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Überarbeitete Zweitveröffentlichung November 2019

Erstveröffentlichung unter dem Titel

„Weihnachtspunsch & Weihnachtskater“ © Rowohlt Verlag 2012

Umschlaggestaltung/eBook: Grit Bomhauer, www.grittany-design.de

unter Verwendung von:

© Depositphotos – flibustier / wacpan / Elnur /

ayeletkeshet /tets

© VectorStock – Lily-Studio

»Er darf im Keller schlafen. Aber nur ausnahmsweise!«, sagt Katharina sehr energisch. Sie weiß nur zu gut, was geschehen wird, wenn sie den Bitten ihrer Kinder nachgibt. »Nur solange er krank ist.«

Sabine, die Älteste, lächelt Katharina so glücklich an, dass sie kurz in Versuchung gerät, nachzugeben und den Kater im Kinderzimmer schlafen zu lassen, wie es ihre Tochter sich wünscht.

»Weil er doch krank ist. Dann kann ich mich besser um ihn kümmern. Im Keller ist es viel zu kalt.«

»Der Kater kann im Heizungskeller schlafen. Da ist es bullig warm.« Auf mehr kann und will Katharina sich nicht einlassen. Nicht vor Weihnachten. Nicht in der Hektik, die ihr bevorsteht.

Schlimm genug, dass sie überhaupt nachgegeben hat. Wenigstens haben die Kinder ihr hoch und heilig versprochen, dass sie für das Tierchen sorgen werden. Und bisher, das muss sie ihnen zugestehen, haben sie Wort gehalten. Aber bisher ist der Kater auch noch ein niedliches Baby. Ein schwarzes Fellkügelchen mit weißen Pfoten und weißer Brust. »Weißpfote« haben die Kinder ihn getauft. Er schaut einen dermaßen unschuldig aus seinen großen grünen Augen an, dass man ihn einfach kraulen muss. Aber wenn das Kätzchen sich zu einem ausgewachsenen Kater entwickelt, werden die Kinder ihn dann noch kuschelig und süß finden oder wird die Arbeit an ihr hängen bleiben?

Katharina streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Im Kopf geht sie die Aufgabenliste durch, die sie bis zum Heiligen Abend noch abarbeiten muss. Die Füllung für die Gans zubereiten, den Weihnachtsbaum schmücken, die Geschenke für die Kinder einpacken. Wo ist nur die Zeit geblieben?

Am besten fängt sie wohl mit dem an, was ihr Spaß macht. Also öffnet sie die Weihnachtskisten und holt die silbernen und roten Glaskugeln heraus. Sie klemmt Kerzenhalter an die Tannenzweige, prüft dreimal, ob sie auch fest sind. Schließlich will sie nicht, dass der Baum abbrennt. Rote oder weiße Kerzen? Letztes Jahr hatte sie die weißen genommen. Passend zur elektrischen Lichterkette. Dieses Mal ist ihr nach Rot zumute, nach einer starken Farbe. Ja, das sieht gut aus. So kann es bleiben. Nun fehlen nur noch die Glaskugeln.

Katharina sieht auf die Uhr. Ein Tag bleibt ihr, dann kommt ihre Schwiegermutter zum Weihnachtsbratenessen. Alle Jahre wieder. Als hätte Katharinas Ehemann nicht zwei Schwestern, bei denen die Schwiegermutter reihum Weihnachten feiern könnte. Nein, die halten sich fein raus und lassen Katharina jedes Jahr allein den Braten zubereiten und für ein schönes Weihnachtsfest sorgen. An die Kinder, die Katharinas Aufmerksamkeit fordern, denkt niemand von ihnen.

Sie atmet tief aus, während sie überlegt, was noch erledigt werden muss. Morgen muss sie großreinemachen. Die Ecken besonders säubern und darauf achten, dass ja kein Staubkorn liegenbleibt. Für so etwas hat die Mutter ihres Mannes ein Auge. Dem forschenden Blick der alten Dame entgeht nichts. Kein Fussel, keine Falte in der Kleidung der Kinder. Jeder Fleck, jeder noch so kleine Fehler ist für ihre Schwiegermutter der Beweis, dass Katharina nicht gut genug ist. Der Gedanke daran bringt sie so in Rage, dass ihr eine Glaskugel unter den Fingern zerspringt.

»Auch das noch!«

Leise vor sich hin fluchend beseitigt sie den Schaden. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Sie ist sowieso schon zu spät dran mit dem Abendessen. Punkt Fünf kommt Sebastian von der Schicht nach Hause, da sollte das Essen auf dem Tisch stehen. Das kennt er so von seiner Mutter. Ach, was soll’s. Dann gibt es heute etwas Schnelles. An Weihnachten wird es mehr als genug zu essen geben.

»Dürfen wir Weißpfote aus dem Keller holen, bis wir ins Bett müssen?«, bettelt Joachim nach dem Abendessen. Fragend blickt er Katharina aus seinen großen braunen Augen an. »Morgen ist doch Weihnachten.«

Katharina sieht von ihrem Teller auf und schüttelt den Kopf. Doch ihr Ehemann mischt sich ein.

»Na klar. In der Heiligen Nacht können Tiere schließlich sprechen.« Sebastian zwinkert seinem Sohn zu.

Katharina seufzt unhörbar auf. Kann ihr Mann sich nicht wenigstens einmal an die Absprachen halten? Nachher muss sie wieder die Böse sein, die das arme Katerchen in den dunklen Keller verbannt.

»Aber er darf nicht ins Wohnzimmer. Lasst ihn auf keinen Fall in die Nähe vom Weihnachtsbaum«, schiebt sie mahnend hinterher, aber da sind die Kinder bereits verschwunden. Während Katharina den Tisch abräumt, hört sie nur »Weißpfote, guck mal«, »Weißpfote, komm«, »Kater, musch, musch«. Gut, dass sie ein so geduldiges Kätzchen bekommen haben, das sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.

Sie hält einen Augenblick inne und wirft einen Blick auf das friedliche Bild. Die Kinder liegen einträchtig nebeneinander auf dem Teppich. Die Hände haben sie unter dem bunten Läufer versteckt und bewegen sie auf und ab, und Weißpfote springt jedes Mal mit Begeisterung auf den Hügel, den er wohl für eine gewaltige Maus hält. Plötzlich hört sie aus dem Wohnzimmer die Titelmelodie der Tagesschau und schaut erschrocken auf die Uhr.

»Jetzt aber ab mit euch ins Bett. Vorher Zähne putzen nicht vergessen.« Durch den lautstarken Protest der Kinder lässt sie sich nicht erweichen. »Weihnachten ist erst morgen. Lasst den Kater hier. Ich bringe ihn nachher nach unten.«

Leise murrend verschwinden die Kinder in ihren Zimmern.

Ein bisschen regt sich Katharinas schlechtes Gewissen, wenn sie daran denkt, dass der kleine Kater einsam im Keller ausharren muss. Bei dem Bauern, von dem sie ihn geholt haben, hatten die Katzen Familienanschluss und schliefen in einem Korb neben dem großen Küchenofen. Bei ihnen musste Weißpfote solange im kalten Schuppen übernachten, bis er anfing zu niesen. Aber eine Katze im Haus? Das macht nur Dreck.

Apropos Dreck. Katharina lässt den Kater spielen und geht in die Küche. Das Geschirr wäscht sich nicht von allein.

»Ich geh noch mal um den Block.« Ihr Mann steckt den Kopf zur Küchentür herein. »Oder brauchst du Hilfe?«

»Lass mal. Ich schaff das schon.« Katharina hört die Haustür hinter Sebastian zuklappen. Sie seufzt, als sie die Teller, Gläser und Töpfe sieht, die in der Küche auf sie warten. Aber lieber jetzt aufräumen, als am nächsten Tag in eine Küche kommen, in der sich das Geschirr stapelt. Schließlich muss sie sich morgen auf die Weihnachtsgans konzentrieren, damit die Schwiegermutter nichts zu meckern findet. Obwohl das niemals gelingen wird. Irgendetwas entdeckt die Alte immer.

»Miörp«, ertönt es leise, als sie die Teller in die Geschirrspülmaschine einräumt. Überrascht schaut Katharina auf. Auf der Arbeitsplatte steht der Kater und mustert sie mit schief gelegtem Kopf. Spielerisch schlägt er mit der Pfote nach einem Teller.

»Na, du passt perfekt in die Familie«, rutscht es Katharina heraus. »Du guckst auch gerne zu, wenn andere arbeiten. Jetzt aber runter mit dir.«

»Miöp«, lautet die Antwort. Der Schwarze gähnt sie an, streckt seinen Hintern in die Luft und bildet einen eleganten Bogen mit dem Schwanz. »Miiiiöp.«

Vorsichtig nimmt sie den kleinen Kerl und setzt ihn auf dem Fußboden ab.

»Mörg?« Er blickt sie schräg von unten an, als würde er sie etwas fragen.

»Willst du schon wieder etwas essen, du Vielfraß?« Sie schüttelt den Kopf. Schließlich hat der Kater heute schon zwei Schälchen Katzenfutter verputzt. Ganz zu schweigen von dem Hackfleisch, das sie ihm heimlich zugesteckt hat, weil doch bald Weihnachten ist. »Oder langweilst du dich?«

»Möff.« Ob das nun ja oder nein heißen soll, ist Katharina schleierhaft. Immerhin antwortet er, wenn man ihn etwas fragt. Das kann man nicht von jedem in der Familie behaupten.

»Gib mir noch zehn Minuten, bis ich den Spüler eingeräumt habe.« Katharina streicht dem Schwarzen über den Kopf. Er reckt sich ihrer Hand entgegen und beginnt zu schnurren wie der Elektromotor der Eisenbahn, die Joachim letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hat. »Dann spiele ich ein bisschen mit dir.«

Schnell sortiert sie die letzten Tassen ein, gießt das Spülpulver ein und stellt die Maschine an. Die ganze Zeit hat Weißpfote sie nicht aus den Augen gelassen. Er ist artig auf dem Boden sitzen geblieben und hat nur sehnsüchtig zur Arbeitsplatte hochgesehen. Mit einer Katzengeduld, denkt Katharina.

»Na komm, jetzt machen wir zwei es uns gemütlich«, sagt sie schließlich und nimmt das Katerchen auf den Arm. Sofort kuschelt es sich an sie und schließt die Augen. Was für ein Vertrauen so ein kleines Tier in Menschen hat!

Vorsichtig trägt sie Weißpfote ins Wohnzimmer. Dort drückt sie den Stecker der Lichterkette in die Steckdose und setzt sich mit dem Kater auf dem Arm in ihren Lieblingssessel vor den Tannenbaum. Ein schöner Baum, nur ein bisschen krumm an der Spitze, aber durch den großen goldenen Stern fällt das kaum auf. Im Halbdunkel des großen Zimmers, das nun nur durch die Kerzen am Christbaum erleuchtet wird, streichelt sie den Stubentiger und lauscht seinem Schnurren. So sollte Weihnachten sich anfühlen.

Als Katharina den Schlüssel im Schloss der Haustür hört, fährt sie auf. Ist sie wirklich eingeschlafen? Weißpfote liegt auf ihrem Bauch und schnarcht leise. Wohl eine Nebenfolge seiner Erkältung.

»So, jetzt ab mit dir nach unten.« Katharina steht auf und marschiert zum Kellereingang, öffnet die Tür und setzt den Kater dort ab. Der schaut sie über die Schulter an. Fragend und ein wenig vorwurfsvoll, scheint ihr. »Tut mir leid, Kleiner, das muss sein.« Sanft stupst sie ihn an.

»Lass ihn doch oben schlafen. Was kann er schon anstellen?« Sebastian ist durch den Flur gekommen und gibt ihr einen Kuss auf die Wange.

»Huh, kalt.« Katharina schüttelt sich. »Stell dir nur mal vor, wenn er die Vorhänge hochklettert!«

»Die Luft riecht nach Schnee. Wenn wir Glück haben, gibt’s weiße Weihnachten«, sagt Sebastian. Er zieht die Jacke aus und hängt sie an den Garderobenhaken. »Ich geh ins Bett. Gute Nacht.«

Katharina pustet im Wohnzimmer die Kerzen aus, dann putzt sie sich schnell die Zähne. Als sie ins Schlafzimmer kommt, schläft Sebastian bereits und schnarcht. Aber nach zehn Jahren Ehe ist sie daran gewöhnt und kann trotzdem einschlafen. Den Wecker braucht sie nicht zu stellen, sie wird sowieso jeden Morgen um Punkt halb sieben wach, wenn Sebastian zur Arbeit geht und die Kinder in die Schule müssen.

»Schatz, das habe ich ganz vergessen. Britta wird heute Abend auch dabei sein.« Sebastian gibt ihr einen Kuss, bevor er Getränke und frische Brötchen fürs Abendessen kaufen geht. »Das Essen reicht doch für eine mehr, oder?«

Wie vom Donner gerührt starrt Katharina ihm nach. Das kann er nicht ernst meinen! Nicht seine ältere Schwester. Die ihn nach Strich und Faden verwöhnt und immer noch »Sebastianchen« nennt, obwohl er inzwischen Mitte dreißig und Familienvater ist. Nicht ihre Schwägerin, deren flinke Augen jedes Schmutzfitzelchen finden und die stets mit spitzem Mund zu verstehen gibt, wie ungezogen und frech sie die Kinder findet. Schwägerin und Schwiegermutter zum Weihnachtsessen – wie soll man da in friedvolle Stimmung kommen?

Katharina seufzt. Am liebsten würde sie alles hinwerfen. Davonlaufen. Sicher, Weihnachten ist das Fest der Familie. Aber wo steht geschrieben, dass die Familie sich nur mit erwartungsvollen Mienen an den gedeckten Tisch setzt und Katharina allen das Essen reichen muss? Soll Sebastian selber kochen, wenn er seine Mutter und seine Schwester unbedingt um sich haben möchte. Was würden die wohl sagen, wenn es nachher nichts zu essen gäbe? Wenn nichts vorbereitet wäre. Die Gans roh, die Kartoffeln ungeschält, der Rotkohl noch im Glas und die Zutaten für den Weihnachtspunsch auf dem Tisch. Und Katharina wäre einfach nicht da. Die Blicke würde sie gern sehen. Ein Lächeln zieht über ihr Gesicht, aber nur kurz. Was würden die Kinder denken?

Für sie wird Katharina auch dieses Jahr wieder in den sauren Apfel beißen und sich erst dann über Weihnachten freuen, wenn es endlich vorbei ist. Wenn alle anderen gesättigt auf dem Sofa sitzen und Sekt trinken, während sie noch die Küche aufräumt. Wenn Schwägerin und Schwiegermutter gegangen sind und es zu keinen größeren Katastrophen gekommen ist.

Wird das Essen reichen? Katharina öffnet die Herdklappe und holt die Gans heraus. Es ist ein gewaltiges Tier. Davon sollten sie alle wohl satt werden. Aber sicherheitshalber wird sie noch ein paar Beilagen mehr kochen.

Sie öffnet die Kellertür und steigt die Treppe hinab, um in den Vorratsraum zu gelangen, wo der Rotkohl und der Kloßteig stehen. Einen Augenblick wundert sie sich, dass Weißpfote ihr nicht entgegenkommt, aber dann füllen die Planungen für das Fest ihre Gedanken wieder aus.

»Rotkohl, Klöße, Birnen und Preiselbeeren«, murmelt sie vor sich hin, während sie die Regale absucht. Mit vollen Händen kehrt sie in die Küche zurück, wo sie alles auf der Arbeitsplatte abstellt. Doch bevor sie die Dosen öffnet, dringt ein leises Flüstern an ihr Ohr. Es kommt aus dem Wohnzimmer und klingt so bemüht leise, dass Katharina sofort misstrauisch wird und nachsehen geht.

»Weißpfote, komm. Weißpfote, bitte komm!« Katharinas Älteste kniet in der Ecke, wo der Weihnachtsbaum steht. »Wir kriegen beide Riesenärger.«

Katharina seufzt. Sie will sich gar nicht ausmalen, was der Kater angestellt hat. Eine Katze und ein verführerisch glitzernder Weihnachtsbaum, Kugeln, Lametta, eine Lichterkette – wahrscheinlich konnte der Kleine sich nicht entscheiden, wonach er zuerst mit seinen Krallen angeln sollte. Oder hat er etwa einen Kerzenhalter heruntergerissen?

»Was ist passiert?« Katharina erschrickt selbst über den harschen Misston, der in ihrer Stimme mitschwingt. »Was hat er kaputt gemacht?«

»Gar nichts!« Sabine sieht aus wie das personifizierte schlechte Gewissen. Sie wagt es nicht einmal, ihrer Mutter ins Gesicht zu sehen. »Er … ich … also …«

»Was ist passiert?«, wiederholt Katharina. Obwohl sie sich bemüht, kann sie den strengen Unterton in ihrer Stimme nicht unterdrücken, der aussagt, dass sie ohnehin schon zu viel zu tun und keine Zeit für Blödsinn hat. »Was macht der Kater im Wohnzimmer? Er sollte doch im Keller bleiben.«

»Es tut mir leid.« Sabines Unterlippe zittert verdächtig. »Ich wollte ihm nur den Tannenbaum zeigen, weil doch Weihnachten ist und Tiere da reden können.«

Dieses Kind! Katharina seufzt in sich hinein. Die Schuldgefühle überwältigen sie, weil sie sich wegen des Festes kaum Zeit für ihre Kinder nehmen kann. »Das sind nur Märchen. Wie die Geschichte vom Weihnachtsmann. Dafür bist du doch schon zu groß.« Warum hat sie das nur gesagt? Jetzt fließen Sabines Tränen. Und das eine Stunde, bevor die unerwünschten Gäste eintreffen werden. »Wo ist der Kater? Bring ihn wieder in den Keller. Bitte.«

»Er ist mir abgehauen.« Vor Aufregung kann Sabine kaum sprechen und bekommt einen Schluckauf. »Ich … ich glaube, er ist den Stamm hochgeklettert.«

»Das fehlt gerade noch.« Vor Katharinas innerem Auge laufen Katastrophenbilder ab. Ein Kater, der den Weihnachtsbaum umwirft. Zerplatzende Kugeln, zerfetzte Lichterketten, Tannennadeln auf Teppich, Sofa, Sesseln und den bunten Tellern. »Wie ist er denn da hingekommen?«

»Er ist doch noch so klein«, schnieft Sabine. »Ich glaube, er traut sich jetzt nicht mehr herunter.«

Katharina kniet sich vor den Baum. »Was frisst er so gern, dass wir ihn damit herauslocken können?«, überlegt sie laut. Aus der hintersten Ecke funkeln ihr zwei grüne Augen entgegen. Wenn sie die Zweige der Weihnachtstanne zur Seite schiebt, wird der Baum nadeln, und die Kerzen und Strohsterne und Kugeln könnten herunterfallen. Das kann sie nicht riskieren. »Miez, miez, komm!«

Der Kater rührt sich nicht. Stur bleibt er in seiner Ecke sitzen, als wüsste er, dass dort niemand an ihn herankommt.

»Es tut mir so leid.« Wieder fließen Sabines Tränen. »Das wollte ich nicht.«

»Das hilft uns jetzt auch nicht weiter.« Kaum hat Katharina die scharfen Worte gesagt, beißt sie sich auf die Unterlippe. »Geh mal in die Küche und hol ein bisschen Gehacktes.«

Schon beim Rascheln des Cellophanpapiers, in das der Metzger immer das Hackfleisch einwickelt, stürzt der Kater hinter dem Weihnachtsbaum hervor wie ein schwarzer Blitz. Mit angelegten Ohren galoppiert er an Katharina vorbei, schnurstracks in die Küche. Sie folgt ihm und schließt rasch die Tür zum Wohnzimmer.

Mit einem Bröckchen Fleisch lockt sie Weißpfote in den Keller und schließt auch hier die Tür. Noch einmal davongekommen.

Dann erklärt sie den Kindern, wie wichtig es ist, die Türen geschlossen zu halten, damit der Kater nicht ausbrechen und alles verwüsten kann. Klägliches Miauen begleitet ihre Worte. Unglaublich, dass ein kleines Tier so laut jammern kann.

»Sperrt ihn bitte im Heizungskeller ein«, sagt Katharina abschließend.

»Dürfen wir dann fernsehen?«, fragt Joachim. »Es ist noch soooo lange bis zur Bescherung.«

»Aber nur, wenn ihr nichts durcheinanderbringt.« Katharina schaut wieder auf die Uhr. Jetzt muss sie schnell den Rotkohl aufsetzen, den Tisch decken und sich umziehen, damit sie nicht aussieht wie eine Küchenfee, wenn die Verwandten kommen.

Ein letzter Blick in den Spiegel, Katharina streicht sich über die Haare. Ja, sie sieht festlich aus. Da klingelt es auch schon. Sie streckt ihrem Spiegelbild die Zunge heraus, setzt ihr Weihnachtslächeln auf und geht zur Tür, die Gäste begrüßen.

»Wie waren die Zeugnisse?«, fragt die Tante als allererstes, nachdem sich alle einen guten Abend und ein schönes Fest gewünscht haben. Als hätte sie das nicht längst von ihrer Mutter erfahren.

»Geht doch schon mal ins Esszimmer. Ich bereite die Gans vor«, übergeht Katharina die Frage. »Sebastian, fragst du bitte, was jeder trinken möchte und holst die Getränke aus dem Keller?«

In der Küche füllt Katharina den Rotkohl in zwei Schüsseln, die Kartoffelklöße in eine dritte und schließlich noch Kartoffeln in die vierte.

»Zeigt mir doch mal den Weihnachtsbaum«, fordert ihre Schwiegermutter die Kinder auf. Warum kann sie sich nicht einfach hinsetzen und bis zur Bescherung warten? Schlimmer als Sabine und Joachim!

Katharina hört Sebastian aus dem Keller heraufpoltern. Aus dem Augenwinkel sieht sie, wie etwas an ihm vorbeihuscht. Nein, das kann nicht sein. Die Kinder hatten den Kater ja in den Heizungskeller gesperrt.

»Sabine! Joachim!«, ruft sie in Richtung Esszimmer. »Kommt bitte und holt das Essen.«

Katharina öffnet die Ofentür. Ein heißer Schwall strömt ihr entgegen. Die Gans riecht so gut, dass ihr das Wasser im Mund zusammenläuft. Vorsichtig holt sie den Bräter aus dem Ofen. Sie platziert die Gans auf der größten Platte, die sie hat, und dekoriert den Platz, den der Vogel lässt, mit Bratäpfeln und Birnen mit Preiselbeeren.

Dann atmet Katharina laut aus, streckt den Rücken durch, nimmt die Platte und bemüht sich wieder um ein Lächeln. Schließlich ist Weihnachten.

Überraschenderweise verläuft das Essen friedlich. Schwiegermutter und Schwägerin loben Gans und Rotkohl, sogar die Klöße – wirklich, selbst gemacht, ja das schmeckt man. Aber trotzdem fühlt Katharina sich beobachtet, fürchtet immer wieder, dass sie von der Seite angeschossen wird, wenn sie ein wenig aus der Deckung kommt. Hoffentlich kommt nicht wieder die leidige Zeugnisfrage auf. Sabines Noten sind in ihrem zweiten Schuljahr schlimm eingebrochen. Sie mag die neue Klassenlehrerin nicht. Aber Katharina ist sich sicher, dass ihr die Schuld dafür gegeben wird.

»Bescherung, bitte! Bescherung!« Sabine hält es nicht mehr aus und springt auf.

»Erst helft ihr mal eurer Mutter, den Tisch abzuräumen«, sagt die Tante mit spitzer Stimme. »Nur brave Kinder bekommen etwas vom Weihnachtsmann.«

»Das hätten wir sowieso gemacht«, muffelt Joachim und schneidet ihr heimlich eine Grimasse. »Das machen wir immer.«

Endlich kehrte Sebastian zurück. »Na, das war ja ein Ding. Wusste gar nicht, dass Britta so allergisch gegen Katzen ist.« Er schüttelt den Kopf. »Dabei war der Kater nicht einmal im Zimmer ... Was ist denn?« Erstaunt sieht er Katharina und die Kinder an, die in lautes Gelächter ausgebrochen sind.

»Einen Moment.« Katharina geht in die Küche, öffnet die Kühlschranktür und raschelt mit dem Cellophanpapier. Da hört sie ein »Das gibt’s doch nicht!« aus dem Wohnzimmer, und es dauert keine fünf Sekunden, bis jemand neben ihr »Mörp?« sagt und aus großen grünen Augen zu ihr aufschaut.

»Miörp?« wiederholt das Katerchen, schnieft, niest und legt den Kopf schief.

Den Kindern sagt sie immer, sie sollen ihm nichts zwischen den Mahlzeiten geben. Ach, was soll’s? Schließlich ist Weihnachten. Katharina nimmt ein bisschen Gehacktes und legt es auf einen Unterteller. Mit zwei Bissen schlingt er die Leckerei in sich hinein.

»Mutti! Komm! Bescherung!«

Den Rufen kann sie sich nicht entziehen. Also nimmt sie Weißpfote auf den Arm und geht mit ihm ins Wohnzimmer. Dort setzt der Kater sich brav hin und beobachtet, wie sie die Geschenke auspacken. Mit Schwung springt er in das Geschenkpapier, zerreißt es mit seinen winzigen Krallen und versucht, das Geschenkband zu fressen. Er hüpft hoch, dreht sich im Sprung und saust zwischen den Papierbergen hindurch.

Einige Stunden später gähnt Sabine herzhaft. Sie hat müde Augen, heute wird sie wohl nicht bis Mitternacht wachbleiben. »Das ist bisher das schönste Weihnachten«, flüstert sie Katharina zu.

Auch Joachim sieht aus, als ob ihm die Augen gleich zufallen. Sebastian schnarcht schon längst auf dem Sofa, Weißpfote liegt auf seiner Brust und wird von den Schnarchern durchgerüttelt.

»Na los, ab mit euch ins Bett. Morgen ist auch noch Weihnachten.« Katharina drückt ihre Kinder und weckt ihren Ehemann mit einem Kuss. »Aufstehen zum ins-Bett-gehen.«

Sebastian murmelt nur eine Antwort, reibt sich schlaftrunken die Augen und erhebt sich, sodass Weißpfote davonspringt und hinter dem Weihnachtsbaum verschwindet.

»Geht ihr ruhig schlafen«, ruft Katharina ihrer Familie zu, bevor sie sich auf Hände und Knie niederlässt. »Ich suche den Kater. Gute Nacht.«

»Gute Nacht«, erklingt es müde und vielstimmig als Antwort.

Allein zurückgeblieben, wartet Katharina noch zehn Minuten, bis sie in die Küche geht und einen Fingerbreit Gehacktes auf einer Untertasse holt. Als sie zurückkommt, sitzt der Kater bereits vor dem Weihnachtsbaum, den Schwanz elegant um die Vorderpfoten gelegt. Erwartungsvoll schaut er sie an.

»Miarp!«, begrüßt er sie.

Katharina stellt die Untertasse auf dem Tisch ab und hebt das Katerchen hoch, sodass sie sich beide in die Augen sehen. Das Tier erwidert ihren Blick ungerührt. »Bist du ein Weihnachtsengel?«

»Mörp!« Der Kleine blinzelt mit den Augen. Zufall - oder wollte er ihr etwas sagen?

»Ausnahmsweise darfst du heute hier oben schlafen.« Vorsichtig streichelt Katharina über den schmalen Rücken. Der Kater schließt die Augen und schnurrt. Viel lauter, als man es von so einem zarten Tierchen erwarten würde. »Aber nicht im Wohnzimmer. Dich und Lametta will ich lieber nicht in einem Raum wissen.«

»Maruff!« Empört strampelt das Katerchen sich frei. Es springt auf den Fußboden und schaut erwartungsvoll zum Tisch hoch. »Mäng.«

»Hier, du Weihnachtsheld«, sagt Katharina. »Das hast du dir redlich verdient.«

»Mirag. Mirag. Mirag.« Ganz aufgeregt streicht Weißpfote um ihre Beine, als hätte er jedes Wort verstanden. Er blinzelt Katharina noch einmal zu, bevor er das Mäulchen im Futter versenkt, so wie jede Katze es tut, auch wenn sie nebenberuflich als Weihnachtsengel arbeitet.