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Aus Kapitel 4: In den nächsten Tagen war Bratke kaum noch zu bremsen. Er arbeitete sich tiefer und tiefer mit der ihm eigenen Gründlichkeit in die Geschichte der Zunft zum Mohren ein. Spoeri hatte ihm weiteres Material über das Schweizer Zunftwesen und Informationen über die Geschichte Berns zur Verfügung gestellt. Wann immer er ein paar Minuten erübrigen konnte, las er darin. Den Kopf in die Hand gestützt, murmelte er: "Der Silberpreis wird beim Diebstahl wohl keine Rolle gespielt haben. Mit 4,06 Dollar erzielt das Edelmetall zur Zeit den niedrigsten Stand seit dem Herbst 1993." Das hatte er nach einem Anruf bei seiner Bank erfahren. Eine weitere Option wäre, überlegte er weiter, die Spur der Besitzer zurückzuverfolgen! Nicht nur ein vorzüglicher Tropfen aus dem Anbau der Rothschilds ist möglicherweise schon einmal aus dem Pokal getrunken worden, wie Spoeri mutmaßte, nein, der Mohr war außerdem als Sammelobjekt im Besitz der Familie gewesen. Neben dem Barvermögen, Gold- und Silberreserven stützte sich ein Teil ihres Reichtums auch auf Kunstobjekte. "Ach ja", seufzte Bratke und kratzte sich ausgiebig am Kopf, "wie sehr würde ich mir wünschen, mit dem Wichtigsten ausgestattet zu sein, auf das die Rothschilds dank ihrer Kontakte bauen konnten: Auf ein exzellentes Netz von Informationen. Wobei die Betonung auf exzellent liegt." Er hatte in einer SZ-Serie über den Aufstieg der Familie gelesen, ihre Boten tummelten sich in der ganzen Welt. Sie berichteten umgehend von kriegerischen Verwicklungen, Siegen und Niederlagen, Regierungskrisen und diplomatischen Eskapaden. Zuträger von Meldungen, seien es Verwandte, Geschäftspartner oder Journalisten, saßen in Rom, Odessa, Petersburg, New York, San Francisco und wer weiß, wo sonst noch überall. Dank ihrer Hilfe wuchs der Reichtum maßgeblich schon allein durch den Vorsprung an Wissen. Bratke hatte sich köstlich amüsiert, als er las, in der englischen Grafschaft Kent und an der Bergstraße in Deutschland wurden Brieftauben im Auftrag der Rothschilds gezüchtet, die Meldungen weitertrugen, lange bevor sie in den Zeitungen standen. Ihre Gegner setzten vergeblich Falken und Habichte an der Kanalküste ein, um die Geheimnisträger abzufangen. Was für ein schönes altmodisches Bild, fast friedvoll. Tauben als Boten für schnelle Meldungen. In der heutigen Zeit von Internet und Paparazzi etwas zum Schmunzeln, dachte Bratke. Dann seufzte er wieder vernehmlich. Lowinski schaute von seinem Aktenberg auf und fragte: "Was stöhnst du denn so zum Erbarmen?" "Ich male mir gerade aus, ob unser Mohrenpokal wohl zur Zierde irgendwo in einem Salon der Rothschilds gestanden hat. So wie unsereins beispielsweise einen Kerzenleuchter aufstellt." "Die werden mit ihren Kunstwerken nicht hinter dem Berg gehalten haben. Vielleicht haben sie sich gegenseitig sogar übertrumpft mit ihren Schätzen, die waren doch alle reiche Banker." Plötzlich lachte Bratke amüsiert. "Wusstest du, dass sich ausgerechnet ein paar dieser Banker mit Insektenforschung befasst haben?" "Bienen, Käfer und Schmetterlinge?", fragte Lowinski, gähnte und sagte dann: "Trinkst du einen Kaffee mit?" Bratke schüttelte den Kopf. "Sie forschten über Flöhe." "Flöhe? Na ja, das ist ja auch ’ne Umschreibung für Geld." "Quatsch! Tatsächlich diese Plagegeister. Besonders Miriam Rothschild ist damit zu mehreren Ehrendoktorhüten gekommen. Weil sie sich eine Beschäftigung suchte, die sie als Hausfrau und Mutter unter einen Hut bringen konnte, hatte sie angefangen, sich im Gästebad ihres Landsitzes bei Cambridge eine Art Labor einzurichten, um sich unzähligen Floharten zu widmen. Anfangs hat sie in allen möglichen Behältern und Gefäßen Zuchtstationen eingerichtet." […]
  • Buchtyp: E-book
  • Sprache: Deutsch
  • EAN: 9783862820818
  • ISBN: 9783862820818
  • Verlag: ACABUS
  • Format: epub
  • Autor/in: Bärbel Rädisch
  • Kopierschutz: Kein Kopierschutz
  • Formate: epub
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Mohrenkopf. Kriminalroman im Bremer Kunstmilieu
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