Hellmuth Karasek, Journalist und Schriftsteller, leitete über zwanzig Jahre lang das Kulturressort des Spiegels, war Mitherausgeber des Berliner Tagesspiegels und schrieb u.a. für die Welt und die Welt am Sonntag. Er veröffentlichte u.a. Mein Kino (1994), ein Buch über seine Lieblingsfilme, Go West! (1996), eine Biographie der fünfziger Jahre, die Romane Das Magazin (1998) und Betrug (2001), Karambolagen. Begegnungen mit Zeitgenossen (2002), seine Erinnerungen Auf der Flucht (2004), den Bestsellererfolg Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten (2006), Ihr tausendfaches Weh und Ach. Was Männer von Frauen wollen (2009) sowie die Glossenbände Vom Küssen der Kröten (2008), Im Paradies gibt's keine roten Ampeln (2011), Auf Reisen. Wie ich mir Deutschland erlesen habe (2013) und Frauen sind auch nur Männer (2013). Hellmuth Karasek starb am 29. September 2015 im Alter von 81 Jahren.
Bei Filmen mit umfangreichem technischem Stab und großem Schauspielerensemble wurden die Angaben zum Teil gekürzt.
Am 27. April 2002 starb Billy Wilder in Beverly Hills – an einer Lungenentzündung. Zu dieser Zeit hatte der mit sechsundneunzig Jahren Verstorbene seit über zwanzig Jahren keinen Film mehr gedreht; BUDDY, BUDDY, ein Remake nach Francis Vebers »L’Emmerdeur« mit dem Wilder-Erfolgsduo Jack Lemmon und Walter Matthau, war wie die Filme zuvor kein durchschlagender Erfolg mehr, wie es für Wilder-Filme lange Zeit eine Selbstverständlichkeit gewesen war.
Für den großen alten Mann Hollywoods schien die Zeit stillzustehen. Zwar war immer wieder zu hören (er selbst untermauerte solche Gerüchte kaum noch durch zustimmende Kommentare), daß er an einem neuen Filmstoff arbeite oder zumindest interessiert sei (so an der Verfilmung des ungeklärten Kriminalfalls der im Koma liegenden Sunny von Bülow). Wilder lebte weitgehend zurückgezogen in Beverly Hills, war aktives Mitglied der Academy, die den »Oscar« verleiht, und stand anderen, jüngeren Kollegen mit Rat und Tat zur Seite, so zuletzt auch Helmut Dietl, für dessen für den Auslands-Oscar nominierten Film SCHTONK! er sich einsetzte. Er erlebte, daß einer seiner nachhaltigsten Filme, der Kultfilm SUNSET BOULEVARD, im Zenit der Lloyd-Webber-Musicals ein Bühnenwerk wurde, dessen Londoner Premiere er sich ansah und danach spöttisch mit den Worten kommentierte: »Das könnte der Stoff zu einer guten Verfilmung sein.«
War das der verdiente Stillstand? Das berechtigte Ausruhen auf den erworbenen Lorbeeren? Unter der ruhigen Oberfläche hatte sich in den letzten zwanzig Jahren eine Revolte der Kino- und Filmrezeption vollzogen. Das Kino war dem Fernsehen, der Ausbreitung der Videokassetten und schließlich der Erfindung der DVDs in die Fänge gefallen, die den Film gleichzeitig bedrohten und retteten. Retteten, indem sie neue Spielstätten des Kinos erschlossen, das zum Heimkino wurde – auf breitester populärster Basis.
Als ich Wilder in den neunziger Jahren fragte – damals liefen Filme wie SOME LIKE IT HOT oder THE APARTMENT als Dauerbrenner in den Dritten Programmen und Kulturkanälen des Fernsehens –, ob er denn jetzt nicht unermeßlich reich durch die von allen Kirchs dieser Welt betriebene Ausstrahlung würde, sagte er, daß er im Jahr durch die »Writers Guild« eine Art bescheidenen GEMA-Betrag pro Jahr erhielt, eine Summe im drei- oder vierstelligen Dollarbereich; als er die Verträge seiner Filme abgeschlossen hatte, war die Vermarktung über TV, Video und DVD noch nicht vorgesehen, also vertraglich nicht vorhanden. Erst die nächste Generation der Filmemacher (siehe Lucas, Spielberg) wurde dadurch richtig reich und partizipierte an der neuen Goldgräberzeit.
Wilder nagte gewiß nicht am Hungertuch, aber er bewohnte in Westwood eine relativ kleine Luxus-Eigentumswohnung, fuhr eigenhändig, solange es ihm die Behörden erlaubten, ein Auto, das keine extravagante Limousine war (er hatte den Mercedes Benz gegen einen Lexus eingetauscht), und hatte auch, außer für Stunden, keine Sekretärin mehr.
Dafür aber machte ihn die neue Video- und TV-Zeit zum unsterblichen Klassiker – auch unter ganz jungen Filmfreunden und Video-Sammlern. Er wurde sozusagen »kanonisiert«, Filme wie THE APARTMENT oder SOME LIKE IT HOT, THE LOST WEEKEND, SUNSET BOULEVARD oder auch DOUBLE INDEMNITY nehmen in allen Listen der besten Filme feste Plätze ein. Auch als Drehbuchautor, etwa für die Kästner-Verfilmung EMIL UND DIE DETEKTIVE oder Lubitschs NINOTCHKA, gehört Wilder längst in die »Goethe-Schiller-Liga« der Unverrückbaren. Als ich nach meinem Wilder-Buch das Buch meiner hundert besten Filme schrieb, habe ich, mithilfe meiner Videothek, an diesem Kanonisierungsunternehmen von Anfang an mitwirken können. Das Kino hat, wie die Literatur und die bildenden Künste, inzwischen sein festes Museum, seine lebendige Bibliothek. Der Film hat sich lebendig gehalten – indem er historisierbar wurde und damit für alle, die ihn lieben, sammeln und bewahren, »abrufbar« und »nachspielbar« vorhanden ist.
Billy Wilder, der große Filmemacher moralischer Komödien, der condition humaine in den goldenen Jahren Hollywoods, hat seine Halle des Ruhms – er ist jederzeit für Besucher und Bewunderer da.
1986 wurde Billy Wilder achtzig. Im selben Jahr tauchte in deutschen Programmkinos ein Film wieder auf, der sich 1961 als Flop erwiesen hatte: ONE, TWO, THREE (EINS, ZWEI, DREI) von Billy Wilder. Jetzt war die Geschichte vom Coca-Cola-Vertreter, der von Berlin (West) aus den ganzen Ostblock für seine braune Brause aufreißen wollte, ein Publikumshit. Studenten juchzten über die Ostwest-Romanze, bei der aus einem jungen, gläubigen Kommunisten mittels Konsumterror ein kapitalismusgläubiger Bräutigam für die von ihm geschwängerte Tochter des Coca-Cola-Generaldirektors in Atlanta gemacht wurde – und zwar eins, zwei, drei. Der Film hatte Prophetie: Heute weiß man, daß sich so ganze Länder transformieren oder wiedervereinigen lassen.
Über das plötzliche Comeback der rasantesten Filmkomödie des kalten Krieges wollte ich mit Billy Wilder ein Interview führen. Ich wußte nicht allzuviel über Wilder, aber das, was ich wußte, hatte mich zu einem seiner Fans gemacht. Hatte er nicht Marilyn MonroeMonroe, Marilyn so über einen New Yorker U-Bahn-Schacht plaziert, daß ihr Rock hochwehte und man für Bruchteile von Sekunden ihre Oberschenkel sehen konnte! Und das 1955, als alle Welt noch ›Prüde bin ich, geh zur Ruh!‹ betete. Hatte er Jack LemmonLemmon, Jack und Tony CurtisCurtis, Tony nicht in Frauenkleider und eine Damen-Band gesteckt, und verdankte die Welt nicht ihm die Einsicht, daß nobody perfect sei.
Als Übersetzer Raymond ChandlersChandler, Raymond liebte ich natürlich DOUBLE INDEMNITY (FRAU OHNE GEWISSEN) – den kühlsten Film der ohnehin unterkühlten Schwarzen Serie mit ihrer sentimentalen Sehnsucht nach Gerechtigkeit und ihrer Einsicht, daß Glück mit dem Tod zu bezahlen sei. Als Hollywood-Süchtiger war ich dem SUNSET BOULEVARD (BOULEVARD DER DÄMMERUNG) verfallen, einer Traumstraße, auf der William HoldenHolden, William strauchelte und mit drei Kugeln im Rücken in den Swimmingpool fiel, den er sich immer gewünscht hatte: ein nasses Grab für alle Hoffnungen. Und als Journalist kannte ich ACE IN THE HOLE (REPORTER DES SATANS) und FRONT PAGE (EXTRABLATT) – als nicht gerade schmeichelhafte, aber um so genauere Abbilder meines Berufs. Schließlich hatte ich als Humphrey-BogartBogart, Humphrey-Fan Wilder immer dafür bewundert, wie er aus dem hartgesottenen Rick in CASABLANCA, aus dem Trenchcoat-Zyniker des ›Malteser Falken‹ einen elegant-eckigen Süßholzraspler in einer tränenverhangenen Aschenputtelkomödie geformt hatte, der in abgetragenen Klamotten und mit veralteten Schallplatten (›Ausgerechnet Bananen‹) Audrey HepburnHepburn, Audrey das Herz brach – und das gegen die Konkurrenz eines William HoldenHolden, William, für den Herzknicken eine der leichteren Übungen war. Und dann war ich noch Hitchcock-Anhänger. Und einer der besten ›Hitchcocks‹, mit einem halsbrecherischen Twist am Ende, das dem Meister des Grauens kalte Schauer über den Rücken gejagt hätte, war nicht von Hitchcock, sondern von Wilder: WITNESS FOR THE PROSECUTION (ZEUGIN DER ANKLAGE). Ach, MarleneDietrich, Marlene! Charles LaughtonLaughton, Charles läßt sein Monokel funkeln. Also auf zu Mr. Wilder!
Man hatte mich gewarnt. Man hatte mir erzählt, daß Billy Wilder auch im Büro einen Hut trage, nie Zeit habe und Journalisten mit seinem sardonischen Witz häufig das Genick breche; sie würden von Interviews mit Blaulicht und Sirene weggefahren. Deshalb hatte ich einen Kollegen, Peter Stolle,Stolle, Peter der genauso verrückt wie ich nach Wilder-Filmen war und der den Dialog von SOME LIKE IT HOT (MANCHE MÖGEN’S HEISS) auf deutsch und auf englisch vorwärts und rückwärts mitsprechen konnte, gebeten, mit mir zu fahren. Zwecks gegenseitigem Schutz.
Einen Tag, nachdem wir beide unser Visum beim Amerikanischen Generalkonsulat in Hamburg erneuert hatten, und einen Tag, bevor wir nach Los Angeles (wir sagten schon, mit leicht blasierter Miene, El Ä) fliegen wollten, brach sich mein Möchtegern-Mitfahrer das Bein – indem er mit seinem Auto einen Hamburger Laternenpfahl niedermähte. Aus reiner Vorfreude, wie er behauptete. Aus Angst, wie ich glaube. Jedenfalls fuhr ich allein.
Billy Wilder saß damals in seinem Büro bei United Artists in Beverly Hills am Santa Monica Boulevard, hatte einen Hut auf dem Kopf, abstrakte Kunst (Ellsworth KellyKelly, Ellsworth und Frank Stella)Stella, Frank an der Wand und sechs Oscars im Regal stehen. Er hatte kein Bambusstöckchen in der Hand, mit dem er einst Raymond ChandlerChandler, Raymond beim Drehbuchschreiben in den Wahnsinn, den Suff und in glänzende Dialoge getrieben hatte. Ich starrte ihn an: Er war ein freundlicher Herr, dessen Augen einen durch dicke Brillengläser ermunterten. Ich starrte die Oscars an.
»Ich weiß nicht so recht, was man mit denen anfangen soll«, sagte er, als ich die goldglänzenden Burschen zählte, einen nach dem anderen, genau ein halbes Dutzend. »Sie zum Türaufhalten zu benutzen, wäre zu entwürdigend, und sie auf den Kaminsims stellen – das wäre zu angeberisch. Worauf ich wirklich stolz bin«, sagte Wilder, nachdem ich ihm ehrfürchtig seine Filmpreise in Cannes und Venedig, in Helsinki und Berlin vorgehalten hatte, »worauf ich wirklich stolz bin: daß ich im Kreuzworträtsel der ›New York Times‹ aufgetaucht bin. Schon zweimal. Einmal 17 waagerecht. Und einmal 21 senkrecht.«
Direkt unter den Oscars standen, in hellbraunes Leder gebunden, die Drehbücher, die er geschrieben hatte: einunddreißig Stück, von BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE (BLAUBARTS ACHTE FRAU) von 1938 bis BUDDY, BUDDY (BUDDY BUDDY) von 1981. Es waren Typoskripte, leicht vergilbt die meisten; in denen, die er während des Krieges geschrieben hatte, stand die Mahnung, ›Papier zu sparen‹; in fast allen ein c.d. – was ›cum deo‹ bedeutet. Wilder, alles andere als ein frommer Mensch, hatte das in jungen Jahren bei dem Kollegen Walter ReischReisch, Walter in Berlin gesehen und abgeluchst – »nicht daß ich fromm wäre, aber es kann nicht schaden.«
Wir setzten uns hin und fingen an, uns zu unterhalten. Wir sprachen über den ungarischen Dramatiker Ferenc MolnárMolnár, Ferenc (›Liliom‹): »Wäre es nicht eine gute Idee, das ›Spiel im Schloß‹ zu verfilmen?« fragte er.
Wilder erzählte mir von der Unfähigkeit Marilyn Monroes,Monroe, Marilyn einen Text von vier Wörtern in einem ihrer dunklen Momente fehlerlos vor der Kamera zu repetieren. »Where is the Bourbon?« – »achtzigmal mußte ich das drehen!« sagte Wilder. Im letzten Interview, das ich von ihm gelesen hatte, war es noch dreiundsechzigmal gewesen.
Ich staunte über Wilders Wiener Wortschatz – er kannte so schwierige Wörter wie Powidl-Buchteln, Moissi, Burgtheater und Rapid (der Fußballklub). Anläßlich der Gedächtnisblockaden der Monroe sprachen wir auch über die von Waldheim.Waldheim, Kurt
Die Sekretärin brachte Sandwiches und eine Thermosflasche Kaffee. Um zwei Uhr dreißig begannen wir uns zu duzen. Und dann sprachen wir noch stundenlang.
Am Abend gingen Billy Wilder,Wilder, Audrey seine dunkelhaarige, sehr schlanke und elegante Frau Audrey und ich zu ›Spago’s‹, dessen Koch und Besitzer Puck er mit Wolfgang anredete. Audrey WilderWilder, Audrey suchte mir das Essen aus, Billy und sie konnten sich nicht einigen, was mir am besten schmecken würde – aber sie gewann. Als mein Huhn kam, schob sie mir mit dem Messer energisch alle fünfunddreißig Knoblauchzehen vom Fleisch und bemerkte, daß mein Akzent sie an Gottfried Reinhardt erinnerte.
»Ist mein Akzent wirklich so schrecklich?« fragte ich Wilder. »Schrecklich wäre geschmeichelt«, sagte er. »Aber mach dir nichts draus. Ich bin neulich nach New York geflogen, und als ich mir einen Cocktail bestellte, fragte mich die Stewardeß: ›Wissen Sie, an wen Sie mich erinnern? An Arnold Schwarzenegger!‹Schwarzenegger, Arnold – ›An Schwarzenegger?‹Schwarzenegger, Arnold fragte ich geschmeichelt. ›Wegen meiner Muskeln?‹ – ›Nein, wegen Ihres Akzents.‹«
Als ich nach einer Woche zurückflog, verfügte ich über rund 96 Geschichten aus Wilders Hollywood. Oder waren es 77? »Hast du alles, was du brauchst?« fragte mich WilderWilder, Audrey beim Abschied. »Alles. Ich könnte ein Buch … Hast du je daran gedacht, ein Buch …?« – »Doch, im Halbschlaf. Ich hatte auch schon einen Titel: ›Wer ich war, was ich wurde, was ich bin, und wer bin ich schon, nebbich?‹ Als ich aufwachte, war der Alptraum weg.«
In meinem ›Spiegel‹-Artikel über WilderWilder, Audrey hatte ich dann auch die Geschichte von der Beerdigung des MGM-Moguls Louis B. MayerMayer, Louis B. erzählt. Ich hatte sie in der Wilder-Biographie von Maurice ZolotowZolotow, Maurice gelesen – einem Buch, das von Wilder,Wilder, Audrey milde ausgedrückt, nicht gerade geschätzt wurde. Vor der Synagoge am Wilshire Boulevard habe sich damals eine gewaltige Menschenmenge angesammelt. Als Wilder die vielen Leute sah, soll er einen Spruch Mayers abgewandelt haben: »Give them, what they want – and they’ll come.« – Gib dem Publikum, was es will, und es wird kommen. Wilder schrieb mir einen kurzen Brief. In meinem Artikel, der im großen und ganzen okay sei, sei nur ein kleiner Schönheitsfehler. Die Geschichte von der Beerdigung. »Erstens war es nicht Louis B. Mayer, sondern Harry Cohn.Cohn, Harry Zweitens ist es nicht die Synagoge am Wilshire Boulevard gewesen, sondern die am Hollywood Boulevard. Und drittens habe ich den Satz überhaupt nicht gesagt.«
Ein Jahr später wurde Billy Wilder nach Berlin eingeladen. Er sollte aus Anlaß der 750-Jahr-Feier in einer Vortragsreihe sprechen: als berühmter Ex-Berliner. Und außerdem wollte man ihn zum Professor machen. Wilder akzeptierte unter der Bedingung, daß er, statt einen Vortrag halten zu müssen, ein öffentliches Zwiegespräch mit mir führen könne. Im überfüllten Renaissance-Theater hat er mich dann in einer vergnüglichen Matinee als Punchingball benutzt. Ich stellte ihm Fragen – und er machte sich über sie lustig. Er inszenierte das richtig. Er hatte ein winziges Taschenwörterbuch mitgebracht, mit dem er meine Übersetzungen scheinheilig auf die Probe stellte. Zum Beispiel erzählte er mir eine Anekdote über Charles BoyerBoyer, Charles und suchte das Wort für ›Cockroach‹. Ich kam zu Hilfe: »Küchenschabe.« Er schien nur halb überzeugt und blätterte im Wörterbuch. »Gibt es denn keine Salonschabe, Schlafzimmerschabe, Klosettschabe?« Später hat er mir erklärt, daß er sein Deutsch durch die Lektüre von Heinrich Heine, ›Spiegel‹ und Josephine Mutzenbacher auf dem laufenden halte.
In den nächsten Tagen begleitete ich Billy Wilder stundenlang den Kurfürstendamm hinauf und hinunter. »Zu meiner Zeit«, erinnerte er sich, »hatte noch niemand gewagt, diese herrliche Straße Ku-Damm zu nennen. Bald werden sie womöglich zum Potsdamer Platz Po-Platz sagen. Die Leute in San Francisco können es nicht ausstehen, wenn man ihre Stadt ›Frisco‹ nennt. KuDamm!«
Er blieb besonders gern vor Herrenbekleidungsgeschäften, Buchhandlungen, Galerien und Schuhläden stehen – also fast überall. Der frischgebackene Professor erzählte mir weitere neununddreißig Anekdoten aus seinen Berliner Tagen. Wir sprachen über Gott und die Welt und Arnold Schwarzenegger – ›der berühmteste Österreicher aller Zeiten – vielleicht mit der einzigen Ausnahme Mozart‹.
In Berlin führte er mich zu allen Plätzen, wo er in Untermiete gewohnt hatte. Fasanenstraße, Knesebeckstraße, Savignyplatz, Güntzelstraße, Grolmanstraße, Wittenbergplatz, Sächsische Straße. Der Taschenrekorder war ständig an, ab und zu wechselte ich das Band. »Was machst du denn da?« – »Vielleicht machen wir doch ein Buch.« – »Pure Zeitverschwendung, Herr Eckermann!«
Einmal kamen wir auch, es war abends, an dem Haus am Viktoria-Luise-Platz 11 vorbei. Wilder zeigte nach oben: »Dritter Stock. Familie York-Schulz. Eineinhalb Jahre. Ein winziges Zimmer mit düsterer Tapete. Wand an Wand mit einer ständig rauschenden Toilette.« Wilder erzählte mir, wie er einen Abend zuvor zusammen mit seinem Freund, dem Filmproduzenten Willy Egger,Egger, Willy eine Marmortafel an eben diesem Haus entdeckt habe. Er zeigte sie mir: »Dort!« »Und man hat mich nicht mal um Erlaubnis gefragt«, habe er, halb geschmeichelt, halb entsetzt, zu EggerEgger, Willy gesagt. EggerEgger, Willy und er traten näher. Auf der Tafel stand ›Hier wohnte bis zu seinem Tode Ferruccio Busoni, Musiker – Denker – Lehrer. 1866–1924. Die Societé Dante Alighieri. Comitato Di Berlino anläßlich des hundertsten Geburtstages des Künstlers.‹ EggerEgger, Willy versuchte ihn zu trösten. Aber Wilder sagte nur: »Dabei hätte ich ihnen, um die Wahrheit zu sagen, die Erlaubnis gegeben.«
Inzwischen hat EggerEgger, Willy seinem Freund Wilder auf der Berlinale ’93 eine Überraschung bereitet. Jetzt steht an dem Haus auch die Tafel: ›Hier wohnte auch Billy Wilder.‹ Auch.
Bevor Wilder Berlin verließ, saßen wir in einem Café am KuDamm. Wilder erzählte, wie WylerWyler, William gedreht habe und Howard Hawks.Hawks, Howard Wie Fritz LangLang, Fritz sich jeden Morgen vor Drehbeginn mit bunter Kreide stundenlang jeden Gang und jede Stellung seiner Schauspieler auf dem Bühnenboden im Studio markiert habe und wie Erich von StroheimStroheim, Erich von als Rommel (in FIVE GRAVES TO CAIRO [FÜNF GRÄBER BIS KAIRO]) geschminkt werden wollte.
»Billy, du solltest ein Buch schreiben«, sagte ich. »Wir sollten es gemeinsam …« Er winkte ab.
Vier Monate später tauchte ich wieder in Hollywood auf. Ich rief ihn an. »Billy? It’s me, Hellmuth.« – »Wo bist du?« – »In Hollywood.« – »Und warum?« – »Ein großes Interview. Mit Humphrey Bogart.«Bogart, Humphrey – »Bogart? Der ist doch längst tot.« – »Wirklich? Then I was misinformed« – dann hat man mich falsch unterrichtet, ließ ich so salopp fallen wie BogartBogart, Humphrey in CASABLANCA. »Aber wenn ich schon mal hier bin, habe ich gedacht …« – »You son of a bitch«, sagte Wilder. »Wir könnten’s doch versuchen.« »Laß uns erst mal Mittagessen gehen.«
Von diesem Nachmittag an füllten sich meine Kassetten mit unzähligen Geschichten aus Wilders Leben. Jeden Morgen trafen wir uns genau um zehn vor seinem Büro, machten so ziemlich pünktlich um eins Pause, um schnell ein Sandwich zu essen, dann unterhielten wir uns weiter bis vier, fünf. Am Abend bewirtete mich Billy bei ›Spago’s‹. Ich durfte inzwischen selbst bestellen, was Audrey für mich aussuchte. Das Restaurant war vollgestopft mit Hollywood-Berühmtheiten. Einmal saß zwei Tische weiter Elizabeth Taylor,Taylor, Elizabeth umgeben von vier Verehrern und behangen wie Mr. Gettys Christbaum. Sie bewegte ihr Haupt nur mit äußerster Vorsicht. Wahrscheinlich hatte sie Angst, ihr Gesicht könnte abbröckeln.
Im Mai 1988 kam ich auf vier Wochen wieder. Etwas Merkwürdiges war passiert. Jetzt war er die treibende Kraft. Es gab Auseinandersetzungen, Streitereien hier und da – ein gutes Zeichen, daß es ihm jetzt wirklich ernst war.
Als ich im Juni zurückfuhr, hatte ich vierzig Tonbandkassetten und zehn Notizbücher gefüllt und fast fünf Kilo zugenommen.
In Wien hatte Wilder als Kind Charlie ChaplinsChaplin, Charlie TRAMP gesehen – zehn-, zwölf-, vierzehnmal. Meist ohne Eintrittskarte durch die Hintertür. Der Trick war ein Korken, den man dazwischenklemmte. In Berlin hatte er seinen ersten Film geschrieben – als ›Neger‹ in den roaring twenties. Als er seinen ersten Film als Regisseur drehte, ging die Filmstadt in ihr goldenes Jahrzehnt, dessen Ende er 1950 mit SUNSET BOULEVARD markierte.
Auf den Tonbändern erzählte Wilder, wie seine Großmutter aus Galizien nach Wien auf Besuch zu seinen Eltern kam und Wilders Mutter einen weißen Klingelknopf an der Eingangstür drückte – es klingelte. Die Großmutter schüttelte den Kopf: »Was werden sie sich noch alles ausdenken!« Oder, wie Billy es heute erzählt: »What are they going to think of next?«
Sie dachten sich beispielsweise den Tonfilm aus, und wieder klingelte es. Es war 1929, und Wilder wurde im Gloria-Palast in Berlin Zeuge der ersten Kinotöne in Deutschland. DAS LAND OHNE FRAUEN hieß der Film, den Carmine GalloneGallone, Carmine für die F.P.S.-Film nach dem Roman ›Die Braut Nr. 68‹ von Peter Bolt gedreht hatte. Der Film, der am 30. September 1929 uraufgeführt wurde, war noch zum größten Teil stumm gedreht und mit Musik unterlegt worden. Einzelne Szenen waren jedoch schon synchron mit Sprache und Gesang als Tonfilmszenen aufgenommen worden. Conrad VeidtVeidt, Conrad war der Held des im Goldgräbermilieu Australiens spielenden Sitten- und Abenteuerfilms. »Er ging eine Treppe hinauf und drückte auf eine Klingel. Es klingelte. Tausend Leute sprangen jubelnd und klatschend auf.
Kurz darauf hörte ich den ersten Dialog«, fuhr Wilder fort. »Es klang wie ›Huppa, huppa, muppa, muppa‹ und sollte wahrscheinlich ›Heute nachmittag kommt meine Braut‹ heißen. Oder genau das Gegenteil. Jedenfalls brach das Publikum erneut in riesigen Jubel aus.«
Wilder hat noch viele Filmrevolutionen erlebt. Den Beginn der Farbe, beispielsweise. Alle Produzenten hätten fieberhaft Stoffe gesucht, in denen die britische Kavallerie aus dem 18. Jahrhundert vorkam. »Weil die so schöne rote Uniformen hatte. Auch ein großes Feuer am Ende war sehr gefragt.«
Als man die Todd-A-O-Breitwand erfand, erlebte die Achterbahn ihre Glanzzeit. Das Kino suchte sein Heil in rasanten Berg- und Talfahrten.
Ich habe die Angst erlebt, die das Kino angesichts des damals neuen Fernsehens überfiel. Ich habe erlebt, wie große Kinos in Garagen umgewandelt wurden. Ich habe die Angst nie geteilt, ich wußte doch, daß das Radio und die Schallplatte die Oper nicht vernichtet haben.
Wilder unterbrach sich.
Kannst du dir vorstellen, daß einer der größten Radiostars der Dreißiger und Vierziger ein Bauchredner war?! Es war Edgar Bergen,Bergen, Edgar seine Tochter, die Schauspielerin CandiceBergen, Candice Bergen,Bergen, Edgar ist mit Louis MalleMalle, Louis verheiratet. Ein Bauchredner, im Radio, unendlich populär während der radio days, ist das nicht absurd? Das Aufregende am Show-Geschäft ist, daß man keine Voraussagen machen kann.
Deshalb hat das Fernsehen das Kino auch nicht umgebracht. Die Leute wollen dabeisein, sie wollen bei den ersten sein, sie wollen das Lachen der anderen hören.
Wilder hielt inne.
Der einzelne mag noch so dumm sein, als Publikum, zusammen mit tausend anderen ist er ein Genie. Er hat immer recht. Und wenn es das Kino fertigbekommt, aus dem einzelnen das Publikum zu machen, wenn es schafft, daß er vergißt, für zwei Stunden vergißt, daß er sein Auto falsch geparkt, seine Gasrechnung nicht bezahlt oder sich mit seinem Chef zerkracht hat, dann hat das Kino seinen Zweck erreicht.
Als ich Wilder bei einem späteren Besuch nach ein paar Details aus seinen letzten Berliner Tagen des Jahres 1933 fragte, meinte er, wir könnten für die einzelnen Kapitel seines Lebens Überschriften nach Art der viktorianischen Romane erfinden.
»Zum Beispiel?« fragte ich.
»Wie Billy Wilder im Jahre 1933 um ein Haar HitlerHitler, Adolf getötet hätte.«
Ich schaute ihn an, ein Dutzend Fragezeichen im Gesicht. »Du hast HitlerHitler, Adolf …? Beinahe??«
»Na ja«, sagte er. »Ich hätte es tun können. Zwischen dem 30. Januar, der sogenannten Machtergreifung, und dem Reichstagsbrand, nach dem ich Deutschland Hals über Kopf verließ, sozusagen fünf Minuten nach zwölf. Ich saß im Ufa-Palast in einer Loge, und in der Loge daneben saß Hitler.Hitler, Adolf Ich hätte ihn erschießen können …«
»In einer Loge daneben?« fragte ich. »Weißt du noch, welcher Film das war?«
»Nein«, antwortete Billy Wilder. »Aber vielleicht sollten wir besser sagen, daß HitlerHitler, Adolf drei, vier Logen weiter saß. Das klingt wahrscheinlicher. Und wahrscheinlich saß ich überhaupt im Parkett.«
»Jedenfalls hast du ihn nicht erschossen«, sagte ich.
»Nicht einmal fast«, sagte Wilder, »mir fehlten zwei Dinge: Courage und ein Revolver.«
Aber wahr ist die Geschichte dennoch. Die Premiere, die Wilder höchstwahrscheinlich gemeinsam mit HitlerHitler, Adolf besucht hatte, war die von Gustav UcickysUcicky, Gustav U-Boot-Film MORGENROT am 2. Februar 1933, der erste Tribut, den die Ufa den Nazis zollte. HitlerHitler, Adolf und seine engsten Mitarbeiter belegten den ersten Rang des Ufa-Palastes am Zoo; GoebbelsGoebbels, Joseph notierte über den Film zwei Tage später in sein Tagebuch: »Zu leben verstehen wir Deutschen vielleicht nicht; aber sterben, das können wir fabelhaft.«
Als ich Wilder das nächste Mal besuchte, hatte er gerade den ›Thalberg Award‹ bekommen. Als er im November 1989 seine große Gemäldesammlung in New York bei ›Christie’s‹ versteigern ließ, saß ich neben ihm und erlebte, wie stolz er war, daß seine Picassos, Boteros, Schieles und Klees sich glänzend behaupteten und 32,6 Millionen Dollar brachten – mehr, als er je mit seinen Filmen verdient hatte. »Und dabei bin ich damals mit elf Dollar in der Tasche in New York angekommen«, sagte er, um sich den bitteren Abschied von seinen Bildern und Skulpturen zu versüßen.
Juli 1990. Ich war wiederum für vier Wochen bei Wilder. Ursprünglich war der Besuch für Januar geplant gewesen, aber im Dezember 1989 war Wilders Wohnung abgebrannt – das heißt, er mußte sein Apartment in der Wilshire Terrace am Wilshire Boulevard in Westwood, Ecke Beverly Glen, nach über dreißig Jahren räumen.
»Es war vier Uhr morgens«, erzählte Wilder. »Audrey und ich hatten nichts gehört. Audrey hatte den Rauch gerochen, war aufgestanden, hatte erst ihren Schmuck zusammengepackt und mich dann geweckt …«
Einen Tag später las ich WilderWilder, Audrey seine Schilderung der Brandnacht aus meinem Manuskript vor. »Es war vier Uhr morgens. Audrey und ich hatten nichts gehört. Audrey hatte den Rauch gerochen und mich geweckt …«
WilderWilder, Audrey unterbrach mich. »Du hast vergessen, daß Audrey erst ihren Schmuck zusammenpackte, bevor sie mich weckte.«
»Gut … mich dann geweckt. Alle Hausbewohner drängten in den Lift. Obwohl an jedem Aufzug steht, daß man den elevator im Falle eines Brandes nicht benutzen darf.«
»Dann«, fuhr WilderWilder, Audrey fort, »standen wir alle im Freien auf dem nächtlichen Wilshire Boulevard herum, während die Flammen sich näher und näher an unseren Apartmentflügel heranfraßen. Und während wir herumstanden, trat schließlich eine uralte Dame auf Audrey zu und sagte ganz nervös, daß sie um neun Uhr eine Verabredung im Haar-Salon im Mezzanin unseres Hauses habe. Ich: ›Wo ist das Problem? Sie haben doch noch zwei Stunden Zeit.‹ Aber sie blieb besorgt: ›Man muß zahlen, wenn man nicht pünktlich ist!‹
Während ein Millionenschaden entstand, wollte sie keine zwanzig Dollar für einen versäumten Friseurbesuch aus dem Fenster werfen.«
WilderWilder, Audrey erlebte immer Filmszenen – und es sind Szenen aus Wilder-Filmen, die zu Unrecht als zynisch verschrien sind. Sie sind nur wahr.
Im Juli 1990 also, während WilderWilder, Audrey und ich an Wilders Leben herumredigierten, erreichte ihn die Nachricht, daß er im Dezember in Washington im Weißen Haus mit der ›Kennedy-Medaille‹ geehrt werden sollte. Die Nachricht kam über seinen Anrufbeantworter, der mehrere Anrufe aus Washington D.C. registrierte. Dringend. Mit der Bitte um Rückruf.
Zur selben Zeit diskutierte ganz Amerika die Berufung eines Obersten Richters für den Supreme Court durch Präsident Bush. Also erzählte WilderWilder, Audrey in den nächsten Tagen allen Reportern, die ihm zur ›Kennedy-Medaille‹ gratulierten, eine typische Wilder-Version. Ja, er sei mehrfach dringend aus Washington angerufen worden, leider hätten die Anrufer nur seinen Anrufbeantworter erreicht – und so habe er schon geglaubt, als er immer wieder gebeten worden sei, in Washington zurückzurufen, er sei in den Obersten Gerichtshof berufen worden. Er sei zwar kein Jurist … Die Auszeichnung hatte sich in eine Wilder-Pointe verwandelt. Halb spöttisch, halb geschmeichelt wiederholte er, was er schon einmal öffentlich anläßlich einer Ehrung erklärt hatte: »Auszeichnungen und Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jedes Arschloch.«
Ein Zitat? Ein Selbstzitat?
Mir fiel ein, was mir Wilder von Samuel GoldwynGoldwyn, Samuel erzählt hatte, ein ›Goldwynismus‹. Der hatte sich eines Tages den HAMLET mit Laurence Olivier angesehen. »I saw Hamlet last night«, erzählte er am nächsten Morgen. Und fügte hinzu: »It’s full of quotations.« – Jede Menge Zitate.
Auch Wilder steckte voller Zitate. »Nobody is perfect« ist nur das bekannteste. Dabei stimmt es, wenn man Billy Wilder kannte, nicht einmal. Oder bestenfalls zu fünfzig Prozent. Oder sagen wir: vierzig.
Mit dem Alter kamen weitere Preise. 1982 der ›Felix‹, der europäische Versuch, ein Pendant zum Oscar zu schaffen. Als Wilder in Babelsberg in Abwesenheit gefeiert wurde, ließ er ein Videoband schicken, auf dem er einem ihn interviewenden Jack LemmonLemmon, Jack erklärte, mehr Preise könne er jetzt nicht mehr entgegennehmen. Seine Putzfrau streike, weil sie zu viele Figuren abstauben müsse.
Im Februar 1993, als ihm der ›Berliner Bär‹ verliehen wurde, kam Wilder persönlich. Angeblich, weil seine Frau Audrey endlich ihre Pelze tragen und zeigen wolle, was im ewig warmen Hollywood sehr schwer sei.
Als Wilder am letzten Berlinale-Abend als letzter Preisträger ausgezeichnet wurde, schritt er leichtfüßig auf die Filmbühne des Zoo-Palasts: Er habe, als er vor einigen Wochen die Nachricht von der Auszeichnung erhalten habe, vor Aufregung mehrere Nächte nicht einschlafen können. »Immer wieder habe ich mich gefragt: ›Habe ich es verdient?‹ Schließlich sagte ich mir am dritten Abend: ›Ja, ich habe es verdient.‹ Und konnte wieder schlafen.«
Vorausgegangen war Wilders kurzer Dankesrede ein Akt voller Peinlichkeit. Moritz de Hadeln,Hadeln, Moritz der Berlinale-Leiter, hatte die beiden Goldene-Bär-Preisträger Xie Fei (aus der Volksrepublik China) und Ang Lee (aus Taiwan) bei ihren Dankbarkeits- und Glücksäußerungen, die zudem noch eine historische Annäherung der beiden feindlichen chinesischen Staaten ausdrückte, ungeduldig und flegelhaft unterbrochen und de facto von der Bühne geschoben, genug geredet!
Diesem Affront des Gastgebers begegnete Wilder, indem er dem anschließenden Empfang fernblieb. Und indem er mir am nächsten Tag erzählte, er hätte eigentlich seine Dankrede länger halten wollen, habe aber gefürchtet, er wäre dann auch von de HadelnHadeln, Moritz von der Bühne geschoben worden.
Wochen später sprach ich zufällig noch einmal mit ihm telefonisch über die Berlinale. Und da hatte er die peinliche Gastgeberentgleisung schon weiter verarbeitet. »Ich hatte mir überlegt«, so Wilder, »bei der Dankesrede zu sagen, daß ich mir Gedanken gemacht hatte, in welcher Sprache ich danken sollte. Auf englisch? Auf deutsch? Oder auf französisch oder italienisch? Auf keinen Fall jedoch auf chinesisch, weil ich nicht von Herrn de HadelnHadeln, Moritz von der Bühne geschubst werden wollte.«
Ein Kobold, noch mit siebenundachtzig Jahren.
Das Leben ist wie eine Lawine.
Es geht mal rauf und mal runter.
Romanisches Café Berlin
Der 30. November 1916, der Tag der Beerdigung von Kaiser FranzFranz Joseph I. (Kaiser) Joseph I., war, wie sich Billy Wilder erinnert, ein verregneter, kalter Spätherbsttag in Wien, ein trüber Tag im dritten Kriegs- und Hungerjahr. Neun Tage zuvor, am 21. November um 21.05 Uhr, war der österreichische Kaiser mit siebenundachtzig Jahren in seinem Schloß Schönbrunn nach achtundsechzigjähriger Regentschaft gestorben.
Es war Wilders erstes Jahr im Gymnasium, sein Vater hatte ihn mit ins Café Edison genommen, weil hier, am Donaukanal, der Trauerkondukt vorbeiführen sollte.
Mein Vater hatte mich im ersten Stock auf einen Marmortisch beim Fenster gestellt, von wo aus ich die Menschen in langen schweigenden Reihen auf der Straße sehen konnte. Dann, nach langem Warten, kam der Trauerzug; langsam, gemessen zog er vorbei. Ich erinnere mich an all die schwarzgekleideten feierlichen Menschen, von denen mir mein Vater sagte, wer sie waren. Der deutsche Kronprinz war da, die Könige von Bayern, von Sachsen und von Bulgarien, die Abordnungen der Türkei. Hinter dem Sarg schritt das junge Kaiserpaar, Kaiser KarlKarl I. (Kaiser) I. und Kaiserin Zita.Zita (Kaiserin) Man sah die schwarz geschmückten Pferde, die düsteren Uniformen. Erst später habe ich gehört, daß die Menschen den Trauerzug – mitten während der Schrecken des Krieges und in all dem Elend und Hunger – eher mit stummer Gleichgültigkeit vorbeiziehen sahen; damals war ich von der Größe und Feierlichkeit zutiefst beeindruckt.
Und inmitten dieser ganzen schwarzen Pracht gab es einen einzigen weißen Punkt, eine helle, strahlende Erscheinung, eine künftige Lichtgestalt in all der Düsternis. Das war Kronprinz OttoHabsburg, Otto von, der, ein Kind wie ich, er mochte vielleicht zwei, drei Jahre jünger sein, ganz in weiß gekleidet war. Er trug die Uniform der Honved-Husaren, sein Tschako schmückte eine weiße Feder.
Ich bewunderte, ich beneidete ihn. Er schien mir die Zukunft der Welt. Obwohl er jünger war als ich, würde er König, würde er Kaiser werden. Kaiser und König, Herrscher der Welt. Er war ein Traumprinz, und ich war Zeuge, wie die Geschichte an mir, der ich auf dem Marmortisch im Café stand, vorbeidefilierte. Und für einen Augenblick verlor ich mich in dem Zug wie in einem Traum, ich träumte mich hinein in den weißen Prinzen in der weißen Uniform, ich wurde, während sich mein Blick verschleierte, eins mit ihm, nahm seine Stelle ein.
Fünfundzwanzig Jahre später sah Wilder seinen Traum wieder. Er hatte inzwischen Wien und Berlin und Paris und Europa verlassen und war als Drehbuchautor bei den Paramount Studios in Hollywood beschäftigt.
Eines Mittags saß ich in der Kantine, und wie so oft nach dem Essen spielten einige Kollegen und ich noch so eine Art Scrabble auf kariertem Papier, Fünf-Buchstaben-Wörter senkrecht und waagerecht. Da kam Luigi LuraschiLuraschi, Luigi vom Front Office herein, trat an unseren Tisch und sagte zu mir: »He, Wilder, Sie müssen mir helfen!« Luraschi,Luraschi, Luigi ein sprachgewandter Mann, mußte sich immer um die ausländischen Gäste und Besucher kümmern. Er hatte, wie er mir sagte, einen Landsmann von mir am Halse: »Ich weiß nicht, was ich mit dem Kerl anfangen soll.«
Ich stand nicht gerade begeistert auf. LuraschiLuraschi, Luigi sagte zu dem Besucher: »Ich wollte Ihnen einen Landsmann vorstellen. Der ist einer unserer Drehbuchautoren. Billy Wilder aus Österreich, aus Ihrer Heimat, aus Wien. Das, Mr. Wilder, ist Otto von Habsburg.«Habsburg, Otto von
Da stand also der Junge in der weißen Uniform als Mann im grauen Anzug vor mir, und ich überlegte, wie ich ihn ansprechen sollte. ›Ihre Majestät!‹ oder ›Herr Kronprinz!‹ oder einfach ›How are you doin’, Otto? Glad to see you again!‹ Schließlich entschied ich mich für: »Was führt Sie hierher?«
Mein Traumprinz war also auf einer Vorlesungstournee durch Universitäten im Westen der USA, um sich über Wasser zu halten – und es waren nicht gerade die Top-Universitäten, durch die er damals tingelte: das Long Beach College, Pomona und Peperdine. Und da er schon in der Gegend war, wollte er eine Traumfabrik besichtigen – jeder hat seine eigenen Träume.
Eine Stunde lang haben wir uns auf wienerisch unterhalten. Ich erzählte ihm von den Hungerjahren während des Krieges. Wie ich und mein Bruder im bitteren Winter für eine Handvoll Kartoffeln sechzehn Stunden Schlange stehen mußten.
Er wollte alles über Nelson EddyEddy, Nelson und Jeannette MacDonaldMacDonald, Jeannette wissen. Und ob der Zeitpunkt nicht günstig wäre, um einen großen Ausstattungsfilm über die alte Donaumonarchie zu drehen. Als Fachberater stünde er eventuell zur Verfügung …
Und dann schweift Wilder ab, da ja gerade von mehr oder weniger gekrönten Häuptern die Rede sei, die Hollywood ihre Aufwartung machten:
Als wir 1954 SABRINA drehten, wurde uns während der Dreharbeiten die Ehre zuteil, daß uns der griechische König und die griechische Königin besuchten, die damals noch nicht ahnten, daß sie Staatsoberhäupter auf Abruf waren. Das Studio rollte einen roten Teppich für die Majestäten aus. Man schleppte zwei mit Goldpapier beklebte Throne aus dem Möbelfundus. Ich stellte die Hauptdarsteller vor: Humphrey Bogart,Bogart, Humphrey William HoldenHolden, William und Audrey Hepburn.Hepburn, Audrey Ich hatte den Verdacht, daß Hollywood die Dreharbeiten zu diesem Film deshalb für das Besuchsprogramm der Majestäten vorgesehen hatte, weil man sicher war, daß die noble Audrey einen perfekten Hofknicks machen würde – und das nicht nur, weil sieHepburn, Audrey zuvor eine Prinzessin in ROMAN HOLIDAY gespielt hatte; sie ist die Tochter einer holländischen Baronesse und eines britischen Bankiers, weiß also, wie man mit besseren Leuten umgeht. Wir probierten also vor den königlichen Besuchern, und als wir zur Aufnahme fertig waren und mein Assistent »Ruhe! Wir drehen!« rief, ertönte von der Beleuchterbrücke eine Stimme: »He, Queen, wo hast du gestern abend gesteckt, als ich dich beim Pokern für einen straight brauchte?«
»Madame, dies ist ein Restaurant
und keine Weide!«
Der Küchenchef eines Bistro
in NINOTCHKA, als sie
rote Rüben und Karotten bestellt
Billy Wilder wurde am 22. Juni 1906 in Sucha geboren. Seine Eltern, seine Großeltern stammen aus Galizien – einer Provinz der österreichisch-ungarischen Monarchie, auf die man in Wien mit Hohn und Spott und einem Beigeschmack von Antisemitismus herabblickte. Er kommt aus einer Familie von Gastwirten und Hoteliers, die Großmutter besaß in Novy Targ ein Hotel namens ›Zent’al‹. Das ›r‹ war irgendwann um die Jahrhundertwende verschwunden. Das Hotel hatte ganze neun Zimmer, ›zent’al‹ war nur das eine Bad für alle Gäste. Novy Targ, am Zusammenfluß der Schwarzen und Weißen Dunajec gelegen und ein Eisenbahnknotenpunkt zweier Linien, war Sitz eines österreichischen Bezirkshauptmanns und hatte in Wilders Kindheit sechs- bis siebentausend Einwohner. Es war, 593 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, die letzte Station vor dem Anstieg zum Tatra-Gebirge und dem Winterkurort Zakopane. Auch Johannes Paul IIJohannes Paul II., so Wilder, stamme von dort. Wilders Großmutter war zum zweitenmal verwitwet. Ihr erster Mann hieß Dittler, der zweite Baldinger. Ihren Vornamen hat Wilder vergessen. Er versuchte später, ihn in den Listen von Auschwitz zu finden. Vergebens. Die Großmutter war die letzte der Frommen in der Familie: Kerzen am Freitag, Fasten am Jom Kippur und ein koscheres Restaurant für die orthodoxen Reisenden. Der Vater betrieb eine Zeitlang einige Bahnhofsrestaurants. Hielt damals ein Zug, so stiegen die Reisenden aus und gingen ins Restaurant essen, bis sie der Stationsvorsteher mit einer großen Glocke wieder zum Einsteigen aufforderte. Die Lokale von Wilders Vater lagen entlang der Strecke von Wien, Preßburg, Brünn, Mährisch-Ostrau, Krakau nach Lemberg. Bevor die Familie sich 1910 in Wien niederließ, zog sie oft von einer Stadt zur anderen, der kleine Billie, wie die Mutter ihn nannte, führte ein Zigeunerleben. Ich fragte Wilder nach seinen Erinnerungen an diese Zeit. Nun war es an manchen Tagen nicht gerade leicht, mit ihm ein geordnetes Gespräch zu führen – es artete oft in eine Art catch as catch can aus: man sprach, während er Ferngespräche führte oder Besucher kamen, die eben mal eine Frage hatten, ein Autogramm wollten oder sich einen Rat holten. An diesem Tag folgte ich ihm außerdem zu seinem Schneider und zu einem Galeristen. Und dann mußte er noch zum Arzt. »Ist es was Ernstes?« fragte ich. Und Billy antwortete mir mit einem Witz:
Es ist Winter, ein österreichischer Offizier ist in die tiefverschneite galizische Garnisonsstadt versetzt worden und hat sich dort in die Tochter des Bürgermeisters, sie heißt Annemarie, verliebt. Eines Nachts, die Liebe läßt ihn nicht schlafen, steht er auf, zieht sich an, geht zum Haus des Bürgermeisters und pißt, um seiner Angebeteten seine Zuneigung zu beweisen, den Ausruf: ›Ich liebe dich, Annemarie!‹ in den Schnee. Das heißt, er will ihn in den Schnee schreiben, aber als er ›Ich liebe dich, Anne …‹ geschrieben hat, geht ihm der Urin aus. Er stürzt zurück in die Kaserne, weckt seinen böhmischen Burschen, befiehlt ihm, sich anzuziehen und mitzukommen. Er hetzt ihn zum Haus des Bürgermeisters. Er befiehlt ihm, den Hosenschlitz zu öffnen. Er kommandiert: »Hier! Und jetzt pißt du … marie in den Schnee.« Beim Burschen, er steht stramm, das Ausführungsorgan in der Hand, rührt sich nichts. Schließlich fährt ihn der Leutnant an: »Was ist, Prohaska, kannst du nicht pissen?« – »Pissen schon, Herr Leutnant, aber nicht schreiben.«
Billy Wilder erklärte mir, wie sich für ihn die Perspektive des Witzes im Laufe seines Lebens verändert habe. Er müsse zum Arzt, einem Urologen, da sei ihm der alte Witz eingefallen. Bei ihm sei es genau umgekehrt. Schreiben könne er schon …
Ich kann mich an Galizien nur noch durch die Sommerbesuche bei meiner Großmutter erinnern. Ich schlief bei ihr im Zimmer, und jeden Abend, bevor wir uns schlafen legten, bückte sich meine Großmutter unter mein und ihr Bett und sagte: »In letzter Zeit fürchte ich mich so vor Dieben.« Das sagte sie jedesmal. Abend für Abend. Jahr für Jahr.
Ich erinnere mich an den besonders heißen August 1914. Mein Vater besaß in Krakau das Hotel City, es lag am Fuße des Schlosses, in der Nähe der Jagiellonen-Universität, hatte eine große Terrasse, auf der im Sommer die Gäste saßen, Kaffee mit Schlagobers tranken, Guglhupf aßen und sich unterhielten, während eine Kapelle Kurkonzertmusik spielte, Franz von Suppé, ›Dichter und Bauer‹.
Plötzlich stieg mein Vater in gestreiften Hosen und einem Cutaway auf das Musikpodium und unterbrach mit einer Armbewegung die Musik. Feierlich sagte er zu den Gästen: »Meine Damen und Herren. Es wird heute keine Musik mehr geben. Unser Erzherzog FerdinandFerdinand (Erzherzog) ist in Sarajevo ermordet worden.«
Meine Mutter, mein Bruder, mein Vater und ich fuhren in einer gemieteten Droschke zurück nach Wien. Die Eisenbahnen waren alle hoffnungslos überfüllt, aus Angst vor den Russen flohen viele Menschen.
Wilder erzählt noch eine zweite Erinnerung an den Kriegsausbruch. Er habe den sehr heißen Sommer 1914 in den Schulferien bei seiner Großmutter erlebt. Während draußen die Hitze brütete, saß er im kühlen, abgedunkelten Zimmer, in einem Thonet-Schaukelstuhl, schaukelte, träumte und las. Da sei der Krieg ausgebrochen, alles war in wilder Flucht vor den Russen. An Zugfahrt sei nicht zu denken gewesen. Die Großmutter habe Pferd, Kutsche und Kutscher aufgetrieben, der kleine Billie wollte den geliebten Schaukelstuhl mitnehmen. »Du mußt dich entscheiden«, habe die Großmutter gesagt, »entweder der Stuhl oder ich. Für beide ist kein Platz.« Billie habe sich für den Stuhl entschieden und eine Ohrfeige von der Oma bekommen.
Welche Geschichte ist wahr? Wilder schließt die Augen. Er versucht sich, fast achtzig Jahre später, zu erinnern. »Den Vater vor dem Kurorchester habe ich noch ganz deutlich vor Augen. Obwohl – vielleicht hat mein Bruder mir die Geschichte erzählt.« Und die Oma? Diese Erinnerung hat Wilder zum erstenmal im Zusammenhang mit einer Ausstellung seiner Thonet-Möbel berichtet – eine Pointe, um eine lebenslange Liebe zu erklären.
Galizien wurde zum Kriegsschauplatz, wobei das Land bald von den russischen Soldaten, bald von den österreichischen Soldaten überrollt wurde. Vor allem um die Stadt Przemyśl wurde heftig gekämpft, weil sie eine außergewöhnliche strategische Bedeutung hatte. Mal wurde sie von den Russen erobert, dann wieder von den Österreichern zurückerobert …
Und immer, wenn die Stadt wieder in die Hände der Österreicher fiel, brachten die Wiener Zeitungen Extraausgaben. Einmal, die Stadt war gerade wieder in einer heftigen Schlacht umkämpft, stürmte ein Reporter atemlos in die Redaktionsräume des ›Wiener Tagblatts‹, der größten Morgenzeitung Wiens, und schrie: »Przemyśl ist in die Hände der Abendzeitungen gefallen.«
Wollte Wilder in seinem Kriegsfilm FIVE GRAVES TO CAIRO, den er im Januar und Februar 1943 drehte, an solche Szenen erinnern? In dem Film fällt ja ein Hotel in Ägypten auch einmal den Nazis, dann wieder den Engländern und dann wieder Rommels Armee in die Hände.
FIVE GRAVES TO CAIRO geht auf den Roman ›Hotel Imperial‹ des ungarischen Autors Lajos BiróBiró, Lajos zurück. Der Roman spielt im Ersten Weltkrieg in Przemyśl. In der Hotelhalle hängt ein großes Porträt des Kaisers Franz Joseph. Wenn die Russen die Stadt erobern, dreht der Portier das Bild einfach um, und man sieht den Zaren Nikolaus Alexander. BirósBiró, Lajos Roman ist 1927 schon einmal verfilmt worden. Damals war Erich Pommer,Pommer, Erich Wilders Chef bei der Ufa, der Produzent und der Schwede Mauritz Stiller,Stiller, Mauritz der Entdecker, Freund und Mäzen der GarboGarbo, Greta, der Regisseur. Die Hauptrolle in diesem Stummfilm spielte Pola Negri.Negri, Pola 1936 wollte Ernst LubitschLubitsch, Ernst den Roman mit Marlene DietrichDietrich, Marlene und Charles BoyerBoyer, Charles verfilmen, aber das Projekt wurde nie realisiert. Der Stoff gehörte der Paramount, und zu Beginn des Krieges dachten Charles BrackettBrackett, Charles und Wilder, man könnte einen hochaktuellen Film daraus machen, und zwar vor dem Hintergrund des Afrika-Krieges zwischen RommelRommel, Erwin und Montgomery. Das Bild, das jetzt in der Hotelhalle des Hotels ›Empress of Britain‹ hing, zeigt die Queen Victoria. Der Wirt entschuldigt sich bei den Deutschen, er habe das Hotel schon mit dem Namen ›Empress of Britain‹ gekauft. RommelRommel, Erwin läßt mit der Reitgerte einen Vorhang über das Bild fallen, und als später die Engländer die Oase mitsamt dem Hotel zurückerobern, wird das Bild der Königin wieder auf Hochglanz poliert. Mitten im Krieg gegen die Nazis wollte Wilder in der Figur des Hoteliers keinen Opportunisten zeigen, sondern einen ägyptischen Kollaborateur der Briten.
Was ich am meisten an den
Österreichern hasse, ist, daß ich die
Österreicher nicht hassen kann.
Billy Wilder,Wilder, Willie 1945
Billy WilderWilder, Willie stammt unverkennbar aus Wien. Sein Deutsch ist wienerisch gefärbt, und zwar wienerisch, wie es in den besseren Bezirken um den Ring gesprochen wird. Und sein Englisch? »My English«, sagt er, »is a mixture between Arnold Schwarzenegger and Archbishop Tutu.« WilderWilder, Willie hatte die Eleganz eines Herrn aus Wien nie abgelegt, er hatte sie nur mit amerikanischer Saloppheit kombiniert. Er liebte die Wiener Küche, ja, er schuf sich in Hollywood Restaurants, in denen er Gulasch und Kaiserschmarrn essen konnte. Er hatte unter den Restaurantbesitzern viele Freunde, und wenn er kam, kochten sie ihm ein Wiener Menü. Ab und zu intonierte er mit gespielt übertriebener Inbrunst Melodien aus Wiener Operetten: ›Land des Lächelns‹, ›Lustige Witwe‹ und ›Czardasfürstin‹.
Es gibt die These, daß die Väter Hollywoods, die großen Produzenten wie die entscheidenden Regisseure, fast ausnahmslos ohne die starke Autorität eines Vaters aufgewachsen seien. Billy WilderWilder, Willie hatte einen schwachen Vater, den er liebte, und eine starke Mutter, die ihm fremd blieb. Er erinnert sich, wie er seinen älteren Bruder beneidete, der mit dem Vater sein durfte, während er mit der Mutter in Marienbad, wo sie zur Kur ging, Ferien machen mußte. Es war langweilig, er durfte sich nicht schmutzig machen und daher auch nicht mit anderen Kindern spielen.