Andreas Laudan

Das weiße Mädchen

Kriminalroman

 

 

 

 

Originalausgabe 2011

© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

 

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

eBook ISBN 978 - 3 - 423 - 40606 - 2 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978 - 3 - 423 - 21280 - 9

 

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Prolog

Wendland, Mai 1986

Lüneburg, Mai 2010

Samstag

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Samstag

Epilog

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Prolog

Wendland, Mai 1986

Es hieß, sie sei verschwunden.

Ungläubig hatte der Junge den Gerüchten gelauscht: Sie sei am Vorabend aus der Stadt zurückgekehrt und an der Bushaltestelle im Dorf ausgestiegen. Doch ihr Vater, der sie dort abholen sollte, habe sie nicht angetroffen und nach stundenlanger Suche die Polizei alarmiert. Man werde die Wälder im Umkreis des Dorfes mit Spürhunden durchkämmen, sagten die Erwachsenen.

Es hieß, sie sei verschwunden.

Der Junge wollte es nicht glauben. Vielleicht kam sie einfach nur später zurück, als sie am Telefon angekündigt hatte. Oder sie hatte beschlossen, dass sie ihre Eltern gar nicht sehen, sondern allein sein wollte. Was wussten schon ihre Eltern? Sie wussten nichts von ihr, nicht, was sie tat, was sie sich wünschte oder wohin sie ging, wenn sie den bösen Blicken der Leute im Dorf entfliehen wollte.

Der Junge aber wusste es. Er suchte den Ort auf, wo er ihr schon mehrmals begegnet war: ein verfallenes Haus mitten im Wald, unweit der Landstraße. Das Haus war seit Jahren unbewohnt. Niemand sonst kam hierher, außer ihm – und ihr – und den Tieren des Waldes. Der Gartenzaun war längst in einzelne Latten zerfallen, die im Gras moderten. Die nackten Wände, von Wind und Wetter bis auf Hüfthöhe abgetragen, waren mit Moos und Kletterpflanzen überrankt. Das Sparrendach war schon vor Jahren eingebrochen, sodass kaum mehr als ein Mauerviereck zurückgeblieben war, das sich zum Himmel öffnete.

»Christine?«, rief der Junge. »Bist du hier?«

Er umrundete die kleine Lichtung, einmal, zweimal. Dann betrat er den brüchigen Betonboden des Hauses, ging von einem Raum zum anderen.

»Christine?«

Doch die einzige Stimme, die antwortete, kam aus seinem Innern.

Sie ist tot, sagte die Stimme.

Der Junge schauderte. Nein, dachte er. Nein. Das konnte nicht sein. Er war sicher, dass sie hier war, irgendwo in der Nähe des Hauses, das sie stets aufsuchte, wenn sie der bedrückenden Enge des Dorfes entfliehen wollte. Oft hatte er sie hier gesehen, wie sie allein im Gras saß und sich an eine der verfallenen Wände lehnte, den Blick ihrer dunkel ummalten Augen zum Himmel gerichtet, das weiß geschminkte Gesicht von schwarzem Haar umgeben. Zuweilen hatte er sich herangeschlichen und sie beobachtet, hinter einen Busch geduckt oder im Schatten eines Baums, manchmal stundenlang. Einmal hatte er sein Versteck verlassen und so getan, als käme er zufällig des Wegs – und ganz unerwartet hatte sie ihn aufgefordert, sich zu ihr zu setzen. Der Junge hatte sein Glück kaum fassen können. Er hatte sich neben sie gesetzt, doch vor lauter Aufregung kein Wort hervorgebracht.

»Du bist ein komischer Kauz«, hatte sie gesagt, doch zugleich hatte sie gelächelt. »Ich mag komische Käuze.«

Dem Jungen war bei diesen Worten ganz heiß geworden. Auch er mochte sie – wenngleich er wusste, dass das verboten war, für ihn mehr als für jeden anderen im Dorf. Sein Vater hatte es ihm gesagt: Er durfte sie nicht mögen, sie nicht beachten, erst recht nicht mit ihr sprechen. Es war unnatürlich, böse, verrückt – es war ein Beweis seiner Schwäche, seines kranken Geistes.

Sie ist tot, wiederholte die Stimme.

Doch der Junge wollte es nicht glauben. Sie war der einzige Mensch gewesen, in dessen Gegenwart er sich nicht böse, verdorben oder verrückt vorgekommen war – wie konnte sie ihn verlassen?

»Christine!«, rief er abermals.

Niemand antwortete. Nur die Krähen in den Baumwipfeln krächzten, als verspotteten sie ihn, während der Wald ringsum so still und tot dalag wie ein Friedhof.

Sie ist trotzdem hier, dachte der Junge verzweifelt. Sie muss hier sein.

Er verließ das verfallene Haus und trat in den ehemaligen Garten hinaus, der von Farnen und Buschwerk überwachsen war. Vielleicht versteckte sie sich irgendwo, weil sie allein sein wollte. Das tat sie gelegentlich, wie der Junge wusste. Sie verbrachte viel Zeit allein, denn sie legte wenig Wert auf die Gesellschaft der Menschen im Dorf, die mit dem Finger auf sie zeigten. Sie hatte keine Freunde, nicht einmal in der Schule, und selbst ihren Eltern lief sie immer wieder davon, um sich in der großen Stadt herumzutreiben, von der sie dem Jungen erzählt hatte. Christine verachtete die Menschen im Dorf ebenso, wie diese sie verachteten.

»Gottverdammte Spießer«, hatte sie gesagt. »Die verstehen überhaupt nichts. Am besten, man ignoriert sie.«

Ihn jedoch, den Jungen, hatte Christine nicht ignoriert. Er wusste, dass sie ihn nicht lieben konnte, wie er sie liebte, er wusste, dass er für sie nur ein Sonderling war, dessen Gesellschaft sie amüsierte. Doch das war ihm gleichgültig gewesen, solange er nur in ihrer Nähe sein, ihre Stimme hören, ihr Gesicht betrachten und den erregenden Duft ihrer Fremdheit atmen durfte. Beide waren sie Ausgestoßene, und diese Erkenntnis hatte das Herz des Jungen mit Wärme erfüllt. Diese Wärme wollte er nicht missen. Es hätte bedeutet, dass er endgültig ganz allein auf der Welt wäre.

»Christine!«, schrie er, so laut er konnte.

Die Krähen in den Baumwipfeln stoben erschrocken auf und flogen davon. Als ihr raues Krächzen sich entfernt hatte, blieb der Junge reglos stehen und lauschte. Diesmal schien es ihm, als hörte er tatsächlich eine Antwort – oder war es nur das Echo seines eigenen Schreis?

»Christine?« Diesmal flüsterte er.

Nein, es war kein Echo. Er hörte Schreie – leise und gedämpft wie aus großer Ferne, doch er spürte, dass die Stimme keineswegs fern war, sondern unmittelbar in seiner Nähe. Es war die Stimme eines Mädchens. Sie schrie gellend, doch es klang wie eine Tonbandaufnahme, deren Lautstärke nahezu auf Null gestellt war.

»Christine?« Der Junge war sich sicher, ihre Stimme erkannt zu haben. Sein Herz pochte schwer, während seine Beine unbeherrscht zu zittern begannen. Wo war sie? Wie war es möglich, dass er sie schreien hörte – gellend und schrill, aber dennoch wie aus einer anderen Welt?

»Wo bist du?«

Er tat ein paar Schritte nach links, um zu horchen, ob das Geräusch lauter wurde, dann nach rechts. Er umrundete das Haus, rannte hierhin und dorthin, zum Waldrand und wieder zurück, hielt inne, lauschte. Nein, die Stimme kam nicht aus der Ferne, sie wurde schwächer, je weiter sich der Junge von jenem Platz im Garten entfernte, wo er sie erstmals wahrgenommen hatte.

»Wo bist du?«, schrie er.

Sie ist tot, sagte die Stimme in seinem Kopf zum dritten Mal. Sie ist dort, wo die Toten wohnen.

Schaudernd hielt der Junge inne. Wie unter einem Zwang setzten seine Füße sich in Bewegung und trugen ihn in den Garten zurück. Wieder hörte er die Schreie – leise und dennoch unerträglich grauenvoll, Schreie der äußersten Verzweiflung, der schrecklichsten Qual.

»Christine …«

Die Lippen des Jungen bebten, als er zum letzten Mal ihren Namen aussprach. Seine Kehle wurde eng und in seinen Augen stiegen Tränen auf.

Sie ist dort, wo die Toten wohnen.

Langsam neigte er den Kopf. Sein Blick fiel auf den Boden vor seinen Füßen.

Und er begriff.

Die Toten wohnten unter der Erde. Die Stimme in seinem Kopf hatte die Wahrheit gesprochen. Was er zu hören glaubte, war nur ein dumpfes Echo aus jener Zwischenwelt, wo die Seelen der Verstorbenen umgingen.

Christine war tot.

 

Als der Junge das erkannte, beruhigte sich sein heftig schlagendes Herz. Es musste nicht länger wie ein gefangener Vogel in seiner Brust flattern; es musste überhaupt nicht mehr schlagen. Er wünschte, es würde auf der Stelle verstummen. Die Tränen in seinen Augen verschwanden, als wäre die Flüssigkeit verdunstet, und auch das Zittern seiner Beine hörte schlagartig auf, während sein Körper starr und kalt wurde.

Es ist vorbei, sagte die Stimme in seinem Kopf. Nun hat alles ein Ende: die Furcht und die Freude, der Schmerz und die Liebe, der Zweifel und die Hoffnung.

Und so war es. Der Junge spürte, dass er diesen Ort nun verlassen konnte. Es gab nichts mehr, das ihn zurückhielt. Er konnte nach Hause gehen und sich auf sein Bett setzen, um für den Rest seines Lebens reglos zu verharren. Er brauchte nicht mehr zu sprechen, nicht mehr zu essen, nicht mehr zu trinken. Er brauchte nur darauf zu warten, dass sein erstarrter Körper zerfiel und sein gepeinigter Geist endlich Ruhe fand. Es würde nicht lange dauern, dessen war er sicher.

Langsam setzte er sich in Bewegung, mit tauben Gliedern, mechanisch wie eine Puppe. Gras rauschte um seine Füße, ohne dass er es spürte. Die Schreie entfernten sich, verklangen, wurden vom Wispern der Baumwipfel verschluckt.

Ich komme zu dir, Christine, versprach der Junge. Schon bald.

Und als er den Weg zum Dorf einschlug, verzog sich sein für alle Zeiten verstummter Mund zu einem entrückten Lächeln, das jeden geistig gesunden Menschen mit Grauen erfüllt hätte.

Lüneburg, Mai 2010

Samstag

»Mum, du hast verschlafen!«

Benommen fuhr Lea Petersen von ihrem Kopfkissen hoch, als sie das Klopfen ihres Sohnes an der Tür hörte.

»Es ist schon nach acht!«, rief David.

Verflixte Samstagsarbeit, dachte Lea mit einem Blick auf ihren Wecker. Offenbar hatte sie den Alarm im Halbschlaf abgestellt, ohne es zu merken.

»Ich komme!«, rief sie zurück. Rasch fuhr sie aus dem Bett, warf sich eine knielange Bluse über, suchte einen Augenblick vergeblich nach ihren Slippern und tappte schließlich barfuß über den Flur.

»Morgen!«, sagte David, als sie das Wohnzimmer betrat. »Ich hab uns Frühstück gemacht.«

Schuldbewusst bemerkte Lea, dass er Kaffee aufgesetzt und den Couchtisch gedeckt hatte.

»Oh David, es tut mir so leid«, sagte sie. »Ausgerechnet heute … warum hast du mich nicht früher geweckt?«

Ihr Sohn zuckte die Achseln, während er zwei Tassen füllte. »Macht doch nichts! Ich kann den Bus zum Bahnhof nehmen. Du musst mich nicht hinfahren.«

»Wirklich nicht?«

»Mum, ich bin doch kein Kind mehr.«

Wie stets nannte er sie »Mum«. Lea seufzte – wahrscheinlich hatte er recht. David war sechzehn Jahre alt, und sie konnte verstehen, dass er lieber allein zum Hauptbahnhof fuhr. Sicher war es ihm vor den Klassenkameraden eher peinlich, wenn seine Mutter ihn chauffierte.

»Es ist ja nur eine Klassenfahrt«, fuhr David fort, öffnete den Kühlschrank und suchte nach der Dosenmilch. »Ich mache keine Weltreise.« Er grinste. »Du wirst noch froh sein, dass du mich mal ein paar Tage los bist.«

Lea lachte pflichtschuldig.

Er ist wirklich kein Kind mehr, dachte sie. Es gab Tage, an denen sie sich diese Tatsache ins Gedächtnis rufen musste.

Lea ließ sich auf dem Sofa nieder, während David die Tassen herübertrug. Es war erstaunlich, wie erwachsen er wirkte, wenn er sie bediente.

»Danke«, sagte Lea, beugte sich vor und sog den Duft des Kaffees ein. »Du wirst sicher auch froh sein, mich mal eine Woche lang nicht zu sehen.«

David setzte sich ihr gegenüber. »Wieso?« Es klang arglos, als wüsste er nicht, was sie meinte.

»Ach …« Lea lachte selbstironisch. »Alleinerziehende Mütter können eine Strafe für Jugendliche sein.«

»Ich hab kein Problem mit dir!«, versicherte David gönnerhaft, während er sich ein Brot mit fingerdicken Mettwurstscheiben belegte.

»Echt?«

David zuckte die Achseln. »Andere Jungs aus meiner Klasse müssen um elf zu Hause sein.«

»Du eigentlich auch!«, sagte Lea erschrocken. »Wann bist du je nach elf heimgekommen?«

David lächelte und winkte ab. »Wenn du es nicht gemerkt hast, dann umso besser. Ich glaube, an dem Abend bist du früh schlafen gegangen.«

»Sieh mal an.« Überrascht blickte Lea auf. »Verrätst du mir, wo du warst?«

»Bei Justin. Nichts Aufregendes – wir haben ein neues Computerspiel ausprobiert.«

»Also hatte es nichts mit einer gewissen Maja zu tun?«, forschte Lea.

David seufzte. »Nee.«

Er schwieg, und Lea wagte nicht genauer nachzufragen, obwohl das Thema sie brennend interessierte. Von Maja wusste sie nur, dass sie in Davids Klasse ging und dass David sie »absolut cool« fand. Aus seinem Mund war das eines der größten denkbaren Komplimente und bis vor kurzem für Filmstars reserviert gewesen. Genaueres hatte er jedoch nie durchblicken lassen – keineswegs aus Angst vor ihrer Reaktion, wie Lea wusste. David war einfach nur diskret: immer ein Gentleman.

»Du hast ja dann sturmfreie Bude«, bemerkte David.

Unwillkürlich musste Lea lachen. »Wie meinst du das?«

David zuckte die Achseln. »Keine Ahnung … weiß ja nicht, was du so vorhast.«

»Zu meiner Zeit sprachen die Kinder von sturmfreier Bude, wenn die Eltern mal weg waren – und heute sagt mir das mein sechzehnjähriger Sohn …«

»Ist doch nichts dabei«, behauptete David leichthin. »Es wundert mich nur manchmal, dass du nie ein Date hast.«

Lea durchlebte einen Moment der Unwirklichkeit. Es fühlte sich seltsam an, mit ihrem Sohn am Frühstückstisch zu sitzen und im Plauderton auf ihr Liebesleben angesprochen zu werden.

»’tschuldige«, sagte David, der ihre Verlegenheit bemerkte. »Geht mich ja nichts an.«

»Schon gut.« Lea nahm hastig einen Schluck von ihrem Kaffee und verbrannte sich prompt den Mund. Eine Weile schwiegen sie beide.

»Ich packe noch ein paar Sachen«, meinte David mit einem Blick auf die Uhr und erhob sich, die Schnitte Brot noch in der Hand. »Der Bus geht um zehn vor neun.«

»Soll ich dir helfen?«

David winkte ab und schlenderte hinaus.

»Denk an die Regenjacke!«, rief Lea ihm nach, schalt sich aber sogleich wegen ihres mütterlichen Tons. Er würde schon von selbst an alles denken, was er brauchte – und was er wirklich brauchte, wusste er besser als sie.

Nachdenklich trank Lea ihren Kaffee aus, während sie David in seinem Zimmer wühlen hörte.

Er ist wirklich erwachsen, dachte sie mit einem Anflug von Wehmut. Lange hatte sie geglaubt, dies würde ihr erst bewusst werden, wenn er eines Tages die erste Freundin mit nach Hause brachte. Dass er sich jedoch nach ihren »Dates« erkundigte, verriet seine Reife deutlicher als irgendeine Schwärmerei für ein gleichaltriges Mädchen. Offenbar war ihm längst aufgefallen, dass Lea nie Männerbekanntschaften hatte. Im Gegensatz zu ihr schien er kein Problem mit diesem Thema zu haben; im Gegenteil, er hatte fast ein wenig mitleidig geklungen.

Auch für Lea wurde es Zeit, denn um neun Uhr erwartete man sie in der Redaktion. Also trank sie ihren Kaffee aus, stand auf und ging ins Bad. Rasch duschte sie, nahm sich gerade genug Zeit für eine notdürftige Gesichtspflege, verzichtete aber auf Lidschatten und Lippenstift und eilte in ihr Zimmer zurück, um sich bürofertig zu machen. Noch immer klangen ihr Davids Worte in den Ohren, und einen Augenblick lang musterte sie sich vor dem mannshohen Spiegel.

Warum eigentlich gibt es seit Jahren keinen Mann in meinem Leben?, fragte sie sich. Liegt es an mir?

Ihr Spiegelbild beantwortete diese Frage nicht. Lea war sechsunddreißig Jahre alt, wirkte jedoch jünger. Eigentlich gefiel sie sich selbst recht gut, vor allem mit der randlosen Brille, die sie erst seit kurzem trug, und den halblangen Haaren. Gewiss, im Profil war ein kleiner Bauch zu erkennen, aber für ihre runden Hüften hatte sie sich nie geschämt, sondern empfand sie als weiblich und zum Gesamteindruck passend.

Keine Ahnung, was ich falsch mache, seufzte Lea innerlich, entschied sich für eine leichte Stoffhose und steckte die Bluse in den Bund, weil sie plötzlich Lust hatte, ihre Taille zu betonen.

Als sie auf den Flur zurückkehrte, wuchtete David eben seinen Koffer zur Tür.

»Soll ich dich nicht wenigstens zur Haltestelle bringen?«, bot Lea an.

»Ach was, das ist doch nicht weit«, wehrte David ab. »Also dann: Mach’s gut, Mum!«

»Ruf mich an, wenn ihr angekommen seid.«

»Ja, ja.«

Am liebsten hätte sie ihn jetzt in den Arm genommen. Die letzte Gelegenheit dazu, vor einem Kurzurlaub Leas an der Ostsee, war schon ein halbes Jahr her – also eine Ewigkeit, gemessen am Entwicklungstempo eines sechzehnjährigen Jungen. Womöglich war er schon zu alt für derartige Zärtlichkeiten.

»Ja, dann …«, begann Lea unsicher und hielt sich mit einer Umarmung zurück.

Er kam ihr zuvor, schlang seine Arme um sie und erlöste sie aus ihrer Verlegenheit. Erleichtert hielt Lea ihn einen Moment fest.

Er bleibt mein Junge, dachte sie dankbar.

Dann machte David sich von ihr los und griff nach seinem Koffer. Lea öffnete bereits den Mund, doch wiederum kam er ihr zuvor, diesmal grinsend.

»Sag’s nicht.«

Gehorsam schluckte Lea die Worte »Pass auf dich auf« hinunter. Amüsiert über das stumme Einverständnis erwiderte sie sein Lächeln. »Viel Spaß!«

»Dir auch, Mum.«

David öffnete die Wohnungstür, wuchtete den Koffer hinaus und ging, ohne noch einmal zurückzublicken.

 

Inzwischen war es Viertel vor neun, und Lea musste sich beeilen, ihre Sachen zu packen. Eine volle Minute suchte sie nach dem Autoschlüssel, den sie trotz aller Mühe immer wieder verlegte. Dann verließ sie das Haus, warf sich in ihren kleinen roten Fiesta und quälte sich durch den dichten Verkehr in die Innenstadt. Am Ende war es bereits nach neun, als sie das Verwaltungsgebäude der Zeitung erreichte und dem Pförtner gehetzt zunickte, während sie zum Fahrstuhl spurtete.

In dem Großraumbüro, wo sich ihr Arbeitsplatz befand, unterhielt sich Chefredakteur Ehrlig gerade mit Jörg Hausmann, einem vor drei Monaten eingestellten Kollegen.

»Tut mir leid, ich bin ein wenig spät«, sagte Lea, als sie zu ihrem Platz rauschte. »Sie wissen ja: Mein Sohn geht heute auf Klassenfahrt, und …«

»Guten Morgen!« Der Chefredakteur lächelte. »Kein Problem. Die Montagsausgabe ist fast druckreif. Ich brauche nur noch einen Bericht über den Crash auf der Umgehungsstraße. Jörg hat bereits mit dem städtischen Krankenhaus telefoniert. Eines der Unfallopfer ist nur leicht verletzt und wird uns sicher ein paar Details erzählen.« Ehrlig nannte alle Kollegen beim Vornamen. »Und Sie, Lea, könnten mir noch mal Ihren Text über die Bürgerinitiative gegen den Brückenbau in Ochtmissen vorlegen. Wir haben auf Seite zehn noch eine halbe Spalte zu füllen.«

»Mach ich«, versprach Lea, ließ sich auf ihren Platz sinken und schaltete den Computer ein.

»Kommen Sie erst einmal an!«, riet Ehrlig gutmütig und wandte sich zum Gehen. »Wir können alles nach der Mittagspause besprechen.«

Der Chefredakteur verschwand in seinem Büro, während Jörg Hausmann sich Lea zuwandte.

»Kaffee?«, fragte er.

»Gern.« Lea schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Jörg war ein überaus netter Kollege, hilfsbereit, fast fürsorglich. In der kurzen Zeit, die er in der Redaktion arbeitete, war er bereits dazu übergegangen, für sie beide den Kaffee aufzubrühen. Auch so ein Gentleman, dachte Lea schmunzelnd und musste an David denken. Das ist heute schon das zweite Mal, dass ein Mann mich bedient.

Während Jörg in der Teeküche verschwand, rief Lea ihre E-Mails ab – und stöhnte leise, als ihr rund dreißig neue Nachrichten gemeldet wurden. Fast die Hälfte hatte der Computer unter Spamverdacht gestellt und entsprechend markiert. Das war nicht ungewöhnlich, denn Lea bekam nahezu täglich Mails von unbekannten Absendern und zweifelhafter Relevanz. Einen Teil, der unschwer als Werbung zu erkennen war, verschob sie mit geübtem Klick in den Papierkorb. Den Rest überflog sie zumindest oberflächlich, denn es war nie auszuschließen, dass sich etwas Interessantes darunter befand. Als Erstes beschwerte sich eine Frau wortreich über den katastrophalen Verlauf einer Urlaubsreise, gebucht in einem bekannten örtlichen Reisebüro: »Das ist Betrug! Sie sollten darüber berichten!« Der zweite Mailschreiber hatte ein Tattoo-Studio eröffnet und wollte die Zeitung für einen werbewirksamen Bericht über seine Geschäftsidee gewinnen. Der dritte beteuerte, sein Terrier könne selbstständig die Tür des Kühlschranks öffnen und er sei gern bereit, zum Beweis ein Video zu schicken. Lea las mit mäßigem Interesse, erkannte jedoch schnell, dass keine der Zuschriften Stoff für einen Artikel liefern würde. Eigentlich schade um Fido, den klugen Foxterrier, dachte sie amüsiert. Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass die Öffentlichkeit sich für ihn interessierte, es sei denn, er wäre vielleicht auch noch in der Lage, eine Bierdose zu öffnen.

»Fox Fido plündert Herrchens Hausbar«, titelte Lea in Gedanken. Fettdruck Zeile zwei bis fünf: »Er apportiert nicht nur die Zeitung, sondern holt sich auch selbst die Belohnung.«

Abwesend überflog sie die restlichen Mails, öffnete die allerletzte – und las ganze drei Zeilen.

Ein Mädchen wurde ermordet.

Ihr Name beginnt mit C.

www.ghost-trusters.de/​forum/​viewtopic7  543Gesicht_am_Straßenrand

 

Keine Anrede, keine Floskeln, keine freundlichen Grüße. Als Absender tauchte lediglich eine aus sinnlosen Zeichen zusammengesetzte Adresse bei einem kostenlosen Provider auf.

Normalerweise hätte Lea automatisch jede Mail entfernt, deren Absender sich nicht zu erkennen gab. Ihr Finger schwebte bereits über der Löschtaste, während sie die Nachricht erneut las, Wort für Wort.

Ein Mädchen wurde ermordet 

Ein unbestimmtes Gefühl bewog Lea, noch einmal innezuhalten.

Ihr Name beginnt mit C.

Die knappe Formulierung erregte ihr Interesse. Der Absender hielt sich weder mit einer Vorstellung seiner Person auf noch mit Argumenten, warum gerade seine Story einen Zeitungsbericht verdiente. Eigentlich klang die Nachricht überhaupt nicht wie einer der typischen Artikelvorschläge – eher wie ein Hilferuf.

Lea ergriff die Maus und bewegte den Cursor vorsichtig auf den Link, der sogleich aufleuchtete. Soweit sie erkennen konnte, wollte der Browser sie in irgendein Forum schicken, das offenbar weitere Informationen zur Sache enthielt. Würde man sie womöglich auf irgendeine zweifelhafte Website locken, die ihren Rechner mit Spyware infizierte?

Lea wusste nicht, warum sie den Link abrief. Irgendetwas an der Nachricht hatte sie gepackt: Es war ein Rätsel, eine Andeutung, etwas zum Nachforschen. Lea liebte Rätsel. Ebendiese Leidenschaft hatte sie zu ihrem Job gebracht.

Der Browser arbeitete einen Moment, bis er den Link erfasst und die fragliche Seite komplett geladen hatte – einschließlich eines Pop-ups, das Lea rasch wegklickte. Ein Forum lag vor ihr, äußerlich genauso aufgebaut wie hunderte anderer Internetforen. Am oberen Rand prangte das Logo des Betreibers, der Schriftzug »Ghost-Trusters« auf einem stilisierten weißen Gespenst mit schwarzen Löchern als Augen. Der Bildschirm zeigte den Beginn eines Threads, und nachdem Lea den ersten Eintrag gelesen hatte, begriff sie, worum es ging. »Ghost-Trusters« war ganz offensichtlich eine Plattform, auf der sich Menschen über Geistererscheinungen austauschten.

 

Frettchen92 Gesicht am Straßenrand 12. 10. 09 19:32

Hallo liebe G-T-Gemeinde!

Ich habe letzten Samstag etwas ziemlich Unheimliches erlebt. Abends gegen 21 Uhr war ich mit dem Auto unterwegs auf einer Landstraße im niedersächsischen Wendland. Die Straße führte durch dichten Wald. Kein Verkehr, kein Mensch auf der Straße außer mir! Kurz vor einer Ortschaft namens Verchow sah ich am rechten Straßenrand zwischen den Bäumen ein weißes Gesicht. Ich glaube, es war das Gesicht eines Mädchens. Mehr war nicht zu erkennen, weil sie offenbar sehr dunkle Kleidung trug … nur das Gesicht. Es schwebte sozusagen im Dunkeln. Ich dachte, das ist eine Anhalterin, hab gebremst und zurückgesetzt. Da war sie aber schon verschwunden. Ich bin noch ausgestiegen und hab gerufen, aber keine Antwort. Kann natürlich alles ganz harmlos und leicht erklärbar sein, aber dieses Gesicht verfolgt mich seitdem.

Frage: Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

 

Skeptiker RE: Gesicht am Straßenrand 12. 10. 09 22:48

Also ’ne Frau am Straßenrand? Ist ja ECHT unheimlich! *LOL*

 

Trine*Moderator RE: Gesicht am Straßenrand 13. 10. 09 0:04

Lieber »Skeptiker«, bitte fall nicht immer gleich über die Neuen her! Wie wär’s mit etwas Höflichkeit? DANKE!!

@Frettchen92: Das ist eine wirklich interessante Geschichte! Ich glaube, es könnte eine Menge harmloser Erklärungen geben, aber mulmig wär mir sicher auch geworden. Bist du sicher, dass du nicht einfach einen hellen Fleck gesehen hast? Ich meine: War es denn überhaupt ein Gesicht??

 

Frettchen92 RE: Gesicht am Straßenrand 13. 10. 09 6:22

Doch, es war definitiv ein Gesicht. Ich könnte es zwar nicht beschreiben, bin aber zu 90 % sicher, dass es eine Frau bzw. ein Mädchen war. Kann ja auch sein, aber warum war sie plötzlich verschwunden, als ich ausgestiegen bin?

 

StoneTaler RE: Gesicht am Straßenrand 16. 10. 09 14:01

Ist ja irre! Ich hab das Gesicht an der Straße nämlich auch gesehen, irgendwo im Wendland zwischen Groß Heide und Lüchow, an einer Landstraße abends gegen 21 Uhr. War genauso, wie Frettchen92 es beschrieben hat: Das Gesicht schwebte einfach im Dunkeln unter den Bäumen. Ich hab mir nix dabei gedacht und auch nicht angehalten – aber wenn ich jetzt die Geschichte von Frettchen lese, läuft’s mir nachträglich kalt über den Rücken!

 

Lana2207 RE: Gesicht am Straßenrand 17. 10. 09 10:31

Das ist ein Lokal-Mythos! Ich wohne in der Nähe (Lüchow/ Wendland) und hab schon oft davon gehört. Habe mehrere Leute kennengelernt, die das Gesicht am Straßenrand gesehen haben wollen, immer an derselben Stelle und immer abends gegen 9. Die Erscheinung ist hier in der Region bekannt. Sie trägt immer schwarze Kleidung, sodass ihr Körper im Dunkeln nicht zu sehen ist, aber wegen des weißen Gesichts nennt man sie »das weiße Mädchen von Verchow«. Angeblich spukt sie schon seit Jahrzehnten an dieser Landstraße. Ich selbst war noch nie dort und weiß auch nicht, was ich von der Geschichte halten soll. (Bin grundsätzlich eher der rationale Typ …)

 

Frettchen92 RE: Gesicht am Straßenrand 17. 10. 09 13:15

Uff! Wo ich das jetzt lese, kommt mir die Sache noch viel gruseliger vor! Also hab ich etwas gesehen, was schon zig andere Leute gesehen haben??

Lana2207, weißt du irgendwas über die Hintergründe?

 

Lana2207 RE: Gesicht am Straßenrand 18. 10. 09 10:54

Nee, sorry, weiß auch nix Genaues. Erzählt wird nur, dass es ein Mädchen ist, das an der Stelle (oder irgendwo in der Gegend) verschwunden ist. Angeblich ist das schon lange her. Es heißt, sie wurde ermordet, aber ihr Körper wurde nie gefunden.

 

Frettchen92 RE: Gesicht am Straßenrand 18. 10. 09 14:31

Nicht, dass mich das jetzt beruhigt … ich träum heute noch davon.

 

WeiseEule RE: Gesicht am Straßenrand 20. 10. 09 21:03

Unglaublich! Ich hab’s nämlich auch gesehen, vergangenen Februar (26. oder 27. abends, weiß nicht genau, wann, jedenfalls nach 21 Uhr). Komme nicht aus der Region, sondern war bloß auf der Durchfahrt nach Sachsen-Anhalt. Bin irgendwo nahe Lüchow falsch abgebogen, hab mich im Dunkeln verfahren und bin auf diese einsame Landstraße geraten. An das Ortsschild »Verchow« kann ich mich jedenfalls erinnern, weil ich froh war, überhaupt auf eine Ortschaft zu stoßen. Etwa 1 km vor dem Ortseingang schwebte das Gesicht am Straßenrand, auf Kopfhöhe, Körper unsichtbar (also vermutlich dunkle bis schwarze Kleidung). Es war eindeutig das Gesicht eines Mädchens bzw. einer Frau. Hab mich noch gefragt: Huch, was steht die denn da rum, spätabends bei Frost an so ’ner einsamen Straße? Erst wollte ich sogar anhalten, aber plötzlich hatte ich Angst: Die sah irgendwie seltsam aus, das Gesicht kalkweiß und ganz starr, wie auf Droge. Bin stattdessen aufs Gas gegangen und weitergefahren.

 

»Merkwürdig«, murmelte Lea im selben Moment, als ein Schatten auf sie fiel. Abwesend wandte sie sich um. Jörg stand hinter ihr, zwei duftende Tassen mit Kaffee in der Hand.

»Huch, was ist das denn?«, fragte er, als sein Blick auf das Gespenster-Logo fiel.

»Das frage ich mich auch«, antwortete Lea und rückte ein Stück zur Seite, sodass er mitlesen konnte. »Der Link kam mit einer E-Mail ohne Absender.«

Jörg zog seinen Stuhl heran, überflog die Seiten und schließlich auch die Mail, die Lea ihm zeigte.

»Klingt interessant«, meinte er. »Wahrscheinlich ist es nur irgendein Spinner, aber wir sollten die Sache mit Ehrlig besprechen.«

 

Die Gelegenheit ergab sich nach der Mittagspause, denn sowohl Lea als auch Jörg hatten Texte abzuliefern und fanden sich im Büro des Chefredakteurs ein.

»Ich wollte Sie übrigens noch fragen, was Sie hiervon halten«, sagte Lea und reichte ihrem Chef einen Ausdruck der anonymen E-Mail sowie der Forenseite.

Ehrlig überflog die Papiere in der ihm eigenen Art: Den Kopf in beide Hände gestützt und so tief niedergebeugt, dass er wie ein zu groß geratener Grundschüler wirkte, der mühsam seine ersten Worte buchstabiert. Als er schließlich aufsah, schüttelte er verständnislos den Kopf.

»Das ist doch Quark«, sagte er resolut und legte die Blätter beiseite. Dabei musterte er Lea, als könnte er nicht recht glauben, dass eine lang gediente Mitarbeiterin ihm die Zeit mit solchen Belanglosigkeiten stahl.

»Na ja – interessant ist es schon«, beeilte sich Jörg, seine Kollegin in Schutz zu nehmen. »Immerhin scheint die Sache ja so etwas wie ein lokaler Mythos zu sein.«

»Im Wendland vielleicht«, schränkte Ehrlig ein. »Das ist Kreis Lüchow-Dannenberg und fällt nicht einmal in unsere Zuständigkeit. Was interessiert es unsere Leser, wenn im hintersten Winkel Niedersachsens irgendeine Halloween-Maske an einer Landstraße herumspaziert?«

»In Lüchow gibt es ebenfalls eine Kreiszeitung«, warf Lea ein. »Vielleicht sollte ich einmal anrufen, ob man diesen Hinweis auch dort bekommen hat.«

»Hinweis nennen Sie das?« Ehrlig machte eine wegwerfende Handbewegung. »Eine anonyme E-Mail aus zwei Sätzen? Für mich ist das bestenfalls ein Hinweis, dass wir dringend unsere Spamfilter überprüfen sollten.«

»Immerhin ist von einem Mord die Rede«, sagte Lea nachdenklich. »Sollten wir nicht zumindest … Ich meine: vorsichtshalber …«

»Die Polizei einschalten?«, kam Ehrlig ihr zuvor. Seufzend blickte er auf seinen Computerbildschirm, wie stets, wenn ihm ein Gespräch lästig wurde. »Sie machen sich doch lächerlich, Lea, wenn Sie damit zur Polizei gehen.« Er ergriff die Maus und klickte. Aus dem Augenwinkel konnte Lea erkennen, dass er den Dienstplan der kommenden Woche aufrief.

»Also gut«, lenkte sie ein. »Ich dachte nur …, ich weiß auch nicht. Ich hatte einfach das Gefühl, dass an der Sache etwas dran sein könnte.« Sie lachte verlegen. »Dies wäre dann wohl der passende Zeitpunkt für eine ironische Bemerkung zum Thema ›weibliche Intuition‹.«

»Ach, hören Sie auf«, wehrte Ehrlig ab, ohne auf ihren scherzhaften Ton einzugehen. »Sie wissen, dass ich eine Menge von Ihnen halte. Normalerweise haben Sie ein prima Gespür für interessante Storys. Aber diese Sache ist allenfalls etwas für eine kleine Wochenzeitung im Wendland, zwischen Lokalanzeigen und der Ankündigung für den nächsten Dorfmarkt. Unser Niveau liegt, so hoffe ich, doch ein paar Ellen höher. Geistergeschichten gibt es in meiner Zeitung nicht. Andernfalls hätte ich letzte Woche auch diese Geschichte von der Rentnerin in Barmstorf bringen können, die sich als Medium ausgibt.«

Lea nickte enttäuscht und griff nach den Papieren. »Ist schon in Ordnung. Tut mir leid, dass wir Sie damit belästigt haben.«

Sie tauschte einen resignierten Blick mit Jörg und wollte sich gerade zum Gehen wenden, als der Chefredakteur, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, die Hand hob. Lea kannte diese Geste und verstand, dass er sie zum Bleiben aufforderte.

»Wo Sie beide schon mal da sind … Da wäre noch das Problem mit dem Urlaub.«

Jörg und Lea lächelten einander vielsagend zu. Der Chef sprach nie schlicht von »Urlaub«, sondern stets vom »Problem mit dem Urlaub« – was sich auf die Schwierigkeit bezog, den Betrieb auch über die Sommermonate hinweg in Gang zu halten. Geduldig warteten beide, während er mit einer Sorgenfalte auf der Stirn den Dienstplan durchging.

»Lea, Sie haben noch zwei Wochen Urlaub vom letzten Jahr übrig«, stellte er fest.

»Schön.« Lea lächelte erwartungsvoll.

»Bei Ihnen ist es auch nicht besser«, wandte Ehrlig sich an Jörg. »Ihre Probezeit ist um, und sie haben haufenweise Überstunden. Wenn es nach mir geht, sollten Sie die Zeit beide vor dem Hochsommer abfeiern, denn dann brauche ich Sie am dringendsten. Allerdings verstehen Sie sicher, dass ich Sie nicht gleichzeitig in den Urlaub schicken kann. Irgendwer muss sich ja um die Lokalangelegenheiten kümmern.«

»Klar«, nickte Jörg. »Ich lasse Lea gern den Vortritt.«

Lea schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

»Gleich ab Montag?«, fragte Ehrlig forsch, den Finger über der Enter-Taste. »Ist Ihnen das recht, Lea?«

»Das wäre prima! Mein Sohn ist ja auf Klassenfahrt, da könnte ich einmal ganz allein wegfahren.«

»Gut.« Ehrlig klickte. »Jörg, wollen Sie dann anschließend gehen? Ab dem zwanzigsten Mai?«

»Okay«, stimmte Jörg bereitwillig zu. »Schichtwechsel am zwanzigsten.«

»Alles klar.« Der Chefredakteur wirkte erleichtert. »Und Sie fahren weg, ja?«, fragte er, scheinbar aus reiner Höflichkeit, in Leas Richtung.

»Mmm«, nickte Lea nachdenklich. »Ich glaube, ich weiß auch schon, wohin.«

Ehrlig warf ihr einen verschmitzten Blick zu. »Doch nicht zufällig ins Wendland?«

»Sagen wir mal so: Ich denke darüber nach.«

»Sie sind unverbesserlich, Lea.«

»Tut mir leid, aber die Sache lässt mich nicht los. Ich werde einmal schauen, ob es in diesem Verchow eine Ferienwohnung gibt.«

Ehrlig überwand sich zu einem gutmütigen Lachen. »Was Sie in Ihrer Freizeit tun, ist natürlich Ihre Sache, aber glauben Sie ja nicht, dass ich den Quatsch drucke, selbst wenn Sie ein Dutzend angeblicher Augenzeugen auftreiben.«

»Keine Sorge, Chef«, beruhigte ihn Lea. »Das ist ein rein privates Interesse.«

»Na dann, viel Spaß – und nehmen Sie keine untoten Anhalter mit!«, scherzte der Chef, den Blick schon wieder auf dem Bildschirm.

 

»Danke, Jörg«, sagte Lea, als sie in das Großraumbüro zurückkehrten. »Und es macht dir nichts aus, mir den Vortritt zu lassen?«

Jörg winkte ab. »Ich schiebe meinen Urlaub gern ein wenig nach hinten, dann kann ich Ende Mai auf Segeltour gehen.«

Lea nickte. Sie wusste, dass Segeln Jörgs Leidenschaft war. Mindestens einmal im Jahr fuhr er mit Freunden an die Adriaküste, wo sie ein Boot mieteten, von Insel zu Insel schipperten und in den Korallenbuchten tauchten. Fast beneidete Lea ihn ein wenig – er hatte viele Freunde.

Kein Wunder, er ist so ein netter Mann, dachte sie abwesend.

»Willst du wirklich ins Wendland fahren?«, riss er sie aus ihren Gedanken, als beide ihre Plätze wieder einnahmen.

»Ich denke schon.«

»Sag bloß, du hast eine Schwäche für Geistergeschichten?« Seine Worte klangen nicht im mindesten herablassend, sondern ehrlich interessiert.

»Nein. Ich weiß auch nicht, was mich daran reizt …« Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, doch den tatsächlichen Grund ihres Interesses hätte Lea nicht mit wenigen Worten erklären können. Es hatte etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun – mit Geschehnissen, die nahezu zwanzig Jahre zurücklagen und über die sie nicht gerne sprach. Erneut überflog sie die Einträge des Forums, die noch immer auf dem Bildschirm zu sehen waren. »Jedenfalls soll das Wendland eine wunderschöne Urlaubsgegend sein«, wich sie aus. »Natur pur und sehr dünn besiedelt. Was verliere ich also, wenn ich eine Woche ins Grüne fahre, durch Wälder und Wiesen spaziere und mich nebenbei ein wenig umhöre?«

»Wenn du bei deinen Recherchen Hilfe brauchst, kannst du mich jederzeit anrufen«, erbot sich Jörg.

»Ach, komm – sei froh, dass du mich mal ein paar Tage los bist!«, scherzte Lea. »Ich rufe bestimmt nicht an.«

»Schade«, sagte er schlicht.

Während Lea die Website schloss und zu ihren Mails zurückkehrte, spürte sie seinen Blick. Er musterte ihr Profil. Das tat er des Öfteren, aber sie hatte sich daran gewöhnt, es nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern umso angestrengter auf den Bildschirm zu starren.

Er mag mich, dachte sie. Innerlich verwünschte sie ihre Eigenart, sich stets nur zu Männern hingezogen zu fühlen, die eine gewisse Art von kühler Überlegenheit ausstrahlten. Jörg Hausmann besaß nichts dergleichen. Er war freundlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, vermutlich auch zärtlich und treu – eigentlich alles, was man sich legitimerweise wünschen durfte.

Kein Wunder, dass ich sechsunddreißig und Single bin, dachte Lea mit einem Anflug von Wehmut. Wahrscheinlich ist es meine eigene Schuld.

 

Der Samstag ging dahin, verlängert um einige Überstunden, in denen Lea alles für ihre Abwesenheit vorbereitete und Jörg in ihre unerledigten Arbeiten einwies. Er blieb ungefragt, ließ sich jede Einzelheit geduldig erklären und versprach, sich um alles zu kümmern. Als beide aufbrachen, waren sie die Letzten im Büro, während im Erdgeschoss bereits die Putzkolonne anrückte.

»Na dann – schönen Urlaub!«, wünschte ihr Jörg, als sie sich vor dem Eingang des Gebäudes verabschiedeten.

»Danke.«

Lea strebte rasch auf den Parkplatz zu, warf sich in ihren Fiesta und schob den Schlüssel ins Zündschloss. Als sie aus der Auffahrt bog, war Jörg noch nicht weit gekommen, vielleicht zwanzig Schritte die Straße hinunter. Während sie vorüberfuhr, wandte er sich um und winkte – genau, wie sie es erwartet hatte.

Für kurze Zeit spielte Lea mit dem Gedanken, den unerwarteten Urlaub mit einem üppigen Essen in ihrem Lieblingsrestaurant zu feiern. Dann jedoch wurde ihr bewusst, wie unerquicklich ein festliches Mahl in einziger Gesellschaft einer Tischkerze sein würde.

Ich hätte Jörg fragen können, ob er mitkommt, dachte sie, verwarf den Gedanken jedoch sogleich. Eigentlich wäre sie gern einmal mit ihm essen gegangen, fand jedoch, dass die Einladung von ihm ausgehen musste. Wenn er doch nur ein wenig mutiger wäre und die Initiative ergreifen würde 

Lea seufzte und machte sich auf den Heimweg. Als sie das Mehrfamilienhaus am Stadtrand erreichte, den Wagen abstellte und ihre Wohnungstür aufschloss, fühlte sie sich seltsam unzufrieden.

Jetzt könntest du einmal etwas tun, das du schon immer tun wolltest.

Die Wohnung war leer und still, die Wohnzimmertür stand offen, das Frühstück noch auf dem Tisch. Der Raum wirkte seltsam ungemütlich ohne David, der sich gewöhnlich im Fernsehsessel lümmelte und schuldbewusst die Füße vom Tisch nahm, sobald seine Mutter hereinkam.

Was jetzt?, fragte sich Lea.

Sie räumte das Geschirr weg, merkte, dass sie keine Lust zum Kochen hatte, und schob eine Tiefkühlpizza in den Ofen. Aus reiner Langeweile machte sie den Fernseher an, holte sich das Essen auf den Couchtisch und aß vor dem Bildschirm. Erstaunt registrierte sie, dass sie David schon jetzt, nach einem einzigen Tag, vermisste. Eine Zeitlang rang sie mit sich, stellte jedoch schließlich den Fernseher leiser und griff nach ihrem Handy.

»David Petersen, hallo.«

Er betonte »hallo« auf dem »O«, wie stets. Seine Stimme klang munter. Leas Stimmung hob sich augenblicklich.

»Ich bin’s«, sagte sie.

»Mum! Na, wie geht’s?«

»Wie geht es dir? Bist du gut angekommen?«

Fast schämte sich Lea ein wenig bei dieser Frage – sie klang nach dem Klischee der besorgten Mutter, fast wie aus dem Drehbuch des Krimis, der über den Bildschirm flimmerte.

»Alles bestens«, sagte David. »Im Zug ist die Klimaanlage ausgefallen. Wir haben geschwitzt wie die Idioten. Aber das Schullandheim ist toll: Wir sind zu zweit in einem Zimmer, das Essen ist okay und die Betreuer sind in Ordnung. Morgen werden sie uns wahrscheinlich zu einer endlosen Wanderung quer durch den Taunus scheuchen, aber zur Belohnung wird abends gegrillt.«

»Klingt gut.«

»Und was machst du so?«

»Ach, es ist einsam hier ohne dich«, gab Lea zu. »Ich habe beschlossen, auch ein wenig zu verreisen. Mein Chef hat mir überraschend Urlaub gegeben. Natürlich bin ich wieder da, wenn du zurückkommst.«

Sie erzählte in knappen Worten von der geplanten Tour nach Verchow, ohne auf die Hintergründe einzugehen.

»Wendland – klingt gut«, meinte David. »Da sollen ziemlich coole Leute leben. Du kannst ja noch mal anrufen, wenn du dort bist.«

»Mach ich.«

»Okay, dann viel Spaß!«

Das klang, als wollte er das Gespräch beenden. Lea stutzte. »Hast du’s eilig?«

»Ähm … na ja«, druckste David herum. »Ich würde ganz gerne in den Gemeinschaftsraum gehen. Wir wollen eine DVD anschauen.«

»Welchen Film?«

»›Blair Witch Project‹.«

»Uh!«, machte Lea. »Das ist doch diese Horrorgeschichte, wo Leute sich im Wald verirren, oder?«

»Ja. Ist doch cool«, lachte David, »genau die richtige Einstimmung für die morgige Wanderung. Außerdem ist es ein Horrorfilm … und, na ja …«

»… und Maja steht auf Horrorfilme«, erriet Lea. »Habe ich recht? Ist sie dabei?«

»Gut getippt«, bestätigte David. »Aber ich muss jetzt wirklich los … mach’s gut, Mum!«

»Du auch.«

Mit einem gewissen Bedauern klickte Lea das Handy aus. Gern hätte sie länger geplaudert. Die Ablenkung war ihr höchst willkommen gewesen.

Ablenkung wovon?, fragte sie sich. Ist es schon so schlimm, dass ich keinen Abend mehr allein zu Hause ertragen kann?

Sie griff nach der Fernbedienung, stellte den Ton lauter und verfolgte eine Weile mit mäßigem Interesse den Krimi. Er handelte, soweit sie begriff, von einem vermissten Kind.

Leas Gedanken verirrten sich zurück zu der anonymen E-Mail.

Ein verschwundenes Mädchen 

Sie brauchte keinen Psychiater, um zu wissen, warum der Hinweis sie derart anhaltend beschäftigte. Es hatte nichts mit der Geistererscheinung zu tun. Lea war ein rationaler Mensch und glaubte ebenso wenig an Geister wie an Wahlversprechen politischer Parteien oder Haltbarkeitsdaten auf Lebensmittelpackungen. Verschwundene Menschen jedoch waren ein Thema, das sie schon immer tief bewegt hatte – zumindest seit ihrem siebzehnten Lebensjahr.

Iris Beim Gedanken an ihre einstmals beste Freundin stellte sich wieder der nie vergessene Schmerz ein. Wirst du denn nie aufhören, mich zu plagen?

Erinnerungen erwachten, zogen vorbei wie Wolken, trübten ihr Gesichtsfeld und ließen das Geschehen auf dem Bildschirm zu einem Muster aus bedeutungslosen Pixeln verschwimmen. Seufzend griff Lea nach der Fernbedienung, stellte den Ton leiser und lehnte sich mit halb geschlossenen Augen zurück.

 

Sie musste eingeschlafen sein, denn plötzlich stürzte sie rückwärts durch die Zeit und sah sich in dem kleinen Dachzimmer, dessen Wandschrägen mit Postern beklebt waren, auf dem Bett mit der gestreiften Tagesdecke und dem rosa Plüschelefanten sitzen. Iris saß ihr im Schneidersitz gegenüber, jung wie damals, mit offenem schwarzem Haar und einer Zigarette in der Hand.

»Riecht deine Mutter es nicht, wenn du hier drin rauchst?«, hörte Lea sich fragen.

Iris grinste und winkte ab. »Die soll sich bloß nicht so anstellen! Schließlich ist das mein Zimmer.« Sie hielt Lea die Zigarettenpackung hin. »Auch eine?«

Stumm schüttelte Lea den Kopf und bemerkte dabei, dass ihr eigenes Haar schulterlang war, so lang, wie sie es seit ihrem achtzehnten Geburtstag nicht mehr getragen hatte.

»Hey, nun werd bloß nicht spießig!«, neckte Iris. »Es ist bloß Tabak. Etwas Härteres biete ich dir lieber gar nicht erst an.«

»Hast du denn etwas Härteres?«, fragte Lea misstrauisch.

Iris zuckte mit einem geheimnisvollen Lächeln die Achseln. »Schon möglich.«

Lea schwieg gekränkt. Es war das erste Mal, dass Iris ihr etwas vorenthielt. Seit sie sich in der Mittelstufe kennengelernt hatten und drei Jahre lang die besten Freundinnen gewesen waren, hatten sie nie Geheimnisse voreinander gehabt. Alles hatten sie geteilt, von ihren ersten Liebesabenteuern bis zum pubertären Frust über Eltern, Schule und den Rest der Welt. Selbst Kleidungsstücke hatten sie ausgetauscht, da beide annähernd die gleiche Figur hatten. Immer noch hing ein rosafarbenes Top in Leas Kleiderschrank, das Iris ihr einst bei einem Campingausflug überlassen und nie zurückverlangt hatte. Iris hatte Lea beigestanden, als diese von ihrem ersten Freund verlassen worden war, und Lea hatte Iris getröstet, als deren Vater seine Familie verlassen hatte. Sie hatten zusammen gelacht, geweint, sich in den Armen gehalten, oft sogar im selben Bett geschlafen. Seit kurzem aber war alles anders geworden – genauer gesagt, seit Iris mit Dirk zusammen war, einem älteren Jungen, der die Schule abgebrochen hatte und sich, wie es schien, mit Drogengeschäften auf der Straße durchschlug.

Gern hätte Lea darüber gesprochen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns voneinander entfernen, hätte sie sagen können, oder vielleicht: Ich habe Angst, dich zu verlieren. Doch stattdessen sagte sie etwas Dummes, etwas Verhängnisvolles, etwas, das den aufbrechenden Graben zwischen ihnen erst recht vertiefte.

»Ich glaube, dieser Junge ist nicht gut für dich.«

Iris’ dunkelbraune Augen zogen sich in jäher Kälte zusammen.

»Du hörst dich allmählich wirklich an wie meine Mutter«, sagte sie, drückte resolut ihre Zigarette aus und erhob sich. Mit dem Rücken zu Lea sah sie aus dem Fenster.

 

Lea erwachte mit einem gequälten Seufzen auf dem Sofa. Die Wanduhr zeigte halb elf; sie musste mehrere Stunden geschlafen haben. Benommen fuhr sie hoch, stellte fest, dass der Fernseher immer noch lief, und schaltete ihn ab.

Dann blieb sie eine Weile sitzen, lauschte in sich hinein und rekapitulierte den Traum. Er war, bis ins letzte Detail, eine getreue Wiedergabe jener Szene, die sich vor neunzehn Jahren tatsächlich abgespielt hatte. Selbst der Schmerz fühlte sich an wie damals, frisch, bohrend und dunkel wie eine unheilvolle Ahnung. Er hatte ihr angekündigt, dass sie im Begriff gewesen war, ihre beste Freundin zu verlieren.

Und genau so war es gekommen – Lea erinnerte sich mit Grauen daran. Kurz vor dem Abitur war Iris von einem Tag auf den anderen verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Die Polizei war eingeschaltet worden, und auch Lea hatte zahlreiche Fragen beantworten müssen. Die Polizisten hatten, wie üblich, zu beruhigen versucht: Es komme häufig vor, dass Scheidungskinder von zu Hause wegliefen, man müsse einfach abwarten, wahrscheinlich sei alles in Ordnung. Erst später erfuhr Lea von Iris’ Mutter, dass diese Drogenbestecke im Zimmer ihrer Tochter gefunden hatte. Die Polizei hatte die Löffel und Spritzen untersucht und auf Heroin geschlossen. Offenbar war Iris schon längere Zeit abhängig gewesen. Sie blieb verschwunden, und niemals sandte sie irgendein Lebenszeichen, weder an Lea noch an ihre Familie.

Jahre waren vergangen, ohne dass Lea den Verlust ihrer Freundin jemals ganz verwunden hatte. Schuldgefühle hatten sie geplagt, weil sie im entscheidenden Moment die falschen Worte gesagt und Iris gekränkt hatte. Dann wieder war die Wut in ihr hochgestiegen, weil sie sang- und klanglos verlassen worden war. Die Gefühle jedoch waren verblasst, und am Ende waren lediglich eine tiefe Traurigkeit und eine große Sehnsucht zurückgeblieben. Manchmal stellte sie sich vor, dass Iris womöglich einen Entzug überstanden, eine Arbeit aufgenommen und irgendwo eine Familie gegründet haben könnte. Wahrscheinlich war es jedoch nicht, denn sie hatte recherchiert und herausgefunden, dass es in ganz Deutschland und sogar in den benachbarten Staaten keine amtlich erfasste Iris Lukassen gab. Lea scheute sich, die naheliegendste Folgerung zu ziehen, obgleich sie wusste, dass Heroinabhängige selten alt wurden. Noch heute ertappte sie sich dabei, dass sie aufmerkte, wenn in den Nachrichten von einer »unbekannten weiblichen Leiche« die Rede war – wo auch immer der Fundort lag, in Niedersachsen, in Hamburg, selbst in Bayern oder in Ostdeutschland.

Lea versuchte, das fruchtlose Gegrübel abzuwürgen, dem sie jedes Mal verfiel, wenn sie an Iris dachte. Mit einer resoluten Geste wischte sie sich über die Augen, erhob sich vom Sofa und ging ins Schlafzimmer. Dort setzte sie sich an den Computer, rief das Internet auf und las nochmals die Einträge bei »Ghost-Trusters«.

 

… erzählt wird nur, dass es ein Mädchen ist, das an der Stelle (oder irgendwo in der Gegend) verschwunden ist. Angeblich ist das schon lange her. Es heißt, sie wurde ermordet, aber ihr Körper wurde nie gefunden.

 

Wahrscheinlich, dachte Lea, war es ein sinnloses Unterfangen, dieser Geschichte nachzugehen. Was wollte sie damit erreichen? Hoffte sie vielleicht, dass sie endlich aufhören würde, von ihrer Jugendfreundin Iris zu träumen, dass sie sich von ihrer Trauer befreien konnte, indem sie dem Verschwinden irgendeines anderen Mädchens nachging, das sie nicht einmal gekannt hatte?

Noch während sie darüber nachdachte, öffnete sie Google-Maps und begann, alle verfügbaren Informationen über das kleine Dörfchen Verchow und die kürzeste Anfahrtsroute zusammenzusuchen.

Ich fahre dorthin, beschloss sie spontan. Gleich morgen.