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Mit 45 Fotos und vier Karten

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2011

ISBN 978-3-492-95348-1

© Piper Verlag GmbH, München 2011

Redaktion: Fabian Bergmann, Ismaning

Fotos im Bildteil: Archiv Bruno Baumann, bis auf S. 13 oben links und unten rechts und 14 unten: Jan Bernotat

Fotos im Text: Bruno Baumann, bis auf Kapitel I und VI: Archiv Bruno Baumann

Karten: Eckehard Radehose, Schliersee

Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas, Egling

Umschlagabbildungen: Bruno Baumann

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

»Ich habe schon von Schafen und von Kristallen gelernt,

warum sollte mich die Wüste nicht auch etwas lehren«,

überlegte er.

»Sie scheint mir noch älter und weiser zu sein.«

Paulo Coelho

KAPITEL I

Der Wüste begegnen

Die Augen und die Wüste fanden zueinander,

die Wüste legte sich über die Netzhaut,

lief davon, wellte sich näher heran,

lag wieder im Aug’, stundenlang, tagelang.

Immer leerer werden die Augen,

immer aufmerksamer, größer,

in der einzigen Landschaft,

für die Augen gemacht sind.

Ingeborg Bachmann

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Blick von einem der Felstürme im Ennedi über die Wüste, die sich als ein Raum ozeangleicher Weite offenbart – Widerschein meiner Sehnsucht

Es war noch dunkel, als ich aus dem Schlafsack kroch. Ringsum im Lager schien alles fest zu schlafen. Selbst die Kamele rührten sich nicht. Mit ihren massigen Leibern, die sich schemenhaft gegen den Sternenhimmel abhoben, wirkten sie wie Schiffe, die im Hafen lagen, um aufgetakelt zu werden. Der Sand war kalt wie Schnee, und mich fröstelte, während ich mit klammen Fingern die Liegematte einrollte. Die wenigen Habseligkeiten waren schnell zusammengepackt. Ich nahm nur das Allernotwendigste mit, gerade so viel, um für eine mehrstündige Wüstenwanderung gerüstet zu sein. Eigentlich wollte ich mit der Karawane gehen, aber jetzt, wo es nur noch weniger Schritte bedurfte, um der Wüste zu begegnen, drängte es mich, allein loszuziehen. Wie lange hatte ich davon geträumt, in die Wüste zu gehen, hatte es mir in meiner Phantasie ausgemalt; nun würden sich zum ersten Mal Vision und Wirklichkeit begegnen. Ohne störenden Tross, so glaubte ich, würde ich die Wüste intensiver erfahren, mich mit allen Sinnen darauf einlassen können. Vielleicht hatte ich letzte Nacht einfach nur von jenem Zaubertrank gekostet, der einen nötigt, unter den Sternen durch die Wüste zu wandern.

Stundenlang hatte ich wach gelegen, hatte nichts anderes getan, als in den Sternenhimmel hineinzuschauen. Und ich wurde nicht müde dabei. Wo hatte ich Vergleichbares gesehen? Nicht einmal auf dem Dach der Welt. In der Wüste gibt es keinen Berg, der das Blickfeld begrenzt, nichts, was die Augen daran hindert, von Horizont zu Horizont zu schauen. Über diese Weite spannt sich der Himmel auf, tagsüber von grellem Licht erfüllt und nachts mit Sternen übersät, die wie die Splitter eines zerstäubten göttlichen Spiegels wirken. In der trockenen Wüstenluft, aus der alle Feuchtigkeit entwichen war, erweckten sie in jener Nacht den Anschein, als wären sie um Lichtjahre näher gerückt. Und es waren so viele, dass ich meinte, neben den bekannten Sternbildern immer wieder neue zu entdecken.

Jeder Handgriff war Routine: Sturmbekleidung, Sonnenschutz, Kompass und Karte, alles stopfte ich nacheinander in den Rucksack. Schlafsack und Matte blieben bei den Kamellasten zurück. Zuletzt füllte ich meine Wasserbehältnisse ab. Drei Liter. Damit musste ich auskommen. Das war die Menge, die jedem in der Karawane als Tagesration zustand. Dann schulterte ich den Rucksack und zog los. Er fühlte sich nicht schwer an, stellte ich erleichtert fest, sodass er mir auch im weichen Sand nicht zur Last fiele. Vor mir dehnte sich eine flache Steppe aus, die das Mondlicht in ein weiches, seidenes Blau tauchte. Da und dort zeigten sich Sträucher, die sich als dunkle Flecken abhoben. Dann jedoch der radikale Bruch: Sand, kein Grashalm mehr, nichts Lebendiges. Gegen den Horizont zeichneten sich silhouettenartig die gerundeten Formen der Sanddünen ab. Ein ganzer Sternenregen schien auf sie herabzufallen. Immer näher traten die Dünen heran, und bald umzingelten sie mich zu allen Seiten. Anfangs versuchte ich noch, einen möglichst geraden Kurs zu halten, doch rasch wuchsen die Sandgebilde höher und zwangen mir mehr und mehr einen Zickzackweg auf. So gut es ging, bemühte ich mich dabei, den Dünentälern zu folgen. Das sparte nicht nur Kraft, sondern diente auch meiner Sicherheit, denn ich musste darauf achten, dass ich der nachfolgenden Karawane eine erkennbare Spur hinterließ. In diesem Meer der Wanderdünen, wo es keine markanten Geländemerkmale gab, an denen man sich hätte orientieren können, blieb diese Spur die einzige Verbindung zur Karawane. Ohne sie wäre ich hier schnell verloren gewesen. Auf den Höhen und Kämmen der Dünen konnte der Wind die Spuren leicht verwehen. Am ehesten würden sich die Abdrücke in den Senken erhalten. Bei einem Sturm freilich würden selbst dort alle Spuren im Nu verwischt sein. Aber daran mochte ich nicht denken.

Von Zeit zu Zeit aber musste ich, um meine Richtung zu peilen, auf einen der hohen Sandberge steigen. Oben angekommen, nahm ich den Kompass zur Hand, visierte die Richtung an, der ich folgte, prägte mir eine markante Düne ein, die in dieser Richtung lag, und lief auf sie zu. Hatte ich sie erreicht, orientierte ich mich von dort auf dieselbe Weise weiter. So bewegte ich mich zwar in einer Schlangenlinie fort, doch stets in eine Richtung, die mich beherrschte.

Meine anfängliche Befürchtung, ich könnte mich bei Nacht im Dünengewirr verirren, erwies sich als unbegründet, denn ich hatte den Mond unterschätzt. Sein Silberschein verlieh der Wüste Konturen. An manchen Stellen funkelte und glitzerte die Sandoberfläche sogar, als würden Millionen Eiskristalle darauf tanzen. Wann wusste ich zu Hause, wie es dem Mond ging? Selten genug. Hier wurden die Gestirne wieder zu natürlichen Begleitern, zum Maßstab für Zeit.

Allmählich wechselte die Wüste ihre Farben. Sterne und Mond verblassten an einem Himmel, der ein immer tieferes Blau annahm. Im Osten – der Richtung, aus der ich kam – zeigte sich über dem gezackten Horizont bereits ein schmaler Querbalken in Rot, der den neuen Tag ankündigte. Die Sonne warf schon lange ihren Schein voraus, wie eine senkrecht aus dem Dunkel aufsteigende Fackel. Dann begann sich der Horizont zu verfärben. Er wurde orange, dann gelb, und schließlich ging die Sonne auf, ihre Glut erhob sich zitternd über dem Sand. Sonnenaufgang im Morgenland. Jetzt wusste ich, woher der Name kam. Mir gefiel der Gedanke, dass ich mich nun vom Morgenland ins Abendland bewegte – Tag für Tag.

Die plötzliche Lichtfülle erweckte den Sand zum Leben. Jede kleinste Sandrippel, die der Wind zu einem Wellenmuster millionenfach auf die Oberfläche gezaubert hatte, warf ihren Schatten. Und wo Schatten ist, ist auch Kontur. Immer plastischer traten die Formen der Dünen hervor. Sie sahen aus wie nebeneinanderliegende nackte Frauenkörper. Wüste und Düne sind nicht nur sprachlich weiblichen Geschlechts. Mit goldbrauner Haut streckten sich die Leiber in der Sonne aus. Riesenhafte Torsos, die bis zu hundert Meter und mehr hoch waren, mit Brüsten und Gesäßen – und dazu noch die langen Beine, die endlos langen Beine, über die ich hinwegsteigen musste. Einige Dünen fielen durch kupferfarbene oder gar rötliche Rundungen auf: das waren die ältesten. Andere schienen noch ganz jung zu sein, denn sie zeigten noch nicht die prallen gerundeten Formen, sondern hatten scharfe Kanten, an denen sich das Licht wie an der Schneide eines Messers brach. Manche lagen auch übereinander: das waren die gefährlichsten, denn an ihnen konnten die Kamele straucheln und abstürzen – um sich nicht mehr zu erheben.

Für mich aber hatte die Wüste jegliche Bedrohung verloren. Ich wähnte mich in ihrem Schoß geborgen und sicher. Wohin ich auch blickte, von überall her schien sie mir zuzulächeln. Die Dünen badeten im Licht der Morgensonne, und der Sand präsentierte sich so rein und unbefleckt, als hätte ihn noch nie eines Menschen Fuß berührt.

Selbst die Gefahren durch Hitze und Durst schienen hier gebannt. Die Reduktion auf wenige Elemente wirkte wie Balsam auf die geplagte Seele. Ich fühlte mich frei, losgelöst von all den Zwängen und kleinlichen Sorgen des Alltags, die den Geist terrorisierten. Wie berauscht lief ich immer weiter in die Wüste hinein.

Die völlige Abwesenheit vertrauter Geräusche verstärkte noch den Eindruck, in eine andere Welt geraten zu sein. Wenn mich in diesem Moment jemand gefragt hätte, was denn nun die Erfahrung in der Wüste sei, dann hätte ich ohne zu zögern geantwortet: Licht, Sand und Stille. Es gibt nur den klaren blauen Himmel mit seinem Überfluss an Licht. Es gibt den Sand, den der Wind zu immer neuen Formen modelliert. Und es gibt die große Stille. Sie schneidet tiefer ins Herz als alles andere. Die Stille der Wüste ist nicht von der Art Stille, die man empfindet, wenn man in die Natur geht. Am Wasser, im Wald, im Gebirge, überall gibt es Geräusche. In der Wüste jedoch herrscht eine Art Endzustand der Materie, der kein Geräusch mehr verursacht. Ihre Stille ist auch nicht wie jene beklemmende Stille, die man nach einem Donnerschlag empfindet, nach einer Lawine oder dem Schrei einer Kreatur. Die Stille der Wüste ist eine schöpferische Stille, denn sie ist frei von Assoziationen und lässt die eigenen Gedanken von der Kette los. Es ist eine Stille, die einen den Quellen des Lebens näherbringt, denn man hört nichts als den eigenen Pulsschlag und Atem.

Wobei Kopf, Füße und Atem sich anfangs wie widerstreitende Kräfte verhielten. Der Kopf eilte den Füßen weit voraus, und die Füße wollten schneller laufen, als der Atem es zuließ. Allmählich aber fanden sie zueinander, und das Gehen selbst wurde zum Weg der Erfahrung. Die Wüste lässt sich nur im Gehen erfahren. Mit einem Fahrzeug käme man zwar schneller voran, sähe aber weniger. Die Wüste wäre dann nur noch Wegwerfwüste, nichts weiter als eine rasante Abfolge vorbeihuschender Eindrücke. Der Motorlärm würde die Stille vertreiben, und von der grenzenlosen Weite bliebe nur ein Ausschnitt in der Windschutzscheibe übrig. Freilich wäre das Fahren viel bequemer, und im Auto könnte man problemlos seinen Hausrat mitbefördern. Wer geht, muss sich bescheiden, denn jedes Gramm Gewicht zählt. Aber das ist kein Nachteil. »Minimierung der Ansprüche ist Optimierung der Freiheit, Reduktion ist Gewinn«, resümierte Otl Aicher, der das Gehen in der Wüste zur Lebensphilosophie kultiviert hat.

Ich hatte mir das Gehen im Sand viel mühsamer vorgestellt, so ähnlich wie das Laufen am Meeresstrand. Aber das war nur einer von vielen Irrtümern, die vom Bild der Wüste existieren. Wüstensand ist erstaunlich fest, freilich nicht überall, sondern immer nur an den der jeweiligen Windrichtung zugekehrten Stellen. Ich hatte bald gelernt, schon an der Struktur der Oberfläche zu erkennen, wo ich laufen musste, um harten Sand zu finden. So ließen sich selbst hohe Dünen ohne große Kraftanstrengung überwinden.

Ich kenne keine andere Landschaft, die so von Klischeebildern geprägt ist wie die Wüste. Die meisten Menschen stellen sich darunter nur eine trostlose Öde vor, wo einen nichts als lähmende Hitze und quälender Durst erwarten. Wer sich freiwillig an einen solchen Ort begebe, heißt es oft, der müsse in der Tat verrückt sein. Nicht von ungefähr steht die Redewendung »jemanden in die Wüste schicken« für die Trennung von einem, den man loswerden möchte – sei es der Lebenspartner, dessen man überdrüssig wurde, sei es der erfolglose Mitarbeiter. Die Klischees sind zwar nicht falsch, aber sie werden der Wüste nicht gerecht, weil sie nur eines ihrer vielen Gesichter widerspiegeln. Sie ignorieren ihre Schönheit und die zwingende Kraft, die von ihr ausgeht, die tiefer in die menschliche Seele greift als bei jeder anderen Landschaft.

Die meisten waren jedoch noch nie in der Wüste, und sie bedienen sich Stereotypen, die von anderen geschaffen wurden, die oftmals selbst nie einen Fuß in eine Wüste gesetzt haben. Wer kennt sie nicht, die Wüste als Schauplatz für die Helden in den Abenteuerromanen von Jules Verne und Karl May, ausgestattet mit all ihren Attributen wie Sand, Palmen, Kamelen und verschleierten Beduinen, geheimnisvoll und schrecklich zugleich?

Die Wüstenväter

Noch etwas fällt auf: Die Wüste polarisiert. Während die einen sie verteufeln, ist sie anderen heilig. Den einen gilt sie als Ort des Schreckens, den anderen als Ort der Verheißung. Schon in der Vergangenheit schieden sich an ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Geister. Den alten Ägyptern galt die Wüste westlich des fruchtbaren Niltales als Reich der Dunkelheit und des Todes, die schaurige Feuerhölle des Seth, der durch Sandstürme Chaos verbreitete. Auch den Chinesen war und ist die Wüste ein Feindbild. Aus deren Tiefen brachen regelmäßig Reiternomaden hervor, gegen die sie sich mit einer gigantischen Mauer zu schützen suchten. Für die Inkas gehörte die Atacama-Wüste ebenfalls mehr dem Reich des Todes an als der Welt, in der sie lebten. Sie wagten sich nur hinein, um Opfer darzubringen und ihre Toten zu bestatten.

Im Gegensatz dazu spielte die Heil bringende und offenbarende Kraft der Wüste erst im Judentum und später auch in Christentum und Islam eine wichtige Rolle. Den Überlieferungen zufolge zeigte Gott sich Moses in einem brennenden Dornbusch in der Wüste und versprach den Israeliten die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten; Jesus suchte vor Beginn seines öffentlichen Wirkens die Wüste auf, um dort zu fasten und zu meditieren; der Prophet Mohammed lebte zwar in Mekka, aber der Koran wurde ihm erstmals in einer nahe der Stadt gelegenen Berghöhle offenbart.

Die biblischen Propheten gingen zwar in die Wüste um der spirituellen Erfahrung wegen, und manchmal war sie ihnen auch Zufluchtsort, aber sie blieben nicht dort. Erst frühe Christen in Ägypten waren es, die zu Anfang des vierten Jahrhunderts Haus und Hof verließen, um sich in dieser lebensfeindlichen Zone dauerhaft niederzulassen. Obwohl die ersten dieser »Wüstenmönche« es eher notgedrungen taten – sie flohen vor religiöser Verfolgung oder suchten sich den Nachstellungen römischer Steuereintreiber und dem Militärdienst zu entziehen –, erkannten sie doch schnell die den Geist läuternde und reinigende Kraft der Wüste. Andere folgten ihrem Beispiel in der Hoffnung, dort ihrem Gott zu begegnen und den wahren Glauben zu finden. Die Abbas – die Wüstenväter, wie diese Generation christlicher Gottessucher genannt wurde – errichteten Einsiedeleien oder taten sich zusammen, tauschten regelmäßig ihre Erfahrungen aus und spendeten einander Trost, wenn Zweifel und Ängste sie überkamen. Denn der Pfad der Erkenntnis war steinig und entbehrungsreich wie die Wüste selbst – und mit zahlreichen Abgründen versehen. Glaubt man den Überlieferungen, dann führte der Weg zum Licht der Wahrheit zunächst durch das Schattenreich profaner Sinneslust. In den einsamen Tagen und Nächten rangen die frommen Brüder mit Anfechtungen aller Art. Mal erschien die Versuchung in Gestalt einer lüsternen Frau, dann wieder überkam sie ungeheure Fresslust, die von wirren Gedanken begleitet war. Je strenger sie sich der asketischen Zucht unterwarfen, desto heftiger wurden die Dämonenkämpfe. Eine lebhafte Schilderung davon hat Athanasius, der Bischof von Alexandria, mit der um das Jahr 360 verfassten Biografie Antonius’ des Großen, des bedeutendsten dieser Wüstenheiligen, hinterlassen. Antonius hatte bewusst die Nähe des Todes in der extremen Herausforderung der Wüste gesucht. Was er dort erlebte, ließ wenige Jahre nach seinem Tod auch seinen Biografen noch erschaudern. Hinter immer neuen Masken erschien ihm der Teufel. Als er sich vor Angst nachts in einem Grab verkroch, trieben ihn schreckliche Visionen und Gruselbilder erst recht an den Rand seelischer Abgründe. Sein Glaube wurde immer härteren Prüfungen unterzogen. »Wo warst du?«, fragte er einmal vorwurfsvoll seinen Gott, nachdem er erschöpft nach einer schrecklichen Nacht aus seinem Grab gekrochen war. »Ich wartete, um deinen Kampf zu sehen«, lautete die Antwort. Schließlich gelang es ihm, den illusionären Charakter der Versuchungen zu durchschauen und das göttliche Prinzip zu erkennen, das sich gleichsam auf sandigem Grund abzeichnete.

Es folgte die Zeit der Wunder und Visionen. Antonius zog sich weiter in das Innere der Wüste zurück und fand auf dem Berg Kolzim eine dauerhafte Bleibe. Von dort schmetterte der wortgewaltige Rufer seine Botschaft in die Welt hinaus. Und sie wurde weithin vernommen. Christliche Glaubensbrüder, Priester, Bischöfe, Philosophen und Gelehrte kamen von überall her, um seine Weisheit aus der Wüste zu hören. Selbst Kaiser sandten ihm Briefe aus der Ferne. Die Anfechtungen aber hörten nie ganz auf, nur besaßen sie keine Macht mehr über seine Geistesruhe. Er hatte sie als notwendigen Bestandteil des Weges erkannt. Kurz vor seinem Tod vertraute er einem Freund die tröstende Erkenntnis an: »Keiner kann unversucht in das Himmelreich eingehen. Nimm die Versuchung weg, und es ist keiner, der Rettung findet.«

Was ist aus den so hart erkämpften Weisheiten der christlichen Wüstenväter geworden? Sie sind auf der Strecke geblieben. Anstelle der individuellen Gotteserfahrung trat das Dogma, statt der Suche die Ausschließlichkeit derer, die die absolute Wahrheit für sich beanspruchten und verrieten. Für Grenzgänger war kein Platz mehr in einer institutionalisierten Glaubensgemeinschaft. Die Erfahrungen der Wüstenmönche wären nicht möglich gewesen ohne die Überschreitung der Grenze zwischen Stadtkultur und Leere, wobei sich das Leere letztlich als das Volle erwies.

Und Antonius selbst, der »Stern der Wüste« und die »Erstlingsausgabe dieser Mönche und Einsiedler«? Er hat seinen Tod überdauert. Durch Gustave Flauberts »Die Versuchung des heiligen Antonius« und in den Bildern von Tintoretto, Max Beckmann und Max Ernst wurde er unsterblich. Doch am lebendigsten ist er noch bei den Brüdern des koptisch-orthodoxen Antoniusklosters in der Weite der Wüste Sinai. Sie schwören darauf, dass »der Vater«, wie sie ihn schlicht nennen, nicht nur lebt, sondern in Sturmnächten leibhaftig über die Klostermauern steigt, mit einer Laterne in der Hand, erschreckend und beschützend zugleich. »Abba Antonius trägt ein Gewand aus Tierfell, und er kommt von jenseits des Berges«, erzählen sie den Touristen, die heute scharenweise von den Tauchstränden des Roten Meeres einfallen. Tatsächlich ist zwar das Leben des seltsamen Wüstenheiligen gut dokumentiert, doch über die Umstände seines Todes existieren nur vage Andeutungen. Es gibt kein Grab, keine Reliquie – ein Beweis für die Mönche, dass er noch lebt.

Den Ansturm der sonnengebräunten Strandurlauber, die Fotosafaris in den ehrwürdigen Gemäuern veranstalten, ertragen die Mönche mit stoischer Gelassenheit. Vielleicht ahnen sie, dass es womöglich ihre Vorväter waren, die die heutige Faszination der Wüste in der westlichen Welt begründet haben – in ihrer ganzen Ambivalenz zwischen Göttlichkeit und Dämon, Wahnsinn und Vision, zwischen Furcht und Verheißung, Angst und Geistesklarheit, zwischen unendlicher Freiheit und quälenden Entbehrungen.

Diese Ambivalenz hat auch Literaten wie Antoine de Saint-Exupéry inspiriert, der die Wüste mit überbordender Poesie befrachtete. Dabei fühlte er sich, ähnlich den Wüstenmönchen, zwischen dem Gefühl der Bedrohung und Bewunderung hin- und hergerissen – und erlag doch ihrer Faszination. »Ich war verloren in der Wüste und furchtbar bedroht, nackt zwischen Sand und Steinen, fern von meinem Leben einem Übermaß von Stille ausgeliefert«, schrieb er einmal. Aber auch: »… Und dennoch liebten wir die Wüste. Zuerst ist sie nur Leere und Schweigen, denn sie gibt sich nicht zu Liebschaften von einem Tag her.«

Saint-Exupéry war auch Pilot und lernte die Wüste aus der Luft kennen. Von einem seiner Flüge – er startete im Juli 1944 als Luftwaffenaufklärer von Korsika aus Richtung Frankreich – kehrte er nicht mehr zurück. Seitdem umweht seinen Tod jene Aura des Geheimnisvollen, aus der Legenden gestrickt werden. Mittlerweile wurde das Wrack seiner Maschine vor der französischen Mittelmeerküste gefunden, doch die Ursache des Absturzes bleibt nach wie vor ungeklärt. War es ein technischer Defekt? Stürzte der stark depressive Saint-Exupéry sich mit seiner Maschine womöglich in den Freitod? Oder wurde er wirklich von einem deutschen Jagdflieger abgeschossen, wie es vor einigen Jahren Recherchen zufolge hieß?

Wind, Sand und Stille

Über meine Wüste flogen ebenfalls Flugzeuge, große Passagiermaschinen in mehr als 10 000 Meter Höhe. Sie kratzten weiße Spuren in den gläsernen Himmel, und ihr Brummen zerriss von Zeit zu Zeit die Stille. Ich stellte mir vor, wie die Passagiere durch die Kabinenfenster auf das gelbbraune Nichts hinabblickten und dabei genüsslich an eisgekühlten Getränken nippten – ahnungslos, dass dort unten jemand mit drei Stundenkilometern durch eine Wüste lief, die sie in wenigen Minuten überflogen. Doch der Blick zum Himmel spendete keinen Trost. Die Sonne ergoss sich daraus hervor wie geschmolzenes Blei und verwandelte alles in einen einzigen Glutofen, aus dem es kein Entrinnen gab. Binnen kürzester Zeit hatte die Wüste ihr Gesicht verändert. Ihre Schönheit war verschwunden wie ein heuchlerisches Lächeln. Sie glich nun einem Körper, aus dem alles Blut geflossen war. Kein Leben mehr. Längst hatte die Sonne alle Farben aus der Landschaft gebrannt, und der Sand war weiß wie Schnee. Mein Gehen hatte alle Leichtigkeit verloren. Jeder Schritt kostete Überwindung, jeder Gedanke suggerierte Durst, diese verzehrende Sehnsucht nach Wasser, die schwerer zu ertragen ist als alles andere. Da half nur Trinken. Aber herzhafte Schlucke waren tabu. Ein Liter Wasser ist in der Wüste nicht ein Liter, sondern die Menge, die für so oder so lange reicht. Deshalb musste ich knausern, konnte mir nur leisten, Lippen und Schleimhäute von Zeit zu Zeit mit ein paar Tropfen zu benetzen. Aber schon nach wenigen Atemzügen war der Mund wieder so trocken, dass ich gegen die Versuchung ankämpfen musste, sofort wieder nach der Flasche zu greifen. Die Sonne war allgegenwärtig und gnadenlos. Ohne zu ihr aufzublicken, wusste ich, dass sie genau über mir stand. Ich warf keinen Schatten. Aber ich wurde nicht nur von oben bestrahlt, sondern auch von unten. Die Sonne hatte den Sand bis auf 70 Grad aufgeheizt, und als Wanderer war ich dieser Bodenhitze voll ausgesetzt. Ich beneidete die Kamele um ihre langen Beine, die den Körper in eine Luftschicht heraushoben, in der es um einige Grad kühler war. Nirgendwo gab es den geringsten Schatten. Die Luft war heiß und zum Schneiden dick. Sie dörrte mich bei jedem Atemzug weiter aus, zog mir die Flüssigkeit aus den Poren. Allmählich spürte ich, wie meine Kräfte erlahmten, die Sinne abstumpften. Auch der Kopf schaltete ab, er hatte nichts mehr mitzuteilen. Alles war nur noch auf die einfachste Motorik reduziert, auf das Gehen, Schritt für Schritt. Meine Wahrnehmung der Wüste beschränkte sich nur noch auf die unmittelbare Umgebung, die nächste Düne, die sich mir in den Weg stellte. Mit jagendem Puls erkletterte ich zum wiederholten Mal einen dieser uralten rötlichen Leiber, und als ich endlich oben war, sah ich doch nur den exakten Abklatsch der Formen, die sich schon tausendmal vor mir aufgetürmt hatten. Ich reagierte mit Wut und Niedergeschlagenheit. Kraftlos ließ ich mich in den Sand fallen. Es war völlig egal, wo ich mich hinlegte, vor der Sonne gab es nirgendwo Schutz, aber hier oben strich wenigstens von Zeit zu Zeit eine erfrischende Brise über den Kamm, während unten in der Senke die heiße Luft zu einem brodelnden und vibrierenden Hitzesee geronnen war, der mir ständig das trügerische Bild eines echten Gewässers vorgaukelte.

Mithilfe der Gehstöcke und des Rucksacks versuchte ich einen Schattenspender zu bauen. Plötzlich wurde der Sand lebendig. Ein Wüstensalamander sprang auf und jagte pfeilschnell die Düne hinunter. Er hatte sich im Sand eingegraben gehabt; farblich perfekt getarnt, war er für mich unsichtbar geblieben, solange er sich nicht bewegt hatte. Er zeigte mir, wie Leben in der Wüste möglich ist. An der Oberfläche würde er tagsüber glatt verschmoren, aber er braucht sich nur zwanzig Zentimeter tief einzugraben, und schon sind die Sonne und die Strahlungshitze überwunden. Mir war es zwar nicht möglich, völlig im Sand unterzutauchen, doch allein die Füße in den kalten Sand zu stecken tat wohl, und ich konnte förmlich spüren, wie das Blut im Körper abkühlte. Ich baggerte mit den Händen eine Wanne aus, die gerade so groß war, dass ich mich darin ausstrecken konnte. Den Kopf schob ich so weit wie möglich unter den schräg aufgestellten Rucksack, die Füße steckten im Sand. So ließ es sich aushalten, und ich sparte Wasser. Das war nun oberstes Gebot, denn meine Reserven waren in den letzten Stunden bedenklich geschrumpft. Jeder Schluck bedeutete eine Entscheidung. Es wäre sinnlos gewesen, weiterzugehen, denn meine nächste Oase lag nicht vor mir, sondern kam auf Kamelrücken hinterher. Die Karawane hatte ihren eigenen Rhythmus, den die Tiere bestimmten. Die Kameltreiber richteten sich ganz danach. Sie hielten dann, wenn die Kamele müde wurden, lagerten dort, wo es im Umkreis Futter gab oder wo sie einen Brunnen graben konnten. Auf mich würden sie dabei keine Rücksicht nehmen. Vielleicht war ich schon zu weit gelaufen. Draußen in der Steppe hatte die Karawane ein Tempo vorgelegt, dass ich Mühe gehabt hatte, Schritt zu halten. Hier in der Sandwüste, im ständigen Auf und Ab der Wanderdünen, würde sie deutlich langsamer sein. Wenn ich mit meiner Schätzung, dass sie höchstens drei Kilometer pro Stunde schaffte, richtig lag, konnte sie aber nicht mehr allzu weit entfernt sein. Bisher war die Karawane zwar morgens immer spät aufgebrochen, aber wenn sie einmal in Bewegung war, hielt sie praktisch nie an. Bewegung war der Herzschlag der Karawane. Und die Führer bekümmerte die Hitze wenig, weil sie hoch oben auf ihren Reitkamelen saßen und deshalb von der Bodenstrahlung weitgehend verschont blieben.

In zwei bis drei Stunden wird die Hitze gebrochen sein, dachte ich, dann wird mir die Wüste wieder zulächeln wie am Morgen – vielleicht sogar noch freundlicher. Dann werden wieder Schatten kommen, die Farben zurückkehren – und auch meine Lebensgeister.

Mit diesen angenehmen Gedanken fiel ich in einen Dämmerschlaf, aus dem ich unsanft geweckt wurde, als ein heftiger Windstoß mich mit einer Ladung Sand überhäufte. Mit einem Satz war ich auf den Beinen, doch noch ehe ich den Staub abgeschüttelt hatte, fegte schon die nächste Windböe über den Dünengrat und wirbelte den Sand zu einer Fontäne auf. Ich stand mittendrin, und die Sandkörner prasselten wie Hagel auf mich herab. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich in die Runde. Was ich sah, verhieß Ungemach. In den Weiten der Meere, auf den Gipfeln der Berge, in den arktischen Regionen und im Dschungel – überall kündigt die Natur einen Umschwung an. Die Wüste aber bricht alle Gesetze. Ich war keine Stunde lang eingenickt, da geriet die Welt aus den Fugen. Statt des Spiels der Farben und Schatten auf den Dünen wehten nun Sandschleier wie zerschlissene Fahnen von ihren Spitzen, und statt des freundlichen Lächelns, das ich mir erträumte, fletschte die Wüste ihre Zähne. Die Sonne war hinter einer drohenden schwarzen Wolke verschwunden, die wie eine Walze auf mich zukam. Ohne mich zu besinnen, nur von einem Instinkt getrieben, versuchte ich zu entkommen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Mit Gewalt brach der Sturm über mich herein. So, wie er Wellen im Meer aufpeitscht, brachte er auch den Sand in Bewegung. Sandkörner umwirbelten mich von allen Seiten, und noch bevor ich es schaffte, Deckung zu suchen, drang der feine Staub in meine Kehle und die Sandkörner brannten wie Glut in meinen Augen. Halb geblendet taumelte ich Hilfe suchend die Düne hinunter. Der Sturm gab die Richtung vor. Doch es gab keinen Schutz, nirgendwo eine Möglichkeit, sich zu verstecken. In der Senke angekommen, kauerte ich mich in den Sand und merkte, wie ich allmählich selbst Teil der Wüste wurde. Ich bildete ein Hindernis, an dem sich die Sandkörner zuerst stauten, bevor sie über mich hinweggeschleudert wurden. Wo sie niederfielen, bildete sich eine neue Düne. Um Augen, Mund und Nase zu schützen, hatte ich die Kapuze meines Anoraks fest zugezogen und mir zusätzlich ein Tuch umgewickelt, das nur noch einen winzigen Sehschlitz frei ließ. So saß ich zusammengekrümmt hinter dem Rucksack und wartete.

Tausendmal schlimmer als der Sandsturm war das Warten, dieses ohnmächtige Gefühl, nichts tun zu können, als zu warten.

Unwillkürlich musste ich an die Karawane denken. Sie musste zwar genauso warten, aber die Menschen konnten sich hinter den massigen Leibern der Kamele verbergen. Bestimmt hatten sie den Sturm früher kommen gesehen als ich, hatten rechtzeitig angehalten und die Tiere von ihren Lasten befreit. Sie besaßen Zelte, hatten genügend Wasser, Kocher und Nahrung. Sie konnten überall in der Wüste bleiben. Die Karawane brauchte mich nicht, umso mehr brauchte ich sie. Ohne sie hatte ich keine Lebensbasis, war ich verloren, ein Nichts, das die Wüste schon im nächsten Augenblick verschlingen konnte. Mir wurde bewusst, wie verwundbar ich war, und ich bekam Angst, riesengroße Angst. Mich überkam ein wildes Verlangen, davonzulaufen. Ich begriff, dass es in der Wüste nicht darauf ankommt, ein großartiger Held zu sein, sondern die Widerstandsfähigkeit eines Sandkorns anzunehmen. Denn einzig ihm gelingt es, dauerhafter Bestandteil dieser Landschaft zu sein.

Irgendwann – ich konnte nicht genau sagen, wie viel Zeit verstrichen war – legte sich der Sturm. Nur hier und da tanzten noch einzelne Sandspiralen ziellos über die Dünenkämme. Die Sonne war nicht zu sehen, weil der Sturm die Atmosphäre mit Staub geschwängert hatte, aber durch das fahle Licht und die Kühle merkte ich, dass sie sich bald dem Abendland zuneigte. Eile war geboten, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis die Dunkelheit hereinbrach. Ich stieg auf die nächste Düne hinauf und sondierte das Gelände. Von der Karawane keine Spur. Auf sie zu warten war zwecklos. Sie würde nicht kommen, jedenfalls heute nicht mehr. Ich musste sie suchen. Wenn sie bis zum Beginn des Sandsturms meiner Spur gefolgt war, würde es nicht schwierig sein, sie zu finden. Ich war die ganze Zeit über ziemlich gerade nach Westen gelaufen und brauchte jetzt nur in die umgekehrte Richtung wieder zurückzugehen. Nun lief ich gegen die Zeit. Ich musste es noch bei Tageslicht schaffen, denn bei Nacht, ohne Mondlicht und leuchtenden Sternenhimmel, wäre es viel schwieriger. Für ein Biwak war ich nicht gerüstet, weil ich nichts dabeihatte, um mich vor der Kälte zu schützen. Außerdem waren meine Wasserreserven völlig aufgebraucht, und der Sturm hatte meine Dehydration – die Austrocknung des Körpers – nur noch beschleunigt. Ich gönnte mir keine Rast mehr. Mir war klar, dass die Karawane in einer Senke lagerte und deshalb erst im letzten Moment gesehen werden konnte. Daher hielt ich nach anderen Zeichen Ausschau. Vielleicht verriet mir der Rauch eines Feuers schon aus der Ferne den Platz, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatte, oder ich hörte Stimmen, die kilometerweit getragen wurden. Die Stille empfand ich nun als bedrückend. Sie legte sich mir wie ein Strick um die Kehle und vermittelte das Gefühl, als hätte der Sturm alle Laute unterdrückt, nur um im nächsten Augenblick umso verheerender aus allen Ecken wieder hervorzubrechen.

Die trüben Gedanken verschwanden erst, als sich meine Aufmerksamkeit wieder auf das Gelände konzentrierte. In einiger Entfernung hatte ich einen schwarzen Punkt im Sand entdeckt. Zuerst dachte ich an einen einzelnen Strauch oder ein Stück Holz, aber plötzlich bewegte er sich und verschwand, um gleich darauf wieder aufzutauchen. Als ich mich weiter genähert hatte, erkannte ich, dass es ein Kamel war. Nicht irgendeines. Die einzigen Kamele, die es weit und breit gab, gehörten zu unserer Karawane. Vermutlich hatten die Führer die Tiere nach dem Ende des Sturms losgebunden, damit sie in die Wüste ausschwärmten, um nach Futter zu suchen. Kurze Zeit später sah ich das nächste. Ihre frischen Spuren führten mich direkt zum Lagerplatz. Er befand sich im Windschatten einer großen Mondsicheldüne. Ich stieß einen Jubelschrei aus, als hätte ich soeben die wunderbarste Oase gefunden. Dabei gab es hier weder Palmen noch eine sprudelnde Quelle und schon gar keine üppigen Gärten. Aber in diesem Augenblick bedeutete mir das Lager den Inbegriff von Geborgenheit und paradiesischer Idylle. Damals ahnte ich freilich nicht, dass ich viele Jahre später selbst darauf verzichten würde, um einmal ganz allein eine Wüste zu durchqueren.

Die Kameltreiber hockten im Kreis beisammen und versuchten, ein Feuer in Gang zu bringen. Kaum einer nahm Notiz von mir. Sie taten so, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass wir uns hier wiederbegegneten. Als wir später Tee schlürfend ums Feuer saßen, meinten sie, sie seien sich sicher gewesen, dass ich die Wüste verstehen und alles richtig machen würde. Wäre ich erst später gekommen, hätten sie oben auf der Düne ein Leuchtfeuer angemacht, das mir den Weg gewiesen hätte. Die Wüste verstehen bedeutete für sie, nichts falsch zu machen.

Zu fortgeschrittener Stunde nahm ich meinen Schlafsack und rollte ihn hinter der nächsten Düne aus. Kein Stern zeigte sich. Der Himmel war noch immer von den Spuren des Sandsturms gezeichnet. Während ich in die Nachtschwärze hineinblickte, tobten in meinem Inneren widersprüchliche Gefühle. Was bedeutete mir die Wüste? Zählte ich nun zu denen, die sie liebten, oder zu jenen, die sie ablehnten? Kann man etwas lieben, das stark genug ist, einen umzubringen, das sich weder bezwingen noch besitzen lässt – bestenfalls vielleicht verstehen?

Warum war ich hier? Was suchte ich in der Wüste?

Als ich losgezogen war, hatten sich mir diese Fragen nicht gestellt. Ich folgte einfach einer spontanen Neugier, einem Erlebnisdrang, den ich für natürlich erachtete. Es stand keine logisch begründbare Absicht dahinter, auch nicht die zwanghafte Erwartung, etwas Tiefgründiges zu entdecken. Ich wollte einfach die Wüste spüren, sehen, schmecken. Erfahren, wie es ist, einer solchen Landschaft zu begegnen – und zwar als Mensch und nicht als Mensch-Maschine. Solange ich mich entsinnen konnte, hatte es mich zu den leeren Orten dieser Welt gezogen. Deshalb war es keine Frage gewesen, ob ich in die Wüste ginge, sondern höchstens, wann und in welche. Wüsten nehmen immerhin ein Drittel der Erdoberfläche ein. Es gibt sie auf allen Kontinenten, die größten liegen in Afrika, Asien und Australien. Weil der Mensch dort nur in Oasen überleben kann, sind sie neben den Eiswüsten letzte Freiräume geblieben. Aber Wüste ist nicht Wüste. Unendlich vielfältig wie die Vorstellungen, die sich damit verbinden, erscheinen die Sand-, Stein- und Gebirgswüsten in ihren Farben und Formen. Es gibt Küstenwüsten wie die Namib oder zum Teil die chilenische Atacama, wo die Luftfeuchtigkeit relativ hoch ist, verglichen mit den Wüsten Zentralasiens, die Tausende Kilometer vom nächsten Meer entfernt und noch dazu 1000 bis 2000 Meter über der Meereshöhe liegen. Es gibt pflanzen- und tierreiche Wüsten, in denen Menschen nomadisch oder halb nomadisch leben können, wie die afrikanische Kalahari oder die zentralasiatische Gobi. Es gibt oasenreiche Wüsten wie die Sahara oder auch die Takla Makan, die von uralten Karawanenstraßen durchzogen werden. Es gibt die Gebirgswüsten Tibets mit dem Transhimalaja und die dahinter anschließende menschenleere Changthang. Und es gibt die reinen Sandmeere. Sie machen vergleichsweise nur einen kleinen Teil der Wüsten aus, doch haben sie mich am meisten angezogen. Vielleicht weil Weite dort noch weiter, Leere noch leerer ist, weil die Dünen dem Auge als eine Art Gesamtkunstwerk erscheinen, das aus Wind, Licht und Sand geschaffen ist, und weil das Fehlen jeglicher Ablenkung den Blick für das Wesentliche frei macht.

Diese erste Begegnung mit der Wüste hat mich berührt und schockiert, zum Träumen verführt und geängstigt, mir Freiheit geboten und Grenzen aufgezeigt, mich aber nicht abgeschreckt. Im Gegenteil. Sie zog mich tiefer hinein, um dort noch mehr Wüste mit den Augen zu trinken und Stille zu atmen.

Die Frage nach dem Warum stellte sich nach und nach, als ich zu ahnen begann, dass die Wüste mich mehr lehren konnte als diejenigen, die vorgaben, mich zu den Brunnen des Lebens zu führen, und sie fand ihre abschließende Antwort erst im Alleingang durch die Gobi. Dazwischen aber lag die aufregendste und erfahrungsreichste Zeit meines Lebens – eine Reise, die mich durch die größten Wüsten der Erde führte.

KAPITEL II

Takla Makan –
Todeswüste voller Leben

Wenn du in der Wüste das Sandkorn hören wirst,

wie es dir die Geschichte jedes Sandkorns erzählt,

wirst du wissen, dass du endlich

unendliches Hören geworden bist.

Edmond Jabès

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In wenigen Augenblicken verwandelt sich ein leerer Fleck Sandwüste in ein Lager, in einen Ort der Ruhe und Geborgenheit.

Das Gästehaus von Keriya liegt versteckt zwischen alten Maulbeerbäumen. Wie die meisten Häuser der Oase ist es von einem geschlossenen Mauerring umgeben, sichtbares Zeichen des ständigen Kampfes der Menschen mit dem Sand. Während außerhalb der Mauern bereits die Wüste lauert, öffnet sich drinnen ein heimeliger, von Weinlauben beschatteter Innenhof – der Inbegriff von Oase in seiner Geborgenheit und paradiesische Idylle suggerierenden Bedeutung.

Trotzdem gibt es nicht viele Gäste, die es hierher verschlägt. Gelegentlich sind es durchreisende Händler oder Beamte, die die Herberge nutzen. Denn Keriya – oder Yutien, wie es die Chinesen nennen – hat nicht viel zu bieten außer Wüste, sehr viel Wüste. Die Oase ist an drei Seiten vom Sandmeer der Takla Makan umschlossen. Die exponierte Lage – früher ein Segen – erweist sich heute als Fluch. Denn früher reisten die Menschen mit Karawanen durch die Wüste. Diese folgten selten der kürzesten Strecke, sondern stets dem sichersten Weg, von einer Oase zur anderen, von einem Brunnen zum nächsten. Unterwegs gab es Raststätten, Karawansereien, wo sich die Reisenden von den Strapazen erholen und mit lebensnotwendigen Gütern versorgen konnten.

Keriya war eine davon. Der Ort zählt zu jenen Oasen, die sich, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, um den südlichen Rand der Takla Makan ziehen. Wenn man heute durch die Gassen dieser verschlafenen Oase streift, fällt einem schwer zu glauben, dass sie einstmals eine wichtige Station der Seidenstraße war, jenes interkontinentalen Fernhandelswegs, der Europa mit Asien verband. Doch im Zeitalter motorisierter Fortbewegung hat Keriya seine Bedeutung verloren. Was für das Kamel gut war, ist für das Fahrzeug schlecht. Für ein Kamel bildet Flugsand kein Hindernis, ein gewöhnliches Fahrzeug hingegen bleibt stecken, kann keine Dünen überwinden. Deshalb konzentrierte sich der Ausbau moderner Verkehrswege ganz auf den nördlichen Rand der Wüste. Dort gibt es mehr Wasser und weniger Sand. Die Südroute jedoch, der uralte Weg durch die Wanderdünen, gerät immer mehr ins Abseits. Interessant nur noch für Archäologen und Vergangenheitssucher oder für jemanden wie uns, die wir der Wüste nähertreten wollen. Doch selbst das scheint heutzutage kein leichtes Unterfangen. Statt der erhofften Einweihung in das Mysterium der Wüste, empfängt uns in Keriya eine unangenehme Überraschung. Von der Kamelkarawane, die uns hier erwarten soll, gibt es keine Spur, trotz der Zusicherung unserer chinesischen Begleiter, für den Wüstenmarsch sei alles vorbereitet. Jetzt stellt sich heraus, dass es nur leere Versprechen waren, und unsere Hoffnung, morgen aufzubrechen, verflüchtigt sich wie eine Fata Morgana. Es scheint, als wären mit den Karawanen auch die Kamele verschwunden.

»Kamele?«, wundert sich der Besitzer des Gästehauses. »Kamele gibt es hier schon lange keine mehr. Nicht einmal am Basar Kun, dem großen Wochenmarkt.«

»Wo denn dann?«, frage ich nach.

»Vielleicht draußen bei den Hirten am Keriya-darja … wenn ihr Glück habt.«

Diesem Glück würden wir gerne nachhelfen, indem wir uns selbst auf die Suche machen, aber das ist uns als offiziellen »Gästen« nicht gestattet. Um überhaupt in diese Gegend reisen zu dürfen, mussten wir uns nicht nur auf viele einschränkende Bedingungen einlassen, sondern auch behördliche Begleitung akzeptieren. Wir taten es in der Überzeugung, die Erfahrung in der Wüste werde uns reichlich dafür entschädigen. In der Wüste, so dachten wir, wird alles anders sein, vor allem Schluss mit der lästigen Bürokratie. Mit der Karawane als mobiler Oase und der eigenen Muskelkraft zur Fortbewegung wären wir frei und unabhängig.

Doch seit der Ankunft in Keriya ist alles ungewiss. Jetzt ist nicht einmal sicher, ob wir die Wüste überhaupt sehen werden, denn ohne Kamele kämen wir nicht weit. Vielleicht hätten wir auf jene warnenden Stimmen hören sollen, die uns abrieten, zu diesem Zeitpunkt nach China zu reisen. Denn erst wenige Monate zuvor, im Juni 1989, war ein Volksaufstand, der sich aus friedlichen Studentenprotesten für mehr Demokratie entwickelt hatte, im Zentrum Pekings mit Panzern niedergewalzt worden. Die äußeren Spuren des Gewaltaktes waren noch nicht beseitigt, da galt bereits die Devise »business as usual«, und die staatliche Propaganda verkündete, fremde Besucher seien willkommen, um sich selbst ein Bild vom Land zu machen. Damit waren aber offensichtlich nur polierte Touristenattraktionen gemeint und nicht Chinas Hinterhöfe wie die Provinz Xinjiang. Von freiem Reisen jedenfalls kann nun keine Rede sein. Vor allem das Gebiet der Takla Makan gilt als militärisch sensibel. Hier werden noch Atomtests durchgeführt, es kursieren Berichte über geheime Wüsten-Gulags, in denen Regimekritiker festgehalten werden, und die staatliche Erdölindustrie schickt sich gerade an, die reichen Vorkommen zu erschließen. Das mehrheitlich vom Turkvolk der Uiguren bewohnte Gebiet ist nicht nur reich an Bodenschätzen, sondern auch von eminenter strategischer Bedeutung. Hier befindet sich der »Solarplexus« Asiens, an dem sich einstmals Russen und Briten in ihrem »Großen Spiel« um die Vorherrschaft in Zentralasien gegenüberstanden. Die Uiguren empfinden die Chinesen, gelinde gesagt, als unerwünschte Fremdherrschaft, die im Stile früherer Kolonialherren ihr Land ausbeutet und ihre kulturellen Eigenheiten unterdrückt. Überall kann ich den Hass spüren, der unter der Oberfläche gärt und sich allenthalben mit offener Auflehnung Bahn bricht. Die totalitäre Staatsmacht hält dagegen und regiert mit eiserner Hand.

Das repressive Klima belastet auch unsere zwischenmenschlichen Kontakte. Von Anfang an waren die Beziehungen zu den chinesischen Begleitern verkrampft und von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Nie empfanden wir das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. Ganz anders die Begegnungen mit Uiguren. Sie verliefen offen, herzlich und freundschaftlich. Wenn sie hier das Sagen hätten, wäre alles viel einfacher.

»Nein«, wehrt sich Lu, Vertreter des »Amtes für Ausländerangelegenheiten« in der Provinzhauptstadt Urumqi und somit unser offizieller Aufpasser. »Es gibt nur noch eine kleine Formalität«, beteuert er.

»Welche Formalität?«

»Die Kamelführer werden vom Büro für öffentliche Sicherheit ausgesucht.«

»Ich verstehe. Aber wo ist das Problem?«

»Morgen ist unser Staatsfeiertag, und niemand arbeitet.«

Mir liegt auf Zunge zu fragen, wer dann die öffentliche Sicherheit gewährleiste, wenn keiner im zuständigen Büro arbeite. Aber in Anbetracht unserer Situation verkneife ich mir die Ironie.

»Und was ist übermorgen?«, frage ich stattdessen.

»Übermorgen ist auch noch Feiertag.«

»Weil alle noch betrunken sind«, möchte ich hinzufügen. Aber auch diese Bemerkung lasse ich lieber sein.

Mir wird nun vieles klar. Im Vorfeld wurde – jedenfalls was die Organisation der Karawane betrifft – so gut wie nichts unternommen. Sie sind einfach mit uns hierhergefahren, in der Hoffnung, es seien schon irgendwo Kamele und Führer aufzutreiben – notfalls mithilfe der Lokalbonzen.

»Dann werden wir hier frühestens in drei Tagen aufbrechen«, stelle ich ernüchtert fest.

»Ta hotien, women zhou. Übermorgen gehen wir los«, antwortet er. Doch es klingt wenig überzeugend. Als spüre er meine Zweifel, beeilt er sich noch schnell hinzuzusetzen: »Wenn ihr schon früher loswollt, dann müsst ihr Fahrzeuge statt Kamele nehmen.«

Jetzt schrillen bei mir erst recht die Alarmglocken. Das steckt also dahinter. Womöglich ist längst beschlossen, dass sie keine Kamele finden werden, weil sie gar keine Kamele wollen. Ich glaube zu ahnen, wie der Trip nach ihren Vorstellungen ablaufen soll: Autofahrt entlang dem Keriya-darja mit anschließendem Dünenspaziergang.

»Entweder gehen wir mit Kamelen durch die Wüste oder überhaupt nicht«, erwidere ich schroff.

Ich bin entschlossen, eher umzukehren, als meine Vision zu verraten. In die Wüste ja, aber nicht um jeden Preis. Mit einem Fahrzeug durch die Wüste zu brettern, das hätten wir viel billiger haben können – in Australien, der Sahara oder sonst wo. Mir geht es darum, die Wüste als Mensch und nicht als Mensch-Maschine zu erfahren. Der Wüste begegnen heißt für mich, sie mit allen Sinnen zu erleben. Sie spüren, schmecken, hören und sehen.

Das Gehen mit der Karawane erscheint mir als der geeignete Schlüssel dazu. Sie würde uns Sicherheit bieten und zugleich genügend individuelle Freiheit lassen, um in einem Tempo unterwegs zu sein, das die Wüste tatsächlich erfahrbar macht.

Für die Takla Makan habe ich mich entschieden, weil ich – nach allem, was ich von Wüsten weiß – dieses Ideal hier am ehesten verwirklichen zu können glaubte. Sie ist noch weitgehend eine Fußgängerzone. Abgesehen von den beiden schmalen Bändern der Flussläufe des Khotan-darja und des Keriya-darja, gibt es keine befahrbaren Routen und keine bewohnten Oasen. Der Rest ist reines Sandmeer, eine Leerzone, bar allen Lebens.

Außerdem jage ich hier einem Jugendtraum nach. Seit ich als Sechzehnjähriger den Reisebericht des Asienforschers Sven Hedin gelesen habe, träume ich davon, mit einer Karawane durch die Wüste zu ziehen. Obwohl der Reisebericht des Schweden dazu geeignet war, die Takla Makan als einen Ort des Schreckens und des Todes zu betrachten – Hedin verlor seine ganze Karawane und entging selbst nur knapp dem Tod –, erzeugte er in meiner Phantasie das Bild eines Wüsten-Traumlandes, dessen Entsprechung ich hier zu finden hoffte.

Spätestens seit der Ankunft in Keriya weiß ich, dass ich dafür reichlich spät dran bin, vielleicht schon zu spät. Alles hängt jetzt davon ab, ob es gelingt, eine Karawane zu organisieren. Unsere chinesischen Begleiter sind ausgeschwärmt, um nach Kamelhirten zu suchen. Aber ich habe wenig Vertrauen in ihre Mission – nicht weil ich an ihren Fähigkeiten zweifle, sondern weil es am Willen fehlt. Wir selbst können nichts weiter tun, als abzuwarten und zu hoffen. Die Stimmung ist niedergedrückt. Keriya bietet nicht viel Interessantes, deshalb verbringe ich die meiste Zeit lesend im Zimmer, umgeben von Ausrüstung, die sich bis zur Decke stapelt. Plastiktonnen mit persönlichem Kram, leere Wasserkanister, Kartons voller Obst und Gemüse, alles liegt zum Aufbruch bereit.