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Dezember 2011

3. Auflage

Herrenberg

Copyright © 2010, 2011 by Michael Behn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art und des auszugsweisen Nachdrucks, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Oliver Behn

Satz & grafisches Konzept: Susanne & Oliver Behn

Herstellung und Verlag:

Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN-13: 978-3842388772

Dank für die Mithilfe an: Gabriele Juin, Helga Neiheißer, Peter Milz, Frank Ruschmeier, Peter Bödeker, Silke und Vanessa Härtner, Angelika Rusch

Weiterführung von Mathildes Abenteuern im Newsletter auf: http://www.blueprints.de

Kontakt zum Autor: michael@blueprints.de

Dieses Buch ist kein Roman. Es sind kurze Geschichten, die den Leser zum Nachdenken und zum Ausprobieren anregen sollen. Deswegen empfehle ich, immer nur bis zu dem Punkt zu lesen, an dem sich der Leser animiert fühlt, über das Geschriebene in Ruhe nachzudenken, etwas zu notieren oder etwas zu tun.

Michael Behn

Inhalt

1.   Prolog

2.   Ein Traum seit meiner Kindheit

3.   Ein Blick zurück

4.   Unzufrieden

5.   Das Logbuch

6.   Der geheimnisvolle Bildhauer

7.   Das ist doch ganz einfach

8.   Notizen lauschen

9.   Wir brauchen Spinner

10.  Putz die Brille

11.  Reifer werden

12.  Gregor, Mathilde und „Pareto“

13.  Die Mimose

14.  Der Mondvogel

15.  Suche nach den blinden Flecken

16.  Haie beim Weitsprung

17.  Die Fabel vom wilden Hund

18.  Es geht weiter

19.  Der traurige Spaziergang

20.  Ein praktisches Geschenk

21.  Der langsame Herr Bommel

22.  Der Wettkampf

23.  Eine verrückte Idee

24.  Die Knallvergnügte

25.  Glückliche Zimmer

26.  Tapetenkunst und der Talisman

27.  Radfahrer und Ziele

28.  Das traurige Seelendilemma

29.  Atelierverbot

30.  Überraschung beim Sportfest

31.  Der riesige Fisch

32.  Das Projekt „Komarow“

33.  Versprochen ist versprochen

34.  Bravissimo

35.  Frau Klawitsch in Not

36.  Felsen in der Brandung

37.  Das fröhliche Gewusel

38.  Nach Hause fliegen

39.  Mathildes überarbeitetes Notizbuch

1.    Prolog

Über ein Jahr ist vergangen und die großen Sommerferien sind nicht mehr fern. Viel ist passiert und vieles auch nicht – aber das sollen Mathilde und ihre Freunde selber berichten.

Die Skizzen zum Projekt „Wehendes Haar“ hängen noch an einigen Wänden. Es ist verankert in den Herzen der drei Freunde – es ist ein Symbol für Aufbruch, Hoffnung und Freundschaft. Es ist der Anlass für diese Geschichten.

2.    Ein Traum seit meiner Kindheit

Die Dame legte ihren mit Federn und Schleifen verzierten Hut auf den leeren Stuhl und erzählte weiter.

„Seit meiner Kindheit ist eine große Schiffsreise mein Traum. Mein Vater hatte mich eines Tages auf eine Hafenrundfahrt mitgenommen, und ich erinnere mich noch genau, wie fasziniert ich war von den Schiffen, den Löschmannschaften, den Kränen. Überall roch es nach fernen Ländern und Abenteuern“, sagte Frau Klawitsch.

Mathilde hörte zu und kraulte Ipo den Bauch.

„Ich habe die Schiffsreise verschoben und verschoben. Mal hatte ich kein Geld, dann keine Zeit, dann musste ich die Festspiele besuchen oder gab Gesangskurse. Danach kam der Umzug in euer Städtchen. Ich wollte mich einleben und erst Freunde finden. Später war Ipo meine Ausrede und dann waren es meine Rückenprobleme. Aber so kann es ja nicht weitergehen. Ipo wird auch eine Zeitlang ohne mich auskommen.“

Ipos Ohren schnellten hoch, und „ftt“ war sein Kommentar.

„Mathilde, du hast mich ermuntert, endlich die Reise anzutreten. Du glaubst gar nicht, wie mich das freut.“

Dann mussten beide lachen, denn Ipo streckte alle Viere von sich und schnarchte wie ein Bär.

„Oh, dieser Hund. Wie werde ich ihn vermissen, aber ich freue mich auf die fernen Länder, auf neue Bekanntschaften und auf den Tag des Wiedersehens.“

Noch eine Weile saßen sie im Café. Als die Kirchenuhr fünfmal schlug, war es Zeit für Mathilde, den Heimweg anzutreten, denn ihr Onkel kam bald nach Hause.

3.    Ein Blick zurück

Ipo schob den Fressnapf kreuz und quer durch die Küche, um den Rest aus dem Napf zu schlecken. Mathilde schaute aus dem Küchenfenster und dachte an die Erlebnisse des vergangenen Jahres. Um Menschen kennen zu lernen, nahm ihr Onkel an einem weiteren Tanzkurs teil und trug neuerdings sogar Kleidung, die heller war als schwarz. Nach der Arbeit reparierte er das Dach, da es seit Wochen durchregnete. Ipo, den Mathilde gemeinsam mit Tiberius in Pflege genommen hatte, war zum Ehrenmitglied der Familie erklärt worden. Vor der Arbeit, also furchtbar früh, ging ihr Onkel mit dem Hund spazieren.

Tiberius war rüstiger denn je und sein Kiosk war ein wichtiger Treffpunkt des Städtchens. Er machte sich immer wieder den Spaß und sprach Kunden auf Italienisch an. Die schauten entweder verdutzt oder antworteten in einer anderen Sprache. Es war ein Spiel geworden und es wurde viel gelacht.

Ihre Freundin Marei hatte es zwar noch nicht geschafft zu reiten, aber sie spielte in der benachbarten Stadt Rollstuhlbasketball. Ihr neuster Traum waren die Paralympics – als Teilnehmerin oder Zuschauerin. Ihr Freund Gregor hatte gelernt, mit seinem Asthma zu leben, er trieb regelmäßig Sport und half in seiner Freizeit einem Bildhauer.

Mathilde war eine hervorragende Läuferin geworden, Mitglied des Leichtathletikteams, und lernte weiterhin fleißig Mathematik. So konnte sie ihre Zensur auf einer Drei halten. Nach wie vor schrieb sie alles Wichtige in ihr rotes Büchlein, das mittlerweile mitgenommen aussah. In ihrer Freizeit half sie auf dem Hof von Herrn Mettmann. Der hatte eine Reithalle bauen lassen, die auch für die Arbeit mit Körperbehinderten und mit psychisch Kranken gedacht war. Leider hatte er für die Kurse immer noch keine Therapeutin gefunden.

Es war ein schönes Jahr und Mathildes Wunsch, pfeifen zu lernen, erfüllte sich nach vielem Training. Fehlerfrei pfiff sie ganze Lieder, und wenn Mathilde die Zeitungen austrug, erkannten viele an ihrem Pfeifen, dass gleich die Zeitung im Briefkasten landen würde.

4.    Unzufrieden

Rosei war für Mathilde zu einem Ort der Ruhe geworden. Der Findling war heute warm und es roch noch nach dem Regen vom Vormittag. Sie machte eine Rast auf dem Weg nach Hause, wo sie heute unkonzentriert war, sie dachte immerzu an das Projekt „Wehendes Haar“. Sie war unzufrieden mit sich und ihren Freunden Gregor und Marei. Sie hatten das Projekt aus den Augen verloren. Nichts war passiert, nichts war vorwärtsgegangen.

Natürlich hatten alle viel zu tun: Marei trainierte Rollstuhl-Basketball und Gregor arbeitete im Atelier des Bildhauers. Sie selbst übte viel für die Schule, ging zum Leichtathletiktraining, trug Zeitungen aus, half ihrem Onkel das Dach zu reparieren und arbeitete auf dem Reiterhof.

Sie blätterte in ihrem verschlissenen Büchlein und schaute erneut die Skizze an, die Gregor für das Projekt „Wehendes Haar“ angefertigt hatte. Nach längerem Betrachten der Skizze spürte sie, wie die Szene lebendig wurde. Ihre Augen waren geschlossen und sie roch das Gras, auf dem sie so schnell lief, dass ihre Haare nach hinten flogen. Marei ritt auf einem Pferd neben ihr. Gregor raste trotzte seines Asthmas neben ihnen auf einem Rennrad über das Feld.

Plötzlich schreckte lauter werdender Lärm Mathilde aus ihren Gedanken. Es war ein Traktor, der mit zwei Anhängern über das angrenzende Feld fuhr. Auf dem grünen Monstrum saß Herr Mettmann, der seinen Hut in ihre Richtung schwenkte.

„Schluss mit Jammern“, flüsterte Mathilde Rosei zu. Sie sprang auf, gab dem Stein einen freundschaftlichen Klaps und kroch durch ein Loch im Zaun. Mit großen Schritten lief sie über das Feld und kletterte in die Kabine des Traktors.

5.    Das Logbuch

Es war kühl für einen Sommermorgen. Mathilde drehte eine Runde mit ihrem Pflegehund und erzählte von ihren kleinen Beratern und den Inhalten ihres Notizbuchs. Vor allem der nette Käfer und die langsam sprechende Schnecke waren ihr präsent. Sie erinnerte sich mittlerweile ohne Notizbuch an die Anregungen ihrer kriechenden, krabbelnden und fliegenden Freunde. Ipo hörte aufmerksam zu. Er zerrte heute nicht so oft an der Leine. Ab und zu blieb er stehen, blickte sich um, er schien etwas zu suchen.

„Hier habe ich notiert: Die meisten guten Dinge reifen nur in der Stille. Die Schnecke hat es mir gesagt. Ich denke, sie meinte nicht nur die leckeren Gräser, die ich ihr immer vom Friedhof mitgebracht habe. Ich glaube, sie meinte genauso, dass Gedanken und Werke in der Stille besser reifen.

Da steht: Hilf dir selbst, damit du dich erinnerst. Das hat mir geholfen, meine Wünsche und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Außerdem habe ich meine Aufgaben und Ideen notiert, die ich sonst sicher vergessen hätte.

Auf derselben Seite hatte ich auch notiert: Wenn man Ziele und Wünsche hat, dann helfen einem manchmal Menschen (so wie mein Onkel und Tiberius) und scheinbare Zufälle. Da muss ich an meinen Onkel denken, der mir für mein Lauftraining die Stoppuhr geschenkt hat.

Ach ja, und immer wieder kommt der Regen im Notizbuch vor. Hier zum Beispiel: Der Regen fällt in jedem Fall auf die Erde, ob du dich nun ärgerst oder nicht. Versuche auch einmal, das Gute im Regen zu sehen. Ich denke, dass es eine hilfreiche Idee ist, nicht nur eine Seite der Sache zu sehen, sondern auch die anderen Seiten. Bei vielen anderen Dingen hilft das auch. Ich habe gemerkt, dass sich so meine Laune verbessert, was ja selten von Nachteil ist.

Hier steht noch: Lerne aus deinen Fehlern. Damit du sie nicht vergisst, notiere sie. Das ist klar“, sagte Mathilde und Ipo stoppte und blickte sich um.

„Damit ich das Buch nicht nur vollschreibe, sondern auch etwas mache, sollte ich notieren: Vergiss das Tun nicht.“

Dann erfuhr Ipo, was seiner Begleiterin half, wenn es nicht so lief und sie deswegen traurig oder wütend war.

1.   Sei nicht zu euphorisch in den guten Tagen und nicht zu betrübt in den Tagen, wo es nicht so läuft.

2.   Der Verstand verabschiedet sich, wenn Wut und Ärger einziehen, und wir tun Dinge, die uns selbst und andere verletzen!

Beim zweiten Punkt fiel Mathilde die Dame aus der Bücherei ein, die so unfreundlich war, während sie selber ruhig und höflich blieb. Dann straffte sich die Hundeleine. Ipo war vor dem Haus ihres Onkels stehengeblieben. Mathilde nahm die Werbung aus dem Briefkasten und forderte Ipo auf zum Treppen-Wettlauf. Tobend an der Haustür angekommen, fiel aus dem Stapel Werbeblätter ein außergewöhnlicher Brief auf die Treppe.

„Was für eine schöne Briefmarke“, murmelte Mathilde und hob ihn auf. Zu sehen war eine Kirche mit vier Türmen. Der Brief war blau und rot umrandet und links in der Ecke war ein Flugzeug abgebildet – neben dem zu lesen war „Por Avion“. Sie setzte sich auf eine Stufe und öffnete das Kuvert.

Liebe Mathilde,

mittlerweile bin ich am Ausgangspunkt meiner Reise angelangt. Das Schiff liegt im Hafen von Barcelona. Gestern bekamen wir unsere Quartiere zugeteilt. Es ist eine wunderschöne Kabine, ungefähr 10m über dem Wasser. Von meinem Fenster aus sehe ich das Kolumbus-Monument. Es ist eine imposante Säule, auf der der Entdecker und Seefahrer Christoph Kolumbus zu sehen ist

Auf Seite 3 las Mathilde:

Ich werde während der Schiffsreise ein Logbuch führen. So wie du in deinem Notizbuch, möchte ich ebenfalls meine Erlebnisse und Erkenntnisse notieren. In den kommenden Briefen werde ich immer wieder einen Logbuch-Auszug mit senden.

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