Döner mit Braunkohl und Bier

Das Braunschweig-Buch

Erweiterte Neuausgabe

von Axel Klingenberg


Verlag Andreas Reiffer

Edition The Punchliner


Umschlaggestaltung: Karsten Weyershausen

Fotos: Andreas Reiffer

Lektorat: Antje Kämpfe, Max Lüthke und Manja Oelze

1. Auflage 2015

© Verlag Andreas Reiffer


ISBN 978-3-945715-32-1 (Ebook), identisch mit der Printversion


Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine

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Was geht mich Braunschweig noch an? Null.

Aber ich bin da geboren, das werde ich nicht mehr los, ich schlafe ein, wenn ich das Wort nur höre.

Braunschweichrchrchrrr... Axel Hacke


Als Zeichen von Einsicht und Guthmütigkeit müsste es aufzufassen sein, daß in Braunschweig verhältnismäßig früh der letzte Hexenprozeß stattfand, nämlich im Jahre 1663.

Ricarda Huch


Braunschweiger: »Braunschweig, du Kleinod an der Oker!‹

Auswärtiger: »Ach, wo?«

Braunschweiger: »Braunschweig, du Kleinstadt bei Hannover!«

Auswärtiger: »Ach so!«

Frank Niemann



Hallo, lieber Naturfreund,


unauslöschlich in unser aller Hirnwindungen eingespeichert sind die Namen jener großen Helden, die unter Einsatz ihres Lebens (lieber aber dem von anderen) der Natur einige ihrer Geheimnisse entrissen haben: Alexander von Humboldt, Bernhard Grzimek und Gerolf Steiner. In diese Liste muss nunmehr auch Axel Klingenberg aufgenommen werden.

Mit dem hier vorliegenden Buch nimmt er uns mit auf eine Reise in ein mythisches und unerforschtes Gebiet und tilgt einen weiteren weißen Fleck auf der Landkarte. Das Land mit den fruchtbaren Böden, welches im Süden durch Asse, Elm und Harz und im Norden durch die Lüneburger Heide und den Mittellandkanal von der Zivilisation abgeschnitten ist, beheimatet eine bemerkenswerte und in der Fauna Niedersachsens einzigartige Spezies: den Ostfalen.

Axel Klingenberg lebte mehrere Jahre mit den Eingeborenen in ihrer größten Kolonie zusammen, dem sogenannten »Braunschweig«, studierte deren Riten und Gebräuche und schuf so ein faszinierendes Portrait dieser zu Recht vergessenen Kultur.

Eindringlich schildert der Autor seine Erlebnisse und lässt uns durch seine aufdringliche Bildersprache teilhaben an der gesamten Bandbreite seiner Sinneseindrücke, zum Beispiel an seinem körperlichen Unbehagen, wenn er die einheimische Küche untersucht. Sie besteht im Wesentlichen aus einem Tierprodukt namens Brägenwurst, die im eigenen Darm in einer grünen Substanz unbekannter Zusammensetzung gegart wird. Der Wahrheitsfindung zuliebe hat er kein Risiko gescheut und sogar den Balzplatz aufgesucht, die dem gemeinen Ostfalen zur Reproduktion und Arterhaltung dient: das Magnifest. Nicht minder gefährlich war die »teilnehmende Beobachtung« (wie wir Sozialwissenschaftler scherzhaft sagen) an einer eigentümlichen Zeremonie, die »Baaa Aaaaantracht« genannt wird. Der Wert seiner Aufzeichnungen ist kaum zu überschätzen!

Der Semi-Ornithologe Klingenberg musste sich dabei allerlei Tricks einfallen lassen, um von den ostfälischen Untersuchungsobjekten in ihrer Nähe geduldet zu werden. Bei einem Ritus zur Besänftigung der Geisterwelt schreckte er selbst vor dem Tragen einer künstlichen roten Nase nicht zurück und versetzte sich durch das Chanten der Mantras »Brunswiek Helau« und »Ich hab `ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner« in einen tranceähnlichen Zustand.

Auch die Begutachtung des archaischen Sklavenmarktes namens »Schlossarkaden«, der dem Braunschweiger die karge Lebensgrundlage sichert, dürfte in ihrer Tollkühnheit einzigartig sein. Und was wäre die Kulturwissenschaft ohne die Beschreibung der Höhle, die dem Ostfalen als Lagerhalle für seine gealterten Verwandten dient, die zum Ertrag des Clans nichts mehr beitragen können: das »Wolters Bierstübchen«?

Schon jetzt darf man gespannt sein auf Klingenbergs neue Forschungsarbeit. Für diese hat er eine künstliche Siedlung errichten lassen, um zu beobachten, ob sich der Ostfale unter Laborbedingungen genauso verhält wie in freier Wildbahn. Der Name des Projektes: »Wolfsburg«.

Zum Schluss noch eine Warnung: Wenn Sie unter einem schwachen Herzen oder unter schönen Fingernägeln leiden, konsultieren Sie vor der Lektüre auf jeden Fall einen Arzt oder Apotheker. Es könnte ihr Leben retten.

Den Wagemutigen aber wünsche ich ein unterhaltsames Abenteuer.


Daniel Terek



Genöle über Bumsdorf


Sie langweilte sich ein klein wenig bei ihrer Milch- und Molkenkur zu Bumsdorf und hatte jetzt zum erstenmal daselbst etwas erlebt, was des Berichtens wert war.

Wilhelm Raabe


Na, da habe ich mich ja auf etwas eingelassen! Es gilt ein Buch zu schreiben über meine Heimatstadt – dabei kann ich doch nur verlieren. Spreche ich zu viel Lob aus, wird man mich des Anbiederns bezichtigen. Bringe ich zu viel Kritik an, so werde ich künftig als Nestbeschmutzer verschrien sein. Die Folge in beiden Fällen: Man wird die Straßenseite wechseln, wenn ich den Bürgersteig entlang schlendere, man wird mir »Hier ist besetzt!« entgegenrufen, gedenke ich, mich im Café Riptide an meinen üblichen Platz zu hocken, und eines Tages wird man mich finden, mit einem Stein am Bein am Grund des Westlichen Okerumflutgrabens.

Doch, so sage ich unumwunden und unerschütterlich, lasse ich mir das wahrhaftige Schreiben nicht verbieten. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden. Eine Zensur findet in diesem Buch nicht statt.

Und befinde ich mich damit nicht in bester Tradition und Gesellschaft? Haben nicht schon immer die hier hausenden Autoren ihre Meinung kundgetan über unsere Perle an der Oker, über unseren Staubfänger zwischen Harz und Heide? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, habe keine Ahnung, ob hier überhaupt jemals berühmte Schriftsteller gewohnt und geschrieben haben. Schnell mal recherchiert und tatsächlich ist hier mal der Dichter und Abdecker Gottfried Benn zu Besuch gewesen: »Nette alte Stadt«, schreibt er und das sind auch schon die einzigen freundlichen Worte über Braunschweig, die von ihm überliefert sind, denn dann fährt er folgendermaßen fort in seinem Bericht:


»Wilhelm Raabe (mir äußerst unsympathisch), Wilhelm Busch (auch nicht mein Schwarm), Ina Seidel sind die 3 literarischen Größen Braunschweigs. Ferner hat Eulenspiegel hier gelebt u. war Bäckergeselle. Er hat einen Brunnen da, ein Clown und Eulen u. Affen hören ihm zu. Sonst habe ich nichts gesehen. Alle diese in Norddeutschland gelegenen mittleren Städte sind mir widerlich, unangenehm. Mittelalterlicher Dreck überfallen von modernen ›Anlagen‹, krankhaft, unanständig, zwitterig.«