Handlung, Orte und Personen dieses Romans sind frei erfunden. Die Ereignisse in den Dreißigerjahren haben tatsächlich so oder so ähnlich auf Floreana stattgefunden.
Die Tage auf der MS Paita, einem Containerschiff unter panamaischer Flagge, taumelten in erschöpfender Monotonie der Dämmerung entgegen. Die Nächte in den fensterlosen Kabinen unter Deck waren quälend. Das Stampfen und Rauschen der Dieselmotoren ließ kaum Schlaf zu. Nur die dramatischen Sonnenauf- und -untergänge vermochten etwas Abwechslung in den Schiffsalltag der fünf Passagiere zu bringen. Ein älteres Ehepaar und drei Alleinreisende hatten die Überfahrt als Fremde angetreten und mit Ausnahme einer Niederländerin hatte niemand von ihnen so recht versucht, daran etwas zu ändern. Beim Deckspaziergang begegneten sie sich freundlich, wechselten ein paar Sätze über das Wetter, die schier endlose Weite des Ozeans, über die internationale Besatzung, von der man kaum einmal jemanden zu Gesicht bekam, und über die Verpflegung an Bord, die nach Meinung aller besser hätte sein können.
Die gemeinsamen Mahlzeiten, eingenommen im nur den Passagieren und dem Kapitän vorbehaltenen Kasino, einem engen, fensterlosen Raum im Bauch des Schiffs, verliefen zumeist schweigend. Die gesprächigste der sechs anwesenden Personen war noch der rumänische Schiffsführer. Seit dem Auslaufen in Rotterdam gab er jeden Abend mindestens einen Schwank aus seinem aufregenden Leben auf See zum Besten.
Vermutlich, so dachte Harald Steen, ein hoch aufgeschossener Deutscher aus Hamburg, verliefen die Abendessen so oder so ähnlich auf jedem Frachter der Welt. Entweder es war am Tag etwas Außergewöhnliches passiert, das für den Abend Gesprächsstoff lieferte, oder man hockte schweigend über seinem Teller und verschwand in der Koje, sobald dieser leer war. Wurde das Schweigen doch einmal als bedrückend empfunden, öffnete irgendwer die Truhe mit dem Seemannsgarn. Geschichten von Havarien, Begegnungen mit Piraten vor Somalia, biblischen Stürmen oder mysteriösen Himmelserscheinungen wurden ausgepackt und ausgeschmückt. Steen hörte eigentlich nur zu, wenn der Kapitän vergleichsweise nüchtern über sein Schiff sprach. Die Paita ist kein normaler Frachter, hob er zumeist an, das müssen Sie beachten. Dann legte Steen das Besteck beiseite und lauschte für die nächsten Minuten seinen Ausführungen.
Auch ist es kein Frachter, den man mit kleiner Besatzung über die Weltmeere steuern kann. Wir sind ein hochmodernes Panamax-Schiff. Dreihundert Meter lang, vierzig Meter breit.
Ein Panamax-Schiff. Gott sei Dank, dachte Steen. Für das, was ihnen unmittelbar bevorstand, keine unwichtige Information. Panamax-Schiffe hießen so, das wusste er, weil sie noch eben durch den Panamakanal navigiert werden konnten. Die nächstgrößeren Schiffe waren die Neopanamaxe und dafür schon zu groß.
Die übrigen Passagiere schienen sich allesamt nichts aus technischen Details zu machen.
Ihm gegenüber saß allabendlich Ruth Versteeg, die Niederländerin. Mitte fünfzig, aus Eindhoven stammend, früh ergraut mit struppig geschnittener Kurzhaarfrisur und einer sehr spitzen Nase. Ihre smaragdgrünen Augen funkelten, wenn sie sprach. Sie war groß, reichte ihm fast bis zur Schulter, und eine Frau, der einfach alles wichtig und von Bedeutung zu sein schien, was sie in seinen Augen ein wenig anstrengend machte. Dreimal hatten sie sich in den letzten Wochen an Bord miteinander unterhalten. Immer war die Initiative von ihr ausgegangen. Ohne Umschweife hatte sie ihm Fragen zu seiner Person gestellt, seinem Leben und seiner Herkunft, allesamt an Indiskretion kaum zu übertreffen. Er hatte gehüstelt und ausweichend geantwortet. Sein inzwischen vierundsechzig Jahre andauerndes Leben lang hatte er sich niemandem anvertraut. Warum sollte er ausgerechnet bei dieser Frau damit beginnen?
Außerdem war seine Vergangenheit kaum der Rede wert. Er befand sich im Begriff, sein altes Leben für immer hinter sich zu lassen. Auf der Reise in ein Abenteuer von ungeheurer Dimension. Es gab nichts öffentlich zu besprechen, hatte es noch nie gegeben.
Um sie loszuwerden, erfand er eine Geschichte. Eine Lustreise unternehme er, auf einem Frachter, weil ihn Containerschiffe halt interessierten. Nein, kein besonderes Ziel. Nein, nicht für länger. Nein, keine Verwandten im Zielgebiet. Und nein, kein Interesse an der Tierwelt, den Einheimischen und deren Sitten und Gebräuchen. Und auch nicht an architektonisch bedeutenden oder geschichtsträchtigen Stätten. Nicht an Religion oder Staatsformen. Bloß mal eine Reise auf einem Frachter, bevor er in sein normales Leben zurückkehre. Auf jede tiefergehende Frage ein eindeutiges: Nein.
So fielen seine Antworten aus. Und er hoffte, sich damit ausreichend langweilig gemacht zu haben. Aber diese Versteeg scherte sich nicht um seine ablehnende Haltung, die er, wie sie fand, nur zur Schau stellte. Eine weitere Niederträchtigkeit dieser schamlosen Person. Je weniger Antworten er gab, desto mehr neue Fragen hielt sie für ihn bereit, aus denen er sich herauslavieren musste.
An einem besonders heißen Tag an Deck hatte sie ungefragt von sich und ihrem aufregenden Leben als Hippiemädchen in den Sechzigern erzählt. Steen hätte lange überlegen müssen, ob ihn irgendetwas noch weniger interessierte, als vom Leben eines Blumenkindes in den Wäldern Nordkaliforniens zu erfahren. Trotzdem löste diese Person etwas in ihm aus. Das war so eindeutig, dass es sogar ihm auffiel. Ihm, der für menschliche Interaktion keinen Kompass besaß.
Weil sie in seine Gedanken eingedrungen war und sich dort sehr zu seinem Ungemach eingenistet hatte, sah er beim Essen immer wieder heimlich über seinen Tellerrand hinweg zu ihr hinüber. Meist trug sie ein blumengemustertes Kleid aus dünnem Seidenstoff. Auch tagsüber, an Bord, wo sie jeden Nachmittag um die gleiche Zeit ein Sonnenbad nahm. Ein Umstand, der sich schon kurz nach dem Ausschiffen in Rotterdam innerhalb der Mannschaft herumgesprochen hatte. Legte sie das Kleid ab und übergab ihren nur mit einem knappen Bikini bekleideten Körper im Liegestuhl der Sonne, war sie selten allein an Deck. Auffällig oft beobachtete Steen Matrosen, die scheinbar zufällig just in diesem Moment an Bord herumliefen oder sich an den Rettungsbooten zu schaffen machten, in Wirklichkeit aber die Holländerin anstarrten, als hätten sie schon lange kein weibliches Wesen mehr gesehen, was vermutlich sogar der Wahrheit entsprach.
Mit der Einfahrt in den Panamakanal bei Colón änderte sich das Klima. Die frischen Seewinde fielen in sich zusammen, schlagartig wurde es heiß und feucht. Schwärme von Stechmücken gingen auf das Schiff und seine Passagiere nieder. Trotzdem verfolgten das ältere Ehepaar sowie ein weiterer Passagier unbestimmten Alters das Eintreffen der Lotsen an Bord. Auch während der anschließenden Fahrt durch den Kanal verharrten sie an Deck, als sei dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst der Grund für ihre Reise.
Steen blieb wegen der elenden Mücken in seiner Kabine. Die Luft dort war beinahe unerträglich stickig. So gut es eben ging streckte er sich auf dem zu kurzen Bett aus und starrte während der zwölfstündigen Passage abwechselnd an die fleckige Decke oder versuchte aus dem Lärm der Motoren einen Rhythmus, eine Melodie herauszuhören. Zwischendrin las er ein wenig Nietzsche und fiel darüber in Schlaf. Erst als der Lautsprecher über der Kabinentür knisterte und eine Stimme in gebrochenem Englisch verkündete, man habe soeben Balboa, einen Vorort von Panama City am Ausgang des Kanals, passiert und befinde sich nun wieder auf offener See, legte er das Buch beiseite und begab sich an Deck.
Unter dem Licht eines vollen Mondes stand er ganz vorne im Bug des Schiffs. Im Rücken viertausend bunte Container und sein altes Leben. Er breitete die Arme aus und erlag einem Lachkrampf. Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, stemmte er die Fäuste in die Hüften und nickte theatralisch.
Bereit, Herr Kaleun!, brüllte er gegen den Wind. Zu einem Plan, der in Rotterdam seinen Anfang genommen und für den er kein Ende erdacht hatte. Nannte man es dann überhaupt noch einen Plan? Er hatte eine Idee, einen Wunsch, das Gefühl, etwas zu Ende bringen zu müssen. Er fühlte sich prächtig.
Vor sich hatte er das von einem abklingenden Sturm noch brodelnde Wasser des Südpazifiks. Eine Schule Weißseitendelfine kreuzte die Buglinie des Schiffs. Die Haut der Tiere reflektierte das Mondlicht. Der Geruch des Meeres umwehte ihn. Während der Deckspaziergänge in den vergangenen Wochen hatte er immer wieder innegehalten, die Luft eingeatmet und sie so tief in die Lunge gesogen, wie er nur konnte. Am liebsten hätte er nie wieder ausgeatmet. Der stete Horizont und dieser wundervoll würzige Duft – er nannte ihn Geschmack – waren es, die ihn die See lieben ließen. Viele Menschen fürchteten das Meer, für ihn war es ein ganz und gar angstfreier Raum. Mit fast schon kindlicher Freude verfolgte er die geschmeidigen Bewegungen der Delfine, fand Gefallen an ihrem ausgelassenen Treiben. Alles zusammen bescherte ihm einen kurzen Moment des Glücks. Der Panamakanal bedeutete ihm nichts, einzig die Natur vermochte sein Herz zu berühren. Pazifik … endlich im Pazifik, murmelte er halb konstatierend, halb entzückt. Dann verpasste er sich selbst eine schallende Ohrfeige.
In drei Tagen würde der Frachter Guayaquil erreichen. Dort gedachte er sich fürs Erste einzuquartieren. Ein paar wichtige Einkäufe wollte er tätigen und nach einem geeigneten Schiff zur Weiterreise Ausschau halten. In sechs Wochen erst wollte er sein endgültiges Ziel erreichen, nicht früher und nicht später, in exakt sechs Wochen. Er lag absolut im Zeitplan.
Beim Gedanken an die größte Stadt Ecuadors musste Steen sich eingestehen, nichts über deren Geschichte oder Gegenwart zu wissen. Seiner Natur entsprach dies beileibe nicht, Überraschungen waren ihm ein Graus. Vielleicht lag sein geringes Interesse daran, dass Guayaquil nicht der Endpunkt seiner Reise war. Über Floreana wusste er alles. Jedes Buch, jeden Bericht, jede Mutmaßung über die als Galapagos-Affäre bekannt gewordenen Ereignisse der Dreißigerjahre hatte er gelesen. Regelrecht aufgesogen. Besonders die Memoiren der damals in die Vorgänge verstrickten Personen. Selbst diejenigen, die nur in englischer Sprache publiziert worden waren. Was schon etwas heißen wollte, denn sprachbegabt war er nicht.
Auf Spanisch konnte er sich inzwischen leidlich verständigen. Seit er vor einigen Jahren den zunächst vagen Plan zu dieser Reise gefasst hatte, hatte er erst einen Volkshochschulkurs für Anfänger, danach noch einen für Fortgeschrittene besucht. Der dritte und letzte Teil des Sprachkurses war seiner dann doch etwas überstürzten Abreise zum Opfer gefallen. Trotzdem fühlte er sich in der fremden Sprache nicht mehr ganz so heimatlos.
Vielleicht also lag es an seiner Unkenntnis über die Millionenstadt, dass er so erschrocken war, als er nun, nach der Einfahrt der MS Paita in den Río Guayas knappe sechzig Kilometer flussaufwärts, erste Blicke auf Guayaquil werfen konnte. Nichts, was er von diesem Moment an bis zum Anlegen im Puerto Santa Ana zu sehen bekam, war dazu angetan, seine in den letzten Tagen wieder heftiger aufgetretenen Attacken, das Herzrasen und den Druck auf der Brust, niederzuhalten. Auch nicht die fröhlich anmutenden bunten Häuschen, die sich den Hügel, an dessen Fuß sie nun anlegten, hinaufzogen. Ganz oben ragte ein Leuchtturm ins schmutzige Grau des Himmels.
Der Asphalt der Docks war aufgesprungen, ein Krakelee aus feinen und weniger feinen Bruchlinien, manche Bodenplatte bereits auf Flussniveau abgesunken, andere auf dem Weg dorthin. Mit den Wellen schlugen Plastikkanister, Blecheimer, aufgeweichte Kartonagen, zerschlissene Kleidungsstücke und tote Ratten gegen das Dock. Der erste Mensch, den Steen erblickte, nachdem er mit unsicheren Schritten die Gangway hinabgewankt war, war ein Lastenträger, der sich mit dem Hintern über der Kaimauer hockend in die braunen Fluten des Guayas erleichterte.
Die Passagiere rückten an Land instinktiv näher zusammen. Fünf Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Zielen. Und doch schienen sich gerade alle dieselbe Frage zu stellen: Warum bin ich an diesem unwirtlichen Ort und wie geht es von hier aus weiter? Ruth und der kleine Herr ohne Alter hatten, wie sich erst jetzt herausstellte, von Europa aus dasselbe Hotel gebucht, das, wie der Mann betonte, erste Haus am Platz. Rein aus praktischen Erwägungen verabredeten sie, das Taxi miteinander zu teilen.
Taxis gab es in Guayaquil, das würde Steen bald feststellen, wie Ratten im Wasser des Río Guayas. Zwanzig bis dreißig der quietschgelben bis orangen Wagen parkten keine hundert Meter von der Anlegestelle entfernt. Fein säuberlich hintereinander aufgereiht standen sie da, im schmalen Schattenstreifen, den die Warenspeicher und Silos warfen. Die Fahrer lehnten an deren Wänden. Nahezu jeder rauchte. Dabei warfen sie gierige Blicke auf die Neuankömmlinge.
Steens Herz raste. Weshalb er wohl ausgerechnet beim Betreten eines fremden Kontinents an Hamburg denken musste? An seinen gewohnten Trott. Die Bank, den Vater, seine Mutter. Sie war ein halbes Jahr vor seiner Abreise gestorben. Deshalb war plötzlich alles sehr schnell gegangen. Er hatte sich selbst nicht die Möglichkeit einräumen wollen, in letzter Minute doch noch vom lange gehegten Wunsch abzulassen. Sein Vater war schon einige Jahre tot und weitere Familie hatte er nicht. Mit Freundschaften hatte er sich zeitlebens schwergetan.
Nervös nestelte er an seiner Brille. Schließlich nahm er sie ab. Er hob den Blick. Es half, wie meistens.
In diesem Augenblick schleppten zwei Männer aus der Besatzung seine Koffer und kurz darauf auch die Seemannskiste an Land. Er bedankte sich bei den beiden mit einem Kopfnicken. Das Trinkgeld, das sie allem Anschein nach eher erwartet hätten, verweigerte er. Ohne sich von den Mitreisenden zu verabschieden, winkte er in Richtung der Taxis.
Der winzig kleine Mann mit der Basecap auf den Locken und der verspiegelten Brille auf der Nase, der nur Sekunden später aus der Fahrerkabine hüpfte, sah an ihm hoch, bis er den Zettel bemerkte und die darauf in perfekter Schreibschrift notierte Adresse erfasst hatte. Einen Wimpernschlag lang schien er zu überlegen. Steen entging dieses leichte Zögern nicht.
Der Taxifahrer machte nicht den Eindruck, als stelle ihn die angegebene Adresse vor Probleme. Eher schon, als schätze er ab, ob dieser bleiche Mann mit dem Strohhut auf dem flammend roten Haar zu dem Ort passte. Das Zaudern wich schließlich einem fröhlichen Geplapper. Der Mann griff nach den beiden Überseekoffern und wuchtete sie auf die Ladefläche seines Pick-ups. Die Seemannskiste, die Steen noch kurz vor seiner Abreise in Altona gekauft hatte, bereitete ihm schon mehr Mühe. Kurzerhand zog er sie hinter sich her übers Pflaster zum Wagen und warf seinem Fahrgast von dort einen auffordernden Blick zu. Zusammen hievten sie die schwere Kiste zu den Koffern.
Der Mann quasselte während der gesamten Fahrt in einer Mischung aus bruchstückhaftem Englisch und spanischer Muttersprache. Ohne Unterlass bis zu ihrer Ankunft irgendwo mitten auf dem Cerro Santa Ana. Über die Stadt sprach er, deren freundliche Menschen und das herrliche Wetter. Besonders aber über die schönen Frauen von Guayaquil, von denen er einige besonders prächtige Exemplare kenne, die er dem Fremden auf Wunsch gerne vorstellen würde, am Abend vielleicht, wenn die Sonne untergegangen wäre und Guayaquil einiges zu bieten hätte. Inmitten des Wortschwalls versteckten sich immer wieder kurze Fragen, die Steen zunächst gar nicht als solche identifizierte. Für ihn verschwammen die Außengeräusche mit dem Geplapper des Taxifahrers zum Sound Guayaquils. Nur wenn er durch die Wiederholung einer dieser Fragen aus seinen Gedanken gerissen wurde, antwortete er. Allerdings kaum ausführlicher als mit einem Sí oder No, einem Yes oder No.
Inzwischen hatte er sich eine Sonnenbrille ohne Sehstärke aufgesetzt, dafür den Strohhut mit der breiten Krempe abgenommen und neben sich auf den Plastikbezug der Sitzbank gelegt. Das Haar klebte ihm an der Stirn, von Zeit zu Zeit rann ihm ein Schweißfaden übers Gesicht und tropfte von der Kinnspitze auf die Hose. Er spreizte die Beine. Das Taschentuch hielt er wie eine nasse Badehose zwischen zwei Fingern von sich weg. Seine Haut war eins geworden mit der Kleidung.
Die Stadt war heiß und stickig. Sie roch nach feuchtem Putz, nach Ausscheidungen und fauligem Wasser. Es war laut wie im Maschinenraum des Frachters, den er gerade verlassen hatte. Auf den Straßen herrschte Krieg. Wie Guayaquil aussah, wie es sich vom Hafen stadteinwärts und dann den Hügel hinauf veränderte, nahm er nicht bewusst wahr. Während der halbstündigen Fahrt sah er kaum einmal aus dem Fenster, die unbekannte Umgebung hätte ihn bloß weiter verunsichert. Stattdessen schloss er hinter der Brille die Augen, spitzte die Lippen und sehnte sich nach Privatsphäre, etwas zwischen sich und diesem Moloch, vier Wände mit einer abschließbaren Tür. Ein geschlossener Raum und Stille – endlich wieder Stille!
Der Empfang beunruhigte ihn nicht. Kaum stand er vor Señora Obando, der Besitzerin einer Sieben-Zimmer-Pension auf dem Cerro Santa Ana, verzog sich das Gesicht der rundlichen Frau, die ihrerseits noch einmal kleiner als der Taxifahrer war, auch schon zu einer schiefen Grimasse. Nicht angewidert, sondern belustigt war sie, was er erst sicher wusste, als sich ein Gekicher Bahn brach, wie man es sonst nur von kleinen Mädchen hörte. Ein Anfall, der nicht mehr abebben wollte und der ihn, ob seiner Dauer, dann doch verunsicherte. Was in aller Welt war an ihm so lustig, dass auch der Taxifahrer in seinem Rücken trotz der Lasten des Gepäcks nicht anders konnte, als in das Lachen einzustimmen? Hatten die beiden Winzlinge noch nie einen Mann gesehen, der die Zwei-Meter-Marke um ganze vier Zentimeter überstieg? Wenn seine Körpergröße der Grund wäre, würde er in den kommenden Wochen für erhebliche Erheiterung auf Guayaquils Straßen sorgen, aber irgendetwas sagte ihm, dass es nicht allein daran lag. Den Hut hielt er in der Hand, auch der konnte nicht der Grund sein, außerdem sollte man in diesen Breitengraden, anders als in seiner Heimat, an Männer mit Hüten gewöhnt sein. Er sah an sich hinab. Er trug braune Budapester. Als er das Schiff verlassen hatte, waren sie noch sauber gewesen. Sein Anzug war weiß. Es war für Außenstehende unmöglich festzustellen, wie sehr er unter dem Futter schwitzte. Das Tuch befand sich in einwandfreiem Zustand. Waren es vielleicht die breiten Hosenträger, die er anstelle eines Gürtels trug? Die Hose, das gab er gerne zu, hätte auch eine Konfektionsgröße kleiner nicht gezwackt. Er war ratlos.
Endlich beruhigten sich die beiden wieder. Señora Obando wandte sich um und eilte ihm voraus die Treppe hinauf. Sie trug keine Schuhe an den Füßen.
Das Zimmer befand sich im ersten Stock am Ende des Flurs. Den Tipp für diese Bleibe verdankte Steen einem pensionierten Seemann aus Hamburg und es war nicht der einzige gewesen, den der Glatzkopf ihm gegeben hatte. Nicht alle stufte Steen als nützlich ein. Die Wirtin stieß die Tür auf. Steen hielt die Luft an. Dann die Erleichterung: Das Zimmer war klein, aber sauber und vor allem ruhig. Ruhiger jedenfalls als jeder Meter, durch den er in dieser ersten Stunde gekommen war. Das Fenster zum Hinterhof war schmal und geschlossen, eine Klimaanlage hielt das Zimmer angenehm kühl, allerdings schepperte sie blechern.
Steen zahlte den Taxifahrer, nachdem der mithilfe eines Jungen von der Straße das restliche Gepäck die Stiege hinaufgewuchtet hatte. Mit Koffern und Seemannskiste in der einen Ecke war das Zimmer nochmals kleiner. Er drückte die Tür ins Schloss und lehnte sich von innen gegen das Türblatt. Sein Atem ging unregelmäßig. Je mehr er sich dessen bewusst wurde, desto mehr geriet er aus dem Rhythmus. Er versuchte, sich zu beruhigen, drückte die Schulterblätter nach unten, versuchte, die Tür in seinem Rücken zu spüren, atmete bewusst in den Bauch. Ein Zittern erfasste ihn, von der Unruhe im Fuß ausgehend über die Wade bis hinauf in Arme und Hände steigend. Er spreizte die Finger der linken Hand ab. Die andere griff ins Sakko und umfasste das kleine goldene Döschen.
Zwei Wochen später zwang eine selbst für Guayaquil ungewöhnliche Hitzewelle jede menschliche Aktivität in ein Korsett der Trägheit. Steen hatte sich mit seiner Umgebung so gut es ging arrangiert. Das lag auch daran, dass er sich tagtäglich in der Kunst des Wegsehens schulte. Wie heruntergekommen die Gegend rund um seine Pension oder der Hafen, den er beinahe täglich aufsuchte, tatsächlich waren, fiel ihm immer seltener auf. Das Wegsehen half vor allem gegen die Bettler auf den Straßen. In den ersten Tagen seines Aufenthalts hatte immerzu jemand an ihm herumgezerrt, wurden ihm Pappbecher entgegengestreckt, machten die aus dem sozialen Netz Gefallenen mit Gesten der Hilflosigkeit auf eine Behinderung oder gar Verstümmelung aufmerksam, deuteten sie mit den Fingern zum Mund, um auf ihre leeren Mägen hinzuweisen. Er hatte durch sie hindurchgesehen. Es waren ihrer einfach zu viele, als dass ein einzelner Tourist ihre Armut hätte mildern können. Inzwischen kannten die Bettler auf dem Cerro den Deutschen im Anzug – schließlich nahm er jeden Tag denselben Weg. Sie machten sich erst gar nicht mehr die Mühe, ihr Schauspiel aufzuführen, wenn seine hagere Silhouette auf der Straßenkuppe auftauchte. Ins Wanken geriet er, wenn Kinder das Tableau des Elends bevölkerten. Halb nackt hockten sie am Straßenrand und flehten mit laufenden Nasen und entzündeten Augen um etwas Geld. Dann fühlte er sich schlecht. Manchmal, wenn nicht zu viele von ihnen in der Nähe waren, verteilte er ein paar 500-Sucre-Scheine, was in etwa einem Achteldollar entsprach. Um all das Elend, dem er hier auf Schritt und Tritt begegnete, auch nur halbwegs lindern zu können, hätte er Milliardär sein müssen. Und davon war er so weit entfernt wie diese Kinder von einem Aufwachsen in Geborgenheit. Ein Bankangestellter aus Hamburg-Eimsbüttel, das war er zeitlebens gewesen. Mit geringen Ersparnissen zu Beginn des Jahres in Frührente gegangen. Das schmale Erbe seiner Mutter finanzierte ihm diese Reise ins Ungewisse.
Wie jeden Tag verließ er die Pension gegen acht am Morgen. Gegenüber, im Lebensmittelgeschäft, bestellte er einen Becher Kaffee mit extraviel Milch und einem Stück Zucker. Zwischen eine Lieferung Obstkisten und einer von Kreppband zusammengehaltenen Tiefkühltruhe gequetscht, wartete er, bis der Kaffee etwas abgekühlt war. Dabei studierte er die Titelseite von El Universo, Guayaquils einziger Tageszeitung. Nicht weil ihn die aktuellen Ereignisse rund um den Globus interessierten, sondern um sein Spanisch zu trainieren.
Nach dieser ersten Routine des Tages lief er auch heute, häufig die Straßenseite wechselnd, damit seine bleiche Haut so wenig wie möglich der Sonne ausgesetzt war, den Cerro in Richtung Malecón hinunter. Nachts das Terrain der Prostituierten und Dealer, war die Gegend bei Tag ein nach verbrauchter Lust stinkendes Armutsviertel. Auch in Sankt Pauli hatte er sich fremd gefühlt, in der Millionenstadt am Río Guayas aber war das Gefühl des Nichtdazugehörens noch mal stärker, tiefgreifender und auch etwas angsteinflößend. Vor den Häusern standen leere Bierfässer und aufgestapelte Kisten. Der gröbste Dreck der Nacht lag zu Haufen zusammengekehrt in unregelmäßigen Abständen auf der Straße. Bereit zur Abholung, wenn nicht wieder einmal gestreikt wurde. An manchen Tagen folgte auf das Müllauto ein Tanklaster, der Straßen und Bürgersteige abspritzte.
Neben einem besonders hoch aufgetürmten Müllhaufen stolperte Steen über ein Bündel Hühner. An den Füßen zusammengebunden lagen sie im Staub der Straße und schlugen mit den Flügeln. Daneben verweste ein Schafskopf, die Augen waren bereits aus den Höhlen gefressen. Er beschleunigte seinen Schritt.
In früheren Jahren, bevor man den neuen Hafen außerhalb des Zentrums in Betrieb genommen hatte, war über den Malecón nahezu der gesamte Warenverkehr von Guayaquil abgewickelt worden. Heute legten hier kaum noch größere Schiffe an. Die Uferpromenade präsentierte sich zweigeteilt. Ein Abschnitt wurde gerade komplett umgestaltet. Der andere, jener, den er täglich aufsuchte, befand sich nach wie vor in marodem Zustand. Ganze Steinquader waren einfach in den Río Guayas abgerutscht.
Der neue Bürgermeister hatte wohl große Pläne und auch schon mit der Umsetzung begonnen. Das hatte er in den bisher vierzehn Tagen seines Aufenthalts häufig gehört und mit eigenen Augen gesehen. Doch bevor das neue Zeitalter eingeläutet werden konnte, verstärkten die vielen Baustellen das Chaos erst einmal. Ein noch mal deutlich erhöhter Lärmpegel, noch mehr Staub, Gestank und verstopfte Straßen. Stress für alle, Bewohner wie Besucher. Er war jedes Mal froh, wenn er aus der Hektik des Umbruchs wieder in sein unsaniertes Viertel einbog.
Auf dem Malecón klapperte er bis zum Mittag die Büros der Schifffahrtsgesellschaften ab. Man kannte ihn dort schon. Er war auf der Suche nach einem geeigneten Schiff mit Ziel Floreana. Nur wenige Frachtschiffe liefen die kleine Insel überhaupt an, außerdem gehörte Personentransport zur absoluten und meist auch unzulässigen Ausnahme bei dieser Art von Schiffen. Die Fahrten zu den Galapagosinseln kamen nicht selten spontan zustande. Fahrpläne gab es nicht. Zumindest keine, die man Leute wie ihn einsehen ließ. Dringend benötigtes Baumaterial konnte zu einer vorher nicht geplanten Überfahrt führen. Es musste einfach nur ausreichend lukrative Fracht auflaufen, um ein Schiff bereitzustellen. Dann aber, wenn Geld lockte, konnte alles ganz schnell gehen. So schnell, dass er, so hatte man ihm versichert, sich schon würde sputen müssen, um in diesem Fall rechtzeitig vor Ablegen an Bord zu sein.
Wenn er die Büroangestellten nach der Manuel y Cobos fragte, mit der er gerne übersetzen würde, blickte er in ratlose Gesichter. Ein Schiff dieses Namens schien keinem der Angestellten bekannt zu sein. Bis er in seiner zweiten Woche auf einen ausgemusterten Seemann traf, der als Türsteher vor einer Kneipe Dienst schob. Der Alte hatte auf seine Nachfrage hin etwas in seinen struppigen Bart gebrummt, das er kaum verstanden hatte. Am ehesten noch gab das Gemurmel Auskunft über das Sinken eines Schiffs gleichen Namens vor langer Zeit.
Wenn überhaupt, so teilte man ihm in den Büros mit, dann würde für seinen Wunsch am ehesten die Virgen de Montserratte infrage kommen. In jedem Fall würde ihn die Überfahrt einhundertfünfzig Dollar kosten, mit welchem Schiff auch immer. Die Büroangestellten schienen zu hoffen, ihn über den Preis abschrecken zu können. Passagiere verkomplizierten ihre Arbeit bloß. Der Preis war zudem – selten genug für diese Region der Welt – nicht verhandelbar und – noch eigentümlicher – bei allen Büros, in denen er in den letzten zehn Tagen vorstellig geworden war, gleich hoch.
Warum fliegen Sie nicht nach Baltra auf San Cristóbal und nehmen von dort die Fähre?, lautete eine Frage, die ihm gut ein Dutzend Mal gestellt und sogleich begründet wurde. Das ist weitaus billiger, schneller und komfortabler noch dazu. Die Überfahrt auf einem Frachter, da machen Sie sich mal nichts vor, ist nichts für Anfänger. Unsere Schiffe sind keine Luxusliner, wie ihr sie aus Europa kennt. Außerdem kann der Pazifik ein ausgesprochen unangenehmer Ort werden für Landratten wie Sie.
Während man die Gefahren vor ihm auffächerte, lächelte Steen stets freundlich. Die Warnungen erreichten sein Ohr, seinen Entschluss änderten sie nicht. Er kannte die Gefahren auf See, wenn auch vorerst nur aus Büchern und von Kanutouren auf diversen Seen, aber was wussten diese Leute schon von seiner Mission, in manchen Augenblicken begriff er ja selbst kaum, dass er es sich wirklich getraut hatte. Und mit seinem zweiten Ansinnen ging er sogar noch weiter. Ihm war überaus wichtig, gewisse Abläufe exakt einzuhalten. Abläufe, die ihm – so seine Idee – das Einfühlen in sein kommendes Leben erleichtern würden. Eigentlich waren sie sogar schon ein Teil davon.
Unter den Angestellten führte diese weitere Bedingung zu Mutmaßungen. Der ohnehin schon als seltsam verspottete Deutsche wollte nicht nur als Passagier auf einen Frachter, er hatte zudem noch ganz genaue Vorstellungen vom Termin seiner Abreise. Unter allen Umständen sollte das Schiff am 31. August auslaufen und – noch wichtiger – exakt am 4. September auf Floreana eintreffen. Die Spekulationen, was hinter diesem Wunsch stecken mochte, schossen bei den Agenturmitarbeitern ins Kraut und sorgten für reichlich Erheiterung und somit für etwas Abwechslung im Einerlei ihres Arbeitslebens.
Mittags kehrte er, wie auch die Angestellten der umliegenden Firmen, in eine der zahlreichen, überaus preiswerten Hafenkneipen ein. Während die Männer und Frauen am Verkaufstresen auf ihre bestellten Sandwiches oder Suppen warteten, deuteten sie im Gespräch untereinander häufig mit dem Finger auf den an einem der wenigen Tische sitzenden Deutschen. Bemerkte er ihre Blicke, lächelten sie ihm freundlich zu. Manche bildeten aus kleinem Finger und Daumen ein Telefon, das sie sich wackelnd ans Ohr hielten. Er hatte zur Kontaktaufnahme die Nummer eines geliehenen Mobiltelefons hinterlegt.
Steen aß meist Ceviche und einen Teller Suppe. Dazu trank er ein lokales Bier. Der Rechnungsbetrag lag bei umgerechnet zwei Dollar, so viel hatte er für sein tägliches Mittagessen einkalkuliert.
An diesem Tag wich er von seinen Routinen ab. Nach dem Mittagessen machte er sich auf zu einem Geschäft in der Avenida Eloy Alfaro, spezialisiert auf den Verkauf von Faltbooten, Kanus und Kajaks. Nach Beratung und Probesitzen erstand er ein gebrauchtes gelbes Kajak, das er sich in seine Pension liefern ließ. Er zahlte in bar und lief trotz der Schwüle noch rüber zur Touristeninformation. Den Namen verdiente der Laden, den er kurz darauf betrat, eher nicht. Prospekte, Angebote zu Stadtführungen oder Souvenirs suchte man vergebens. Ein spärlich möblierter Raum, verblichene Poster an den Wänden und zwei Schreibtische aus den Anfängen der Bürokultur. Die diensthabende Dame mittleren Alters aber verkaufte Karten für Kulturveranstaltungen.
Steens Pensionswirtin hatte ihn auf die Möglichkeit sogenannter Last-Minute-Tickets aufmerksam gemacht, die man ausschließlich in diesem Büro und nur für den gleichen Abend, dafür aber zu einem reduzierten Preis schießen könne. Das war ihre Wortwahl gewesen: schießen. Deshalb war er hier. Er wollte ein Billett schießen und brauchte außerdem noch ein Zugticket für den folgenden Tag.
Er sehnte sich regelrecht nach einem klassischen Konzert oder einer Opernaufführung. In Hamburg war er regelmäßig Gast der Staatsoper, über Jahre hinweg sogar treuer Abonnent gewesen. Bereits auf der Überfahrt hatte er den Verlust betrauert. Er brauchte gute Musik wie andere Leute die Gesellschaft Gleichgesinnter. Allein aus diesem Grund war ihm nahezu gleichgültig, wen oder was er hören würde. Die Vorfreude auf einen Opern- oder Konzerthausbesuch würde ihn für vieles entschädigen, dem er sich hier tagtäglich ausgesetzt fühlte.
Sein Einsatz wurde belohnt. Er ergatterte ein Ticket für das Jugendorchester Simón Bolívar unter der Leitung von Gustavo Dudamel. In Europa erschienen schon seit einiger Zeit wahre Elogen über den jungen Dirigenten. Man handelte ihn als Wunderkind und als den nächsten Superstar im weltweiten Musikzirkus. Steen erinnerte sich an eine hymnische Kritik in der Opernwelt. Er war außer sich vor Freude. Und dann auch noch Mahler.