David Vogel

Im Sanatorium
An der See

Zwei Novellen

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe der Novelle Im Sanatorium erschien unter dem Titel Babet hamarpe 1927 im Verlag Mitzpeh, Tel Aviv und Jerusalem, die der Novelle An der See unter dem Titel Nochach hajam 1934 im selben Verlag (Neuausgabe beider Erzählungen 1990).

ISBN 978-3-8412-0704-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

© Tamara Vogel-Mizrahi 1993

Translation © by the Institute for the Translation of Hebrew Literature, Tel Aviv, 1993

© der deutschen Ausgabe Paul List Verlag in der Südwest Verlag GmbH & CoKG München, 1994

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

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Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Im Sanatorium

An der See

Informationen zum Buch

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Im Sanatorium

‹Ah, Ornik!›

‹Guten Morgen, Ornik!›

‹Wie ist die Temperatur?›

‹Und das Sputum?›

Auf dem offenen Balkon des ersten Stocks liegen die meisten Patienten bereits auf den weißen Eisenpritschen, die eng aneinandergereiht die ganze Länge der schmalen Fläche einnehmen, alle in Rückenlage, die Wolldecken gegen die klare, schneidende Kälte des Wintermorgens sackartig eingesteckt und bis zur Nasenspitze hochgezogen.

Wie eine große, schwere Maschine schiebt Imre Ornik, Student der Wirtschaftshochschule, seinen mächtigen Körper Stück für Stück die wenigen Schritte von seinem Zimmer zur Pritsche voran. Seine breiten, leicht abfallenden Schultern senken sich abwechselnd rechts und links, und in der Mitte sitzt, ohne Andeutung eines Halses, der Kopf so groß und rund wie ein Kürbis.

Die Frotzeleien seiner Gefährten prallen wie Gummibälle an seinem Riesenleib ab. Ornik antwortet nicht darauf, lächelt nur vor sich hin und murmelt etwas, während seine großen, behaarten Hände, die bis über die Knöchel aus den zu kurzen Ärmeln des alten, verschlissenen, jetzt nur noch zum Liegen getragenen Jacketts ragen, mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen die Pritsche herrichten.

Dann wuchtet Ornik äußerst behutsam seine sechsundachtzig Kilogramm auf das Feldbett und hüllt sich sorgfältig in die Decken, bis nur noch sein großer Kopf mit der grauwollenen Bergsteigermütze herauslugt.

Über dem hohen Bergkamm zur Linken, dessen Spitzen bläuliche Schneekappen tragen, zeichnet sich langsam ein roter Streifen ab. Über den weiten, klaren Himmel zieht ein weißes Wölkchen, dessen eines Ende sich rosig färbt, und auf die oberen Hänge der braunen Bergkette zur Rechten fällt jetzt ein Quentchen flirrendes Goldgelb. Ein übergroßer, verblassender Mond klebt hoch im Westen, erinnert mit seinem nutzlosen, fremden Licht an eine Straßenlaterne, die man am Morgen zu löschen vergessen hat.

Ornik liegt einige Zeit reglos da und betrachtet die mächtige Mendelspitze, die in blauer Ferne das langgestreckte Albano-Tal abschließt. Plötzlich fühlt er eine Art Blubbern von der Brust in die Kehle steigen. Ornik zieht die rechte Hand unter den Decken hervor, greift sich das flache Spuckglas vom Stuhl neben seiner Pritsche, öffnet durch Daumendruck den Nickelring, hebt den Kopf ein wenig und hustet dumpf rasselnd hinein. Als er fertig ist, blinzelt er, das andere Auge zudrückend, lange mit Kennerblick in das Glas, bis er haarfeine Blutfäden in dem grünlichen Sputum entdeckt, wie die roten Äderchen im Weißen eines entzündeten Auges. Sofort verspürt Ornik schmerzende Mattigkeit im ganzen Rücken, die sich von innen her bis in die Kniekehlen ausbreitet und sie zittern läßt. Er schließt das Gefäß, schüttelt es, betrachtet eine Weile durch das blaue Glas seinen Inhalt und stellt es an seinen Platz zurück.

Danach nimmt Ornik die beiden Fieberthermometer vom Stuhl, eines im Nickeletui, das andere in einer roten Papphülse, zieht sie aus ihren Behältern, die er auf der Bettdecke ablegt, schlägt sie hinunter und steckt sich eines unter die Achselhöhle, das andere der größeren Genauigkeit halber in den Mund und blickt auf die Uhr.

‹Schon wieder? Sie haben doch eben erst gemessen!› sagt Orniks Zimmergenosse, Ingenieur Zwerg, der auf der Nebenpritsche liegt.

Nach zwanzig Minuten – Ornik mißt nicht zehn, sondern zwanzig Minuten, um jeden Fehler auszuschließen – zieht er die Thermometer eines nach dem anderen heraus und vergleicht die Ergebnisse: Wieder 37,4! Ein scharfer Schmerz setzt sich an seinen Schläfen fest.

Sobald die Sonnenstrahlen anfangen, einem in die Augen zu stechen, kommt Leben in die vier Balkone des ‹Sanatoriums für Minderbegüterte›. Frohsinn macht das Liegen ein wenig bequemer und kurzweiliger. Wortfetzen klingen auf, Pritschen werden quietschend hin und her gerückt. Diejenigen, die nicht in der Sonne liegen dürfen, ziehen die an der Wand befestigten Jalousien vor, und Imre Ornik spannt dazu noch einen riesigen grauen Marktschirm auf, den er wer weiß woher hat.

Oben auf dem Frauenbalkon hört man das dünne Stimmchen von Trudi Wiesel, dem kleinen Kobold aus Paraguay, nach Frau Schnabel rufen, die nicht vor Erscheinen der Sonne draußen zu liegen braucht: ‹Frau Schnaaabel, sie ist schon daaa!›

‹Wer ist da?› fragt eine dumpfe Stimme.

‹Die Son-ne!›

Das hat Adolf Ritter, der als Stationsältester in der Mitte des Balkons liegt, auf eine gute Idee gebracht. Aufgrund entsprechender Vorankündigung nach rechts und links hebt er den Oberkörper leicht an und befiehlt mit gedämpfter Stimme und unterstreichender Geste wie ein General, den es im Gefecht bereits aus dem Sattel gehoben hat: ‹Eins-zwei-dreiii!›

Und darauf alle Insassen des ersten Stocks wie aus einem Munde: ‹Frau Schnaaabel, die Son-ne!›

Von oben rieselt schallendes Gelächter aus vielen Frauenmündern herab.

Bald danach hört man das Gezeter von Ljuba Goldis, der russischen Studentin, die Trudi Wiesel aus irgendeinem Grund böse ist und die sie mit ihrem sympathischen Akzent ‹Trude Ziege!› schimpft.

Wofür Trudi sich unter dem vergnügten Gelächter der übrigen Mädchen mit ‹Russka Dummama!› revanchiert.

Adolf Ritter erteilt erneut Befehl, und nun erklingt aus einem Dutzend Kehlen der Kosename, den Ljuba stets dem großen, korpulenten Richard Berlin beilegt: ‹Swarzer slimmer Knabe!›

‹Ritter Ochse!› ruft Ljuba lachend hinab.

Dr. Machlis macht Visite. Mit hocherhobenem Kopf und geschwellter Brust schreitet er in seinem weißen Kittel den Balkon entlang, Schwester Liesl, eine untersetzte, verhutzelte Tirolerin, im Schlepptau. An jeder Pritsche fragt Dr. Machlis immer in demselben gleichgültigen Ton und mit den gleichen Worten: ‹Wie geht’s? Temperatur? Stuhlgang?›, wirft einen Blick auf die Fieberkurve, die der Liegende ihm reicht, verschreibt dem einen oder anderen ein Medikament, das Schwester Liesl in ihr Büchlein notiert.

In fast unhörbarem Flüsterton, den er sich nun schon seit eineinhalb Jahren angewöhnt hat, ‹um die Lunge nicht anzustrengen›, beklagt Ornik sich bei Dr. Machlis, der mit seinen wulstigen Lippen lächelt und dabei große, gelbliche Pferdezähne sehen läßt. Ornik zählt seine Leiden penibel auf, wobei sein fahles rundes Gesicht keine Regung zeigt.

‹Letzte Nacht bis Viertel nach drei wach gelegen, Herr Doktor, dann unruhiger Halbschlaf mit Schweißausbruch. Gestern Rückenschmerzen, rechts oben, von der Größe einer österreichischen Krone, acht bis neun Uhr. Viel Sputum, Blutfäden. Heute morgen bereits 37,4. Sausen im linken Ohr, Kopfweh, Stiche in der Brust nahe des Herzens.›

‹Ist weiter nichts›, tröstet Dr. Machlis, ‹es besteht keinerlei Gefahr!› Und zu Schwester Liesl hinter sich gewandt: ‹Bromkali! Vor dem Schlafen Schmerzbereiche mit Jod einreiben! Am Abend – Wickel!›

Was weiß der schon! denkt Ornik verächtlich. Ja, Dr. Kalbel – wenn der hier wäre!

Aber Dr. Johann Kalbel, der einzige Arzt, dem Ornik vertraut, sitzt in Wien, so daß Ornik sich notgedrungen damit begnügen muß, ihm alle zwei Wochen einen langen, ausführlichen Brief über den Verlauf seiner Krankheit zu schicken, unter Hinzufügung exakter Fieberkurven, die er eigens für ihn erstellt.

Unterdessen teilt Betti schon das zweite Frühstück aus: immer das gleiche Glas fade Milch und die gleichen zwei Scheiben Butterbrot, die einem schon zum Halse heraushängen.

‹Und wo bleibt der Speck, Frau Betti?› fragt scherzhaft Karl Levi, ein gelbhäutiger Wiener Bursche mit ewig gerötetem, dummem Gesicht.

‹Im Laden!› lacht Betti.

Die Patienten sitzen auf den Pritschen und kauen. Manche ziehen verstohlen Wurststücke unter der Matratze hervor, blicken nach allen Seiten und stecken sie schnell in den Mund. Ornik ißt ohne Appetit, kaut lange, zur besseren Verdauung.

Inzwischen hat die Sonne sich schon ein gutes Stück von den gleißenden Schneespitzen gelöst und ergießt einen Strom klarer goldener Wärme in das Albano-Tal. Die Weingärten in der Talebene liegen verlassen hingebreitet. Die Reben ranken sich wie unwichtiges Wurzelgestrüpp nahe dem Boden entlang, und die daneben eingerammten Stangen wirken jetzt knochentrocken und gänzlich überflüssig, wie sonnengebleichte weiße Gerippe. Ein gemächlicher Weg versteckt sich hier und da hinter Bäumen und Gärten. In einiger Entfernung blinken still die reinweißen niedrigen Häuser von Untermais. Zwischen den schmucken Wohnhäusern und den Hotels mit grünen Fensterläden, die sich in Grüppchen die Lehne des Bergmassivs zur Linken hinaufziehen, als stünde eines auf dem Dach des anderen, durchsetzt mit dem Grün von Bäumen und Buschwerk, ragen hier und dort alte, verwitterte Kirchturmspitzen hervor, die flüchtig Gedanken an verhaltene Gottesfurcht in dämmrig kühlen Räumen und abgestandenen Weihrauchduft wecken. Die Berge sind jetzt so nahe, daß man meint, sie mit wenigen Schritten erreichen zu können.

In dieser Ruhe vergessen die Patienten gelegentlich den Grund ihres Hierseins. Ihnen schweben junge Frauen in weißen Sommerkleidern vor Augen, die nackten Arme sonnengebräunt. Die Pritsche wird plötzlich hart, und die halbe Stunde, die noch bis zum täglichen Spaziergang verbleibt, will kein Ende nehmen.

Endlich kommt die Tram, die jede halbe Stunde ins Dorf Lana verkehrt, zurückgerattert, fährt am Sanatorium vorüber. Karl Levi springt als erster von der Pritsche und beginnt die Decken zusammenzufalten.

‹Es fehlen noch fünf Minuten, Herr Levi!› ruft Schwester Liesl, die durch eine der Zimmertüren gelugt hat, mit ihrer spröden, brüchigen Stimme.

‹Ich muß mal›, lügt der Angesprochene und murmelt leise bei sich: ‹Platzen soll sie!›

Die Kranken beeilen sich aufzustehen. Ornik bleibt als einziger liegen. Er geht nicht spazieren, weil er einen Blutsturz befürchtet.

Das in der Mitte des ersten Stocks gelegene Zimmer von Adolf Ritter und Schewach Adler ist sonnendurchflutet. Durch das Weiß der Zimmerwände und der wenigen notwendigen Möbel wird das Licht bis zum Blenden verstärkt.

Vor der offenen Balkontür steht Ritter in kurzen Unterhosen und reibt das Gesicht mit Kölnisch Wasser ein, das er aus der flachen Flasche in seine breite Hand träufelt. Dann wirft er einen Blick in den Spiegel über dem weißen Emailwaschbecken und bemerkt zufrieden: ‹Das Gesicht ist schon schön braun! Nachmittag wird es dreißig Grad haben! Prächtige Sonne!›

Das kurze Bein stocksteif in eine frischgebügelte Hose mit messerscharfer Bügelfalte steckend, blinzelt Ritter mit zusammengekniffenen, kurzsichtigen Augen, die ohne Brille nackt wirken, zu Adler hinüber, der ebenfalls beim Anziehen ist, und fährt fort: ‹Ich muß meinem Alten einen Einschreibebrief schicken, daß er Geld sendet und den Urlaub verlängert. Die anderen Angestellten werden vor Neid platzen! Haha, jedes Jahr fahre ich monatelang weg – und sie haben nur vier Wochen! Und bei der Krankenkasse muß ich einen zweiten Antrag einreichen und dazu noch ein Attest von Dr. Machlis, diesem Affen, einholen.›

‹Herr Adler, vielleicht möchten Sie sich uns zum Spaziergang anschließen?› wechselt Ritter mitten in der Rede das Thema. ‹Wir sind schon einige Paare. Berlin nimmt die Kamera mit, und wir lassen uns alle photographieren.›

‹Nein!›

‹Warum nicht? Laden Sie irgendein Mädel ein – wissen Sie›, Ritter hat plötzlich einen blendenden Einfall, ‹fragen Sie Marischka Cohen …›

Sein untersetzter Leib schmilzt vor Bewunderung dahin: ‹Das ist ein Mädel! Die weiß schon, wozu es Burschen auf der Welt gibt! Und sie gehört keinesfalls zu den Schlechten, auch wenn sie nicht mehr in ihrer Jugendblüte steht … Ich habe längst ein Auge auf sie geworfen … Und sie ist auch keineswegs abgeneigt … Im Speisesaal richtet sie immer das Lorgnon auf mich … Aber wissen Sie, Trudi stört. Die Kleine tut mir leid. Gestern hat sie wieder die ganze Mahlzeit über geweint und nichts gegessen. Das Mädel achtet nicht auf sich. Entweder sie heult, oder sie tollt herum wie ein Kobold!›

‹Ah!› fängt Ritter einen Moment später wieder an. ‹Wenn ich sie doch in Wien getroffen hätte, diese Marischka! Aber die geht mir nicht durch! Das sage ich Ihnen!›

Ritter ist inzwischen mit dem Ankleiden fertig. Alles perfekt. Der Kragen weiß und sauber, die Fliege korrekt gebunden. Nur die Flügel seiner langen, fleischigen Nase sind des Katarrhs wegen stärker als normal gerötet. Ritter betastet sie mit den Fingerspitzen, wobei ihm einfällt, daß er ein sauberes Taschentuch einstecken muß.

‹Also, gehen Sie mit?› variiert er seine Frage.

Adler schüttelt verneinend den Kopf.

Beide tappen in Filzpantoffeln zum Schuhraum im Untergeschoß hinunter. Auf den breiten, blankgebohnerten Steintreppen werden sie von einem Trupp Mädchen eingeholt, unter ihnen schwatzend und lachend die schlanke, flinke Trudi Wiesel in flaschengrünem Mantel und Hut.

‹Servus, Trudili! «Wie geht’s? Temperatur?»› äfft Ritter Dr. Machlis nach.

Trudi streckt den beiden Männern ihre schmalen Hände entgegen und sagt fröhlich: ‹Was heckt ihr denn wieder aus – ein wunderbares Paar!›

Der schmale Schuhraum wird fast gänzlich durch das lange, hohe Eisengestell in der Mitte ausgefüllt, in dessen quadratischen kleinen Fächern die Schuhe der Patienten von einem Spaziergang zum nächsten müßig aufgereiht stehen, die der Männer zur Rechten, die der Frauen zur Linken – gut geputzte Stiefel und Halbschuhe, spitze und stumpfe. Jetzt drängen sich die Patienten in dem engen Gang vor dem Gestell, stehen, an die Wand gelehnt, auf einem Fuß und binden schwitzend die Schnürsenkel am anderen, während viele weitere ungeduldig auf dem Flur warten.

In einer Ecke des vollen Schuhraums steht Herr Kisch, bereits fix und fertig, klein wie abgehackt, die aufgeworfenen Lippen zu einem begierigen Lächeln geschürzt, und redet mit seiner leisen Stimme in einem Ton, der aus einem Mund voller Speichel zu kommen scheint, auf Grete Finger ein, die vor ihm über ihren braunen Schuh gebeugt steht. Einfach so, um etwas zu sagen, beginnt er: ‹Und wie geht’s Ihnen, Fräulein Finger? Wohin werden Sie Ihre Schritte lenken? Das heißt, wer ist der Glückliche, der sich Ihrer Gesellschaft erfreuen darf?›

‹Sie, Herr Kisch, Sie, mein Lieber! Bis ans Ende der Welt und aller Tage …›, lacht Grete Finger.

‹Sehr angenehm, Fräulein, hihi – es ist mir eine große Ehre!›

Beim Lachen verengen sich Herrn Kischs kleine graue Augen und verschwinden völlig zwischen den vielen Falten seiner vierzig Jahre. Zu sehen bleiben nur die spitze Nase, der dicke englische Schnurrbart und die bis zu den Augen mit harten Bartstoppeln bedeckten Wangen, die seit einigen Tagen keine Rasur mehr erlebt haben.

Herr Kisch blickt angetan auf Grete Fingers wohlgeformtes Bein im hellen Strumpf und bemerkt in sonorem Ton: ‹Ich finde, Sie sehen noch nicht besser im Gesicht aus, Fräulein Finger … Sie müssen viel essen, sage ich, viel essen und an Gewicht zunehmen … Schön sind Sie natürlich auch jetzt, sehr schön, sage ich … Aber die Lunge … für die Lunge …›

‹Ich werde mich bemühen, Herr Kisch, gewiß …› ‹Herr Adler›, wendet sich Kisch nun an diesen, ‹würden Sie mir vielleicht noch eine Zigarette geben? Meine sind ausgegangen … Ich werde nachher welche kaufen und sie Ihnen zurückgeben … Sie haben schon vier bei mir gut …›

‹Sie bekommen eine Zigarette, Herr Kisch!›

Auf dem langen, dämmrigen Flur stand breit die Oberin, Fräulein Hahn, eine altjüngferliche Mittvierzigerin, in ihrer weißen Schürze, an deren rechter Seite ein großer Schlüsselbund baumelte. Sie sprach mit einer Bediensteten, schielte unterdessen jedoch mit stechenden kleinen Späheraugen ab und zu in den Schuhraum und verfolgte aufmerksam das dortige Geschehen.

Auf Schritt und Tritt trifft man dieses Aas! dachte Adler, sie im Vorbeigehen grüßend.

Beim Verlassen des Gartens, der das Sanatorium umgab, zündete er sich eine Zigarette an und sog den Rauch nach stundenlanger Abstinenz mit ungeheurer Begierde ein. Der scharfe Qualm schlug ihm auf die angegriffene Lunge und verursachte ihm erhebliche Schwäche, aber Adler achtete nicht darauf. Er reckte sich ein wenig und knöpfte mit einem Gefühl der Erlösung den Mantel auf.

An dem grauen Sockel des eisernen Zauns um den Garten des Hotels Continental klebten ein paar blaßgrüne Eidechsen, die sich reglos in der Sonne wärmten und von weitem wie längliche grüne Flecke aussahen. Als Adler an ihnen vorbeiging, huschten sie flugs in das dichte Grün des Garteninnern.

Der grünliche, zu dieser Winterzeit ziemlich schmale Wasserlauf der Passer rauschte und toste eilig durch das breite, tiefe Flußbett, mal in der Mitte, mal an der Seite, umströmte staubweiße Felsbrocken, teilte sich mancherorts in zwei schmale Arme, die ein kurzes Stück weiter wieder zusammenflossen. Hier offenbarten sich geheime Kräfte, die mit aller Macht um ihr Dasein kämpften. Adler schöpfte neue Hoffnung. Seine kranke Lunge würde sicher genesen. Alles würde wieder gut werden. Er fühlte sich plötzlich völlig gesund.

Die Uferpromenade wimmelte von Menschen. Große, hagere Engländerinnen schritten schwerfällig und steif dahin – Rassehunde an der Leine und einen Photoapparat über der Schulter. Ihre farbigen Mäntel und die überdimensionalen Hornbrillen, die den Großteil ihrer kleinen Gesichter verdeckten, erweckten in der Phantasie Bilder einer anderen Lebensweise, fern und seltsam, von der man einmal in einem Buch gelesen hatte. Meist kleinwüchsig, das scharfgeschnittene Gesicht von dunklem Teint, stolzierten italienische Offiziere selbstbewußt als Herren des Landes auf und ab. In ihren nach unten zu weiter werdenden schwarzen oder grauen Capes wirkten sie wie niedrige wandelnde Pyramiden.

Aber die meisten Spaziergänger waren blaß und abgemagert, gingen gebeugt und gestützt, husteten von Zeit zu Zeit und griffen sich an die Brust, während ihre fiebrigen Augen nach einem freien Platz auf einer Bank an der Seite Ausschau hielten. Dienstmänner mit roter Mütze schoben niedrige dreirädrige Rollwagen, in denen Kranke mit eingefallenen, pergamentgelben Gesichtern saßen, in flauschige, geblümte Decken gehüllt.

In einem dieser Wagen saß ein etwa achtzehnjähriges Mädchen, bleich und schmal. Eine Frau mittleren Alters, groß und etwas massiv, deren wäßriger Teint von ihrer nördlichen Abstammung zeugte, ging nebenher. Unwillkürlich hielt Adler sich in ihrer Nähe und warf gelegentlich verstohlene Blicke auf die weit offenen blauen Augen des Mädchens und auf die kränkliche Hand mit den bläulich hervortretenden Adern, die matt auf der Decke ruhte. Das ist sicher die Mutter, versuchte Adler das unbehagliche Gefühl niederzuringen, das sich in seinem Inneren breitmachte. Gewiß die Mutter … eine gute Mutter … Die beiden Frauen sehen sich im Gesicht auch ähnlich, sehr ähnlich, kann man sagen … Doch seine vorherige Hoffnung war verflogen. Er sah sich plötzlich selbst in einem solchen Wagen geschoben und fühlte sofort Schwäche in allen Gliedern. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Ach was! versuchte er abzuwehren und entfernte sich hastigen Schritts in die Gegenrichtung.

Vor der breiten Veranda im Casino, einem weißen Gebäude mit großer Kuppel, sah er von weitem Rachel Portugal gemäßigten Schritts auf die halbrunde offene Konzertmuschel zugehen. Adler wählte seinen Weg so, daß er scheinbar zufällig mit ihr Zusammentreffen mußte. Nach der Begrüßung sagte er: ‹Wenn Sie gestatten, schließe ich mich Ihnen ein wenig an.›

Leichter Widerwille zuckte um den linken Mundwinkel der jungen Dame, die offensichtlich weiterstrebte. Sie blieb einen Augenblick stehen, streifte Adler mit ihren durchdringenden schwarzen Augen unter den schmalen, bogenförmigen Brauen und sagte lächelnd: ‹Schon – wenn’s uns nur nicht langweilig wird …›

Nein, dessen sei er sich keineswegs sicher … Es könne durchaus passieren, daß einer von ihnen sich langweilen werde …

Rachel Portugal versuchte zu berichtigen: Das habe sie nicht gemeint, er möge bitte verzeihen! Vielleicht sollten sie dieses Gedränge meiden, das Programm sei heute nicht gut! Nein, sie habe etwas ganz anderes sagen wollen. Es sei ihr nämlich einmal passiert, daß sich ihr ein Doktor, ein Philosoph, angeschlossen und gleich angefangen habe, ihr seine ganze reichhaltige Bibliothek darzulegen … Es sei ein herrlicher Tag gewesen, wie dieser heute, und er habe ihr eine geschlagene Stunde lang mit hochtrabenden Dingen den Kopf vollgeschwatzt … Sie habe sich immer noch nicht von jenem Spaziergang erholt …

Und auch bei ihm habe sie wohl eine solche ‹reichhaltige Bibliothek› befürchtet – was? Stünde ihm denn so was auf der Nasenspitze geschrieben? scherzte Adler und deutete auf seine gerade Nase.

Nein, wahrhaftig nicht! Das junge Mädchen wandte Adler ihr lachendes Gesicht zu. Er möge ihr vergeben, daß sie es nicht sofort erkannt habe … Ausgerechnet die Nase habe sie vergessen anzuschauen …

Ohne es zu merken, waren sie die ganze Uferpromenade entlanggegangen und befanden sich nun auf dem Tappeinerweg, der sich zwischen stark duftender, saftiggrüner südlicher Vegetation hindurch zu der tiefen Passerschlucht emporschlängelte.

‹Vielleicht setzen wir uns ein wenig?› schlug Rachel Portugal vor.

Sie setzten sich auf eine Bank am Hang. Auf dem von zahlreichen Bäumen und Sträuchern beschatteten Pfad flirrten verstreute Sonnenflecken, auf denen große Fliegen mit glänzend dunkellila Panzern herumsummten. Aus der Tiefe klang das unablässige Tosen des verborgenen nahen Wasserfalls herauf, und am Gegenhang sah man hier und da ein kleines weißes Haus am Berg kleben, auf dessen Höhe die Zenoburg aufragte.

Adler fühlte sich plötzlich von einem Strom des Behagens überflutet. Er sah Rachel Portugal da neben sich an, deren großer, voller, kapriziöser Mund in dem ovalen dunklen Gesicht ihn nun mit dem längst vergessenen seligen Ausdruck eines Babys anlächelte, und sagte: ‹Ist es nicht eigenartig, Fräulein Portugal, daß Sie den weiten Weg von Indien ins Albano-Tal womöglich nur deshalb zurückgelegt haben, um mit mir jetzt auf dieser Bank zu sitzen?›

‹Aus Indien, nicht aus Hamburg?› kicherte das junge Mädchen.

‹Nein, nur auf dem Weg über Hamburg. Aus der Gegend um Bombay …›

Die Turmuhr schlug von fern zwölf – man mußte zurückgehen.

Die Promenade war bereits halb leer. Das Orchester spielte das letzte Stück, eine Wiener Operettenmelodie, die hier zwischen den strengen Bergriesen ringsum ein wenig seltsam und grotesk anmutete. Die Sonne brannte mit Macht, weshalb Adler von Zeit zu Zeit den Hut abnahm und sich mit dem Taschentuch die Schweißströme von der gewölbten Stirn wischte. Beim schnellen Gehen stieß er hervor: ‹Dr. Machlis lauert sicher schon auf dem Korridor.›

Von allen Seiten strömten die Patienten einzeln und in Grüppchen herbei und eilten auf das hohe Backsteingebäude zu, das von vorn einer roten Kaserne glich.

Drinnen empfand Adler wieder diese dumpfe, hartnäckige Beklommenheit, die sich vom Tag seiner Ankunft in seinem Innern eingenistet hatte. Er betrat mit Rachel Portugal die geräumige, hellerleuchtete Vorhalle, deren Seitenwände vom Sockel bis zur Decke mit großen Marmorplatten bedeckt waren, auf denen in Goldlettern reihenweise die Namen der Gründer, Präsidenten, Vizepräsidenten und so weiter eingraviert standen:

Dr. Bernard Volk aus Prag, Präsident Hofrat Dr. Mandelstamm aus Wien, Gründer: Frau Henriette Cohen aus Ostrau, Philantropin und so fort.

Wie immer, wenn er diese Vorhalle passierte, würgte ihn wie ein schwerer Kloß der beängstigende Satz: ‹Denn das ist der Weg aller Menschen›, von dem er dann lange nicht wieder loskommen konnte.

Vor dem vollen Schuhraum verabschiedete er sich von Rachel Portugal, die ihn freundlich anblickte. ‹Na, also dann wieder rein in den Harem …›, sagte sie.

Auf dem sonnenüberfluteten Balkon stehen und sitzen die Kranken, denen Fieberthermometer wie Zigaretten im Munde stecken. Manche stehen mit dem Rücken an die Brüstung gelehnt, recken die Köpfe hoch und wechseln ein paar Worte mit den Mädchen, die sich über die Geländer der oberen Balkone beugen.

Richard Berlin ist damit beschäftigt, Photoabzüge zu trocknen, die auf der Pritsche in der Sonne ausgebreitet liegen, noch feuchtschwarze Bilder, auf denen nichts zu erkennen ist. Ab und zu tritt er ans Geländer und ruft angelegentlich zu Ljuba Goldis hinauf: ‹Sie sind noch nicht fertig! Müssen noch ein bißchen weitertrocknen!›

Sie lacht ihm liebevoll zu, wobei ihre schrägen Augen grüne Funken sprühen. Dann läßt sie zum Vergnügen ihren blauen Gürtel herabbaumeln, der bis zum ersten Stock hinunterreicht. Adolf Ritter packt ihn und zieht daran.

‹Loslassen!›, kreischt Ljuba lachend. ‹Ich fall’ ja runter!›

Ihr kurzes, kastanienbraunes Haar spielt strähnchenweise um ihren gesenkten Kopf, und durch das Balkongitter sieht man unter ihren flatternden Morgenrockschößen einen Augenblick lang einen rundlichen weißen Oberschenkel zwischen Strümpfen und schwarzem Schlüpfer hervorblitzen. Die Männer blinzeln unter dröhnendem Gelächter.

Der kleine Windel, Richard Berlins Zimmergenosse, kommt in seiner bunten Wolljacke heraus. Den Kopf hat er nach links geneigt, zu der ein wenig niedrigeren Schulter, und das fette Haar klebt ihm wie ein glänzender schwarzer Verband am Schädel. Mit seiner dünnen, ewig gereizten Stimme verkündet er dem Trupp: ‹Ljuba Goldis ist kein häßlicher Typ, muß man sagen, bloß zu schmal. Ein Schilfrohr! Nichts zum Anfassen! Ich mag Mädchen, bei denen man was in der Hand hat … Eine Schickse wie Mitzi – das ist was! Was Handfestes!›

Seine schmalen, blassen Wangen röten sich beim Sprechen vor Erregung, und seine runden, vorquellenden Fischaugen treten noch mehr heraus.

‹Was meinen Sie, Herr Adler, habe ich recht?› fragt Windel den Angesprochenen, dem er aus unbekanntem Grund besondere Sympathie entgegenbringt.

‹Gewiß haben Sie recht!› erwidert Adler lächelnd.

‹Die lieben Töchter Israels hingegen werden nie einen Deut so sein!› Windel ereifert sich immer mehr. ‹Mit denen ist man gleich unterm Hochzeitsbaldachin. Da habe ich doch heute auf der Kurpromenade eine Schickse kennengelernt – ich sage euch: eine Schönheit. Tipptopp! Und schon habe ich mich bei ihr zu Hause mit ihr verabredet … Da gibt’s was! Bei mir›, Windel tippt sich mit zwei Fingern der rechten Hand auf die schmale, eingefallene Brust, ‹bei mir geht’s immer ruck, zuck! Was glaubt ihr denn? Daß ich dastehe und mit Kalbsaugen nach den koscheren Töchtern des Sanatoriums linse? Enthaltsamkeit schadet der Lunge! Das weiß ich besser als der sterile Dr. Volk. Schließlich bin ich aus der Brigittenau, aus der Stadt Wien, mich braucht man nicht erst mit dem Finger draufstoßen! Ein echter Wiener weiß alles!›

‹So ist es›, bekräftigt Karl Levi mit gutmütigem Spott, ‹ich hab’s ja schon längst gesagt: Windel weiß alles!›