Buchinfo

Noch bevor er die Augen öffnet, weiß Mick, dass er in der Falle sitzt. Neben ihm liegt Isabella, Frau eines Wirtschaftsbonzen. Steinreich. Und tot. Hat Mick sie tatsächlich umgebracht? Oder steckt er mitten in einem gnadenlosen Spiel, aus dem es kein Entkommen gibt?

 

Ein packender Thriller mit brisantem Hintergrund – der neue Roman von Alice Gabathuler

Autorenvita

 

© privat

 

Alice Gabathuler wurde 1961 in der Schweiz geboren. Sie arbeitete als Radiomoderatorin, Werbetexterin und Englischlehrerin. Heute ist sie Lehrerin in einer privaten Englischschule und freiberufliche Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Werdenberg, einem kleinen Ort in der Ostschweiz.

 

www.alicegabathuler.ch

 

 

 

 

Never forget

 

 

 

 

 

Für Joshy, Stouni, Migi, Feu Feu, Shivus, Luci, Silvan, Kay und den Unbekannten, der mit seiner Frage nach zwanzig Rappen diese Geschichte ins Rollen brachte – und für alle anderen, die nicht der gängigen Norm entsprechen. Die Welt braucht Menschen wie euch.

Am 26. Februar 2012 kaufte sich in Florida ein siebzehnjähriger Jugendlicher in einem Tankstellenshop eine Tüte Süßigkeiten und eine Dose Eistee und machte sich damit auf den Weg nach Hause. Unterwegs fiel er einem Mann auf, dem er verdächtig vorkam, unter anderem, weil er einen Kapuzenpullover trug.

Der Mann erschoss den Jungen. Nach der Tat berief er sich auf das Stand-your-ground-Gesetz. Dieses Gesetz erlaubt in manchen Bundesstaaten der USA Menschen, die sich bedroht fühlen, sich mit Gewalt zu wehren, einschließlich tödlicher Gewalt – und es gewährt ihnen für ihre Tat Straffreiheit.

Der erschossene Jugendliche war unbewaffnet. Alles, was er bei sich hatte, war die Tüte Süßigkeiten und die Dose Eistee aus dem Tankstellenshop. Der Staatsanwalt stellte keinen Haftbefehl gegen den Täter aus. Erst auf Druck der Medien und Demonstranten wurde der Täter angeklagt.

 

Kriminalität unter jugendlichen Außenseitern nimmt beängstigend zu

 

Der Fall des in seinem Geschäft ausgeraubten und dabei lebensgefährlich verletzten Juweliers Konrad T. scheint gelöst. Gestern verhaftete die Polizei den dringend Tatverdächtigen Nico K., einen jugendlichen Außenseiter ohne festen Wohnsitz.

 

Noch sei der junge Täter nicht geständig, heißt es aus gut unterrichteten Quellen, doch alle Indizien deuten auf Nico K. als Täter. Nico K. wäre damit der letzte Täter in einer anhaltenden Serie von schweren Verbrechen, die von jugendlichen Außenseitern begangen wurden. Acht der jugendlichen Straftäter sind inzwischen rechtskräftig verurteilt, gegen zwölf weitere laufen Verfahren.

Die beängstigend zunehmende Kriminalität unter jugendlichen Außenseitern beschäftigt Polizei, Experten, Politiker und die Gesellschaft gleichermaßen. Als Folge dieser Eskalation an Gewalt führt die Polizei vermehrt Kontrollen an neuralgischen Punkten durch, löst verdächtig scheinende Gruppen auf und verweist auffällige Jugendliche konsequent von belebten Standorten wie Bahnhöfen, Fußgängerzonen und Parks.

Auf bisweilen fragwürdige Weise angeheizt wird die Debatte um straffällig gewordene Jugendliche von der Bewegung Gerechtigkeit für Leon, benannt nach Leon P., einem der verurteilten jugendlichen Täter.

TEIL 1.

 

Levi Xander @LeviTheVoice

Ein kurzer Blick auf die Wirtschaftsdaten: Was ist ein Leben heute wert? #GfLeon

 

 

 

Jakob Linder schoss mich ab wie ein wildes Tier. Seine Waffe war ein schwarzer Jaguar, und dass er mich sorgfältig ausgewählt hatte, kapierte ich erst, als es viel zu spät war.

 

philosophin @philosophin

Das Schicksal ist ein Finger, der auf dich zeigt.

 

 

 

Ich hörte den Wagen kommen und überlegte, ob ich mich umdrehen und den Daumen in die Höhe halten sollte. Es war das erste Auto auf dieser Nebenstraße irgendwo im Nichts, vielleicht würde es für lange Zeit auch das letzte sein. Trotzdem entschied ich mich gegen das Trampen. Ich musste erst meinen Kopf leeren, den mir Smiley beim Abschied mit Wörtern bis unter die Schädeldecke vollgeschwallt hatte.

Smiley gehört nicht zu den hellsten Leuchten, doch für manche Dinge hat er so was wie einen sechsten Sinn. Er musste geahnt haben, weshalb ich gekommen war, denn als ich mich neben ihn setzte, unten am Fluss, an seinem Lieblingsplatz, knetete er seine Hände, starrte auf das Wasser hinaus und schwieg.

»Du machst die Fliege«, sagte er nach einer ziemlich langen Zeit, in der er keinen Ton von sich gegeben hatte.

Ich schaute in die türkisfarbene Tiefe und nickte.

Das öffnete bei ihm sämtliche Schleusen. Er legte los und redete, ohne Luft zu holen, als ob ich aufstehen und gehen würde, wenn er länger als eine Zehntelsekunde schwieg. Irgendwann hatte er sich leer geredet und mich voll. Ich stand auf. Er kapierte, dass unsere Zeit um war. »Mach’s gut, Mann«, sagte er. In seinen Augen standen Tränen.

Ich wäre beinahe geblieben. »Du auch«, antwortete ich.

Smiley hob den Kopf und schaute nach oben, zur Brücke. »Achtzehn Meter.« Sein Mund verzog sich zu dem schiefen Grinsen, das er bei unserer ersten Begegnung draufgehabt hatte, achtzehn Meter weiter oben, er auf dem schmalen Brückengeländer und ich steif vor Schiss ein paar Meter von ihm entfernt.

Ich räusperte den Kloß aus meinem Rachen. »Achtzehn verdammte Meter«, antwortete ich krächzend.

Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. »Pass auf dich auf«, sagte er ernst.

Ich weiß nicht, ob man etwas denkt, wenn es einen erwischt, aber wenn ich an etwas gedacht habe, als mich der Wagen erfasste und über den Straßengraben schleuderte, dann an Smileys Worte. Pass auf dich auf. Und dass das mit dem sechsten Sinn vielleicht mehr als ein Gerücht war. Vielleicht dachte ich auch nichts, denn zwischen dem Zusammenstoß und der Landung auf dem Schotterhaufen lag bestimmt nicht mal eine Sekunde. Das ist zu wenig Zeit, um so viele Dinge zu denken.

Nachdem es einen erwischt hat, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Es riecht anders und man hört alles anders. Intensiver. Weit weg und irgendwie doch ganz nah. Das erste Geräusch, das ich wahrnahm, war ein röchelndes Stöhnen wie von einem verwundeten Tier. Ich konnte mich nicht erinnern, vor meinem unfreiwilligen Flug irgendein Lebewesen gesehen zu haben. Nur langsam sank die Erkenntnis in mich ein, dass ich es war, der diese jämmerlichen Laute von sich gab. Als wäre das nicht genug, drückte der Scheißkerl, der mich angefahren hatte, aufs Gaspedal und haute mit quietschenden Reifen ab. Nach einer Weile verlor sich das Röhren des Motors in der Ferne und ich war allein unter dem blauen Himmel mit der knalligen Sonne. Um mich war nichts als Stille.

Sie füllte sich mit meinem rasselnden Atem und meinem Puls, der durch die Gehörgänge und gegen meine Schläfen hämmerte, ein kesselndes Schlagzeugsolo auf Speed. Würgend und hustend stemmte ich mich auf die Ellbogen und sah Blut, das auf die Steine tropfte. Eine Weile schaute ich zu, wie es zwischen ihnen versickerte. Dann dämmerte meinem benebelten Hirn, dass das mein Blut war. Mir wurde übel.

Immer noch halb weggetreten, versuchte ich, mich in so was wie eine Sitzposition zu manövrieren, aber ein mörderischer Stich in meinem rechten Bein setzte mich außer Gefecht. Ich sackte zusammen und lag auf dem Schotter wie eine Katze, die man angefahren und liegen gelassen hatte. Weit über mir drehte sich der Himmel, so kitschig blau, dass ich die Augen schloss. Auf meinen Lidern brannte die Sonne, aus meinem Kopf rann Blut. Ich driftete weg.

Eine Mücke, die ihren Rüssel in die Haut an meinem Hals bohrte, holte mich zurück. Ich klatschte sie tot.

Tot, hallte es in meinem Kopf. Ich wollte nicht sterben.

»Achtzehn Meter«, krächzte ich. »Achtzehn Meter, achtzehn Meter, achtzehn Meter.« Es klang wie eine Beschwörung. Dabei glaubte ich nicht an Geister, zumindest nicht an gute, aber Smiley tat es, und vielleicht reichte sein Glaube auch für mich.

Ich fühlte, wie ich erneut abzudriften begann, und zwang mich, an Smiley zu denken. Vielleicht hört sich das blöd an, aber Smiley hat was, das einen weitermachen lässt, auch dann, wenn man aufgeben will. Keine Ahnung wieso, denn bei unserer ersten Begegnung provozierte er seinen Abgang. Er balancierte auf einem Brückengeländer hoch über dem Fluss wie ein besoffener Seiltänzer.

»Komm da runter«, sagte ich leise, damit er nicht erschrak.

Er drehte sich um und grinste mich schief an. »Achtzehn Meter. Wenn ich richtig aufs Wasser knalle, bin ich entweder sofort tot oder trete weg und merke nicht mal, dass ich ersaufe.«

Das war zu viel Gerede für einen, der sich aus dem Spiel nehmen will.

»Schade um deine Segelohren«, sagte ich.

»Arsch«, antwortete er.

Er beugte sich nach vorn und geriet ins Wanken. Ich hörte auf zu atmen. Er ruderte mit den Armen, fing sich auf und sprang vom Geländer auf die Brücke. Ich atmete erst wieder, als er mir seine Hand auf den Rücken schlug.

»Ich bin Smiley«, stellte er sich vor.

»Tatsächlich?«, keuchte ich und spuckte einen Teil meines Mageninhalts auf den Boden.

Er schaute den Fleck auf dem Teer an und dann mich. »Ja. Weil ich fast immer grinse.«

Ich war nahe dran, ihm eine reinzuhauen.

»Lust auf ein Bier?«, fragte er.

»Wolltest du wirklich springen?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Warum?«

»Mit meinem Kopf ist etwas nicht in Ordnung.«

Das sah ich auch so. Ich wandte mich ab und ließ den Grinskopf stehen.

»Und?«, rief er mir hinterher.

»Was?«

»Willst du jetzt ein Bier oder nicht?«

Ich war den ganzen Tag unterwegs gewesen. Ich hatte Hunger und ich hatte Durst. Und die Zeiten waren härter geworden für solche wie mich. Deshalb sagte ich: »Ja.«

»Dann müssen wir hier runter.« Er grinste schon wieder. Ich fand’s nicht lustig. Smiley schon. »Erwischt!« Er lachte. »War ein Witz. Logo, springen wir nicht. Wir laufen.«

Worauf wir den Abhang hinunterschlitterten, uns durch das Gebüsch schlugen und vor einer alten Holzhütte mit einem Blechdach stehen blieben.

»Hier wohne ich«, erklärte er.

Ich wusste nicht, was er von mir erwartete, aber ich begriff, dass wir erst reingehen würden, wenn ich etwas gesagt hatte. »Nett hast du es hier«, murmelte ich.

Das Grinsen kehrte in Smileys Gesicht zurück. Ich hatte das Richtige gesagt.

Das Bier war zu warm, aber es schmeckte. In der Hütte gab es zwei Schlafplätze. Smiley fragte, ob ich bleiben wolle. Nun, er war zwar ein bisschen verrückt, aber sonst ziemlich okay. Ich blieb. Eine ziemlich lange Zeit. Die längste, die ich je freiwillig irgendwo geblieben war.

Pass auf dich auf, sagte Smiley in meinem Kopf, aus dem Blut rann.

 

John_Gambler @derSpieler

Ein guter Spieler ist immer auch ein guter Schauspieler. #Spielregeln

 

 

 

Der Wagen kam zurück. Langsam fuhr er auf mich zu und hielt auf meiner Höhe an. Ein leises Klicken der Tür, polierte Schuhe auf dem Asphalt, darüber Anzughosen, eine Stimme. »Scheiße, Junge, bist du verletzt?«

Ich antwortete nicht. Schließlich hatte der Typ Augen im Kopf und konnte das Blut sehen.

»Kannst du aufstehen?«

Ich sagte immer noch nichts.

Er stolperte über meine Tasche, die am Straßenrand lag. »Ist das deine?«, fragte er.

Zum ersten Mal, seit er ausgestiegen war, schaute er mich an. Seine grauen Augen waren leer. Da war nichts drin, kein Bedauern, keine Schuld, kein Mitleid, einfach nichts. Ich schwitzte und fror gleichzeitig. Einen Augenblick lang dachte ich, er sei zurückgekommen, um mich fertigzumachen. So, wie man zurückkommt und die sterbende Katze erschlägt.

Ich rollte reflexartig zur Seite. Die heftige Bewegung verwandelte meine Umgebung in ein Karussell. Alles drehte sich. Immer schneller. Bis ich nur noch verschwommene Umrisse sah, durch die schwarze Linien blitzten.

Ich muss kurz weggetreten sein, denn das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, wie der Typ sich über mich beugte. Diesmal waren seine Augen voller Sorge und Mitleid. So, wie er roch, war es nicht Sorge um mich, sondern Sorge um sich, und das Mitleid war reines Selbstmitleid. Er hatte getrunken. Einen Unfall verursacht. Fahrerflucht begangen. Wenn das rauskam, war er geliefert. So viel checkte ich sogar in meinem Zustand. In mir flatterte die Panik wie ein gefangener Vogel. Er würde mich beseitigen!

»Ich bin Jake«, sagte er und drückte mir etwas gegen die Wunde am Kopf. »Verdammt, es tut mir leid, ich war in Gedanken woanders und habe dich zu spät gesehen.« Er führte meine Hand an ein Stück zusammengeknüllten Stoff. »Halt mal!«

Ich war zu zittrig. Der Stoff glitt mir aus den Händen. Jake knüllte ihn erneut zusammen und ich erkannte, dass es ein T-Shirt war, aber nicht eins aus meiner Tasche, sondern eins, das ich noch nie gesehen hatte. Es verströmte einen süßen, schweren Duft, von dem mir noch übler wurde, als mir ohnehin schon war.

»Versuch’s noch mal!«, befahl Jake, ohne laut zu werden. »Ich brauche beide Arme, um dich zum Wagen zu kriegen.«

Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich mit Jake ins Auto steigen wollte, doch ich hatte keine Wahl. Mir war klar, dass ich einen Arzt brauchte, und Jake war der Einzige, der mich zu einem bringen konnte.

Diesmal schaffte ich es. Mit der einen Hand presste ich das T-Shirt gegen die blutende Wunde, mit der anderen klammerte ich mich an den Mann, der mich angefahren hatte. Durch mein rechtes Bein fuhren tausend Messer und ein Schwall Blut rann daran herunter. Ich knickte ein, aber Jake fing mich auf und schleppte mich zum Wagen. Die Tür auf der Beifahrerseite stand offen. Jake musste sie geöffnet haben, während ich bewusstlos gewesen war.

Er hievte mich auf den Sitz, auf dem eine Decke lag. Wahrscheinlich, damit ich den edlen Wagen nicht versauen konnte. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Mein Körper vibrierte. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass wir losgefahren waren.

»Ich habe Scheiße gebaut«, drang Jakes Stimme durch den Lärm in meinem Schädel. »Ich kann dich nicht zu einem Arzt bringen.«

Auf einen Schlag war die Panik wieder da.

»Ich habe getrunken«, erklärte Jake. »Eine ziemliche Menge. Deshalb bin ich auch erst einmal abgehauen. Wenn ich dich zum Arzt oder in die Notaufnahme fahre, wird der Unfall der Polizei gemeldet.«

Polizei! Ich stöhnte auf. Das war der Moment, in dem Jake mich festnagelte. »Ich denke, es ist auch in deinem Interesse, wenn wir diesen Vorfall diskret behandeln«, sagte er. »Was meinst du, Andy? Oder soll ich dich Loris nennen?«

Er hatte nicht nur die Wagentür geöffnet und den Beifahrersitz abgedeckt, er hatte auch meine Tasche durchwühlt, und zwar gründlich. Zwei Ausweise, zwei Namen, keiner davon meiner. Ich schwieg und wartete ab, welchen Deal er mir vorschlagen würde.

»Kein offizieller Arztbesuch, keine Polizei«, sagte er. »Ich kenne da jemanden, der das für mich regeln kann. Den werde ich jetzt anrufen, wenn es dir recht ist.«

Typen wie Jake hatten Anwälte, und dort, wo Anwälte nichts ausrichten konnten, einen Plan B. Typen wie ich hatten keine Anwälte und keinen Plan B. Wir wanderten in den Knast.

»Andy?«, hörte ich ihn fragen.

Keine Ahnung, wie lange ich nichts gesagt hatte. Auf jeden Fall glaubte Jake, ich hätte ihn nicht gehört und begann, seinen Spruch von vorhin noch einmal herunterzuleiern, diesmal, indem er mich mit Loris ansprach.

»Keine Polizei«, flüsterte ich.

Ich wette, er hat gegrinst wie Smiley an einem sehr guten Tag. Gesehen habe ich es nicht, denn ich dämmerte wieder weg. Die Erinnerung an die Fahrt ist zu vernebelt, doch ich glaube, ich habe von Brücken geträumt, von hohen Brücken und dem Fall ins Nichts. In die Träume mischte sich Jakes Stimme. Er sprach mit jemandem. Dann klingelte sein Handy und er redete nochmals mit jemandem. Was er sagte, weiß ich nicht, denn auf der Brücke lehnte sich Smiley weit über das Geländer und rief mir hinterher: »Pass auf dich auf.«

 

Bund für eine tatkräftige Nation @BtN

Wir leben in einem Land, in dem es jedem gut gehen kann. Man muss nur wollen. #tatkraft

 

 

 

Eine schrille Stimme bohrte sich in meinen Kopf. »Was hast du getan?«

Ich hatte diese Frage so oft gehört, dass ich reflexartig antwortete. »Nichts.« Meine brennenden Lider flatterten beim Versuch, die Augen zu öffnen.

»Er ist mir direkt vor den Wagen gelaufen«, sagte Jake. »Ich hatte keine Chance, ihm auszuweichen.«

Wenn das Jakes Wahrheit war, sollte er sie haben. Ich brauchte einen Arzt, Jake hatte mir einen versprochen. Der Rest war mir egal. Hauptsache, keine Polizei. In ein paar Stunden würde ich von hier verschwunden sein.

»Bring! Ihn! Weg!«

Jedes einzelne Wort traf mich wie eine Ohrfeige. Meine Lider flatterten immer noch, aber wenigstens konnte ich wieder sehen. Etwas unscharf erkannte ich lange Beine in sehr kurzen Hotpants. Ich zwang meinen Blick weiter nach oben. Flacher, gebräunter Bauch, enges Top über perfekten Titten. Blonde Haare, volle Lippen, meergrüne Augen. Die Tusse starrte mich an, als käme ich direkt von der Müllkippe.

»Wenn du an ihre Kohle willst, vergiss es.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete.

»Verdammt, Edy! Hör endlich auf rumzuzicken und hilf mir, ihn ins Haus zu bringen!«, fuhr Jake sie an.

Edy? Die scharfe Braut hieß wie ein Kerl?

»Sicher nicht.« In das Schrille mischte sich Ekel. »Der Typ ist voller Blut und stinkt wie ein Schwein.«

Jake packte sie am Arm und zog sie zu sich heran. »Er ist verletzt.«

»Bring ihn in die Notaufnahme. Sollen die sich um ihn kümmern.« Sie wand sich aus seinem Griff. »Das war kein Unfall, sondern ein Trick, Jakey-Daddy. Es gibt Typen, die tun alles, um an Mams Geld zu kommen.«

Die Tusse spuckte Jake die Worte ins Gesicht. Sie hätten genauso gut ihm gelten können. Nicht gerade das, was eine liebende Tochter tut. Wäre ich Jakey-Daddy gewesen, hätte ich ihr eine gescheuert, doch Jake schien das Verhalten seiner Tochter witzig zu finden. Lachend schaute er ihr nach, wie sie über den perfekt getrimmten Rasen verschwand.

»Weiber!« Jake blinzelte mir zu. »Können ganz schön giftig werden, nicht wahr?«

Hier war alles giftig. So viel kapierte ich sogar in meinem lädierten Zustand. Von Gift sollte man sich fernhalten. Das hatte ich gelernt. Auf die harte Tour. Ich hatte keinen Bock auf eine Wiederholung.

»Bring mich in die Notaufnahme.« Meine Stimme klang wie Brei.

Jake lachte schon wieder. »Du bist wie sie. Eine Wildkatze. Weißt du das?«

Ich wusste nur eins: Ich wollte weg. Jetzt gleich. Das bisschen Kraft, das ich noch hatte, reichte aus, mich aus dem Wagen fallen zu lassen. Zum Aufstehen nicht mehr. Ich tat etwas völlig Sinnloses. Ich kroch. Jake lachte immer noch. Es war krank. Ich kroch und er schaute mir zu und lachte. Der Kerl war besoffener, als ich dachte, oder total verrückt! Nachdem er genug gelacht hatte, packte er mich, zog mich hoch und brachte mich zum Haus. Ich hatte keine Kraft mehr, mich gegen diesen Irren zu wehren.

Wir waren beinahe bei der Tür, als ein Wagen auf den riesigen Platz vor dem Haus einbog und neben Jakes Luxusschlitten parkte. Ein beeindruckend großer Typ in einem dunkelgrauen Anzug stieg aus und eilte auf uns zu.

»Das ist Walter«, erklärte Jake. »Er ist Arzt.«

»War«, korrigierte ihn Walter. »Allerdings ein verdammt guter«, fügte er nach einem Blick in meine Augen an, in denen die nackte Panik gestanden haben muss. »Vertrau mir.«

Das mit dem Vertrauen war so eine Sache. Ich vertraute niemandem. Schon gar nicht Walter. Irgendetwas musste faul sein, wenn einer nicht nach Krankenversicherungen fragte und auch sonst nicht viel wissen wollte. Er schien nicht einmal richtig hinzuhören, als Jake ihm die gleiche Geschichte verklickerte, die er schon seiner Tochter erzählt hatte, nämlich, dass ich ihm vor den Wagen gelaufen sei. Ich musste aufpassen. Wach bleiben. Die Kontrolle behalten.

Jake und Walter brachten mich in ein Badezimmer, in dem locker Smileys ganze Hütte Platz gehabt hätte. Wortlos zogen sie mich bis auf die Boxershorts aus, dann drückten sie mich auf eine Art hölzerne Bank, die sehr teuer aussah, und von der ich nicht wusste, was sie in einem Bad verloren hatte.

Normalerweise reagieren die Leute entweder mit entsetzten Ausrufen oder betretenem Schweigen auf meinen Körper. Nicht so Jake und Walter. Jake betrachtete mit offener Neugier meine Narben und Tattoos, Walter schaute sich ein paar davon etwas näher an, vermutlich aus professionellem Interesse, doch die beiden verloren kein Wort über das, was sie sahen. Es war, als hätten sie gewusst, was sich unter meinen Klamotten verbarg. Mein innerer Alarm schlug an, noch heftiger als vorher auf dem Parkplatz.

Doc Walter war mittlerweile mit seinen Begutachtungen bei meinen Verletzungen angekommen. »Das sieht übel aus«, meinte er zu der ziemlich langen, klaffenden Wunde unter meinem rechten Knie. »Ich gebe dir etwas gegen die Schmerzen, bevor ich mit dem Verarzten beginne.«

Er öffnete seinen Koffer und spritzte mir irgendein Zeug, das sehr schnell und sehr heftig einfuhr. Ich fühlte nicht viel von den Stichen, weder von denen am Bein noch von denen am Kopf, aber ich bekam mit, wie ich ein ordentliches Büschel Haare verlor.

Nachdem mich Doc Walter zusammengeflickt hatte, steckten sie mich in ein sauberes T-Shirt. Gemeinsam brachten mich die beiden in einen Raum mit einer riesigen Glasfront, durch die ich glitzerndes Wasser sehen konnte, in dem eine wunderschöne Nixe schwamm. Ich glitt auf ein riesiges Bett mit weichen Kissen und frisch riechenden Laken und schlief sofort ein.

 

philosophin @philosophin

Du kannst sie nicht sehen, aber sie sind da, die Risse in der Zeit.

 

 

 

Ich bin an vielen Orten aufgewacht. Meistens nicht an guten. Die Erfahrung hat mich gelehrt, die Augen geschlossen zu halten und mich schlafend zu stellen, bis mir meine Sinne die wichtigsten Daten übermittelt haben. Diese Strategie hat mir mehr als einmal den Arsch gerettet.

Der Ort, an dem ich an jenem Tag aufwachte, war warm und weich und roch nach Vanille. Das bedeutete jedoch nicht, dass es ein guter Ort war. Auch das hatte ich gelernt. Noch bevor die Erinnerung zurückkam, hörte ich eine Stimme, die mir sagte, ich solle auf mich aufpassen. Es war eine vertraute Stimme, aber ich konnte sie niemandem zuordnen, denn mein Kopf fühlte sich ziemlich benebelt an. Mitten in diesem Nebel pochte ein dumpfer Schmerz. Reglos lag ich da und horchte in die Stille. Wenn jemand im Raum war, würde er nicht merken, dass ich nicht mehr schlief. Smiley war der Einzige, der nie auf meinen Trick mit den geschlossenen Augen hereingefallen war.

Smiley! Die warnende Stimme gehörte Smiley. Meine Sinne verwarfen diesen Gedanken gleich wieder. Ich konnte unmöglich bei Smiley sein. Bei ihm war es weder warm noch weich noch roch es nach Vanille. Dieser Ort war neu.

Während ich mich zu erinnern versuchte, wie ich hierhergekommen war und warum ich hier war, atmete ich gleichmäßig weiter.

Jakey-Daddy, sagte eine schrille Stimme. Sie aktivierte einen Vorschlaghammer, der gegen meine Schädeldecke schlug. Ich unterdrückte das Stöhnen, das sich in meine Kehle drängte. Die Schmerzen im Kopf waren real, bei der Stimme war ich nicht sicher. Mein Unterbewusstsein spielte mir manchmal Streiche und rief Stimmen aus einer inneren Mailbox ab, auch solche, die ich längst in der Vergessenheit zu entsorgen versucht hatte. Die Jakey-Daddy-Stimme kam jedoch nicht aus der Vergangenheit. Langsam tauchte ein Bild vor mir auf, erst undeutlich, dann immer schärfer. Lange Beine, pralle Titten und das Gesicht einer verwöhnten Göre.

Und dann erinnerte ich mich. An die Jakey-Daddy-Tusse mit dem Namen eines Kerls. An Jake. Daran, wie er mich mit seinem Luxusschlitten abgeschossen hatte. An ein Badezimmer, größer als Smileys Hütte. Ich hatte keinen Vorschlaghammer im Kopf. Nur ein Loch, zugenäht von einem Doc, der nicht ganz sauber war. Was er danach mit mir gemacht hatte, wusste ich nicht, auf jeden Fall nichts Gutes, denn der Nebel um meinen Kopf lichtete sich nicht. Wahrscheinlich waren irgendwelche Medikamente daran schuld, die gleichen, die auch für das taube Gefühl in meinen Beinen verantwortlich waren.

Mit immer noch geschlossenen Augen scannte ich den Raum nach Geräuschen ab. Außer meinem Atem hörte ich nichts. Ich stoppte ihn. Völlige Stille hüllte mich ein. Da war niemand. Ich war allein. In einem tiefen Zug sog ich Luft in meine Lungen und atmete sie langsam wieder aus. Dann öffnete ich die Augen.

Draußen war es Nacht. Trotzdem war es nicht dunkel. Auf der anderen Seite der Glasfront leuchtete das Wasser eines Pools kaltblau im Schein der Beckenspots. Dort, wo das Licht auf das Sprungbrett traf, warf es lange Schatten. Sie krochen zu mir ins Zimmer und drängten mich zurück in eine andere Zeit. Ich wurde zum kleinen Jungen mit der Angst vor dem schwarzen Mann. Um mich bildete sich eine Kälteblase. Sie kam aus meinem Innern, drang durch meine Haut nach außen und füllte die Luft um mich herum. Mein Körper versteifte sich. Erst als ich mit dem Mittelfinger meiner rechten Hand über das weiche Lederband an meinem linken Handgelenk fuhr, immer und immer wieder, löste sich die Starre.

Es gab Dinge, die man nicht ändern konnte. Es gab Dinge, die man vergessen musste. Der schwarze Mann war tot. Manchmal geisterte er noch durch meine Träume, aber nicht mehr oft. Dass er mir ausgerechnet jetzt einfiel, wäre für Smiley ein schlechtes Zeichen gewesen.

Smiley glaubte an so was. In allem und jedem sah er Zeichen. Gute Zeichen, schlechte Zeichen. Ich nicht. Das Leben war, wie es war. Vielleicht konnte ich deshalb an Orten aufwachen, die ich nicht kannte, ohne in Todesangst zu verfallen. Solange ich aufwachte, lebte ich noch und hatte eine Chance, auch weiterhin am Leben zu bleiben. Denn welcher Idiot würde mich aufwachen lassen, wenn er mich doch im Schlaf viel einfacher kriegen konnte?

Obwohl zwischen mir und dem Pool eine Glasfront und ein ganzes Stück gepflegter Rasen lagen, hörte ich das leise Plätschern des Wassers. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, und was ich wirklich hörte, war die Erinnerung an die Nächte in Smileys Hütte am Fluss.

Das ist ein Zeichen, flüsterte Smileys Stimme in meinem Kopf jetzt ziemlich eindringlich. Hau ab, bevor es zu spät ist.

Ich brauchte keine Zeichen, um zu wissen, dass dies von all den schlechten Orten, an denen ich aufgewacht war, einer der ganz schlechten war. Trotzdem überstürzte ich nichts. Es war mitten in der Nacht, ich war mit irgendeinem Medikament abgefüllt und ich lag unbeaufsichtigt in diesem Raum. Vor dem Morgen würde wahrscheinlich niemand bei mir vorbeischauen. Bis dann würde ich weg sein.

Ich testete meine Körperfunktionen. Langsam setzte ich mich auf. Ein Teil von mir funktionierte also. Aber nur ein Teil. Meine Beine blieben taub. Ich schlug die Bettdecke zurück. Mein rechtes Knie und Bein steckten in einem Verband. Das linke Bein lag daneben wie totes Fleisch. Genauso fühlte es sich auch an. Wenigstens trug ich immer noch meine Boxershorts und ein T-Shirt. Ich erinnerte mich daran, wie Jake und der Doc es mir übergezogen hatten. Was hatten sie mit meinen Sachen gemacht? Wo waren sie? Wo war meine Tasche?

Mir war jetzt nicht mehr kalt, sondern siedend heiß. Alles, was ich besaß, befand sich in dieser Tasche. Ich widerstand dem Drang, den Schalter der Nachttischlampe zu suchen. Wenn ich das tat, verriet ich, dass ich wach war. Das war das Letzte, das ich wollte.

Weil sich meine Beine kaum bewegen ließen, half ich mit den Händen nach. Vorsichtig rückte ich sie über die Bettkante. Schweiß rann über meine Schläfen. Ich wischte ihn nicht weg, aus Angst, damit den Vorschlaghammer weiter anzutreiben.

Als ich auftreten wollte, knickte ich ein und ging neben dem Bett auf die Knie. In meinem Kopf besangen die Eagles das Hotel California, aus dem man jederzeit auschecken, es aber nie verlassen kann. Genau in dem Moment gingen die Lichter im Pool aus. Noch ein Zeichen, hätte Smiley gesagt. Mitternacht, vermutete ich und beschloss, meinen Fluchtversuch auf später zu verschieben. Zum Glück steckte in meinen Armen noch genügend Kraft. Ich zog mich hoch und schaffte es zurück ins Bett.

Ich weiß nicht, ob der Schlaf oder die Bewusstlosigkeit auf mich Jagd machten, auf jeden Fall erwischte mich einer der beiden und schickte mich auf die Reise, aber kurz bevor ich ins Dunkel eintauchte, hörte ich jemanden weinen. Eine Hand schob sich in meine. »Alles wird gut«, flüsterte ich, doch als ich zudrückte, spürte ich nur meine eigenen Finger an meinen Handflächen.

In dem Moment, in dem mich Jakes Luxusschlitten erwischte hatte, musste ich durch einen Riss in der Zeit geflogen sein. Er hatte sich nicht schnell genug hinter mir geschlossen. Die Geister meiner Vergangenheit waren mir gefolgt. Sie trieben mich in eine Traumwelt, in der die Hölle auf mich wartete.

 

Klaus P. Niedermeier @KPNiedermeier

Manche Menschen richten sich in ihrer Lüge ein, bis sie zu ihrer Wahrheit wird, und diese falsche Wahrheit wird zur Entschuldigung, warum sie sind, wie sie sind.

 

 

 

Ein leises Surren holte mich aus dem Schlaf. Hinter meinen geschlossenen Lidern wurde es heller. Ein süßer Duft, den ich von irgendwoher kannte, hing in der Luft. Ich war nicht allein.

»Guten Morgen«, sagte eine Stimme, die besser zu einer Nacht in einer verruchten Bar als zu einem neuen Morgen passte.

Ich öffnete die Augen.

Am Fenster stand eine Frau. Sonnenstrahlen beleuchteten sie wie das Scheinwerferlicht einer Bühne. In ihrem figurbetonten weißen Top und den eng anliegenden Röhrenjeans sah sie aus wie ein Model. Ihre Haut war leicht gebräunt, ihr langes blondes Haar glänzte. Auf den ersten Blick hätte sie die ältere Schwester der Tusse vom Vortag sein können, aber die aufgespritzten Lippen, die zu straffe Haut um die Augen und die etwas zu hohen Wangenknochen verrieten die Mutter.

Ich beobachtete, wie die Frau auf mich zukam. Sie machte ihren Auftritt zur Show und mich zu ihrem einzigen Zuschauer. Mit Frauen wie ihr hatte ich für Geld geschlafen. Ich wusste, dass hinter der selbstsicheren Fassade das Grauen lag, die Angst vor der Gnadenlosigkeit des Alters, der Neid auf die Jüngeren, die Verzweiflung über den langsamen Verlust der Schönheit, den weder teure Ärzte mit Botoxspritzen und Skalpellen noch regelmäßige Workouts im Gym aufhalten konnten.

»Ich hoffe, Jake und der Doc haben dir nicht zu stark zugesetzt.« Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, der Rest des Gesichts blieb starr. Sie stand jetzt dicht vor mir. Ich ließ meinen Blick nach unten gleiten. Ihre Titten waren eine zeitlose Silikonschöpfung, nur die Haut dazwischen log nicht.

Einige der Frauen, die mich wie einen streunenden Kater mit nach Hause genommen hatten, waren selbstironisch genug gewesen, über diese unbarmherzige Verwelkung und den aussichtslosen Kampf dagegen zu lachen oder ihn zumindest sarkastisch zu kommentieren. Diese Frau wirkte nicht so, als ob sie über sich selbst lachen konnte. In ihren Augen steckte die Hoffnungslosigkeit jener, die wissen, dass sie verloren haben.

»Du redest wohl nicht viel.« Die Frau streckte ihre Hand aus und glitt mit den Fingern über die Piercings über meinem Auge. »Bist einer von der ungezähmten Sorte, nicht wahr?« Sie beugte sich noch näher zu mir herunter, ihre Finger tanzten über mein Ohr, hüpften von Ring zu Ring, ihre Titten schwebten direkt vor meinem Gesicht. Mein Körper fuhr sein System hoch. Vielleicht war dieses unverhohlene Angebot die ausgleichende Gerechtigkeit für ein Loch im Kopf, ein kaputtes Bein und eine Tussentochter, die mich wie Müll behandelt hatte. Beinahe ließ ich mich darauf ein, doch dann meldete sich Smileys Stimme. Pass auf dich auf!

Der Film riss. Mit Smiley in meinem Kopf konnte ich mich nicht flachlegen lassen. Es ging nicht. Nur, wie brachte ich das dieser Frau bei, deren Finger meinem Hals entlang zum Ansatz des T-Shirts glitten?

»Ich glaube, ich muss ko… ähm … mich übergeben«, würgte ich hervor.

Sofort ging die Frau auf Abstand. Mit ihren Fingern, die eben noch meinen Körper wie ein unbekanntes Gebiet erforscht hatten, fuhr sie sich durch ihr Haar. Auf ihrem Gesicht bildeten sich rote Flecken. Ich wusste nicht, ob aus Verlegenheit oder aus Wut über die Abfuhr, und wollte mir darüber auch keine Gedanken machen.

»Die Tür dort geht zum Bad«, sagte sie knapp und trat einen weiteren Schritt zurück.

Ich bedankte mich in Gedanken bei Smiley. Der Lady schenkte ich einen reuevollen Tut-mir-leid-Dackelblick. Das kostete mich nichts und ließ ihr etwas Würde. Falls sie überhaupt merkte, wie würdelos ihre kleine Verführungsnummer gewesen war.

»Kannst du aufstehen?«, fragte sie.

»Ja«, murmelte ich und vermied es, sie anzusehen.

Sie zögerte einen Moment. Dann trat sie den Rückzug an. Der Geruch ihres Parfums blieb in der Luft hängen und würde noch lange an mir haften. Es war, als hätte mich die Frau als ihr Eigentum markiert. Jake würde es riechen.

Nachdem mein nächtlicher Aufstehversuch jämmerlich gescheitert war, ließ ich es diesmal noch langsamer angehen. Ich stützte mich auf die Ellbogen und wäre vor Schreck beinahe zurück in die Kissen gekippt. Draußen, über dem Pool, auf dem Sprungbrett saß die Tusse, die Knie an den Körper gezogen. Ihr linker Arm war um die Beine geschlungen, in der rechten hielt sie ein Handy, das sie direkt auf das Fenster zu meinem Raum richtete. Als sie bemerkte, dass ich sie entdeckt hatte, legte sie das Ding aufreizend langsam neben sich, ohne ihren Blick von mir zu nehmen.

Wie lange hatte sie zugeschaut? Hatte sie alles gesehen? Gefilmt? Und wenn schon! Was konnte ich dafür, dass diese Familie verrückt war? Trotzdem stieg mir die Hitze in den Kopf. Am liebsten wäre ich zurück ins Kissen gesunken, aber ich musste dringend ins Bad. Während ich mich im Zeitlupentempo aus dem Bett quälte, suchte ich mit den Augen den Raum nach meinen Kleidern und meiner Tasche ab. Zu meiner Überraschung lag beides auf einem Sideboard, das irgendein durchgeknallter Designer unter Drogen entworfen haben musste.

Die Taubheit war aus den Beinen gewichen und hatte einem stechenden Schmerz Platz gemacht. Ich presste meine Zähne aufeinander und schaffte es aus dem Bett. Der Vorschlaghammer nahm seine Arbeit wieder auf, und auch wenn ich fast mein ganzes Gewicht auf mein linkes Bein legte, konnte ich kaum stehen.

Ich stieß mich vom Bett ab und humpelte zum Sideboard. Die Kleider waren gewaschen und gebügelt. Neben dem Board standen auf einer sorgfältig ausgebreiteten Zeitung meine Springerstiefel, auf Hochglanz poliert. Ich wusste nicht, ob das Jakes Art von Humor war oder ob eine Hausangestellte ihre Arbeit etwas zu ernst nahm. Ich wusste nur, dass ich hier unter keinen Umständen länger bleiben wollte.

So schnell es mir möglich war, stopfte ich die sauberen Kleider in meine Tasche, klemmte sie unter meinen Arm und verzog mich damit ins Bad. Als ich die Tür hinter mir zuzog, schaute ich noch einmal nach draußen. Die Tusse saß immer noch auf dem Sprungbrett und beobachtete mich. Ich fror, obwohl mich diese beiden irren Weiber nichts angingen. Absolut nichts. Sie lebten auf einem Planeten, auf dem ich mich nicht mal geschenkt niederlassen würde. Und sie hatten Badezimmer, die nichts mit der Welt zu tun hatten, in der ich lebte.

Dieses hier war nicht ganz so groß wie das vom Vortag, aber immer noch ziemlich beeindruckend, vor allem ziemlich weiß. Nur die steinernen Bodenfliesen waren dunkel. Auf ihnen lag ein weißer Teppich, so weich, dass man darauf hätte schlafen können. Alles glänzte, wahrscheinlich von derselben Frau Blitzblanksauber auf Stufe Keimfrei gebracht, die meine Kleider gebügelt und meine Springer poliert hatte. Ich stellte meine Tasche auf den Boden und stützte mich auf das Waschbecken, so ein rechteckiges, ziemlich flaches Ding. Aus dem Spiegel blickte mir eine Vogelscheuche mit Zombiegesicht entgegen. Mein Kopf wurde von einem Verband zusammengehalten, unter dem wirr mein Haar herausquoll, auf der rechten Wange und auf dem Kinn klebte auf kleinen Schürfungen rot-braun getrocknetes Blut.

Noch vor Kurzem hatte ich völlig gesund bei Smiley am Fluss unten gesessen. Ich hätte auf ihn hören und bleiben sollen. Hatte ich aber nicht. Es nützte also nichts, über all die Wenns und Abers nachzudenken. Jetzt war jetzt. Ich steckte in der Scheiße und musste irgendwie raus. Dazu brauchte ich einen klaren Kopf. Einen, der nicht so höllisch wehtat. Erst einmal aber musste ich pissen.

Danach dauerte es Ewigkeiten, bis ich herausfand, wie ich das Wasser zum Fließen bringen konnte. Als ich den Bogen endlich raushatte, plätscherte es nicht sanft und edel aus dem Hahn, sondern schoss in einem harten Strahl ins Becken und spritzte von dort in alle Richtungen. Ich hielt meine Hände unter den Strahl, worauf das Wasser noch heftiger spritzte. Statt es abzustellen, schaute ich den Tropfen zu, wie sie auf den Fliesen ein Muster bildeten. Ich wusste, das war ich, der da stand, und diesem seltsamen Spiel zuschaute, aber es fühlte sich nicht an wie ich. Irgendwann waren meine Hände eiskalt, das rechte Bein knickte ein, ich zuckte zusammen und war wieder ich.

Ich öffnete den Spiegelschrank. Der ganze Krimskrams an Dosen, Tuben, Fläschchen und anderen Dingen, die kein Mensch braucht, interessierte mich nicht. Was mich interessierte, waren die Schmerztabletten. Sie lagen in einer angebrochenen Schachtel direkt vor mir. Jemand im Haus musste wohl öfter auf sie zurückgreifen. Ich tippte auf die scharfe Lady.

Mit zitternden Händen griff ich nach der Packung. Es dauerte Ewigkeiten, bis ich zwei Tabletten herausgeklaubt hatte. Ich warf mir beide gleichzeitig ein. Danach machte ich das Handtuch nass und wusch mir das Gesicht. Als ich das Wasser endlich abstellte, sah das Badezimmer aus wie nach einem Kampf und ich war bereit für den Abgang, doch ein Blick durch den Türspalt nach draußen zeigte mir, dass die Tusse immer noch auf dem Sprungbrett saß wie eine Spinne, die auf ihre Beute wartet. Also manövrierte ich den Teppich an die Wand und legte mich hin, was keine wirklich gute Idee war, denn das Ding war völlig nass gespritzt. Trotzdem blieb ich liegen, schloss die Augen und wartete auf die Wirkung der Tabletten.

Irgendwann machte der Vorschlaghammer Pause und ein leises Sirren nahm seinen Platz ein. Auch mit meinem Bein wurde es wieder besser, zumindest fühlte es sich nicht mehr so an, als bohrten sich Messer ins Fleisch. Ich zog meine Tasche heran und kippte den Inhalt auf den Boden.

Frau Blitzblanksauber hatte nur die Kleider gewaschen, die ich beim Unfall getragen hatte. Den Rest, drei T-Shirts, zwei Kapuzenpullover und eine Ersatzhose, hatte sie nicht angerührt, wahrscheinlich aus Angst, sich irgendeine furchtbare Krankheit zu holen. Die beiden Ausweise, die Jake gefunden hatte, waren immer noch da, genauso wie die kleine Blechschachtel, in der ich meine ganz persönlichen Dinge aufbewahrte. Ich öffnete sie. Auf den ersten Blick fehlte nichts, doch als ich langsam und behutsam jedes einzelne meiner Erinnerungsstücke durchgegangen war, wurde mir eiskalt. Obwohl ich sicher war, nichts übersehen zu haben, ging ich alles noch einmal durch. Dann wühlte ich mich durch meine Kleider, durchsuchte die Tasche ein zweites Mal, gründlicher, als jeder Bulle sie jemals durchsucht hatte.

Es war weg. Das einzige Foto meiner Schwester war verschwunden! Bei Smiley hatte ich es noch gehabt. Jetzt war es nicht mehr da. Wer auch immer in meiner Blechschachtel gewühlt hatte, hatte mir das genommen, was mir am wichtigsten war. Frau Blitzblanksauber schloss ich aus. Die war zu gewissenhaft für so etwas. Blieben der Doc, Jake und seine kranke Familie. Jedem Einzelnen von ihnen traute ich zu, in meinen Sachen herumgeschnüffelt zu haben. Aber ich würde mir das Foto zurückholen!

Erst einmal musste ich mich anziehen. Das war gar nicht so einfach. Ich kam beinahe nicht in meine Klamotten. Noch schwieriger war es, die Springer an die Füße zu bekommen. Nachdem ich mit allem durch war und meine restlichen Sachen in der Tasche verstaut hatte, zog ich mich am Waschbecken hoch. So, wie ich aussah, war ich Bullenfutter. Sobald ich hier weg war, musste ich mich verstecken, bis die Nacht anbrach, und dann versuchen, mich irgendwie zu Smiley durchzuschlagen.

Bevor ich das Bad verließ, schnappte ich mir den ganzen Vorrat an Schmerztabletten aus dem Spiegelschrank. Ich packte sie in die Tasche und ging zurück ins Zimmer. In dem Moment, in dem ich die Tusse durch die Glasfront auf dem Sprungbrett sah, wusste ich, dass sie mein Foto hatte. Es war die Art, wie sie zu mir herüberschaute. Sie fixierte mich mit ihrem Blick wie eine Spinne, die mit ihrem Opfer spielen will, bevor sie es umbringt. Natürlich würde sie mich nicht wirklich umbringen. Menschen wie sie kannten andere Wege, einen fertigzumachen.

 

Johanna Candinas @JoJoCan

@KPNiedermeier Es gibt keine falsche Wahrheit, nur die Wahrheit. Manche gehen ihr aus dem Weg. Andere suchen sie. Und die Niederträchtigen beugen sie. #BtN

 

 

 

Trotz der eingeworfenen Tabletten war ich nicht wirklich bereit für die Tusse, aber ich wollte mein Foto zurück und ich wollte weg von diesem Ort. Also öffnete ich die Schiebetür und ging nach draußen. Die Hitze traf mich mit voller Wucht.

»Falsche Farbe für einen Tag wie heute«, sagte die Tusse.

Ich nahm an, sie meinte meine Klamotten, und schwieg.

»Aber Schwarz passt zu dir.« Sie verzog den Mund zu einem abschätzigen Lächeln.

Die Sonne brannte auf meinen Kopf, drückte mir den Schweiß aus der Haut und den Schmerz an die Schädeldecke. Die heißen Strahlen nagelten mich auf die Holzplanken vor der Glasfront.

»Du willst gehen?«, fragte die Tusse. »Ohne meine Mam gevögelt zu haben?«

Es war seltsam. Sie war wunderschön. Ihr Mund war perfekt, ihr Gesicht war perfekt, ihr Körper war perfekt. Ich war mir nicht sicher, ob sie diese schmutzigen Dinge tatsächlich gesagt hatte. Vielleicht befand ich mich auf einer falschen Frequenz und empfing Wörter aus der Vergangenheit. So, wie ich Hände fühlen konnte, die schon längst nicht mehr Halt bei mir suchten, weil ich keinen geben konnte.

»Ich will nur mein Foto. Dann gehe ich.« Mein Hals war zu, mein Mund trocken, meine Stimme nicht mehr als ein Krächzen.

»Meinst du das da?«

Verschwommen sah ich, wie sie etwas in die Höhe hielt. Es war nicht ihr Handy, dazu war es zu flach. »Sie sieht dir ähnlich«, sagte sie. »Deine Schwester, nehme ich an.«

Ich streckte meinen Arm nach dem Foto aus. Die Bewegung brachte mich ins Taumeln.

»Schleimst du dich damit in die Herzen der Frauen, von denen du Geld willst, oder bedeutet sie dir wirklich etwas?«

Ihre Stimme war voller Verachtung, ihre Hand mit dem Foto schwebte über dem Wasser. Ein falsches Wort von mir, und sie würde es loslassen. Die Planken unter meinen Füßen begannen sich zu bewegen. Ich brachte keinen Ton über meine Lippen. »Sie ist dir also nicht wichtig?«, fragte die Tusse.

»Doch«, keuchte ich. »Doch!«

»Tja, Pech für dich. Für mich ist das nämlich nur ein schäbiger, abgegriffener Fetzen Papier. Genauso wie deine Ausweise. Wie heißt du?«

Sie spreizte den kleinen Finger ab und schwenkte das Foto über dem Wasser. Für sie mochte das ein Spiel sein. Für mich nicht.

»Mick«, flüsterte ich.

»Was hast du gesagt?«

»Mick.«

»Und? Mick?« In ihrer Stimme lag pures Gift. »Darfst du denn schon mit erwachsenen Frauen schlafen?«

»Was?«

»Bei dir bezieht sich das scharf wohl mehr auf dein Ding als auf deinen Verstand. Gut, dann frage ich anders. Bist du volljährig?«

Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag fehlten noch ein paar Wochen. Ich zögerte einen Moment zu lange. »Ja.«

»Du lügst«, sagte sie. »Ich glaube, deine Schwester ist dir doch nicht so wichtig. Dann brauchst du das Foto eigentlich nicht, oder?«

Die Planken schlingerten wie wild. Ich fiel. In meinem Knie explodierte der Schmerz. »Siebzehn«, stöhnte ich. »Ich bin siebzehn.« Ich versuchte, mich aufzurichten, doch es gelang mir nicht.

»Hol sie dir und dann geh!«

Mein Kopf sank nach vorn auf die Planken. Hinter einem schweren Vorhang aus flirrend heißer Luft und meinem keuchenden Atem fragte die Tusse: »Ist sie dir nun wichtig oder nicht?«

Ich presste meine Hände gegen die Planken und hob den Kopf. Zwischen mir und dem Bild meiner Schwester lagen mindestens fünf Meter Wasser. Sonnenstrahlen tanzten auf der Oberfläche und brachten sie zum Glitzern.

»Du hast eine Minute. Wenn du dir das Foto bis dann nicht geholt hast, zerreiße ich es.«

»Nein«, flehte ich.

»Eine Minute.«

Sie würde es tun. Ich musste mich konzentrieren. Nur für diese eine Minute. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich meine Hand in die Hand meiner Schwester schob. Wie sie zudrückte und sagte: »Alles wird gut.«

Ich stemmte mich hoch, zurück in die Knie, höher, auf die Beine.

»Dreißig Sekunden«, sagte die Tusse.

Meine Springer wogen eine Tonne, mein rechtes Bein stand in Flammen. Ich wankte vorwärts, um den Pool herum, auf das Sprungbrett zu.

»Zehn Sekunden.«

»Warte!«, schrie ich. »Ich verschwinde. Für immer.«

»Fünf Sekunden.«

»Bitte!«

»Zu spät.«