Steafanie Flamm
Monika Dietrich-Bartkiewicz
Alles dauert ewig, und die Hälfte misslingt.
Aber es gibt nichts Schöneres als Gärtnern
Knaur eBooks
Stefanie Flamm, 1970 in Aachen geboren, hat Geschichte, Slawistik und Jura studiert, war Redakteurin der Berliner Seiten der FAZ und Reporterin des Berliner Tagesspiegel. 2006 kam sie zur ZEIT. Nach neun Jahren im Reiseteil, ist sie seit 2015 Redakteurin im Ressort »Entdecken«, wo sie nach alltagsnahen Geschichten sucht, die das Große im Kleinen finden. Stefanie Flamm hat drei Kinder und seit ein paar Jahren auch ein Hobby: ihren Garten in der Uckermark/Brandenburg. Aus dem berichtet sie regelmäßig in ihrer ZEIT-Kolumne »Auf dem Boden der Tatsachen«. Sie lebt in Berlin.
Die Künstlerin Monika Dietrich-Bartkiewicz wurde 1980 in Lomza in Polen geboren. Als Kind wuchs sie umgeben von Wäldern und einem großen Garten auf und entwickelte schon früh eine Verbundenheit zur Natur. Sie besuchte das Kunstgymnasium und entschied sich für das Studium der Architektur in Posen. Als Architektin arbeitete sie in Belfast, London, Köln und Hamburg. In ihren großflächigen Bildern finden sich dynamische Momente im Sport, aber auch ruhige Perspektiven auf Naturmotive. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Originalausgabe März 2022
© Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG
© 2022 Knaur Verlag
© 2022 der E-Book-Ausgabe Knaur eBooks
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Illustrationen auf dem Cover und im Innenteil von Monika Dietrich-Bartkiewicz
ISBN 978-3-426-46485-4
Am Anfang war das Mäusegrab. Es umfasst 20 mal 20 Zentimeter, hat eine hübsche Einfassung aus Kieselsteinen, ein kleines Holzkreuz und ist mit ein paar merkwürdig fleischigen Sukkulenten bepflanzt. Die Kinder haben es vor vielen Jahren angelegt, um der ersten toten Maus, die sie auf unserem Grundstück gefunden hatten, die letzte Ehre zu erweisen. Auch die zweite tote Maus und ein erfrorenes Goldhähnchen wurden ähnlich ambitioniert bestattet. Danach haben die Kinder die Begräbnisfeierlichkeiten zum Glück eingestellt. Sonst hätten wir heute keinen Garten, sondern einen Friedhof.
Es wird ja viel gestorben auf dem Land. Die Vogel frisst den Wurm, der Marder frisst den Vogel und wenn’s dann auch den Marder erwischt, kommen die Ameisen und irgendwann liegt da nur noch ein sauber abgenagtes Skelett. Die halben Ringelnattern und zerstückelten Echsen, die die Kraniche im Herbst zurücklassen, wenn sie sich Anfang Herbst auf ihre große Reise machen, harke ich inzwischen einfach auf den Kompost. Am Ende wird ja alles Dünger und den kann man gut brauchen, vor allem in einer Gegend wie der Uckermark, die von Natur aus nicht viel fruchtbarer ist als die kasachische Steppe.
Das erzähle ich nicht, um Ihnen mit meinen Worten noch mal zu sagen, was Sie wahrscheinlich längst wissen, nämlich dass im Garten das Werden und Vergehen recht nah beieinander liegen, weshalb man hier lernt, der Vergänglichkeit mit heiterer Abgebrühtheit zu begegnen. Ich erzähle es vor allem, weil die winzigen Kleintiergräber in den ersten Jahren die einzigen Stellen waren, die bei uns so etwas wie gärtnerische Ambition erkennen ließen. Ich hatte zwar sehr lange und phasenweise auch sehr verzweifelt nach diesem Stück Land gesucht, doch als ich es dann endlich gefunden hatte, war ich erst mal überwältigt von der Aufgabe, die ich mir da aufgehalst hatte.
Man kann einen Garten nicht bepflanzen wie einen Balkon: Blumen rein und immer schön gießen. Es reicht auch nicht, alle paar Wochen vorbeizukommen, um zu schauen, was da so wächst. Dann wächst nämlich nur, was man nicht will, davon aber ziemlich viel. Man braucht also einen Plan oder besser gesagt, viele Pläne, denn die ersten basieren in der Regel auf falschen Vorstellungen. Englische Landschaftsgärten sind toll, brauchen aber leider englisches Wetter. Mediterrane Träume sind in der Regel nach dem ersten harten Winter ausgeträumt.
Auch die Vorstellung, hier draußen erwarte einen die große Freiheit, gehört in die Kategorie weit verbreitetes Missverständnis. Letztlich ist hier draußen alles noch viel komplizierter als in der großen Stadt. Dort hängt zwar auch alles mit allem zusammen, aber wir haben uns das Leben, Stichwort Arbeitsteilung, so eingerichtet, dass man das nicht so merkt. Im Garten ist man sofort verloren, wenn man nur macht, was man gut kann oder gerne tut. Wer Blumen setzen will, muss dafür sorgen, dass der Boden stimmt, ein Kräuterbeet braucht einen anderen Boden als ein Blumenbeet. Auch die Himmelsrichtung, der Sonneneinfall, die Regenmenge all das gilt es zu beachten. So viele Experten kann man gar nicht kommen lassen.
Mach dir die Erde untertan? Ich kenne viele Gärtnerinnen und Gärtner, die sich als die Gebieter ihres Gartens betrachten. Doch in Wahrheit ist ja überhaupt nicht klar, wer hier die Untertanin ist. Man verteidigt, bisweilen bis unter die Zähne bewaffnet, die von einem selbst geschaffene Ordnung gegen die Natur und kann doch nur machen, was sie einem gestattet. Kein Rhododendron gedeiht im Kalk, kein Himbeerstrauch im Vollschatten. Dort, wo vor Kurzem mal ein Nadelbaum stand, ist die Erde in der Regel so sauer, dass sich außer Heidelbeeren nur wenige Pflanzen wohlfühlen.
Auch Zeit ist eine irritierende Dimension: Will ich im Frühjahr Krokusse sehen, muss ich sie im Herbst setzen, will ich in zehn Jahren unter einem Apfelbaum sitzen, sollte ich ihn längst gepflanzt haben. Ob er sich so entwickelt, wie ich mir das vorstelle, hängt auch an einem günstigen Standort von vielen Dingen ab, die ich nicht beeinflussen kann. Eine Krankheit kann ihn dahin raffen, ein aggressiver Schädling kann ihn befallen. Und dann fängt man wieder von vorne an.
»Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better«, lautet ein Diktum, das dem frühen Samuel Beckett zugeschrieben wird. Im ungekürzten Originaltext klingt es ein bisschen komplizierter und lange nicht so zupackend, wie ich es oft interpretiert wird. Sagen wir es also so: Mit den Jahren lernt man, die schlimmsten Fehler zu vermeiden, aber man sollte im Garten nie davon ausgehen, dass man alles richtig gemacht hat. Und aus Erkenntnis, dass man die Dinge hier nicht vollständig im Griff haben muss, weil man sie gar nicht vollständig im Griff haben kann, erwächst eine große Freiheit und ein großes Glück.
Auch darum geht es in diesem Buch.
Im Garten passieren manchmal merkwürdige Dinge. Ein Baum, der sich jahrelang tot stellte, schlägt plötzlich wieder aus. Oder eine schier unverwüstlich wirkende Staude vergeht sang- und klanglos – und man weiß nicht, warum. Einen Garten zu haben heißt, mit vielen Unbekannten zu rechnen. Selbst die eigenen Vorlieben und Abneigungen sind ziemlich volatil. Ich zum Beispiel bin gerade dabei, mir Rhododendren schönzugucken, obwohl ich diese Pflanzen lange gering geschätzt habe.
Wenn sie blühten, waren sie mir zu bunt; wenn sie nicht blühten, also etwa elf Monate pro Jahr, missfielen mir ihre dunklen, ledrigen Blätter und der ausladende Gestus, mit dem sie im Garten herumstehen. Ich weiß von Gärtnern – kein generisches Maskulinum, es sind wirklich immer Männer! –, die glauben, ohne eine gewisse Anzahl dieser selbstbewussten Gewächse fehle einem Garten Rückgrat, aber das hat mir nie eingeleuchtet. Denn wem gab der Rhododendron Halt, wirklich dem Garten oder eher dem Gärtner, der eine Pflanze hätschelte, die alle Welt als teuer und heikel kennt?
Ich hielt es jedenfalls eher mit der Schriftstellerin und Gartengestalterin Vita Sackville- West, die ihre raumgreifenden Rhododendren mit den zu ihrer Zeit noch »dicken Bankern« in der Londoner Innenstadt verglichen haben soll. Ich wäre bis vor Kurzem noch weiter gegangen und hätte behauptet, Rhododendren führen sich auf wie eine Großbank vor dem Crash: too big to fail. Ständig drohen sie: Gib mir Wasser! Gib mir Schatten! Gib mir einen Boden, dessen pH-Wert exakt 4,4 beträgt! Sonst mach ich mich vom Acker.
Sollten Sie mich diesen Sommer dennoch dabei erwischen, wie ich meine Kinder an heißen Tagen zwinge, abends mit einer Wasserspritze das hitzeempfindliche Grün eines leicht apricotfarben blühenden Rhododendrons der Sorte Soir de Paris zu benetzen, möchte ich hier zu Protokoll geben: Sie machen es nicht für mich, sie machen es für all die Vögel, die uns im vergangenen Winter ans Herz gewachsen sind. Und es ist auch nur ein Versuch. Das muss ich wohl erklären.
Die Vorbesitzer unseres Hauses hatten die Angewohnheit, ihre Christbäume im Januar in den Garten zu pflanzen, am liebsten direkt vor die Fenster, und als dort kein Platz mehr war, fanden sie andere für schnell wachsende Nadelgehölze denkbar ungeeignete Orte. Die meisten dieser Bäume haben wir nach und nach gefällt und der Kirche und dem Dorfgasthof als Weihnachtsbäume geschenkt. Nur die letzten beiden, wirklich ausnehmend scheußlichen, in den unteren Metern weitgehend kahlen Exemplare wollte keiner haben. Wir hatten schon beschlossen, sie zu Brennholz zu machen, als im vergangenen Januar plötzlich eine Drossel in ihrem Geäst auftauchte. In Erwartung eines milden Winters hatte sie sich nicht auf den Weg nach Süden gemacht. Kurz danach entdeckten wir eine Amsel, wenig später kamen noch ein halbes Dutzend Blaumeisen und ein kleiner Schwarm Sperlinge dazu.
Vögelgucken war fortan unsere Corona-Meditation, die uns zu der schmerzlichen Einsicht führte, dass in diesen beiden eigentlich für die Kettensäge bestimmten Bäumen mehr Tiere leben als in allen Vogelnährgehölzen, die wir in den vergangenen Jahren gepflanzt haben. Wir können sie nicht mehr fällen, ohne ein mittelschweres Artenschutzdelikt zu begehen. Wir wollen aber auch nicht länger auf ihre kahlen Stämme schauen. Also muss davor irgendwas wachsen. Warum also keine Rhododendren? Vor den Fichten ist es feucht und schattig, und der Boden ist wegen der vielen Fichtennadeln hinreichend sauer.
Stimmt alles, sagen sie in einem Hamburger Gartenfachbetrieb, den ich konsultiere. Doch leider seien Fichten Flachwurzler, wie Rhododendren, weshalb sich ihre Wurzeln schnell in die Quere kämen. »Warum hauen Sie die Fichten nicht einfach um?« Ich erkläre die Lage, woraufhin der Fachmann sich zu einem gequälten »Okay« durchringt. »Dann machen Sie bitte alles genau so, wie ich es Ihnen jetzt sage«: Ein Pflanzloch ausheben, das viermal (vier Mal!!) so breit und viermal so tief ist wie der Wurzelballen. Die verbrauchte Erde durch frischen Humus ersetzen, den pH-Wert messen und, wenn er zu hoch ist, Tannennadeln oder Kompost aus Buchenblättern dazugeben. In den ersten Monaten nach der Pflanzung täglich mäßig gießen.
Und das ist erst der Anfang. Ich sehe mich schon, wie ich meine Sommernächte in irgendwelchen Rhododendren-Foren verbringe: Wie soll ich sie düngen, organisch oder, furchtbarer Gedanke, doch mit Chemie? Womit darf ich gießen, nur mit Regenwasser, oder geht auch das aus der Leitung, obwohl das in unserer Gegend schon ziemlich kalkhaltig ist? Muss vielleicht irgendwann ein Vlies über den empfindlichen Wurzelbereich? Oder reicht Mulch? Doch was soll ich tun? Ich habe halt nicht nur einen Vogel, sondern gleich mehrere und deshalb gerade nicht die Wahl.
Im April Tomaten auf der Fensterbank, Buschbohnen und Rote Bete im Freiland aussäen. Löwenzahn ausstechen, solange er noch klein ist.