Über dieses Buch:
Was macht Menschen zu Polen und zu Deutschen? Diese Frage hat sich Janek, der in den 1930er Jahren in einem kleinen an der Weichsel gelegenen Ort aufwächst, nie gestellt. Bis die deutsche Wehrmacht Polen überfällt und er auf einmal Johannes heißt. Aber das ist noch nicht alles: Mitten durch die eigene Familie geht der Riss, als Janeks Mutter ihn und den Vater verlässt, um einem Deutschen zu folgen.
Sechzig Jahre später sind die Wunden noch nicht verheilt. Mit seiner erwachsenen Tochter macht Janek sich auf die Reise zurück in die Kindheit, auf der Suche nach dem Ort, der nur in seiner Erinnerung zu existieren scheint …
„Bronjas Erbe ist ein gut komponierter Roman, der ein Zeitalter transparent macht und eine anrührende Vater-Tochter-Beziehung entfaltet.“ Focus
Über die Autorin:
Beate Rygiert studierte Theater-, Musik- und Literaturwissenschaft in München und war danach als Dramaturgin an verschiedenen Theatern engagiert, bevor sie sich auch als Buchautorin eine große Fangemeinde eroberte. Mit dem Autor Daniel Oliver Bachmann gestaltet sie unter dem Namen „Salz & Pfeffer“ Lesungen und literarische Performances und schreibt Drehbücher für Spielfilme. Beate Rygiert lebt und arbeitet in Stuttgart.
Beate Rygiert veröffentlichte bei dotbooks bereits Die Fälscherin, Der Nomade und Perlen der Macht.
Die Website der Autorin: www.beaterygiert.de
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Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2013
Copyright © der Originalausgabe 2000 by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co.KG, München
Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de
Titelbildabbildung: © Thinkstockphoto/istockphoto
ISBN 978-3-95520-221-7
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Beate Rygiert
Bronjas Erbe
Roman
dotbooks.
Für meinen Vater Johann Rygiert
Die Vergangenheit ist nie tot.
Sie ist noch nicht einmal vergangen.
William Faulkner, Requiem for a Nun (1951)
Janek!
Die beiden Silben stehen ein paar Sekunden lang grell in der ungewöhnlichen Mittagsstille, die über den Häusern und Gärten der Kalischer Straße hängt. Dann setzen die Zikaden wieder ein.
Janek!
Diesmal zerbricht die lastende Stille der Gärten – das Schlagen einer Tür, eilig scharrende Schritte, in der Ferne rollt irgendwo ein Wagen über das Pflaster. Hinter allen Fenstern spürt man emsige Geschäftigkeit, verhaltenes Reden, die sachte Bewegung von Gardinen.
Jan läuft. Barfuß rennt er quer über die Wiesen, die Poduchowne von den ersten Häusern der Stadt trennen. Er springt über den Bach, der einen weiten Bogen um das Dorf zieht, schlüpft durch Hecken und Zäune, schwingt sich über vernagelte Bretter und gelangt so durch die Gärten in die Kalischer Straße.
Johannes!
Er kennt diesen Ton. Eile ist geboten. Dennoch bleibt er am Anfang der Straße kurz stehen und schaut hinüber zum Gutshof. Die Wiesen dort wimmeln von Militär. Man hat noch mehr Geschütze aufgestellt seit dem Morgen. Dann trabt er die Straße entlang und sieht schon von weitem die helle Schürze der Mutter in der Tür.
Schnell, Janek! Schnell, wir warten nur auf dich!
Die Suppe dampft in den Tellern, eilig wird das Tischgebet gesprochen. Janek wundert sich. So früh isst man doch sonst nicht zu Mittag. Aus den Augenwinkeln schielt er nach dem Bett der Eltern. Wäsche und Kleider liegen dort verstreut, daneben ein halbgefüllter Sack. Die Mutter sieht auf ihren Teller.
Wir fahren weg, sagt der Vater zwischen zwei Löffeln. Gleich nachher. Ihr müsst schneller essen.
Jan bleibt der Mund offen stehen.
Wir haben Glück, sagt der Vater, wir können mit dem Feuerwehrauto mit.
Wohin fahren wir denn?
Fort. Richtung Osten.
Die Mutter legt den Löffel weg, stützt die Arme auf den Tisch und fixiert ihren Mann mit dunklen Augen.
Ich weiß nicht, ob das richtig ist.
Ihre Stimme klingt gepresst.
Alle anderen bleiben hier. Was sollen wir in der Fremde in solchen Zeiten? Von meiner Familie bleiben sie alle da.
Der kleine Pawełek haut mit dem Löffel in die Suppe, dass es spritzt. Josef Zygler nimmt ihn seinem Jüngsten lächelnd aus der Hand und füttert ihn.
Du weißt nicht, was du sagst. Wir sitzen in der Falle. Hinter uns steht die polnische Artillerie, und vor uns heben die Deutschen Schützengräben aus. Es ist Krieg, Bronja, Krieg.
Aber wir sind Deutsche! Bronja reckt energisch das Kinn gegen ihren Mann. Josef lacht sie nur aus.
Was, Deutsche! Und du glaubst, da machen die Geschütze einen Unterschied, weil du, Brunhilde Zygmunt, deutsches Blut in den Adern hast?
Bronja senkt ihren Kopf über die Suppe.
Turek liegt genau auf der Hauptfront. Wenn es ernst wird, bleibt kein Stein auf dem anderen. Glaube mir, es ist nicht mein erster Krieg. Mach die Kinder fertig. Es ist höchste Zeit!
Jan hat das Schlucken vergessen. Krieg. Ja. Seit drei Tagen ist Krieg. Täglich liest er die Schlagzeilen der Zeitungen vorne am Kiosk. Die polnische Bevölkerung ist zu Spenden für die Armee aufgerufen worden. Und gestern haben Soldaten zwei Männer gefesselt an ihrem Haus vorbeigeführt. Es heißt, sie seien Spione.
Iss deine Suppe, Janek.
Und auf der Wiese stehen die Kanonen bereit. Er beobachtet den Vater, wie er sorgfältig den Sack zubindet.
Zieh deine Schuhe an! Beeil dich ein bisschen!
Die Teller verschwinden vom Tisch. Wie im Traum nimmt der Junge wahr, dass die Mutter in aller Ruhe das Tischtuch mit den aufgestickten blauen Blüten zusammenfaltet, noch einmal zärtlich die Hand darüber gleiten lässt, als bemerke sie die Zornesröte nicht, die ihrem Mann langsam in den Kopf steigt.
Hier, das musst du tragen.
In dem Korb ist Brot. An der Tür bleibt Jan noch einmal stehen und sieht in den schlichten Raum mit der Dachschräge und dem einen Fenster zurück, die beiden Betten, eines für die Kinder, eines für die Eltern, der Schrank, die Wäschetruhe und die Frisierkommode der Mutter mit dem kristallenen Schälchen, in dem ein Marienbildchen und ein paar trockene Rosenblätter liegen. Solange er denken kann, liegen sie dort.
Dann sperrt der Vater die Tür ab.
Bringen wir es hinter uns, murmelt Ewa und stopft den Inhalt ihrer Reisetasche in das Schrankfach, das die Mutter für sie leer geräumt hat.
Dein Vater freut sich so, dass du endlich mit ihm fährst, hat sie gesagt.
Ewa seufzt. Bleibt ihr eine Wahl? Was man versprochen hat, muss man auch halten, das ist eine eiserne Regel in der Familie, und wenn sie es sich recht überlegt, dann ist sie diejenige, die immer am stärksten darauf gepocht hat. Ja, ja, ja. Was man versprochen hat, das wird gehalten. Und sie hat es versprochen. Ja, hat sie gesagt, ja Vater, ich komme mit auf diese Reise, wenn dir so viel daran liegt. Eines Tages. Das war Jahre her.
Es sind zu viele Sachen für das eine Fach. Den dicken Pulli muss sie anderswo unterbringen. Und das blaue Leinenkleid sollte sie lieber auf einen Bügel hängen. Lächerlich, was sie alles eingepackt hat. An guten Ratschlägen hat es nicht gefehlt. In Polen ist es heiß, sagten die einen, in Polen wirst du frieren, die anderen, denk daran, das ist fast schon Sibirien. Komisch hat sie das nicht gefunden. Ihr ist das Lachen vergangen, schon vor einer ganzen Weile.
Ewa beißt sich auf die Lippen. Sie schaut aus dem Heckfenster über endlose Getreidefelder im verlöschenden Abendlicht, eine Filmkulisse, eine Fototapete. Sie starrt hinaus, und das Semmelblond des Weizens verschwimmt mit grünen Hügeln, auf denen Zypressen ihre dunklen Finger in den Himmel recken, mit blasslila Feldern, die diesen ganz besonderen Duft nach Badesalz und Seife verströmen, Aix mit seinen Platanencafés und mittendrin Jean-Claude, lachend, Jean-Claude, lesend, Jean-Claude, der sie auf all diese Reisen mitgenommen hat, aber da schüttelt sie sich, aus und vorbei, und jetzt fallen erste Schatten auf die Äcker – wo sind sie hier eigentlich?
Was tut sie hier? – an der Grenze zu einem Land, das sie nicht kennt, von dem sie kaum etwas weiß, über das sie höchstens in den Nachrichten gehört hat, vor allem damals, Anfang der achtziger Jahre. Ein Land, das sie im Grunde nicht interessiert.
Ich bin dort geboren, hat ihr Vater gesagt und sie angesehen, ein leichtes Lächeln um die Mundwinkel, nicht entschuldigend, nein, auch nicht bittend, mit diesem Ausdruck in den Augen, wie ein Kind, das weiß, dass es im Recht ist. Komm mit mir, hat er gesagt. Das ist mein größter Wunsch.
Ewa kann sich nicht erinnern, dass ihr Vater jemals Wünsche geäußert hätte. Immer war er es, der Wünsche erfüllte, ihre, die der Mutter und ihrer Schwestern. All die Jahre. Was wünschst du dir zu Weihnachten? Sie hatte seine Antwort gekannt. Dieses Lächeln und die Antwort: Ich hab doch euch. Mehr brauch ich nicht. Und jetzt. Fahr mit mir dorthin. Nach Polen. Einfach so, ohne Vorwarnung. Sicher. Natürlich wusste sie, dass er dort geboren wurde. Wie könnte sie das vergessen. Geburtsort des Vaters? Turek. Ob man die kleinen Kinder in der Grundschule immer noch danach fragt? Zu Beginn jedes Schuljahres, jedes Jahr das gleiche Spiel, Turek, fragt der Lehrer, ja wo liegt denn das? Und dreißig Kinderköpfe drehen sich neugierig nach ihr um. Als ob ihr Name nicht genügt hätte. Ewa. Mit Weee. Und Zygler. Mit Ypsilon. Wo kommt denn das her? Aus Polen. Und die Kinderaugen werden immer größer. Ja. Ihr Vater kommt aus Polen. Und jetzt will er dort hinfahren. Bitte komm mit mir! Wie hätte sie Nein sagen können?
Ewa schaut zu ihrem Vater hinüber.
Still sitzt er in der Dämmerung. Rührt sich nicht. Sieht vor sich hin, in Gedanken. Letztes Licht schiebt sich in breiten Streifen durch das Fenster des Wohnmobils, legt sich auf sein Haar, über die Augen. Es lässt seine sonnengebräunte Haut noch dunkler erscheinen, zeichnet glänzende Reflexe an Schläfe und Stirn, Schatten unter die Augen, um den Mund.
Er sitzt ganz still und schaut vor sich hin, und einen Moment lang ist es Ewa, als könne sie die Gedanken wie Schwaden hinter seiner Stirn vorüberziehen sehen.
Sie schreckt zusammen, als Licht aufflackert. Sie hat die Bewegung zum Schalter nicht wahrgenommen. Der Mann dort am Tisch starrt nicht ins Leere. Vor ihm liegt eine Karte, die er in aller Ruhe studiert. Manchmal bewegen sich seine Lippen, als schmecke er einen Namen auf der Zunge, als drehe und wende er einen Klang.
Ich habe kein Wörterbuch dabei, sagt Ewa unvermittelt und starrt in die leere Reisetasche zu ihren Füßen.
Ihr Vater reagiert nicht. Er langt nach seiner Lesebrille.
Was suchst du?, fragt Ewa.
Jetzt schaut er auf. Über den Rand der schmalen Brille sieht er sie an. Wieder hat er dieses feine Lächeln auf den Lippen, das sich nicht festlegt, dem man nichts anhängen kann, weder Ironie noch Spott, schon gar keine Arroganz, ein Lächeln, das alles offen lässt.
Ich suche einen Ort, sagt er schließlich langsam und bedächtig, als sei er sich seiner Sache sehr wohl, der Worte aber, die er wählen muss, nicht ganz gewiss. Eine Stadt. Vielleicht.
Ewa verstaut ihre Tasche, schließt das Wäschefach und setzt sich ihm gegenüber an den Tisch. Polen steht Kopf.
Welchen Ort? Wie heißt er?
Das weiß ich nicht.
Ewa betrachtet das ruhige Gesicht ihres Vaters. Plötzlicher Ärger steigt in ihr auf. Zu Hause stapelt sich die Arbeit, und sie sitzt hier in diesem fahrbaren Wohnzimmer kurz vor der polnischen Grenze, an den Rändern der Welt, wo sich der Asphalt von der Erde löst und die Wege direkt über die Kornfelder in den Himmel zu führen scheinen. Einen Himmel, so blau und klar wie die Augen ihres Vaters, der nicht zu wissen scheint, wo er überhaupt hinwill.
Wie um alles in der Welt willst du ihn finden, wenn du nicht weißt, wie er heißt? Ihre Stimme klingt gereizt, sie hört sich selbst, während sie spricht, als stünde eine zweite Ewa neben ihr und wundere sich.
Ihr Vater nimmt die Lesebrille ab. Er antwortet nicht gleich, sein Blick geht an ihr vorbei aus dem Fenster.
Diese Reise ist anders, sagt er dann. Ich hab es dir gesagt.
Und nach einer Pause, in der er zögernd Worte wägt:
Ich weiß, wo ich hinwill. Aber wo diese Orte heute liegen, das weiß ich nicht. Nicht genau. Darum habe ich dich gebeten mitzukommen. Ich brauche deine Hilfe.
Meine Hilfe, seit wann brauchst du meine Hilfe, will Ewa sagen. Aber sie schweigt. Presst die Lippen aufeinander. Eine Woche lang werden sie jetzt also durch die Gegend fahren und irgendwelche Orte suchen, deren Name niemand mehr kennt. Was versprichst du dir davon, will sie fragen, wie stellst du dir das vor, oh, eine ganze Menge gäbe es zu sagen, und nur mit Mühe zähmt sie die heftigen Worte und Sätze, die aus ihr herausdrängen. Aber da ist noch ein anderes Gefühl, das mit dem Ärger in ihr kämpft, ihm den Stachel nimmt und ihn langsam, unmerklich auflöst. Bilder tauchen auf, verschwommen und geriffelt, wie der nasse Sand an der Nordsee. Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen. Weinend läuft es im Watt umher.
Sie ist nicht mehr da!
Und dann die große, warme Hand und die Stimme: Komm, ich helf dir suchen ...
Aber ich weiß nicht mehr, wo sie ist.
Das macht nichts, sagt die Stimme und lacht, gemeinsam finden wir deine Burg bestimmt.
Das alles ist lange her. Sie haben sich verändert, alle beide, und doch ist alles beim Alten, und sie werden finden, was er sucht, dort auf der Karte, auf der er sich nicht auskennt.
Gut, sagt sie. Aber du musst mir mehr erzählen. Alles. Alles was du weißt über diesen Ort. Damit ich dir helfen kann.
Er muss hier sein, östlich von Litzmannstadt. Łódź heißt das heute. Hier. Östlich. Oder südlich ...
Sein Zeigefinger gleitet über das Papier.
Was ist dort passiert?
Du weißt, ich bin in Turek geboren ...
Natürlich weiß ich das, unterbricht ihn Ewa.
... das heißt, genauer gesagt in Poduchowne, einem Dorf mit sechs Häusern am Rand von Turek ...
Jaja, und weiter?
Johannes Zygler rutscht auf seinem Platz hin und her. Er räuspert sich. Seine Augen wandern von links nach rechts, immer wieder von links nach rechts, als lese er in einem unsichtbaren Buch und suche die richtige Stelle. Seine Hände auf der Karte werden lebendig, in weichen, streichelnden Bewegungen faltet er sie an einem Eck ein, streicht sie wieder glatt, um sie wieder zu falten, unablässig. Seine Lippen formen Worte, aber er spricht sie nicht aus.
Wie soll er beginnen? Welchen Einstieg wählen in diesen Fluss aus Erinnerungen und Bildern, an die keiner gerührt hat all die Jahre. Wo muss er einhaken, welches ist die entscheidende Stelle, sich abzustoßen vom sicheren Ufer der Gegenwart, in der er hier sitzt, an der Grenze zu dem Land, das er vor einem halben Jahrhundert verlassen hat, ihm gegenüber diese junge Frau, die sich alle Mühe gibt, ihre Ungeduld zu verbergen, seine Tochter, die dies alles noch nicht kennt, deren Erinnerungsstrom eine völlig andere Richtung nimmt als der seine? Sie gilt es hineinzuziehen, mitzunehmen auf diese Reise, die erst noch beginnen wird, die noch längst nicht begonnen hat, auch wenn sie bereits gute sechshundert Kilometer und einen langen Fahrtag hinter sich haben – die eigentliche Reise, das weiß Johannes Zygler, die steht ihnen noch bevor.
Er hat sie ausgewählt, weil sie sich auf Worte versteht, weil sie für alles Wörter und Namen findet, die ihm immerzu fehlen, nur die Bilder, deutlich trägt er sie in sich und nach ihnen wirft er nun seine Angel, versucht sie zu ordnen, ihnen ein Zuerst, ein Danach und ein Dann beizubringen.
Und unter all den Gesichtern, Landschaften und Szenen, die vor seinen inneren Augen vorüberziehen, sucht er nach diesem einen Tag, der das Ende seiner Kindheit bedeuten sollte. Nur, dass er ihn noch nicht so nennt. Ewa wird später diesen Namen für ihn finden.
Auf dem Weg zum Feuerwehrhaus schließen sich den Zyglers noch andere an. Sie treten aus den niedrigen Häusern, aus den Höfen, eilig und schweigsam, mit sorgenvollen Blicken zurück auf die verriegelten Fenster, die Kinder an der Hand oder auf dem Arm, mit Bündeln, Rucksäcken und Taschen bepackt.
Auf dem Platz steht schon der Mannschaftswagen mit laufendem Motor bereit. Jan wird hinaufgehoben und zieht seinen kleinen Bruder hinterher, mit Mühe findet die Familie Zygler noch Platz zwischen den anderen, die bereits Rücken an Rücken auf den beiden Bänken unter dem Dach aus Leitern sitzen. Es herrscht gedrängte Enge. Pawełek heult, weil man in der Eile sein Holzpferdchen vergessen hat. Eine alte Frau zetert, weil man sie nicht mitnehmen kann.
Nur die Familien der freiwilligen Feuerwehrleute, schreit der Kommandant, und schon setzt sich der Wagen in Bewegung, ein Ruck geht durch die Reihen, bis jeder etwas findet, um sich festzuhalten, und so schwankt der Marktplatz vorüber mit dem Rathaus, die Kirche aus rotem Ziegelstein, und bald sind auch die letzten Häuser verschwunden. Das Feuerwehrauto schlägt die Straße nach Osten ein, über Uniejów Richtung Warschau.
Sie fahren eine gute Weile, bis Jan merkt, dass sie nicht die Einzigen sind. Zu seinem großen Erstaunen strömen aus allen Richtungen die Menschen zusammen, treffen sich auf der baumgesäumten Straße, auf Pferdefuhrwerken oder zu Fuß, kaum jemand reist so bequem wie sie in einem motorisierten Wagen. Trifft man an einer Wegbiegung auf eine neue Gruppe, hält das Auto kurz an, Männer und Frauen gestikulieren, schreien Botschaften durch den Staub, weisen mit weit ausgestreckten Armen in die Richtung, aus der sie kommen. Und dann geht es weiter.
Die Kinder auf dem Feuerwehrauto sind ausgelassen. Wann hat man je von einem solchen Ausflug gehört? Ganz Polen scheint auf den Beinen zu sein, wundervolle Abenteuer liegen vor ihnen. Ein Mädchen fängt an zu singen, und andere fallen mit ein.
Jan singt nicht. Er beobachtet von der Seite seinen Vater, der mit ernster Miene auf die Mutter einspricht. Er kann nichts verstehen, da sind das Singen und Lachen der anderen Kinder und der Motorlärm, vielleicht spricht der Vater auch deutsch, wie er es immer tut, wenn es um Erwachsenendinge geht, die die Kinder nicht hören sollen. Der Vater redet und redet, und die Mutter hält ihren Kopf zur anderen Seite gewendet, als hörte auch sie nicht, was er sagt.
Irgendwann wird es stiller auf dem Wagen. Die Bänke sind hart, und die Hitze macht ihnen allen zu schaffen. Immer noch füllt sich die Straße, und bald fragt man nicht mehr nach dem Woher und dem Wohin, überhaupt nichts wird mehr gesprochen. Der Vater starrt stumm vor sich hin. Pawełek schläft in den Armen der Mutter. Auch Jan werden die Augen schwer.
Als er hochschreckt, steht die Sonne tief. Das Feuerwehrauto hat angehalten. Der Vater steht mit anderen Männern vor dem Wagen. Sie machen ernste Gesichter.
Was ist los, Mutter, fragt Jan und reckt seine zerschlagenen Glieder.
Wir haben kein Benzin mehr, sagt Bronja Zygler und presst ihren Mund zu einem schmalen Band zusammen.
Wo sind wir hier?
Die Mutter zuckt die Achseln.
Irgendwo zwischen Turek und Łowicz, sagt eine Frau.
Nein! Ruft eine andere. An Łowicz sind wir schon längst vorbei.
Wieder hebt Bronja die Schultern. Macht es einen Unterschied?
Jan betrachtet seine Mutter. Er ist sehr stolz auf sie. Ich habe die schönste Mutter von ganz Turek, sagt er sich und sehnt sich danach, seine Hand auf ihr Haar zu legen.
Er sieht ihre Augen, in denen sich ihre Gedanken am ehesten spiegeln. Müde sind sie jetzt und ein wenig verbittert, als sie beobachten, wie die letzten Tropfen Benzin aus einem Kanister in den leeren Tank des Lastwagens geschüttelt werden, und Janek meint, auch einen Funken Spott in ihnen auszumachen.
Wenig später ist die Fahrt zu Ende. Die Reisenden steigen vom Wagen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihr Gepäck zu nehmen und sich dem Menschenstrom anzuschließen, der sich nach Osten bewegt. Der Vater zieht einen langen Riemen durch die Henkel des Brotkorbes und schnallt ihn Jan auf den Rücken.
Die Stimmung unter den Flüchtlingen ist gedrückt. Gerüchte gehen von Mund zu Mund, Angst flammt auf. Von Massakern ist die Rede, vom Vormarsch der Deutschen, von der Zerschlagung der polnischen Armee. Und dann verstummen die Menschen. Den Blick auf die Straße gerichtet, beschleunigen sie ihre Schritte.
Die übermütige Abenteuerstimmung gehört der Vergangenheit an. Jan denkt an die Abfahrt am frühen Mittag. Kaum zu glauben, dass das wirklich erst ein paar Stunden her ist. Er hat keine Ahnung, wie weit sie von zu Hause weg sind.
Es wird Nacht. Polnisches Militär gesellt sich zu den Flüchtlingen, mit ihren Ackergäulen vor den altertümlichen Geschützen treten die Bauern, die man in der Eile zu Soldaten gemacht hat, den Rückzug an. Nach Warschau, auch sie. Dort zieht sich die polnische Armee zusammen, heißt es, von dort werde man die Deutschen wieder aus dem Land werfen.
Weiter geht es, Stunde um Stunde. Jan trägt seinen Korb durch die Nacht, der Vater hatte sich den Wäschesack auf den Rücken gebunden, um die Arme für den kleinen Paweł frei zu haben. So gehen sie neben einem Fuhrwerk der polnischen Armee her, und irgendwann dürfen sich Jan, die Mutter und der kleine Bruder auf den Wagen setzen.
Seid ihr Polen?, fragt der Soldat.
Ja, sagt Bronja und beißt sich auf die Lippen. Polen.
Am nächsten Morgen erreichen sie die Außenbezirke einer Kleinstadt. Die Zyglers trennen sich von den weiterziehenden Soldaten. Im Feuerwehrhaus, sagt Jans Vater, können wir sicherlich bleiben. Einen Tag und eine Nacht.
Ein kleines Häufchen aus Turek, das beisammen geblieben ist, durchquert die Vorstadt, erschöpft und hungrig schleppen sie sich durch den anbrechenden Tag. Es ist noch früh. Durch die offenen Türen kann Jan die Menschen sehen. Er beneidet sie um ihre Ruhe, die alltäglichen Gesten, mit denen sie den Tag beginnen, als sei nichts geschehen. Kaum bemerkt er, wie sein Vater witternd den Kopf in den Himmel hält, dass ein feines Dröhnen, ein Brummen wie von großen Insekten die Luft erfüllt und immer näher kommt. Unruhe erfasst die Flüchtlinge, einige Bewohner des Städtchens treten vor die Türen, heben den Blick zum Horizont.
Und dann gellt ein Schrei, keiner weiß, wer angefangen hat zu rennen, und dann sind sie da, stürzen aus dem grünlichen Himmel. Jan sieht sie fallen, mit diesem Geheul, das ihm das Blut in den Adern erstarren lässt, sieht, wie sie sich wälzen, in Feuer zerbersten und wieder aufsteigen, als sei nichts gewesen. Alles gerät in Bewegung. Bronja Zygler hat ihren Ältesten am Arm gepackt und reißt ihn mit sich hinter ihrem Mann her, der den kleinen Paweł auf den Armen trägt, sie laufen und laufen, vergessen ist die Müdigkeit, vorbei an den offenen Fenstern und Türen, Jan sieht, wie die Menschen auf die Knie fallen vor Kreuzen und Heiligenbildern GEGRÜSSET SEIST DU MARIA VOLL DER GNADEN und die Flugzeuge spucken ihr höhnisches Gelächter DER HERR SEI die Flüchtlinge schreien und die Knienden in ihren Häusern beten lauter HEILIGEMARIA aus dem Gebet MUTTERGOTTES wird Gesang, der sich fortpflanzt von Haus zu Haus, wie der Schrecken, und anschwillt MARIA BREIT und das Dröhnen DEN MANTEL der Motoren BITTFÜR das Pfeifen der Geschosse MACH SCHIRM UND SCHILD die Erde, die aufreißt DARAUS Pflaster, das sich bäumt LASS UNS DARUN das Rattern der SICHERschinengewehreSTEHN die Schreie der HEILIGEtroffenen JETZTUNdas LäutenINDERGlockenSTUNDEUNSERESTODES und die Alarmsirenen, die jetzt, viel zu spät, ebenfalls, und obwohl Jan rennt, ALLESTÜRMwie er niemals gerannt ist, VORÜBERnimmt er doch jede Einzelheit wahr, prägt sich ihm jedes Detail messerscharf in sein Hirn, wie der beißende Metallgeschmack auf seiner Zunge: die weit ausholende, bogenförmige Bewegung der Arme, mit der ein junges Mädchen mit dem Gesicht voraus in die Blumen eines Vorgartens fällt, das verzerrte Gesicht eines Jungen, der versucht, seinen verrückt gewordenen Hund zu beruhigen, die mageren Arme der alten Frau, die zitternd ein Kruzifix in den Himmel halten.
Jan keucht, Rauch steigt aus den frischen Trümmern, nimmt ihnen den Atem, die Sicht. Und dann sind sie da.
Im Feuerwehrhaus hört Jan die Stimme seines Vaters, die ihm befiehlt, sich an die inneren, tragenden Wände zu stellen, dort, wo die Kamine sind, und er stellt sich hin, hält sich fest an so einer Wand, neben ihm erkennt er fast die Gesichter seiner Nachbarn aus Turek nicht mehr, etwas Fremdes liegt über ihnen wie ein Schleier. Er sieht seinen Vater, bleich und keuchend steht der ihm gegenüber, die Mutter kniet mit dem Kleinen bei den Frauen und betet laut. Und er spürt, wie die Wand hinter ihm bebt, wie sie zittert, als wäre sie ein lebendiges Wesen, erst denkt er, es sei sein eigenes Zittern, aber dann ist er es, der die Wand festhält, bleib stehen, sagt er zu ihr, du wirst nicht einstürzen, und für einen kleinen, unendlich langen Augenblick zittert nicht nur die Wand, sondern die ganze Welt, alles bewegt sich, nur er steht still, das Beten der Frauen verwandelt sich in einen Aufschrei, oder sind es die Sirenen der Stukas, die sich wie Raubvögel auf das Feuerwehrhaus stürzen, fast ist ihm, als könne er sie durch das vibrierende Dach hindurch sehen, er spürt die nahen Explosionen, durch seinen schmächtigen Leib gehen sie und reißen an ihm, wieder und wieder, aber er gibt nicht nach, er bleibt stehen, wie es ihm gesagt worden ist, und irgendwann, nach einer Ewigkeit, steht auch die Welt wieder still und das Zittern verlässt die Wand, das Dröhnen und Detonieren verhallt nach und nach, die Stimmen der Flugzeuge entfernen sich, nur das Weinen und Klagen reißt nicht ab, und über allem läuten immer noch die Glocken.
Es war wie eine Kreuzigung, sagt Johannes Zygler, wie eine Kreuzigung ...
Draußen ist es dunkel geworden. Sie sitzen im Schein der Lampe, zwischen ihnen immer noch die Landkarte, darauf zeichnen seine rastlosen Hände Linien und Kreise. Irgendwo zwischen Łódź und Warschau liegt die Lesebrille.
Ist das der Ort, den du suchst?, fragt nach einer Weile Ewa.
Johannes Zygler sieht auf. Die junge Frau, die seine Tochter ist, kann das Geheul der Stukas nicht hören. Er schüttelt den Kopf. Mühsam versucht er, den Faden wieder zu knüpfen. Er ist noch lange nicht dort, wo er hin will.
So sehr wir uns auch bemühten, vor der Front davonzulaufen, die Front war immer da, sagt er. Manchmal war sie schneller noch als wir.
Wie ging es weiter nach dem Angriff?
Irgendwann war alles ruhig. Wir sind dann hinausgegangen ins Freie und fort aus dieser Stadt, wir wollten nur weg, nach Osten, immer Richtung Warschau. Wir überquerten eine Brücke, dort lag ein toter Mann, dem ein Bein fehlte, ich sah dann nicht mehr hin, überall lagen Kadaver auf der Straße, in den Gräben und den angrenzenden Feldern, Menschen, Pferde, Fuhrwagen, Habgut, alles tot, zerstört, zerstreut. Wie lange wir so gingen, ich weiß es nicht mehr, weiß auch nicht, wo wir übernachtet haben, wie viele Tage ...
Irgendwann kamen wir dann in ein Dorf, wo wir bei einer Bauernfamilie bleiben konnten, uns ausruhen. Aber die Front war uns auf den Fersen. Und am nächsten Tag kamen sie auch in dieses Dorf, die Deutschen. Wir hörten vereinzelte Schießereien, und da nahm uns der Bauer mit in den Gemüsegarten, wo er einen kleinen Erdbunker ausgehoben hatte. Weißt du, wie einen Schützengraben, aber nicht in gerader Linie, sondern U-förmig abgewinkelt, damit eine Granate, die einschlägt, nicht alle treffen kann, die darin sitzen. Darüber hatte er Bretter gelegt und sie mit Erde bedeckt, so dass nichts davon zu sehen war. Dort hinein nahm uns die Bauernfamilie, und wenn wir auch etwas eng saßen, so waren wir doch sicher.
Aber nichts geschah. Niemand setzte sich zur Wehr, und die Deutschen fuhren mit ihren Fahrzeugen langsam durch das Dorf. Und da plötzlich tat meine Mutter etwas Ungeheuerliches. Als ein einzelnes, offenes Militärfahrzeug, immerhin mit einem Maschinengewehr bestückt, um die Ecke bog, kletterte meine Mutter aus dem Erdbunker und ging geradewegs darauf zu. Wir hielten alle den Atem an. Ganz ruhig ging sie auf die Soldaten zu und sprach sie auf Deutsch an. Ob in Turek noch gekämpft würde, wollte sie wissen, oder ob sie wieder dorthin zurück könne.
Ja, antworteten die Soldaten, Turek ist befreit, alles ist ruhig.
Wir haben uns also von den Bauern verabschiedet und uns auf den Heimweg gemacht. Als wir bei den deutschen Soldaten vorbeikamen, wollte einer sehen, was ich im Korb hatte. Er lachte über mein Brot, und noch viel mehr über das stumpfe Brotmesser, das dabei lag.
Aber Turek war weit. Wie weit, das weiß ich nicht.
Wieder betrachtet Johannes Zygler die Karte. Sein Zeigefinger umkreist langsam Łódź. Seine Lippen bewegen sich lautlos im Entziffern der polnischen Ortsnamen.
Vier Gestalten auf einer Straße. Vornweg ein elfjähriger Junge, einen Rucksack, nein, einen Korb auf dem Rücken. Dann eine Frau mit einem Bündel. Zuletzt ein Mann, der ein zweijähriges Kind auf dem Arm trägt, einen Sack über den Schultern.
Die Straße ist ein wenig erhöht, wie ein kleiner Damm. In einiger Entfernung stehen zu beiden Seiten Bäume in regelmäßigen, dichten Abständen, gerade so weit von der Straße entfernt, dass sie ihr keinen Schatten spenden können. Jedenfalls nicht um diese Tageszeit.
Plötzlich zerreißt eine Maschinengewehrsalve die Stille. Der Junge bleibt wie angewurzelt stehen. Panik erfasst ihn. Heiß sind die Kugeln an seiner Wange vorübergefahren, er kann gar nicht glauben, dass sie ihn nicht getroffen haben. Und dann wieder, diesmal von der anderen Seite.
Geh weiter, Janek, geh immer weiter, gleichmäßig, nicht laufen, ganz ruhig, immer weiter.
Ja. Ruhig. Weiter. Die Stimme des Vaters im Ohr, macht der Junge einen Schritt, und noch einen, einen nach dem anderen. Das Schießen hört jetzt nicht mehr auf, von rechts nach links, von links nach rechts, und sie auf der Straße mitten drin. Er geht in diesen Kugelhagel hinein, der sich wie ein Vorhang vor ihm auftut und sich hinter der kleinen Gruppe wieder schließt, ohne mehr als einen Zentimeter zu verschenken, geht und geht und kann die Leuchtspurmunition wie glühende Würmer direkt vor seinem Gesicht fliegen sehen. Sie sind mitten in die Front geraten, vor der sie seit Tagen weglaufen, sind unversehens selbst zur Frontlinie geworden, eine deutschstämmige Familie mit polnischem Pass seit vielen Generationen. Jetzt sind sie nichts weiter als bewegte Zielobjekte, wie die Figuren in den Schießbuden auf dem Jahrmarkt, auf die man für einen halben Zloty zielen darf, und wenn man sie trifft, kippen sie nach hinten weg und ein Glöckchen ertönt.
Und immer noch setzt Jan einen Fuß vor den anderen, hat kein Gefühl für die Zeit, die vergeht, keinen Begriff von der Entfernung, die er zurücklegt, starr sieht er geradeaus auf die Funken vor sich in der Luft, ein paarmal schielt er nach rechts und nach links, aber er kann nichts erkennen als die Pappeln, die sich sacht im Wind bewegen.
So ziehen die Zyglers über die Straße, die zur Grenze wurde, für ein paar Stunden vielleicht oder auch nur für Minuten, und dieser Krieg, der gerade erst über dieses Land hergefallen ist, er lässt sie passieren.
Und dann sind sie durch, und alles ist vorbei.
Am nächsten Morgen nähern sie sich Görlitz. Das Wohnmobil holpert über die unebenen, schmalen Straßen, die sich durch Getreidefelder und Wiesen schlängeln. Hin und wieder duckt sich ein schiefergraues Dörfchen in eine Mulde, dann wieder nur einförmige Landschaften und endloser, fahler Himmel. An Wegbiegungen stehen verbeulte Schilder, zwischen „Hochkirch“, „Niederseifersdorf“ und „Kleinsaubernitz“ findet sich auch hin und wieder ein Pfeil mit der Aufschrift "Polen".
Ewa ist seit einiger Zeit verstummt. Dieses äußerste Eckchen Bundesrepublik ist ihr alles andere als geheuer. Sie denkt an die Grenze auf der gegenüberliegenden Seite Deutschlands, denkt an Kehl, Mulhouse, das Elsass, die Übergänge, die sie kennt wie ihre Westentasche. Und Sehnsucht erfasst sie, eine merkwürdige Unruhe, als habe sie sich in der Richtung getäuscht. Westwärts war ihr Blick bislang gerichtet, alles Wichtige in ihrem Leben hat sich dort abgespielt. Die Jahre in Paris, Jean-Claude. Wie lange hat sie nichts mehr von ihm gehört, aber natürlich, sie ist es ja, die den Kontakt abgebrochen hat, sie hat dafür gesorgt, dass er nicht weiß, wo sie jetzt lebt. Damit er sie nicht aufstöbert. Damit das alles endlich ein Ende hat. Und meistens ist sie ja ohnehin unterwegs. Die grüne Grenze hinter dem Rhein jedenfalls, wo man in den alten Zollhäuschen heute Blumen oder Töpferwaren verkauft, erscheint ihr hier nun fast wie eine Pforte zum Paradies.
Ein Schilderwald in den Randbezirken von Görlitz reißt sie aus ihren Gedanken. „Polen“, liest sie und lotst ihren Vater über die Kreuzung. In Schleifen werden sie durch die Stadt geschleust, und dann endet die Fahrt in einer Autokolonne, deren Ende hinter einer Biegung der Straße nicht abzusehen ist.
Ewa steigt aus, um herauszufinden, wie weit es noch bis zur Zollstation ist. Sie geht an Autos vorüber, in denen ärmlich gekleidete Männer bündelweise Geldscheine zählen. Eine Frau um die Fünfzig lehnt sich auf die offene Wagentür und lacht ihr mit goldglänzendem Gebiss zu. Ein paar Kinder drücken sich die Nasen an den Scheiben platt. Obwohl es ziemlich warm ist, kommt sie sich in ihren kurzen Hosen und dem ausgeschnittenen Oberteil falsch angezogen vor. Bildet sie es sich ein, oder wird sie aus unzähligen neugierigen Augen ganz unverhohlen gemustert?
Nein, sie werden nicht allzu lange warten müssen. Gleich hinter der Kurve in einer Senke sieht sie die Baracken der Zollabfertigung. Sorgfältig studieren die Beamten jeden einzelnen Pass, stellen Fragen, winken das eine oder andere Fahrzeug auf die Seite. Dies hier ist noch eine richtige Grenze.
Auch er hat schlecht geschlafen, denkt sie, als sie wieder ins Wohnmobil steigt, mit diesen dunklen Rändern sieht er aus wie eine Nachteule. Beide haben sie sich in dieser ersten Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt. Ewa hat nicht aufhören können, auf jedes noch so leise Geräusch zu horchen. Und die Hitze ließ nicht nach und machte ihre Träume schwer.
Johannes Zygler ist wieder einmal dort gewesen, wie in vielen Nächten der vergangenen Jahrzehnte. Aber mit einem Unterschied. Vielleicht ist es das ungewohnte Übersetzen der Bilder in Worte am gestrigen Abend gewesen oder die räumliche Annäherung an die Orte der Geschehnisse – die Bilder, die in seine Träume gespült wurden, waren noch nie so deutlich, hatten nie diesen Grad an Realität, als wäre alles erst gestern geschehen, als sei er noch der elfjährige Junge und mit seinen Eltern unterwegs durch diesen Schrecken.
Er sieht sich wieder auf jenem Platz stehen, vor sich die Kirche, die sich ähnlich wie die zu Hause backsteinfarben in spitzen Formen gen Himmel reckt, er geht zur Mauer und berührt sie mit den Fingerspitzen, nur noch größer ist sie, noch prächtiger, und die Häuser um diesen Platz sind höher als die in Turek. In eines der Häuser gehen sie, da ist das erleichterte Gesicht des Vaters, der sie von der Kirche wegholt, er hat eine Unterkunft gefunden für seine Familie. Die Frau mit dem schmerzlichen Zug um den Mund nickt ihnen zu, als sie zu ihr in die Wohnung treten, am Tisch sitzt reglos und stumm der Mann – keiner stellt auch nur eine einzige Frage. Die Frau bringt warmes Wasser für die wunden Füße. Dann deckt sie für alle den Tisch und richtet die Schlafplätze.
Als er am nächsten Tag aufwacht, stehen die Männer am Fenster. Er springt vom Sofa, läuft zu ihnen. Seine Mutter kann ihn nicht aufhalten. An der Kirche stehen Soldaten mit dem Gesicht zur Mauer, gerade so, wie er gestern Abend dort gestanden hat. Wieso sehen sie sich die Mauer so genau an, mit dem Gesicht so nah? Es sind polnische Offiziere, soviel kann er erkennen.
Was tun die da? Warum stehen sie dort?
Seine Stimme klingt ihm selber fremd, viel zu laut, viel zu hoch. Keiner gibt ihm eine Antwort, der fremde Mann, dessen Gäste sie sind, sieht ihn nur an, sieht ihn lange an, und dann zieht er die Vorhänge zu. Langsam und sorgfältig. Aber ein kleiner Spalt bleibt offen. Die Mutter legt den Arm um ihn, will ihn zum Tisch führen, wo ein Glas warme Milch steht, aber er entwindet sich ihrem Griff, rückt einen Stuhl zum Fenster. Mit riesigen graublauen Augen, wie sie in dieser Familie keiner hat, alle sind schwarz oder dunkelbraun – mit diesen fremden Augen starrt er in das Zimmer, aber er sieht nichts, er lauscht, und wenn ihm auch der Vater bei Strafe verboten hat, aus dem Fenster zu sehen, so tut er es doch, immer wieder, die stehen ja immer noch da, immer noch. Sie stehen dort, stundenlang, die Sonne steigt hoch über den Kirchturm hinweg, und sie stehen, immer mit dem Gesicht zur Wand. Er weiß, etwas Außergewöhnliches ist im Gange, etwas Schreckliches, er kann es in den Augen seiner Mutter lesen, in den Mienen der anderen. So stehen sie. An der Kirche. Die Offiziere. Unbeweglich. Ruhig.
Und dann mit einem Mal geschieht etwas. Ein deutscher Soldat zerrt einen Zivilisten herbei, mit einer Hand hat er ihn am Kragen, in der anderen hält er eine Pistole. Der Mann schlottert und schlenkert mit Armen und Beinen, wie eine Gliederpuppe, deren Gelenke mit Gummibändern verbunden sind. Er fällt zu Boden, auf die Knie, hebt die gefalteten Hände und wird wieder aufgehoben, weitergeschleppt, wie ein räudiges Tier. Und dann lässt der Deutsche ihn los. Er fällt ins hohe Gras, das ihn verdeckt, und der Soldat nimmt die Pistole in die rechte Hand und zielt damit ins Gras, dort, auf die Stelle, und schießt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Noch heute bohren sich diese Schüsse in seine Schläfe, rauben ihm den Schlaf.
Aber das war erst der Anfang. Im Traum weiß er es, jedes Mal an dieser Stelle weiß er genau, dies ist erst der Anfang des Schreckens, während er damals ... Aber auch damals hat er es gewusst, es stand in den Gesichtern der Erwachsenen, auf den Rücken der immer noch an der Kirchenwand stehenden polnischen Kriegsgefangenen. Nichts ist zu Ende.
Und er bezieht wieder seinen Posten dort am Fenster, die Milch hat sein kleiner Bruder getrunken, der nun wieder schläft, er hat von all dem keine Ahnung, aber er, er muss Wache halten, das ist er den polnischen Offizieren dort unten schuldig, er denkt an die Soldaten mit ihren traurigen Fuhrwerken, die sie auf ihrem trostlosen Marsch nach Warschau ein Stück weit begleitet haben, denkt an die Geschichten seines Vaters, die er aus dem letzten großen Krieg mit nach Hause gebracht hatte, wo auch er ein polnischer Soldat gewesen war, damals, als für alle anderen der Krieg längst zu Ende war, aber für Polen erst anfing, als die Deutschen sich nach Westen zurückzogen und ihre Waffen daließen, damit die Polen weiter gegen die Russen kämpfen konnten, und sie hatten es geschafft, es gab wieder ein Land auf der Welt, das Polen hieß, nach so langer Zeit, und heute stehen da draußen die polnischen Offiziere in der Mittagssonne wie wertloses Fleisch.
Jetzt erkennt er durch den Vorhangspalt, wie Spaten ausgeteilt werden an die polnischen Offiziere, wie sie beginnen, in die Rasenfläche neben der Kirche Löcher zu graben.
Sie werden den Toten begraben, sagen die Erwachsenen, aber die Mutter fängt an zu zittern, wie er es nie an ihr gesehen hat. Und die Offiziere da unten graben, bewacht von einem Soldaten mit einem Gewehr in der Hand, sie graben und graben, wozu denn so viele Löcher, entfährt es ihm, aber der Vater, der hart neben ihm steht und wie er durch den Spalt im Vorhang schaut, legt ihm die Hand auf den Mund und dann weiter oben vor die Augen, aber er kann dennoch sehen, alles sieht er durch die Finger hindurch, sieht genau, was geschieht, sieht, wie sie da unten ihre Jacken ausziehen und weitergraben, wie schließlich einer von ihnen zur Wache geht, sich Feuer geben lässt für eine Zigarette, in aller Ruhe raucht und zurückgeht zu den anderen, auch die lassen ihre Spaten stehen, verteilen Zigaretten und zünden sie eine an der Glut der anderen an. Ganz ruhig stehen sie da und blinzeln in die Herbstsonne, nur der blaue Rauch steigt über ihren Köpfen auf. Und dann treten sie die Kippen mit den Stiefelspitzen in den Rasen und nehmen wieder ihre Spaten. Jetzt ragen nur noch die Oberkörper aus den Löchern, was um alles in der Welt soll das werden?
Und da. Jetzt klettern sie alle heraus. Geben die Spaten ab. Stellen sich in Reih und Glied am Rand der Gruben auf. Und jetzt sieht er sie. Erst jetzt. Sieht sie dort hinten liegen im Gras. Bei dem Maschinengewehr. Das explodiert, spuckt Feuer, und sie fallen alle, alle, wie sie da stehen, fallen kopfüber, jeder in sein eigenes Loch. Das war es also. Und als hätte sich eine Kugel verirrt, bricht Jan vom Stuhl wie ein Stück Holz, vornüber stürzt er hart auf den Dielenboden.
Vor ihnen steigen die Menschen wieder in ihre Autos. Es geht ein Stück voran.
Wenn wir diese Stadt finden wollen, dann musst du mir genau erzählen, was du über sie weißt.
Johannes Zygler nickt. Die Kolonne kommt wieder zum Stehen. Junge Frauen in polnischen Grenzeruniformen schreiten mit prüfenden Blicken die Wagenschlange ab.
Da ist die Kirche, der Platz mit den Häusern ringsherum ...
Ewa sieht über die Blechdächer hinweg. Über den grauen Baracken flimmert die Luft.
Mehr weißt du nicht?
Wenn ich sie sehe, die Kirche und die Häuser, wenn ich sie sehe, dann erkenne ich sie. Das weiß ich genau.
Und dann sind sie über der Grenze. Ewa atmet auf. Sie sucht in ihrem Atlas nach den passenden Seiten. Vergeblich. Polen ist ein fetter weißer Fleck am Rande Europas in der Übersicht auf der ersten Seite.
Zygler langt nach hinten und zieht die Polenkarte heraus.
Wo liegt Breslau? Sie faltet die Karte auf.
„Breslau“ wirst du nicht finden. Wrocław heißt das hier.
Wie schreibt man das?
Sie sieht auf und versucht ein paar Straßenschilder zu entziffern. Przesieczany ... Bolesławiec ... Schweiß bildet sich unter ihren Achseln. Sie, die in so vielen Ländern zu Hause ist ... Objazd?
Das heißt Umleitung, sagt Johannes Zygler ruhig.
Ewa schaut ihn von der Seite an. Ihr ist ganz flau geworden. Ohne jede Grundkenntnis, ohne die geringste Ahnung von der polnischen Sprache ist sie ins Auto gestiegen und einfach losgefahren. Nicht einmal aussprechen kann sie diese Silben. So wenig war dieses Land in ihrem Kopf existent gewesen, dass sie, die Fremdsprachenspezialistin, die Vermittlerin zwischen verschiedenen Kulturen, nicht einmal daran gedacht hat, sich ein Wörterbuch zu besorgen! Und das merkt sie schnell, das zeigen ihr Wörter wie objazd, ulica und miasto: mit den Sprachen, die sie beherrscht, kommt sie hier nicht weit. Polnisch ist anders als alles, was sie kennt.
Es ist nicht so schwer, wie du denkst. Es gibt Regeln. Man muss sie kennen. Und Johannes Zygler spricht seiner Tochter geduldig vor. Erklären kann er es nicht. Aber seine Zunge formt mühelos die passenden Zischlaute zu diesen seltsamen Buchstaben und ihren Kombinationen, zu ch und cz, zu ć und ż, sz und rz und dż ś, und wie sie alle heißen, die irgendwo zwischen einem deutschen T und dem Sch angesiedelt sind, der Gaumen eine Landkarte, mit ebenso unerforschten weißen Flecken für Ewa, wie Polen im Straßenatlas.
Ewa schwirrt der Kopf. Das kann ich mir nicht merken, stöhnt sie. Das klingt doch alles gleich.
Zygler lacht.
Nu mal langsam, sagt er, das lernt man nicht an einem Tag. Probier's mal mit dzieńdobry! Das heißt: Guten Tag.
„Tschenn dobre“, versucht es Ewa.
Na also, lobt Zygler und wiegt den Kopf, man merkt gleich, dass dein Vater aus Polen kommt. Du bist begabt!
Und er lacht herzlich, während Ewa sich vorkommt wie ein ABC-Schütze.
Probier's nochmal, dzień dobry, siehst du, so schwer ist das doch gar nicht. Ein bisschen weicher, so, und Ewa spitzt die Ohren, jetzt hört es sich eher an wie: „dschenj dobre“ oder „dchenj dobre“, verdammt, stöhnt sie, diese Polen haben sicherlich eine ganz andere Zunge als wir Deutschen.
Und dann wird sie still. Dass ihr Vater polnisch spricht, das hat sie gar nicht gewusst. Nie hat er davon gesprochen. Aber ja, warum sollte er es verlernt haben. Wie alt warst du eigentlich, als du von Polen fortgingst, fragt sie scheu. Was weiß ich eigentlich von ihm, denkt sie und starrt immer noch auf die für sie unlesbaren Schilder, die an ihr vorbeirauschen, und ihr Herz zieht sich zusammen. Fremd fühlt sie sich, auf eine physische Art und Weise, die weh tut, sie kennt das von anderen Ländern, deren Sprachen sie nicht verstehen kann.
Sechzehn, sagt Zygler. Auch er lacht nicht mehr. Aber polnisch hab ich nicht mehr gesprochen, seit ich elf Jahre alt war.
Ich hatte keine Ahnung. Ich meine, dass du das kannst. Wieso hast du nie ...?
Zygler zögert mit der Antwort. Seine Sicherheit scheint verflogen.
Ein Leben lang hab ich mich bemüht, anständig Deutsch zu lernen, das weißt du doch. Es war nicht wichtig. Außerdem, ich habe viel verlernt. Du wirst es sehen.
Aber du kannst dich verständigen? Ewa klopft das Herz bis zum Hals. In einem Land zu sein, dessen Menschen sie nicht versteht und die sie nicht verstehen können, war für sie immer schon schier unerträglich. Es ist, als entziehe man ihr den Boden unter den Füßen.
Verständigen? Aber ja. Außerdem sind die Menschen hier freundlich und hilfsbereit. Und viele sprechen deutsch.
Gartenzwergheere am Straßenrand bringen Ewa auf andere Gedanken. Schau doch nur, ruft sie, und Zygler hält an. Zum Halbkreis formiert, stehen sie in ihren bunten Uniformen auf dem freien Feld und warten auf Käufer. Der Größe nach präsentieren sie sich Ewa zum lächelnden Gruppenfoto: In den vorderen Reihen die Kleinen, dahinter die Großen, die Größten reichen ihr immerhin mit den Spitzen ihrer roten Zipfelmützen bis zur Hüfte. Mit Laterne, Rechen und Schubkarre bewaffnet, warten sie auf ihren Einsatz im Blumenbeet, in ihrem Gefolge großäugige Rehe, auch lebensgroße Störche, auf einem Bein oder mit ausgebreiteten Schwingen, zum Abflug bereit.
Lasse mich ein Stück fahren, sagt Ewa, als sie wieder in den Wagen steigen. Johannes Zygler ist es recht. Er macht es sich auf dem Beifahrersitz bequem. Die Bilder, die er sieht, seit er die Grenze überschritten hat, wecken andere aus den Tiefen seiner Erinnerung. Mit halbgeschlossenen Augen erzählt er von dem Storchenmast in Turek, auf dem jedes Jahr ein Vogelpaar seine Jungen aufzog, von den Tieren und Pflanzen auf den Sumpfwiesen am Rande der Stadt.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie vollständig unberührt dieser Landstrich war. Direkt vor den Toren der Stadt fanden ich und meine Freunde ein Stück Paradies, einen riesigen, unergründlichen Spielplatz.
Für eine Weile fällt Zygler wieder in Schweigen. Das Wohnmobil ruckelt und zuckelt durch flaches Bauernland. Rechts und links der schmalen, baumgesäumten Chaussee erstrecken sich weite Felder und Wiesen. Der Straßenkarte auf seinen Knien schenkt Zygler keine Beachtung. Sein Blick geht über die Felder weit fort, in ferne Zeiten.
Im Winter waren die Wiesen zugefroren und bildeten große Eisflächen, auf denen liefen wir Schlittschuh. Man musste natürlich vorsichtig sein, und es kam vor, dass eines der Kinder einbrach, klitschnass und durchgefroren rannte es dann so schnell es nur konnte nach Hause. Im Frühjahr versanken wir dort bis über die Waden im Sumpf und staksten umher wie die Störche, fingen Frösche, beobachteten Vögel und fanden im Gras verborgene Nester mit türkisfarbenen, ockergelben und gefleckten Eiern. Rings um Poduchowne zog ein Bach seine große Schleife. In welche Richtung man auch lief, immer kam man ans Wasser. Das hatte es uns Kindern angetan. An manchen Stellen war der Bach fast zwei Meter breit, dann wurde er wieder schmaler und man konnte bequem mit einem Bein auf dem einen und mit dem anderen auf dem anderen Ufer stehen. Das Wasser war so klar, dass man es höchstens an dem Gekräusel um größere Steine herum wahrnahm, du konntest den sandigen Grund und die Tiere darin sehen wie durch reines Glas.
Auch später, als wir schon in der Stadt wohnten, bin ich, wenn ich Zeit hatte, immer wieder zum Bach hinausgelaufen, alleine oder mit Mieszko. Wir haben uns dann einen Korb geliehen und sind auf Fischfang gegangen. Haben uns ins Wasser gestellt und die Fische mit den Füßen in den Korb geschubst.
Einmal, da bekomme ich einen Riesenschreck: Ich ziehe den Korb heraus, und was sehe ich darin? Eine Schlange! Im hohen Bogen werfe ich den Korb auf die Wiese, renne hinterher und schau mir das Getier vorsichtig an. Und weißt du was, es war gar keine Schlange, sondern ein Aal – der erste Aal meines Lebens. Den hab ich dann nach Hause gebracht.