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Eva Goris
Claus-Peter Hutter

Der Duft-Code

Wie die Industrie unsere Sinne manipuliert

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Redaktion: Dr. Annalisa Viviani, München

Copyright © 2011 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/visual2020vision

Satz: EDV-Fotosatz/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-06604-8

www.heyne.de

Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die ihre Freiheit lieben und sich nicht durch Duft- und andere
Sinnesmanipulationen fremdsteuern lassen wollen. Und es ist, stellvertretend für die vielen
Duftexperten, Markus Petzchen gewidmet.
Der Promifriseur aus Hamburg-Rothenbaum hat uns verraten: »Die Höhe meines Trinkgeldes ist vom Duft abhängig, den ich morgens auftrage…!«

Ein Wort zuvor

Sie haben unser Buch Der Duft-Code. Wie die Industrie unsere Sinne manipuliert zur Hand genommen und wollen wissen, was es mit diesem Code auf sich hat. Wenn wir das Wort »Duft« hören, assoziieren die meisten von uns damit »Wohlgeruch«, den Duft eines blühenden Gartens oder einer bunten Blumenwiese, die wohlige Empfindung, die durch das Einatmen eines ganz bestimmten Dufts hervorgerufen wird … Wir – und Sie bestimmt auch – lieben den köstlichen Geruch eines mit mediterranen Kräutern gebratenen Fleisches, die spezielle Blume eines tollen Weines und den Duft eines betörenden Parfüms oder eines prachtvollen Rosenstraußes.

Seit mehr als drei Jahrzehnten in Naturbewahrung und Umweltschutz engagiert und ständig auf der »Duftspur der Natur« wandelnd, sind wir davon fasziniert, wie die Kommunikation von Mensch, Pflanze, Tier und ganzer Ökosysteme mittels »Duftsprache« funktioniert. Und so wollten wir eigentlich ein Buch über das Faszinosum Duft schreiben und unsere Faszination für Düfte und Aromen mit Ihnen teilen. Aber je tiefer wir in die Welt der Düfte eindrangen, je intensiver wir uns mit der Geschichte der Parfümindustrie befassten, die ihren Anfang im 18. Jahrhundert in Europa nahm, desto weiter entfernten wir uns von unserem originären Thema – dem Funktionieren der Duft-Codes im Pflanzen- und Tierreich und im »Menschenreich«. – Wir »verbissen« uns regelrecht in die Schattenseite der Verwendung von Düften als Spender von Wohlgeruch sowie als Kommunikations- und Verständigungsmittel. Unser Fokus wurde nun die gezielte Beeinflussung der Menschen durch die Duftstoffindustrie, die nach der Herstellung der ersten beiden synthetischen Düfte zu blühen begann.

Der Anfang der Manipulation unserer Sinne war gemacht. Die Chemiker der Parfümindustrie wussten und wissen sehr wohl um die subtile Wirkung der Düfte auf das Gemüt, das Unterbewusstsein des Empfängers, und so nutzt die Industrie sie gezielt zur Beeinflussung der Menschen und zur eigenen Umsatzsteigerung. Wir sind nicht mehr »Herr unserer Sinne«, sondern Objekt.

Dieses Diktat und unsere Befreiung davon sind das Thema unseres Buches, das auf gründlicher Recherche und Befragung zahlreicher Dufthersteller, Vermarkter, Kunden und Experten basiert.

Eva Goris und Claus-Peter Hutter

Eine erste Annäherung

Die Macht der Düfte

Ganz gleich, ob sie natürlich oder synthetischer Natur sind: Düfte haben Macht über unsere Gefühle. Düfte wandern über die Nase direkt ins Gehirn, ins limbische System, das unser vegetatives Nervensystem und alle unsere seelischen Regungen steuert. Da die Nase mit dem limbischen System direkt verbunden ist, werden je nach Duftreiz emotionale Reaktionen ausgelöst: Wohlgefühl oder Ekel, Angst oder Kraft. Angenehmer Geruch hat anregende Wirkung, schlechter Geruch hat Warnfunktion. Düfte können erotisierend oder auch heilend wirken. Wir kennen ätherische Öle, die Depressionen mildern, Stress dämpfen, den Blutdruck senken und Angstgefühle reduzieren. Pflanzendüfte sind nichts weiter als die Aromen von Harzen und ätherischen Ölen, die in den Zellen von Blüten und Blättern eingelagert sind. Doch die meisten Düfte, die heute im Handel erhältlich sind und uns »an der Nase herumführen«, sind synthetischer »Natur«. Mittlerweile sind wir überall, wo wir gehen und stehen, von synthetischen Duftstoffen umgeben und merken es kaum: Wir leben im Zeitalter des Duftterrors.

Die Natur spricht Duftsprache und Millionen Aromendialekte, deren Wirkung auf die Kommunikationssteuerung von Pflanzen, Tieren, Menschen und ganzer Ökosysteme die Wissenschaft erst in jüngster Zeit zu entschlüsseln begann. Ein faszinierendes Thema!

Dieser uralte Duft-Code, der das Werden und Vergehen im Pflanzen- und Tierreich steuert, sowie der Duft-Code, der uns moderne Menschen – auch wenn wir es vielleicht nicht wahrhaben wollen – steuert wie einst Lucy, die bekannteste Urfrau, die vor rund vier Millionen Jahren mit ihrem Primatenclan durch das heutige Äthiopien zog, war unser originäres Thema. Was die Duftkommunikation anbelangt, sind wir heute wohl noch immer auf derselben Stufe wie die Primaten Australopithecus afarensis, deren versteinerte Überbleibsel im Bereich des ostafrikanischen Grabenbruchs aufgefunden wurden. Kaum war man dabei, erste Erfolge bei der Entschlüsselung des Duft-Codes zu erzielen, da wurden die Erkenntnisse, das Wissen, wie unser genetischer Duft-Code tickt, dazu benutzt, uns zu manipulieren. Ohne dass wir es merken, werden wir alle zunehmend fremdgesteuert.

Mit dem Duftgeschäft werden Milliarden bewegt. Doch es ist ein Geschäft mit gefährlichen Nebenwirkungen. Während unserer Recherchearbeit mussten wir mehr und mehr erkennen, dass wir Menschen einem zunehmenden Duftterror ausgesetzt sind und zunehmend unserer Sinne beraubt werden. Werden wir zu willenlosen Konsumsklaven? Zum duftgesteuerten Homo sapiens olfaktorensis? Können wir den vielen Duftfallen überhaupt noch entkommen?

Der Duft-Code ist die von jedem Menschen unbewusst beherrschte Sprache der Urkommunikation. Zur Manipulation benutzt, wird der Duft-Code jedoch zum Chemieküchenlatein einer Diktatur der Düfte. Noch sind es wenige, die Alarm schlagen. Wenn es nicht mehr werden, könnte es schon bald zu spät sein. Alles Übertreibung? – Wir sagen: Nein! Machen Sie sich einfach selbst ein Bild!

Im Alltag assoziiert man mit Duft in allererster Linie Parfüm und Duftwässer. Mit Duftwässern aller Art verdient die Parfümindustrie Jahr für Jahr Milliarden. Ob Hugo Boss, Nino Cerruti, Christian Dior, Versace, Ralph Lauren und andere Nobelmarken: Alle Luxuslabel investieren in und verdienen an Düften. Für Frauen sind mehrere tausend Duftwässer im Handel. 94 Prozent aller Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz benutzen Düfte in Form von Parfüm und Duftwässern (Eau de Toilette, Eau de Cologne, Eau de Parfum). Parfüm ist mehr als ein Hauch von Luxus, Parfüm sagt auch: Ich bin da – ich bin selbstbewusst! Auch die Herren der Schöpfung – früher eher asketisch im Umgang mit Parfüm – holen auf. Dabei ist das Duftempfinden der Menschen durchaus unterschiedlich: Während sich der eine von einem Duft belästigt fühlt, genießt der andere es, angenehm eingenebelt zu sein. Das Geschäft mit dem Duft blüht – und längst ist nicht nur von Parfüm die Rede.

Das Duftbombardement, dem wir heute ausgesetzt sind, hat 1963 mit den Toilettensteinen aus Paradichlorbenzol, einem Abfallprodukt der chemischen Industrie begonnen. Ab etwa 1970 baumelten dann vermehrt die 1951 erfundenen grünen und roten Duftbäumchen im Manta, Ford Capri und anderen tiefergelegten »Halbstarkenkarossen«. Die Menschen erstanden diese Duftspender und setzten sie freiwillig ein – wenn vielleicht auch von der Werbung verführt. Heute kommen die Duftaromen, von den Menschen meist unbemerkt, zu ihnen aus Klimaanlagen und – teilweise elektrischen – Duftsäulen, die versteckt in Geschäften und Empfangshallen, in Konferenzräumen, beim Arzt, in Modeboutiquen und beim Herrenausstatter aufgestellt sind. Und sie haben einen Auftrag: mittels unserer Nase unsere Konsumbereitschaft zu steigern, uns in Vertrauen zu wiegen oder uns scheinbar Ängste und Hemmungen zu nehmen. Der moderne Mensch wird im Alltag überall künstlich beduftet, um ihn in irgendeiner Art und Weise zu beeinflussen. Unsere Sinne werden getäuscht, und wir selbst werden Opfer einer »Diktatur der Düfte«. Wie weit darf diese Entwicklung noch gehen? Besteht nicht die Gefahr, dass eines Tages nicht Geschäfte, sondern auch Wahlkabinen beduftet werden? Wie viel echten Duft sind wir uns wert?

Und da Schmecken ohne Riechen nicht funktioniert, treten künstliche Duft- und Geschmacksstoffe gemeinsam auf. Unser Gaumen lässt sich leicht täuschen: ein Hauch von Pfirsich im Quark, eine Spur von Knoblauch im Süppchen! All diese Genüsse kochen Geschmacksdesigner im Chemielabor zusammen. In beinahe allen verarbeiteten Lebensmitteln stecken heute künstliche Geschmacksstoffe. Mehrere tausend Variationen gibt es bereits. Und es werden täglich neue Aromen kreiert, die unseren Gaumen betrügen. Dass der Mensch mit der Nase isst, weiß jeder, der mit Schnupfnase seinen Käsekuchen kaum von einem Kartoffelbrei unterscheiden konnte. Geschmacksdesigner stehen heute in der Küche und sorgen so dafür, dass immer mehr Menschen den natürlichen Geschmack verlieren und Kinder ihn nicht kennenlernen. Lesen Sie dazu bitte das Kapitel 4.

Mit künstlichen Düften lässt sich eine Menge machen, und wir lassen uns mehr und mehr »an der Nase herumführen«. Für den Gebrauchtwarenhändler gibt es Neuwagensprays zur Kundenverführung. Reisebüros frischen mit künstlichen Meeresdüften ihre Beratungsräume auf, und Hotelzimmer werden mit der Marke »Sauberes Zimmer« aromatisiert, während es am Empfang heimelig nach frisch gefällter Buche oder »Schöne Frau« duftet. So manche Restaurants manipulieren den Appetit der Gäste mit einem leichten Vanilleduft, und durch Bars strömt ein nüchterner Pampelmusenduft, der die Lust auf alkoholische Getränke steigert. In Japan werden bereits Büroräume mit Zitronenaroma über die Klimaanlage aufgefrischt, um die Arbeitsmoral der Mitarbeiter zu heben und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Morgens kommt ein bisschen frische Minze mit ins Belüftungssystem, mittags vielleicht ein spritziger Grapefruitton und kurz vor Feierabend ein sattes Holzaroma für ein Zufriedenheitsgefühl. Das nennt man in Japan oder Hongkong »intelligentes Gebäudedesign«. Wer sagt: »Ich rieche ja gar nichts!«, hat sogar recht, denn professionelle Duftdesigner sorgen dafür, dass die Konzentration der Duftstoffe unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegt, damit niemand irritiert ist. Der Kampf um die Nasen von uns Verbrauchern ist längst entbrannt. Unsere Sinnesentmündigung hat begonnen. Dabei machen sich die Duft- und Aromadesigner unsere Urnatur zunutze, wie Sie in Kapitel 1 lesen werden.

Gefühle werden oft mit Düften assoziiert. Hat zum Beispiel der Ex ein bestimmtes Rasierwasser benutzt und sie betrogen, ist der Duft des Mannes (wie er selbst) als unangenehm abgespeichert. Taucht das Aftershave dann irgendwann wieder auf, springt die Geruchserinnerung an, und das Gefühl von Verrat und Enttäuschung ist sofort präsent.

Düfte werden in jenem Teil des Gehirns, der für Emotionen zuständig ist, mit Gefühlen verknüpft und im Gedächtnis gespeichert. Bis zu 10 000 verschiedene Verbindungen kann sich das Gehirn merken. Alles geschieht im Bruchteil einer Sekunde: Der Geruch von Omas Apfelkuchen taucht auf, und wir sind plötzlich wieder acht Jahre alt und fühlen uns geborgen. Ein anderer Duft, ein anderes Gefühl: Die erste Liebe, die Herbstwanderung mit den Eltern, der Urlaub in Afrika – alles ist plötzlich wieder präsent, wenn die richtigen Duftmoleküle unsere Erinnerungen wachküssen. Physiologen kennen den Grund für das Phänomen: In grauer Vorzeit war der Geruchssinn Teil des Frühwarnsystems des Menschen, und er gilt als der sinnlichste aller Sinne.

Entwicklungsgeschichtlich konnten Lebewesen riechen, bevor sie hören und sehen konnten. Die Nase schläft nie und fungiert sogar im Schlaf als Genuss- oder Gefahrenmelder: Der Geruchssinn würde uns aus dem Tiefschlaf holen, wenn es brennt.

Düfte wirken über uralte, beinahe verschüttete Instinktschienen und werden direkt in den Gehirnbereichen aktiv, in welchen der Verstand nichts zu melden hat. Und schon sind Manipulationen Tür und Tor weit geöffnet. Noch ist vieles unbekannt. Aber die Duftforschung hat Fortschritte gemacht, und allmählich werden die Geheimnisse unserer Duftkommunikation aufgeschlüsselt. Dabei kommen erstaunliche Phänomene zutage.

Der »sexte« Sinn

Sex und Düfte sind eng miteinander verknüpft. Ob wir »uns riechen können«, spielt bei der Partnerwahl eine große Rolle. Männer und Frauen produzieren kleine chemische Moleküle und versenden sie als subtile Botschaft mit dem Schweiß über die Haut. Je nach dem Inhalt der Botschaft reagieren die Empfänger mit Zu- oder Abneigung. Weibliche Absender von »Kopulinen« gewinnen an Attraktivität, Männer bestechen durch »Andrestenol«. Das sind flüchtige Signale für den »sexten« Sinn. Generell haben Forscher herausgefunden, dass Frauen eher von Düften oberhalb und Männer eher von Düften unterhalb der Gürtellinie angezogen werden. Die Duftdrüsen werden erst in der Pubertät aktiv und stellen bei der Frau ihre Arbeit mit dem Ende der Wechseljahre ein. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Sex und Duft eng verknüpft sind. Küssen ist entwicklungsgeschichtlich betrachtet eine Art Schnuppertest! Denn nicht nur in den Achselhöhlen, auch im Gesicht, vor allem in den Mund-Nasen-Falten, gibt der Mensch seine »persönliche Note« ab. Wissenschaftliche Experimente haben übrigens ergeben, dass Menschen bei der Partnerwahl jemanden bevorzugen, der anders riecht als Familienmitglieder. Das ist wichtig für gesunden Nachwuchs. Schließlich muss Inzucht schon von Natur aus vermieden werden. Ein Teil des menschlichen Duft-Codes: Unterschiedliche genetische Merkmale drücken sich auch im Körpergeruch aus. Frauen können das getragene T-Shirt ihres Liebsten erschnüffeln und den Strampelanzug ihrer Babys im Vergleich zu anderen Kindern am Geruch erkennen. Schwangere haben eine Supernase, und wenige Tage alte Babys erkennen Mamas Brust am Geruch, und selbst Spermien können »riechen« und reagieren auf den Duft von Maiglöckchen.

Das alles ist Teil unserer Urnatur. Doch mit der Entschlüsselung unseres Duft-Codes beginnt schon dessen Missbrauch. Wir werden – oft ohne dass wir Kenntnis davon erlangen – mit Kunstaromen neu »duftcodiert« mit oft verheerenden Folgen: nicht nur, dass die Menschen unmündig gemacht werden, das Duftstoffbombardement kann auch zu Allergien führen, die wiederum chronische Krankheiten hervorrufen können. Geschmacksstoffe fördern ungesundes Essverhalten, und wenn sie trotz Sättigung dem Körper noch Appetit vorgaukeln, jagen sie Menschen in die Fettsucht.

Besagtes Duftstoffbombardement produziert nicht nur die Beduftungsindustrie, die das Thema des nächsten Kapitels ist. Auch viele Menschen hinterlassen heute unüberriechbare Duftmarken. Ob das Rasierwasser Marke »Penetrant«, die Parfümwolke à la »Pumakäfig« oder das »Eau de Klosett«: Gerade bei Menschenansammlungen ist unsere Nase oft unerträglich einem Duftgemisch ausgesetzt. Viele Zeitgenossen kommen in einer Parfümwolke daher, dass anderen die Luft wegbleibt. Eine Gegenwehr ist nicht möglich. Man kann sich ja schließlich nicht die Nase zuhalten! Wer zu viel Parfüm aufträgt, belästigt seine Mitmenschen nicht nur, er kann sie auch krank machen wie die professionellen Bedufter. Immer mehr Menschen klagen über Duftstoffallergien, leiden unter Ekzemen und Atemnot. Doch damit nicht genug: Synthetische Düfte sind eine Gefahr für die Umwelt. Sie können das Geschlecht von Tieren wie Fischen und Fröschen beeinflussen. Ganze Ökosysteme sind durch künstliche Aromen in Gefahr. Was Jahrtausende, ja Jahrmillionen funktionierte, gerät durch die bewusste und unbewusste Duftmanipulation in Gefahr. Kunstaromen mit verheerenden Nebenwirkungen für die Natur! Schlimmer noch: Sie wirken sich wahrscheinlich sogar auf die Fruchtbarkeit der Männer aus, indem sie die Lebendigkeit der Spermien lahmlegen.

Wie immer: Die Medaille hat zwei Seiten

Wie schon gesagt, es gibt auch heilende Düfte. Düfte wirken über Haut und Schleimhaut auf den Körper und über den Geruchssinn auf das Gehirn. Diese Wirkweise nutzt die Aromatherapie, die auf der ganzheitlichen Sicht des Menschen gründet. Bei Schlafstörungen hat sich Lavendel bewährt, bei niedrigem Blutdruck der Geruch von Rosmarin, bei Kopfschmerzen Pfefferminzgeruch, und Rosenduft soll Depressionen vertreiben. Studien belegen, dass man sich gesund riechen kann. Bereits vor 5000 Jahren setzten Menschen Aromastoffe und Wohlgerüche ganz bewusst ein. So wurden in Mesopotamien und im alten Ägypten, in den Tempeln der Griechen und Römer, von den Assyrern und Babyloniern bei religiösen Zeremonien und zur Reinigung und Heilung Düfte verwendet und Rauchopfer zelebriert. Man verbrannte Zeder und Zypresse, Weihrauch und Myrre, um mit den Göttern ins Gespräch zu kommen: »per fumum« – »durch den Rauch«, wie die alten Römer sagten, die Weihrauch auch im profanen Bereich intensiv zu verbrennen pflegten.

So kommt das Wort Parfüm aus dem Lateinischen. Unsere Sprache enthält viele Bilder aus dem Bereich des Riechens. Vor allem dann, wenn es um die schnelle Beurteilung von Menschen geht, und beim Miteinander spielt der Körperduft eine viel größere Rolle, als wir wahrhaben wollen. Sie kennen bestimmt die Redewendung »Jemanden nicht riechen können«, und auch Sie »rochen schon mal sofort, dass da was nicht stimmte«, »witterten Unheil« oder »gingen der Nase nach«.

Wittern Sie jetzt eine Sensation? Es kann sein, dass Sie erschrecken, wenn Sie im Folgenden lesen, dass Sie von Dingen umgeben sind, die Sie nicht geordert haben, dass Sie mehr fremd- als selbstbestimmt sind. Und dabei dachten Sie immer, Sie hätten alles im Griff! Keine Bange. Sie können der Zwangsbeduftung entgehen – wie, das sagen wir Ihnen in Kapitel 9.

Kapitel 1 stellt überblickartig die Nutznießer unserer Lust am Duft vor und zeigt, wie wir uns mit ihren »magischen« künstlichen Düften in zunehmendem Maße »an der Nase herumführen« lassen. Kapitel 2 führt in die Welt der natürlichen Duftkommunikation, zu Mandla, einem Wildnisführer in Zululand (Südafrika), der uns »duft-neu-codierten« Menschen beibringt, dass wir alle Dufttiere sind. In diesem Kapitel lesen Sie auch, wo und wie Geruchsempfindung entsteht und sie unsere Kommunikation steuert – welche Duftdialekte Pflanzen und Tiere sprechen, erfahren Sie nebenbei. Kapitel 3 befasst sich mit der selbst gestalteten Beduftung unserer privaten Umgebung und mit der professionellen, suggerierenden Beduftung öffentlich zugänglicher Räume – den einen zum Vorteil, den anderen zum Glauben, Begehrtes gewonnen zu haben. In Kapitel 4 geht es um die Verbindung zwischen Geruchs- und Geschmackssinn, um die Verbindung zwischen Gesundheit, Natur und Umwelt, kurz: um den »Pfusch an Lebensmitteln«. Kapitel 5 widmet sich der Wohlfühlmanipulation, dem Diktat der allgegenwärtigen Beduftung weltweit – vom professionellen Airdesign bis hin zum Lufterfrischer für den Hausgebrauch. Kapitel 6 befasst sich mit dem Geruchseindruck und dem Geruchsgedächtnis, dem Ekel und den Düften und ihrer Verwendung im kultischen und profanen Bereich – gestern und heute. Kapitel 7 handelt vom Duft als gesellschaftlichem Faktor und vom »Lebensgefühl aus dem Flakon«. Kapitel 8, ein Appell gegen Duft(luft)verschmutzung, behandelt das gezielte Beduften der Umgebungsluft, die Verwendung von Duftstoffen in Kosmetik- und Reinigungsmitteln und die Gefahren für Mensch und Umwelt. Kapitel 9 bietet einen Ausblick auf den notwendigen Wandel im Verbraucherverhalten und in der Verbraucherschutzpolitik, welcher der Industrie die Allmachtfantasien entziehen und den Bürger wieder zum selbstbestimmten Konsumenten qualifizieren kann. Mündige, ihrer Sinne nicht beraubte Verbraucher haben nämlich die Möglichkeit, einer latenten oder erkennbaren Manipulation zu entkommen. Wenn viele die nötigen Schritte gemeinsam machen, dann können wir die Fremdbestimmung abschütteln. Sie müssen die Initiative selbst ergreifen! Hierzu nennen wir im Anhang Ansprechpartner ebenso wie hilfreiche Adressen.

Der Frühling verliert seine Unschuld

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen.

– Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist’s!

Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike (1804–1875)

Treffender als Eduard Mörike kann man wohl das alljährliche, von vielerlei Düften begleitete Wiedererwachen der Natur nicht beschreiben. Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Duft. Wir müssen nur bereit sein, ihn wahrzunehmen. Da ist im Frühjahr der Duft von frischem Gras, den ersten Veilchen und der dann frisch riechenden, von der intensiver werdenden Märzsonne erwärmten Erde. Später kommt der Duft abertausender Kirsch-, Apfel- und Birnenblüten hinzu, begleitet von den oft betörenden Aromen der vielen Wild- und Gartenblumen, der Duft von Kräutern und Gräsern. Im Hochsommer duftet es nach Heu; dem Duft der abgemähten Wiesen gesellen sich später die Düfte von Äpfeln, Birnen und vielerlei Beerenfrüchten dazu. Irgendwie vermittelt dies ein Gefühl landschaftlicher Duftsättigung. Doch diese Sättigung erhält eine Steigerung im Herbst. Dann mischt sich der Geruch von feuchter Erde und taunassen Wiesen mit den morbiden Aromen von faulenden Früchten und welkendem Laub. Der Winter wirkt – wenn er trotz der Folgen des Klimawandels noch Winter sein darf – wie ein Duftstaubsauger. Kälte und Schnee reinigen ebenso wie frische Winde die Luft und geben nur wenig natürliche Duftstoffe frei. An trüben Tagen, wenn dichte graue Wolkenschichten Stadt und Land bedecken, werden die Abgase aus unseren Wohnsiedlungen, der Industrie und unserer immer weiter wachsenden Autoflotte regelrecht zurückgestaut. Dann zeigen uns oftmals bedrohliche Smoglagen – die Engländer haben aus den Worten »smoke« und »fog«, also Rauch und Nebel, das Wort »Smog« geprägt – besonders deutlich, wie wir seit Jahrzehnten den Duftcocktail der Natur jahraus, jahrein kräftig aufmischen.

Mörike und seine Dichterkollegen der Romantik waren sicher nicht die Ersten, die Natur ganz bewusst mit allen Sinnen wahrgenommen haben. Verstanden sie es, Stimmungen und Gefühle in treffende Worte zu kleiden, so ahnten sie wohl nicht, dass wir Menschen ebenso wie Pflanzen und Tiere – ja, die komplette Natur – duftgesteuert sind.

Während der Mensch die Geheimnisse der Duftkommunikation in der Natur noch erforscht, ist er schon dabei, die Natur zu manipulieren. Mit dem Ackerland fängt es an. Die auf Massenproduktion geprägte Landwirtschaft beseitigt permanent die Urdüfte der Natur. Werden im Frühjahr die Böden gedüngt, wird mit Kot die Umwelt neu codiert. Wird die Gülle ausgebracht, legt sich Ammoniakgestank über die Felder und zieht, je nach Wind,in die Städte. Natürliche Frühlingsdüfte sind bei derartiger Beduftung immer weniger erlebbar. Der Frühling verliert seine Unschuld; Eduard Mörike würde heute wohl ein anderes Gedicht verfassen.