Alexander Lohmann

GEFÄHRTEN DES
ZWIELICHTS

ÜBER DEN AUTOR

Alexander Lohmann, geboren 1968 in München, studierte nach seiner Ausbildung zum Informatiker Germanistik und Geschichte und war als Redakteur bei Zeitschriften tätig. Die Lektüre des »Herrn der Ringe« weckte schon früh seine Liebe zur Fantasy. Während der 90er-Jahre war er im Fandom aktiv, z. B. als Mitherausgeber eines Fanzines. Seine Vorliebe für spannungsreiche Gegensätze setzt er am liebsten in eigenen Büchern um, wovon die »Gefährten des Zwielichts« beredtes Zeugnis ablegen. Wenn Alexander Lohmann gerade kein Buch schreibt, arbeitet er als freier Lektor und Literaturübersetzer in Leichlingen.

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNGEN UND WIDMUNG

Bedanken möchte ich mich bei allen, die mir beim Schreiben des Buches zur Seite standen – vor allem bei meinen Testlesern Andrea Broichhausen, Marcel König und Ellen Schulz.

Grüße und Dank gehen auch an den »Tintenzirkel«, der ein lebendiges schreiberisches Umfeld geschaffen hat.

Mein besonderer Dank gilt Linda Budinger, die mir die Grundidee für diesen Roman so freundlich zur Verfügung gestellt hat und auch sonst meine erste Leserin und Zuhörerin war. Ohne sie hätte es dieses Buch nicht gegeben.

Widmen möchte ich dieses Buch – wie könnte es anders sein – den großen Autoren, die vor uns kamen und auf deren Schultern wir alle stehen. Hoffen wir, dass wir dabei über die Köpfe unserer Vorgänger hinwegblicken und ein wenig weiter in die Ferne schauen können.

Inhalt

PROLOG

TEIL 1: EINE REISE INS LICHT

1. Ein unmöglicher Auftrag

2. In den Landen des Lichts

3. Unterwegs nach Keladis

4. Der nicht-ganz-so-geheime Rat

5. Katerstimmung nach dem Maifest

6. Baskons Sturz

7. Ein böses Erwachen

8. Mit dem richtigen Köder

9. Eine Gemeinschaft wird zerschlagen

TEIL 2: EINE REISE INS DUNKEL

10. Die Ränke des großen Unkwitt

11. Ein unwahrscheinliches Bündnis

12. Im Hort des Unkwitt

13. Grautaz’ Plan

14. Geschlagen und begraben

15. Verrat

16. Der stärkste Krieger führt

17. Die Grauen Lande

18. An der Quelle des Blutes

19. Das gebrochene Herz

DRAMATIS PERSONAE

PROLOG

Vor über tausend Jahren stürzte in einem feurigen Stern Leuchmadan vom Himmel. Die Essenz seines Seins mischte sich mit dem lebendigen Blut der Erde und formte die Grauen Lande. Dort nahm Leuchmadan Gestalt an. Er machte sich zum Herrn über alle Finstervölker und schickte sich an, die ganze Welt zu unterwerfen.

Die Menschen von Bitan, dem Reich an der Grenze der Grauen Lande, sollten seine ersten Opfer werden. Doch in ihrer Not suchten die Bitaner Hilfe, und sie wandten sich an die Elfen und die Zwerge und an all ihre anderen Verbündeten. Die Völker des Lichts versammelten sich. Sie erkannten, dass mit Leuchmadan etwas Fremdes in die Welt gekommen war und sie alle bedrohte. Sie warfen Leuchmadans finstere Horden zurück, und auf der Ebene von Daugazburg stellten sie sich zur letzten Schlacht …

Graue Asche trieb durch die Luft wie schmutziger Schnee. Innerhalb eines Augenblicks war alles Grün auf der Ebene, war jeder zähe Baum welk geworden und zerfallen wie verkohltes Holz. Der leiseste Windhauch trug die Flocken empor – und die Stiefel der streitenden Heere wirbelten dichte Wolken auf.

Eine Anhöhe ragte über dem Schlachtfeld auf, gekrönt von einem riesigen Zelt, das grau geworden war von der Asche. Auf diesem Hügel hatten sich die Könige und Heerführer der Freien Völker mit ihren Leibwachen versammelt, um den Fortgang der Schlacht zu verfolgen. Das war schwer geworden. Sie mussten sich auf Botenläufer verlassen und darauf, dass sie die schemenhaften Bewegungen im Dunst richtig deuteten.

König Lukar von Bitan wischte sich den Schmutz von der Stirn, aber die Asche löste sich im Schweiß zu einer beißenden Brühe, die ihm immer wieder in die Augen lief. Seine schulterlangen schwarzen Haare und der fein gestutzte Bart sahen aus, als seien sie mit einem Mal grau geworden. Weiße Verwehungen sammelten sich auf den breiten Schultern und auf seiner schweren Rüstung und rieselten bei jeder Bewegung herab. »Es war ein Fehler, die Schlacht in Leuchmadans eigenem Land zu suchen«, knurrte er. »Die Erde selbst wendet sich hier gegen uns.«

Parestas, der Elfenkönig, hatte sich, wie alle Elfenfürsten auf dem Hügel, zum Schutz vor dem Staub ein Halstuch bis über die Nase hochgezogen, so dass nur noch wenig von seinem langen und schmalen Antlitz zu erkennen war. Die edle Blässe seiner Stirn war wie fortgepudert, das glatte blonde Haar war vom Staub aufgehellt und mattiert. Nie hätte er sich dazu herabgelassen, seinen menschlichen Verbündeten inmitten einer Schlacht mit Vorwürfen zu behelligen. Doch er zwinkerte kaum merklich über das Tuch hinweg und Prinz Perbias sprang für seinen Vater in die Bresche:

»Ja, aber warum sehen wir uns dazu gezwungen?«, sagte er. Die Spitzen seiner Ohren zitterten, als er unter dem schützenden Tuch das Gesicht verzog. »Doch nur, weil die Menschen in Scharen zu Leuchmadan überlaufen. ›Der Gott, der das Licht vom Himmel herabgebracht hat‹, so nennen sie ihn.«

»Nur die Barbaren aus dem Süden«, fuhr Lukar auf. »Wir Menschen von Bitan beugen unser Haupt nicht vor Dämonen und falschen Göttern!«

»Wie dem auch sei«, sagte Parestas und zuckte die Achseln. »Jedenfalls sind Menschen dafür verantwortlich, dass Leuchmadans Truppen mit jedem Tag mehr an Kraft gewinnen. Deshalb müssen wir hier die Entscheidung suchen, solange wir noch einen Vorteil haben.«

»Frieden, meine Freunde«, warf Bendecir ein. Der Priester der Götter des Lichts hob begütigend die Hände. »Das Schicksal wird uns beistehen. Denkt daran: Es muss erst finster werden, bevor die Sonne sich erheben kann!«

Weitere Boten eilten heran. Die Heerführer der Freien Völker traten in das Zelt an den großen Kartentisch. Die luftigen Planen sollten Schutz bieten, konnten aber die Ascheflocken nicht fernhalten. Lukar fegte mit der Hand über den Plan, um besser sehen zu können, hinterließ aber nur eine schmutzige Spur.

»Grau. Alles grau. Das ganze Land hier ist grau geworden«, murmelte er. Dann holte er Luft, um die Asche fortzublasen, doch er musste husten. Er hielt sich einen Zipfel seines Mantels vor den Mund. »Na, zumindest dürfte das die Zwerge nicht behindern.«

»Solange sie der Versuchung widerstehen können und ihre Reihen nicht verlassen, um sich im Dreck zu suhlen«, spottete Prinz Perbias. Er schüttelte die Flocken aus seinem langen Goldhaar, zwischen dem die Elfenohren scharf hervorstachen.

»Sprich bitte mit mehr Respekt von unseren Verbündeten«, tadelte sein Vater ihn mit belustigtem Augenaufschlag. Dann wurde er wieder ernst und starrte auf die Karte.

Einige Befehlshaber im Zelt blickten sich unbehaglich um, aber es waren keine Zwerge anwesend. Deren Könige hatten die größere Sicherheit des bitanischen Befehlsstandes abgelehnt und führten lieber ihre kämpfenden Truppen in der Schlacht.

»Die Zwerge halten noch stand«, sagte Lukar. Von der Ebene drang Brüllen und Waffengeklirr herauf. »Leuchmadan wirft immer wieder seine Trolle gegen sie in den Kampf aber die Angriffe zerschellen am Wall der Schilde.«

»Ich mache mir Sorgen um die Flanken«, meinte Parestas und wies auf die Karte. »Leuchmadan will die Barttreter doch nur im Zentrum festhalten, während die Hauptmacht seiner Goblins im Schutz dieser Staubwolke unsere Truppen umzingelt. Da ist eine Schlacht aus tausend Scharmützeln im Gange, in diesen schmutzigen Nebeln. Meine Bogenschützen drängen die Goblins zwar immer weiter ab, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis unsere Reihen so weit auseinander gerissen sind …«

»Sie sind durchgebrochen!«, ertönte ein Ruf.

Alle stürmten nach draußen.

Die vereinigte königliche Leibwache von Menschen und Elfen bezog Stellung rings um die Hügelflanke und spähte angestrengt ins schmutzige Zwielicht. Eine fahle Sonne brannte verschwommen, aber heiß vom verhangenen Himmel herab. Immer wieder ballten sich die Flocken in der Luft zu dichteren Wolken zusammen und täuschten Bewegung vor, doch die einzigen Krieger, die man sehen konnte, waren einige uniformierte menschliche Botenläufer, die hastig heranliefen und von den Wachen durchgelassen wurden.

»Sie sind durchgebrochen«, wiederholte der vorderste Bote. Er trat vor den Elfenkönig. »Sie kommen auf den Hügel zu.«

»Wo?«, fragte Parestas und tat einen Schritt auf den Mann zu.

»Hier«, sagte der Läufer, und mit einem Mal hielt er einen Dolch in der Hand. Wie eine zustoßende Schlange fuhr die mattierte Klinge auf den Hals des Elfen zu, aber König Lukar warf sich dazwischen.

Eine Armschiene aus blauschwarzem Stahl traf den Angreifer am Unterarm, und mit einem Schmerzenslaut ließ der Mann das Messer fallen. Das Antlitz unter der Kapuze verzerrte sich, die menschlichen Züge verschwammen, wurden runder und weicher – und in der Uniform des bitanischen Botenläufers stand plötzlich ein Nachtalb vor ihnen, an dem grünbraunen Mondgesicht deutlich zu erkennen.

»Ein Hinterhalt!«, rief Parestas erschrocken. »Sie haben sich mit einem Zauber getarnt!«

Da zogen auch schon die anderen Boten ihre Schwerter und stürzten sich auf die überraschten Befehlshaber. Der vorderste Nachtalb schob Lukar mit der Schulter beiseite und griff den Elfenkönig an. Seine langen, spitzen Finger zuckten zu Parestas’ Kehle, im Begriff, den tödlichen Zauber zu sprechen.

Perbias griff nach der eigenen Waffe, doch er war zu weit von seinem Vater entfernt, genau wie die Leibwache, deren Ring der Feind durchbrochen hatte. König Lukar holte mit dem schweren Reiterhelm aus, den er die ganze Zeit in der Linken gehalten hatte. Mit einem Brüllen sprang er vor und hieb auf den Nachtalb ein.

Die kantige Helmzier bohrte sich knirschend durch den Kapuzenstoff in den Schädel des Angreifers. Die Wucht des Schlages riss den Nachtalb vom Elfenkönig fort.

Parestas hob erschrocken die Hände und betastete seinen Hals. Er war so bleich geworden, dass man es trotz der grauen Asche, die auch ihm unter dem verrutschten Halstuch im Gesicht klebte, noch erkennen konnte.

»Danke«, hauchte er, aber der König der Bitaner hörte ihn gar nicht mehr.

Mit einem Kampfesruf stürmte Lukar den übrigen Angreifern entgegen. Den toten Anführer der falschen Kundschafter schleifte er noch einige Schritt weit über den Boden hinter sich her. Dann blieb der Nachtalb in einer grünen Blutlache liegen, mit einem Büschel bunter Federn vom Helmschmuck auf dem Kopf.

Zwischen den Eindringlingen und dem Rest der Heerführer war ein Handgemenge entbrannt. Die meisten der Elfen und Menschen hatten nicht einmal Zeit gefunden, eine Waffe zu zücken. Die Menschen in ihren schweren Rüstungen stellten sich schützend zwischen Elfen und Nachtalben und wehrten mit Armschienen und Brünne gekrümmte Klingen ab. Aber die schmalen Schwerter schoben sich unter die Panzerplatten, Blut floss, und die Schreie der Verletzten mischten sich mit den Flüchen der Kämpfenden.

Bendecir der Priester floh in einen Winkel des Befehlszeltes, wo hinter einem Sichtschutz die Heiligen Gegenstände verwahrt waren, die der Tempel den vereinten Heeren für diese Schlacht mitgegeben hatte.

Einer der Nachtalben bahnte sich seinen Weg durch das Getümmel und stürzte sich hasserfüllt aufeinen Elfenfürsten. Er versetzte diesem drei harte Hiebe über die Brust. Der Elf taumelte rückwärts und versuchte, der blitzenden Klinge auszuweichen. Der Wappenrock wurde ihm in Fetzen geschlagen, aber das feine Kettenhemd darunter hielt stand.

Prinz Perbias stand unschlüssig zwischen den Angreifern und seinem Vater. Lukar stürmte an ihm vorüber.

»Bitan! Bitan!«, brüllte er und schwang den Helm wie einen Streitkolben. Der Helmschmuck zischte durch die Luft, und mit dumpfem Laut traf der Helm die Nachtalben von hinten. Sie schrien auf vor Schmerz und stoben auseinander.

Das Blatt wendete sich. Inzwischen bewaffnet, setzten Menschen und Elfen den Nachtalben nach. Auch die Wachen hatten ihren Kreis enger geschlossen. Die falschen Kundschafter waren eingekesselt. Bald war der Kampf vorbei, und Lukar hielt keuchend inne.

»Nachtalben.« Perbias spie aus. »Von dieser Brut kann man nur Hinterlist erwarten.«

»In der offenen Schlacht haben sie sich bisher jedenfalls nicht gezeigt«, sagte Parestas und nickte seinem Sohn zu. »Aber was haben sie erreicht?«

»Sie haben gar nichts erreicht«, stieß Perbias hämisch hervor. »Erbärmliches Gesindel. Mit ihrer tückischen Magie können sie vielleicht einfache Gemüter verwirren, aber im Kampf sind sie zu nichts zu gebrauchen.«

Parestas blickte seinen Sohn an und schüttelte den Kopf.

»Wir haben mehrere Verletzte«, warfLukar ein. Allmählich kam er wieder zu Atem, aber die rußige Luft reizte seine Kehle. Immer wieder wurde er von Husten geschüttelt. »Allerdings hätte es schlimmer kommen können. Sie waren so versessen darauf, euch Elfen zu erschlagen, dass sie ihre Möglichkeiten nicht genutzt haben. Pflegt ihr etwa einen besonderen Zwist mit den Nachtalben?« Er griff nach einem schlaffen Weinschlauch und trank ein paar hastige Schlucke.

»Ich frage mich«, sagte Parestas nachdenklich, »wo die Wardu geblieben sind. Warum hat Leuchmadan seine mächtigsten Verbündeten noch nicht eingesetzt?«

Er blickte zum Himmel, aber die fliegenden Truppen, die Leuchmadan aufgeboten hatte, waren schon zu Beginn der Schlacht von elfischen Bogenschützen zersprengt worden. Seither war keiner der grauenerregenden kämpfenden Hexenmeister mehr gesehen worden.

»Sie sind durchgebrochen!«, rief eine Stimme, und alle Köpfe fuhren herum. Eine Gestalt eilte durch den Aschenebel den Hügel empor.

Diesmal waren die Soldaten der Leibwache auf der Hut. Sofort rissen sie den Boten zu Boden. Sie traten auf seinen Mantel, hielten den Mann fest, und einer der Krieger schlug ihm den Panzerhandschuh ins Gesicht.

»Diese Nachtalben«, lachte Perbias auf »Sie müssen wahnsinnig sein, ein zweites Mal dieselbe List zu versuchen.«

»Halt!«, rief Lukar. »Haltet ein!«

Die Wachen zogen den Botenläufer wieder auf die Füße. Das Gesicht des Mannes war blutig, es zeigte keine Spur nachtalbischer Züge. Er blickte verwirrt drein und spie seinem König einen Zahn vor die Füße.

»Schind durch’brochen«, nuschelte er. »Drolle. Über die Schwerge. Un’ überall Goblinsch.«

Der bitanische König fluchte. Der ganze Trupp stürmte wieder durch die hochgeschlagene Zeltwand zum Tisch und versuchte, anhand der Karte die Lage einzuschätzen.

Plötzlich schob sich eine kleine Gestalt zwischen Menschen und Elfen hindurch. Sie reichte den großen Leuten bis an die Hüfte, und auch das menschliche Gesicht hatte etwas Kindliches an sich. Das Wesen bewegte sich geschmeidig, und die Ohren unter dem wirren braunen Schopf liefen nach oben spitz zu, als wäre es halb Mensch, halb Elf.

Es war ein Wichtel.

Seine Kleidung war zerfetzt, sein Gesicht von blutigen Schrammen übersät. Er musste Schlimmes durchgemacht haben.

»Gestatten?«, murmelte er und zupfte den König am Mantel. Lukar trat erschrocken zurück, und der Wichtel stellte ein zierliches Silberkästchen auf den Tisch. »Ich sollte hier etwas abgeben.« Er grinste.

»Wie bist du hereingekommen?«, stieß Lukar hervor und schaute zu der Reihe der Wachsoldaten.

»Leuchmadans Herz!«, stieß Parestas hervor. »Ihr habt es geschafft!«

»Keine Umstände«, sagte der Wichtel und blickte in die Runde. Alle starrten wie gelähmt auf die Schatulle. »Ihr hattet mich um diesen Dienst gebeten – und ich habe das Ding geholt. Habt ihr daran gezweifelt?«

»Das … ändert alles«, flüsterte Parestas. Mit zitternden Fingern zog der Elfenkönig das Kästchen zu sich heran.

Lukar kratzte sich am Kopf. »Meint Ihr, das reicht?«

»Das reicht.« Parestas nickte. »Wenn Eure Reiter stark genug sind, unseren Plan umzusetzen, heißt das.«

»Dann«, verkündete König Lukar, »werdet Ihr nun die Stärke meines Reiches kennenlernen.«

Er setzte sich den blutverschmierten Helm mit dem zerrupften Federschmuck auf und verknotete die Riemen, während er nach draußen ging. »Macht die Kataphrakten bereit!«, brüllte er. Dann schritt er durch die Reihen seiner Leibwache, und die Garde folgte ihm. Panzerplatten klirrten. Nur eine kleine Schar Infanterie und die Elfen verteidigten noch die Anhöhe.

Einige Generäle vom Volk der Menschen waren zurückgeblieben und blickten sich besorgt um, und auch Prinz Perbias schien seine Zweifel zu haben.

»Wird Leuchmadan noch dort sein, wo wir ihn vermuten?«, fragte er.

»Das wird er«, sagte sein Vater. Seine Hand ruhte auf dem Kästchen, das der Wichtel gebracht hatte. »Leuchmadan hatte keinen Grund, seine Stellung zu wechseln. Keine unserer Einheiten ist auch nur in seine Nähe gekommen. Wenn er sich im Schutz des Aschenebels bewegt hat, dann nur im Triumph nach vorn, und umso rascher werden Lukars Kataphrakten auf ihn stoßen.«

Er beugte sich zu dem Wichtel hinab.

»Volpar, wir alle sind euch zu Dank verpflichtet. Dir und deinen Gefährten. Ihr habt uns Leuchmadans Herz gebracht, den magischen Edelstein, in den Leuchmadan seine Lebensessenz gegossen hat – und mit dem er die magischen Kräfte des Landes lenken kann. In der finstersten Stunde, im Augenblick höchster Gefahr, habt ihr uns den Sieg gebracht.«

Der Elfenkönig blickte sich um. Ernst blickte er auf seinen Sohn, auf die anderen Anwesenden. »Viele haben gezweifelt, ob die Wichtel zu diesem Bund gehören sollten. Doch hier und heute leiste ich den Eid, für mich und für alle Elfen: Wir werden stets für den Platz der Wichtel unter den Völkern des Lichts bürgen. Wir werden nicht vergessen, was ihr heute für uns getan habt.«

Die Erde erbebte. Ein dumpfes Grollen stieg in den ascheverhangenen Himmel hinauf Sechstausend bitanische Panzerreiter, eigens für diesen Vorstoß oder für den Augenblick höchster Not hinter dem Hügel in Bereitschaft gehalten, rückten vor.

Die schweren Rösser mit ihren Schabracken aus Stahllamellen stürmten um den Hügel, immer schneller. Die einstmals blauschwarz schimmernden Rüstungen der Reiter vereinigten sich im Dunst zu einem dahinrollenden schwarzen Wall. Unwillkürlich zogen die Männer im Zelt den Kopf ein.

Donnernd wie eine unaufhaltsame Woge wälzte sich die Formation der Kataphrakten vorwärts und tauchte ein in den Lärm des unsichtbaren Schlachtengetümmels, ja, sie übertönte ihn sogar. Bald waren sie dort, wo die Reihen der Zwerge gestanden hatten und inzwischen vielleicht die Trolle durchgebrochen waren. Wie auch immer das Schlachtfeld hinter dem Staubwall aussehen mochte – das Trommeln der Hufe stockte nicht.

Parestas blickte auf »Da ist etwas in der Luft …«, murmelte er. Dann wandte er sich an die Menschen: »Rasch! Ich höre die Wardu! Sie sind zurück.«

In dem offenen Zelt brach Hektik aus. Planen wurden abgerissen, Seile gekappt, und bald stand der Kartentisch ungeschützt im Freien, inmitten des schmutzig grau wallenden Staubs. Der Tisch – und ein gewaltiger Bronzegong, der hinter der Abtrennung des Priesters verborgen gewesen war.

Parestas zog ein großes Tuch aus der Tasche seines Gewandes, blau und mit goldenen Zeichen bestickt. Als er es auseinander faltete, wurden die Farben innerhalb weniger Augenblicke matt von der schmierigen Asche.

Der Elfenkönig legte das Tuch bereit.

»Verhüllt das Kästchen«, rief Bendecir, der mit einem Schlägel neben dem Gong bereitstand.

»Noch nicht«, gebot ihm Parestas. »Wir müssen den rechten Augenblick abwarten, den Moment größtmöglicher Überraschung. Schlagt den Gong sobald ich Leuchmadans Herz mit dem Tuch verhüllt habe.«

»Warum sollten wir es verhüllen?«, fragte Volpar der Wichtel neugierig.

»Leuchmadans Herz ruht in diesem Behältnis. Dieses mächtige Artefakt birgt das Leben des Finsteren Herrschers«, erklärte der Elfenkönig. »Das Kästchen selbst zieht magische Kraft aus dem Land und speist damit das Herz, während Leuchmadan über das Herz und das Kästchen … Dinge mit dem Land tun kann. Doch dieses Tuch wird jede Verbindung zwischen dem Herz, seinem Behältnis und Leuchmadan unterbrechen.«

»Bewirken das die magischen Zeichen?«, fragte Volpar weiter und kniff die Augen zusammen.

»Nein«, antwortete Parestas und lächelte. »Das bewirkt die Seide allein. Aber für uns Elfen ist das kein Grund, unsere Tücher nicht zu verzieren.«

Plötzlich ballte sich die Asche über dem Schlachtfeld dichter zusammen. Im nächsten Augenblick war sie verschwunden, als habe der Boden selbst sie eingeatmet. Von einem Augenblick zum nächsten lag die Ebene wieder frei vor den Blicken der Beobachter auf dem Hügel.

Deutlich erkannten sie das Heer der Kataphrakten, das auf den Kern von Leuchmadans Stellungen zuhielt. Phalangen von Zwergen hoben sich aus dem Dunst wie flachgetretene Maulwurfshügel, Trolle und Goblins stoben in alle Richtungen auseinander.

Aber Leuchmadans Banner wehte stolz über einem großen Karree wohlgerüsteter Streiter, Menschen, Goblins, Trolle oder Nachtalben – was für Völker auch immer Leuchmadan in seine persönliche Leibwache eingereiht hatte. Dahinter erhoben sich die Wälle von Daugazburg, hoch und trutzig und überragt von gewaltigen Türmen mit Scharten und Pechnasen. Aber Leuchmadan würde keine Zeit mehr haben, sich dorthin zurückzuziehen.

Etwas regte sich am Boden vor den Reitern. Spalten taten sich auf und krochen durch den Staub auf die heranrückenden Pferde zu … Da verhüllte Parestas unvermittelt das von Leuchmadan geraubte Kästchen. Die bedrohliche Bewegung am Boden erstarrte.

Bendecir schlug den Gong, und ein Laut hallte über das Schlachtfeld, mehr zu spüren als zu hören und von eigentümlichen Untertönen begleitet. Wie zur Antwort erklang ein Klagen aus Leuchmadans Schar.

Der Priester schlug den Gong heftiger. Die Leute im Zelt hielten sich die Ohren zu. Unaufhaltsam stürmten die Bitaner vor, dann krachten die Panzerreiter in Leuchmadans Reihen und pflügten zum Zentrum seiner Stellungen.

Der Morgen nach der Schlacht. Abseits der aufgewühlten Walstatt hatten die Befehlshaber der Freien Völker ein neues, prächtigeres Zelt aufgebaut. Hier trafen sie sich zur letzten Unterredung.

»Es ist getan«, sagte Parestas erleichtert. »Leuchmadans Leichnam ist verbrannt, und seine Wardu vom Antlitz der Erde gebannt – der Klang ihrer Seele ausgelöscht vom Heiligen Gong. Und solange die Seide verhindert, dass die Kraft von Leuchmadans Herz nach außen dringt, wird keiner von ihnen zurückkehren. Jetzt müssen wir entscheiden, was mit dem Herz geschehen soll.«

Der Zwergenkönig stand allein auf der einen Seite des riesigen Tisches; alle Elfen waren von ihm abgerückt. Sein braunes Haupthaar und der gelockte Bart waren zu einem wilden Schopf verwachsen, aus dem nur die kleinen Augen hervorblitzten und der über die Rüstung aus Kettengliedern und hartem Leder herabfiel. Die Asche des Schlachtfelds klebte noch an ihm, und Fett und Öl und Blut und der Schmutz des ganzen Feldzugs. Immer wenn er den Mund aufmachte, wandte sich Prinz Perbias hinter seinem Vater ein wenig ab und hielt sich die Nase zu. »Entscheiden?«, knurrte der Zwerg. »Kaputt machen, das verdammte Ding!«

»Ich gebe zu bedenken«, sagte Parestas, »dass dieses Kästchen im Lebensblut des Landes gehärtet wurde und weiterhin damit verbunden ist. Wenn wir die Macht des Kästchens meistern – und ich zweifle nicht daran, dass wir Elfen dazu imstande sind -, dann können wir Großes damit bewirken. Aus dieser grauen Ebene ließe sich wieder ein blühender, lebendiger Landstrich schaffen, mit freundlichem Grün anstatt jener verderbten Gewächse, die unseren Vormarsch so unerfreulich gestaltet haben.«

»Aber du sagst es doch selbst«, hielt der Zwerg dagegen. »Wenn wir das Seidentuch davon wegnehmen, gewinnen Leuchmadan und sein Gelichter wieder an Kraft.«

»Nicht, wenn wir diese Kraft beherrschen«, sagte der Elfenkönig.

»Wir könnten auch einfach Leuchmadans Herz herausholen«, schlug sein Sohn vor. »Wenn wir nur das eine Artefakt vernichten, bleibt Leuchmadans Kraft in dem anderen ohne seinen Geist zu unserer Verfügung.«

»Aber nicht für die Elfen«, warf einer der Menschen ein. »Wenn jemand Anspruch auf dieses Land hat, ist es Bitan!«

»Bevor wir das Ding einem von euch anvertrauen, vernichten wir es lieber!«, rief der Zwerg.

König Lukar griff über den Tisch und zog die verhüllte Schatulle zu sich heran.

»Ich nehme die Beute an mich … bis wir uns geeinigt haben.«, verkündete er. »Immerhin haben meine Kataphrakten Leuchmadan erschlagen. Und ich habe das Bündnis einberufen.«

Mit grimmig zusammengezogenen Brauen blickte er sich um und drückte das umhüllte Behältnis an sich. Dann biss er sich nachdenklich auf die Unterlippe und murmelte: »War das nicht ein viereckiges …?«

Er hielt das Bündel ein wenig von sich weg und tastete misstrauisch unter die Seide.

»Sei vorsichtig, du dämlicher Mensch«, fauchte Prinz Perbias. »Wenn die Seide entfernt wird …«

Lukar riss das Tuch fort, und ein Stein, etwas kleiner als das Kästchen, kam zum Vorschein.

Jeder im Zelt schnappte nach Luft.

»Wen wolltet ihr mit diesem Tuch täuschen?«, rief Lukar empört und funkelte die Elfen an. »Ihr habt Leuchmadans Herz schon vorher an euch gerissen!«

»Wie könnt Ihr es wagen?«, sagte Parestas. »Das müssen die Zwerge gewesen sein, heute Nacht. Hätten wir das Bündel einfach in die Quelle des Blutes geworfen, wie die Barttreter es vorgeschlagen haben, so hätte jeder das Artefakt zerstört gewähnt und niemand hätte den Diebstahl bemerkt.«

Der Streit wurde lauter, die Vorwürfe heftiger, und nur die Erinnerung an die gemeinsam ausgestandene Schlacht verhinderte, dass Waffen gezogen wurden. Doch was auch immer geschah, als das Bündnis brach – Leuchmadans Herz blieb verschwunden.

Bis tausend Jahre später ein Nachtalb Leuchmadans Geist beschwor und ein neuer Herrscher sich in den Grauen Landen erhob. Und ein kleines silbernes Kästchen auftauchte, das unverhüllt auf dem Kaminsims im Hause eines Wichtels stand.

TEIL 1

EINE REISE INS LICHT

1. KAPITEL:

EIN UNMÖGLICHER AUFTRAG

Image

DIE SPINNE IM HAUS

HÄLT DAS ÜBEL HERAUS;

WER DIE NETZE FEGT,

BÖSE GEISTER EINLÄDT.

SPRICHWORT DER BITANER,

AN DEN GRENZEN DER GRAUEN LANDE

DAUGAZBURG, IM 28. JAHR

NACH LEUCHMADANS RÜCKKEHR

Geliuna, die Schwarze Fei, betrat das Turmgemach und blieb respektvoll am Eingang stehen. »Mein Gebieter«, sagte sie mit einer angedeuteten Verbeugung.

Staub und schwefliger Qualm stiegen von der Ebene empor und umhüllten selbst den höchsten Turm von Daugazburg, der Hauptstadt der Grauen Lande. Trübe sickerte das Licht durch die Fenster. Davor stand eine Gestalt, blickte auf die hohen Brücken zwischen den Türmen und in die finsteren Gassen hinab. Es war Leuchmadan, der Herrscher der Finstervölker, und er wandte Geliuna den Rücken zu.

Die Schwarze Fei wartete ehrerbietig, den Oberkörper leicht gebeugt, bis der Herr und Gebieter ihr seine Aufmerksamkeit schenkte.

Die Luft prickelte. Blitze zuckten aus den Staubwolken am Himmel herab in die Spitzen der bizarren Türme, in die Eisenstangen an den steilen Dächern, an den Erkern und den vorspringenden Graten der hohen Bauwerke. Sie überstrahlten die fahle Sonne, die nur ein mattes rotes Glühen auf die titanenhaften Mauern warf.

Endlich, nach einer Zeit, die Geliuna als Demütigung empfand, wandte Leuchmadan sich ihr zu. Auf den ersten Blick glich er einem gewöhnlichen Nachtalb. Er war nicht besonders groß, und das volle, halblang geschnittene Haar umrahmte ein rundliches Gesicht mit braunem, fast olivfarbenem Teint. Doch ein Schatten lag über der ganzen Erscheinung und machte es schwer, seine Gesichtszüge zu erkennen.

»Es ist gefunden worden«, sprach Leuchmadan, die Nachtalbenstimme kaum merklich unterlegt von einem Echo wie aus großer Tiefe.

»Deshalb wollte ich mit Euch sprechen, mein Gebieter«, sagte Geliuna. Sie machte einen formvollendeten Knicks. Mit einer Armbewegung sorgte sie dafür, dass das schwarze Schleierkleid anmutig ihre Gestalt betonte. Ein Lächeln zeigte sich auf ihrem blassen Antlitz. »Wir müssen die Rückführung Eurer … Preziose planen.«

»Wir werden Unsere sieben Wardu schicken«, kündigte Leuchmadan an.

Geliuna nickte, und sie lächelte immer noch. »Das wäre eine Möglichkeit, mein Gebieter«, sagte sie. »Aber der Krieg findet vor unseren Toren statt. Wir können die Wardu hier nicht entbehren.«

»Das müssen wir«, erwiderte Leuchmadan. »Dies Unternehmen ist von höchster Dringlichkeit.«

»Gewiss, mein Gebieter«, säuselte Geliuna in schmeichlerischem Tonfall. »Aber das heißt nicht, dass wir unbedingt die Wardu schicken müssen. Wie unsere Kundschafter vermelden, wurde Euer Herz zu den Elfen auf Keladis gebracht. Nicht einmal Eure Wardu könnten es aus dieser Festung herausholen. Doch es gibt eine andere Möglichkeit.«

Leuchmadan ballte die Faust. Die Schatten vor seinem Gesicht wurden tiefer, während ein Blitz den übrigen Raum erhellte. Der Finstere Herrscher blickte Geliuna direkt an. »Also gut, Geliuna. Woran denkst du?«

»Ich denke an Gnome.«

Leuchmadan zuckte zusammen. »Gnome!«, zischte er. »Wir sollen unser aller Schicksal in die Hände

von Gnomen legen?«

»Sie sind unsere Kundschafter.« Geliunas Stimme klang lockend. »Sie können sich unbemerkt bewegen und sich selbst durch die schmalsten Spalten Einlass verschaffen. Womöglich sogar nach Keladis.«

»Vielleicht.« Leuchmadan schwieg einen Augenblick lang. »Aber sie sind zu schwach.«

»Wir können ihnen fähige Begleiter zur Seite stellen, eine Gruppe, die vielseitiger ist als Eure Wardu. Die besten aus all unseren Völkern, und jeder bringt seine Fähigkeiten ein.«

Leuchmadan schnaubte. »Welche Krieger und Zauberer wären besser als Unsere Wardu?«

»Vergesst nicht«, sagte Geliuna, »Eure Wardu haben schon einmal versagt. Außerdem wollte ich sie nicht ganz außen vor lassen. Wenn wir die Besten aus all unseren Völkern schicken, so sollte auch ein Wardu dabei sein. Ich schlage Baskon vor.«

»Warum ausgerechnet Baskon?« Leuchmadan blickte überrascht auf.

»Eure anderen Wardu waren mächtige Zauberer, Herrscher der Menschen oder große Feldherren. Baskon war nur ein Bauer aus dem Grenzgebiet, bevor Ihr ihn erhoben habt. Ein ganz gewöhnlicher Bitaner.«

»Und das befähigt ihn in welcher Weise?«, fragte Leuchmadan spöttisch. »Zu dieser wichtigsten Unternehmung überhaupt, an der Unser Schicksal und das deines Landes gleichermaßen hängt?«

»Nun, mein Gebieter … Überlegt, was das für eine Unternehmung ist: ein verstohlener Vorstoß weit hinter die feindlichen Linien – in dieselben Länder, in denen Baskon einst unauffällig als Mensch lebte. Von allen Wardu weiß er am besten, wie man sich dort bewegt. Lasst Eure Könige und Feldherren hier die Schlachten schlagen. Aber Baskon und die Gnome und eine anständige Hilfstruppe soll sich Eurer … Herzensangelegenheit annehmen.

So tut ein jeder, was er am besten kann.«

Leuchmadan nickte bedächtig. Dann wandte er sich wieder zum Fenster.

»Ein jeder, was er am besten kann«, bestätigte der Finstere Herrscher. »Stelle du deine Leute für dieses Unternehmen zusammen. Aber wähle gut, denn du weißt, was davon abhängt. Wir schicken Baskon zu dir. Es ist viel Zeit vergangen, aber Wir werden Uns auf dich verlassen. Genau wie früher.«

Geliuna verließ das Turmgemach. Leuchmadan wollte vielleicht die alten Zeiten wieder aufleben lassen. Aber die Zeit schritt stets nur in eine Richtung fort. Einstmals war Leuchmadan der Herr gewesen. Doch heute war er nur noch ein Usurpator in ihrem Königreich, und sie würde auf angemessene Weise mit ihm verfahren.

SÜDGRENZE DER GRAUEN LANDE, 28 NLR,

5 TAGE VOR WANDELMOND

Wito, der Gnom, versammelte seine Schar. Sie gaben eine seltsame militärische Einheit ab: Gnome reichten einem Menschen nur bis zur Leiste, und auf dem dürren Leib saß ein übergroßer Kopf. Ihre feisten, dreieckigen Nasen verstärkten den kopflastigen Eindruck noch, und fast mochte man meinen, die kleinen Geschöpfe müssten bei jedem Schritt vornüberkippen.

Ihre Haut war dunkel, und das schwarze Haar saß in schütteren Büscheln über der hohen Stirn, so dass es aussah wie eine Wiese, auf der die Ziegen die besten Streifen abgeweidet hatten. Sie alle trugen zweckmäßige Kleidung in Dunkelgrau, Braun oder mattem Grün. Vor der nächtlichen Berglandschaft waren sie fast nicht zu sehen.

»Ihr wisst, worauf es ankommt«, schärfte Wito seinen Kampfgenossen ein. »Wir schleichen zum Eingang der Höhle. Dort nehmen wir unsere kleine Gestalt an und huschen an den Wachen vorüber. Im Inneren der Grotten schätzen wir die Stärke des Feindes ab und suchen nach weiteren Zugängen. Keine Heldentaten.«

Er blickte auf Darnamur, einen Gnom in fleckiger schwarzer Lederweste und mit besonders kurz geschorenem Haar. Als der das Auge seines Hauptmanns auf sich ruhen fühlte, protestierte er: »Heldentaten? Da schaust du aber den Falschen an!«

Wito seufzte. »Du hast recht. Heldentaten wäre wohl der falsche Ausdruck. Aber denk daran: Wir sind nur Kundschafter. In diesen Grotten steckt eine ganze Kompanie der Menschen aus Bitan, und ein jeder von ihnen ist doppelt so groß wie einer von uns. Diese Bitaner bedrohen schon seit Wochen die Verbindungswege zu Leuchmadans Verbündeten. Wir haben lange gebraucht, um den Unterschlupf aufzuspüren. Durch voreilige Aktionen würden wir die Bitaner warnen und all unsere Bemühungen zunichte machen.«

Er holte einige blasse schmale Gegenstände aus dem Rucksack und verteilte sie an seine Leute. Sie waren spitz und scharf und ein gutes Stück länger als der Arm eines Gnoms. Ein Ende war als Griff mit Lederriemen umwickelt.

»He«, sagte Darnamur. »Das sieht ja aus wie ein Messer! Wenn … es nicht aus Knochen wäre.«

Wito lächelte. »Unsere menschlichen Verbündeten haben mich auf die Idee gebracht. Bei einigen von ihnen habe ich Nadeln aus Bein gesehen. Ich konnte erfahren, dass sie bei sich zu Hause vieles aus Knochen fertigen. Wenn sie für den Krieg herkommen, gibt Leuchmadan ihnen bessere Waffen – aber diese Messer konnte ich bei ihnen eintauschen.«

Er blickte über das Dutzend Gnome seiner Schar hinweg, und seine Stimme klang streng. »Die Messer sind nicht so gut wie unsere üblichen Waffen. Aber wir können sie mitnehmen, wenn wir unsere Größe ändern. Wir können uns damit verteidigen und sind nicht auf zufällig umherliegende Waffen angewiesen. Das ›Verteidigen‹ meine ich allerdings ernst: Wir nehmen die Messer nur für den Notfall mit! Wenn alles läuft wie geplant, werden sie nicht zum Einsatz kommen.«

Sein Blick wanderte von Darnamur zu Nidhogir. »Und ich hoffe, diesmal denken alle daran: Die Aura unseres Zaubers wirkt nur auf lebende oder einstmals lebende Dinge. Um an den Wachen vorbeizukommen, müssen wir unsere Größe ändern. Manches können wir dabei mitnehmen, unsere Kleidung beispielsweise oder auch diese neuen Knochenmesser. Aber Stein oder Eisen nicht! Wenn wir uns also klein machen wie die Käfer, will ich nicht wieder erleben, dass jemand zappelnd unter einem hübschen Knopf liegt, den er unbedingt an seiner Jacke haben musste und dann vergessen hat.«

Nidhogir blinzelte verlegen unter seiner Lederkappe hervor. Seine Finger strichen über die Jacke und tasteten nach dem Inhalt seiner Taschen.

»Alle Ausrüstung, die wir nicht brauchen«, fuhr Wito fort, »lassen wir hier zurück. Wir gehen in Zweiergruppen. Jeder ist für seinen Begleiter verantwortlich. Ich nehme Skerna mit …«

Er sah zu einer Gnomin, die ihre Haare oben auf dem Kopf zu einem Schopf zusammengebunden hatte. Anders als die übrigen Gnomen, die zumeist Leder oder robustes Tuch bevorzugten, trug sie eine dunkelgrüne Filzweste.

»Darnamur geht mit Nidhogir …«, fuhr Wito fort.

»Augenblick mal«, unterbrach ihn Darnamur. »Sollten wir dann nicht alle Gruppen so einteilen, dass ein besserer mit einem schwächeren Gefährten geht? Damit jede Zweiergruppe halbwegs ausgeglichen ist?«

Wito nickte. »Im Prinzip hast du recht. Aber da ich vorangehen und auch die gefährlichen Abstecher übernehmen werde, möchte ich keinen unerfahrenen Begleiter dabeihaben.«

»Abstecher«, wiederholte Darnamur mit unterdrücktem Kichern und breitem Grinsen. »Haha, der ist gut, verstehst du? Von abstechen

Wito verdrehte die Augen. »Also gut. Skerna und ich übernehmen die Vorhut. Die anderen Gruppen folgen uns …«

Die Gnome näherten sich dem Eingang und nutzten jede Felsspalte, jeden Stein als Deckung. Die Höhle, in der sich die Krieger aus Bitan verschanzt hatten, war fast uneinnehmbar. Eine größere Schar konnte sich nicht unbemerkt nähern; und nur weil die Gnome so klein waren, konnten sie einen Teil des Weges in ihrer normalen Gestalt zurücklegen.

Schließlich erreichten sie die letzte sichere Deckung. Darnamur hielt Abstand zu seinem Begleiter, dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. Wer wusste schon, was Nidhogir diesmal wieder vergessen hatte?

Was ein Gnom nicht in seiner persönlichen Aura mit sich schrumpfen lassen konnte, behielt die ursprüngliche Größe. Ein übersehenes Stiefelmesser vielleicht, das Nidhogirs schrumpfendes Schuhwerk durchschnitt und dann zur Seite kippte und seinen insektengroßen Begleiter zerquetschte!

Die Wandlung vollzog sich in einem Augenblick. Darnamur spürte wenig davon, allerdings wusste er, wann der Vorgang abgeschlossen war. Er öffnete die Augen wieder. Die Welt sah mit einem Mal ganz anders aus.

Zuvor kaum wahrnehmbare Bodenwellen bildeten plötzlich eine Hügellandschaft; zuvor unbeachtete Kiesel wurden zu gewaltigen Findlingen, hinter denen sich ganze Armeen verbergen konnten.

Die bis dahin so ruhige Nacht war erfüllt von vielfältigen Lauten. Es raschelte und knirschte, und die Luft vibrierte von den Rufen zahlloser Insekten. Nidhogir blickte sich mit großen Augen um, und auch Darnamur brauchte eine Weile, bis er sich wieder zurechtfand.

»Komm«, sagte er schließlich und folgte entschlossen einem Weg, der in Richtung des Höhleneingangs führte.

Sie kämpften sich durch struppigen Bewuchs – durch dürre Grasbüschel, die auf dem steinigen Boden noch gediehen, oder an trockenen Sträuchern vorbei. Einmal kreuzten zwei große Käfer mit zitternden Fühlern ihren Weg, und die beiden Gnome blieben stehen und warteten, bis die Tiere zwischen den Steinen verschwunden waren. An einer anderen Stelle entdeckte Darnamur eine Fangheuschrecke, und sie machten einen großen Bogen um sie.

Dann kamen sie an den steilen Hang, der zum Höhleneingang führte, und kletterten mühsam hinauf. Um sich herum hörten sie Steinschläge niedergehen, und auch sie selbst traten Steine und Geröll los, die polternd und prasselnd hinunterrollten.

Darnamur zuckte bei jedem Laut zusammen, aber was für sie ein Steinschlag war, war für die großen Wesen nur ein wenig rieselnder Sand. Die menschlichen Wachen im Höhleneingang würden nichts davon bemerken.

Oben am Hang gab es mehrere Spalten im Berg, und jede konnte der gesuchte Eingang sein. Darnamur fluchte. Wenn sie in jeden finsteren Winkel erst hineinspähen mussten, bis sie die richtige Öffnung fanden, waren sie morgen früh noch unterwegs!

Nidhogir zupfte ihn am Ärmel und machte ihn auf einen Gnom aufmerksam, der in einiger Entfernung auf einem kleinen Felsvorsprung stand und die Richtung zur Höhle wies. Darnamur ging schneller.

Bald nahm er vor sich Menschen wahr. In seiner jetzigen Gestalt kamen sie ihm vor wie riesige Ungeheuer. Die Gegenwart der gewaltigen Leiber war erdrückend, ihr Geruch und die Wärme, die von ihnen ausging, erfüllte alles um sie herum, jede Bewegung ließ den Boden erzittern. Irgendwo in der Ferne sah Darnamur ein unruhiges Licht, Fackeln, die tief in den Grotten brannten, während die Wachen selbst im Dunkeln verharrten.

Darnamur atmete schwer. Es war beklemmend, so klein zu sein und den Feind so groß über sich zu spüren. Jetzt bin ich für sie unsichtbar, sagte er sich immer wieder, und ich kann jederzeit wieder meine große Gestalt annehmen und sie überrumpeln. Dann wird man sehen, wie sterblich sie sind. Aber dieser Gedanke war nur ein schwacher Trost. Darnamur umfasste den Griff seines Knochenmessers.

Dann spürte er einen der Wachposten unmittelbar über sich. Vorsichtig schlichen die beiden Gnome an der Wand entlang, nutzten jede Rille und jeden Spalt. Die Menschen würden die insektengroßen Eindringlinge in dem dunklen Gang kaum entdecken, aber sie konnten aus Versehen auf sie treten.

Plötzlich hörte Darnamur einen erstickten Aufschrei. Er hatte seinen Begleiter kurz aus den Augen verloren und bewegte sich auf das Geräusch zu.

»Nidhogir?«, flüsterte er, räusperte sich dann und verzog das Gesicht. »Nidhogir?«, rief er entschlossener. »Alles in Ordnung?«

»Ich bin hier«, flüsterte Nidhogir zurück. »Hilfe!«

Darnamur ging der Stimme nach. »Du kannst ruhig normal sprechen«, herrschte er den Gefährten an. »Die Menschen werden es nicht mitbekommen. Oder hast du schon mal einen Käfer reden hören?«

Aber Nidhogirs Stimme klang immer noch erstickt. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich glaube … ich habe ein Problem.«

Dann war Darnamur bei ihm und stieß erschrocken die Luft aus. »Oh, Nid!«, entfuhr es ihm.

Nidhogir zog einen Arm zurück und strampelte, doch das Netz, an dem er hing, zog sich mit jeder Bewegung fester um ihn zusammen.

»Beweg dich nicht«, zischte Darnamur. Sein Blick huschte über die Höhlenwand. Die Spinne verbarg sich im Schatten, aber Gnome konnten auch im Dunkeln gut sehen. Das ferne Licht der Fackeln reichte aus, um zumindest im näheren Umkreis alle Einzelheiten zu unterscheiden.

Es hätte auch für Nidhogir ausreichen müssen, um das Netz zu sehen. Darnamur ballte die Fäuste und spürte dabei den Messergriff in der Rechten.

»Nid!«, sagte er scharf, und sein Begleiter erstarrte. Angsterfüllt blickte er ins Leere und wagte nicht einmal mehr, den Kopf zu drehen.

»Wo ist sie?«, wisperte er.

»Sie zögert noch«, flüsterte Darnamur zurück. »Du bist wohl ein ungewohnter Brocken für sie, und sie traut sich nicht recht heran.«

Er bemühte sich, seiner Stimme einen lockeren Klang zu geben. Es war eine kleine Spinne, kleiner als ihre Beute. Aber jede Bewegung von Nidhogir im Netz mochte sie zum Angriff reizen. Womöglich reichte schon der Klang ihrer Stimmen.

»Ich mache mich groß«, sagte Nidhogir.

»Nein!«, befahl Darnamur.

»Aber Dar«, flehte Nidhogir. »Was können wir sonst tun?«

Ja, was sollten sie tun? In ihrem Netz war die Spinne beweglich und schwer zu erreichen, so dass sie auch mit dem Messer nicht gegen sie ankommen würden. Aber wenn Nidhogir jetzt seine Größe änderte, stünde unvermittelt ein Gnom zwischen den Beinen der Wachen. Das würde die Menschen ohne Zweifel überraschen, und vielleicht konnten sie in dem Durcheinander alle entkommen. Aber ihre Gegner wären dann gewarnt, und der Auftrag wäre gescheitert.

»Wir müssen nachdenken«, sagte Darnamur.

»Gib Wito Bescheid«, schlug Nidhogir vor. »Der weiß bestimmt einen Rat.«

»Er ist zu weit weg«, sagte Darnamur. Er blickte sich verzweifelt um. Wito … »Was würde Wito tun? Er wüsste bestimmt etwas, aber wir müssen jetzt allein darauf kommen.«

»Ja«, flüsterte Nidhogir. Seine Stimme klang verzweifelt. »Was würde Wito tun?«

Darnamur spähte ins Dunkel. Irgendwo dort war ihr Anführer mit seiner Begleiterin unterwegs. Ja, Darnamur wusste, was Wito tun würde – aber Wito war nicht hier, und er, Darnamur, musste die Entscheidung treffen.

»Was nun?«, fragte Nidhogir. Er wandte mühsam den Kopf und versuchte, seinen Gefährten auszumachen. Die Spinne tastete sich ein Stück aus ihrem Spalt heraus, und der Gnom spürte, wie das Netz erbebte. Er wand sich und riss an den Strängen, die ihn banden.

»Ich mach mich jetzt groß«, stieß er hervor. »Es gibt keinen anderen Ausweg.«

»Nein!«, rief Darnamur. »Ich weiß jetzt, was Wito tun würde.«

Nidhogir blickte ihm vertrauensvoll entgegen. Darnamur hob das Knochenmesser und trat auf ihn zu.

»Dar«, sagte Nidhogir zweifelnd. »Glaubst du wirklich, du kannst mit der Klinge Spinnfäden durchschneiden?«

»Nein«, sagte Darnamur und stieß seinem Begleiter das Messer ins Herz.

Es war ein präziser Stich, und Nidhogir starb sofort. Ein Zittern lief durch das Netz, als sein Körper erschlaffte. Rasch, aber ohne Hast trat Darnamur zurück und behielt die Spinne im Auge. Diese saß wieder regungslos da, als würde sie abwarten.

Darnamur wischte seine Waffe ab, doch das Blut ließ sich nicht restlos von der leicht porösen Oberfläche entfernen. Schließlich setzte Darnamur seinen Weg fort. Er war jetzt auf sich allein gestellt, aber er hatte immer noch einen Auftrag zu erledigen.

Was würde Wito tun? Darnamur hatte nicht lange nachdenken müssen, um darauf zu kommen, was ihr Anführer unternommen hätte. Wito hätte Nidhogir ohne Zögern befohlen, seine ursprüngliche Größe anzunehmen – weil das der einzige Weg war, wie der Gnom hätte entkommen können.

Solange die Möglichkeit bestand, den Kameraden zu retten, hätte Wito alles dafür getan. Aber damit hätte er die Mission verraten. Gnome waren Kundschafter, aber Kundschafter waren auch Krieger, und Krieger konnten in der Schlacht fallen. Wito wusste das, aber er würde keinen seiner Leute bewusst opfern.

Deshalb war es Darnamur zugefallen, die Mission zu retten. Wito war ein guter Anführer, aber manchmal musste man Opfer bringen, um an sein Ziel zu kommen. Darnamur hatte gewusst, was sein Anführer getan hätte. Aber er war allein gewesen und hatte eine bessere Entscheidung getroffen.

Der Höhlenboden war feucht und lehmig, und die Furchen und Falten darin sahen aus wie erstarrter Wellenschlag. Für die winzigen Gnome waren es Täler und Hügelketten, und sie mussten am Rand des Ganges entlanggehen, wo es ein wenig ebener war.

»Schau mal hier«, rief Skerna.

Wito drehte sich nach ihr um und stolperte. Skerna kicherte.

»Schau mal was?«, fragte Wito gereizt.

»Die Felsstufe vor dir. Ich dachte mir, du hättest sie noch nicht gesehen. Und so war es ja auch. Eine gute Gelegenheit für einen netten Scherz.«

Wito verzog das Gesicht. »Wir dringen gerade in das feindliche Lager ein«, sagte er scharf. »Jetzt ist nicht die Zeit für Scherze und Streiche.«

»Für Scherze und Streiche ist immer Zeit«, sagte Skerna. »Wir sind allein, und wir sind klein – und es ist nichts Gefährliches in der Nähe. Die Menschen können uns nicht wahrnehmen. Keine Sorge, ich denke nach, bevor ich so was mache.«

Wito schüttelte den Kopf. »Denken kann man viel. Aber irgendwann macht man einen Fehler dabei.«

»Ach was.« Skerna stieß ihn in die Seite. »Nidhogir hat immer Angst vor Fehlern und macht dabei am meisten von uns allen. Soll ich mir den etwa als Vorbild nehmen? Gerade stell ich mir Nidhogir und Darnamur vor … Die haben bestimmt keinen Spaaaß!« Sie zog eine spöttische Grimasse. »Der eine ist so steif wie ein Zwerg und will nichts falsch machen, und der andere ist verbissen und will immer alles mit dem Messer erledigen. Was für ein un-gno-mi-sches Paar!«

Sie dehnte die letzten Worte unnatürlich in die Länge, dann grinste sie. »Aber vielleicht hast du die beiden gerade deshalb zusammengesteckt? Gemeinsam ergeben sie ein so seltsames Gespann, dass sie schon wieder lustig sind.«

»Genau«, erwiderte Wito, und unwillkürlich hoben sich seine Mundwinkel. »Und du bist bei mir, weil ich dich niemand anderem zumuten kann. So, wir sind da – die große Höhle!«

Vor ihnen schien der Raum sich ins Endlose zu dehnen. Lichter brannten in der Schwärze wie ferne flackernde Sonnen. Wito sah sich um und ordnete mit geübtem Ohr die Geräusche, die ihn umgaben. Ruhige Atemzüge. Gelegentliches Rascheln.

Er folgte der Wand und suchte sich einen Spalt, wo er in sicherer Deckung seine natürliche Größe annahm und sich umsah.

Die Höhle war nicht so groß, wie er gedacht hatte, und von pockennarbigen Felswänden umschlossen. Kurze Gänge und Durchlässe zweigten von der zerklüfteten Kammer ab, und überall lagen Menschen in ihre Decken gewickelt und schliefen. Durch einen Spalt konnte Wito Gepäckteile erkennen. Aber nirgendwo war eine Wache zu sehen. Anscheinend rechneten die Bitaner so weit hinter ihren Vorposten nicht mehr mit einer Bedrohung.

Wito stieß einen leisen, hohen Pfiff aus, für einen Menschen kaum wahrnehmbar. Das war das vereinbarte Zeichen, dass keine Gefahr drohte, und sofort tauchte Skerna neben ihm auf.

Überall in der Eingangsgrotte erschienen weitere Gnome. Die meisten hatten sich wie Wito eine sichere Deckung gesucht, aber Wito konnte einige seiner Gefährten ausmachen. Er sah Darnamur, Sneikan, Hursi … Gut. Anscheinend waren die meisten Gruppen angekommen.

Mit raschen Gesten gab er quer durch den Raum Anweisungen und schickte die Mitglieder der Patrouille durch die weiteren Ausgänge. Dann wandte er sich um. Erschrocken stellte er fest, dass Skerna nicht mehr neben ihm stand!

Gewandt huschte die Gnomin zwischen den schlafenden Menschen umher, beugte sich hier und dort ein wenig tiefer und kauerte schließlich am Fußende eines der Schlafenden.

Als Wito hinter ihr herschlich, erkannte er, dass Skerna die Schnürsenkel des Mannes verknotete. Ihre Finger bewegten sich so behutsam wie Spinnenbeine, und der Mann schnarchte regungslos weiter.