Gabriele Diechler
Glutnester
Kriminalroman
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2011–Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2011
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
Korrekturen: Doreen Fröhlich, René Stein
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von tschanga / photocase.com
ISBN 978-3-8392-3608-6
Zu Elsas Füßen ruht ein stiller See aus brauner, zäher Brühe. Widerstrebend tritt sie näher. Der Gestank frisst sich durch Finger und Kleidung. Dringt ungefiltert in die Poren ihres Körpers. Ein Gewässer ohne Fische, denkt Elsa. Stattdessen eine Leiche als schwimmender Inhalt.
Der Verwesungsprozess eines Menschen findet in einer Jauchegrube seinen Anfang.
Fehler schleichen sich in die Tage, wenn wir uns – rein urteilsgesteuert – einen Weg durch die Wirrnisse des Lebens bahnen.
Erst weil wir alles in Passform zwingen, verkommen die Stunden zu unüberwindbaren Barrieren.
Das Leben ist keine Hypothese. Es ist das Schloss, in dem wir der Schlüssel sind. Verharre ruhig. Hab Vertrauen. Das Schicksal führt die Drehung aus. Denn immer, wenn eine gewaltsame Umdrehung erfolgt, wird der Fluss des Lebens gestört. Dann stockt uns der Atem und das, was vom Leben übrig bleibt, wird stranguliert.
Alles findet seinen Anfang, als Elsa die Scheidungspapiere in Händen hält. Ein neuer Fall rollt sich vor ihr auf. Ein Mord, der sich erst auf den zweiten Blick als solcher entpuppt und der sie an nie geahnte Auswüchse verkannter Liebe heranführt.
Elsa tritt aus dem Gerichtsgebäude und lässt den Blick ziellos umherschweifen. Auf die graubraunen Fassaden der Häuser, die schwarzsilberne Einheitsfläche fahrender, stockender und hektisch einparkender Autos, schließlich nach oben, wo seichte gelb gefärbte Wolken am babyblauen Himmel ruhen. Ein welker, unbeweglicher Himmel, der der Hast der Stadt zu trotzen scheint. Dazu eine Brise bärbeißigen Geruchs nach etwas Undefinierbarem. Der Geruch sucht zwischen den Straßen und in Elsas Nase nach einem Zuhause. Elsa niest, schüttelt den Kopf und murmelt dann: »Das Leben beginnt an beliebiger Stelle« vor sich hin. Ihr Statement des Tages. Sie hat diesen Satz irgendwann einmal aufgeschnappt. Kaum verstanden, aber immerhin behalten. Man behält, woran man sich noch die Zähne ausbeißt, weiß Elsa. Der Satz, dass das Leben nicht an besonderer, sondern an irgendeiner Stelle anfängt, tröstet. Zumindest einen kurzen Moment lang. Heute, am Tag ihrer Scheidung, versteht sie plötzlich, was er bedeutet. Ihr bisheriges Leben lang hat Elsa dieses als eine Abfolge einzelner Begebenheiten, die letztendlich in ein Ganzes münden, betrachtet. Eine Wegstrecke, die irgendwann beginnt, andauert und einmal endet. Doch wenn es so ist, dass das Leben an beliebiger Stelle beginnt, kann es nur so gemeint sein, dass immer nur der jeweilige Moment das Leben ist. Das einzige Leben, das man hat. Also ist Leben nicht die lange Wegstrecke, das große Insgesamt, sondern ein flüchtiger Moment. Und mit einem Moment, der frei von der Schwere des Gestern und der Unwägbarkeit des Morgen ist – denn sonst wäre es ja kein Moment mehr! – wird wohl klarzukommen sein, durchzuckt es Elsa. Kaum zu Ende gedacht, sonnt sie sich in ihrer neuen Leichtigkeit. Jubelt innerlich und saugt die Luft ein, die wie Sekt schmeckt. Bis ihr ein weiterer Gedanke einen Strich durch die Rechnung macht.
Ihre beruflichen Erfolge, das passable Verhältnis zu Anna, ihrer pubertierenden Tochter, alles, worauf sie stolz ist, kann ihr mit einem Mal gestohlen bleiben. Nichts täuscht über das Zugeständnis hinweg, das sie diesem Augenblick entgegenbringt. Dem des Scheiterns. Geschieden! Endgültig einen Schlussstrich unter ein privates Dilemma gezogen. Eine Geschichte, die damit endet, dass ein Mann, der mit zwei Frauen rummachte, einer überlassen wird. »Du bist diejenige, die übrig bleibt«, murmelt Elsa, als müsse sie es sich erst wieder in Erinnerung rufen. Dabei ist diese Tatsache alles, was sie zurzeit weiß. Dass sie übrig bleibt.
Die erfolgreiche Kriminalpsychologin mit einer in Rekordzeit absolvierten Zusatzausbildung in Grafologie, die Köln fluchtartig verließ, um in Oberbayern, in der Einöde, neu zu starten, bleibt allein zurück. Elsa schüttelt den Kopf, hebt das rechte Bein, zögert und belässt es für einen Moment in der Luft. So steht sie da wie eine Schauspielerin, die auf die nächste Anweisung des Regisseurs wartet.
Hartmut ist von hinten auf sie zugekommen. Drängt sich, an einem Einsneunzig-Riesen vorbei, neben sie. Er schmiegt seine Hände in ihre Hüften. Ihr Bein tänzelt, aus ihren Augenwinkeln heraus betrachtet, durch ein weiter hinten wahrgenommenes Auto in Rot. Durchschneidet es und widmet sich zu guter Letzt einem anderen Bild. Der Schrittfolge eines älteren Mannes, der an ihnen vorbeispaziert und den ihr Bein stört. Erst danach, nach diesen Aktivitäten, kommt Elsas ungestümes Bein auf dem Asphalt zum Stehen. Sie positioniert sich. Atmet laut aus.
»Zufrieden?«, raunt ihr Hartmut mit spitzem Unterton ins Ohr. Es klingt wie ein Verhör. Nicht wie eine Frage. Er hat sie zu sich umgedreht und schaut sie durchdringend an. Seine Augen huschen auf und ab. Ringen um Halt in ihrem Gesicht. Vergebens.
»Und du!«, schießt Elsa zurück. Ihre Lippen verweigern selbst ein kühles Lächeln. Da ist nichts, was sich weich anfühlt. Alles rau und grob in ihr drin.
»Von mir kam kein Impuls zur Scheidung!«, versucht Hartmut einzulenken. Als ginge das noch. Einlenken. Jetzt. Wo längst alle Nebenstraßen des Lebens gesperrt sind.
»Als Richter weiß man schließlich, wie schmerzhaft so was ist. Das wollte ich uns ersparen. Dir, Anna, und mir natürlich auch.«
»Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Bevor du zwei Frauen flachlegst. Am selben Tag. Wohlgemerkt!« Elsa merkt, wie sich die Tatsache seines Seitensprungs plötzlich verwischt. Fast so, als kapsle sich der Schmerz ab, damit sich eine rigide Lust dazugesellen kann. Auskosten ist das Wort, das Elsa mit dem Moment verbindet. Seltsamerweise und ganz unvermittelt. Jetzt, nachdem sie das Ärgste überstanden hat, geht das. Hartmuts Affäre fällt in einen tiefen Brunnen. Ein schwarzes Loch der Vergangenheit. Elsa steht davor, starrt hinunter und grinst. Dieses Bild und dieser Umstand ringen ihr doch noch ein hastiges Lächeln ab. Kein echtes, tiefes, freudiges, aber zumindest ein schadenfrohes, erleichtertes.
»Lass mal, Hartmut. Es ist, wie’s ist. Wir beide gehören geschieden. Das haben wir uns redlich verdient.«
»Blödsinn! Wir hätten die Kurve gekriegt. Wenn du nicht so verbohrt gewesen wärst und uns eine zweite Chance abgesprochen hättest.« Er schaut sie mit einem Mal traurig an. Ernsthaft und ehrlich traurig. Sein Gesicht kommt näher, verschwimmt vor ihren Augen. Sie sieht die beigefarbenen Poren seiner Haut übergroß. Spürt seinen immer noch vertrauten Atem. Obwohl er nach einem anderen Parfüm riecht. Das hat sie ihm gekauft. Die Neue. Um alles Vergangene endgültig auszumerzen. Seine Seife ist immerhin gleich geblieben. Als feinen Hauch wahrnehmbar, erschnuppert Elsa außerdem die eine oder andere Zigarette zwischendurch, die er wohl auf dem Gang, hinter sich die geschlossene Tür seines Büros, raucht, obwohl das nicht gern gesehen wird. Dann fühlt sie, ohne Ankündigung oder Vorahnung, die Kälte seiner Lippen auf ihrem Fleisch. Ein verunglückter Kuss. Wie so viele zuvor auch. Entweder zum falschen Zeitpunkt oder in falscher Art und Weise, oder aber, als Höhepunkt, der falschen Frau aufgedrückt. So war es oft, wenn Hartmut küsste. Dieser hier ist lediglich ein neuer in einer Reihe unzähliger verunglückter Küsse. Der erste und einzige, den er ihr als ihr geschiedener Mann gibt. Elsa bringt ihre Hände in Position und schiebt Hartmut energisch weg.
»Keine gute Idee!«, meint sie. Dann fährt sie sich mit der rechten Hand über die Lippen. Als müsse sie seinen Speichel wegwischen. Infiziertes Nass.
»Liebe hört doch mit einer Unterschrift auf einem Stück Papier nicht auf«, wehrt Hartmut sich. Er schaut sie groß an. Wie ein Junge, der unbedingt im Frühjahr schon wissen will, was es zu Weihnachten gibt. Irgendwo in sich drin glaubt er, damit durchzukommen. Unfassbar, denkt Elsa.
»Meine schon!« Elsa hebt die Hand, formt sie plötzlich zu einem Gefäß und legt sie Hartmut, nie und nimmer geplant, auf die Wange. Sie fühlt die Kälte unter seinen Augen. Rechts und links des Mundes. Kälte, die sich von innen nach außen vorpirscht. Vorwitzige, dumme, innere Kälte. Seelenkälte.
»Pass auf dich auf«, entkommt es ihr. Ein Satz wie auf einer Medikamentenschachtel. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker oder Ihre Ex-Frau und passen Sie auf sich auf.
»Elsa?«, krächzt Hartmut mit letzter Kraft. »Elsa! Ich … ich glaub, ich … lieb dich noch immer oder schon wieder, oder …«
»Pssst! Schweig!« Sie spürt, wie ihr eine Träne in den Augenwinkeln sitzt. Sie drückt sie weg. Mit aller Gewalt. Tränen haben heute keine Genehmigung von ihr erhalten. Und als sie sie erfolgreich hinuntergeschluckt hat, fühlt sie, dass sie nicht nur frustriert, sondern auch erleichtert ist. Irgendwo in ihr drin. In einer ihrer seelischen Nischen. »Gönn uns wenigstens einen guten Abschied«, flüstert sie. Dann nimmt sie ihre Hand aus Hartmuts Gesicht, dreht sich um und geht davon.
Elsa steht am Rheinufer und schaut dem Kahn hinterher, der sich durch das dichte Grau des Wassers pflügt. Einem Ziel entgegen, das sie nicht kennt. Sie hat in Bayern ein neues Zuhause gefunden. Ein Ziel allerdings noch nicht. Worauf soll sie ihr Leben auch abzielen, außer darauf, möglichst viele Kriminalfälle aufzuklären und mit Anna gut durch die Zeit der Pubertät zu kommen? Ein neuer Mann? Ben Fürnkreis etwa? Der wesentlich jüngere Kollege vom Kommissariat 3 für Spurensicherung und Tatortarbeit. Soll sie etwas mit ihm anfangen? Soll er das Fehlen warmer Hände auf ihrem Körper wiedergutmachen? Darauf hat sie sich längst mit Nein geantwortet. Elsa bückt sich, nimmt einen Stein auf, fährt mit der weichen, hellen Fläche ihr Handinneres ab und wirft ihn laut klatschend ins Wasser. Der Stein geht unter wie ihre Ehe zuvor im Saal des Gerichtsgebäudes. Elsa seufzt, dreht sich um und geht auf die Häuser, gar nicht weit entfernt, zu.
Ihre schlanke Silhouette spiegelt sich in der Auslage eines Geschäfts für exklusive Tischkultur wider. Sie überquert mit wenigen ausholenden Schritten den Platz, an dessen Ende sich die Imposanz des Doms auftut.
Über ihr zieht ein Flugzeug seine einsame Bahn am Himmel. Ein weicher, weißer Faden im himmlischen Blau des frühen Tages. Sie schaut auf die Scheidungsurkunde in ihrer Hand. Ein Stück Vergangenheit, das bisher bis in die Gegenwart reichte.
»Schluss! Aus! Vorbei!«, meint Elsa entschieden und zerreißt das Papier in lauter kleine Stücke. Wie köstliche Happen für die Tauben liegt die Schwere vergangener Jahre in ihrer Hand. Sie öffnet die Handinnenflächen, holt tief Luft und pustet die Papierfetzen energisch in den Tag hinaus.
Im Dom ist es kühl und friedlich. Elsa bekommt nichts mit von dem, was um sie herum passiert. Sie filtert lediglich die Geräuschkulisse sanfter Gebete heraus. Hört das Klacken dutzender Absätze auf dem Boden. Ein leises Absatzkonzert. Das Klicken zahlreicher Kameras gesellt sich dazu. Alles wirkt wie von Ferne an sie herangetragen.
Die prachtvollen bunten Fenster des Doms sind ganz nah. Sie tauchen sie in eine andere Wirklichkeit. Drücken ihre Seele tief hinein in die neue Frische der Erkenntnis und der Erlösung, die die Fenster jedem Einzelnen zu versprechen scheinen. Elsa geht sie ab. Eins nach dem anderen. Ihre Schritte scheinen zu schweben. Staunend und nach Luft ringend wegen der erhabenen Schönheit der Gläser, legt sie den Kopf in den Nacken. Die Augen pflügen nach oben, auf eins gerichtet. Das moderne Fenster Gerhard Richters kleidet diesen Moment, wie das schönste Kleid es am Körper einer Frau nicht besser könnte. Elsa haucht, plötzlich ungestüm, einen Kuss in die Luft. Danach einen in Richtung Altar. Ihre Mundwinkel spielen mit ihr. Ziehen sich hoch und hinunter. Sie lächelt leise, schreitet das Kirchenschiff ab und spürt, wie alles ihr von der Seele rutscht. Der ganze Ballast. Hartmut. Sein wiederholter Ehebruch. Die einsamen Tage. Aber vor allem die stillen Nächte ihres Neubeginns. Hier findet der Anfang ihrer Absolution statt. Sie ahnt endlich, was Hoffnung ist. In dieser Kirche ist sie zu Hause. Einige friedliche Herzschläge lang.
Bis es in ihrer Jacke brummt.
Elsa verwehrt sich einen letzten heilenden Blick auf ein weiteres Fenster in grandiosen Farben und eilt, an einer Gruppe Japaner vorbei, Richtung Ausgang. Draußen treffen sie eine fremde Wärme und eine Ladung Taubenkot. Ihre Nase versinkt unter übel aussehender Vogelscheiße, während sie flucht und gleichzeitig lacht.
Elsas Flüche, ihr Gelächter und die Suche nach einem Taschentuch wechseln sich ab. Sie findet nichts, womit sie sich säubern könnte, und greift schließlich nach einem benutzten Fetzen, den ihr ein Kind hinhält. Hinterhältig grinsend. Elsa wischt sich über den Nasenrücken und geht gleichzeitig an ihr Handy, während der Junge vor ihr das breiteste Grinsen der Welt übt.
»Wegener!«, presst sie hervor, während sie sich noch über die klebrige Haut wischt und das Taschentuch anschließend in einem der Abfalleimer entsorgt. Der Junge hat genug von ihr und ihrem Schauspiel und trollt sich.
»Was halten Sie davon, Ihren Golf mal wieder von innen zu begutachten und zurückzukommen?«, schlägt Karl Degenwald, ihr Kollege in Traunstein, vor. In einem Ton, als lade er sie zu einem Fest ein. Einem lange geplanten, das sie allerdings vergessen hat.
»Was steht an?«, fragt Elsa. Ahnend, dass Degenwalds Ton nur schöner Schein ist.
»Wir haben eine Tote. Genaueres wissen wir noch nicht.«
»Wer und wo?«, will Elsa wissen. Das Wesentliche hat sie noch nie auf die lange Bank geschoben. Dafür ist sie zu engagiert. Und zu neugierig.
»Luise Gasteiger, 72. War mit Roland Gasteiger, einem Landwirt, verheiratet. Luise ist in ihrem Schlafzimmer gefunden worden. In Kruchenhausen.«
»Ich komme!« Elsa schluckt, drückt die Aus-Taste und hastet Richtung Parkhaus davon.
»Wieso müssen wir Köln schon wieder fluchtartig verlassen? Ich hatte mit Philipp und den anderen noch ziemlich heiße Sachen vor!«, regt Anna sich auf. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz. Neben Elsa. Kaut auf ihrer Nagelhaut herum und zieht eine Schnute. Draußen ziehen verschiedenfarbige Strichhäuschen, putzig kleine Autos, Mini-Felder, Bäumchen, Fabriken und allerlei Sonstiges vorbei. Je schneller Elsa fährt, umso kleiner wird draußen alles.
»Degenwald hat mich zurückgepfiffen. Was macht Lars?«, fragt Elsa nach. Sehr darum bemüht, einen normalen Tonfall hinzukriegen und den Wechsel zu einem anderen Thema.
»War ’ne blöde Idee, ihn noch mal angrapschen zu wollen«, gesteht Anna, ungewöhnlich ehrlich.
»Du wolltest mit der Vergangenheit abschließen«, erinnert Elsa Anna an ihren Plan. »Das find ich schwer in Ordnung.«
»Vergangenheit ist was für Alte. Ich hab höchstens gelebtes Leben. Das ist mir inzwischen klar geworden«, entgegnet Anna, als riefe sie sich keine Sekunde von dem ins Gedächtnis, was sie mal vorhatte. Nämlich zu überprüfen, ob ihre erste Liebe, Lars, ihr noch Gefühle entlockt oder endgültig weg vom emotionalen Fenster ist.
»Dann bist du immerhin um eine Erkenntnis reicher«, freut Elsa sich. »Gelebtes Leben ist übrigens der Grund, weshalb ich zurück muss. Falsch gelebtes, um genau zu sein«, erklärt sie und schaut ihre Tochter, die kein Wort versteht, von der Seite an. Gut sieht Anna aus. Die dunklen Haare, die sie neuerdings kinnlang trägt, schmeicheln sich um ihr zartes Gesicht, das wild geschminkt ist. In einer Intensität, die nicht zu ihrer Jugend passt. Die neue Jeans und der figurbetonte Pullover mit kleinen, mit Strass besetzten Schweinchen drauf scheint etwas zu verdeutlichen, was Elsa schmerzlich verspürt, wenn sie Anna anschaut. Figurbetont. Rosa Schweinchen. Eine Mischung aus Frau und Kind. Kindfrau. Anna ist beides oder nichts von allem. Vor allem ist sie rebellisch. Mit kurzen Pausen der Einsicht, die schneller in Wort-Vulkane mutieren, als Elsa lieb ist.
Sie fährt sich instinktiv mit den Händen durchs eigene Haar. Ahnt, dass die Idee, die Haare wachsen zu lassen, lediglich ein Versuch ohne Plan dahinter ist. Vielleicht sollte sie morgen gleich zum Friseur gehen und kurzen Prozess machen?, grübelt sie.
»Der nächste Mord?«, mutmaßt Anna, presst die Lippen aufeinander, um den Lipgloss zu verteilen, den sie gerade aufgetragen hat, und schüttelt den Kopf dabei. Sie zerrt einen Kaugummi aus ihrer Jeans, reißt das silberne Papier ab und steckt ihn sich in den Mund. »Kaum zu glauben, dass bei uns Morde stattfinden. Im hintersten Winkel Bayerns. Das glaubt in Köln niemand.«
Elsa weiß, dass Anna das Kaugummipapier, zu einem kleinen Kügelchen zusammengedrückt, irgendwohin fallen lässt. Vermutlich auf die Fußmatte. Eine Methode, Abfall zu entsorgen, die sie ihr einfach nicht abgewöhnen kann und gegen die kein Argument etwas ausrichtet. Elsa seufzt, verwirft den Gedanken, sich zu ärgern, und spricht weiter.
»In dem Moment, wo zwei Menschen über einen längeren Zeitraum aufeinandertreffen, schätze ich die Wahrscheinlichkeit, dass früher oder später ein Gewaltverbrechen stattfindet, auf 50 Prozent.«
»Die Hälfte überlebt? Tatsächlich? Praktizierst du neuerdings positives Denken?« Anna boxt Elsa sanft in die Seite, hält ihr das Kaugummipapier-Kügelchen entgegen, lässt es mit kleiner Geste in den Ascher plumpsen und grinst dabei übers ganze jugendliche Gesicht.
Elsa parkt ihren Wagen gleich um die Ecke von Degenwalds Haus. Die wenigen Male, die sie ihren Kollegen vom Kommissariat 1, das sich um Tötungs- und Sexualdelikte kümmert sowie Brandsachen bearbeitet, zu Hause besucht hat, hat sie es sich, weshalb auch immer, zur Angewohnheit gemacht, nicht vor seinem Wohnhaus zu parken. Obwohl es gegenüber davon genügend Haltemöglichkeiten gibt. Vielleicht will sie im Gedanken aussteigen, keinesfalls vom Fenster aus beobachtet zu werden. In Ruhe in den Mantel schlüpfen. Sich ein letztes Mal die Haare richten. Und die Augenbrauen mit den Fingerkuppen glatt streichen. Darauf scheint es ihr anzukommen. Erst danach mag sie ihm unter die Augen treten. Blöde Angewohnheit!, murrt Elsa innerlich, als ihr aufgeht, wie idiotisch sie sich verhält. Kaum zu Ende gedacht, schimpft sie weiter, eben weil sie sich ausschimpft. »Idiotisch, dass ich immer an mir rummäkeln muss!«, setzt sie ihr zuvor stummes Schimpfen laut fort. Eine Frau bleibt immer eine Frau. Eine geschiedene besonders!, hört sie Degenwald referieren und ist bereits, bevor sie ihm gegenübersteht und obwohl er nichts getan oder gesagt hat – höchstens ausgedacht in ihrem Gehirn –, gegen ihn eingenommen. Die Angst vor der Angst.
Degenwald drückt ihr ein gut gekühltes Glas Weißwein in die Hand. Dabei streift seine Hand flüchtig über die Haut ihres Daumens. Mehr ein Berührungsblitz als eine tatsächliche, ungeplante warme Betastung zweier Hände. Elsa zuckt zusammen und steckt das kurze Gefühl des Behagens weg. »Ein leichter, süffiger Wein, den ich erst unlängst in einer Vinothek in Prien entdeckt hab. Ein guter Tropfen für den Feierabend!«, verspricht er und grinst dabei frei heraus. Ohne Hinterhalt, denkt Elsa und ertappt sich dabei, dass gerade das sie beunruhigt.
Wenn er, wie anfangs, als sie nach Bayern kam und sich nicht gerade von ihrer besten Seite gezeigt hat, gegen sie vorgeht, in seiner ruhigen, aber durchaus ergiebigen Art, fühlt sie sich am wohlsten. Dann hat sie die Gewissheit, dass ihr nichts in seiner Gegenwart zustoßen kann. Alles fein säuberlich getrennt. Sie hier. Er dort. Und dazwischen der sichere Abstand passender Worte, die es immer schaffen, den anderen auf Distanz zu halten. Aber so, im Schein der Wohnzimmerlampe, fast freundschaftlich zusammenstehend, erscheint er ihr in zweifelhaftem Licht. Degenwald deutet auf die Sitzlandschaft, lässt sich selbst launig in die Tiefe der Kissen gleiten und beginnt zu sprechen. »Was möchten Sie wissen?«
Elsa setzt sich zaghaft auf die Kante. Eine körperliche Vorwegnahme des Satzes, dass sie nur auf einen kurzen Sprung vorbeigekommen ist und gleich wieder weg muss. »Hätten Sie ein paar Informationen, unsere Tote betreffend? Vermutlich waren Sie heute ziemlich beschäftigt, um was zwischen die Finger zu kriegen.«
Degenwald nimmt einen Schluck Wein, lässt ihn genießerisch auf der Zunge ruhen und schluckt ihn dann sanft hinunter. Seine Augen schließen sich einen Spalt weit, dann öffnet er sie erneut, diesmal weiter als zuvor. Er blickt sie an. So, als sehe er sie zum ersten Mal. »Rosenlippen. Wunderschön!«, sagt er plötzlich. Kaum ausgesprochen, verwandelt sich sein Feierabendgrinsen in etwas Undefinierbares. Er wird todernst. »Entschuldigen Sie. Ich hoffe, ich habe nicht …«
»Nein, nein!«, platzt Elsa heraus. »Kein Problem. Machen Sie mir nur die Freude. Am Tag nach einer Scheidung kann ich jedes Kompliment gebrauchen.«
»Sie meinen, auch eins von mir?«
Elsa merkt sofort, dass Degenwald pikiert vor ihren Worten und der Energie, mit der sie sie ausgesprochen hat, zurückschreckt. Seit ihrer Trennung von Hartmut schafft sie es mit traumwandlerischer Sicherheit, jedes männliche Wesen in ihrer Umgebung abzuschrecken. So, als hätte derjenige, der ihr etwas Nettes sagt, automatisch eine Straftat begangen. Geschieht das ungewollt? Gewollt? Oder nur ungeschickterweise?
Insgeheim weiß Elsa längst, dass auch hier die Angst der Übeltäter ist. Angst davor, Gefühle zuzulassen. Sie abtreiben zu sehen. In eine Richtung, die sie nicht eingeplant hat. Angst vor seelischer Unausgewogenheit und erneutem Verlust. Beziehungsangst.
Verdammt!, schimpft sie erneut, nimmt einen großen Schluck Wein, einen ganzen Sturzbach, und stellt das Glas laut zurück auf den Tisch.
»Vor mir müssen Sie nicht zurückschrecken«, sagt Degenwald tatsächlich. Leise, fast flüsternd, aber mit einem warmen Glanz im Gesicht, der jedes Wort zu einer Kostbarkeit macht. Du bist nicht auf dem Prüfstand, Elsa. Du leidest lediglich an einem Übermaß an Verwundbarkeit!, summt es in ihrem Kopf.
In der Küche geht alles leichter. Degenwald schmiert Käsebrote, schneidet Gurken in dünne Streifen, salzt und pfeffert sie und gibt schwarze, mit Chili gefüllte Oliven in eine Schüssel.
»Der Fall erinnert an einen ähnlichen, vor etwa zwei Jahren. Ist also nicht die erste Tote in der Gegend, die gestorben ist, ohne dass wir wüssten, was es damit auf sich hat. Aber die erste, die mir echte Sorgen bereitet.«
»Weshalb?«, hakt Elsa nach.
»Weil die Ehe zwischen Luise und Roland Gasteiger immer wieder Anlass zu Spekulationen gab. Es gab Streitereien, die über das übliche Maß hinausgingen. Einmal hat sie sogar die Polizei gerufen. Angeblich wäre er handgreiflich geworden. Am nächsten Tag hat sie alles widerrufen. Sie habe wohl übertrieben und sich in ihre eigene Geschichte hineingesteigert. Seltsam, oder? Wir müssen uns die Hintergründe genau anschauen. Wer weiß, was da zutage kommt.«
Elsa stimmt zu, indem sie nickt. Außerdem stibitzt sie eine Olive, steckt sie sich in den Mund und verzieht augenblicklich das Gesicht.
»Vorsicht, scharf!«, warnt Degenwald zu spät. Elsa dreht hastig den Hahn auf und lässt Wasser in ein Glas laufen. Sie ist puterrot im Gesicht. Degenwald greift nach ihrem Glas, bringt es außer Reichweite in Sicherheit und hält ihr stattdessen ein Stück trockenes Brot hin. Elsa beißt hinein, kaut, schluckt.
»Besser?«, erkundigt Degenwald sich und lächelt dabei.
»Besser!«, entgegnet Elsa, lächelt ebenfalls und wischt sich die Tränen, die die Schärfe der Chili-Olive ihr in die Augen getrieben hat, mit dem Pulloverärmel weg.
Später, als er erzählt, dass Luise Gasteiger und ihr Mann Roland zwar auf demselben Hof, aber seit Jahren von Tisch und Bett getrennt lebten, dass es Gerede gab, er hätte eine Geliebte und die erpresse ihn mit einem gemeinsamen Kind, für das er finanziell aufkomme, bittet Elsa um einen Wodka. Das Thema Ehestreitigkeiten scheint sie zu verfolgen und liegt ihr zudem im Magen. Degenwald schaut sie kurz an, sagt aber nichts zu ihrem Wunsch.
»Ich hab Lust, was Anständiges zu trinken. Etwas, das sich in mir bemerkbar macht. Außerdem kann ich notfalls zu Fuß nach Hause gehen. Falls Sie sich deshalb Gedanken machen.«
»Wenn Sie den Wagen stehen lassen möchten, bringe ich Sie selbstverständlich heim.«
Degenwald nimmt jeweils zwei Likörgläser und dicke, robuste Longdrink-Gläser aus dem Schrank. »Wodka darf niemals zu kalt, aber auf keinen Fall zu warm serviert werden«, referiert er. »Damit sich der volle Geschmack entfaltet, trinkt man ihn am besten mit großen Eiswürfeln. Optimale Temperatur: acht bis zehn Grad.«
Er gießt die vier Gläser voll. Seine Augen bleiben stetige Begleiter seines Lächelns. Fertig eingegossen, schiebt er zwei davon Elsa hinüber.
Seine Blicke sind wie ein fleißiger Besen, der Dreck wegfegt. Konzentriert und eifrig, stellt Elsa fest. Sie ist diejenige, die die Grübelei darüber aufnimmt, nicht die Verursacherin, mutmaßt sie. Doch seine Augen suchen, nachdem sie allen Schmutz beseitigt haben, nach etwas Sauberem. Vielleicht nach dem reinsten Gefühl überhaupt. Der Liebe. Innerlich schreckt Elsa zusammen. Weil sie ein gefährliches Wort benutzt hat. Liebe! Sie ist sich nicht sicher, ob sie Liebe je wieder aufnehmen wird können. Aufnehmen noch am ehesten, antwortet sie sich prompt. Ausleben schon weniger.
Sie tut sich schwer, seinem Blick standzuhalten, und noch schwerer, ihn zu verdauen. Degenwald schiebt die Gläser noch näher zu Elsa hin. Als zweite Aufforderung. »Probieren Sie ihn pur und mit Eis«, meint er. Sie stoßen an.
Elsa kippt das erste Glas hinunter und zieht dann eine angestrengt fröhliche Miene, der man das Aufgesetzte ansieht. »Herrlich! Jetzt geht’s besser. Erzählen Sie weiter. Was muss ich über Kruchenhausen und seine Bewohner wissen und natürlich über die Details unseres Falls? Wenn es denn einer ist. Und, nebenbei, wo befindet sich dieses Kaff – Kruchenhausen – überhaupt?« Elsa ist froh, auf das Thema zurückkommen zu können. Ihr Ausweg aus der Misere angedachter Liebe.
»Höchste Zeit, dass Sie sich Ihre neue Heimat anschauen. Ich stelle mich gern als Fremdenführer zur Verfügung. Was meinen Sie? Wollen wir mit Kruchenhausen beginnen?«
Elsa starrt Degenwald an, als mache er ihr ein unmoralisches Angebot. Ihre sanft geschwungenen Nasenflügel beben. Dabei geht es lediglich darum, den Tatort eines vermuteten Verbrechens zu inspizieren.
Hartnäckigkeit ist ihr Plus und ihr Minus zugleich. Ein Charakterzug, der von solch unsäglicher Unbeirrbarkeit zeugt, lässt sie hier, in der Tiefe Bayerns, wo man es gern gemütlich angeht, wenn man sich kennt, und verschlossen bleibt, wenn man sich fremd ist, erst recht wie eine Fremde erscheinen. Menschen mit ihrer Aussprache, ohne Dialekt auf der Zunge, noch dazu mit einer derartigen Intensität beim Arbeiten kommen nicht gut an. In Kruchenhausen sicher nicht besser als in Unterwössen, wo Elsa, ganz in der Nähe der Kirche, eine neue private Heimat gefunden hat. Zumindest fürs Erste.
Der Ort ist wenige Minuten von Elsas Haus entfernt und gibt nicht mehr her als einige Häuser und Bauernhöfe und viel Landschaft drum herum. Rechter Hand wächst der Balsberg, der im Winter von den Kindern zum Skifahren genützt wird, schüchtern aus dem Boden. Ansonsten ist die Landschaft von Tannen, ein wenig Laub, Wiesen und wie gemalt aussehenden dunkelgelben Karamellwolken über allem geprägt. Wolken, die regelrecht zu duften scheinen.
Elsa fährt den Schmidhauserweg aus. Degenwald, der neben ihr sitzt, redet. »Wir haben bereits mit jedem gesprochen, der zur Verfügung stand. Vermutlich ist Luises Tod – akute Unterzuckerung übrigens – eine traurige Laune des Schicksals.«
»Dafür pfeifen Sie mich zurück? Für einen Durchschnittsfall, der vermutlich noch nicht mal einer ist?« Elsa sieht ihren Kollegen tadelnd an. Er erwidert nichts auf ihre Anschuldigung. Ignoriert mit stoischer Ruhe sämtliche Blicke. Elsa schluckt. Ihr kommt plötzlich ein Gedanke. Was, wenn Degenwald sie angerufen hat, um sie von ihrer Scheidung und Köln, dem Ort dieser belastenden Vergangenheit, wegzuholen? Ein Freundschaftsdienst. Ohne dass sie Freunde wären.
Was sie verbindet, ist lediglich die gemeinsame Arbeit, die versucht, Toten eine Sprache zurückzugeben. Elsa merkt, wie sie sich auf die Zunge beißt. Immer schön auf die Spitze, wo es am meisten wehtut.
»Und weshalb rücken wir an?«, spricht sie, nun merklich freundlicher, weiter. »Was können wir tun?«
»Das wird Hörnchen uns gleich erzählen. Vielleicht ist er auf was Interessantes gestoßen.«
»Wen haben Sie denn inzwischen verhört?«, will Elsa noch wissen.
»Roland Gasteiger, Luises Mann. Er war geschockt, aber irgendwie auch gefasst. Außerdem Helga Kratzer und ihren Mann Hubert. Der wird allerdings nur Hubs genannt. Helga ist die Tochter der Gasteigers. Patente Person. Manchmal aber ein bisschen verschlossen. Hubs ist der Schwiegersohn. War Bauzeichner, arbeitet seit der Ehe mit Helga auf dem Hof; genau wie seine Frau auch, die früher beim Tierarzt Helferin war. Dann gibt’s noch zwei Kinder: Maria, 13, ziemlich frühreif. Sie nennt sich Marissa, weil’s cooler klingt. Hübsches Mädel. Aus der wird mal was. Nicht nur rein optisch. Die hat was im Kopf. Und dann ist da noch Gerry, 10. Autistisch. Eine Geschichte, die schwer auf der Familie lastet. Sprechen will keiner darüber. Schon immer. Ist die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, meinte Helga zu mir.«
»Brauchbare Hinweise hatte vermutlich niemand.«
»Schön wär’s. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Es wäre ein Tag wie viele andere gewesen. Man habe eigentlich nur pro forma ins Zimmer der Mutter schauen wollen. Weil man sie so lange nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Seltsamerweise sei das Zimmer abgeschlossen gewesen. Der Schlüssel steckte nicht. Weder von außen noch von innen. Er ist bis dato unauffindbar.«
»Wer hat die Tote entdeckt?«
»Ihr Mann. Der Roland. Er hat die Tür aufgebrochen.« Degenwald hört auf zu sprechen und deutet nach vorne. Auf Michael Horn, der wie eine Statue vor einem schmucken Bauernhaus steht. »Vielleicht war’s ja so. Ein Tag wie jeder andere auch. Nur, dass er mit dem Tod eines Menschen endete.«
Elsa parkt vorm Eingang des Hofs. Eines weiß getünchten großen Gebäudes mit viel nachgedunkeltem Holz ab dem ersten Stockwerk. Daneben weitläufige Stallungen, nachträglich angebaute Garagen und ein kleines Gebäude, von dem Elsa keine Ahnung hat, was sich darin befindet. Vor ihnen steht der Gerichtsmediziner, der von München heruntergekommen ist und sie erwartet.
»Servus, ihr beiden!«, grüßt er, pocht mehrmals gegen Elsas Scheibe und lupft den Hut, der oben drauf einen ordentlichen Buschen irgendeines Tieres zu bieten hat.
»Servus, Hörnchen«, revanchiert Karl Degenwald sich und klopft Michael Horn, nachdem er aus Elsas Golf ausgestiegen ist, jovial auf die Schulter. Elsa nickt zuversichtlich und bekommt einen ganz passablen Handschlag als Begrüßung.
»Gut, dass ihr da seid«, beginnt Hörnchen. »Und was für ein Glück, dass ich gestern in meiner Behausung in Marquartstein in die seligen Kissen sinken durfte. Da ließ sich das praktisch Geforderte mit dem angenehm Gewollten verbinden. Die Hektik und der Dreck Münchens können ohne Weiteres bis morgen auf mich warten.«
»Hast du denn was für uns, Michael? Gestern warst du immerhin in der Stadt und hast obduziert. Das gibt Hoffnung.« Degenwald scheint es ausnahmsweise eilig zu haben.
»Wir haben eine Tote. Luise Gasteiger«, beginnt Hörnchen, als müsse er eigens für Elsa, die Nachzüglerin, eine Inhaltsangabe verfassen. »Sie litt unter Diabetes, Typ 2. Wenn der Blutzuckerspiegel durch Diät, verstärkte körperliche Betätigung und Gewichtsabnahme nicht ausreichend gesenkt werden kann, wird gern das Medikament Euglucon eingesetzt, das unsere Luise auch fleißig geschluckt hat. Ich hab mich mit ihrem Hausarzt kurzgeschlossen. Außerdem haben wir Abbauprodukte des Wirkstoffes dieses Medikaments in ihrem Körper gefunden. Tatsächlich ist sie aber an akuter Unterzuckerung gestorben. Vermutlich, weil sie nach der Tabletteneinnahme nicht genügend Kohlenhydrate zu sich genommen hat. Dadurch wurde der Blutzucker zu stark gesenkt und es kam zu Hypoglykämie.«
Degenwald schaut Michael Horn mit großen, fragenden Augen an.
»Hypoglykämie bedeutet Unterzuckerung«, übersetzt der, schüttelt langsam den Kopf und referiert weiter, »die Folgen sind Herzklopfen und Schwächeanfälle. Innerhalb weniger Minuten hat sie das Bewusstsein verloren, nehme ich mal an, und ist – Gott sei’s gedankt, zumindest bequem, sie lag ja im Bett – verstorben.«
»Ungewöhnlich für eine Zuckerkranke, die sich längst mit allem auskannte, dass sie nicht genügend Kohlenhydrate nach der Medikamenteneinnahme zu sich nimmt!«, denkt Elsa laut nach.
Hörnchen hebt hochtrabend die Arme und lässt sie dann wieder sinken. »Im Schlafzimmer hab ich keinen Traubenzucker oder Ähnliches gefunden, irgendwas, das ihr hätte helfen können«, meint er nur. »Alkohol ist ebenfalls Fehlanzeige. Dass man Alkohol jeglicher Art stark einschränken muss, weiß ein Zuckerkranker ohnehin.«
»Klingt bis jetzt trotzdem unauffällig«, findet Degenwald und fährt sich über seinen Dreitagebart, der ihm prächtig steht, wie Elsa feststellt.
»Ich vermute, das ist noch nicht alles?« Elsa fixiert Hörnchen neugierig.
»Hört zu. Jetzt kommt der entscheidende Punkt.« Der Gerichtsmediziner strafft seinen Körper, den er in den letzten Monaten mit hartem Training von einigen überflüssigen Pfunden, die er sich zuvor angefuttert hatte, befreit und sich dadurch mit neuem Selbstbewusstsein beschenkt hat. »Die Totenstarre ist unser Thema. Unter normalen Bedingungen beginnt das Erstarren bei den Gesichtsmuskeln nach ein bis vier Stunden. Es folgen die Gliedmaßen nach vier bis sechs Stunden. Und nach zwölf der Rest des Körpers.« Hörnchen hebt sachte den Hut und kratzt sich umständlich die kaum wahrnehmbare Druckstelle, die der Hut in seine Haut gegraben hat. Als er die Kopfbedeckung erneut auf sein Haupt sinken lässt, sie mit einer eher instinktiven als einstudierten Geste festdrückt, damit der Hut in Position ist, seufzt er herzzerreißend und spricht endlich weiter. »Tja, und dann bildet sich im Zuge der einsetzenden Fäulnis allmählich alles wieder zurück.« Hörnchen räuspert sich. »Nun, was die Luise anbelangt«, er presst kurz seinen Finger gegen die rauen Lippen, als müsse er sich sammeln. »Ihr werdet es kaum glauben, aber bei ihr setzte die Totenstarre sofort ein. Was nur zwei Schlüsse zulässt: Extremer Schock oder Gewaltausübung. Da es für Gewaltausübung keine Hinweise gibt, bleibt Schock übrig. Es scheint, als sei sie in einen Schockzustand verfallen, nachdem sie irgendetwas gesehen, gehört oder begriffen hatte. Etwas, das sie fürchterlich durcheinanderbrachte. Etwas Schreckliches, Bedrohliches. Die Quizfrage lautet: Was hat sie derart aufgeregt?«
»Das liegt doch auf der Hand.« Elsa holt zufrieden Luft. »Roland Gasteiger, der Ehemann, befreit seine tote Frau aus ihrem Zimmer, indem er die Tür aufbricht. Also für mich wäre es ein Schock, wenn ich als Zuckerkranke feststelle, dass man mich eingeschlossen hat und ich nichts zu essen habe, obwohl ich genau das muss. Essen.«
»Sie hätte durchs Fenster nach draußen gekonnt«, gibt Degenwald zu bedenken.
»Und wenn das nicht zu öffnen war? Hat jemand überprüft, ob die Gasteigers abschließbare Fenster haben?«
»Sie hätte das Fenster aufbrechen können«, denkt Degenwald weiter laut nach.
»Dazu war sie zu schwach. Und durch die Sprossenfenster konnte sie sich wohl kaum quetschen«, bleibt Elsa hartnäckig.
»Kinder, ganz ruhig!«, mischt Hörnchen sich ein. »Soviel ich von Ben weiß, gibt es im Haus der Gasteigers abschließbare Fenster. Das wurde in Angriff genommen, als die Enkelkinder zur Welt kamen.«
Hörnchen lässt seinen Blick zufrieden an Elsa hinabgleiten. »Nun gilt es herauszufinden, ob das, was unsere liebe Elsa als Grund annimmt, der einzige Schock war, der der Luise zugemutet wurde, oder ob etwas Gravierenderes hinter all dem steckt.«
»Und dann wäre gut, wenn wir des Schlüssels habhaft würden, der Zutritt zu Luises Zimmer gewährt«, merkt Karl Degenwald an. »Bei der ersten Durchsuchung haben wir ihn jedenfalls nirgends gefunden.«
»Es gefällt mir ganz und gar nicht, wenn Menschen glauben, mit Ausschweigen zwängen sie uns in die Knie. Ich schlage vor, wir nehmen die gesamte Familie noch mal ganz gehörig in die Mangel. Das war kein gewöhnlicher Tod. Glaubt’s mir. Das spür ich, wenn ich nur die Nase in die Luft halte.«
Hörnchen lacht amüsiert auf und schlägt sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, dass es nur so klatscht. »Elsa Wegener. Unsere Spürhündin. Ich freu mich wie ein Junger darauf, dass Sie die Witterung aufnehmen.«
Elsas und Degenwalds Handys klingeln synchron. Zerreißen den Augenblick seltsamer Ausgelassenheit, der gerade dabei war, sich zwischen ihnen auszubreiten.
»Wegener«, meldet sich Elsa. Während sie zuhört, was ihr mitgeteilt wird, weiten sich ihre Augen und fangen Karl Degenwald, ihren Kollegen, wie hypnotisiert ein.
Degenwald legt als Erster auf. Er schluckt und schaut den Gerichtsmediziner an, als habe er tausend Fragen an ihn, aber keine Zeit, die Antworten zu hören. Schließlich drückt auch Elsa die Aus-Taste.
»Veronika Steffel ist tot. Sepp Gnadl, einer der Waldarbeiter, hat sie gefunden. Vor wenigen Minuten. Er wollte ihr Fleisch bringen. Als er reinkam, lag sie auf dem Küchenboden. Neben einer Packung Reis, die sich rund um sie ergossen hat«, erklärt Degenwald stichwortartig.
»Fleisch braucht sie jedenfalls keines mehr«, rutscht es Hörnchen heraus.
Elsa lässt ein zaghaftes Seufzen hören und wendet sich an Degenwald. »Wer ist Veronika Steffel? Wissen Sie etwas über ihren familiären Hintergrund?«
»Veronika ist Luises jüngere Schwester«, gibt Degenwald zur Antwort.
»Das nenn’ ich Resonanzbeziehung. Im Tod vereint«, entkommt es Elsa.
Hörnchen nippt an seiner Unterlippe wie an einem heißen Kaffee. Sein Gesicht spricht Bände. Just in diesem Moment hat das Räderwerk in seinem Gehirn auf Vollbetrieb geschaltet. Denn hinter zwei toten Frauen an zwei Tagen, noch dazu Schwestern, vermutet nicht nur er ein kniffliges Rätsel, das vielleicht weit Schlimmeres vermuten lässt, als man im Moment ahnen könnte.
Die Wolken am Himmel haben sich zerstreut wie Kinder, die zum Ins-Bett-Gehen hineingerufen werden, aber nicht schlafen wollen. Stattdessen präsentiert der Himmel eine selten violette Farbe. Ein fliederfarbenes Band, das lediglich mit der Abwechslung heller, dunstiger Kondensstreifen vorbeigeflogener Flugzeuge aufwarten kann.
Der Tag holt friedlich Luft, als sei die Zeit stehen geblieben, nur dass niemand es bisher bemerkt hatte. Alles Lebendige verharrt unbewegt.
Der Wetterdienst meldet ein Tief, das Bayern in wenigen Stunden erreichen und alles aufschrecken wird. Elsa lauscht dem Wetterbericht, während ihr Golf hinter Hörnchens Range Rover den Hochgernweg entlangfährt. Sie schaut gen Himmel, dann auf die Straße und biegt in den Gruberweg ein. Irgendwann kommt sie auf einen Forstweg, der nach Point führt, wo nichts als zwei Häuser auf sie warten, von denen eines durch eine Leiche verunreinigt ist.