viele Stunden beim Barbier zubringen, bis ausgezupft ist, was in der letzten Nacht nachgewachsen ist? Da wird über einzelne Haare beratschlagt, da wird schütteres Haar zusammengeholt oder, wenn eine kahle Stelle vorhanden ist, das Haar so oder so in die Stirne gekämmt. Wie zürnen sie dem Friseur, wenn er etwas weniger ängstlich ist, da er doch glaubt, er habe einen Mann unter den Händen. Sie alle würden es eher ertragen, wenn der Staat in Unordnung geriete als ihre Frisur. Um den äußeren Putz seines Kopfes ist man besorgter als um dessen innere Ordnung. Man will lieber gut gekämmt als ein anständiger Mensch sein. Und solche Leute, die den ganzen Tag mit Kamm und Spiegel beschäftigt sind, willst du müßig nennen?

   Es würde zu weit führen, wenn ich im einzelnen dem Lebenslauf mancher Leute nachgehen wollte, die ihr Leben mit Würfeln oder Ballspiel verbringen oder sorgsam ihren Körper in der Sonne rösten lassen. Müßig kann man sie nicht nennen, denn ihre Vergnügungen machen viel Arbeit. Aber auch die Leute, die bei unnützen literarischen Studien verweilen, bringen mit ihrer Vielgeschäftigkeit unzweifelhaft nichts Vernünftiges zustande. Diese Unsitte fängt jetzt an, auch bei uns Römern eine Rolle zu spielen. Ursprünglich war es eine griechische Krankheit, zu untersuchen, wie viel Ruderer Odysseus gehabt habe, ob die Ilias oder die Odyssee früher geschrieben sei, ob sie von demselben Autor stammen und was es sonst noch an Untersuchungen dieser Art gibt. Solch totes Wissen hilft dir nicht weiter, wenn du es für dich behältst. Wenn du es aber veröffentlichst, wird es nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern als Belästigung empfunden werden. So hat nun auch uns Römer der traurige Ehrgeiz gepackt, überflüssige Dinge zu lernen. Ich hörte dieser Tage einen Vortrag, in dem ausgeführt wurde, was römische Heerführer erstmalig getan hätten: Duilius siegte als erster in einer Seeschlacht, Curius Dentatus führte als erster Elefanten im Triumphzug mit. Solches Wissen ist ohne jeden Nutzen, und dennoch fesselt es uns bei aller Nichtigkeit des Gegenstandes, weil es sich gefällig anhört. Nehmen wir einmal an, das alles würde in gutem Glauben vorgetragen, und die Verfasser könnten für die Wahrheit ihres Geschreibsels einstehen. Wen können sie durch derartige Spielereien vor Irrtum bewahren, wen zur Beherrschung seiner Begierden bringen? Wer wird dadurch tapferer, gerechter, freigebiger? Man muss tatsächlich im Zweifel sein – so sagte unser Fabianus (Anmerkung 2) einmal –, ob man nicht besser sich von allen wissenschaftlichen Studien fernhält, als dass man Gefahr läuft, sich in solche Spitzfindigkeiten zu verlieren. Frei von Unruhe sind allein die Menschen, die für die Weisheit Zeit haben. Sie allein leben. Nicht nur ihre eigene Lebenszeit hüten sie sorgsam. Die Errungenschaften aller Zeiten machen sie sich dienstbar. Selbst die früheren Zeiten wissen sie zu nützen. Wenn wir nicht sehr undankbar sein wollen, so sind jene hochberühmten Schöpfer erhabener philosophischer Lehren für uns geboren, haben für uns Lebensregeln aufgestellt. Die herrlichsten Schätze, durch fremde Arbeit aus der Finsternis ans Licht gehoben, werden uns zugänglich. Keine Zeit ist uns verschlossen. Zu jeder haben wir Zugang. Wenn wir die Kraft finden, uns in kühnem geistigen Aufschwung über menschliche Enge und Schwäche zu erheben, dann liegt ein großer Zeitraum vor uns, in dem wir uns ergehen können. Du kannst mit Sokrates diskutieren, mit Karneades zweifeln, mit Epikur (Anmerkung 3) der Ruhe pflegen, mit den Stoikern die menschliche Natur überwinden, mit den Kynikern (Anmerkung 4) über das gewöhnliche Menschenmaß hinausgehen. Wenn uns die Natur gestattet, uns mit jedem Zeitalter geistig zu verbinden, sollten wir uns da nicht in diesem kurzen und vergänglichen Augenblick des Überganges mit ganzem Herzen dem Unendlichen zuwenden, dem Ewigen, dem, was wir mit besseren Menschen gemein haben?

   Manche Leute dagegen laufen geschäftig umher und versetzen sich und andere in Unruhe. Sie gebärden sich wie toll, täglich stürmen sie über jede Schwelle, an keiner offenen Tür gehen sie vorüber, in den verschiedensten Häusern machen sie ihren bezahlten Kratzfuß. Aber wen konnten sie wirklich antreffen in dieser ungeheuren und von mannigfachen Begierden zerrissenen Stadt? Wie viele Herren laufen mit geheuchelter Eile durch die Reihen ihrer Besucher, die sie durch langes Wartenlassen gemartert haben! Wie viele meiden es, durch die mit Klienten vollgestopfte Vorhalle zu gehen, und flüchten durch den Hinterausgang! Im Gegensatz hierzu aber – so dürfen wir behaupten – verrichten die Freunde der Weisheit echte Ehrfurchtsbezeugungen, wenn sie Zenon, Pythagoras, Demokrit (Anmerkung 5) und die übrigen Meister der edlen Bestrebungen, weiter Aristoteles und Theophrast zu vertrauten Freunden haben wollen. Jeder dieser Philosophen wird für sie Zeit haben, wird sie glücklicher entlassen und ihre Liebe noch vermehren. Keiner wird einen Besucher mit leeren Händen wieder gehen lassen. Tag und Nacht stehen sie jedem Sterblichen zur Verfügung.

   Keiner dieser Weisen wird dich zwingen zu sterben, aber alle werden es dich lehren. Keiner wird deine Jahre zunichtemachen, er wird dir noch die seinen dazuschenken. Das Gespräch mit diesen edlen Geistern birgt keine Gefahren in sich, ihre Freundschaft ist nicht lebensgefährlich. Die Ehrerbietung ihnen gegenüber ist nicht kostspielig. Man hat in ihnen Freunde, bei denen man sich über die kleinsten wie über die größten Dinge Rat holen, die man täglich in eigener Sache befragen kann. Von ihnen kann man ohne Schande die Wahrheit zu hören bekommen. Von ihnen kann man auch Lob annehmen, ohne dass man dahinter Schmeichelei vermuten müsste. Solchen Vorbildern soll man sich bemühen ähnlich zu werden.

   Wir pflegen zu sagen, wir hätten uns unsere Eltern nicht wählen können, sie wären uns vielmehr vom Schicksal zugewiesen worden. Im Gegenteil, die Gestaltung unseres Lebens ist in unsere Hand gegeben. Hier sind die Familien der edelsten Geister. Wähle dir, in welche du aufgenommen werden willst. Nicht nur dem Namen nach wirst du adoptiert werden, sondern du wirst sogar in den Genuss der Güter dieser Familie gelangen. Diese Güter aber wirst du nicht in schmutziger und knausriger Gesinnung bewachen müssen. Werden sie doch umso größer, je mehr Menschen du daran teilnehmen lässt. Diese edlen Geister zeigen dir, wie man zur Ewigkeit gelangt, und erheben dich dorthin, wo es keinen Sturz mehr gibt. Das ist also eine Möglichkeit, die Grenzen unseres sterblichen Daseins zu erweitern, ja dieses Dasein in Unsterblichkeit zu verwandeln. Ehrentitel und Denkmäler und was sonst noch ein ehrgeiziger Machthaber durch Erlässe anordnet oder an Bauwerken auftürmt, das alles stürzt bald in sich zusammen, das alles wird mit der Zeit zerstört und geändert. Aber den Werten, denen die Weisheit die höhere Weihe gegeben hat, kann das Alter nichts anhaben. Kein Zeitalter kann sie zerstören oder in ihrem Wert mindern. Jedes folgende und weitere steigert vielmehr noch die Verehrung. Während bei naheliegenden Dingen oft Neid im Spiele ist, bewundern wir alles, was uns fernliegt, mit größerer Unbefangenheit.

   Das Leben des Weisen also umspannt einen weiten Zeitraum. Es sind ihm nicht wie bei anderen Menschen enge Grenzen gesteckt. Er allein ist unabhängig von den Gesetzen, die das Menschengeschlecht binden. Alle Zeitalter dienen ihm wie einem göttlichen Wesen. Die Vergangenheit bewahrt er in der Erinnerung, die Gegenwart nutzt er voll aus, die Zukunft nimmt er vorweg. Diese Zusammenfassung aller Zeiten bewirkt, dass sein Leben lang ist. Jetzt, solange das Leben noch frisch ist und wir noch auf der Höhe der Kraft stehen, sollten wir uns dem Besseren zuwenden! Es warten deiner bei solcher Lebensart eine Fülle wissenschaftlicher Einsichten, die Liebe zur sittlichen Vollkommenheit und die Möglichkeit ihrer praktischen Betätigung. Deine früheren Leidenschaften wirst du vergessen, du wirst lernen zu leben und zu sterben, du wirst eine erhabene Ruhe allen irdischen Dingen gegenüber gewinnen.

Kapitel 2: Von der Vorsehung

 

Du hast mich gefragt, mein Lucilius, wie es möglich ist, dass guten Menschen so viel Schlimmes widerfährt, wenn eine Vorsehung die Welt regiert. Diese Frage ließe sich besser im Rahmen eines größeren Werkes abhandeln, in dem ich beweisen will, dass eine Vorsehung die Welt regiert, und dass uns eine göttliche Kraft innewohnt. Du willst aber ein Teilproblem vom Ganzen abtrennen und eine einzelne Frage gesondert gelöst haben. Das Hauptproblem mag derweilen noch offen bleiben. So werde ich denn die dankbare Aufgabe übernehmen und die Sache der Götter vertreten.

   Ich werde dich wieder mit den Göttern aussöhnen, die mit allen guten Menschen gut umgehen. Es wäre auch ganz unmöglich, dass eine gute Macht den guten Menschen schadet. Zwischen den guten Menschen und den Göttern besteht Freundschaft. Die sittliche Vollkommenheit spielt hierbei die Rolle eines Vermittlers. Besteht denn nur Freundschaft zwischen Göttern und guten Menschen? Nein, notwendige Verbundenheit und Ähnlichkeit, da sich der gute Mensch nur durch die Dauer seines Gutseins von Gott unterscheidet. Er ist Schüler und Nacheiferer Gottes, sein rechtgeborener Sohn, den jener erhabene Vater als energischer Hüter der Tugend etwas streng erzieht. Siehst du daher, dass gute Menschen und Freunde der Götter sich mühen und plagen und durch Schwierigkeiten hindurchkämpfen müssen, während schlechte Menschen sich ausgelassenen Vergnügungen hingeben, dann bedenke, dass auch wir nur Freude haben an gesittetem Benehmen unserer Söhne, dass uns dagegen die Ausgelassenheit junger Sklaven belustigt. Unsere Söhne halten wir in strenger Disziplin, wir unterstützen dagegen den Übermut junger Sklaven. Nimm nun das gleiche von Gott an: Er verzärtelt den guten Menschen nicht, er legt ihm Prüfungen auf, er lässt ihn durch harte Proben hindurchgehen, er formt ihn nach seiner Idee.

   Warum begegnet aber dem guten Menschen so viel Widerwärtiges? Dem guten Menschen kann nichts Böses zustoßen; denn Gegensätze vermischen sich nicht. Wie die zahlreichen Ströme, die mächtigen Regengüsse, die kräftigen Heilquellen den Geschmack des Meerwassers nicht ändern, nicht einmal abschwächen, so kann auch der Ansturm feindlicher Gewalten die Geisteshaltung des tapferen Mannes nicht wankend machen. Er bleibt bei seiner aufrechten Haltung und teilt allen Ereignissen eine bestimmte Färbung mit. Steht er doch über allem äußeren Geschehen. Ich behaupte nicht, dass er von den feindlichen Gewalten nichts spürt. Er besiegt sie jedoch und erhebt sich in Ruhe und Gelassenheit über alle Angriffe. Alle Schwierigkeiten fasst er als Übungsgelegenheiten auf. Welcher Mann aber wünschte sich nicht in seinem Streben nach Ehre rechte Anstrengung, und wer wäre nicht bereit, seine Pflicht zu tun, auch wenn es mit Gefahren verbunden wäre? Für den Mann der Tat ist das Nichtstun eine Strafe. Wir sehen, wie Athleten, denen es um ihre Kraft zu tun ist, gerade mit den Tapfersten kämpfen. Sie verlangen von denen, mit deren Hilfe sie sich auf den Kampf vorbereiten, sie sollten alle ihre Kraft gegen sie anwenden. Sie lassen sich zerschlagen und verletzen, und wenn sie einen einzelnen Gegner, der ihnen gewachsen ist, nicht finden können, dann treten sie zugleich gegen mehrere an. Die Tapferkeit schwindet, wenn sie keinen Gegner hat. Erst wenn sie zeigen kann, was sie zu tragen vermag, wird ihre Größe und Kraft offenbar. Wisse, dass auch gute Menschen sich ebenso verhalten müssen. Sie dürfen sich vor harten und schweren Schlägen nicht fürchten und dürfen sich über das Schicksal nicht beklagen. Was auch geschieht, sie müssen damit zufrieden sein und es zum Guten wenden. Nicht was, sondern wie man es trägt, ist wichtig.

   Zu den vielen großartigen Aussprüchen meines Freundes Demetrius gehört auch dieser, der mir noch gut in Erinnerung ist. Tönt und klingt er mir doch noch in den Ohren: »Derjenige Mensch«, so sagte er, »ist meiner Meinung nach am unglücklichsten, dem niemals feindliche Gewalten entgegentraten.« So fand er keine Gelegenheit, sich auf die Probe zu stellen. Mag alles nach seinem Wunsche gegangen sein, mag alles so glücklich gekommen sein, bevor er es wünschen konnte – die Götter haben doch eine ungünstige Meinung von ihm. Er schien ihnen nicht würdig, einmal einen erfolgreichen Kampf mit dem Schicksal zu bestehen. Das Schicksal meidet den Feigling, als wolle es sagen: »Was soll ich mir diesen Schwächling zum Gegner wählen? Er wird sofort die Waffen sinken lassen. Gegen ihn habe ich nicht meine ganze Kraft einzusetzen. Er wird schon durch eine leichte Drohung umgeworfen. Nicht einmal meinen Blick kann er ertragen. Ich werde mich nach einem anderen umsehen, mit dem ich den Kampf aufnehmen könnte. Ich müsste mich schämen, mit einem Menschen zu ringen, der bereit ist, sich besiegen zu lassen.«

   Der Gladiator fasst es als Schande auf, wenn man ihm einen schlechteren Partner zuteilt. Er weiß, dass ein Sieg ohne Gefahr auch ein Sieg ohne Ruhm ist. Das Schicksal verfährt ebenso: Es sucht sich die Tapfersten als Partner aus. An manchen Menschen dagegen geht es mit Verachtung vorüber. An Menschen mit großer Widerstandskraft und starkem Willen zur Selbstbehauptung macht das Schicksal sich heran. Gegen solche Menschen richtet es seine ganze Kraft: Das Schicksal versuchte es bei Mucius mit Feuer, bei Fabricius mit der Armut, bei Rutilius mit Verbannung, bei Regulus (Anmerkung 6) mit Folterqualen, mit Gift bei Sokrates, mit dem Tode bei Cato. Ein großes Beispiel kann man nur im Unglück geben. Äußeres Glück kann auch der Masse und gewöhnlichen Geistern zufallen; aber Unglück und alle Schrecken der Menschheit bezwingen, ist das Vorrecht eines großen Mannes. Immer glücklich sein und stets in ungetrübter guter Stimmung leben, heißt die andere Seite der Welt nicht kennen. Du bist ein großer Mann. Woher aber soll ich Gewissheit darüber bekommen, wenn dir das Schicksal nicht Gelegenheit gibt, deine hohen moralischen Eigenschaften zu beweisen? Du bist nach Olympia gezogen, aber außer dir niemand. Du hast den Kranz gewonnen, aber nicht den Sieg. Ich beglückwünsche dich nicht als Helden, sondern wie einen Mann, dem die Würde eines Konsuls oder Prätors zugefallen ist: Du bist um eine Ehre reicher geworden. Ebenso kann ich zu einem guten Menschen sagen, wenn ihm keine schwierige Situation Gelegenheit bietet, seine Charakterstärke zu zeigen: »Ich halte dich für unglücklich, weil du niemals unglücklich warst. Ohne auf Widerstand zu stoßen, bist du durchs Leben geschritten. Niemand kann beurteilen, was in deinen Kräften steht, nicht einmal du selbst.«

   Um sich kennenzulernen, bedarf es der Probe. Was man kann, erfährt man nur bei einer Prüfung. Daher haben sich manche Menschen dem Unglück sogar in die Arme geworfen, wenn es ihnen nicht von selbst in den Weg kam. Sie haben eine Gelegenheit gesucht, bei der sie ihre sittliche Vollkommenheit, die sonst hätte im Verborgenen bleiben müssen, leuchten lassen konnten. Ich behaupte, dass große Männer sich manchmal über Schwierigkeiten freuen, ähnlich wie tapfere Soldaten sich über den Krieg freuen. Gott ist besonders auf das Wohl der Menschen bedacht, deren moralische Höherentwicklung er wünscht. Er schafft ihnen die Voraussetzungen für eine kühne und tapfere Tat. Um diese Situation zu schaffen, bedarf es immer gewisser äußerer Schwierigkeiten. Den guten Steuermann lernt man erst im Sturm kennen, den guten Soldaten erst in der Schlacht. Woher soll ich wissen, dass du Armut mit innerer Größe tragen würdest, wenn du im Reichtum erstickst? Woran soll man die Größe deiner Widerstandskraft gegen Schande, Schmach und allgemeine Verachtung erkennen, wenn dir bis ins hohe Alter nur Anerkennung zuteil wird, wenn dich stets unerschütterliches Wohlwollen mit herzlicher Zuneigung begleitet? Woher soll ich wissen, ob du den Verlust deiner Kinder mit Gleichmut tragen würdest, wenn du deine Familie vollzählig um dich versammelt siehst? Ich hörte, wie du anderen Trost zusprachst. Nun hätte ich gern gesehen, ob du dich auch selbst trösten, ob du dem eigenen Schmerz Einhalt gebieten kannst.

   Fürchtet also nicht die Schwierigkeiten – ich beschwöre euch –, die die unsterblichen Götter bei euch gleichsam als Ansporn verwenden! Das Unglück ist eine Gelegenheit, tapfere Gesinnung zu zeigen. Mit Recht sind die Menschen unglücklich zu nennen, die in übergroßem Glück allen Schwung verlieren. Wie ein Schiff auf regungslosem Meer liegen sie in träger Untätigkeit fest.

   Flieht das entnervende Glück! Durch das Glück werden die Menschen weichlich. Sie leben dann wie in ständiger Trunkenheit dahin, wenn sie nicht durch einen Zwischenfall daran erinnert werden, dass sie nur Menschen sind. Wen Fensterscheiben ständig vor Zugluft schützen, wer seine Speisezimmer mittels Warmluft heizt, die unter dem Fußboden und hinter den Wänden dahinströmt, für den ist schon ein leiser Hauch gefährlich. Was das rechte Maß überschreitet, ist schädlich. Das Übermaß des Glücks jedoch bringt ganz besondere Gefahren mit sich: Es versetzt das Gehirn in Aufruhr, spiegelt uns Wahnbilder vor und hüllt Irrtum und Wahrheit in undurchsichtiges Dunkel.

   Die Götter wenden also den guten Menschen gegenüber dasselbe Prinzip an wie die Lehrer bei ihren Schülern. Sie verlangen höhere Leistungen von denen, auf die sie größere Hoffnungen setzen. Glaubst du etwa, die Spartaner hätten ihre Kinder gehasst, wenn sie deren charakterliche Anlagen durch öffentliche Züchtigung auf die Probe stellten? Was ist also verwunderlich daran, wenn Gott edlen Geistern harte Prüfungen auferlegt? Eine Tapferkeitsprobe kann nie schonend sein. Das Schicksal schlägt uns tiefe Wunden. Ertragen wir diese Schläge! Ist es doch nicht blindes Wüten, sondern ein edler Wettkampf. Je öfter wir zu diesem Wettkampf antreten, umso tapferer werden wir. Wir müssen uns dem Schicksal zur Verfügung stellen und uns vom Schicksal gegen alle Schicksalsschläge abhärten lassen. Allmählich werden wir uns dem Schicksal gewachsen fühlen. Weil wir dauernd in Gefahr schweben, kommen wir schließlich zur Verachtung aller Gefahren. So sind Seeleute gegen die Seekrankheit gefeit, Bauernhände sind hart, die Muskeln des Soldaten sind stark genug, um Wurfgeschosse zu schleudern, die Glieder eines Läufers sind beweglich. Bei einem jeden ist die Fähigkeit am besten ausgebildet, die er geübt hat. Zur Verachtung des Leidens gelangen wir auch erst durch das Erdulden des Leidens.

   Nur dann ist ein Baum fest und widerstandsfähig, wenn er oft vom Winde gezaust wird, denn gerade infolge dieser heftigen Bewegungen wurzelt er tiefer und klammert sich mit seinen Wurzeln fester an. Bäume, die in einem heiteren Tale wachsen, sind nicht so widerstandsfähig. Es geschieht also im eigenen Interesse der guten Menschen, wenn sie oft in gefährliche Situationen kommen. Unerschrockene Kämpfer sollen aus ihnen werden. So lernen sie Schicksalsschläge mit Gleichmut ertragen, denn nur für einen, der solche Schläge nicht zu ertragen weiß, sind sie vom Übel.

   Manche Dinge lassen sich nicht trennen. Sie hängen unteilbar zusammen. Energielose Menschen, die zum Schlaf neigen oder zu einem Wachen, das dem Schlafen ähnelt, sind aus trägen Elementen aufgebaut. Damit aber ein Mann im wahren Sinne des Wortes zustande kommt, bedarf es eines härteren Schicksals. Sein Weg darf nicht auf ebener Bahn verlaufen. Er muss über Höhen und Tiefen hinwegschreiten. Er wird umhergeworfen und muss sein Schiff im Sturm lenken. Gegen das Schicksal muss er Kurs halten. Vielen schwierigen und gefährlichen Situationen muss er begegnen, aber er macht sie sich erträglich und ebnet sich selbst die Wege. Im Feuer erweist sich das Gold als echt, im Unglück der tapfere Mann.

   Trotz alledem, warum lässt Gott es zu, dass den guten Menschen etwas Böses geschieht? Er lässt es gar nicht zu. Alles Böse hält er von ihnen fern, nämlich Verbrechen und ehrlose Handlungen, schändliche Gedanken und habgierige Absichten, blinde Begierde und Habsucht, die nach fremdem Besitz trachtet. Ihr wahres Selbst behütet und beschützt er. Will man etwa von Gott verlangen, er solle auch noch auf das Gepäck der guten Menschen aufpassen? Sie verlangen solche Fürsorge nicht einmal selbst von Gott, denn sie verachten alle äußeren Dinge. Demokrit warf seinen Reichtum von sich in der Überzeugung, Reichtum sei nur eine Last für einen Menschen mit edler Gesinnung. Ist es also verwunderlich, wenn Gott dem guten Menschen ein Schicksal zuteil werden lässt, das der gute Mensch sich selbst nicht selten herbeiwünscht?

   »Gute Menschen werden in die Verbannung geschickt!« – Warum nicht? Wo sie doch zuweilen selbst ihr Vaterland verlassen, um nicht wieder zurückzukehren. »Sie werden getötet!« – Warum nicht? Wo sie doch manchmal selbst Hand an sich legen.

   Warum müssen sie all dies Schwere ertragen? Um andere das ertragen zu lehren. Sie sind zum Vorbild geboren.

   Nimm daher an, Gott spräche folgendermaßen: »Was wollt ihr euch über mich beklagen, ihr, die ihr am Rechten Freude findet? Andere habe ich mit Scheinwerten umgeben und sie in ihrer Eitelkeit mit einem langen, trügerischen Traum genarrt. Ich habe sie mit Gold, Silber und Elfenbein ausgestattet. An inneren Werten aber fehlt es ihnen gänzlich. Die Leute, die ihr für glücklich haltet, sind in Wirklichkeit elend, von schmutziger Gesinnung, wenn man nicht nur die Fassade betrachtet, sondern hinter die Kulissen schaut. Wie die Wände ihrer Häuser sind sie nur außen getüncht. Ihr Glück ist nicht festgegründet und echt. Es ist nur Schale und nur eine dünne Schale. Solange solche Leute obenauf sind und sich so zeigen können, wie es ihnen passt, machen sie einen glänzenden Eindruck. Ereignet sich aber ein Zwischenfall, der sie in Verwirrung bringt und bloßstellt, dann wird es offenbar, welcher Abgrund von Schmutz sich hinter dem falschen Glanz verborgen hielt.

   Euch aber gab ich wahre Werte, die Dauer haben, die an Wert und Größe gewinnen, wenn man sich eingehender mit ihnen beschäftigt und sie von allen Seiten betrachtet. Ich gab euch die Kraft zu verachten, was andere fürchten. Ich gab euch Abscheu vor niederen Vergnügungen. Ihr glänzt nicht nach außen. Eure Werte sind innerlicher Art. Des Glückes nicht zu bedürfen, das ist euer Glück.«

Kapitel 3: Moralische Briefe an Lucilius

(Lies nur bewährte Autoren!)

 

Nach allem, was du (Anmerkung 7) mir schreibst und was ich höre, gewinne ich festes Zutrauen zu deiner inneren Entwicklung. Du eilst nicht planlos hin und her und beunruhigst dich nicht durch andauernden Aufenthaltswechsel. Solche innere Unruhe ist ein Zeichen kranker Gemütsverfassung. Erstes Anzeichen einer geordneten Geistesverfassung aber – glaube ich – ist es, wenn man lernt, zur Ruhe zu kommen und bei sich selbst zu verweilen. Vor allem aber achte darauf, dass aus der Lektüre vieler Autoren und verschiedenartiger Bücher nicht Schwanken und Unbeständigkeit erwächst. Man soll bei bestimmten Geistern verweilen und Nahrung aus ihnen schöpfen, wenn man einen festen geistigen Besitz gewinnen will. Wer überall sein will, ist nirgendwo zuhause. Wer sein Leben auf der Wanderschaft verbringt, findet viele Herbergen, aber keine Freundschaft. Das gleiche erleben die Leute, die sich keinem geistigen Führer anvertrauen, sondern hastig über alles hinwegeilen. Eine Speise, die sogleich wieder ausgeschieden wird, nützt nichts und kommt dem Körper nicht zugute. Nichts hindert die Genesung so sehr als häufiger Wechsel der Heilmittel. Eine Wunde, an der Medikamente ausprobiert werden, kann nicht zur Vernarbung kommen. Eine Pflanze, die dauernd umgepflanzt wird, kann nicht gedeihen. Kein Ding kann bei dauerndem Wechsel Segen bringen, mag es noch so nützlich sein. Auch eine Menge Bücher wirkt zerstreuend. Wenn du daher auch nicht alles lesen kannst, was du besitzt, lass es dir genug sein, wenn du wenigstens wirklich besitzt, was du gelesen hast.

   Aber es macht mir Freude, bald in dieses, bald in jenes Buch hineinzuschauen. – Nur ein kranker Magen, der leicht Ekel empfindet, will vielerlei Speisen kosten. Aber diese verschiedenartigen Kostproben belasten nur den Magen und haben keinen Nährwert.

   Lies daher immer nur bewährte Autoren. Erlaubst du dir aber einmal eine Abschweifung, so kehre doch bald wieder zu den bewährten zurück. Halte täglich ein hilfreiches Wort gegen die Armut bereit, gegen den Tod und gegen die übrigen Geißeln der Menschheit. Und – wenn du vieles überflogen hast, nimm dir täglich ein Wort heraus und verarbeite es geistig. Ich tue das auch. Aus dem, was ich lese, greife ich mir einen Spruch heraus. Heute war es folgender – ich fand ihn bei Epikur, denn ich pflege auch ins andere Lager hinüberzugehen, nicht als Überläufer, sondern als Späher: Freudig getragene Armut ist ein sittlicher Wert, sagt er. Tatsächlich besteht keine wirkliche Armut mehr, wenn man die Armut freudig trägt. Denn arm ist nicht, wer zu wenig hat, sondern wer zu viel begehrt.

 

LEGE DIE KINDISCHE GEISTESHALTUNG AB!

 

Bleibe bei deinem Entschluss und verstärke dein Bemühen nach Möglichkeit. So wirst du umso länger die segensreichen Folgen deines inneren Fortschritts und deiner Gelassenheit empfinden können. Du wirst sie zwar schon spüren, während du noch an deiner Besserung arbeitest, während du dich noch um innere Ruhe bemühst. Aber wesentlich anders ist doch die Freude, die man bei der Betrachtung eines fehlerfreien und lauteren Charakters empfindet. Du hast sicher noch in lebendiger Erinnerung, welche tiefe Freude du empfandest, als du die Toga des Kindes ablegtest und die Toga des Mannes um deine Schultern nahmst und auf das Forum geleitet wurdest: erwarte eine weit größere Freude, wenn du erst die kindische Geisteshaltung abgelegt hast und die Philosophie dich zum Manne erklärt hat. Über das kindliche Alter bist du zwar hinaus, nicht aber über kindisches Benehmen – und das fällt mehr ins Gewicht. Das ist umso schlimmer, weil wir die Würde von Greisen und die Charakterfehler von Knaben haben, nicht nur von Knaben, sondern von kleinen Kindern: denn Knaben fürchten sich vor unbedeutenden Schrecknissen, kleine Kinder aber vor Dingen, die gar nichts Schreckliches an sich haben. Wir tun beides. Ein Leben in Ruhe kann dem nicht zufallen, der gar zu viel über seine Sicherheit nachdenkt und der im langen Leben einen hohen Wert sieht. Mache dich täglich aufs neue mit dem Gedanken vertraut, in vollem Gleichmut das Leben zu verlassen. Viele aber halten und klammern sich so ans Leben wie Menschen, die von einem reißenden Gewässer fortgerissen werden und sich nun an Zacken und Vorsprünge anklammern. Die meisten schwanken zwischen Todesfurcht und Lebensqual jämmerlich hin und her. Sie wollen nicht leben und wissen nicht zu sterben. Mach dir das Leben angenehm dadurch, dass du alle Sorge um das Leben beiseite lässt. Nur das Gut kann dem Besitzer wertvolle Dienste leisten, auf dessen Verlust er innerlich vorbereitet ist. Diese und ähnliche Gedanken sollen wir in uns bewegen, wenn wir in Gelassenheit jene letzte Stunde erwarten wollen. Denn die Furcht vor dieser Stunde macht uns alle anderen Stunden unruhig.

 

SUCHE NICHT AUFZUFALLEN!

 

Ich billige es von ganzem Herzen und freue mich darüber, dass du dich eifrig bemühst und ohne alle Ablenkungen nur dies eine Streben hast, dich täglich besser zu machen. Ich ermahne dich nicht nur, in diesem Bemühen fortzufahren, sondern ich bitte dich sogar darum. Eine Warnung darf ich dir noch mitgeben: Lass in deinem Auftreten und Lebensstil nichts Auffallendes sein, wie es gewöhnlich bei Leuten der Fall ist, denen es nicht um inneren Fortschritt, sondern um äußeren Eindruck zu tun ist. Ungehobelte Lebensart, ungeschnittenes Haar, ungepflegter Bart, Abneigung gegen Geld, niedriges Lager und was sonst noch ein abwegiges Geltungsbedürfnis an sonderbaren Blüten treibt, das alles lass getrost beiseite. Schon der Name der Philosophie, auch wenn man sie nur in aller Bescheidenheit betreibt, ist verhasst genug. Was wird erst geschehen, wenn wir uns gegen die Lebensgewohnheiten der Menschen auflehnen? Mag auch unsere innere Einstellung eine ganz andere sein, unser äußeres Auftreten soll bei der Menge keinen Anstoß erregen. Unsere Toga soll weder durch ihren Glanz noch durch ihren Schmutz auffallen. Wir bedürfen zwar keiner Silbergefäße mit eingelegter goldener Ziselierarbeit, aber wir wollen es auch nicht für ein Zeichen von Charakterstärke halten, wenn wir grundsätzlich kein Gold und Silber berühren. Unser Streben soll es sein, ein besseres Leben zu führen als die Menge, nicht aber ein Leben, das nur aus dem gewohnten Rahmen herausfällt. Wäre es anders, so würden wir die Menschen, die wir bessern wollen, vertreiben und ihnen Abscheu einflößen. Wir würden nur erreichen, dass die Menschen keine unserer Gewohnheiten für nachahmenswert halten, da sie fürchten, sie müssten uns dann in allen unseren Eigenarten folgen. Die ersten Früchte philosophischen Studiums sind Sinn für Gemeinschaft, Freundlichkeit im Umgang und Zusammengehörigkeitsgefühl. Alle diese Werte gehen uns verloren, wenn wir das Leben eines Sonderlings führen.