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Klett-Cotta

© 2010 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Abbildung: © Nikolai Golovanoff / Corbis

Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse GmbH, Leck

Printausgabe: ISBN 978-3-608-94617-8

E-Book: ISBN 978-3-608-10132-4

Für Bib,

mit Dank für 18 analoge Jahre

DER TAG DAVOR

Der Proband bereitet sich vor Zeugen auf sein Experiment vor, verabschiedet sich von all seinen Freunden und hat im Aufzug Angst, so zu enden wie ein sibirischer Einsiedler. Alles beginnt aber mit einem stummen Duell und der Frage, ob das denn überhaupt erlaubt sei.

30. NOVEMBER

icon2 Mittags, auf dem Weg in die Kantine, bitte ich Christopher und Bernd, mit mir einen kurzen Umweg zu machen, bei den Jungs von der IT, im zweiten Stock, vorbei. Ich will die beiden als Zeugen dabeihaben. Der Sachbearbeiter, der mir das Gerät vor etwa einem Jahr ausgehändigt hat, fragt zuerst, ob das ein Scherz sei.

»Nein, ich will nur, dass Sie das Ding in Verwahrung nehmen. Am 31. Mai komme ich und hol’s mir wieder ab.«

»Aber warum denn nur?«

»Ich gehe ein halbes Jahr offline.«

»Da können Sie den Blackberry doch auch zu Hause in eine Schublade stecken.«

Ebenso gut könnte ein Dealer seinem Kunden sagen, um clean zu werden, reiche es, das Crack auf den Schrank zu legen, außer Sichtweite, vielleicht noch in einer Kaufhof-Tüte verstecken, dann werde das schon klappen mit ein bisschen gutem Willen. Ich halte dem Mann stumm meinen Blackberry hin. Er sieht mich regungslos an und verschränkt die Arme. Mittlerweile schauen uns alle Mitarbeiter in dem Büro zu, Christopher und Bernd stehen feixend in der Tür, Bernd sagt: »Der meint’s erst.« In dem Moment kehren sich die Fragen ins Sorgenvolle: Ob mit mir alles in Ordnung sei, ob ich Probleme mit dem Ding hätte. »Ja, hab ich, deswegen sollen Sie’s ja zurücknehmen.« Da steckt er den Blackberry achselzuckend in die oberste Schublade seines Schreibtischs und sagt: »Sie kommen doch eh nachher ohne Ihre Freunde zurück und holen ihn sich heimlich wieder.«

Als ich nach dem Kantinenbesuch beim IT-Support anrufe, versteht die Sachbearbeiterin erst mal gar nicht, was ich will. Ob denn irgendwas nicht stimme mit meinem Internet.

»Nein, alles wunderbar und makellos, ich will’s bloß ein halbes Jahr los sein.«

Stille in der Leitung.

»Hallo? Sind Sie noch dran?«

»Ja. Schon. Ich weiß bloß gar nicht – ... Ist das denn erlaubt?«

Erst als ich der Frau mehrfach versichere, dass das wirklich abgesprochen sei, mit der Chefredaktion und mit der Ressortleitung, verspricht sie mir, um 22.30 Uhr Mozilla Firefox, Skype, Lotus Notes und den Internet Explorer von meinem Rechner zu schmeißen.

Nach diesem Anruf werde ich unsagbar nervös, ich schreibe wie besessen E-Mails und ziehe mir panisch Zeug aus dem Netz, für die Zeitungsthemen der nächsten Wochen, aber auch für dieses Tagebuch. Wer weiß, vielleicht finde ich ja noch gute Texte über digitale Sucht, Beschleunigung, Überforderung. Oder einen weiteren geistreichen Lobgesang auf die Allzeitvernetzung und Intelligenz des Internets. Noch vor einer halben Stunde fühlte sich das Ganze an, als würde ich heimlich auf Abenteuerurlaub fahren. Jetzt ist es, als würde ich für eine gnadenlose Arktisexpedition packen, auf der ich ein halbes Jahr keinen Menschen sehe, ein Fehler, Greenhorn, und du erfrierst elendig zwischen Eisschollen.

Kurz vor Dienstschluss stelle ich mit Erstaunen fest, wie dumm der sogenannte Abwesenheitsagent ist. Gibt man zwei Daten ein, formuliert er daraus den kategorischen Satz: »Ich werde vom 1. Dezember bis zum 31. Mai nicht im Büro sein.« Ich werde aber die meiste Zeit im Büro sein, du bescheuerte Kiste. Genauer gesagt die halbe Zeit: Ich werde das kommende halbe Jahr im monatlichen Wechsel zu Hause und in der SZ verbringen, um besser unterscheiden zu können zwischen den Auswirkungen, die das Offlinesein auf mein Arbeits- und auf mein Privatleben hat. Man kann den Satz nicht umformulieren, nur was drunterschreiben: »Halt! Stimmt nicht! Ich bin die meiste Zeit da. Aber ich habe für sechs Monate meine Mail abgestellt. Über postalische Zuschriften, Faxe oder gar persönliche Besuche freue ich mich in dieser Zeit des digitalen Fastens noch mehr als sonst schon.« Danach noch eine Sammel-Mail an gute Freunde, in der ich mich verabschiede und sie bitte, mich nicht zu vergessen. Friedmann verspricht in seiner prompten Antwort, er werde »nachher mal auf den Dachboden steigen – Hausstaubmilben, ich komme! – und Postkarten raussuchen«. Dann fragt er noch, wie viele Mails ich heute bekommen hätte, »am letzten Tag vor deinem Harakiri«. War ein ganz normaler Tag: 68 Mails im Eingang, 45 geschrieben. Ich mache den Rechner aus, ziehe meine Jacke an, stelle mich in den Aufzug und denke: »Harakiri. Gute Nacht, du schöne Welt.«

Und jetzt? Magert mein Leben ab zur analogen Mangelexistenz? Verkomme ich zu einem dieser bärtigen Sonderlinge, die einem in den Fußgängerzonen aus speckigen Jutebeuteln eng bedruckte Zettel über den nahenden Weltuntergang zustecken? Werde ich so einsam wie der sibirische Einsiedler, den sie in den Neunzigerjahren in einer Blockhütte unterm Polarkreis fanden und der nicht mal wusste, dass Stalin tot ist? Oder weitet sich mein Alltag? Erlebe ich stille, epiphanische Beglückungen, weil ich mehr im Moment weile als andere? Wär natürlich wunderbar. Ein halbes Jahr Rundumerfüllung und reine Aufmerksamkeit, ganz’n’gar im Hier’n’Jetzt.

Auf dem Heimweg, am Gasteig, radle ich gedankenverloren auf der falschen Straßenseite den Berg runter und sehe nicht, dass unten eine Polizeistreife steht. Strafzettel, 15 Euro.

DEZEMBER

Erster Monat, in dem der Proband zunächst schwere Entzugserscheinungen durchlebt. Er wird gehänselt, will sich einen buschigen Bart wachsen lassen, träumt von den Great Plains des Netzes und wird im Büro verhaltensauffällig. An Erfreulichem sind die dramatische Befreiung eines Erpels, ein Einladungsbrief aus einem bayerischen Hochsicherheitsgefängnis und ein stiller Silvesterabend zu vermelden.

1. DEZEMBER

icon1 All die Monate werde ich früh schlafen gehen, soviel steht schon mal fest. Wenn ich jeden Morgen um fünf Uhr am Schreibtisch sitzen will, muss ich ab sofort mit den Kindern ins Bett. Als B., meine Frau, gestern Abend sah, wie ich den Wecker stellte, sagte sie: »Bist du sicher? Ich hab dich öfter aufwachen sehen als du dich selber. Ist doch schon um sieben ein schwerer Kampf für dich.« Das stimmt, die härteste Nebenwirkung am Kinderhaben ist für mich das frühe Aufstehen. Ich bin eine Morgenmemme.

Es ist kurz vor fünf, ich sitze mit einer Kanne Grüntee im fahlen Blaulichtbezirk meines Rechners, nur der Bildschirm glimmt. Eigentlich sollte das Tagebuch entstehen in einer Zeit, in der ich entspannt durchs Leben flaniere. Ich wollte dafür ein Sabbatical nehmen, was leider nicht geklappt hat. Also stattdessen in Nachtschichten, mit zusammengekratztem Urlaub. Die Entspanntheit muss ich irgendwie hinter dem Rücken meines Alltags in den Text hineinschmuggeln, schließlich gleicht ebendieser Alltag mittlerweile eher einem gramgebeugten Kohlekumpel als einem Flaneur: Schwarz von Staub fährt er jeden Tag erneut ein in den klaftertiefen Schacht namens Arbeit. Hätte ich jetzt das Internet offen, würde ich sofort schauen, wie tief ein Klafter ist. So kann ich nur entweder in eine Bibliothek fahren, was ich wahrscheinlich nicht mehr getan habe seit meinem Studium, was ungefähr gleichbedeutend ist mit: seit Google (ich habe 1996 meinen Magister gemacht), oder meinen Vater anrufen, der noch beeindruckend viele solcher Fachwissenspartikel wohlverwahrt in sich herumträgt, aber der schläft um die Uhrzeit hoffentlich noch. Ne, Moment, in ein Lexikon könnte ich schauen. Ich hatte früher einen dreibändigen, weinroten Universal-Meyer. Aber der steht längst im Keller, irgendwo weit hinter den Koffern.

Nachdem ich gestern die Abschieds-Mail an einige Freunde geschickt hatte, rief Abraham an und erkundigte sich, ob ich mein Experiment jetzt tatsächlich nebenher machen wolle, inmitten der Zeitungskrise. Als ich ihm von meinem Plan erzählte, jeden Morgen sehr früh aufzustehen und zwei Stunden zu schreiben, sagte er, ihn erinnere das an diesen jüdischen Philosophen, der in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs seine Ideen auf Feldpostkarten notierte und sich selbst nach Hause schickte. »Als er zurückkam, hatte er sein erstes Werk fertig, wie hieß der noch, das Buch hatte irgendwas mit Stern im Titel.« Er meinte das als Trost, selbst unter den irrwitzigsten Bedingungen kann man einen guten Text schreiben, aber jetzt sitze ich hier in tiefer Nacht und denke an die bombenzerfetzten Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Außerdem ist da der starke Drang, kurz ins Netz abzubiegen und diesen Philosophen zu googeln, »jüdischer philosoph erster weltkrieg stern«, bingo. Geht nicht mehr. Aus. Vorbei. So starre ich minutenlang auf das blinkende Cursor-Stäbchen hinter »Vorbei« und denke, was für eine sensationelle Schnapsidee. Ein halbes Jahr ohne Google – wie soll das denn gehen, bitte? Hallo? Kann mich jemand hören?

Ja, anscheinend die Kinder. Punkt halb sechs stehen sie beide am Schreibtisch, barfuß im Schlafanzug, und fragen, ob sie ihre Adventskalender aufmachen dürfen. Heute ist erster Dezember, lange ersehnt, endlich das erste Türchen öffnen, sehr verständlich, aber soll ich jetzt um drei aufstehen, um in Ruhe schreiben zu können? Meine Tochter S. sagt, sie finde das »voll ungerecht, wir dürfen nie fernsehen und du kuckst sogar nachts immer in deinen blöden Computer rein«. Ihr Bruder N. steht in seinem blauen Pyjama vor den Büchern, die ich gestern neben dem Schreibtisch aufgebaut habe – eineinhalb Meter Sekundärliteratur, daneben zwei Ordner mit Aufsätzen, Zeitungsartikeln, Ausdrucken zu lauter Themen rund ums Netz -, und deklamiert wie ein Jahrmarktsschreier wild gestikulierend die für ihn kryptischen Titel: »A Better Pencil, meine Damunherrn, A Better Pencil! Nur heute! Kommen Sie!« Er spricht den englischen Bleistift »Penkill« aus, Stiftkiller. »Distracted« klingt bei ihm wie eine mittelalterliche Figur, der böse Zauberer Distraktet, der den Menschen eines Tages hinterrücks die Aufmerksamkeit geraubt hat. S. will die Gunst des Moments nutzen und mit mir heimliche Nachverhandlungen beginnen, weil doch in ihrem Kalender keine Schokolade sei, ob sie da mehr vom Hexenhäuschen kriegen könne. N. verstummt sofort und lauscht, S. sagt, es sei alles so ungerecht, und schmeißt sich weinend auf den Boden. N. sagt empört, nein, überhaupt nicht ungerecht, weil nämlich im letzten Jahr war’s andersrum und so weiter, hin und her. Irgendwann wird’s mir zu viel, und ich sage, sie sollen mich in Ruhe lassen. Schließlich muss ich mich hier von heute an meinem analogen Experiment widmen. Die beiden schauen mich staunend an und gehen dann, geeint in empörtem Schweigen, aus dem Zimmer. Kinder sind das Analogste, was es gibt.

Auf dem Weg zur Arbeit halte ich an der kleinen Stadtsparkassenfiliale an der Berg-am-Laim-Straße. Da ich ja kein Internetbanking mehr machen kann und dazu neige, Zettel aller Art zu verlieren, will ich die 15 Euro Strafe gleich einzahlen. Hinter mir in der Schlange summt eine Frau mit gebräuntem Teint etwas von den Bee Gees, es ist so ein ruhiges, selbstzufriedenes Summen, bei dem es mehr darum geht, sich inwendig an das Lied zu erinnern, als es der Außenwelt adäquat vorzusingen. Der Mann, der gerade am Schalter bedient wird, scheint nervös zu sein. Er gräbt beidhändig in seinen Taschen rum, als müsse er tiefe Löcher in sich selber ausheben, und spricht mit dem Schalterbeamten, als sei der ein menschgewordener Putzlumpen. Das Graben in der Hose hört gar nicht auf, eigentlich müsste der das Taschenfutter längst durchgearbeitet haben. Ich muss an dieses Rilke-Gedicht denken mit dem ruhelosen Panther, wie ging das noch, er kreist um eine leere Mitte, Dings, hört auf zu sein. Das Denken in einer morgendlichen Bankschalterschlange gleicht dem diffusen Summen der Frau hinter mir, es ist Denken im Standby-Modus.

Im selben Moment entdeckt der grabende Mann die summende Frau und ruft quer durch die Schalterhalle: »Ah, da sind Sie ja! Waren Sie im Urlaub?« »Ja«, singsangt die Frau, die schon darauf gewartet zu haben scheint, »im Tessin, sieht man das?« Der Mann hat sie anscheinend nicht verstanden und wiederholt: »Waren Sie im Urlaub?« »Ja!«, lacht sie und fügt halb ironisch, halb kokett an: »Haben Sie mich etwa vermisst?« »Nein«, sagt der Mann und gräbt nun wieder seine Hose um. »Sie haben auf meine Mails nicht geantwortet.« Die Frau, auf deren Gesicht gerade noch dieses stille Urlaubsleuchten lag, erschrickt, aus dem tessingebräunten Antlitz wird in Sekundenschnelle eine besorgte Büromiene: »Ach du meine Güte, was Wichtiges?«

Als ich im Büro den Rechner starte, klaffen auf dem Desktop drei Löcher, da, wo die Icons für Firefox, Internet Explorer und Skype standen, ist nichts mehr. Ich rufe die nette Dame von der IT-Abteilung noch mal an, um mich zu bedanken. »Da brauchen Sie sich nicht zu bedanken«, sagt sie, »überlegen Sie lieber, was Sie da tun.« Sie sagt das im Ton einer Ärztin, die einen Diabetiker beim Zuckerwattekauf erwischt hat. Dann wechselt sie in eine versöhnlichere Tonlage und fragt, ob ich denn Abschiedsgeschenke von meinen Kollegen bekommen hätte. »Nein, Abschied nehm ich ja nicht, ich bin weiterhin hier.« »Naja«, sagt sie, nun wieder skeptisch, so als bringe mein Versuch unweigerlich eine verminderte Existenzdichte mit sich. »Naja. Wenn Sie meinen. Viel Glück.«

In »Down by Law« von Jim Jarmusch gibt es diese Szene, in der Roberto Benigni, Tom Waits und John Lurie in einer Gefängniszelle sitzen. Benigni, der in dem Film nicht besonders gut Englisch kann, malt mit dünner Kreide ein Fenster an die graue Zellenwand und fragt: »Zack, Jack, is it I look at the window or I look out the window?« Lurie knurrt: »In this case, I’m afraid, it’s I look at the window.«

Jetzt, da ich nur noch auf Windows schauen kann, kommt es mir so vor, als habe bis gestern direkt hinter der Benutzeroberfläche eine cinemascopisch weite Welt gelegen, in die man jederzeit hineinspazieren konnte, um Kraft zu tanken, durchzuatmen, sich darin zu verlieren, die endlosen Great Plains des Netzes. Nun hingegen ist da nur ein Blatt, das mich anstrahlt, und vor dessen weißer Leere ich mich nirgends hinflüchten kann.

2. DEZEMBER

icon1 Viele Kollegen machen Höhlenmenschenwitze über mich. Mit dem Funkeln des pointengewissen Witzbolds in den Augen, fragt jeder beinhart fast dasselbe. Ob ich denn meine Wohnung noch heize. Ob ich ab sofort meine Mails mit dem Toaster schicke. Ob ich noch mit der elektronischen Karte in der Kantine bezahle oder hinterm Hochhaus Gemüse anbaue. Ob ich mich noch rasiere. Ob ich noch Aufzug fahre oder in Zukunft immer zu Fuß in den 19. Stock hochlaufe. Und ob ich meine Texte jetzt handschriftlich verfasse.

Leute, ich lebe weiterhin in einer beheizten Wohnung, habe ein Telefon, einen Kühlschrank und einen Fernseher, den ich freilich seit einigen Jahren kaum noch benutze. Aber jetzt, ohne Netz, kann ich die Kiste ja mal wieder anmachen und kucken, was ARD und ZDF so treiben mit meinen GEZ-Gebühren. Mir schwant Übles. Ich habe auch meinen Apple noch, der wird sich aber während der nächsten Monate mit mir entsetzlich langweilen, nur noch Textverarbeitungsmaschine zu sein, dürfte für einen multitaskverwöhnten Rechner Exerzitien der Ödnis bedeuten.

Ich mache all das nicht, weil ich das Internet doof finde. Im Gegenteil, ich verbringe den Großteil meiner wachen Zeit im Netz, weil ich es großartig finde, ein riesiges Versprechen. Allein schon die Homepage des »Guardian« kommt mir vor wie der Eingang in ein Bergwerk voller Goldadern: Egal in welchen Text man klickt, dahinter tun sich unendliche Verbindungsstollen voller glitzernder Nuggets auf. Ich prangere die Monsterkrake Google natürlich aufs schärfste dafür an, eine solche Monsterkrake zu sein, noch dazu so eine verlogene, »Don’t be evil« ist nun wirklich der ekligste aller Firmenslogans, aber bin ihr gleichzeitig dankbar dafür, dass sie die ganze Welt für mich ordnet. Weihnachten ohne Amazon-Bestellungen wird sicher mühsam. Und mir graut schon vor analogen Recherchen aller Art. Kurzum: Das Netz sei mit Geschmeiden behängt und mit Ölen gesalbt, es möge ihm wohlergehen immerdar, der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über ihm und gebe ihm Frieden.

Ich habe aber das Gefühl, dass ich mir darin selbst abhanden komme. Dass es mich schluckt. Mein Kopf glich abends, wenn ich vom Büro heimradelte, oft einem neuronalen Flipperautomaten, dessen Drähte nach der Arbeit noch stundenlang im Dunkeln nachglühten. Im Nachhinein kamen mir solche Tage vor, als hätte ich in der staubtrockenen Luft eines Kopierladens fortwährend nur leere Blätter in die Luft geworfen, bleiche, zerfaserte Zeit. Als würde da einer hinter meinem Rücken, während ich in den Bildschirm starre, mit dem Tintentod über den Tag drübergehen: Kaum vergangen, ist alles verblasst.

Vladimir Nabokov schreibt, Erinnerung sei »der lange Sonnenuntergangsschatten der Wahrheit«. Was für ein wunderbares Bild. Das aber von sehr ruhigen, natürlichen Zyklen ausgeht, einem Baum in der Sonne, dessen Schatten am Ende eines langen Sommertages unmerklich länger wird, bis sich irgendwann die Nacht des Vergessens wie ein Tuch über die Welt legt. Ich konnte mich nach einem Arbeitstag oftmals an nichts erinnern. Ja, ich konnte mich manchmal nicht mal mehr während des Tages erinnern, was ich zwei Minuten vorher getan hatte. Als flösse die Zeit direkt hinter mir in ein riesiges schwarzes Loch ab. Andererseits frage ich mich, ob das früher groß anders war. Meinem Tagebuch zufolge nicht. 1996, während der Magisterzeit, habe ich mal geschrieben: »Oft kommt mir die Gegenwart vor, als stünde ich irgendwo im unermesslichen Watt und hielte eine Schnur in der Hand, die direkt hinter und vor mir spurlos im Matsch verschwindet. Wo kommt die Schnur nur her? Wo geht sie hin? Und was mache ich überhaupt hier draußen?«

Wie viel hat mein Unbehagen mit dem Netz zu tun? Wie viel mit mir und meiner inneren Unruhe? Schließlich habe ich Freunde, die mindestens genauso viel im Netz unterwegs sind wie ich und trotzdem den Eindruck vermitteln, geerdet durch ein sinngesättigtes Leben zu laufen. Mein Alltag hingegen ist schon ohne Netz ziemlich zerschreddert, in der Arbeit gibt es Konferenzen, wir müssen Texte bestellen und redigieren, telefonieren, lesen und sollen natürlich auch selber schreiben. Dann will ich ja auch noch Vater und Ehemann sein; ich würde gerne viel mehr freie Zeit verbummeln mit meinen Kindern und meiner Frau, aber kann froh sein, wenn ich abends gerade so die Übergabe schaffe, bevor B. ihre Yogakurse gibt. Und nebenher würde ich selbstverständlich gerne noch autark und ganz und gar in mir selbst ruhen und erfüllt leben.

B. findet das Experiment eher spleenig, sie sagt, lass den doofen Blackberry in der Arbeit und basta. Außerdem hat sie Angst, dass ich jetzt, da ich mich neben der Arbeit zusätzlich über diesen Selbstversuch beuge, noch launischer werde. »Und mehr Zeit wirste dadurch ja auch nicht haben.«

Der zweite Grund für dieses Experiment ist der ideologisch aufgeheizte Streit ums Netz. Beeindruckend, wie alle immer recht haben und Bescheid wissen. Woher wissen die das alle nur immer so genau? In den allermeisten Fällen erweisen sich Prognosen für nie dagewesene Ereignisse als falsch. Wie sollte es auch anders sein, schließlich macht man Prognosen anhand von Parametern und Erfahrungswerten, die durch das nie Dagewesene, das man einordnen möchte, hinfällig werden. Das aber schert die schimpfenden Kulturkritiker genauso wenig wie die heilsgewissen Schwärmer: Wir gehen zugrunde am Netz, Entropie total, Fanatismus allerorten, das kollektive Gedächtnis erlischt, das Internet grillt unser Hirn zu Neuronenbrei, in wenigen Jahren werden wir eine Gesellschaft aus Barbaren und funktionalen Analphabeten sein. Aber nein, im Gegenteil, ein neues, fantastisches Zeitalter bricht an, alles ist erleuchtet, das Netz bringt uns ganz neues Metadenken bei, man hat im präfrontalen Kortex kalifornischer Facebook-User neue Synapsen entdeckt, die das Multitasking erleichtern, wir werden schneller, leichter, heller und gehen bald schon gemeinsam in den Supermind ein, die große digitale Wolke, die für uns alle denkt, fühlt und träumt. Nordkoreanischer Jubel.

Ich will einfach wissen, wie es ohne ist, gerade weil ich mir ein Leben ohne Netz nicht mehr vorstellen kann. Die Welt wird eine Google, das Netz dringt wie Wasser in alle Lebensbereiche. Ja, es gehört für die, die drin sind, mittlerweile so selbstverständlich zum Lebenshintergrund wie die Schwerkraft oder die Luft zum Atmen. Da ist es doch mal interessant, sich für eine Weile daneben zu stellen und zu schauen, was das für Konsequenzen hat. Bin ich tatsächlich süchtig und tue mir dementsprechend schwer mit dem Entzug, oder spaziere ich nach drei Tagen munter in mein analoges Leben davon und sage achselzuckend, das ganze Suchtgerede war doch wieder mal nur unbedachte Journalistenmetaphorik?

»Ich verlange ja gar nicht, dass man das überall macht, aber vielleicht erlaubt man uns, dass wir wenigstens in einem einzigen Haus das elektrische Licht löschen. Mal schauen, was dabei herauskommt.« Das sind die letzten Worte aus »Lob des Schattens«, einem Buch des Japaners Tanizaki Junichiro. Darin steht übrigens auch der wunderbare Satz: »Alles, was man als schön bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens.«

3. DEZEMBER

icon1 Schön sieht anders aus. Ich fühle mich leer. Leer und nervös. Den ganzen Tag über ist da so ein untergründiges nervöses Ziehen von der Peripherie her, als würde meine eigene Mitte außerhalb meiner selbst liegen, und jetzt ist da nur noch ein Loch, ein Unterdrucksog, ähnlich einem saugenden Badewannenabfluss.

Am schlimmsten spüre ich das während des Schreibens für die Zeitung: Direkt vor dem Entzugsbeginn war ich noch für fünf Tage in den Palästinensergebieten, ohne Blackberry wäre das unmöglich oder zumindest sehr schwierig gewesen: Je weniger entwickelt ein Land, desto mehr ist man auf Mail und Handy angewiesen, es gibt in solchen Gegenden ja kaum ein ausgebautes Festnetz.

Ich sitze an einem Porträt über den englischen Krimiautor Matt Beynon Rees, mit dem ich einen Tag in Bethlehem verbracht habe, um dort die Stationen seines ersten Krimis »Der Verräter von Bethlehem« abzulaufen. Man kann anhand des Buches und dieses Autors viel über die verfahrene Situation zwischen Israelis und Palästinensern erzählen, aber wie soll man ohne Internet sichergehen, wie der Name dieser Selbstmordattentäterin geschrieben wird, deren Bild in Bethlehem überall an den Wänden hängt, ähnlich einem Popstar?

Ich muss mich nach einer solchen Reportagereise auf meine Aufzeichnungen verlassen. Diesmal müsste das eigentlich besonders gut klappen: Ich wusste vorher um das Experiment und habe deshalb bei jedem Namen drei- bis viermal nachgefragt und später noch zweimal nachgelesen, ob ich das jetzt in meinem Notizblock auch ganz bestimmt richtig geschrieben habe. Matt Rees muss schon einen psychopathologischen Orthographiezwang bei mir vermutet haben, regelmäßig blieb ich irgendwo im palästinensischen Novemberniesel stehen und fragte:

»Okay, wait, wait, his name is W-A-L-I, is that correct?«

»Yes.«

»W-A-L-I? Like this? Are you sure?«

»Well, as I told you before, it’s quite an easy name.«

Das Interessante ist nun, dass ich, obwohl ich jeden Namen, jedes Datum, jede Zahl vorher mehrfach gegengecheckt habe, mich jetzt unvollständig fühle. Fast als hätte ich Phantomschmerzen.

Auch weiß ich nicht mehr genau, wie der letzte Satz aus Ernst Blochs »Prinzip Hoffnung« wörtlich heißt. Ich gehe zu den Kollegen Thomas Steinfeld, Johan Schloemann und Christopher Schmidt und frage sie, ob sie sich an den korrekten Wortlaut erinnern. Alle drei sagen spontan, kannste doch googeln und lachen dann, als ihnen einfällt, dass ich genau das nicht mehr kann. Die drei haben eine beeindruckend tiefgestaffelte Allgemeinbildung, aber ich musste in dieser dreifachen Wiederholung des Google-Automatismus an Kevin Kelly denken, den Herausgeber des Computermagazins »Wired«, der einen Text darüber schrieb, wie wir unser Gedächtnis ans Netz outsourcen: »Je mehr wir dem Megacomputer beibringen, desto mehr übernimmt er die Verantwortung für unser Wissen. Er wird zu unserem Gedächtnis.« Am Ende schreibe ich Blochs schönen Satz in indirekter Rede, Heimat sei das, was allen in die Kindheit scheint, aber worin noch niemand war, und denke seufzend: Internet ist das, was mir bislang in mein Leben schien und worin ich nicht mehr bin.

Abraham ruft an, er hat den Schützengrabenphilosophen gegoogelt. Franz Rosenzweig war das, und das Buch, das er sich auf Feldpostkarten portionsweise aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause geschickt hat, heißt »Stern der Erlösung«. Um was es darin geht, weiß Abraham auch nicht. »Aber der hat in der Zeit nicht nur das Buch geschrieben, sondern auch noch per Brief in einer Menage à trois um eine Frau gerungen. Das allein würde mich schon komplett lähmen. Dann noch Erster Weltkrieg. Und der schreibt dieses philosophische Schlüsselwerk.« Ich muss glücklicherweise nicht mehr um meine Frau ringen. Hoffe ich zumindest. Ich werde sie mal fragen heute Abend. Jetzt habe ich ja wieder Zeit für analoge Gespräche. Ich muss auch kein philosophisches Schlüsselwerk schreiben. Aber »Stern der Erlösung« wäre ein schöner Titel für ein Entzugstagebuch.

4. DEZEMBER

icon1 Keine Frage: Ich bin verhaltensauffällig. Es gibt ja in jedem Büro, in jeder Abteilung diese Kollegen, die sich selbst für hochgradig gesellig halten, was bedeutet, dass sie den meisten auf die Nerven gehen, weil ihre Besuche eher Heimsuchungen gleichen: Sind sie erst mal über die Schwelle des Büros getreten und haben es sich gemütlich gemacht in einem Besuchsstuhl und ihrem eigenen Gerede, bekommt man sie nicht mehr aus dem Zimmer. Ich behelfe mir in solchen Situationen oftmals damit, dass ich irgendwann aufstehe, mein Glas nehme und selbst aus dem Zimmer gehe mit dem Hinweis auf meinen großen Durst.

Kaum aber ist der vierte Tage ohne Netz angebrochen, stehe ich eine halbe Stunde bei unserem Volontär im Büro und frage ihn über seine Schwester aus, von der ich kurz zuvor nicht mal gewusst hatte, dass es sie gibt, »ach, im diplomatischen Dienst ist die, interessant, wo will die denn da hin?« Im Anschluss daran besuche ich meinen Zimmernachbarn, den Filmredakteur Tobias Kniebe, und rede so lange hochtouriges Zeug daher, bis er irgendwann leise sagt, ich geh mir mal Wasser holen. Die Verblüffung darüber, dass Tobias sich anscheinend in solchen Situationen mit demselben Trick behilft wie ich, kann das Entsetzen darüber, dass ich selber soeben Hauptfigur einer solchen Situation war, nicht lindern.

Oder bin ich gar nicht verhaltensauffällig, sondern nur so kommunikativ, wie der Mensch von Haus aus wäre, säße er nicht festgeschraubt am Bildschirm? Der große alte Joachim Kaiser kommt ja noch oft in die Redaktion gefahren. Da sinniert er dann zuweilen darüber, wie radikal sich doch unser Arbeiten geändert habe. Wie bizarr er das finde, dass wir alle stumm und einsam in unseren kleinen Kubikeln sitzen und fortwährend in den Rechner starren. Zu seiner Zeit habe man Themen im Dialog entwickelt, sei stundenlang gemeinsam essen gegangen, habe leidenschaftlich diskutiert. Jetzt sei hier alles immer so still.

5. DEZEMBER

icon1 Vor Beginn des Experiments habe ich mich sehr auf die Wiederbelebung meines Briefkastens gefreut. Mit dem Briefkasten ist es ja mittlerweile wie mit der Bundesrepublik: Innerhalb weniger Jahre ist er zur strukturschwachen Gegend verkommen. Noch 1993 schrieb Max Goldt in einer seiner Kolumnen: »Die Post ist eine heilige Institution, und das Bekommen von Post hat am späten Vormittag die gleiche tröstende Funktion, die der mäßige Genuss leicht alkoholischer Getränke am Abend und der Schlaf in Nacht- und Morgenstunden ausüben. Die öffentliche Verehrung, die Sportlern oder Schönheiten der Unterhaltungsindustrie zuteil wird, sollte man lieber den Postboten widmen.« Goldt liebte seinen Postboten so, weil der ihm tagaus, tagein persönliche Briefe brachte. Der postmoderne Bote aber trägt nur computergeschrierte Behördenschreiben und frankierte Reklame aus. Niemand schreibt mehr. Niemand. Schlimmer als niemand ist nur der Journalistenverband, weil der einmal im Monat eine dröge Zeitschrift schickt, in der es um die Krise des Journalismus geht. Meist aber ist der Briefkasten so leer wie Ostdeutschland in seinen zugigsten Ecken: Hie und da Werbung für die asiatische Glutamatmafia, manchmal das Programm der Berliner Volksbühne, obwohl ich das schon mehrfach abbestellt habe. Ansonsten: Schicht im Schacht. Jetzt aber, so dachte ich vergangene Woche, während ich feierlich ein paar Postwurfsendungen entsorgte, jetzt bricht eine neue Zeit an. Dieser Kasten wird zum Zentrum der Diskurse werden, dicke Briefbündel werden daraus hervorquellen, innige Geständnisse, in aufgewühltem Seelenzustand mit Füller auf Büttenpapier geworfen, hitzige intellektuelle Diskussionen, die sich aufgrund der anspruchsvollen dialektischen Argumentationen über Monate hinziehen werden ...

Von wegen. In diesem Kasten bleibt nur, der durch ihn ging, der Wind. – Fabelhaft, das habe ich gerade eben live in meinem Gehirn gegoogelt! Mein analoges Neuro-Enhancement scheint kolossale erste Früchte zu tragen! Bertolt Brecht. Duineser Elegien. Ich Teufelsbraten, kaum vergehen ein paar Tage, schon habe ich mir mein Gedächtnis zurückerobert. Wobei, Moment, die Duineser Elegien sind gar nicht von Brecht, sondern von dem Typen, von dem auch das mit dem Panther in der Bank war, Rilke, genau, der doch in einem seiner Gedichte hoch und heilig versprach, er werde wachen, lesen, lange Briefe schreiben im Herbst. Und? Was ist? Herbst vorbei, kein einziger Brief.

6. DEZEMBER

icon1 Ich rufe abends die Auskunft an, um die Adresse des Klett-Cotta-Verlags zu erfragen und führe mit der Mitarbeiterin ein erfrischend absurdes Gespräch. Die Frau sagt, sie finde nur einen Klett-Verlag, aber keinen Cotta.

»Sie meinen doch Cotter mit er wie sie?«

»Wieso sie? In sie ist doch gar kein r?«

»Nein, er. Er. Sie. Es. Cott-ER.«

»Ah. Ne, mit a.«

»Ah.«

»Genau, mit a.«

»Nein, ich meinte ah wie aha.«

»Ah.«

»Genau. Den Cotta mit a gibt’s nicht.«

Mann, Leute, zehn Sekunden googeln und ich hätte die Anschrift. Der Klett-Cotta-Verlag ist doch keine kasachische Briefkastenfirma, das muss doch zu finden sein. Ich nuschle irgendeine Dankesformel, lege auf und versuche es noch mal. Auch diese Mitarbeiterin ist freundlich und bemüht, findet aber den Verlag genauso wenig. Schließlich fragt sie, ob sie mich durchstellen solle zu den Kollegen von der Serviceabteilung. Na, warum nicht. Dort findet eine Frau die Adresse innerhalb weniger Sekunden. Ich frage vor dem Auflegen, worin denn der zusätzliche Service der Serviceabteilung bestehe. »Wir benutzen Google.«

Ich brauchte die Adresse, um meinem Verleger Tom Kraushaar eine Postkarte zu schicken, die einen indischen Beamten zeigt: Das Büro ein winziger dunkler Holzkasten mit kahlen Wänden, auf dem leeren Schreibtisch nur ein uraltes Bakelittelefon, das nicht so aussieht, als ob da oft jemand anrufen würde. Ich wollte Kraushaar die Karte schicken, weil ich mich genauso fühle. Allein. Nutzlos. Isoliert. Und so dermaßen analog wie in diesem Dritte-Welt-Verschlag, der eher einer mönchischen Einzelzelle gleicht als einem Büro. Kein Schwein mailt mich an. Okay, daran bin ich selber schuld. Aber auch das Fax steht still und schweiget. Briefkasten ja sowieso. Das hat was von Isolationshaft. Wo sind meine Freunde denn nur? Im Netz? Alle zusammen?

In der fünften Klasse war ich mal zerstritten mit meinem Banknachbarn Jens. Der hat dann seine Geburtstagsparty umfunktioniert in eine Alexausschmierparty: Er hat die ganze Klasse eingeladen, nur mich nicht. So habe ich mir das jedenfalls damals eingebildet. An dem Nachmittag habe ich bei uns im Garten gespielt, mit Pfeil und Bogen auf einen vermoosten Torfsack geschossen, und sagte mir, ist doch eigentlich auch super. So einsam habe ich mich in meinem ganzen Leben nicht wieder gefühlt. Bis heute.

Es ist doch beeindruckend schwer zu ertragen, keine Post zu bekommen, wenn man 60 bis 80 Mails am Tag gewohnt ist. 60 mal am Tag wichtig sein. 60 mal warmes Fläschchen fürs Ego, eine Nuckelflasche voll mit süßem Brei, das stille Versprechen, gebraucht, geliebt, angesprochen, umsorgt zu werden. Und ich war das Baby, das keinen Aufschub duldet.

Ich hab den Blackberry meist in meiner Hemdtasche getragen, das heißt der Vibrationsalarm ging mir direkt ins Herz. Jetzt klafft da ein riesiges Loch, das freilich keiner sehen kann. Aber ich kann es spüren. Ich fasse mir im Gehen auch oft an die Hemd- oder Hosentasche, halb in der Erwartung, das kleine schlanke Kästchen zu spüren, halb als Ersatzhandlung. Aber da ist nichts mehr. Ich bin alleine. Andererseits: Was hatte ich erwartet? Dass im Moment des Mail-Ausschaltens in mir das Gefühl aufblüht, in einem dieser Konstantin-Wecker-Lieder zu leben, in denen junge Hunde durch C-Dur-Akkorde und den Englischen Garten tollen?

7. DEZEMBER

icon1 Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, radle ich bei einem Suchthilfezentrum in der Maistraße vorbei. Ein Typ mit langen schwarzen Haaren steht im ersten Stock am Fenster und scheint gerade akut am Entzug zu leiden: Er knautscht sein Gesicht ans gekippte Fenster und schreit zwei Freunden, die unten auf dem Bürgersteig stehen, zu: »Ey, is das krass, Leute, ist das krass, ich glaub, ich pack’s nicht«. Hallo Kollege!

Ich hätte nie gedacht, dass ich auf meine alten Tage noch mal abhängig werde. Ich trinke in Maßen, Fernsehen im Sinne des Glotzens und Zappens hat mich immer eher gelangweilt, ich hab noch nie geraucht, und die zwei Male, die ich Marihuana in Joghurt beziehungsweise versalzenen französischen Keksen gegessen habe, ist außer Sodbrennen rein gar nichts passiert. Kurzum, ich dachte, jetzt bin ich 40, keine besonders großartige Existenz, aber immerhin versacke ich nicht in einer lebenszerrüttenden Sucht.

Es ging ganz schleichend, in Schüben. Als hätte der Dealer mir über Jahre immer stärkeren Stoff angedreht. Nein, das ist falsch: Als hätte ich ihn immer wieder um härteres Zeug angebettelt, schließlich habe ich jeweils selber für die Verschärfung gesorgt.