Über dieses Buch:
Er war ein Tuareg, einer der »wahren freien Menschen« aus dem Herzen der Sahara. Doch dieses Leben findet ein jähes Ende, als er im Jahr 1418 mit gerade mal 12 Jahren von den Männern Heinrich des Seefahrers entführt und nach Portugal verschleppt wird. Doch obwohl er als Kartograph und Illustrator am portugiesischen Hofe lebt, kann Idrisa die Wüste und den Traum von Freiheit nicht vergessen. Verzweifelt versucht er, aus seinem goldenen Käfig zu entkommen.
Ein wunderbarer Roman über die großen Fragen unserer Zeit, erzählt in einer Prosa von bestechender Kraft und Eindringlichkeit.
Über die Autorin:
Beate Rygiert studierte Theater-, Musik- und Literaturwissenschaft in München und war danach als Dramaturgin an verschiedenen Theatern engagiert, bevor sie sich auch als Buchautorin eine große Fangemeinde eroberte. Mit dem Autor Daniel Oliver Bachmann gestaltet sie unter dem Namen „Salz & Pfeffer“ Lesungen und literarische Performances und schreibt Drehbücher für Spielfilme. Beate Rygiert lebt und arbeitet in Stuttgart.
Beate Rygiert veröffentlichte bei dotbooks bereits Bronjas Erbe, Die Fälscherin und Perlen der Macht.
Die Website der Autorin: www.beaterygiert.de
***
Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2013
Copyright © der Originalausgabe 2004 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de
Titelbildabbildung: © Thinkstockphoto/istockphoto
ISBN 978-3-95520-220-0
***
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Der Nomade an: lesetipp@dotbooks.de
Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dotbooks.de
www.facebook.com/dotbooks
www.twitter.com/dotbooks_verlag
www.gplus.to/dotbooks
Beate Rygiert
Der Nomade
Roman
dotbooks.
Für Daniel
und alle,
deren Leidenschaft es ist, unterwegs zu sein,
aus der Dunkelheit
in die Dunkelheit.
Ich, Bruder Sebastião vom Kreuz, im Jahr des Herrn 1460, schreibe dies zur Erinnerung an meinen gnädigsten Herrn Dom Henrique, genannt „der Seefahrer“, dritter Sohn des Königs João I., zum Gedenken an sein Leben und Wirken, seine Worte und Taten, unsere Freundschaft und Liebe. Und mögen auch viele mich nicht für würdig halten, diese Geschichte aufzuschreiben, sich fragen, warum gerade meine Hand, die viele Jahrzehnte lang die Schriften unseres Klosters mit Malereien verzierte, warum ausgerechnet sie zur Feder greift, um zu notieren, womit der berühmte Chronist Azurara von allerhöchster Stelle beauftragt wurde – ich habe meine Gründe. Denn wenn einer Henrique kannte, dann Sebastião mit der Schattenhaut, Sebastião der Afrikaner, wie sie mich nannten und manchmal auch heute noch nennen, von dem es einst hieß, Frauen könnten bei ihm die Beichte nicht ablegen, ohne sich gleichzeitig sündigen Gedanken hinzugeben. Manche hielten mich für einen Engel, andere für einen Teufel, wie sehr ich Mensch war, das erkannte mein Herr Henrique. »Ich werde einen Heiligen aus dir machen«, sagte er einmal zu mir, niemals gab er zu, auch nicht auf seinem Sterbebett, dass es ihm nicht gelungen war.
Azurara wird seinen Auftrag trefflich erfüllen. Er ist fleißig und gibt sich die allergrößte Mühe, befragt Männer, die für Henrique die Schiffe führten, studiert Aufzeichnungen und Schriften aller Art – die Wahrheit aber wird man in seiner Chronik nicht finden.
»Was ist Wahrheit?«, hat mich der Prinz einmal gefragt, sein feines Lächeln hinter den rauen Zügen gut verborgen, man musste vertraut sein mit ihm und seiner Art, um sein Lächeln zu erkennen, man musste viel Zeit an seiner Seite verbringen, um ihn auch nur einmal leise lachen zu hören. »Was ist Wahrheit, mein lieber Sebastião?«
»Wenn selbst unser Herr Jesus Christus auf diese Frage hin schwieg«, entgegnete ich damals schlau, »wie soll, Herr, ein einfacher Mönch Euch darauf Antwort geben?«
Aber ich schweife ab. Meine Hand kritzelt spottende kleine Ungeheuer an den Rand des Blattes. Was hast du dir vorgenommen, alter Mönch, warum bleibst du nicht bei deinen Leisten und bevölkerst die Schriften der Kopisten mit unseren Bildern? Das scheinen sie mich zu fragen, und schon erstehen die Züge meines Herrn, »Bruder«, scheinen sie zu fragen, »warum hast du mich verraten?«
Jeder Heiland braucht einen Judas. Azurara zeichnet das Bild eines wahren Christus, also bin ich bereit, sein Judas zu sein. Ja, Herr, ich habe Euch verraten, so wie ich mich selbst verraten habe, mich und die Meinen, mein Land, meine Jugend und meine Hoffnung, denn ich bin nicht Frade Sebastião, ich bin nicht der Mönch, für den mich alle halten, und Ihr, Herr, tragt die Schuld an dieser Lüge.
Aber wer bin ich? Wie soll ich das noch wissen, nach all den Jahren? War ich nicht Idrisa, ein Sohn der stolzen Imajaghen, der „Freien Menschen“, als deren einer ich geboren wurde, dort, im fernen Land? Nein, der bin ich schon lange nicht mehr. Idrisa ist gestorben, weil er das Meer sehen wollte, weil er nicht weglief wie seine Vettern, weil er die Furcht nicht kannte oder nicht kennen wollte. Es gibt nichts, hatte sein Vater Khada ihn gelehrt, vor dem ein Imajaghen sich fürchten muss, und so blieb ich stehen, als die Schiffe sich näherten, auch wenn ich damals nicht wusste, dass es Schiffe waren, sondern an ein Wunder glaubte, an die Erscheinung des Propheten, von der meine Tanten oft sprachen, hinter vorgehaltener Hand, denn mein Vater durfte nicht wissen, dass sie den fremden Glauben angenommen hatten und zu Allah beteten. Meine Mutter war vom Stamm der Masufa, und von ihr habe ich die hochgewachsene, schlanke Gestalt und die helle, leuchtende Haut, die Augen in der Farbe von wildem Honig, Brauen wie mit dem Pinsel gezogen, den Mund wie Beeren. Ich sehe sie noch vor mir, sehe ihr Lächeln, atme ihren Duft, spüre ihre Wärme, höre das Klimpern ihrer Ohrgehänge, wenn sie ihren alechu1 über die Schulter warf, und das Klingen des Silberschmucks mit den blauen Steinen, den ihr mein Vater zur Hochzeit geschenkt hatte. Akh’bala, Tochter der Besidra, sie war die schönste Frau in meinem ganzen Leben, und ihrer Schönheit wegen hat mein Vater sie geheiratet, obwohl sie eine Masufa war und er vom Stamm der Kel Kres, die sich seit Jahrhunderten weigerten, irgendeinen fremd dahergekommenen Glauben anzunehmen oder gar Fürsten anzuerkennen, die nicht aus ihrer Mitte stammten. Das freie Leben der Wüste führen die Imajaghen seit Generationen und bekämpfen alles und jeden, der ihnen dieses Recht streitig machen will. Sie sind auch heute noch gefürchtet, die Blauen Reiter der Wüste, auf ihren Kamelen durchqueren sie die tödlichen tinariouin2, das weite, leere Land. Wo jedes andere Leben unweigerlich zugrunde geht, dort finden sie den richtigen Weg, verborgene Speicher mit Wasser, das nötige Alamos-Gras für ihre Tiere. Sie trinken die Milch der Kamelstuten, das ist oft ihre einzige Nahrung, sie fürchten weder die Herrschaft der Sonne noch die der Stürme, die innerhalb von wenigen Stunden die Landschaft völlig verändern, mannshohe Dünen aufwerfen, wo gerade noch ein gangbarer Weg vor ihnen lag. Ich bin mit ihnen gereist, ich kannte dieses Leben. Als ich acht Jahre war, holte mich mein Vater aus dem Zelt meiner Mutter. »Du machst ein Mädchen aus ihm«, sagte er, »es wird Zeit, dass ihn jemand zum Mann erzieht«, und so nahm er mich mit auf meine erste Karawane.
»Wir brauchen keine fremden Götter«, sagte Khada, mein Vater. »Wir brauchen keine Religionen, keine Gelehrten und keine zwyia3, die uns den Zehnten abpressen«, sagte er. Die Araber nennen uns Tuareg, das heißt in ihrer Sprache „die von Gott Verlassenen“, aber sie irren sich. Wir haben unseren Gott, Gott ist in der Wüste, denn die hat er geschaffen, um einen Ort zu haben, an dem er ganz für sich allein sein kann. »Dieser Prophet«, sagte mein Vater, »mit seinen Lehren ist etwas für Feiglinge, für die, die in der Wüste vor ihrem eigenen Schatten zu Tode erschrecken. Die Wüste hat ihre eigenen Gesetze. In der Wüste bist du dein eigener Engel oder Teufel. In der Wüste findest du deinen Gott in dir, oder du gehst zugrunde.«
»Gottloses Gerede«, sagten die zwyia der Masufa.
»Gottloses Gerede«, sagte Senhor Henrique.
Ich war der Erste, den sie von Afrikas Küsten herüberbrachten. Was macht ein Sohn der Imajaghen an der Küste? Hatte mich das Schicksal ausgerechnet an jenem Tag dorthin geführt? Oder war es Gottes Fügung, wie Senhor Henrique hartnäckig behauptete?
Es war die Belohnung für vier Jahre harter Arbeit. Vier Jahre lang war ich mit den Karawanen gereist. Von Sidjilmasa bis Bilma, wo wir Hirse aus dem Süden tauschten gegen Salz und Datteln, hinab bis Timbuktu, wo die schwarzen Völker auf das kostbare Salz warteten und mit Goldstaub bezahlten oder mit Sklaven, dann hinauf, wo die Wüste an die Reiche der Kalifen grenzt, denen man nicht genug Gold und Sklaven bringen konnte. Wenn ich hier sitze, in meinem steinernen Käfig, dann erscheinen mir die Bilder von damals wie gaukelnde Täuschungen aus einer anderen Welt, wie die Spiegelungen der Luft in der Wüste. Damals kannte ich keine Mauern. Mein Blick reichte bis zum Horizont, zu den Sternen. Wir durchquerten die tinariouin mit unseren Karawanen auf unzähligen Wegen. Im Grunde gab es keine Wege, es gab die Richtung, die Brunnen, die Oasen. Den Weg dazwischen, den fand der madugu4, der Führer der Karawane, und keiner außer ihm wusste, wie er das machte.
»Zum madugu bist du geboren oder du bist es nicht«, sagte Khada, mein Vater, der berühmteste madugu der Kel Kres. Er hielt die Richtung auch noch im Wirbelsturm, wenn sich die Wüste in die Lüfte erhob und unbekannte Vögel tot vom Himmel fielen. »Er hat die Richtung im Blut«, sagten die anderen, die sich gern unserer Karawane anschlossen, denn sie wussten, mit Khada gelangte man ans Ziel, egal, was unterwegs geschah. So waren es viele Hunderte Kamele, die Khadas Leittier folgten, manchmal auch mehr als tausend.
Niemand ist so einsam wie der Führer der Karawane. Immer geht er allein voraus, das Leitkamel am Zügel führend. Selten stieg mein Vater auf sein treues mehari5 und dann nur für kurze Zeit. In der Wüste brennt am Tag die Sonne, und wenn sie hinter dem Horizont verschwindet, wird es ganz plötzlich dunkel und kalt, so kalt, dass auch der erschöpfteste Karawanier aus dem Sattel springt, um sich im Gehen aufzuwärmen.
Gehen. Eine Karawane bedeutet endloses Gehen. Zu Anfang, während meiner ersten Reise, fiel ich manchmal einfach hin und erwachte festgebunden auf dem Kamel meines Vaters. »Er ist zu jung«, sagten die Männer verächtlich. Aber ich biss die Zähne zusammen.
Lange vor Tagesanbruch, ich hatte mich gerade erst im Windschatten der Kamele schlafen gelegt, so schien mir, wurde ich wieder wachgerüttelt. Ich war der Karawanenlehrling, und der musste unter den Ersten sein am Morgen. Zitternd vor Kälte und Müdigkeit holte ich Hirse aus einem Sack und stampfte ihn im Mörser für den Frühstücksbrei der Männer, eralé teyni6, Hirse mit getrocknetem Käse und Datteln, mit Wasser vermischt, solange der Vorrat reichte, danach gab es nur noch Kamelmilch. Ich war groß für mein Alter, das Erbe meiner Mutter, und wuchs immer noch. So gab mir mein Vater hin und wieder eine getrocknete Dattel, lehrte mich, sie einzuspeicheln und stundenlang auf ihr herum zu kauen, Kraft für viele Stunden aus dieser einen Dattel zu ziehen. Kein Wunder also, dass ich hier im Kloster allen Mönchen ein Vorbild beim Fasten bin, mir reicht die Hostie am Morgen für den ganzen restlichen Tag. Keiner zieht aus ihr die Segen der körperlichen und geistigen Nahrung wie ich – schließlich gibt es im Kloster selbst in der Fastenzeit Wasser im Überfluss.
Und niemand versteht hier wirklich zu gehen.
Wir gingen aus der Dunkelheit in die Dunkelheit. Wir gingen eine weite Strecke, ehe die Sonne über den Rand der Erde kroch. Wir gingen mit ihr den ganzen Tag ohne Rast, ohne Halt, außer wir kamen an einen Brunnen oder erreichten unser Ziel. Wir gingen weiter, auch wenn die Sonne sich bereits von der Erde verabschiedet hatte und die Dunkelheit über die Wüste fiel wie ein kalter Schrecken. Die Männer fürchteten diese Stunde, es ist die Stunde der Kel Essouf, der Geister verstorbener Karawanier. Anzukommen war alles andere als selbstverständlich, und oft fanden wir Überreste von Menschen und Kamelen, ausgebleichte Knochen und verdorrte Leiber, wenn man sie berührte, zerfielen sie zu Staub. Die meisten aber fand man gar nicht, die Wüste hatte sie begraben, nur ihre Geister wehten durch die Nacht und die Abschiedsstunde der Sonne war ihre bevorzugte Zeit. Dann lockten sie Reisende in die falsche Richtung, erfüllten die Herzen mit Angst und Schrecken oder mit der wilden Freude, über die Sandberge zu laufen, in der Hoffnung auf einen Brunnen, ein bisschen Wasser, ein Tier, das man jagen und erlegen könnte. Ich habe es selbst erlebt, ich sah ganze Rudel wilder Antilopen, ich hörte sogar den dumpfen Klang ihrer Hufen auf dem Sand. Und ich hörte das Heulen der Essouf, so dass mir die Zähne vor Angst aufeinander schlugen, hörte ihr Jammern und Klagen, und es dauerte lange, bis ich mich nicht mehr vor ihnen fürchtete.
»Sie wollen, dass du so wirst wie sie«, sagte Khada, mein Vater, legte den Arm um mich, und so gingen wir weiter hinein in die Nacht. Und als am nächsten Morgen der Tag anbrach, drückte er mir das Seil in die Hand: »Hier«, sagte er, »jetzt bist du der madugu.«
»In der Wüste machst du einen Fehler nur ein einziges Mal«, pflegte mein Vater zu sagen. »Du hast nicht die Möglichkeit, etwas auszuprobieren, wenn du nicht enden willst wie die Kel Essouf. Ein Fehler in der Wüste führt zum sicheren Tod, und der Fehler eines madugu bedeutet das Ende der ganzen Karawane.« Er ging neben mir her, ich fühlte, dass er mich auf die Probe stellte, wartete darauf, dass er mir erklären würde, was einen guten madugu ausmacht, dass er mir verriet, wie es ihm gelang, immer untrüglich die Richtung zu halten. Aber er schwieg. Ich sah nach vorn, tastete den Horizont mit meinen Augen ab, erkannte ein fernes Blinken, ein feines Glitzern und hielt darauf zu. Khada sagte nichts. Dann war das Glitzern verschwunden, tauchte wieder auf, verschwand und verwandelte sich in einen dunklen Fleck.
Als wir die Stelle erreichten, war da nichts als ein Stein, dunkelgrau und unscheinbar wie alle anderen auch, ich war einem Reflex der Sonne gefolgt, nun musste ich mir ein neues Ziel suchen. Der Sand war in feine Wellen geriffelt; ich konzentrierte mich darauf, immer im selben Winkel zu diesem Muster zu gehen, zu fühlen, ob der Wind sich drehte, bemühte mich, den Stand der Sonne hoch über unseren Scheiteln zu verfolgen. Wir gingen und gingen, schweigend, hinter mir sechshundert Kamele und fast so viele Männer, schwer beladen mit Waren, Futterreserven und Wasserschläuchen. Manchmal hörte ich ein entferntes Singen, das Schnauben eines Kamels, das helle Lachen eines der unzähligen Jungen, Karawanenlehrlinge wie ich. Ich war der Jüngste, und ich hielt die Zügel des Leittiers, manches Mal blieb Khada ein paar Schritte zurück, mein Blick war fest auf den Horizont gerichtet, aber meine anderen Sinne dehnten sich in alle Richtungen aus: in meinem Rücken die Karawane, über mir der Himmel, unter mir die Tiefen der Erde. Da fühlte ich es zum ersten Mal, spürte die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Ausgangspunkt und Ziel, und mich selbst eingespannt in den Kosmos der Wüste, eingestellt auf ein Ziel, das da vorne lag, solange Khada nichts sagte, lag es da vorn. Und mir war, als könnte ich die Augen schließen und dennoch die Richtung halten, könnte gehen und gehen und sicher wie eine Kugel, die angestoßen wurde, meinem Lauf unfehlbar folgen.
Dann stolperte ich und fiel hin.
Beschämt sprang ich auf die Füße. Die Zügel des Leitkamels waren mir aus der Hand geglitten. Ich wagte nicht, meinem Vater in die Augen zu sehen. Er aber wirkte zufrieden, klopfte mir den Sand vom tekamist7 und sagte: »Gut gemacht, Idrisa, mein Sohn. Du hast es gespürt. Wer weiß, vielleicht wird aus dir einmal ein echter madugu.«
Khada, was ist aus dir geworden? Schon lange führst du nicht mehr die Karawanen der Kel Kres. Wenn du überhaupt noch auf dieser Erde weilst, dann bist du ein sehr alter Mann. Deinen Sohn hast du verloren, vielleicht hat dir meine Mutter noch andere Söhne geboren, vielleicht auch eine andere Frau, einen, der die Richtung halten kann, einen würdigen Nachfolger für dich und deinen Erstgeborenen, der mit zwölf Jahren seine erste Karawane führte, selbständig, auch wenn du immer hinter ihm warst, denn einen Fehler macht man in der Wüste nur ein einziges Mal, und das Leben so vieler Männer setzt man nicht leichtfertig aufs Spiel. Aber Idrisa, Khadas Sohn, machte seine Sache gut, und am Ende bekam er zwei Dinge, die er sich mehr wünschte als sein Leben.
»Jetzt bist du erwachsen«, sagte Khada, als er mich in die indigoblauen Gewänder eines Imajaghen kleidete. Fast schwarz glänzte der kostbare tagelmoust8, den er mir zum ersten Mal eigenhändig ums Haupt schlang. Dann überreichte er mir feierlich den kleinen scharfen telek9, den Dolch mit dem Silbergriff, den schon mein Großvater und dessen Vater und weit zurück in die alten Zeiten ein jeder Erstgeborene unserer Familie getragen hatte. Ein großer roter Rubin ist auf beiden Seiten des Griffes eingelassen, umrahmt von Ornamenten und Zeichen, ein jedes mit seiner eigenen Bedeutung. Dies geschah beim jährlichen Clan-Fest, zu dem die gesamte Sippe zusammenkam, wenn die Zelte rund um die Oase von Djangelmast reichten, soweit das Auge schauen konnte. Die jungen Krieger vollführten auf ihren mehari verwegene Reiterkämpfe, trillernd schrillte ihr Krikri durch die Luft, Frauen und Männer sangen in tagelangen Wettbewerben, die Trommler aus dem Osten brachten die Wüste zum Beben. Stolz ging ich in meiner neuen Männerkleidung durch die Zeltreihen, unter ihren buntgewobenen alechu lachten neugierige Mädchengesichter hervor. Das Leben lag vor mir, in ein paar Jahren würde ich eine eigene Familie gründen. Dachte ich. Aber da war mein zweiter Wunsch, der jedermann erstaunte. Ich wollte das Meer sehen. Khada war dagegen. Dorthin war selbst er noch nie gereist.
»Am Meer, da leben die Mauren mit all ihren Sippen und Stämmen, die Anhänger Mohammeds«, Khada spuckte in den Sand, wenn er nur an sie dachte. Wäre es allein nach Khada gegangen, er hätte es mir nicht erlaubt.
»Ein Imajaghen braucht das Meer nicht zu sehen«, sagte er, »sein Platz ist die Wüste, sie soll auch dir genügen.«
Aber meine Mutter verstand mich, sie war es gewesen, die mir vom Meer erzählt hatte. »Eine Wüste aus Wasser«, sagte sie, »blau wie der Himmel, gewellt wie der Sand, soweit du nur schauen kannst, Wasser.« Seit ich auf der Welt war, lebte ich mit der Sehnsucht nach dieser Wüste aus Wasser.
»Seine Vettern leben dort«, sagte meine Mutter.
Schließlich willigte Khada ein.
Es geschah im Jahr 1418 nach der Zeitrechnung der Christen. Bei den Imajaghen werden die Jahre anders gezählt. Es sind die dürren Jahre oder die besonders fruchtbaren, die außergewöhnlichen Sandstürme oder die Kämpfe zwischen den Clans, die als Orientierungspunkte in der Wüste der Zeit dienen. Dass ich damals zwölf Jahre alt war, weiß ich von meiner Mutter, die das Alter ihrer Kinder mit der Wiederkehr des Clanfestes zählte und alles aufschrieb, was ihr wichtig schien. In unserem Volk ist das Lesen und Schreiben Sache der Frauen, so wie das Dichten und Musizieren. Töchter lernen von ihren Müttern die Geschichten unserer Vorfahren, die Lieder unserer Helden und das Zeichnen der Buchstaben in den Sand. Unsere Sprache heißt Tamasheq, und unsere Schrift nennen wir Tifinagh. Als ich klein war und mit meiner jüngeren Schwester im Zelt meiner Mutter blieb, wenn Khada auf Reisen ging, setzte sie sich über die Sitten hinweg und brachte heimlich auch mir das Lesen und Schreiben bei, und nicht nur das Tifinagh, sondern auch die arabischen Buchstaben, damit ich einmal die Schriften der gelehrten zwyia und den Koran würde lesen können. Ich war geschickt darin, die verschiedenen Zeichen zu lernen, ich liebte es, meine Schwester dadurch zu verwirren, dass ich jedes Mal in eine andere Richtung schrieb, denn unsere Schrift kann man von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten oder von unten nach oben schreiben. Die vier Richtungen sind heilig, sagte meine Mutter, und hier, im Kloster zum Heiligen Kreuz, verwirrte ich anfangs die Kopisten nicht minder damit, im Schreiben die Richtung zu wechseln wie ein Vogel seinen Flug.
Das war es, was meinen Vater erzürnt hatte und mich so jung zur Karawane brachte. Lesen und Schreiben war Frauensache, aber was ich gelernt hatte, das vergaß ich nicht, und später wurde mir diese Gabe zum Segen. Oder war sie eher ein Fluch? Nichts ist, was es zu sein scheint, wie in der Wüste, wo du kaum etwas weniger trauen kannst als deinen Augen.
Ich hätte es wissen müssen. Dort, damals, am Meer. Aber ich war geblendet von dieser neuartigen Weite und der Frage, was wohl dahinter liegt, dieselbe Frage, die ich mir als Kind schon in der Wüste gestellt hatte, was wartet hinter diesem und was hinter dem nächsten Sandberg auf mich, Idrisa, Khadas Sohn?
Auf meinem weißen mehari, dem Geschenk meines Onkels, dem Schwager meiner Mutter, schaute ich weit hinaus auf das Meer, roch den fremden Geruch und schmeckte den klebrigen Wind. Und dann sah ich es. Sah zuerst ein weißes Schimmern wie damals, als ich zum ersten Mal das Leittier führte und am Horizont ein heller Fleck mir die Richtung wies, sah es für kurze Zeit verschwinden, dann wieder erscheinen und größer werden. Ich saß still, doch der Fleck wurde größer, aus einem wurden zwei, da entdeckten es endlich auch meine Vettern, schrien auf und fuchtelten mit den Armen.
»Ein riesiger Vogel«, schrie Jela, wendete sein Kamel und stürmte davon.
»Ein weißer Essouf«, rief Zoso und folgte seinem Bruder.
Ich glaubte weder an das eine noch an das andere, ich wollte wissen, was da über das Meer daher geflogen kam, ein Imajaghen kennt keine Furcht, meine Rechte lag auf dem Knauf meines telek, meine Linke hielt die Zügel des Kamels.
So wartete ich. Sah die weißen Flecken näherkommen, Gestalt annehmen, sah den dunklen Leib des Schiffes darunter, ohne dass ich es hätte benennen können. Niemals in meinem ganzen Leben hatte ich etwas Ähnliches gesehen. Dieses Ding flog über das Wasser auf mich zu, als hätte ich es gerufen, und vielleicht hatte ich das auch mit meinen Gedanken und Wünschen. Dann war es so nah, dass ich erkennen konnte, es war eine Art Gefährt, auf dem sich seltsame Wesen befanden, Wesen, die schimmerten und glänzten, als kämen sie aus einer anderen Welt.
Ein Junge, der in der Wüste aufwächst, ist mit Trugbildern und Luftspiegelungen vertraut. »Lass dich nicht verwirren«, hörte ich meinen Vater sagen, »bleib ruhig, lass dich nicht locken und nicht in wilde Furcht versetzen.« Und so blieb ich sitzen, hoch oben auf meinem neuen mehari, umfasste den Griff meines Dolches und wartete ab. Lange musste ich nicht warten. Die Wesen unter den weißen Flügeln versammelten sich, gestikulierten, zeigten herüber zu mir, da gab es keinen Zweifel. Dann ließen sie ein kleines Boot zu Wasser, einige stiegen hinein und ruderten an Land.
Was habe ich erwartet? Dass sich die Prophezeiungen meiner Tanten erfüllten und göttliche Boten kamen, um Antworten zu bringen auf die Fragen meines jungen Herzens?
»Ja, genau so war es«, sagte Prinz Henrique später. »Auch wenn du damals den wahren Gott und seine Boten noch nicht kanntest, Gott hat dein Rufen vernommen und meine Leute zu dir geschickt.«
Es war im Jahr des Herrn 1418. Prinz Henrique hatte ein Schiff ausgesandt, um die afrikanische Küste zu erkunden. Sie waren bis zum Kap gelangt, das sie Bojador nannten, und dann umgekehrt. »Weiter geht es nicht«, sagten sie, »die Welt ist dort zu Ende. « Aber um nicht mit leeren Händen heimzukehren und den Infanten zu erzürnen, suchten sie nach einem Geschenk für ihn. Da sahen sie am Ufer die blaue Gestalt eines seltsamen Reiters.
Wohl dem, der Henrique eine Freude bereitete, er hatte sein Leben lang keine Sorgen mehr. Aber es war nicht leicht, diesen strengen Mann zu erfreuen, es war leicht, ihn zu erzürnen, und wenn er sich auch wohl zu beherrschen verstand, so war ihm sein Unmut so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass Worte nicht nötig waren. »Geh mir aus den Augen, und geh mit Gott«, das war das Schlimmste, was er einem Menschen sagen konnte, er wurde dabei niemals laut oder heftig, das war nicht nötig. Wer Henrique ernsthaft enttäuschte, der brauchte nicht mehr bei ihm vorzusprechen, das war allgemein bekannt.
Oft habe ich mich gefragt, wie mein Herr zu dem wurde, der er war. Ist es so, wie mein Vater sagte, man wird zum Führen geboren oder man wird es nicht? Auch wenn Henrique nie darüber sprach, so bin ich mir sicher, es schmerzte ihn von seiner Geburt an bis in den Tod, dass er als Drittgeborener wohl niemals ein Anrecht auf den Thron haben würde. Was also anfangen mit all seinen Gaben?
So schaute Henrique hinaus auf das Meer, und wenn ihm manche dies als Träumerei auslegten, so irrten sie sich, und sie irrten sich lange.
»Da draußen ist eine Welt, die auf uns wartet«, pflegte er zu sagen. »Wir werden die Ersten sein und uns die Vorherrschaft über diese Welt sichern, ehe es andere tun.«
Man lachte über ihn, schüttelte den Kopf. Das Meer war und blieb das große Unbekannte, das man mied und fürchtete. Die Welt war dort hinter dem blauverhangenen Horizont zu Ende, dessen war man sich sicher.
Aber da waren die Karten. Vom afrikanischen Kontinent wusste man, dass er sich weit nach Süden hinunter erstreckte. Wie weit? Darüber stritten die Gelehrten. Es gab die Karten, ja, aber jede zeigte ein anderes Bild, nicht eine stimmte mit der anderen überein, man wurde nicht schlau aus ihnen. Auf der einen waren weit draußen im Atlantik Inseln eingezeichnet, auf anderen fehlten sie, dafür blähte sich auf ihnen der afrikanische Kontinent auf wie der Bauch einer schwangeren Frau. Dann gab es Karten, die die gefährlichen Enden der Welt verzeichneten, furchterregende Ungeheuer bewachten sie und verschlangen jedes Schiff, das sich zu weit in diese Breiten vorwagte.
Diese Furcht ließ die Seeleute nicht los. Henrique aber war zäher als diese Furcht. Was er sich in den Kopf gesetzt hatte, daran hielt er fest, wie damals, als er mit seinen achtzehn Jahren erst seine Brüder und dann mit ihrer Hilfe seinen Vater von der Idee überzeugte, den maurischen Stützpunkt Ceuta im Norden Afrikas, gegenüber Gibraltar, zu überfallen. »Aber wir haben nicht einmal eine Flotte«, soll der erstaunte König geantwortet haben. Seine Träume waren von anderer Art. Wie in den guten alten Zeiten wollte er gern ein großes Turnier ausrichten, gekrönte Häupter aus ganz Europa dazu einladen, um die neue Freundschaft mit Kastilien zu feiern und seinen Söhnen die Gelegenheit zu geben, sich im Kampf als Ritter zu beweisen.
Die Prinzen aber hatten andere Pläne. Sie wollten den richtigen Kampf, keine ritterlichen Spiele.
»Wenn wir keine Flotte haben«, entgegnete Henrique, »dann lasst uns eine bauen. Wir müssen der Welt unsere Stärke zeigen, und was wäre dazu geeigneter, als das Kreuz zu den Ungläubigen zu tragen?«
Die Wahrheit war, Portugal besaß damals nicht viel Macht. Dennoch gelang es Henrique, innerhalb von zwei Jahren eine schlagkräftige Flotte aufzubauen, und zwar einzig und allein durch seine Fähigkeit, die Menschen um ihn mit seiner Begeisterung anzustecken. Ich weiß wovon ich spreche, und es verwundert mich nicht, dass er die Schiffsbauer von Oporto dazu brachte, Tag und Nacht zu arbeiten, und außerdem die Bevölkerung derart für seinen Plan einzunehmen vermochte, so dass sie zwei Jahre lang freiwillig auf Fleisch verzichtete, das getrocknet und für die Expedition nach Ceuta aufbewahrt wurde.
Als es schließlich so weit war, häuften sich Omen und Vorzeichen. Ein Mönch berichtete, die Madonna sei ihm erschienen und habe dem König ein Schwert überreicht. Eine Sonnenfinsternis verbreitete Angst, Ehrfurcht und Schrecken. Großes stand bevor, und als schließlich in Lissabon die Pest ausbrach und sogar Königin Filippa daran erkrankte, da schien die Zeit reif für einen Feldzug im Zeichen des Kreuzes.
»Warum?«, fragte ich in aller Unschuld, als ich zum ersten Mal von diesen Ereignissen erzählen hörte. Wenn bei uns eine Krankheit ausbricht, dann bleibt man bei seinen Zelten. Keiner zieht in die Wüste hinaus, wenn sich die Sonne verfinstert. Aber hier denken die Menschen anders. Heute weiß ich, dass es die Enge ihrer Städte ist und die Unmöglichkeit zu gehen, soweit das Auge reicht, was ihr Blut zum Kochen bringt, Schwerter schärfen und Schiffe bemannen lässt. Die sesshaften Menschen müssen hinaus in den Krieg, wenn sie es in ihren vier Wänden nicht mehr ertragen, sonst fangen sie Streit mit ihrem Nachbarn an oder mit ihren Brüdern, denn sie haben keine Wüste, die sie ihre Dimensionen lehrt, ihre Kleinheit inmitten des Nichts und der Leere unter dem nächtlichen Himmel.
»Du bist ein Philosoph, Sebastião«, sagte Henrique und lachte leise, wenn ich so mit ihm sprach. »Aber du hast unrecht. Der Mensch braucht ein Zuhause, er braucht seinen Besitz und einen Ort, wo er hingehört.«
Und er hätte mich fast überzeugt. Viele Jahre lang dachte ich wie er. Sein Heim war meines, wo er war, da wollte ich sein, aber die Mauern, an die konnte ich mich niemals gewöhnen. Nie.
So rüsteten also die Infanten Henrique, Duarte und Pedro gemeinsam die Flotte, und Königin Filippa verteilte auf ihrem Sterbebett an ihre Söhne Splitter vom Wahren Heiligen Kreuz, an dem unser Heiland gehangen, und übergab einem jeden ein kostbares Schwert. Und als die Totenglocken verklangen, bestiegen die Prinzen unter großer Anteilnahme des Volkes in Lagos die Schiffe. Das war im Juli des Jahres 1415. Vier Wochen später war Ceuta bereits in ihrer Hand.
»Wie konnte das so leicht gelingen?«, fragte ich.
»Gott war mit uns«, war Henriques schlichte Antwort.
***