MICHAEL WALLNER wurde 1958 in Graz geboren und hat als Schauspieler und Regisseur gearbeitet. Er lebt seit 1997 als Roman- und Drehbuchautor in Berlin. Von ihm sind u. a. die Romane »Manhattan fliegt« (2000), »Cliehms Begabung« (2000) und »Finale« (2003) erschienen. International bekannt wurde er durch den bis heute in 24 Länder verkauften Bestseller »April in Paris« (2006).
Anna lachte und wandte sich nach links, um dem schroffen Wind den Rücken zu kehren. Der Mann vor ihr faltete sein Handtuch, legte es auf die Schuhe und trat an den Rand. Statt sich mit Wasser nass zu machen, griff er in den Schnee und rieb die Brust damit ein. Begleitet von den mitleidigen Glückwünschen der Umstehenden, spannte er das Kreuz, zog die Arme an, schnellte im Sprung nach vorne und verschwand im schwarzen Wasser. Eisstückchen schwankten gegeneinander, Anna sah zu, wie der Mann bis ans Ende seines selbst geschaffenen Beckens tauchte und hochkam. Sein Bart, eben noch weiß und struppig, schmiegte sich grau an die Backen. Seelenruhig begann er im Kreis zu schwimmen.
»Er sollte Bademeister werden«, rief die Frau neben Anna und klappte den Pelzbesatz ihrer Mütze über die Ohren. »Dann könnte er Eintritt verlangen.«
»Die Moskwa gehört allen«, antwortete einer mit Brille, sein Regenschirm wurde vom Schneewind zur Seite geknickt. Anna wich den Drahtspießen aus und beobachtete, wie der Bärtige mit immer schnelleren Stößen gegen die Kälte anschwamm. Sie drängte aus der Gruppe und lief auf das Ufer zu. Unter dem Krasnopresnenskaia-Kai stieg sie die vereiste Treppe hoch und erreichte kurz darauf die Haltestelle des Busses, der sie nach Hause brachte. Während der Fahrt unterhielten sich die Leute darüber, dass es wärmer würde, morgen sollte das Thermometer auf unter minus dreißig Grad steigen. Das bedeutete, auch für die Kleinen waren die Kälteferien zu Ende. Anna nickte zufrieden; dass Petja nicht zur Schule musste, hatte manches in Unordnung gebracht.
Mit einem Ruck verließ der Omnibus die mittlere Fahrbahn. Anna bemerkte den Milizionär, der das schwere Fahrzeug beiseite winkte; am Ende des Prospekts tauchte ein dunkler Wagen auf, der rasch näher kam. Der Bus trudelte auf die rechte Seite, schon war der Tschaika hinter ihnen, nun auf gleicher Höhe, Anna sah eine ondulierte Dame auf dem Rücksitz mit einer Zeitschrift auf dem Schoß; das Fahrzeug schoss vorüber. Obwohl auch der Milizionär erkannt haben musste, dass lediglich ein weiblicher Fahrgast darin saß, salutierte er hinter dem Tschaika her.
Am Filjowski-Park stieg Anna aus. Die Reihe der Wartenden an der Ecke zeigte ihr, dass die Pfirsichkonserven eingetroffen sein mussten. Ob sie sich anstellen sollte? Es wäre die vierte Schlange dieses Tages. Anna verscheuchte den Gedanken ans Pfirsichkompott, bog in ihre Straße ein und betrat das Haus Nummer sieben. Im dritten Stock schloss sie die Wohnungstür auf.
»Hast du Toilettenpapier bekommen?«, fragte ihr Vater.
»Nein, Genosse, ich habe kein Toilettenpapier bekommen«, antwortete Anna im Ton einer Pionierin.
»Wenn du denkst, wir können weiterhin Zeitungspapier verwenden, irrst du.« Mit ausgebreiteten Armen wies Viktor Ipaljewitsch von einem Ende der Wohnung zum andern. »Das Papier in den Fenstern ist undicht geworden, ich musste es ausbessern.«
»Auch im Zimmer?« Anna stellte ihre Tasche auf den Tisch.
»Im Zimmer, in der Küche, wo du willst.« Da seine Tochter die Geste nicht wahrnahm, ließ er die Arme sinken, holte das dunkelbraune Brett vom Regal und stellte die Figuren auf. Seine Schirmmütze, die er auch in der Wohnung aufbehielt, ließ ihn jünger wirken; lediglich der Kinnbart verriet, dass der Lyriker Viktor Ipaljewitsch Zasuchin grau geworden war.
Anna hob die Nase. »Hast du wieder gebrannt?« Ihre Augen wurden schmal, die blauen Pupillen verdunkelten sich.
»Das ist kein Grund, den eigenen Vater anzusehen wie einen Renegaten.«
Er wollte ihr den Zugang zur Küche verwehren, Anna war schneller. Auf dem Herd fand sie das verräterische System aus Blechröhren; eine ausgebeulte Teekanne diente als Kondensator, im Topf darüber kühlte der einfach Gebrannte, der im nächsten Arbeitsgang erneut durch das Labyrinth geschickt werden würde.
»Auch wenn du das Fenster schließt, die Nachbarn riechen es doch.« Anna betrachtete das Knie, mit dem das letzte Rohr in eine umgebaute Malerdose mündete.
»Und werden die Nachbarn wegen eines Gläschens Viersterne-Zasuchin zur Miliz rennen und Viktor Ipaljewitsch als unkreativen Sowjetbürger diffamieren? Oder werden sie hoffen, beim nächsten Sonnenschein in den Hinterhof eingeladen und von Viktor Ipaljewitsch bewirtet zu werden?«
Auf ein rhetorisches Gefecht mit ihrem Vater ließ Anna sich nicht ein, sie löschte die Gasflamme, die den Mechanismus in Gang hielt.
»Damit degradierst du den Viersterne-Zasuchin zum Fusel.« Kopfschüttelnd ging er ins Zimmer. Der Samtvorhang, hinter dem sich die Schlafnische verbarg, bewegte sich, eine kleine Hand tauchte auf, das Gesicht eines Kindes – Ebenbild der jungen Anna. Das schwarze Haar bedeckte die Ohren und war über den Brauen gerade geschnitten. Die hellen Augen wurden von langen Wimpern beschirmt, die Nase war kräftig, der Mund ein wenig zu groß.
»Bist du so weit, Großvater?«, fragte der Junge.
Anna trat ins Zimmer. Während der Lyriker verkündete, die Partie könne beginnen, erwiderte er ihren besorgten Blick mit einem Nicken. Sie formte die Lippen zum Wort Temperatur, der Großvater zeigte mit dem Finger nach oben und antwortete unhörbar siebenunddreißig sechs.
»Gespielt wird nur bis zum Essen«, begrüßte Anna ihren Sohn.
Petja kletterte aus dem Bett, in dem sie beide schliefen, und umarmte die Mutter. In dem dunkelblauen Schlafanzug hatte er etwas von einem Matrosen. Er sprang auf den Stuhl, ging in die Hocke und bewegte den weißen Bauern zwei Felder nach vorne. Anna trug die Tasche in die Küche, nahm zwei Büchsen heraus, stellte eine zwischen die Fenster und öffnete die andere. Um die Suppe zuzubereiten, musste sie Viktor Ipaljewitschs Privatbrennerei zur Seite schieben.
»Ich muss heute noch mal raus«, rief sie ins Zimmer. »Bringst du Petja zu Bett?«
»Schon wieder das Kombinat?«, hörte sie die abwesende Stimme des Vaters. »Begreife einer, warum du zu jeder Sitzung musst.«
»Um Kategorie eins zu bekommen.« Sie kippte die Roten Beete in den Topf.
»Und was unterscheidet eine Anstreicherin der Kategorie eins von den Übrigen?«
Anna betrachtete ihre Hände, die Haut war grau und hatte Risse an den Gelenken. »Sie muss nicht mehr selbst in den Kalk fassen.«
Die Suppe zischte an den Topfrand, sie rührte um und erinnerte sich, dass die Versammlung des Baukombinats erst kommende Woche stattfinden würde. Beim Gedanken an ihr wirkliches Ziel wurde ihr fahl zumute. Nebenan hörte sie ihren Jungen schnaufen, das Spiel regte ihn auf.
Kurz vor sieben verließ Anna die Wohnung, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Pelzmütze tief in der Stirn; keiner hätte behaupten können, es sei nicht wegen der Kälte. Im Erdgeschoss machte sich die alte Awdotja am Briefkasten zu schaffen.
»Anna Zasuchina, ich weiß mir keinen Rat«, rief die Mitbewohnerin. Sie war beinahe taub. Weil alle Leute mit erhobener Stimme zu ihr sprachen, hielt sie das für normal und brüllte ebenfalls.
»Wieder den Schlüssel verlegt, Awdotja?«
»Aber woher, hier ist er ja!« Flehend schaute die Alte auf.
Anna musterte die Blechkästen, auf denen der Rost einige Nummern unkenntlich gemacht hatte. »Hast du nicht Sieben Null Sechs?«
»Siebenhundertsechs, stimmt genau!« Awdotja zeigte auf ihren Schlüsselbund, der schief an einem Türchen hing.
»Du probierst es aber bei Sieben Acht Sechs!« Anna steckte den Schlüssel in die richtige Öffnung und drehte ihn herum. Das Fach war leer.
»Ich erwarte einen Brief von Mesenzew!«, erzählte Awdotja, ohne einen Blick hineinzuwerfen. »Darin wird er schreiben ...«
Anna trat ins Freie, die letzten Worte verschluckte die zufallende Tür. Sie verließ ihre Straße, bog in die Moschaisker Chaussee und wechselte auf die Seite, auf der die Straßenbeleuchtung ausgefallen war. Bei der Kälte waren weniger Leute unterwegs als sonst, und doch hielt Anna Ausschau nach jemandem, der stehen blieb, wo es nichts zu sehen gab, einem, der im eisigen Wind langsamer ging. Erst als sie sicher war, dass das Leben auf der Chaussee wie gewöhnlich verlief, schlüpfte sie in die Gasse zur Linken, die für den Verkehr gesperrt war. Und doch wusste Anna, am anderen Ende lief seit Minuten ein Motor; der Fahrer wollte nicht frieren, während er auf sie wartete. Ein paar Schritte im festgetretenen Schnee, schon flammten Scheinwerfer auf, die hintere Tür öffnete sich.
»Guten Abend, Anton.« Sie ließ sich auf den Rücksitz sinken.
Der Fahrer verstellte den Spiegel, um sie anzusehen. »Sie sind früh dran, das ist gut.« Seine tiefe und klingende Stimme löste bei Anna jedes Mal den Gedanken aus, ob er früher vielleicht einmal Sänger war.
»Wieso ist das gut?« Sie nahm die Kappe ab.
Anton antwortete nicht, wendete geschickt auf dem kleinen Platz und fuhr auf die Chaussee hinaus. Er nahm keine Rücksicht auf den heranbrausenden Verkehr; wie erwartet bremsten die Wagen, als sie erkannten, dass hier ein Sil auf die Innenspur drängte. Anton gab Gas, die Limousine zog an, Anna wurde in den Sitz gedrückt. Ihr war heiß, Schweiß lief die Wirbelsäule entlang. Ein Lichtschein ließ sie hochblicken, eben überholte Anton den Bus Richtung Nagatino. Fahrgäste saßen im fahlen Licht, einige schauten dem langen Wagen nach, der das besondere Vorfahrtsrecht besaß. Ein schwarzes Auto zu fahren war nicht erlaubt, außer zur Hochzeit. Anna lächelte: Wer heiratete, hatte ein paar Stunden das Privileg, als prominenter Verkehrsteilnehmer zu gelten. Sie sah den Bus entschwinden; die müden Gestalten darin hielten sie bestimmt für eine, die auf Staatskosten zum Friseur gebracht wurde oder in der Granowskistraße Pakete abholte.
Anna legte die Hand vor die Augen. Es gab eine Zeit, da hatte sie diese Fahrt voller Freude angetreten; vor dem spiegelnden Fensterglas hatte sie ihr Haar geordnet und die Lippen geschminkt. Sie war damals sechsundzwanzig und seit drei Jahren verheiratet, man hatte ihren Mann Leonid endlich nach Moskau versetzt. Um nicht in einer Gemeinschaftswohnung am Stadtrand leben zu müssen, hatten sie Viktor Ipaljewitschs Angebot angenommen, mit Petja zu ihm an den Filjowski-Park zu ziehen. Anna hatte eine gute Stellung beim Baukombinat und verdiente mehr als ihr Mann mit seinem Leutnantssold; sie trug die Hauptlast des vierköpfigen Haushalts.
In jenem April vor zwei Jahren hatte Annas Kombinat den Auftrag erhalten, mehrere Fassaden des Kalinin-Prospekts für die Maifeiern zu streichen. Ein Anstrich sei sinnlos, hatte Jarow, ihr Vorarbeiter, zu bedenken gegeben, wenn man nicht zuvor den Rost von den Metallteilen entferne. Man belehrte ihn, dass die Zeit dafür fehle, er solle Farbe verwenden, die den Rostschutz gewährleiste. Anna hatte Jarow davor bewahrt zu widersprechen, die Arbeit wurde in Angriff genommen. Der Putz war lose, in manchen Mauern saß der Schwamm, und doch tauchten die Facharbeiter des Baukombinats die Fassaden in freundliches Hellgrau und Gelb. Um den Termin zu halten, hatten sie in Viererschichten gearbeitet. Am Nachmittag des 30. April hatte eine Kommission, der auch der Stellvertretende Minister für Staatliche Forschungsplanung angehörte, das Ergebnis abgenommen. Anna wusste nicht, wer der kräftige Mann mit dem fettigen Haar war, nur sein Mantel aus feinem Tuch verriet einen Genossen der Nomenklatura. Während überall Arbeitsgerüste abgebaut und verladen wurden, hatte sie die letzten Striche in ihrem Torbogen ausgeführt. Alexeij Maximowitsch Bulyagkow war unter die Leiter getreten und hatte ihren sauberen Pinselstrich gelobt, während sich die Mitglieder der Kommission hinter ihm gruppierten. Der Stellvertretende Minister wollte wissen, wie lange man brauche, um einen derart geraden Strich zu erlernen.
»Mit zwölf ging ich zu den Pionieren«, antwortete Anna korrekt. »Mit sechzehn wurde mir vom Kombinat die Lehrstelle angeboten, später machte ich die Ausbildung zur Fachkraft und legte vor zwei Jahren meine Qualifizierungsprüfung ab.« Sie schob ihr Kopftuch zurecht; die Arbeitsmontur saß so knapp, weil sie darunter eine Schlafanzughose und den dicken Pullover trug. Während sie versuchte, sich an herausragende Leistungen ihres Baukombinats zu erinnern, fragte Bulyagkow nach ihrem Namen.
Anna kletterte tiefer. »Ich heiße Anna Zasuchina und bin sechsundzwanzig Jahre alt.«
»Sind Sie verwandt mit dem Lyriker Zasuchin?«
Aus welchem Grund sie sich mit ihrem Mädchennamen vorgestellt hatte, hätte sie nicht sagen können. »Er ist mein Vater.«
Zwei Männer der Kommission steckten die Köpfe zusammen.
»Ich bin ein Bewunderer seiner Werke.« Alexeij Maximowitsch stellte den Fuß auf die unterste Sprosse. »Einiger seiner Werke.« Er streckte Anna die Hand entgegen; die ihre war voller Farbspritzer, dennoch legte sie den Pinsel beiseite und schlug ein.
»Alles Gute, Anna Zasuchina«, sagte er mit fröhlichen Augen, drehte um und verschwand mit den Übrigen aus dem Torbogen.
Sechs Wochen später hatte Anna ihren Vater zu einer Dichterlesung begleitet; nach kurzem Sträuben war auch Leonid mitgekommen. Sie hatten die Untergrundbahn genommen und waren an der Puschkinskaja ans Licht eines hellen Juniabends gestiegen. Viktor Ipaljewitsch hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und nervös an seinem Bart gekaut, den er tags zuvor gestutzt hatte.
Viktor Zasuchin war ein Veteran der sowjetischen Literatur; seine frühen Gedichte hatten den Kampf der Roten Armee um Berlin beschrieben. Man kannte ihn als Vorreiter einer Künstlergeneration, die die Revolution hervorgebracht hatte, sein analytischer, auf die Zukunft gerichteter Stil war Vorbild vieler Poeten gewesen. In letzter Zeit waren seine Veröffentlichungen selten geworden, die Ausgaben schlichter. Nicht mehr der Staatsverlag druckte sie, sondern das kleine Publikationshaus für besondere sowjetischen Literatur. Da sie zurückgezogen lebten, hatte Viktor Ipaljewitsch keine Vorstellung davon, ob er als Dichter noch präsent war und auf welche Weise seine Beschreibung der Gegenwart den Leser erreichte.
Als sie zu dritt vor dem Gebäude des Konservatoriums eintrafen, war er überwältigt gewesen. Zahllose junge Leute hatten einen solchen Tumult verursacht, dass Saalordner und Polizei den Eingang für die Besitzer von Eintrittskarten nur mit Mühe freihielten. Studentinnen ignorierten den Juniregen und scharten sich um Spätkommende, weil sie noch ein Billett zu ergattern hofften. Entlang der Gorkistraße parkten die Autos dicht an dicht; wer jetzt erst eintraf, wurde weitergewunken.
Zasuchin wurde erkannt. Binnen Sekunden war das Gedränge so heftig, dass er, Anna und ihr Mann keinen Schritt mehr vorankamen. Die Leute begrüßten den Dichter, Nächststehende baten, er möge sie mit in den Saal nehmen. Hilflos vor Glück suchte Viktor die Hand seiner Tochter, während Leonid sich bemühte, ihnen eine Gasse freizumachen. Aber erst den Polizeibeamten gelang es, die drei zu dem kleinen Eingang unweit des Säulenportals zu dirigieren, wo sich eine Tür für Augenblicke öffnete. Der Lyriker, seine Begleitung und eine flinke Studentin schlüpften hinein und wurden von den Nachdrängenden getrennt. Auf der Treppe erwartete sie Doktor Glem, der Kuratoriumsvorstand; es kam zur hastigen Begrüßung des Dichters und seiner Familie, in die das Mädchen im Lackregenmantel ohne viele Worte aufgenommen wurde. Während ein Assistent Zasuchins Begleitung in eine Loge brachte, geleitete Doktor Glem Viktor Ipaljewitsch hinter die Bühne.
Leonid half Anna aus der Jacke, von ihrem erhöhten Sitz aus ließ sie den Blick umhergehen. Üblicherweise wurde der große Saal für Konzerte benutzt, sieben-, vielleicht achthundert Menschen fanden darin Platz; heute waren es bestimmt tausend. Immer noch drängten Neue herein. Im Parkett erkannte sie die Plissezkaja vom Bolschoiballett, unweit davon den Komiker Rodion; in der Mitte nahm der persönliche Dolmetscher Breschnews Platz. Alterere Herrschaften standen in den Gängen und begutachteten, wer außer ihnen noch gekommen war; vor allem aber sah Anna Söhne und Töchter. An der Seite ihres Mannes setzte sie sich, ihr Gesicht brannte, der Moment ergriff sie. Dort unten saß Moskau; nicht die kleine Liebhabergemeinde, die einem vergessenen Lyriker die Treue hielt, die Gesellschaft war gekommen, ihn zu hören. Am schwindenden Licht, dem einsetzenden Applaus begriff Anna, ihr Vater hatte die Bühne betreten. Doktor Glem bot Viktor Ipaljewitsch den Ehrenplatz an und trat ans Dichterpult. Doch das Publikum ließ den Kuratoriumsvorsitzenden nicht zu Wort kommen, es klatschte so einhellig, dass Zasuchin ein ums andere Mal aufstehen und sich verbeugen musste. Die Schirmmütze blieb auch jetzt auf seinem Kopf. Erst nach Minuten gelang es Doktor Glem, seine Begrüßungsrede zu halten; sie bestand aus einem patriotischen Bekenntnis zur neuen sowjetischen Lyrik, das ordnungsgemäß registriert und freundlich beklatscht wurde. Glem dankte, kündigte an und räumte die Bühne. Langsam trat Annas Vater vor, wie in Gedanken legte er seine Mappe aufs Pult, schlug sie aber nicht auf. Er schob die Mütze hoch, ein roter Striemen teilte die Stirn, mit großen Augen schaute er ins Dunkel des Parketts und zu den dicht besetzten Rängen.
»Der Wetterhahn dreht sich/Das ist sein Geschäft/...«, begann er, das Mikrophon sandte seine Worte bis in die letzte Reihe.
Anna lehnte sich auf die Brüstung. Viktor Ipaljewitsch war keiner der jungen Moskauer Literaten, die das Katz- und Mausspiel mit der Zensur als Sport betrieben und denen es nichts ausmachte, im Untergrund zu veröffentlichen. Er gehörte nicht zu denen, deren Werke als eng bedruckte Schreibmaschinen-Manuskripte von Hand zu Hand gingen, und die sich weder durch Strafe noch Veröffentlichungsverbot einschüchtern ließen. Viktor Ipaljewitsch Zasuchin war Teil der offiziellen sowjetischen Literatur, der Staat hatte sich durch seine Werke repräsentiert und geschmückt gesehen. Anna kannte das Programm der Lesung. Auf Wunsch der Literaturkommission sollte er mit den konformistischen Versen aus der Schleuder beginnen und danach eine längere Passage aus dem Roten Leuchten vortragen. Nun aber war Der Wetterhahn das erste gesprochene Gedicht, erst kürzlich geschrieben, niemand hatte diese Verse je zuvor gehört.
Mit heller Stimme sprach Zasuchin die letzten Zeilen.
»Ich halte es nicht / mit dem Hahn auf dem Dach/Und weiß doch, woher der Wind weht.«
Die Stille im Saal war greifbar. Er machte eine Pause und schlug seine Mappe auf, um mit der eigentlichen Lesung zu beginnen; spontaner Applaus unterbrach ihn. Diesmal nahm er die Bekundung nicht entgegen, sondern winkte ab und sagte in das verklingende Klatschen hinein den ersten Vers. Die Leute verstanden: Nach der Provokation wurde der Konvention Genüge getan, das offizielle Programm begann.
In der Pause schlenderte Anna neben Leonid durch das obere Foyer. Er wollte ihnen etwas zu trinken holen und reihte sich in die Schlange vor dem Buffet. Alle paar Schritte blieb Anna stehen und lauschte, was in den Gruppen diskutiert wurde. Viktor Ipaljewitsch fordert unser Gefühl heraus, hörte sie einen sagen. Er lockt unseren Humor. Ein Mann zitierte eine Stelle aus dem Gedicht, das die Taktik ironisierte, sich die Platznummer in einer Warteschlange aufs Handgelenk zu schreiben, um unrechtmäßige Drängler hintanzuhalten. Amüsiert wandte Anna den Kopf; von der anderen Seite kam ihr ein kräftiger Mann mit blauer Krawatte entgegen.
»Sind Sie mit dem Abend zufrieden?«
Sie brauchte Sekunden, um in ihm denjenigen wiederzuerkennen, der vor einigen Wochen unter ihrer Leiter gestanden hatte.
»Ihr Vater ist ein außergewöhnlicher Poet«, sagte Alexeij Maximowitsch Bulyagkow.
»Gefallen Ihnen seine Gedichte?«
»Ich glaube, sie gefallen mir nicht.« Er musterte die Leute rundum. »Aber sie berühren mich. Beurteilen Sie selbst, was wichtiger ist.«
In diesem Moment fühlte Anna sich von einem Strahlen durchdrungen; es kam vom Licht der prunkvollen Lüster, von den erregten Gesprächen der vielen Menschen, vor allem aber von dem wunderbaren Erlebnis, das sie mit ihrem Vater teilte. Zugleich fragte sie sich, wie der Stellvertretende Minister sie wiedererkannt hatte; keine Arbeitsmontur, kein Tuch auf dem Kopf, sie trug das lindgrüne Kostüm, das mit einem Monatsgehalt bezahlt worden war.
»Sind Sie allein hier?«
»Dort steht mein Mann.« Anna zeigte auf das Getümmel vor dem Getränkeausschank.
»Was macht Ihr Mann?«
»Er ist Offizier. Bei den Panzergrenadieren Moskau Nord.«
Bulyagkow nickte und ging auf eine Dame in bodenlangem Kleid zu, die ihn wortreich begrüßte.
Zwei Wochen später hatte Anna Post bekommen. Das Päckchen enthielt ein Buch – Meine Liebste beim Waschen der Wäsche –, die gesammelten Liebesgedichte ihres Vaters. Als sie den Absender entziffert hatte, eilte sie in die Wohnung und zog sich in die Schlafnische zurück. Leonid saß mit Petja bei Tisch und schnitt ihm Butterbrote klein; zwei Armlängen entfernt las Anna den Brief des Stellvertretenden Ministers. Er bat darin um eine persönliche Widmung ihres Vaters und schrieb, Anna möge das Gedicht auf Seite einhundertsechs aufschlagen. Seltsam erregt blätterte sie zu der Stelle. Die Verszeilen lauteten:
Kommt morgen zu uns / Macht die Freude uns allen / Erfrischender Regen ist heute gefallen / Ein herrlicher Tag erwartet euch morgen / Und für ein Gewitter werden wir sorgen.
Am Rand fand Anna die handschriftliche Notiz: Wollen Sie mir das Buch morgen Abend um sieben Uhr persönlich vorbeibringen?
Anna und Leonid waren seit drei Jahren verheiratet, wenige Wochen nach der Hochzeit war Petja zur Welt gekommen. Sie hatten einander nie das Gefühl gegeben, nur wegen des Jungen zusammengeblieben zu sein. Leonid benahm sich anständig, trank wenig und behandelte ihren Vater respektvoll. Anna träumte von nichts Unerreichbarem: eine gute Ausbildung für ihren Sohn, eine eigene Wohnung, später vielleicht ein Auto. Bis zu diesem Tag hatte sie sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Sie musste an einige ihrer Kolleginnen denken, die von Seitensprüngen berichteten, die ihre Ehe angeblich belebten. Ein Verhältnis bedeutet nichts heutzutage, hieß es bei solchen Erzählungen, Moskau ist eine lebenshungrige Stadt. Anna beschloss, die Zeilen des Stellvertretenden Ministers als Scherz und sein Angebot nicht allzu ernst zu nehmen. Dennoch mied sie, als sie aus der Nische stieg, Leonids Blick und verbarg das Buch in ihrer Tasche.
Tags darauf kam sie um drei Uhr von der Frühschicht und aß mit der Familie.
»Eine Freundin vom Bau bittet um dein Autogramm«, sagte sie und schob Viktor Ipaljewitsch den Gedichtband hin.
Kauend nahm er seinen Füller aus der Brusttasche. »Für wen soll ich schreiben?«
»Nur dein Name. Es ist ein Geschenk.« Anna hielt die vorderste Seite aufgeschlagen, damit er nicht etwa zu der verräterischen Stelle weiterblätterte.
»Sogar auf dem Bau lesen sie meine Lyrik«, lächelte er und stellte seiner Unterschrift ein – Herzlich Ihr- voran. Anna blies auf die Tinte, schloss den Band und legte ihn aufs Regal.
Leonid half ihr beim Geschirrabräumen. »Morgen beginnt die Manöverübung«, sagte er. »Ich werde wohl in der Kaserne schlafen.«
»Ich gehe noch zur Versammlung des Baukombinats.« Sie ließ Wasser in die Spüle.
Während Leonid sich seine Abendzigarette anzündete, während ihr Vater das Schachbrett holte und Petja zwei Extrakissen unterschob, schlüpfte Anna in das braun getupfte Sommerkleid, zog eine Jacke über und verabschiedete sich. Auf der Treppe fühlte sie eine unverständliche Erleichterung, ihrem Mann diese Nacht nicht mehr begegnen zu müssen.
Die angegebene Adresse lag auf der anderen Seite des Zentrums, Anna nahm den falschen Bus und verspätete sich. Sie hastete den Prospekt entlang, bog in die Gasse, Dreschnewskaja Ul. stand auf der schwach beleuchteten Tafel. Der verschwiegene Ort, die unscheinbaren Häuser verwirrten sie; dass der Stellvertretende Minister hier wohnte, war ausgeschlossen. Kein Café, nicht einmal Geschäfte, wohin lud er sie ein? Anna erreichte das bewusste Haus und trat davor zurück: An dem hellen Juliabend war keines der Fenster erleuchtet. Sie hoffte auf ein Missverständnis, glaubte erneut, einem Scherz aufgesessen zu sein – der Bonze aus dem Ministerium hatte sich wohl einen Spaß mit ihr erlaubt.
»Sie sind zu spät, Anna Zasuchina.« Bulyagkow kam vom andern Ende der Gasse, er trug einen leichten Sommeranzug. »Von allen Unarten ist Unpünktlichkeit die schlimmste«, sagte er und sah sie dabei so fröhlich an, dass ihre Verwirrung noch wuchs.
Ohne weitere Erklärung schloss er auf und ging voraus. Anna folgte ihm in ein unscheinbares Treppenhaus, er nahm drei Stufen auf einmal, vor einer Wohnung ohne Namensschild benützte er die Schlüssel wieder. Die Tür gab den Blick frei auf eine elegant eingerichtete Wohnung, aus dem Zimmer schlug Anna verirrtes Sonnenlicht entgegen. Bulyagkow wollte ihre Jacke nehmen; sie behielt sie an.
»Hier, das Buch«, sagte sie, als der Gastgeber von selbst kein Gespräch begann.
»Wie geht es unserem Lyriker?« Nach einem Blick auf die Widmung legte er den Band beiseite.
»Nach seinem Auftritt neulich ist mein Vater mehrmals befragt worden. In der Zentrale des Schriftstellerverbandes.«
»Gab es Anschuldigungen?« Er ging zur Anrichte im Wohnzimmer.
»Er wurde aufgefordert, seine Gedichte auf ihre politische Brauchbarkeit zu überprüfen.«
»Was haben Sie erwartet?« Bulyagkow entkorkte eine Weinflasche. »Ihr Vater hat sich aufgeführt wie ein Elefant im Porzellanladen. Jetzt setzt man ihn mit dem nackten Hintern in die Scherben.«
Der derbe Vergleich erschreckte sie. »Halten Sie seine Gedichte auch für unidealistisch und sittlich mangelhaft?«
»Von Poesie verstehe ich nichts.« Er schenkte sich ein. »Niemand regt sich auf über einen kleinen Seitenhieb.« Seine hellen Augen musterten sie. »Aber Viktor Zasuchin hat absichtlich provoziert. Dafür kriegt er jetzt eins auf die Finger.« Er nippte und hielt das Glas hoch. »Ich hätte die Flasche früher öffnen sollen. Und Sie, Anna, wie geht es Ihnen?« Er bot ihr einen Platz auf der Eckbank an.
»Warum interessiert Sie das?«
»Mir gefällt dieses Kleid. Selbst genäht?«
»Ich kann nicht nähen.«
Bulyagkow rutschte hinter den Tisch und lehnte sich zurück. »In diesem Licht spielt Ihr Haar ins Rötliche.«
Es gefiel ihr nicht, wie er sie betrachtete, sie glitt auf die Bank. Er stellte das gefüllte Glas vor sie hin, wartete nicht, bis sie es nahm, und stieß an. »Erzählen Sie von sich.«
»Sie wissen das meiste.«
»Nicht im Geringsten. Zum Beispiel frage ich mich, warum Ihr Vater Sie keine andere Ausbildung machen ließ.«
»Ich bin zufrieden.«
»Das ist keine Antwort.«
»Viktor Ipaljewitsch ist Lyriker«, sagte sie nach einer Pause.
»Ein Mann des Geistes«, nickte der Stellvertretende Minister. »Warum wurde seine Tochter Anstreicherin?«
»Er ist Lyriker – und sonst nichts.« Mit zwei Fingern ergriff Anna das Glas am Stiel. »Bis zu ihrer Krankheit hat meine Mutter für uns gearbeitet. Sie starb. Von Gedichten allein kann man nicht leben.«
Er schaute zum Fenster. »Es ist hart, wenn man nicht das tun kann, wofür man Begabung besitzt.«
»Ich bin nicht begabt«, antwortete sie, »und ich mag meine Arbeit. Sie wird gut bezahlt.« Sie trank, schmeckte dem schweren Wein hinterher. »Warum erzählen Sie mir nicht von sich?«
»Oh, wie langweilig.« Er seufzte. »Ich stamme aus der Ukraine, kam mit fünfzehn Jahren nach Moskau und habe es so weit gebracht, wie es ein Nichtrusse bringen kann.«
»Ihr Ministerium ist verantwortlich für die Forschungsplanung. Das kann nicht langweilig sein.«
»Verwaltungsarbeit«, schüttelte er den Kopf. »Unser Amt stellt nur das Geld zur Verfügung. In den Laboratorien, den großen Wissenschaftsstädten, dort findet bedeutende Arbeit statt. Wir sind bloß aufgeplusterte Bürokraten.« Er sah sie an. »Wie geht es Ihrem Mann? Was macht er diesen Abend?«
»Er kümmert sich um Petja.« Sie straffte den Oberkörper. »Nein, das stimmt nicht. Er muss zum Manöver.«
»Gefällt es ihm bei seiner Einheit?« Bulyagkow leerte sein Glas.
»Er ist in Moskau – das zählt.«
»Es ist schwierig, das Wohnrecht für Moskau zu kriegen.«
Im Verlauf der kommenden Stunde fand Anna den Stellvertretenden Minister aufmerksam und gelassen, er brachte ihr einen Charme entgegen, den sie nicht kannte. Sonst, wenn Männer zutraulich wurden, machten sie Witze und begleiteten ihre Schmeicheleien mit harmlosen Berührungen. Noch nie hatte Anna einen solchen Ernst, dieses beinahe einschüchternde Interesse eines Mannes erlebt, das sie nötigte, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Es kostete Anstrengung, diese interessante Anna zu sein, es machte sie schwach, sie fürchtete, so viel erhöhte Aufmerksamkeit nicht zu verdienen. Sie hätte sich das Beisammensein entspannter gewünscht, zugleich machte Bulyagkows unausgesetzter Druck ihre Begegnung einmalig. Anna beneidete ihn um seine Reisen – Kiew, Wladiwostok, Prag hatte er kennengelernt, aber auch Helsinki und Havanna gesehen; er erzählte gerne und beantwortete ihre Fragen ausführlich. Währenddessen servierte er eine Platte mit Leberschnittchen, Zariza-Brot und Schinken, die in der Küche bereitgestanden hatte. Gemeinsam leerten sie den Wein. Nur einmal, während einer lebhaften Schilderung, legte er seine Hand auf ihre, sonst unternahm er nicht die kleinste Berührung.
Körperlich fand Anna einen anderen Typ Mann interessant, den Sehnigen, mit langen Gliedmaßen und vollem Haar. Der Stellvertretende Minister war bullig, hatte einen ausgeprägten Bauch, das Gesicht mochte kantig gewesen sein, jetzt wirkte es schwammig. Seine Augen gefielen ihr, sie gaben ihm etwas von einem Polarwolf. War es Scheu, warum sie nicht fragte, was er von ihr erwartete? Bulyagkow selbst benahm sich, als sei es natürlich, dass ein hoher Staatsbeamter und die Anstreicherin einen Abend zusammen verlebten. Sie unterhielten sich, schickten der Sakuska ein paar Gläschen Wodka hinterher, es wurde dunkel, was um diese Jahreszeit bedeutete, dass es auf Mitternacht zuging. Ohne Vorankündigung stand Bulyagkow auf und verschwand nach nebenan, wo Anna das Schlafzimmer vermutete. Sie nahm an, nun sei die Zeit für den nächsten Programmpunkt gekommen, doch bevor sie sich über ihre eigene Haltung klar werden konnte, kam er zurück. Seine feuchten Schläfen zeigten, er hatte sich lediglich gekämmt. So leid es ihm tue, Anna müsse nun gehen. Ihren überraschten Blick beantwortete er mit der Aufforderung, einen Wunsch zu äußern – irgendetwas, das ihr gerade in den Sinn komme.
»Die schwarze Dichtung.« Sie lachte selbst über den Einfall. »In unserer Wohnung tropfen die Wasserhähne. Es ist die Standard-Dichtung, aber ich kann sie nirgends bekommen.«
»Schwarze Dichtungen.« Bulyagkow brachte sie zur Tür. »Ich werde sehen, ob mein Einfluss so weit reicht.« Er fasste sie bei den Schultern, ein Bruderkuss, Anna trat ins Treppenhaus. Auf dem Rückweg wurde ihr bewusst: Die Erfüllung ihres Wunsches bedeutete, dass dies nicht ihre letzte Begegnung gewesen sein würde. Sie lächelte über den geschickten Schachzug des Stellvertretenden Ministers.
Zwei Wochen später, Anna hatte angenommen, die Sache sei in Vergessenheit geraten, parkte nachmittags ein schwarzer Sil vor ihrem Haus. Ein unauffälliger Mensch stieg aus, stellte sich als Bote vor und händigte Anna ein Päckchen aus, nicht größer als ein Stück Seife. Es war das erste Mal, dass sie Anton zu Gesicht bekam.
»Das schickt Alexeij Maximowitsch«, sagte er mit steinernem Gesicht. »Sollten Sie Zeit haben, würde Ihr Besuch ihn heute Abend freuen.«
Anna fragte sich, ob Bulyagkow den Zeitpunkt aufs Geratewohl vorgeschlagen oder herausbekommen hatte, dass sie diese Woche in der Frühschicht arbeitete. »Bis wann kann ich es mir überlegen?«
»Kommen Sie um acht in die Gospityastraße«, antwortete Anton. »Ich warte dort auf Sie.«
»Wie kann ich Sie erreichen, falls ich es nicht schaffen sollte?«
»Seien Sie unbesorgt, Genossin. Gospitya, neben dem kleinen Platz.« Er stieg ein und fuhr los. Noch auf der Straße öffnete Anna das Geschenk.
Oben in der Wohnung verkündete sie, endlich die verflixten schwarzen Dichtungen aufgetrieben zu haben. Viktor Ipaljewitsch gratulierte und holte die Wasserzange.
An jenem Abend hatte Anna sich zum ersten Mal von Anton fahren lassen. Er nahm einen überraschend kurzen Weg in die Dreschnewskaja; sie bewunderte, wie geschmeidig er durch den Verkehr kreuzte, ohne das Privileg des Regierungsfahrzeugs auszuspielen. Vor dem bewussten Haus stieg sie aus und verabschiedete sich; Anton deutete an, auf der Heimfahrt werde man sich wiedersehen.
Bulyagkow öffnete, zwei Topflappen in der Hand, und bewirtete sie mit Hühnerragout nach Tatarenart. Als sie wissen wollte, wer es zubereitet habe, gestand er, das Feinkostgeschäft auf dem Katusowksij-Prospekt habe pünktlich geliefert. Sie bedankte sich für die Dichtungen, das sinnvollste Geschenk seit langem. Er öffnete eine Flasche Wein und zeigte ihr das Etikett. Sie konnte es nicht entziffern.
»Es ist ein Pinot blanc. Ich habe ihn von zu Hause mitgebracht.«
»Was sagt Ihre Frau, wenn Sie mit einer Flasche Wein unterm Arm aufbrechen?« Anna wollte nicht unverschämt sein, doch die Harmlosigkeit, mit der er nun schon ihr zweites Treffen behandelte, machte sie nervös.
»Medea ist noch seltener daheim als ich.« Er führte Annas Hand mit dem Glas zum Mund. »Koste ihn.«
Sie fand den Wein so sauer, dass sie die Lippen verzog, lobte ihn aber dennoch. »Was macht Ihre Frau?«
»Sie ist im Rat für kulturelle Zusammenarbeit der Sowjetrepubliken. Bei der Unzahl von Gastspielen, die ständig nach Moskau kommen, ist sie so oft im Theater, dass sie das schlechte Gewissen haben müsste.« Er trank.
»Haben Sie ein schlechtes Gewissen, Genosse?«
»Weswegen?«
»Weil Sie mir bis jetzt keinen Grund genannt haben, warum wir beisammen sind.« Sie spürte, wie es auf ihrer Stirn zu brennen begann. »Oder wollen Sie sagen, Sie treffen mich, weil Sie die Gedichte meines Vaters mögen?«
»Wovon träumen Sie, Anna?« Bulyagkow drehte die Flasche im Kühler.
Einen Moment lang spukte ihr die richtige Antwort durch den Kopf: Ich träume von der Verwirklichung des Weltkommunismus, von der Gleichheit aller Menschen, der Überwindung des Imperialismus zum Wohle jedes Einzelnen.
»Leonid und ich haben vor drei Jahren eine Wohnung beantragt. Man erklärte uns, in Nostichjewa wird bald etwas frei.« Sie schob den Teller von sich. »Ich möchte, dass Petja das Polytechnikum besucht. Seine Begabung liegt in der Logik, er hat Viktor Ipaljewitsch schon zweimal im Schach geschlagen. Aber die Studienplätze ...«
»Du selbst, Anna, was soll für dich in Erfüllung gehen?«
»Ich möchte Stockholm sehen.«
Sein Gesicht nahm einen überraschten, zärtlichen Ausdruck an. »Warum Schweden?«
»Viktor Ipaljewitsch hat ein Buch, einen dicken Band mit Bildern. Stockholm ist eine Stadt am Meer, wo es im Sommer nicht heiß wird.« Sie lächelte. »Ich mag die Hitze nicht.« Er goss ihnen nach. »Wann versuchen Sie mich zu küssen, Genosse?« Vielleicht war es der Wein, vielleicht die Vertrautheit – Anna fand die Frage berechtigt.
»Willst du das denn?«
»Sie tun alles, um mich weich zu kriegen.« Sie zeigte auf die Reste der Köstlichkeiten.
»Du unterstellst, dass ich dich mit Hühnerragout und Weißwein zu verführen versuche?«
»Ist es nicht so? Was erwarten Sie von mir, Alexeij?«
Er wurde ernst. »Bei unserer ersten Begegnung habe ich dich angesehen. Du standst auf der Leiter, ich unter dir, das werde ich nie vergessen.«
Sie rutschte zurück. »Das glaube ich Ihnen nicht.«
»Meinst du, es ist kein Vergnügen, dich zu betrachten?«
»Aber wir können nicht nur ... hier sitzen und essen, ich erzähle von Leonid, Sie reden von Medea ...« Vehement legte Anna ihre Hand auf seine. »Und schließlich gehe ich wieder heim?«
»Es gibt Dinge, die ich mir mit dir vorstellen kann.« Er streichelte ihren Daumen.
Sie zog seine Hand an ihren Hals, erwartete, dass seine Finger auf Wanderschaft gingen.
»Ich möchte dich nackt sehen«, sagte er. »Wir könnten weiter hier sitzen und uns unterhalten, ich werde dich nicht anfassen.«
»Nein«, entgegnete sie brüsk.
Er zog die Hand zurück. »Ich verstehe.«
»Nicht, weil ich mich schäme«, setzte sie weicher hinzu, »nicht dafür.«
»Sondern?«
»Ich kann mich vor Ihnen nicht ausziehen.«
»Eine Narbe? Eine dritte Brustwarze vielleicht?«
»Sie dürfen meine Unterwäsche nicht sehen.«
Lächelnd lehnte er sich zurück. »Meinst du, ich kann mir nicht vorstellen, welche Art Wäsche eine Anstreicherin vom Kombinat vier eins sechs trägt?«
»Mit diesen Sachen kann ich unmöglich einen Striptease vor Ihnen machen.« Sie sprach das ungewohnte Wort langsam aus.
»Du könntest ins Bad gehen, deine Kleider ordentlich zusammenlegen, und ich warte hier.«
»Werden Sie sich auch ausziehen?« Anna spürte Schweißperlen auf der Oberlippe.
»Du liebe Zeit ... nein.« Als müsse er sich verhüllen, verschränkte Bulyagkow die Arme.
Er drängte sie weder mit Gesten noch Blicken. Anna sah sich in der Wohnung um – der Lüster, das Tapetenmotiv, die Vorhangstange aus Messing. Von draußen drang das Licht einer endlosen Dämmerung herein.
»Machen Sie die Vorhänge zu.«
Als wären sie am Beginn eines Experiments, rutschte Bulyagkow von der Bank, sie gingen ohne Blickwechsel aneinander vorbei, Anna in Richtung Badezimmer, er zum Fenster. Vom Flur abzweigend, kam Anna ins Schlafzimmer, staunte: Das Bett war nicht gemacht. Blauweiß gestreifte Matratzen, gefaltet lagen die Federbetten darauf. Was immer der Stellvertretende Minister mit ihr vorhatte, das Naheliegende war es nicht. Sie ging ins Bad, die türkisfarbenen Fliesen gaben ihr das Gefühl, einen Traum zu betreten. Ihre Finger glitten über die Kacheln. Woher bekam man so wunderbares Material? Die hellgrauen Fugen waren nicht aus dem bröseligen Zeug, mit dem Anna arbeiten musste. Während sie weitere Details entdeckte, zog sie sich aus. Seit Anna und ihre Familie beim Vater lebten, war es mit der Ungezwungenheit vorbei. Viktor Ipaljewitsch, der in seinen Gedichten manchen Körper besungen hatte, verabscheute die Zurschaustellung wirklicher Nacktheit, duldete nicht einmal, dass Petja im Sommer mit nacktem Oberkörper bei Tisch saß. Anna schlüpfte aus den Schuhen, zog Bluse und Rock aus; ein Blick in den Spiegel bestätigte ihr, der graue Büstenhalter war nicht für fremde Blicke gemacht. Rasch ließ sie auch den Schlüpfer zu Boden gleiten und betrachtete die nackte Anstreicherin. Ihr Busen glänzte von Schweiß, die muskulösen Arme zeugten von den zahllosen Farbeimern, die sie auf Gerüste gehievt hatte. Anna steckte das Haar nach hinten, wusch sich, das Spiegelbild gefiel ihr immer noch nicht. Sie stellte ein Bein vor, hob die Brust, legte den Kopf in den Nacken; schließlich öffnete sie die Tür ins Schlafzimmer. Plötzlich überfielen sie Scheu und das schlechte Gewissen: Während sie sich für einen anderen Mann auszog, brachte Leonid daheim Petja zu Bett. Anna bedeckte die Brüste und wollte zu ihren Kleidern zurück, da hörte sie Alexeijs Stimme. Vom Flur aus rief er ihren Namen, sie antwortete, dass sie komme. Während der Schritte zur Tür spürte sie die Ader am Hals pochen. Alexeij erwartete sie im dämmerigen Vorraum. Ernst und liebevoll hielt er den Blick in ihre Augen gesenkt. Dann ging er ins Zimmer voraus.
Anna zuckte hoch – draußen peitschte Eiswind gegen das Fenster; sie sah den Bus in Richtung Nagatino verschwinden.
»Du bist vorbeigefahren!«, rief sie Anton zu.
Er hob den Blick in den Rückspiegel. »Kleine Änderung im Reglement, Genossin.«
Der Sil schoss auf dem Wernadski-Prospekt Richtung Südwesten.
»Wohin fahren wir?« Als sie keine Antwort erhielt, beugte sie sich über die Lehne. »Ich muss vor Mitternacht zurück sein.«
»Mitternacht liegen wir alle im Bett«, sagte Anton mit beruhigendem Bass.
Ein Ruck im Boden, sie waren auf die vereiste Brücke gefahren; die Limousine verließ die Stadt auf der Schnellstraße. Schon verschwanden die großen Siedlungen zur Rechten, bald darauf nahm Anton eine Straße, die sich zwischen den weißen Hügeln hindurchschmiegte. Anna sah kahle Baumsilhouetten gegen den dunkelgrauen Himmel, manchmal entrissen die Scheinwerfer einen erstarrten Wald der Dunkelheit. Sie fragte nichts mehr. Ein Sackgassenschild tauchte auf, darunter ein Fahrverbot. Ein frierender Milizionär winkte den Wagen durch, ohne einen Blick auf den Rücksitz zu werfen. Anna sah sich auf beiden Seiten von Mauern umgeben; man hatte junge Birken davor gepflanzt. Ein zweiter Uniformierter öffnete ihnen die Schranke, der Sil fuhr in eine Kiefernschonung, rundum lag der gefrorene Schnee kniehoch, nur der Weg war geräumt. Anna konnte kein Gebäude entdecken, bis Anton nach links bog und auf einer abschüssigen Betonplatte hielt. Sie stieg aus, Eiskristalle stachen ihr ins Gesicht; hier am Hang endeten die Bäume. Trotz der Dunkelheit war sie sicher, dass vor ihr der Fluss lag, von der Kälte gleichsam zum Stillstand gezwungen.
Drei beleuchtete Fenster zu ebener Erde, auch im Freien ging Licht an; rund um die Tür entdeckte Anna helle Holzschnitzerei, das Haus selbst mochte blau sein. Ohne Mantel war Anton vorausgegangen. Alexeij Maximowitsch erschien in der Tür, er trug ein weißes Hemd, darüber eine Wolljacke.
»Wir haben Besuch in der Stadt«, seufzte er. »Meine Frau braucht die Wohnung.« Ohne sich zu versichern, dass die Besucherin folgte, kehrte er ins Haus zurück, hinter ihnen schloss sich die Tür.
Am eindrucksvollsten fand Anna den Ofen, wuchtig, aus blauen Kacheln errichtet, verströmte er eine gewaltige Hitze. Sie ließ den Mantel von den Schultern gleiten. »Ich dachte, deine Frau ...«
»Medea weiß davon. Die Wohnung in der Dreschnewskaja gab es lange vor dir.« Seine Wangen und das Kinn schimmerten glatt, Anna war sicher, er hatte sich eben rasiert.
Da es ihr schwerfiel ihn anzusehen, ließ sie den Blick umhergehen. Teppiche an den Wänden, kirgisische Knüpferei, ein riesiger Perser bildete das Zentrum; sie folgte den Mustern mit den Augen, Windungen in Blau und Ocker, als verberge sich eine Schrift dahinter. Polstermöbel umstanden den Kamin, über dem Esstisch hing eine Lampe; ihr schwacher Schein beschwor die Zeit, als hier noch mit Petroleum Licht gemacht wurde.
»Hast du Hunger?« Alexeij setzte sich auf die Bank und zog für Anna ein Kissen heran. »Anton hat einiges besorgt.« Er nickte zum Durchgang hin, wo sie die Küche vermutete.
»Bleibt Anton im Auto?«
»Du sorgst dich um ihn?« Er schmunzelte.
»Es ist kalt.«
»Er kann ins Gartenhaus.«
»Soll ich uns etwas machen?« Anna ging in den Nebenraum, fand den Schalter; die Küche war nicht rustikal, sondern mit allem städtischen Komfort eingerichtet.
»Ja, mach uns was, Annuschka«, rief er.
Ein Blick in den Speiseschrank, ein Blick auf die Uhr, sie nahm Zwiebel, Eier, sauren Rahm und erhitzte Öl im Eisenpfännchen. Wenn wir eine Stunde beim Essen sitzen, rechnete sie, bleibt noch eine Stunde, bevor Anton mich zurückbringen muss. Fährt Alexeij mit, will er vorher abgesetzt werden. Sie stellte den Ofen an, schnitt die Zwiebel in dünne Scheiben und würzte mit Rahm und Paprika. Bevor sie das Ganze ins Rohr schob, schlug sie die Eier hinein. Im Zimmer hörte sie Alexeij umhergehen, gleich darauf erklang Musik, ein verschlafener Schlager voller Geigen. Er kam in die Küche. Anna schwieg. Jedes Mal fiel ihr der Einstieg schwerer. Sie hoffte, er würde von selbst zu erzählen beginnen. Er strich ihr Haar beiseite und küsste das Ohr, nicht liebkosend, eher als würde er sie jetzt erst begrüßen. Ohne die Arbeit mit dem Wiegemesser zu unterbrechen, lehnte sie den Kopf gegen seine Wange.
»Ein harter Tag?«
»Vier Stunden haben mich die Genossen mit Beschlag belegt. Das Büro war überheizt, der Kaffee meiner Sekretärin ungenießbar, der Abgeordnete aus Tambow stank so stark aus dem Mund, dass ich aufstand und tat, als müsste ich zum Überlegen umhergehen.« Bulyagkow stützte sich auf die Spüle. »Ich würde dich gerne nackt kochen sehen.«
»Heute nicht.« Sie schaute in den Ofen, ob die Eier schon stockten. »War der Minister dabei?«
»Er weiß, vor welchen Sitzungen er sich drücken muss.« Mit der Zurückhaltung, die Anna von Beginn an bei ihm gemocht hatte, legte Alexeij die Hand auf ihre Taille. »Immer geht es um Geld. Jede Oblast will sich durch besondere Forschungsleistungen hervortun. Je weiter sie von Moskau entfernt sind, desto mehr Geld verlangen sie.« Er umfasste ihren Hinterkopf, sie genoss seine Finger. Mit einem Tuch nahm sie das Pfännchen aus dem Rohr.
»Setz dich schon.« Sie streute gehackte Zwiebeln auf das Gericht.
»Weißt du, dass das ein ukrainisches Rezept ist? Ich habe das als Kind oft gegessen.«
»Wie warst du als Junge, Alexeij?«
»Glücklich.« Er kehrte in die Stube zurück.
Eine Flasche wurde entkorkt, Anna hörte Gläser klirren. Auf einem Tablett brachte sie das Essen nach drüben, Bulyagkow machte vor dem Getränkeschrank kehrt. Sie servierte, er nahm Platz und begann zu essen.
»Vierundsiebzig Prozent«, sagte er nach ein paar Bissen. »Mit Hilfe der technologischen Revolution wollen sie die petrochemische Produktion um vierundsiebzig Prozent ankurbeln.«
»Ist das nicht ... wunderbar?«
»Es gibt keine technologische Revolution. Vierundsiebzig Prozent ist außerhalb jeder Vernunft, nicht einmal ein Ansporn, es ist nur ein Hirngespinst.« Er trank und schenkte sofort nach. »Aber Kossygin will das verkünden. Darum muss ich dem Minister die nötige Darstellung liefern.« Mit einem Schlag drückte er den Korken in die Flasche zurück. »Aggregate größerer Kapazität wünscht man sich, gigantische Energieblöcke zur besseren Primärverarbeitung.« Er brach Brot und wischte das Eigelb vom Teller. »Die sind aber noch nicht so weit, nirgends im Land. In Murmansk dachten sie, sie hätten das Problem gelöst. Zwölf Millionen Rubel, und beim Probelauf ist ihnen alles um die Ohren geflogen.«
Er nahm Annas Handgelenk. »Du achtest nicht auf dich.« Er wendete die Hand hin und her.
»Ich habe deine Creme verwendet.« Sie wollte sich ihm entziehen.
»Rau und fleckig.« Er öffnete ihre Finger.
»Es ist der Kalk.«
»Warum trägst du keine Handschuhe?«
»Die helfen nicht.«
»Du bist schön, Annuschka.« Er ließ sich gegen das Kissen sinken. »Ist dir kalt? Soll ich nachlegen?«
»Lass nur.« Sie rutschte zur Seite und zog ihre Stiefel aus. Während sie die Bluse fallen ließ und das Unterhemd abstreifte, hatte sie die Empfindung, dass Betrug und Realität sich für sie mehr und mehr vermengten. Jeden Tag ging ein weiteres Stück ihrer Integrität verloren, ihre Gefühle entglitten ihr. Ganz selbstverständlich agierte sie in der Unwahrheit.
Ohne sie zu berühren, stand er auf, trat einen Schritt zurück und zeichnete mit ausgestrecktem Arm ihren Körper nach. Er gab ihr Kosenamen, sah zu, wie sie den Reißverschluss des Rockes löste und aus der Strumpfhose schlüpfte. Schließlich nackt, stellte Anna die Teller ins Pfännchen und legte die Brotreste darauf. Mit einem Blick auf die Wanduhr vergewisserte sie sich, dass es noch keine Eile hatte. Auf einem Teppich im Halbdunkel sank sie zu Boden, ihr wurde dunkler zumute, ruhiger. Sie musste an Anton denken. Hatte er es sich im Gartenhaus gemütlich gemacht? Wahrscheinlich saß er bei laufendem Motor im Wagen.