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Autorenfoto: Christoph A. Hellhake
eBook ISBN 978-3-0369-9215-0
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Gerade im Sommer, aber auch schon im Frühjahr fang ich immer an mit einem Bock. Meistens jedenfalls, wenn ich im Biergarten bin. Ich nehme einen Bock und danach wieder was Leichtes. Daraufhin vielleicht wieder ein Weißbier. Oder ein … nein, ein Pils eigentlich nicht. Und dann kommt’s immer auf’s Wetter drauf an, ob ich noch einmal zum Bock greife. Denn wenn der Bock so wie Sirup runtergeht im Biergarten … aaah!
»Das ist eben ein Bock«, sag ich, wenn ich ein Bockbier trinke. Dann habe ich meine acht Prozent. Das kriegst heute bei keiner Sparkasse. Außerdem ist es eine Unterlage und einfach eine Kultur.
Das Einzige, auf das man Obacht geben muss, ist, dass man ihn aus einem Glaskrug trinkt. Niemals aus einem Steinkrug! Weil da sieht man ja nicht, was drin ist.
Neulich, ich hock im Biergarten, die Blaskapelle spielt Ein Prosit der Gemütlichkeit, wunderbar, ich zieh an, also ich trinke quasi. Auf einmal hab ich so einen Schladerer im Hals. So einen … Schleim, so einen … Glachl. Auswurf könnte man auch sagen. Ich habe ihn nicht gesehen, aber ich vermute, dass er grün war. Grün, jawohl!
Und dann ist mir dieser mir unbekannte Schleim Millimeter für Millimeter, verstehen Sie, wie eine Schnecke, langsam, zäh, meinen eigenen Hals hinuntergekrabbelt. Und das zieht sich natürlich, bis der unten ankommt. Ich stand der Sache machtlos vis-à-vis. Und da kann man sagen, was man will, das ist … unappetitlich.
Natürlich hab ich einen Schnaps gebraucht, und nicht bloß einen, gleich ein paar! Aber es hat nichts geholfen. Ich hab dann eine … Ding gekriegt, eine Mundfäule. Ich sag’s Ihnen, ich habe eine solche Mundfäule bekommen! Ekelhaft! Sogar die Fliegen sind auf und davon! Ich mag’s gar nicht schildern, weil sonst graust’s Ihnen bloß.
Ich hab schon gewusst, jetzt musst zum Doktor. Hilft alles nichts. Also geh ich zum Doktor, zum alten Rosstäuscher. War der nicht da! Der war in Urlaub! Der war in der Dominikanischen Republik! Was tut der alte Depp in der Dominikanischen Republik?, frag ich Sie.
Aber einen Assi hat er gehabt, einen jungen Ossi. Also der Assi war ein Ossi, und dem hab ich von meinem Problem erzählt. Ich hab gesagt: »Horchen S’ zu«, hab ich gesagt, »ich bin im Biergarten drin, die Musi spielt Ein Prosit der Gemütlichkeit. Ich zieh an, also ich trinke quasi, auf einmal hab ich so einen Schladerer im Hals, so einen Schleim, so einen Glachl, so einen Auswurf! Ich kann Ihnen nicht genau die Farbe schildern, aber ich vermute, er war grün.« »Das kenn ich schon, das kenn ich schon«, sagt der Ossi. »Nein«, sag ich, »gar nichts kennen Sie. Jetzt mögen Sie mir schon einmal zuhören, oder wollen Sie bloß operieren?« Dann redet der noch so saublöd daher und lacht. »So, so, einen Auswurf haben Sie verschluckt. Das ist doch die Auster des kleinen Mannes.«
So ein Arschloch, da muss ich mich von diesem Grattler auch noch verspotten lassen. So weit sind wir! Aber Spaß beiseite, warum erzähl ich das? Was bezwecke ich damit? Ich sag bloß: »Trink immer nur aus einem Glaskrug, da siehst du, was drin ist, da hast du eine Transparenz! Und wenn wirklich im Schaum ein Lungenhering herumschwimmt, kannst du ihn noch rechtzeitig herausfischen!«
Haben Sie das gelesen in der Zeitung, wo der Schmierfink das hineingeschrieben hat? Schreibt so einen Blödsinn – von wegen ATTACKE AUF GEISTESMENSCH, also Schlagzeile und so. Das ist doch eine Schweinerei, was sich dieser Zeitungsschmierer da erlaubt, alles erstunken und erlogen. Weil das Ganze war vollkommen anders, und ich kann es ja bezeugen, weil ich war ja dabei. Als Kron …, Dings, … zeuge. Aber die Leute glauben halt immer das, was in der Zeitung steht. Früher hättens solche Lügner vergast. Aber heute könnens schreiben, was s’ wollen. Also der Hergang war in Wirklichkeit so: Wir ham beschlossen, dass wir einmal wieder aufs Oktoberfest gehen. Und ham gsagt, wir gehen auf die Wiesn, nehmen wir aber keine Frauen mit, weil wir wolln eine Gaudi haben. Pünktlich um fünf Uhr haben wir uns dann am Haupteingang getroffen, und dann hat der Adi gsagt, also jetzt, bevor wir anfangen, legen wir uns erst einmal einen auf. Und dann ham wir ein bisserl Feuerwasser zu uns genomma. Da hat dann der Adi gsagt, na ja, jetzt sind wir auf dem Oktoberfest, und weil wir da sind, fahrn wir gleich einmal mit der Geisterbahn. Wir ham dann gsagt, Adi, Mensch, wir sind doch keine Kinder mehr, die wo mit der Geisterbahn fahrn. Aber der Adi hat drauf bestanden. Und hat geschrien, also nein, jetzt samma auf dem Oktoberfest, und jetzt fahrn wir mit der Geisterbahn. Also, tun wir ihm halt den Gefallen, ham wir uns gedacht, und sind rein in die Geisterbahn. Der Adi ist neben mir gesessen, und als der erste Geist daherkimmt, da zieht der Adi plötzlich aus der Joppe einen Stuhlhaxn heraus – ein Stuhlbein – und haut dem Geist – eine Art Kreuzspinne – eine drauf, dass es nur so gekracht hat. Der Geist war aus Gips, und da war dann nicht mehr viel übrig von dem Geist – nur noch so ein Drahtgeflecht, halt das Gerippe. Ja, sag ich, Adi, magst du keine Geister, nein, sagt er, ums Verrecken nicht, die hab ich noch nie leiden können. Und dann hat er jeden Geist, der dahergekommen ist, links und rechts mit dem Stuhlbein eine serviert. Und die Geister – wie gesagt – bestehen zumeist aus Gips, und in der Geisterbahn hat es gestaubt, wie wenn ein Mehlsack explodiert wäre, und die, die hinter uns gefahren sind, haben nur noch so Gipshäufchen angetroffen statt einen Geist. Nach dieser Fahrt haben wir uns dann alle an den Ausgang von dieser Geisterbahn hingestellt und haben uns die Gesichter von denen angeschaut, die nach uns gekommen sind, weil die haben schon ganz entgeistert dreingeschaut.
Mein Gott, das war eine Gaudi.
Doch dann war es so weit. Der Adi hat gesagt, also, jetzt ist es so weit, dass es so weit ist, und wir gehen ins Bierzelt. Am besten gehen wir ins Schottenhammelzelt, obwohl s’ nur einen Spatenbräu haben. Aber innen drinnen war es bumsvoll. Kein Platz weit und breit. Ein Gewusel überall – nicht ein Platz. Weil einem die Scheißjapaner und Holländer immer die Plätze wegkaufen. Da hat der Adi dann gesagt, also wenn es so ist, dann gehen wir rüber in die Ochsenbraterei, wo die Ochsen sind, und vielleicht kriegen wir dann da einen Platz. Aber da war dann die nämliche Situation. Überall voll, und kein Platz nirgendwo. Ich erzähl das Ganze auch nur, weil mich der Zeitungsschmierer – so einem Kerl könnt ich einen Fußtritt geben, weil nichts wahr ist von dem, was er schreibt, und wenn’s so ist, scheiß ich auf die Pressefreiheit –, so, und jetzt wird’s interessant. In der Nähe, da wo der Ochse gebraten wird, vorn, ganz beim Ochsen selbst, ein großer Tisch – frei. Nur ein Mensch sitzt da, so ein Zwetschgenmanderl, so ein kleiner, mickriger Kerl halt, und sonst niemand. Alles frei. Jetzt ist der Adi gleich zu dem Zwetschgenmanderl hin und hat gefragt, aber ganz freundlich: Du, Spezi, ist da noch frei? Der Zwetschgenmanderl, sicher ein Ausländer, hat dann wild mit den Armen herumgefuchtelt. Deutsch hat er auch nicht können, aber er wollte quasi sagen, nein. Aber da hat der Adi gleich prompt reagiert und hat dem Zwetschgenmanderl gesagt – aber ganz freundlich –, dass wir uns richtig verstehen, wir sind insgesamt sieben Metzger. Und dann ham wir uns hingesetzt. Das war auch wirklich zünftig. Ein Bier ist gleich dahergekommen und Schweinswürsterl. Bloß das Zwetschgenmanderl hat sauer dreingeschaut und hat seine Gulaschsuppe gegessen. Da hat der Adi ein ganzes Salzfasserl genommen und hat es dem Zwetschgenmanderl in die Gulaschsuppe geschüttet und hat gesagt, sauer macht lustig, Spezi. Aber das Zwetschgenmanderl hat keinen Spaß nicht verstanden. Aber mir hatten eine Gaudi, und ich hab gleich noch einen Steckerlfisch gegessen. Und der Schnaps ist auch gelaufen und noch ein Bier. Und drum muss ich sagn, dass das mit der Pressefreiheit eine Schweinerei ist, und solche Zeitungsschmierer gehören mit einem Ochsenfiesel zusammengeschlagen. Weil jetzt kommt’s, die Musik spielt Ein Prosit der Gemütlichkeit, das ganze Bier steht auf den Tischen, wir auch, und Eins, zwei, drei – gsuffa haben sie noch nicht gespielt –, da kommt das Zwetschgenmanderl daher zum Adi und berührt ihn mit der Hand an der Joppn. Ich hab’s genau gesehen, er hat ihm die Joppe angelangt und sagt: Police, police. Und so viel Englisch kann der Adi auch, und jetzt kommt es, was ich beschwören kann. Mit jedem Eid. Auch wenn’s der Zeitungsschmierer gelogn hat. Der Adi hat überhaupt nicht zugeschlagen, von Zuschlagen kann keine Rede sein, sondern er hat dem Zwetschgenmanderl den Maßkrug lediglich auf dem Schädel aufgesetzt, und dann war eine Ruhe. Wir haben dann noch gleich ein Bier getrunken, und es war eine Bombenstimmung. Und ich habe noch einen türkischen Honig gegessen und einen Klosterlikör getrunken, also am Oktoberfest ist es schon schön. Vor allem, wenn man mit einer Blosn hingeht, also in Gesellschaft. Bloß am Nebentisch, da waren auch so Arschlöcher, das waren so Sachsen, aus der früheren Dederä. Der Adi hat denen auch gleich gesagt, sie sollen sich anständig benehmen und überhaupt einmal was arbeiten. Der Adi sagt, jetzt habts ihr vierzig Jahre lang im Bett rumgeflackt, und es ist schon eine Frechheit, dass sie jetzt daherkommen und unsere Hendl wegfressen. Da steht einer von diesen Rädelsführern auf und will auf den Adi losgehen, bloß, der Adi hat sich besonnen und hat gewusst, er lässt sich nicht provozieren, weil er ja das Stuhlbein unterm Tisch hat. Der Adi langt hinunter und zerrt so merkwürdig. Ich denke noch, was zerrt er denn so? Was ist denn das? Da zieht der Adi mit zwei Fingern das Zwetschgenmanderl an den Nasenlöchern herauf. Ja Herrschaft, ja verreck, ist der allweil noch da. Das Zwetschgenmanderl, und das muss man zugeben, hat nicht mehr gut ausgschaut, eher schlecht, und es ist auch gleich der Sanka gekommen, und dann hams ihn mitgenommen, in die Klinik. Und jetzt steht da in der Zeitung: ATTACKE AUF GEISTESMENSCH – NOBELPREISTRÄGER ERLEIDET SCHÄDELBASISBRUCH. Also sicher, so, wie der ausgschaut hat, das glaub ich schon, dass der so schnell keinen Nobelpreis mehr bekommt, aber ich bin der Meinung, wenn einer schon so fürchterlich studiert hat, dann muss er doch auch wissen, und so viel Hirn muss er haben, dass er wissen muss, dass man mit einem Kopf, der wo nichts aushält, dass man damit nicht aufs Oktoberfest geht.
Der Mann mit dem Antilopentrachtenlederkostüm war perfekt. Er war total charivarisiert. Er nickte ständig mit hochrotem Kopf. Um diese Zeit kommt so ein Teint aus Ibiza oder Formentera.
Anschließend geht er sofort auf’s Oktoberfest, weil er ist ein Traditionalist. Seine Begleiterin ist eine flachsblonde Person, sie hat sich ihr Dirndl in New York anfertigen lassen, bei Sepp’s im Hirschhorncenter.
Die flachsblonde Person isst nie irgendetwas, will auch heute keinen loup de mer, obwohl sie auf dem Oktoberfest ist, sie sagt: »Es ist da immer recht zünftig.«
Inzwischen sind noch mehr Leute mit perfekten Antilopentrachtenlederkostümen da. Unter ihnen befinden sich keinerlei Kinder, bis auf das eine in einem Antilopentrachtenlederkostüm, auch der Trachtenhut ist aus Antilope. Der Gamsbart ist aus Glasfiber. Der echte Gamsbart könnte auf dem Wege zum original Bierzelt verloren gehen.
Der Mann, der immer noch nickt, sagt: »I war ois Kind scho auf der Wiesn.« Er sagt es betont und sagt es fast bayrisch, da er gerade keinen Geschäftsabschluss feiern muss.
Alle Leute im original Bierzelt sind jetzt zünftig und erzählen sich, was ihre Antilopentrachtenlederkostüme gekostet haben. Ein Zeitungsverkäufer, also ein Pakistani, verkauft gerade eine Schlagzeile. Diese besagt, dass einer, der gestern noch überall im Antilopentrachtenlederkostüm zu sehen war, jetzt pleite ist. Der echte Gamsbart wurde ihm vom Hut heruntergepfändet. Es geht ein Raunen durch das original Bierzelt.
Der Mann aus Ibiza oder Formentera erzählt eine nette Geschichte. Ein guter Freund von ihm, also ein Mensch durchaus im Antilopentrachtenlederkostüm und immer total charivarisiert, ging in das Spiegellabyrinth. Da er »am Ende« war, also total alkoholisiert, fand er aber aus dem Spiegellabyrinth nicht heraus. Da jedoch ein Gesetz lautet: »input = output«, musste sich der Freund im Antilopentrachtenlederkostüm entleeren und tat dies gänzlich und, wie man so schön sagt, total.
Die Wiesnbesucher konnten in das Labyrinth von außen einsehen und waren total begeistert. Der Mann nickte jetzt noch intensiver und schrie: »Das war der größte Tag auf der Wiesn!« Darauf bestellte er eine »Magnum«, also eine Riesenflasche Champagner, und erzählte die Geschichte an diesem Wiesntage noch mindestens neunzehnmal oder mindestens so oft, wie er es einem jeden erzählen konnte. Von irgendwo draußen im Gewoge geht ein Mann mit einem Schild durch die »Zünftigen«, auf dem abzulesen ist, wo man sich eine Alkoholleiche abholen kann, falls noch Interesse daran bestünde. Der Mann neben mir ist ein arrivierter Ausländer im Antilopentrachtenlederkostüm und sagt, er freue sich schon sehr, dass er wieder auf der Wiesn sei. Vor zwei Jahren schlug ihm ein Subjekt, also ein anonymer Wiesnbesucher, mit der Faust derart ins Gesicht, dass er unglücklich stürzte und wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn ein Jahr stationär blieb, aber in einem First-Class-Krankenhaus.
Wahrscheinlich hat das anonyme Subjekt trotz dem Antilopentrachtenlederkostüm erkannt, dass es sich bei ihm um einen Ausländer handelte. Um sich noch besser völkisch zu integrieren, bestellte er sogleich eine Portion Mozzarella und Reiberdatschi mit Malossolkaviar.
Wenn er schon auf die Wiesn gehe, dann möchte er schon wissen, warum, sagt der arrivierte Ausländer.
Ich greife jetzt zu meinem Antilopentrachtenlederkostüm, verlasse die Wiesn bei Nacht, sehe die Lichter, erkenne die Fischsemmeln wieder, das Einzige, was so ist, wie es immer war auf der Wiesn, und hoffe, nächstes Jahr wieder dabei zu sein.
PS: Wer unbedingt geschäftlich was erreichen will, so oder so – nächste Woche ist in Singapur Oktoberfest. Die Firma Pfr & Co. verleast ein ganzes Oktoberfest. Die Antilopentrachtenlederkostüme werden in Kenia angefertigt.
Eine Ansprache im Wahlkampf. Es treten auf und spielen mit: Blaskapelle, ein dünner Sommertrachtenanzug, viele dünne Sommertrachtenanzüge, Demonstranten, Er.