DIE SCHWÖRERS
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auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2009 Wörterseh Verlag, Gockhausen
2. Auflage 2010
Lektorat und Korrektorat:
Claudia Bislin und Andrea Leuthold, beide Zürich
Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, Holzkirchen
Foto Buchcover: Peter Mosimann, Bern
Fotos Bildteil: Sabine und Dario Schwörer-Ammann,
Mercedes Marbach, Peter Braig, Clive Curson, Steve Cracknell,
Ernie Nichols
Karten: Sonja Schenk, Zürich
Layout, Satz und herstellerische Betreuung:
Rolf Schöner, Buchherstellung, Aarau
Druck und Bindung: CPI books, Ulm
Print ISBN 978-3-03763-008-2
E-Book ISBN 978-3-03763-520-9
www.woerterseh.ch
Hindernisse überwinden ist der Vollgenuss des Daseins.
Arthur Schopenhauer
Für Nona aus Vnà, Nani & Neni aus Vilters,
Großmueter & Großvater aus Sommeri
und Großmueter & Großvater aus Riedt –
ihr werdet immer unsere größten Vorbilder bleiben!
Für Salina, Andri und Noé – nur schon der Gedanke
an euch lässt unsere Herzen übersprudeln vor Freude.
Ihr seid unsere größten Goldschätze!
So weit kann eine Familie kommen, eine ganz einfache Familie. Man muss nicht Extremsportler sein, Multimillionärin oder Exponent eines superspezialisierten Teams. Es braucht nur einen festen Willen, Geschick, Ausdauer und etwas Glück, erzwungen vom dringenden Wunsch, Gutes zu tun. Und zwar nicht, um seinen eigenen Wohlstand zu fördern oder jenen des näheren Umfelds, sondern, weil man allem und allen dienen möchte. Der Schöpfung und ihren Kreaturen. Ist dies der Antrieb, dann ist alles möglich. Dann ist kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit. Das ist für mich die wichtigste Botschaft der Familie Schwörer geworden. Es ist eine Botschaft, die sie selber nie auf diese Weise formulieren würden. Dazu sind sie viel zu bescheiden.
Die Botschaft, die die Schwörers weitergeben möchten, ist ganz einfach: Die Welt ist schön, wunderschön! Das mag für einige naiv klingen, doch für mich ist diese Aussage ausgesprochen radikal, insbesondere weil sie von Menschen stammt, die sich explizit für den Klimaschutz einsetzen. Die Schwörers wollen nicht wie andere mit Schreckensbotschaften aufrütteln, den Mahnfinger erheben, mit dem Weltuntergang drohen. Sie wollen das Gute benennen, Positives stärken, Optimismus säen. Und so hat sich diese kleine Schweizer Familie eine der größten, schwierigsten, aber auch schönsten Aufgaben auf die Segel geschrieben, auf die man sich dieser Tage einlassen kann: der Welt den Glauben an die Zukunft zurückzugeben.
Die Idee ist bestechend: Einmal um die Welt reisen, nur Muskelkraft sowie natürliche Energien verwenden, alle sieben Kontinente besuchen, dort jeweils die höchsten Gipfel (die Seven Summits) erklimmen, um so wirklich alle Klimazonen unseres Planeten zu bereisen. Dabei sammeln sie anschauliche Beispiele und Lösungen für den Klimaschutz, arbeiten mit Schulklassen; führen Aufräumaktionen durch und präsentieren sich vor allem selber als Beispiel für umweltfreundliche Lebensweise.
Als Sabine und Dario Schwörer-Ammann aufbrachen, um diese Idee umzusetzen, gingen sie davon aus, spätestens in vier Jahren wieder zu Hause zu sein. Anschließend wollten sie eine Familie gründen. Die »TOPtoTOP Global Climate Expedition«, wie das Projekt heißt, begann nach einem ersten Fehlstart offiziell im Jahr 2002 in der Schweiz und ist via Mittelmeer, Atlantik, Panamá-Kanal und Pazifik inzwischen in Australien angekommen. Es ist – nach sieben Jahren! – also erst Halbzeit. Mindestens weitere sieben Jahre dürften hinzukommen, bis die Schwörers am geplanten Ziel ankommen und wieder auf dem Mont Blanc stehen.
Was auf den ersten Blick nach einer klaren Route aussieht, ist genau betrachtet eine Schlangen- und Zickzacklinie. Immer wieder mussten Sabine und Dario umkehren, neue Ziele anpeilen, Umwege nehmen. Auf Reisen kommt es meistens anders, als man plant. Und das umso mehr, weil die beiden Abenteurer ja ohne Motoren auskommen wollen, sich also nach den Launen der Natur richten müssen. Ihr wichtigstes Fortbewegungsmittel ist das Schiff, das sie »Pachamama« getauft haben – ein Wort der Inkas, das »Mutter Erde« bedeutet. Und gerade der Wandel des Klimas hat ja dazu geführt, dass einige Kinder von Mutter Erde wie etwa der Wind, das Wetter oder die Meeresströmungen uns gelegentlich Streiche spielen.
Sabine und Dario haben in diesen sieben Jahren zahllose Abenteuer er- und auch überlebt. Sie haben die heftigsten Stürme sowie Stein- und Eisschlag überstanden. Sie begegneten giftigen Schlangen, wurden von Haien ins Visier genommen und kämpften ausgerechnet mitten im Atlantik mit einem defekten Schiffsmast. Ihr größtes Abenteuer ist jedoch eines, das sie mit vielen Menschen dieser Erde teilen: Sie wurden Eltern. 2005 wurde Salina geboren, eineinhalb Jahre später Andri; beide Kinder kamen in Valdivia, Chile, zur Welt. Zwischen den beiden Geburten liegen mehrere Tausend Seemeilen und eine Odyssee, wie sie nur das Leben schreiben kann. Ihr drittes Kind ist jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, noch im Mutterbauch. Es wird im Spätsommer 2009 in Darwin, Australien, zur Welt kommen.
Die Kinder haben der Reise zweifellos eine neue Dimension gegeben. Auch was die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit betrifft. Als eine doch ziemlich spezielle Familie machen die Schwörers auf besondere Weise auf sich und ihre Anliegen aufmerksam. Dies wurde ihnen insbesondere in Australien bewusst, wo sich die Medien enorm für die ganz normale und doch »crazy family« interessieren. Dass sich eine Familie mit kleinen Kindern den Strapazen einer solchen Abenteuerreise unterzieht, ist in der Tat außergewöhnlich. Und die Kinder sind (mit wenigen Ausnahmen) immer und überall dabei: Auf den Strecken, die per Velo zurückgelegt werden, fahren sie im Anhänger mit, und vor einiger Zeit haben Salina und Andri sogar zu klettern begonnen. Für den Mount Everest jedoch, den nächsten »Top« auf der Reise, sind sie natürlich noch zu klein.
Auch wenn die Kinder nicht jeden Berg erklimmen können, die Herzen der Menschen, denen sie auf ihrer Weltreise begegnen, erobern sie im Sturm. Man muss Salina und Andri einfach gesehen haben, wie sie bei einem Vortrag ihrer Eltern dem Publikum aus voller Kehle Lieder vorsingen oder wie sie überall mit allen und allem zu spielen beginnen, gerade so, als sei die ganze Welt ihr Kinderzimmer.
Entlang ihres Weges besucht die Familie Schwörer so viele Schulen wie möglich. Dort berichten Dario und Sabine Schülern und Studenten von ihren Erlebnissen, klären über den Klimawandel auf und ermuntern ihre jungen Zuhörer, selber etwas in ihrem Umfeld zu unternehmen, um der Welt ein wenig Atem zu verschaffen. Diese Arbeit in den Schulen ist das Herzstück der Expedition. Denn hier, so sind Sabine und Dario überzeugt, entscheidet sich, welche Art von Reise in die Zukunft Mutter Erde unternimmt. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist eine Arbeit am Bewusstsein, am bewussten Sein, an einem respektvollen Umgang mit den Ressourcen dieser Welt. Es ist eine Arbeit, die selbst Herkules abgelehnt hätte. Doch die Schwörers mit ihrem unbändigen Glauben an das Positive und das Gute sind nicht nur in der Lage, Berge zu erklimmen, sie machen sich ganz offensichtlich auch daran, sie zu versetzen.
Meine erste Begegnung mit den Schwörers war in der Schweiz. Sie waren für kurze Zeit heimgekehrt, mussten wichtige Sponsorengespräche führen. Dario hatte einige Aufträge als Bergführer in den Alpen, und wir wollten auch an diesem Buch arbeiten. So durfte ich mir die ersten von tausendundeiner Geschichte anhören. Denn eines versteht sich von selbst: Wer so eine Reise unternimmt, der hat etwas zu erzählen.
Es war damals gerade die Zeit nach dem großen Rennen von Sydney nach Hobart – ein ganz persönlicher Meilenstein für Dario und Sabine, der den beiden offenbarte, wie weit sie es bereits gebracht hatten. Und zugleich war es ein wichtiges Lehrstück darüber, wie wenig es in ihrer Hand liegt, die tatsächliche Destination einer Reise zu bestimmen. Aber beginnen wir nun. Und zwar – wenn wir schon beim Rennen von Sydney nach Hobart sind – mittendrin.
Dario: Es kam Sabine und mir wie ein Wunder vor. Wir hätten nicht gedacht, dass wir es tatsächlich schaffen würden. Das Jachtrennen von Sydney nach Hobart ist legendär und zählt zu den bedeutendsten der Welt. Nur hoch dotierte Schiffe nehmen daran teil. Und die »Pachamama«, so heißt unser Schiff, war noch nicht sehr lange zuvor eine völlige Ruine gewesen, nachdem wir in einen zerstörerischen Sturm vor der Küste Chiles geraten waren.
Der Start zum Rennen war wie immer am Boxing Day, dem Tag nach Weihnachten. Man schrieb das Jahr 2008. Die zwei Monate zuvor waren wir jeden Tag von morgens früh bis abends spät am Arbeiten, um die vielen Sicherheitsanforderungen zu erfüllen. Der Aufwand war enorm. Und dann stand wenige Tage zuvor alles auf der Kippe. Wir wussten nicht, ob wir auch wirklich am Rennen teilnehmen sollten.
Der Grund waren unsere Kinder. Mitnehmen konnten wir sie nicht, und wir waren unsicher, ob wir Salina und Andri für die Zeit des Rennens weggeben sollten. Sie wären zwar gut betreut gewesen, doch wir wussten nicht, wie sie die Trennung von uns überstehen würden. Es wäre das erste Mal gewesen. Deshalb zögerten wir bis kurz vor dem Start.
Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass Salina und Andri immer bei uns sein müssen. Am Rennen teilzunehmen, wäre für sie ja auch kein Problem gewesen. Das Schiff ist schließlich ihr Zuhause. Die Alterslimite lag allerdings bei achtzehn Jahren, und Salina war damals dreieinhalb, Andri zwei Jahre alt.
Ich hatte zwei Anträge an die Organisatoren geschrieben, in denen ich erklärte, wie viele Seemeilen Salina und Andri schon auf dem Buckel hatten, und hoffte, dass man eine Ausnahme machen würde. Mir wurde letztlich aber klar, dass mein Gesuch unter keinen Umständen bewilligt würde.
Es stand nämlich gerade ein trauriges Jubiläum an. Es waren exakt zehn Jahre vergangen, seit sechs Rennteilnehmer bei einem Sturm in der Bass-Meeresstraße ums Leben gekommen waren. In vielen Medienberichten wurde an die Katastrophe von 1998 erinnert. Das traurige Jubiläum hatte die Sicherheitsvorkehrungen noch strenger werden lassen, als sie bereits waren. Und niemand im Lande hätte verstanden, wenn ausgerechnet in diesem Jahr neu auch Kinder am Rennen teilgenommen hätten.
Es mag paradox erscheinen, dass ausgerechnet wir an diesem glamourösen Anlass teilnehmen wollten, an dem sonst nur teure Rennschüsseln den Wettlauf gegen die Zeit antreten. Dabei ist eines unserer wichtigsten Anliegen ja gerade, dass wir Menschen wieder lernen, mit dem Rhythmus der Natur zu leben. Doch bot uns dieser Großanlass eine ideale Bühne, um für unsere Expedition und ganz generell für erneuerbare Energien zu werben. Die »Pachamama« fällt ja allein schon durch die zahlreichen Solarpanels und Windgeneratoren an Bord auf.
Sabine: Das Leben auf einer Jacht stellen sich viele Menschen paradiesisch vor. Und irgendwie ist es das ja auch. Doch alles hat seinen Preis. Es gibt zum Beispiel fast keine Privatsphäre. Du kannst also nicht fluchen, streiten und richtig dich selber sein, in deinem Zuhause – das heißt, du kannst schon, aber alle, die sich auf dem Schiff aufhalten, bekommen es mit. Man lebt sehr eng aufeinander. Der Innenraum ist so groß wie ein normales Elternschlafzimmer – bloß dass es dort nicht nur Schlafgelegenheiten für acht Personen gibt, sondern auch eine Küche, einen Esstisch, eine Stube, eine Navigationsecke, eine Toilette und eine Dusche. Man muss sich also immer zusammennehmen.
Auf einem Schiff müsste man eigentlich viel miteinander sprechen. Wenn eine Angelegenheit nicht ganz klar ist und du dich aufregst, dann gibt es unterschwellige, feine Aggressionen, die irgendwann herausmüssen. Lässt man Unausgesprochenes schlummern, wird es schnell unerträglich. Besser also, man packt alles beim Schopf, wenn es auftaucht. Doch dies wiederum braucht Zeit und Energie.
Wir hatten damals einen Riesenstress wegen der Vorbereitungen aufs Rennen. Und jeden Tag kam etwas Neues hinzu. Einmal hieß es, dass wir unsere gesamte Gasleitung auswechseln müssten, um den australischen Vorschriften zu genügen. Doch unser Schiff war in Frankreich gebaut worden, und die Franzosen verstehen ja auch etwas vom Schiffsbau. Wir sagten deshalb der Rennleitung: »Ohne uns!« Doch dann gab es einen Ausweg. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was es war – was ich aber weiß: Dario findet immer eine Lösung.
Eine zeitraubende Sache war die Auswahl der Crewmitglieder. Gemäß den Rennvorschriften mussten mindestens sechs Personen an Bord sein. Es meldeten sich sehr viele Interessierte bei uns. Dieses Rennen bedeutet den Australiern enorm viel. Das kann man sich andernorts gar nicht vorstellen. Da bleibt die Welt für eine kurze Zeit stehen. Ich selber hätte längstens gesagt, wir seien vollzählig. Doch Dario gab allen, die kamen, eine Chance. Klar, dass die Leute zuvor auch eine längere Strecke mit uns segeln mussten. Nicht wenigen wurde es dabei schlecht. Bei ihnen erledigte sich die Sache von selbst.
Unser größtes Problem war: Was machen wir mit den Kindern? Zum Glück kannten wir die Marbachs – sie waren bereit, Salina und Andri bei sich aufzunehmen. Die Familie hatte uns bereits auf dem Weg zum höchsten Berg in Australien per Velo begleitet, und danach pflegten wir einen schönen, freundschaftlichen Kontakt, den auch Salina und Andri schätzten. Trotzdem war es ein verstörender Gedanke für uns, die Kinder eine ganze Woche oder vielleicht noch länger wegzugeben.
Ich sprach mit vielen Leuten über die Sache. Ich fragte: »Was würdest du machen?« Heute muss ich sagen, dass das die dümmste Frage war, die ich stellen konnte. Ich bekam nämlich so viele Vorschläge, wie ich Leute gefragt hatte. Nicht wenige warnten mich, die Kinder wegzugeben. Das sei das Schlimmste, was ich machen könne. Salina und Andri hätten nachher einen psychischen Knacks. Keine Lösung war, dass ich für die Kinder sorgen würde, während Dario am Rennen teilnahm. Die Strecke von Sydney nach Hobart gilt als streng und kann auch sehr gefährlich sein. Wenn es wirklich hart auf hart geht, sind wir beide ein Superteam. Wenn es draußen tobt wie wild, verstehen wir uns ohne Worte.
Ich kam mir wie die schlimmste Mutter vor. In meinem Kopf drehte der »psychische Knacks« seine Runden. Ich fühlte mich schuldig und wurde ganz apathisch, weil ich einfach keine Lösung fand. Zum Glück sprach ich schließlich auch noch mit Darios Schwester. Sie meinte: »Nehmen wir an, eine alleinerziehende Mutter muss ins Spital, dann muss sie doch auch ihre Kinder weggeben.« Das relativierte wieder alles. Ich bin es doch, die verantwortlich für meine Kinder ist, und ich muss letztlich selber herausfinden, was zu tun ist. Noch aber war ich in einem Wechselbad – bis uns die Australischen Großeltern mit einem Vorschlag überraschten.
Die Australischen Großeltern, wie wir das ältere Ehepaar aus Newcastle nennen, hatten wir kurz nach unserer Ankunft in Australien, dem für uns neuen Kontinent, kennen gelernt, als wir ihren Veloladen besuchten. Sharon und Brian sind so großzügige Menschen, dass sie uns spontan einen Anhänger schenkten, in dem wir dann Salina und Andri fast 5000 Kilometer durch Australien zogen. In den Wochen vor dem Rennen, in denen wir so manche Kurse besuchen mussten – Nothelfer-, Rettungs- oder Funkerkurse beispielsweise –, kamen sie öfters extra von Newcastle nach Sydney, um unsere Kinder zu hüten.
Sharon und Brian schlugen vor: Wenn wir einverstanden wären, würden sie Salina und Andri mit nach Hobart nehmen. Sie würden dort sowieso nach Neujahr Ferien machen. Das war wieder eine ganz andere Situation. Der neue Plan war nun, dass unsere Kinder zuerst einige Tage bei der Familie Marbach sein würden. Die Australischen Großeltern würden sie besuchen, dort übernachten und dann gemeinsam mit den Kindern nach Hobart reisen. Kurz darauf würden auch wir dort eintreffen – je nachdem halt, wie das Rennen lief. Wir waren ganz glücklich über diese Lösung.
Dario: Etwas Sorgen machte mir das Wetter. Vier Tage vor dem Start zeichnete sich ab, dass drei unberechenbare Fronten im Anmarsch waren. Es wäre gut gewesen, mindestens einen Tag früher zu starten. Ich sah nämlich voraus, dass das Unwetter aus Westen den langsamen Schiffen zu schaffen machen könnte, weil sie nicht rechtzeitig Schutz hinter der Ostküste von Flinders Island finden würden. Die Insel liegt zwischen Australien und Tasmanien, am östlichen Ende der Bass-Straße. Hat man sie erreicht, können die teilweise haushohen Wellen einem nichts mehr antun, da sie schützend davorsteht.
Die Bass-Meeresstraße ist deshalb so gefährlich, weil sie nur rund fünfzig Meter tief ist, das Meer zwischen der Antarktis und Tasmanien hingegen extrem tief. Stürme, die im Süden wüten, produzieren riesige und lange Wellen. In einem tiefen Meer werden sie zu enormen Bergen, die aber einem Schiff in der Regel nichts anhaben können. Weil sie langgezogen sind, geht es gemächlich rauf und wieder runter. Sobald diese riesigen Wellen aus dem 5000 Meter tiefen Meer innert kürzester Distanz auf eine Stelle von fünfzig Metern Tiefe auftreffen, brechen die Wellen, bauen sich noch höher auf und werden kurz. Die zehn, zwölf Meter hohen Wellen jagen sich also kurz hintereinander und können so ein Schiff mit einem Paukenschlag in zwei Teile brechen. Genau das war vor zehn Jahren an dieser Stelle geschehen.
Sabine: Wir hatten eine enorme Präsenz in den Medien. Als Exoten durften wir sogar an der offiziellen Medienkonferenz teilnehmen, an der die Organisatoren des Rennens vier der hundert Teilnehmer vorstellten: die schnellste, die älteste sowie eine berühmte Jacht, die zehn Jahre Pause gemacht hatte. Und eben wir. Bereits einen Monat vor dem Rennen waren wir so auf allen Channels zu sehen.
In diese Zeit fällt auch, dass sich mein Körper anders zu verhalten begann. Ich hatte ständig Lust auf Pizza und kam schneller als üblich außer Atem, wenn ich mich körperlich betätigte. Ich führte das zunächst auf den Stress zurück. Doch die Pizzas machten mich schon etwas stutzig. Als ich nämlich mit Andri schwanger gewesen war, hatte ich große Mengen davon verschlungen. Dennoch hielt ich es für unmöglich, wieder schwanger zu sein. Ich weiß doch, wann mein Eisprung ist! Das heißt, an welchen Tagen man besser nicht miteinander schläft, will man nicht schwanger werden. Und danach hatten wir uns gerichtet.
Es war zu diesem Zeitpunkt kein drittes Kind geplant. Wir hatten ja als nächsten Höhepunkt den Everest vor Augen. Und diesmal wollte ich nicht abseits stehen wie damals beim Aconcagua in Argentinien. Ein anderer Grund war, dass es mit Salina und Andri super lief. Sie spielten so gut miteinander, waren schon recht selbständig. Ich konnte nun auch mal allein fortgehen, musste nicht immer um sie herum sein. Das gab mir nach den Jahren, in denen ich sehr an sie gebunden war, wieder mehr Freiheiten. Und da wir sowieso sehr wenig Platz auf dem Schiff haben, hatten wir alle Baby-Sachen verschenkt.
Dennoch machte ich einen Schwangerschaftstest. Und er war positiv. Ich glaubte es nicht. Also machte ich einen zweiten Test. Wieder positiv. Das kam mir nun schon etwas eigenartig vor, und ich beschloss, zum Arzt zu gehen. Dieser bestätigte zwar das Ergebnis der Tests, doch noch immer hatte ich das Gefühl, dass mich das nichts anging. Ich hatte ja auch wegen des Rennens schlicht keine Zeit, mich mit so einer großen Sache zu beschäftigen. Ich schenkte dem Befund erst dann wirklich Glauben, als ich Wochen später mit eigenen Augen die Ultraschallbilder gesehen hatte. Ich kam mir wie der ungläubige Thomas vor.
Der Start rückte näher. Die letzten Vorbereitungen standen an, und die Journalisten gaben sich bei uns die Klinke in die Hand. Als normale Familie in diesem Zirkus der Millionäre waren wir eine Attraktion für die Medien. Sie wollten zum Beispiel wissen, wie wir Weihnachten feiern. Doch bei uns war absolut keine Weihnachtsstimmung vorhanden. Wir hatten keinen Baum, keine Geschenke. Wir hatten stattdessen enorm viel zu tun: Wetterkarten analysieren, Wegpunkte ins GPS programmieren, Sicherheitsbriefings, Interviewtermine. Neben alldem war schlicht keine Zeit mehr übrig, sich um private und persönliche Bedürfnisse zu kümmern.
Die Organisatoren schickten extra für uns am 25. Dezember einen Weihnachtsmann aufs Schiff. Salina und Andri waren aus dem Häuschen. Ein Nikolaus zu Besuch auf der »Pachamama«! Im Grunde war es reines Medienmarketing. Wir machten aber gute Miene zu diesem Spiel, zumal Salina und Andri nichts von der Inszenierung mitbekamen. Sie hatten nur Augen für den hohen Gast. Die Medienleute wiederum interessierten sich fast nur für Salina und Andri. Die Kinder waren halt eine Story. Die ließ sich verkaufen.
Die Nacht auf den 26. Dezember schliefen Salina und Andri nochmals bei uns auf dem Schiff. Kurz bevor das letzte Wetterbriefing begann, trafen wir uns mit den Marbachs. Auch die Australischen Großeltern waren gekommen. Der Moment war gekommen, wo wir uns von den Kindern verabschieden mussten. Uns allen kamen die Tränen.
Anschließend gingen wir zum Schiff zurück. Ich fühlte mich so, als ob ich auf dem Weg zu meiner Kreuzigung wäre. Auch Dario musste wieder weinen. Wenn er weint, dann bin auch ich verloren. Und er heulte wie verrückt. Die Kinder selbst hatten den Abschied gar nicht so tragisch genommen.
Vor dem Schiff erwartete uns ein Fernsehteam. Der Journalist fragte, ob die Kinder schon weg seien. Wir schauten ihn mit unseren verweinten Augen an und nickten. Das wiederum führte zu einem Leuchten in seinen Augen. Ob wir nicht nochmals zurückkönnten, er wolle den Abschied filmen.
Ich war ziemlich geschockt, dass man so etwas überhaupt fragen kann. Auch wenn mir eigentlich längst klar war, wie diese Medienwelt tickt. Genau das wollen sie doch: dass du weinst, Emotionen zeigst.
Wir fuhren danach aus dem Jachtklub in die Bucht zur Startlinie des Rennens. Ich stand vorne am Schiff und nahm Abschied von Sydney. Geplant war, dass wir nicht mehr hierher zurückkommen würden, sondern von Tasmanien direkt nach Neuseeland weitersegeln würden.
Dario: Die Startlinie muss man im Kopf haben. Man sieht sie nicht, sie wird nur durch zwei auseinanderliegende Bojen markiert. Die Linie darfst du vor dem Startschuss nicht überqueren, sonst wirst du disqualifiziert. Wir hatten das große Glück, Matteo am Steuer zu haben. Er hat schon sehr viele Regatten gefahren, hält sogar einen Weltrekord bei der Solo-Atlantiküberquerung mit seinem sechs Meter langen Katamaran*. 2008 wurde er als bester italienischer Segler ausgezeichnet.
Die Minuten vor dem Start gehören zum Spektakulärsten eines Rennens. Da sind hundert Schiffe auf engstem Raum, und jedes Boot versucht, eine möglichst gute Position herauszusegeln. Diese Edelkarossen aus Karbon, die ein Vermögen kosten, fahren manchmal millimeternahe an den anderen Edelkarossen vorbei. Oder sie steuern frontal auf ein anderes Schiff zu und wenden erst dann im letzten Moment, wenn der andere nicht reagiert. Vielleicht wendet der andere vor dir, und du hast dadurch einen Vorteil. Das ist ein richtiger Tanz der Segelschiffe. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass nur ein einziges Boot beim Start Schaden nahm.
Matteo hatte uns eine Superposition herausgefahren. Leider stand unser Großsegel aber nicht optimal. Eine Klemme gab kurz nach dem Startschuss ihren Geist auf. Wir konnten somit das Fall nicht richtig durchstrecken.
Die Fahrt aus Sydney Harbour ins offene Meer dauerte gut drei viertel Stunden. Weil der Wind vom Meer her kam, mussten wir aufkreuzen. Wir waren beim Start fast die Ersten unserer Kategorie gewesen. Und nun waren wir die Allerletzten, die Sydney Harbour verließen, da wir wegen des Großsegels nicht ganz hart am Wind segeln konnten. Die »Wild Oats«, die spätere Gewinnerin, war schon weit weg. Als Schlusslicht mit den vielen Solarpanels und den Windgeneratoren hatten wir aber die Sympathie all jener, die mit ihren Booten die Jachten auf dem Weg ins offene Meer begleitet hatten. Sie waren auf dem Rückweg in den Hafen und jubelten uns zu.
Nach dem Start meldeten uns die Marbachs per Handy, dass es den Kindern sehr gut gehe. Sie seien jetzt gerade daran, sich zu verkleiden. Es habe bisher nicht das geringste Problem gegeben. Wir konnten dann auch mit Salina und Andri sprechen. So nahe der Küste hatten wir noch Empfang. Wir spürten, dass sie sich tatsächlich sehr wohlfühlten und sich in sicheren Händen befanden. Nach diesem Telefongespräch fand ich endlich Ruhe.
*Ab Seite 237 des Buches befindet sich ein Glossar.
Die anderen Boote setzten ihre Spinnaker ein und segelten wie Pfeile davon. Wir hatten leider keinen dabei und waren darum langsamer unterwegs. Für uns spielt es ja üblicherweise keine Rolle, ob wir uns schnell oder langsam fortbewegen. Wir wollen einfach sicher ans Ziel kommen. Jetzt wäre es aber wichtig gewesen, schnell zu sein – wegen des Rennens und wegen der bedrohlichen Wetterfronten vor uns.
In der ersten Nacht fiel das GPS aus, das Gerät, das die Position angibt. Dazu kam das Problem mit dem Hauptsegel.
Die ganze Zeit über fuhren wir hinter dem Schiff von Ian Kiernan her, dem berühmten australischen Skipper. Es hatte zwar einen Spinnaker, aber sein Boot war kleiner als die »Pachamama« und damit auch langsam.
Kiernan ist Millionär und hat die Umwelt-Organisation »Clean up the World« aufgebaut, mit der wir schon viele Jahre guten Kontakt pflegten. Mit unseren eigenen Clean-ups, bei denen wir Abfälle in entlegenen Buchten oder auf Bergen einsammeln, beteiligen wir uns an Ians Mission für eine saubere Welt. Wir teilen seiner Organisation auch immer mit, wie viel Abfall wir gerade wo eingesammelt haben. Bis jetzt sind es insgesamt über zwanzig Tonnen.
Am Morgen nach der ersten Nacht erreichte uns die erste Vorfront. Es gab ganz eigenartige Wolkenbilder, und es gewitterte etwa drei viertel Stunden lang. Wir hielten weiter Kurs Richtung Südwesten. Das Wetter blieb unfreundlich.
Am Abend war Ians Boot plötzlich nicht mehr vor uns zu sehen. Später erfuhr ich über Funk, dass er aufgegeben hatte.
Ich wusste nun also, dass der so erfahrene Skipper, der schon mehrmals an diesem Rennen teilgenommen hatte, umgekehrt war. Und wir hatten nur noch ein Hand-GPS; dazu das Problem mit dem Großsegel, das nicht voll eingesetzt werden konnte. Irgendwo vom Rumpf her erklang ein eigenartiges Rumoren, und wegen der Gewitter konnte ich die Wetterberichte über Funk nicht mehr richtig hören, vernahm aber ein Mayday, einen Notruf, und kurze Zeit später, dass eine Jacht vor uns gesunken war, die Mannschaft aber von einer anderen Jacht gerettet werden konnte. Das war also die Situation kurz vor der gefährlichen Bass-Meeresstraße. Es war klar: Bevor wir diese Schlüsselstelle überquerten, mussten wir wissen, wie sich das Wetter entwickelte. Darum entschied ich, den nächsten sicheren Hafen anzusteuern. Das war Eden.
Kurz vor Mitternacht des zweiten Tages liefen wir im Hafen Eden ein. Die Leute vom Jachtklub begrüßten uns freundlich und halfen, wo sie nur konnten. Ich durfte zum Leuchtturm hoch und holte mir vom Leuchtturmwart Satellitenbilder sowie Wetterdaten aus dem Internet. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Daten auf einmal analysiert.
Die Situation war folgende: Drei Schlechtwetterfronten kamen auf uns zu, jede im Abstand von rund zwei Tagen. Das hieß, in den nächsten fünf Tagen würden wir einer Front nach der anderen begegnen. Der Wind würde von vorne kommen und immer stärker werden. In solch einer Situation ist für uns normalerweise der Fall klar: Wir warten, bis der Sturm vorüber ist, und gehen in der Zwischenzeit Schulen besuchen, machen Clean-ups. Eine unserer wichtigsten Botschaften ist ja, dass wir Menschen wieder lernen müssen, die Natur zu respektieren. Wir sollten also nicht gegen Stürme ankämpfen, nur um uns oder anderen etwas zu beweisen.
Nun aber war es eine ganz neue Situation: Wir befanden uns in einem international beachteten Rennen. Wir spürten einen gewissen Druck von außen, erzeugt durch die vielen Medienberichte. Viele Leute in Australien, aber auch in der Schweiz verfolgten den Fortgang des Rennens. Und der Generalkonsul von Sydney hatte schon eine Party in Hobart organisiert, wo man unsere Ankunft feiern wollte.
Ich entschied deshalb, das zu tun, was ich in solchen Situationen auch in den Bergen mache: bis an den Punkt gehen, wo man noch umkehren kann. Schließlich gab es auch einen Grund zur Hoffnung. In einer der Wetteranalysen zeigte sich die Möglichkeit, dass der Wind von Nordwest nicht so schnell über West nach Südwest drehen könnte, sondern länger auf West bleiben würde – so würden wir den Wind nicht frontal abbekommen, sondern von der Seite, und das dürfte uns gerade noch rechtzeitig in den Schutz von Flinders Island bringen.
Am Morgen des 28. Dezembers fuhren wir von Eden los. Am Anfang ging alles noch recht gut. Doch dann kam der Wind wieder frontal auf uns zu. Und so mussten wir wieder aufkreuzen. Der Wind und die Strömung wurden so stark, dass wir keinen Boden Richtung Hobart gutmachen konnten. Wir fuhren nur hin und her, von West nach Ost und von Ost nach West, aber keinen Zentimeter Richtung Süden. Wenn du nur eine Front durchstehen musst, dann beißt du dich da halt durch. Wenn dahinter aber gleich zwei weitere kommen, von denen jede noch stärker ist als die vorangegangene, baut sich das Meer immer mehr auf, und dann wird es gefährlich. Ich entschied darum, nach Eden zurückzukehren.
Nur kurze Zeit später tobte das Unwetter. Wir waren ein gutes Stück von Eden entfernt, aber zum Glück auf Vorwindkurs, als das erste Reff unter der Wucht von 65 Knoten riss; das sind über hundert Stundenkilometer. Wir mussten uns entscheiden, ob wir fünf, vielleicht auch sechs Tage warten wollten, bis der Sturm vorüber war, um dann nach Hobart zu segeln. Ein längerer Stopp in Eden, bis sich die Situation besserte, kam allerdings nicht in Frage, da ein Crewmitglied, aber auch unsere Babysitter zurück zur Arbeit mussten.
Da Eden bei Südweststurm nicht optimal anzulaufen ist, beschlossen wir zunächst, auf dem offenen Meer auszuharren und die Fronten abzuwettern. Doch schließlich gaben wir auch das auf und entschieden uns, den gewaltigen Rückenwind für die Fahrt zurück nach Sydney zu nutzen.
Mit der zweiten Front im Rücken kamen wir ziemlich schnell vorwärts. Und so erreichten wir am Nachmittag des 31. Dezembers die Bucht von Sydney, gerade rechtzeitig fürs große Feuerwerk.
Sabine: Wir kamen sehr müde wieder in Sydney an. Alle winkten uns zu, selbst die Hafenpolizei. In der Bucht waren schon alle Schiffe bereit, um das Feuerwerk zu sehen. Das ist immer ein riesiges Spektakel. Wir fanden einen Superplatz, direkt vor dem Opernhaus.
Dann kamen die Kinder! Wie sehr wir uns alle freuten. Die fünftägige Trennung von Salina und Andri war für mich eine der härtesten Prüfungen der vergangenen sieben Jahre gewesen. Immerhin konnte ich so lernen, wie man loslässt.
Es war schön, dass alles so gut ging. Und ich erhielt die Bestätigung, dass unsere Kinder pflegeleicht sind. Salina und Andri halten extrem zusammen und schauen gut zueinander; das hat sicher damit zu tun, dass ihr Altersunterschied minim ist, zudem verbringen sie die Tage fast permanent miteinander. Und schließlich reisen wir immer wieder an neue Orte. Auch das schweißt zusammen.
Der Silvester in Sydney war ein großartiges Schlussbouquet für unsere Crew. Die Tage, die wir alle den Naturgewalten ausgesetzt waren, hatten uns zu einer großen Familie zusammenwachsen lassen. Wenn ich ehrlich bin, blieb dennoch eine leichte Enttäuschung zurück, dass wir das Rennen hatten abbrechen müssen. Hätten wir schneller segeln können? Hätten wir einen Spinnaker besorgen müssen? Fragen wie diese beschäftigten uns.
Am 2. Januar besuchten wir mit den Kindern einen Vergnügungspark. Das war sozusagen unser verspätetes Weihnachtsgeschenk. Wir verbrachten auch sonst viel Zeit mit ihnen, waren wir doch in den vergangenen zwei Monaten zu sehr vom Rennen besetzt gewesen.
Es war aber auch wieder an der Zeit, zu planen, wie es weitergehen sollte. Matteo war bereit, mit uns nach Neuseeland zu segeln. Ich war sehr froh darüber; vor allem auch, weil die Seglerei dorthin nicht einfach ist und ich wegen der Schwangerschaft nicht zu hundert Prozent einsatzfähig war.
Dann mussten wir Abschied nehmen von unseren australischen Freunden. Zum zweiten Mal, es war ja nicht geplant gewesen, nach Sydney zurückzukehren.
Den ersten Abschied hatte ich sehr früh organisiert, weil ich Angst gehabt hatte, wegen der Vorbereitungen für das Rennen keine Zeit dafür zu finden. Nicht Auf Wiedersehen zu sagen – das ist für mich das Schlimmste. Es fühlt sich so an, als ob ich davonlaufen würde, es wäre einfach nicht ehrlich.
Mich zu verabschieden, tut mir zwar jedes Mal unheimlich weh, doch es muss sein, ich muss da hindurch. Ich kann sonst das Weggehen nicht verarbeiten. Wer weiß schon, ob wir jemals wieder an einen Ort zurückkehren? Er vermittelt immer etwas Endgültiges, so ein Abschied.
Und weil ich selber so große Mühe damit habe, mache ich mir auch Sorgen wegen der Kinder, weil auch sie sich immer wieder verabschieden müssen. Es ist klar, dass sie meine Abneigung in einem gewissen Maße übernehmen. In Australien war es jedenfalls das erste Mal, dass auch Salina heftig weinte, weil sie ihre Freundinnen zurücklassen musste.
Dario: Das Wetter ließ es nicht zu, nach Neuseeland zu segeln. Also fuhren wir Richtung Norden. Während der Fahrt nahm das Rumoren im Rumpf, das seit der Bass-Meeresstraße von der Steuerung her zu hören war, immer stärker zu. Und dann fiel plötzlich das Ruder aus.
Schon wieder das Ruder! Seit der Kollision mit einem Container vor der chilenischen Küste hatte es uns nur Sorgen bereitet. Es war schon fast zu einem Trauma geworden, und erst vor kurzem war es uns gelungen, die Probleme in den Griff zu bekommen.
Zum Glück hatten wir noch eine Notbuchse. Dank dieser konnten wir doch noch steuern. Wir waren volle fünfzehn Stunden lang so unterwegs, bis wir in Southport an der Gold Coast ankamen. Wir tauchten und sahen, dass das Ruder gebrochen war. Ein großer Fisch, ein Hai möglicherweise, musste damit kollidiert sein.
Ich rief Bill an, der im Rennen mit uns mitgesegelt war und hier einen Bootsplatz hatte. Er vermittelte mich an einen Ingenieur, der mir schließlich riet, die Gold Coast City Marina anzurufen. »No worries!«, hieß es dort. »Kommt einfach, wir helfen euch.« Sie hatten uns wohl auch im TV gesehen.
Wir hatten nochmals eine Fahrt von zweieinhalb Stunden den Fluss hinauf zurückzulegen. Mit Ach und Krach kamen wir in der Marina an. Der Manager sagte, dass er uns einen Gratisplatz besorge. Er verlangte nicht einmal Geld dafür, dass man die »Pachamama« aus dem Wasser zog. Der Ingenieur kam und schaute sich den Schaden an. Es dauerte drei Wochen, bis wir das Ruder geflickt hatten. Nur dank der beherzten Hilfe von verschiedenen Menschen schafften wir es überhaupt, die »Pachamama« wieder steuerbar zu machen.
Das defekte Ruder nahm mir die letzten Zweifel. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte in mir der Gedanke genagt, das Rennen möglicherweise zu früh aufgegeben zu haben. Als ich den Schaden sah, wusste ich, dass wir damals richtig entschieden hatten. Mit einem angebrochenen Ruder im Sturm in der Bass-Meeresstraße – da wären wir mit Sicherheit verloren gewesen.
Diese Episode machte mir bewusst, dass ich zwar Steuer geben muss. Wo die Reise aber wirklich hingeht, darüber habe ich im Grunde keine Kontrolle. Das Einzige, was ein Mensch tun kann, ist, sein Bestes zu geben und Gottvertrauen zu haben. Das haben mich die Erlebnisse der vergangenen sieben Jahre gelehrt.
Sabine und Dario kennen kaum Geheimnisse. Die beiden lassen die Menschen, denen sie begegnen, an ihrem Leben teilhaben, als säße man schon lange mit ihnen im selben Boot. Und so war ich, damals bei unserem Treffen in der Schweiz, sofort mittendrin in ihrer Welt, hin- und hergerissen vom Wellengang der täglichen Überraschungen. Einen kleinen Sturm hatte gerade das Steueramt verursacht, das die Aktivitäten des Vereins TOPtoTOP, in dessen Auftrag die Familie Schwörer auf den sieben Weltmeeren unterwegs ist, plötzlich neu bewertet haben wollte. Dario und die Mitglieder des Vorstands mussten sich diesem Hindernis stellen, um nicht plötzlich mit schmerzhaften Zahlungsforderungen konfrontiert zu werden. Die Tage vor dem vereinbarten Treffen mit dem Steuerbeamten war Dario nicht ansprechbar. Solche Konfrontationen fürchtet einer, den sonst nichts schreckt.
Also begann Sabine zu erzählen. Wir zogen uns dafür in den »Adlerhorst« zurück, ins Dachzimmer im Wohnhaus ihrer Eltern. Auf einem drei Meter langen Stück Packpapier war die Welt eingezeichnet und die zurückgelegte Strecke. Während der folgenden Tage reisten wir mit dem Zeigefinger diesem Strich entlang.
Sabine wusste eine Menge Anekdoten und Geschichten zu erzählen. Vieles davon hat sie in ihrem Tagebuch festgehalten, das sie auch immer wieder zur Hand nahm. Das Tagebuch ist eine wichtige Stütze für sie. Nicht allein für die Erinnerung, sondern mehr noch, um die zahllosen Erlebnisse verarbeiten zu können. Das Tagebuch ist ihr treuer Freund oder eher wohl die treue Freundin, die immer da ist, die Sabine ihr Ohr leiht, dann, wenn Sabine ihre Freundinnen und Freunde, ihre Eltern und Brüder dringend bräuchte, sie aber nicht erreichen kann, weil sie sich wie sooft auf ihrer Reise in einer anderen Zeitzone aufhält.
Sabine ist zweifellos eine starke Frau, eine Abenteuerreise wie diese durchzustehen, wäre sonst nicht möglich. Sie ist eine mutige Seglerin, die selbst im größten Sturm cool bleibt – abgesehen von den ersten drei Tagen einer Passage, während derer sie jeweils an Seekrankheit leidet. Sie ist eine zähe Velofahrerin, der keine Straße zu lang ist. Und sie vermag, stets mit großem Respekt, die höchsten Gipfel dieser Welt zu erklimmen. Daneben kümmert sie sich intensiv um ihre Kinder, die stets in ihrer Nähe sind, und managt viele Belange der Expedition. Kurz, Sabine verfügt über eine Fähigkeit, die vielen Frauen gemein ist: Sie kann problemlos auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzen, beherrscht das sogenannte Multitasking. Und zwar bravourös.
Zu den eindrücklichsten Qualitäten dieser Frau gehört indes ihr großes Herz. Sabine ist am glücklichsten, wenn sie anderen Menschen helfen kann. So gesehen ist die Expedition eine besondere Chance für sie, gibt sie ihr doch unzählige Möglichkeiten, diesem Bedürfnis nachzuleben. Zugleich stößt sie dabei aber auch immer wieder an ihre Grenzen. Wer kann schon immer geben? Dieser Konflikt zwischen bedingungslosem Altruismus und der Notwendigkeit, sich dem eigenen Energie- und Gefühlshaushalt zuzuwenden, sich also abzugrenzen, brachte Sabine auf ihrer Reise immer wieder an den Rand der Belastbarkeit. Es mag zu ihren persönlichen Herausforderungen gehören, dass sie mit diesem Konflikt umzugehen lernt.
Eines der Geschenke von Sabine an die Lesenden dieses Buches ist, dass sie alle an solchen inneren Prozessen, an den Widersprüchen und Zweifeln teilhaben lässt. Auch hier gibt sie. Es ist ein Preisgeben, das ihr auch deshalb leichtfällt, weil sie so offen, so unverschämt ehrlich ist und sich selber nicht allzu wichtig nimmt. Sabine ist zudem ausgesprochen empathisch, vermag sich wie nur wenige in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen. Das hat sie ganz gewiss vom Elternhaus mit auf die Reise bekommen, wo die Ideale der christlichen Nächstenliebe nicht bloß thematisiert, sondern real und täglich gelebt werden. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Sabines Eltern nehmen immer wieder schwer kranke Menschen in ihrem Haus auf, um ihnen Leid zu nehmen und Nestwärme zu geben. Und an den Wochenenden backen sie Butterzöpfe, die sie Notleidenden, Freunden, Bekannten und auch unbekannten Menschen vor die Haustür legen.
Es war eine schöne, eine gute, eine heile Welt, in der Sabine aufwuchs. Dass die Welt sich auch anders präsentieren kann, wurde ihr erst mit siebzehn richtig bewusst: Es war eines Nachts während ihres Sprachaufenthaltes in Birmingham, England. Sie betrat um 23 Uhr die Notfallstation eines Spitals, wo sie einen Kollegen vermutete, der von einheimischen Jugendlichen brutal zusammengeschlagen worden war. Sie fand den Gesuchten zwar nicht, sah dafür aber viele andere Verletzte mit abgetrennten Fingern, Schnittwunden – und Blut, wohin sie auch schaute. Es war ein ganz normaler Abend, an dem sich einige Männer während des Pub-Besuchs an die Gurgel gegangen waren. Dieses Erlebnis rüttelte die junge Frau schmerzhaft aus ihrem so friedfertigen Traum vom Leben wach. Zugleich aber hielt Sabine die Sehnsucht nach einer heilen Welt tief in ihrem Herzen lebendig. Und es kommt immer wieder vor, dass sie unliebsame, unpassende Dinge einfach nicht wahrhaben will.
Während ich oben im »Adlerhorst« daran war, mit Sabine den Pazifik zu überqueren, schloss Dario mit dem Steuerbeamten Frieden. Vor dem Treffen war dieser noch überzeugt gewesen, dass er es mit einer Familie zu tun hatte, die einen eleganten Weg gefunden hatte, sich eine Weltreise zu finanzieren. Nachdem er nun dank Darios Powerpoint-Präsentation einen umfassenden Einblick in den Expeditionsalltag erhalten hatte, wurde er vom vermeintlichen Gegner zum großen Bewunderer der Expedition.
Nun hatte Dario den Kopf wieder frei, um aus seiner Sicht zu erzählen, was sich in den vergangenen sieben Jahren ereignet hat. Dies in einem abgeschlossenen Raum zu tun, ist aber seine Sache nicht. Dario braucht Bewegung, frische Luft und Höhenmeter. Also machten wir uns auf eine Wanderung zu den Hügeln und Bergen der näheren Umgebung. Am ersten Tag waren wir neun Stunden unterwegs, machten zwei kurze Pausen von zehn Minuten. Während der ganzen Zeit trug Dario das Aufnahmegerät vor seinem Mund und erzählte. Nonstop. Keine Steigung brachte ihn außer Atem. Am nächsten Morgen waren meine Muskeln übersäuert, doch die Wanderung ging weiter. Immer weiter. Bis wir einige Tage später in Australien angekommen waren.
Eindrücklich für mich war, wie klar und präzis sich Dario aller Einzelheiten der Reise erinnerte. Als einmal das Tonband ausstieg und er wiederholen musste, was er die vergangenen zehn Minuten erzählt hatte, ging er mühelos alles nochmals durch, Punkt für Punkt, verwendete sogar fast exakt die gleichen Formulierungen.
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