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Vorwort des Herausgebers

Die »Homerische Frage« ist eines der großen ungelösten Rätsel der Literaturwissenschaft, und möglicherweise wird die Antwort für immer im Dunkeln bleiben. Die Frage lautet im Kern: Gab es tatsächlich den einen Schöpfer der großen griechischen Epen, den wir Homer nennen? Und wenn es ihn gab, war er der ursprüngliche Autor, oder ein geschickter Sammler und Redakteur des Materials? Oder sind die homerischen Epen das Werk mehrerer Dichter? Und wann und unter welchen Umständen sind sie entstanden? – Wir wissen es nicht.

Was man aber weiß: »Ilias« und »Odyssee« sind in ihrem Ursprung rund 3000 Jahre alte Texte und gehören zu den ältesten Meisterwerken der Weltliteratur. Ihr Einfluss auf die gesamte abendländische Kultur, Literatur und Kunst ist überwältigend, zu vergleichen allenfalls mit der Bibel.

Im zeitlichen Ablauf steht die Ilias vor der Odyssee. Erstere behandelt in 24 »Gesängen« einen 51 Tage dauernden Abschnitt des Trojanischen Krieges, nachdem dieser bereits zehn Jahre zwischen Troja und der griechischen Allianz der Achaier ausgefochten wird. Im Zentrum steht zunächst der Konflikt des Helden Achilles mit seinem Oberbefehlshaber Agamemnon, ausgelöst durch den Streit um die geraubte trojanische Priestertochter Chryseïs. Achilles wendet sich von den Kämpfen ab, und die Kampfkraft der Griechen schwindet. Erst als Achilles´ Freund und Kampfgefährte Patroklos von Hektor, dem Sohn des Trojanischen Königs Priamos, im Kampf getötet wird, richtet sich sein Zorn gegen diesen. Die darauf folgende Tötung des Hektor durch Achilles leitet Trojas Ende ein. Doch noch immer scheinen die Mauern der Stadt unüberwindbar.

Erst die List des Odysseus, ein mit Kämpfern besetztes, hohles hölzernes Pferd von den Trojanern selbst in die uneinnehmbare Festung ziehen zu lassen, führt zur vernichtenden Niederlage von Priamos´ Truppen und bedeutet das Ende des Trojanischen Krieges. (Von der List des Odysseus wird jedoch nicht in der Ilias, sondern unter anderem in der »Iliu persis«, die ebenfalls Homer zugeschrieben wird, erzählt.)

Die Odyssee setzt nach der für die Griechen siegreichen Schlacht um Troja ein. In 24 Kapiteln berichtet Homer von der zehn Jahre währenden Heimfahrt des Helden Odysseus, während der er unzählige Abenteuer zu bestehen hat. Die eigentliche Erzählzeit der Odyssee umfasst lediglich die letzten 40 Tage der Reise. Der größte Teil der abenteuerlichen Erlebnisse der zurückliegenden zehn Jahre wird innerhalb dieses Handlungsstranges in Rückblenden erzählt.

Homer lieferte mit beiden Epen einen unvergleichlichen Schatz von Episoden, Motiven, Gleichnissen und Parabeln, von denen Dichtung, Literatur und Film bis heute profitieren – wobei die zahlreicheren und anregenderen auf die Odyssee zurückgehen. Als Beispiele nur einige der bekanntesten Episoden: Der Zyklop Polyphem, die Zauberin Kirke, Skylla und Charybdis, die Insel der Sirenen. Die Gestalt des Odysseus wurde von vielen Dichtern als Urbild des Menschen an sich verstanden: Neugierig, listig und stets auf der Suche nach Wissen und Erfahrung, meistert er Gefahren. Andererseits leidet er, der Willkür der Naturgefahren und der Götter ausgeliefert.

Erste mündliche Fassungen der Epen dürften bereits um 1150 v. Chr. entstanden sein und wurden jahrhundertelang durch mündliche Überlieferung weitergetragen. Der metrische Rhythmus der Verse diente dem vortragenden Sänger als Gedächtnisstütze. Die Niederschrift der Verse, auf welche die heute bekannte Form der Epen zurück geht, erfolgte vermutlich um 720 v. Chr., zur Zeit Homers – wenn man denn von der These ausgeht, dass es den einen Homer in persona überhaupt gab.

Doch die Überlieferung der Texte, so wie sie im 8. Jahrhunderts v. Chr. erstmals schriftlich fixiert wurden, ist schon für die Antike nicht ganz sicher. Von der Odyssee wie von der Ilias dürften schon kurz nach der Niederschrift viele voneinander abweichende Kopien im Umlauf gewesen sein. Die hohe Wertschätzung, die den homerischen Texten schon früh zuteil wurde, führte aber dazu, dass immer wieder textkritische Rekonstruktionen der Urfassung angefertigt wurden – zeitweise sogar auf Staatskosten.

Bis in frühhellenistische Zeit weisen Papyri dennoch viele voneinander abweichende Textfassungen auf. Dies änderte sich erst nach der Gründung der Bibliothek von Alexandria im Jahr 288 v. Chr. Die Gelehrten dort, vor allem Aristarchos von Samothrake, der sechste Vorsteher der Bibliothek, erstellten durch Vergleiche und textkritische Methoden kanonische Fassungen beider Epen, und die heutige Textgestalt geht mit einiger Sicherheit darauf zurück.

Seit der Renaissance wurden Ilias und Odyssee immer wieder in moderne Sprachen übersetzt. Im deutschen Sprachraum gilt die hier vorliegende metrische Übersetzung von Johann Heinrich Voss als Klassiker. Ihr sprachschöpferischer Einfluss auf das Deutsche wird mit Martin Luthers Bibelübersetzung verglichen.

Redaktion eClassica


ILIAS

INHALT

1. Gesang

Alpha (ἄλφα)

Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseïs fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseïs, und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephästos besänftigt beide.

 

2. Gesang

Beta (βῆτα)

Zeus, des Versprechens eingedenk, bewegt Agamemnon durch einen Traum, die Achaier zur Schlacht auszuführen. Rat der Fürsten; dann Volksversammlung. Agamemnon, das Volk zu versuchen, befiehlt Heimkehr; und alle sind geneigt. Odysseus, von Athene ermahnt, hemmt sie. Thersites dringt schmähend auf Heimkehr, und wird gestraft. Das beschämte Volk, durch Odysseus und Nestor völlig gewonnen, wird von Agamemnon zur Schlacht aufgefordert. Frühmahl, Opfer und Anordnung des Heers. Verzeichnis der achaiischen Völker. Die Troer in Versammlung hören die Botschaft, und rücken aus. Verzeichnis der troischen Völker.

 

3. Gesang

Gamma (γάμμα)

Begegnung der Heere. Alexandros oder Paris, nachdem er vor Menelaos geflohn, erbietet sich ihm durch Hektor zum Zweikampf um Helena, welchen Menelaos annimmt. Die Heere ruhn, und Priamos wird zum Vertrage aus Ilios gerufen. Indes geht Helena auf das skäische Tor, wo Priamos mit den Älteste sitzt, und nennt ihm die achaiische Heerführer. Priamos fährt in das Schlachtfeld hinaus. Vertrag, Priamos Rückkehr, Zweikampf. Den besiegten Paris entführt Aphrodite in seine Kammer, und ruft ihm Helena. Agamemnon fordert den Siegespreis.

 

4. Gesang

Delta (δέλτα)

Zeus und Here beschließen Trojas Untergang. Athene beredet den Pandaros, einen Pfeil auf Menelaos zu schießen. Den Verwundeten heilt Machaon. Die Troer rücken an, und Agamemnon ermuntert die achaiischen Heerführer zum Angriff. Schlacht.

 

5. Gesang

Epsilon (ἔ ψιλόν)

Diomedes, den Athene zur Tapferkeit erregt, wird von Pandaros geschossen. Er erlegt den Pandaros, und verwundet den Äneias, samt der entführenden Aphrodite. Diese flieht auf Ares Wagen zum Olympos. Apollon trägt, von Diomedes verfolgt, den Äneias in seinen Tempel auf Pergamos, woher er, geheilt bald zurückkehrt. Auf Apollons Ermahnung erweckt Ares die Troer, und die Achaier weichen allmählich. Tlepolemos von Sarpedon erlegt. Here und Athene fahren vom Olympos, den Achaiern gegen Ares zu helfen. Diomedes von Athene ermahnt und begleitet, verwundet den Ares. Der Gott kehrt zum Olympos, und die Göttinnen folgen.

 

6. Gesang

Zeta (ζῆτα)

Die Achaier im Vorteil. Hektor eilt in die Stadt, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Glaukos und Diomedes erkennen sich als Gastfreunde. Hekabe mit den edlen Troerinnen fleht. Hektor ruft den Paris zur Schlacht zurück. Er sucht seine Andromache zu Hause, und findet sie auf dem skäischen Tore. Er kehrt mit Paris in die Schlacht.

 

7. Gesang

Eta (ἦτα)

Athene und Apollon, die Schlacht zu enden, heißen Hektor den tapfersten Achaier zum Zweikampf fodern. Unter neun Fürsten trifft das Los den Ajas, Telamons Sohn. Die Nacht trennt die Kämpfer. Nestor in Agamemnons Gezelt rät Stillstand, um die Toten zu verbrennen, und Verschanzung des Lagers. Antenor in Ilios rät, die Helena zurückzugeben; welches Paris verwirft. Am Morgen läßt Priamos die Achaier um Stillstand bitten. Bestattung der Toten. Verschanzung des Lagers, und Poseidons Unwille. In der Nacht unglückliche Zeichen von Zeus.

 

8. Gesang

Theta (θῆτα)

Den versammelten Göttern verbietet Zeus, weder Achaiern noch Troern beizustehn, und fährt zum Ida. Schlacht. Zeus wägt den Achaiern Verderben, und schreckt sie mit dem Donner. Here bittet den Poseidon umsonst, den Achaiern zu helfen. Die Achaier in die Verschanzung gedrängt. Agamemnon und ein Zeichen ermuntert sie zum neuen Angriff. Teukros streckt viele mit dem Bogen, und wird von Hektor verwundet. Die Achaier von neuem in die Verschanzung getrieben. Here und Athene fahren vom Olympos den Achaiern zu Hilfe. Zeus befiehlt ihnen durch Iris umzukehren. Er selbst zum Olympos gekehrt droht den Achaiern noch größere Niederlage. Hektor mit den siegenden Troern übernachtet vor dem Lager.

 

9. Gesang

Iota (ἰῶτα)

Agamemnon beruft die Fürsten, und rät zur Flucht. Diomedes und Nestor widerstehn. Wache am Graben. Die Fürsten von Agamemnon bewirtet ratschlagen. Auf Nestors Rat sendet Agamemnon, den Achilleus zu versöhnen, den Phönix, Ajas Telamons Sohn, und Odysseus, mit zween Herolden. Achilleus empfängt sie gastfrei, aber verwirft die Anträge, und behält den Phönix zurück. Die anderen bringen die Antwort in Agamemnons Zelt. Diomedes ermahnt zur Beharrlichkeit, und man geht zur Ruhe.

 

10. Gesang

Kappa (κάππα)

Der schlaflose Agamemnon und Menelaos wecken die Fürsten. Sie sehn nach der Wache, und besprechen sich am Graben. Diomedes und Odysseus, auf Kundschaft ausgehend, ergreifen und töte den Dolon, welchen Hektor zum Spähen gesandt. Von ihm belehrt, töten sie im troischen Lager den neugekommenen Rhesos mit zwölf Thrakiern, und entführen des Rhesos' Rosse.

 

11. Gesang

Lambda (λάμβδα)

Am Morgen rüstet sich Agamemnon, und führt zur Schlacht. Hektor ihm entgegen. Vor Agamemnons Tapferkeit fliehn die Troer. Zeus vom Ida sendet dem Hektor Befehl, bis Agamemnon verwundet sei, den Kampf zu vermeiden. Der verwundete Agamemnon entweicht, und Hektor dringt vor. Verwundet kehrt Diomedes zu den Schiffen; dann Odysseus, von Ajas aus der Umzingelung gerettet; dann Machaon und Eurypylos. Zu Nestor, der mit Machaon vorbeifuhr, sendet Achilleus den Patroklos zu fragen, wer der Verwundete sei. Patroklos, durch Nestors Rede gerührt, begegnet dem Eurypylos, führt ihn voll Mitleid ins Zelt, und verbindet ihn.

 

12. Gesang

My (μῦ)

Künftige Vertilgung der Mauer. Die Achaier eingetrieben. Hektor, wie Polydamas riet, läßt die Reisigen absteigen, und in fünf Ordnungen anrücken. Nur Asios mit seiner Schar fährt auf das linke Tor, welches zween Lapithen verteidigen. Ein unglücklicher Vogel erscheint den Troern; Polydamas warnt den Hektor umsonst. Zeus sendet den Achaiern einen stäubenden Wind entgegen. Hektor stürmt die Mauer, und die beiden Ajas' ermuntern zur Gegenwehr. Sarpedon und Glaukos nahn dem Turme des Menestheus, dem Telamons Söhne zu Hilfe eilen. Glaukos entweicht verwundet; Sarpedon reißt die Brustwehr herab. Hektor zersprengt ein Tor mit einem Steinwurf; worauf die Troer zugleich über die Mauer und durch das Tor eindringen

 

13. Gesang

Ny (νῦ)

Kampf um die Schiffe. Poseidon, von Zeus unbemerkt, kommt die Achaier zu ermuntern. Dem Hektor am erstürmte Tore des Menestheus widerstehn vorzüglich die Ajas. Zur Linken kämpfen am tapferste Idomeneus und Meriones wider Äneias, Paris und andere. Auf Polydamas Rat beruft Hektor die Fürsten, daß man vereint kämpfe, oder zurückziehe. Verstärkter Angriff.

 

14. Gesang

Xi (ξῖ)

Nestor, der den verwundeten Machaon bewirtet, eilt auf das Getöse hinaus, und spähet. Ihm begegnen Agamemnon, Diomedes und Odysseus, die, matt von den Wunden, das Treffen zu schaun kommen. Agamemnons Gedanken an Rückzug tadelt Odysseus. Nach Diomedes' Vorschlag gehn sie die Achaier zu ermuntern; und Poseidon tröstet den Agamemnon. Here, mit Aphroditens Gürtel geschmückt, schläfert den Zeus auf Ida ein, daß Poseidon noch mächtiger helfe. Hektor, den Ajas mit dem Steine traf, wird ohnmächtig aus der Schlacht getragen. Die Troer fliehn, indem Ajas, Oileus' Sohn, sich auszeichnet.

 

15. Gesang

Omikron (ὄ μικρόν)

Der erwachte Zeus bedroht Here, und gebeut, ihm Iris und Apollon vom Olympos zu rufen; daß jene den Poseidon aus der Schlacht gehen heiße, dieser den Hektor herstelle, und die Achaier scheuche, bis Achilleus den Patroklos sende. Es geschieht. Hektor mit Apollon schreckt die Achaier, deren Helden nur widerstehn, in das Lager zurück, und folgt mit den Streitwagen über Graben und Mauer, wo Apollon ihm bahnt. Den Kampf hört Patroklos in Eurypylos Zelt, und eilt den Achilleus zu erweichen. Die Achaier ziehn sich von den vorderen Schiffen. Ajas, Telamons Sohn, kämpft von den Verdecken mit einem Schiffspeere, und verteidigt des Protesilaos Schiff, das Hektor anzünden will.

 

16. Gesang

Pi (πῖ)

Dem Patroklos erlaubt Achilleus, in seiner Rüstung zur Verteidigung der Schiffe, aber nicht weiter, auszuziehn. Ajas wird überwältigt, und das Schiff brennt. Achilleus treibt den Patroklos sich zu bewaffnen, und ordnet die Scharen. Patroklos vertreibt die Troer, erst vom brennenden Schiffe, dann völlig. Verfolgung und Abschneidung der äußersten. Sarpedons Tod. Patroklos ersteigt die Mauer, wird aber von Apollon gehemmt. Hektor fährt gegen Patroklos zurück, der seinem Wagenlenker Kebriones tötet. Den tapferen Patroklos macht Apollon betäubt und wehrlos; worauf ihm Euphorbos den Rücken, dann Hektor den Bauch durchbohrt. Seinen Genossen Automedon verfolgt Hektor.

 

17. Gesang

Rho (ῥῶ)

Streit um Patroklos. Euphorbos von Menelaos erlegt. Hektor, von Automedon sich wendend, raubt dem Patroklos die Rüstung, ehe Ajas, Telamons Sohn, ihn verscheucht. Drauf in Achilleus' Rüstung verstärkt er den Angriff auf den Leichnam, dem mehrere Achaier zu Hilfe eilen. Hartnäckiger Kampf bei wechselndem Glück. Die traurenden Rosse des Achilleus, die Zeus gestärkt, lenkt Automedon in die Schlacht, wo Hektor und Äneias umsonst ihn angreifen. Um Patroklos wankender Sieg. Menelaos sendet den Antilochos mit der Nachricht zu Achilleus. Er selbst und Meriones tragen den Leichnam, indes beide Ajas abwehren.

 

18. Gesang

Sigma (σῖγμα)

Achilleus jammert um Patroklos' Tod. Thetys hört seinen Entschluß Hektor zu töten, obgleich ihm bald nach jenem zu sterben bestimmt sei, und verheißt ihm andere Waffen von Hephästos. Den Achaiern entreißt Hektor beinahe den Leichnam; aber Achilleus, der sich waffenlos an den Graben stellt, schreckt durch sein Geschrei die Troer. Nacht. Den Troern rät Polydamas, in die Feste zu ziehn, ehe Achilleus hervorbreche: welches Hektor verwirft. Die Achaier wehklagen um Patroklos und legen ihn auf Leichengewande. Der Thetys schmiedet Hephästos die erbetenen Waffen.

 

19. Gesang

Tau (ταῦ)

Am Morgen bringt Thetys die Waffen, und sichert den Leichnam vor Verwesung. Achilleus beruft die Achaier, entsagt dem Zorn, und verlangt sogleich Schlacht. Agamemnon erkennt sein Vergehn, und erbietet sich die Geschenke holen zu lasse . Auf Odysseus' Rat nehmen die Achaier das Frühmahl, die Geschenke nebst der Briseïs werden gebracht, und Agamemnon schwört, sie niemals berührt zu haben. Achilleus ohne Nahrung wird von Athene gestärkt, und zieht mit dem Heere gerüstet zum Kampf. Sein Roß weissagt ihm nach dem heutigen Siege den nahen Tod, den er verachtet.

 

20. Gesang

Ypsilon (ὔ ψιλόν)

Zeus verstattet den Göttern Anteil an der Schlacht, daß nicht Achilleus, dem Schicksal entgegen, sogleich Troja erobere. Donner und Erdbeben. Die Götter zum Kampfe gestellt. Den Äneias reizt Apollon gegen Achilleus. Beiderlei Schutzgötter setzen sich gesondert. Den besiegten Äneias entrückt Poseidon, damit seine Nachkommen die Troer beherrschen. Hektor, den Achilleus angehend, wird von Apollon zurückgehalten. Durch des Bruders Polydoros Ermordung gerührt, naht er ihm gleichwohl. Hektors Speer haucht Athene zurück, ihn selbst entführt Apollon. Achilleus mordet die Fliehenden.

 

21. Gesang

Phi (φῖ)

Achilleus stürzt einer Schar Troer in den Skamandros mit dem Schwerte nach. Zwölf Lebende fesselt er zum Sühnopfer für Patroklos. Den getöteten Lykaon hineinwerfend, höhnt er, daß der Stromgott nicht rette. Auch den Asteropäos, eines Stromgottes Sohn, welchen Skamandros erregte, streckt er ans Ufer, und höhnt der Stromgötter. Skamandros gebeut ihm, außer dem Strome zu verfolgen. Er verspricht's; doch in der Wut springt er wieder hinein. Der zürnende Strom verfolgt ihn ins Feld. Jener, von Göttern gestärkt, durchdringt die Flut. Als Skamandros noch wütender den Simois zu Hilfe ruft, sendet ihm Here den Hephästos entgegen, der das Feld trocknet, dann ihn selber entflammt. Des Jammernden gebeut Here zu schonen. Ares und Aphrodite von Athene besiegt, Phöbos dem Poseidon ausweichend, Artemis von Here geschlagen, Hermes die Leto scheuend. Rückkehr der Götter. Priamos öffnet den Flüchtigen das Tor. Den verfolgenden Achilleus hemmt Agenor; dann in Agenors Gestalt fliehend, lockt Apollon ihn feldwärts, indes die Troer einflüchten.

 

22. Gesang

Chi (χῖ)

Den zurückkehrenden Achilleus erwartet Hektor vor der Stadt, obgleich die Eltern von der Mauer ihn jammernd hereinrufen; beim Annahn des Schrecklichen flieht er, dreimal um Ilios verfolgt. Zeus wägt Hektors Verderben, und sein Beschützer Apollon weicht. Athene in Deïphobos Gestalt verleitet den Hektor zu widerstehn. Achilleus fehlt, Hektors Lanze prallt ab; drauf mit dem Schwert anrennend wird er am Halse durchstochen, dann entwaffnet, und rückwärts am Wagen zu den Schiffen geschleift. Wehklage der Eltern von der Mauer, und der zukommenden Andromache.

 

23. Gesang

Psi (ψῖ)

Achilleus mit den Seinen umfährt den Patroklos, wehklagt, und legt den Hektor aufs Antlitz am Totenlager. In der Nacht erscheint ihm Patroklos, und bittet um Bestattung. Am Morgen holen die Achaier Holz zum Scheiterhaufen. Patroklos wird ausgetragen, mit Haarlocken umhäuft und samt den Totenopfern verbrannt. Boreas und Zephyros erregen die Flammen. Den andern Morgen wird Patroklos' Gebein in eine Urne gelegt, und, bis Achilleus' Gebein hinzukomme, beigesetzt; vorläufiger Ehrenhügel auf der Brandstelle. Wettspiele zur Ehre des Toten: Wagenrennen, Faustkampf, Ringen, Lauf, Waffenkampf, Kugelwurf, Bogenschuß, Speerwurf.

 

24. Gesang

Omega (ὦ μέγα)

Achilleus, nach schlafloser Nacht, schleift Hektors Leib um Patroklos' Grab; doch Apollon verhütet Entstellungen. Zeus befiehlt dem Achilleus durch Thetys, den Leichnam zu erlassen; und dem Priamos durch Iris, dem Achilleus die Lösung zu bringen. Priamos, durch ein Zeichen gestärkt, kommt unter Hermes Geleit, unbemerkt von den Hütern, zu Achilleus' Gezelt. Er erlangt den Leichnam des Sohns, nebst Waffenstillstand zur Bestattung, und kehrt unbemerkt nach Ilios zurück. Um Hektors Totenlager Wehklage der Gattin, der Mutter, und Helenens. Bestattung und Gastmahl.


Erster Gesang

Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseïs fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseïs, und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephästos besänftigt beide.

 

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,

Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,

Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs

Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,

5 

Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:

Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten

Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.

Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader?
Letos Sohn und des Zeus. Denn der, dem Könige zürnend,

10 

Sandte verderbliche Seuche durchs Heer; und es sanken die Völker:

Drum weil ihm den Chryses beleidigst, seinen Priester,

Atreus Sohn. Denn er kam zu den rüstigen Schiffen Achaias,

Frei zu kaufen die Tochter, und bracht' unendliche Lösung,

Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon

15 

Und den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,

Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherren der Völker:

Atreus Söhn', und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,
Priamos Stadt zu vertilgen, und wohl nach Hause zu kehren;

20 

Doch mir gebt die Tochter zurück, und empfahet die Lösung,

Ehrfurchtsvoll vor Zeus ferntreffendem Sohn Apollon.

Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;

25 

Dieser entsandt' ihn mit Schmach, und befahl die drohenden Worte:

Daß ich nimmer, o Greis, bei den räumigen Schiffen dich treffe,
Weder anitzt hier zaudernd, noch wiederkehrend in Zukunft!
Kaum wohl möchte dir helfen der Stab, und der Lorbeer des Gottes!
Jene lös' ich dir nicht, bis einst das Alter ihr nahet,

30 

Wann sie in meinem Palast in Argos, fern von der Heimat,

Mir als Weberin dient, und meines Bettes Genossin!

Gehe denn, reize mich nicht; daß wohlbehalten du kehrest!

Jener sprach's: doch Chryses erschrak, und gehorchte der Rede.
Schweigend ging er am Ufer des weitaufrauschenden Meeres;

35 

Und wie er einsam jetzt hinwandelte, flehte der Alte

Viel zum Herrscher Apollon, dem Sohn der lockigen Leto:

Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest,
Smintheus! hab ich dir je den prangenden Tempel gekränzet,

40 

Oder hab' ich dir je von erlesenen Farren und Ziegen

Fette Schenkel verbrannt; so gewähre mir dieses Verlangen:

Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoß den Achaiern!

Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Schnell von den Höhn des Olympos enteilet' er, zürnendes Herzens,

45 

Auf der Schulter den Bogen und ringsverschlossenen Köcher.

Laut erschallen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,

Als er einher sich bewegt'; er wandelte, düster wie Nachtgraun;

Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, und schnellte den Pfeil ab;

Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.

50 

Nur Maultier' erlegt' er zuerst und hurtige Hunde:

Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß hinwendend,

Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.

Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes.
Drauf am zehnten berief des Volks Versammlung Achilleus,

55 

Dem in die Seel' es legte die lilienarmige Here;

Denn sie sorgt' um der Danaer Volk, die Sterbenden schauend.

Als sie nunmehr sich versammelt, und voll gedrängt die Versammlung;

Trat hervor und begann der mutige Renner Achilleus:

Atreus Sohn, nun denk' ich, wir ziehn den vorigen Irrweg

60 

Wieder nach Hause zurück, wofern wir entrinnen dem Tode;

Weil ja zugleich der Krieg und die Pest hinrafft die Achaier.

Aber wohlan, fragt einen der Opferer, oder der Seher,

Oder auch Traumausleger; auch Träume ja kommen von Zeus her:

Der uns sage, warum so ereiferte Phöbos Apollon:

65 

Ob versäumte Gelübd' ihn erzürneten, ob Hekatomben:

Wenn vielleicht der Lämmer Gedüft und erlesener Ziegen

Er zum Opfer begehrt, von uns die Plage zu wenden.

Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Kalchas der Thestoride, der weiseste Vogelschauer,

70 

Der erkannte, was ist, was sein wird, oder zuvor war,

Der auch her vor Troja der Danaer Schiffe geleitet

Durch wahrsagenden Geist, des ihn würdigte Phöbos Apollon;

Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:

Peleus Sohn, du gebeutst mir, o Göttlicher, auszudeuten

75 

Diesen Zorn des Apollon, des fernhintreffenden Herrschers.

Gerne will ich's ansagen; doch du verheiße mit Eidschwur,

Daß du gewiß willfährig mit Wort und Händen mir helfest.

Denn leicht möcht' erzürnen ein Mann, der mächtiges Ansehns

Argos Völker beherrscht, und dem die Achaier gehorchen.

80 

Stärker ja ist ein König, der zürnt dem geringeren Manne.

Wenn er auch die Galle den selbigen Tag noch zurückhält;

Dennoch laur't ihm beständig der heimliche Groll in den Busen,

Bis er ihn endlich gekühlt. Drum rede du, willst du mich schützen?

Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:

85 

Sei getrost, und erkläre den Götterwink, den du wahrnahmst.

Denn bei Apollon fürwahr, Zeus Lieblinge, welchem, o Kalchas,

Flehend zuvor, den Achaiern der Götter Rat du enthüllest:

Keiner, so lang' ich leb', und das Licht auf Erden noch schaue,

Soll bei den räumigen Schiffen mit frevelnder Hand dich berühren,

90 

Aller Achaier umher! und nenntest du selbst Agamemnon,

Der nun mächtig zu sein vor allem Volke sich rühmet!

Jetzo begann er getrost, und sprach, der untadliche Seher:
Nicht versäumte Gelübd' erzürnten ihn, noch Hekatomben;
Sondern er zürnt um den Priester, den also entehrt' Agamemnon,

95 

Nicht die Tochter befreit', und nicht annahm die Erlösung:

Darum gab uns Jammer der Treffende, wird es auch geben.

Nicht wird jener die schreckliche Hand abziehn vom Verderben,

Bis man zurück dem Vater das freudigblickende Mägdlein

Hingibt, frei, ohn' Entgelt, und mit heiliger Festhekatombe

100 

Heim gern Chrysa entführt. Das möcht' ihn vielleicht versöhnen.

Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Atreus Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Zürnend vor Schmerz; es schwoll ihm das finstere Herz voll der Galle,
Schwarz umströmt; und den Augen entfunkelte strahlendes Feuer.

105 

Gegen Kalchas zuerst mit drohendem Blicke begann er:

Unglücksseher, der nie auch ein heilsames Wort mir geredet!
Immerdar nur Böses erfreut dein Herz zu verkünden!
Gutes hast du noch nimmer geweissagt, oder vollendet!
Jetzt auch meldest du hier als Götterspruch den Achaiern,

110 

Darum habe dem Volk der Treffende Wehe bereitet,

Weil für Chryses Tochter ich selbst die köstliche Lösung

Anzunehmen verwarf. Denn traun! weit lieber behielt' ich

Solche daheim; da ich höher wie Klytämnestra sie achte,

Meiner Jugend Vermählte: denn nicht ist jene geringer,

115 

Weder an Bildung und Wuchs, noch an Geist und künstlicher Arbeit.

Dennoch geb' ich sie willig zurück, ist solches ja besser.

Lieber mög' ich das Volk errettet schaun, denn verderbend.

Gleich nur ein Ehrengeschenk bereitet mir, daß ich allein nicht

Ungeehrt der Danaer sei; nie wäre das schicklich!

120 

Denn das seht ihr alle, daß mein Geschenk mir entgehet.

Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus Sohn, ruhmvoller, du habbegierigster aller,
Welches Geschenk verlangst du vom edlen Volk der Achaier?
Nirgends wissen wir doch des gemeinsamen vieles verwahret:

125 

Sondern so viel wir aus Städten erbeuteten, wurde geteilet;

Auch nicht ziemt es dem Volke, das einzelne wieder zu sammeln.

Aber entlass' du jetzo dem Gotte sie; und wir Achaier

Wollen sie dreifach ersetzen und vierfach, wenn uns einmal Zeus

Gönnen wird, der Troer befestigte Stadt zu verwüsten.

130 

Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Sinn' auf Trug! Nie wirst du mich schlau umgehn, noch bereden!
Willst du, indes dir bleibt das Geschenk, daß ich selber umsonst hier
Sitze, des meinen beraubt? und gebietest mir, frei sie zu geben?

135 

Wohl denn, wofern mir ein andres verleihn die edlen Achaier,

Meinem Sinn es erlesend, das mir ein voller Ersatz sei!

Aber verleihn sie es nicht; dann komm' ich selber, und nehm' es,

Deines vielleicht, auch des Ajas Geschenk wohl, oder Odysseus'

Führ' ich hinweg; und zürnen vielleicht wird, welchem ich nahe!

140 

Doch von solcherlei Dingen ist Zeit zu reden auch künftig.

Auf nun, zieht ein schwärzliches Schiff in die heilige Meerflut;

Sammelt hinein vollzählig die Ruderer; bringt auch Apollons

Hekatomb'; und sie selbst, des Chryses rosige Tochter,

Führet hinein; und Gebieter des Schiffs sei der Könige einer:

145 

Ajas, oder der Held Idomeneus, oder Odysseus,

Oder auch du, Peleide, du schrecklichster unter den Männern!

Daß du den Treffenden uns durch heilige Opfer besänftigst.

Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
Ha, du in Unverschämtheit gehülleter, sinnend auf Vorteil!

150 

Wie doch gehorcht dir willig noch einer im Heer der Achaier,

Einen Gang dir zu gehn, und kühn mit dem Feinde zu kämpfen?

Nicht ja wegen der Troer, der lanzenkundigen, kam ich

Mit hieher in den Streit; sie haben's an mir nicht verschuldet.

Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt, noch die Rinder;

155 

Nie auch haben in Phtia, dem scholligen Männergefilde,

Meine Frucht sie verletzt; indem viel Raumes uns sondert,

Waldbeschattete Berg', und des Meers weitrauschende Wogen.

Dir, schamlosester Mann, dir folgten wir, daß du dich freutest;

Nur Menelaos zu rächen, und dich, du Ehrevergeßner,

160 

An den Troern! Das achtest du nichts, noch kümmert dich solches!

Selbst mein Ehrengeschenk, das drohest du mir zu entreißen,

Welches mit Schweiß ich errungen, und mir verehrt die Achaier!

Hab' ich doch nie ein Geschenk, wie das deinige, wann die Achaier

Eine bevölkerte Stadt des troischen Volkes verwüstet;

165 

Sondern die schwerste Last des tobenden Schlachtengetümmels

Trag' ich mit meinem Arm: doch kommt zur Teilung es endlich,

Dein ist das größte Geschenk; und ich, mit wenigem fröhlich,

Kehre heim zu den Schiffen, nachdem ich erschlafft von dem Streite.

Doch nun geh' ich gen Phtia! denn weit zuträglicher ist es,

170 

Heim mit den Schiffen zu gehn, den gebogenen! Schwerlich auch wirst du,

Weil du allhier mich entehrst, noch Schätz' und Güter dir häufen!

Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Fliehe nur, wenn's dein Herz dir gebeut! Nie werd' ich dich wahrlich
Anflehn, meinethalb zu verziehn! Mir bleiben noch andre,

175 

Ehre mir zu erwerben; zumal Zeus waltende Vorsicht!

Ganz verhaßt mir bist du vor allen beseligten Herrschern!

Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf' und die Schlachten!

Wenn du ein Stärkerer bist, ein Gott hat dir solches verliehen!

Schiffe denn heim, du selbst mit den Deinigen, daß du in Ruhe

180 

Myrmidonen gebietest! denn du bist nichts mir geachtet;

Nichts auch gilt mir dein Pochen! vielmehr noch droh' ich dir also:

Weil mir Chryses Tochter hinwegnimmt Phöbos Apollon,

Werd' ich sie mit eigenem Schiff und eignen Genossen

Senden; allein ich hole die rosige Tochter des Brises

185 

Selbst mir aus deinem Gezelt, dein Ehrengeschenk: daß du lernest,

Wie viel höher ich sei als du, und ein anderer zage,

Gleich sich mir zu wähnen, und so mir zu trotzen ins Antlitz!

 

Jener sprach's; da entbrannte der Peleion', und das Herz ihm

Unter der zottigen Brust ratschlagete, wankendes Sinnes:

190 

Ob er das schneidende Schwert alsbald von der Hüfte sich reißend

Trennen sie sollt' auseinander, und niederhaun den Atreiden;

Oder stillen den Zorn, und die mutige Seele beherrschen.

Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,

Und er das große Schwert schon hervorzog; naht' ihm vom Himmel

195 

Pallas Athen', entsandt von der lilienarmigen Here,

Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.

Hinter ihn trat sie, und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,

Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.

Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt' er

200 

Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt' ihm ihr Auge.

Und er begann zu jener, und sprach die geflügelten Worte:

Warum, o Tochter Zeus des Ägiserschütterers, kamst du?
Etwa den Frevel zu schaun von Atreus Sohn Agamemnon?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:

205 

Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten!

Drauf antwortete Zeus blauäugige Tochter Athene:
Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;
Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.

210 

Aber wohlan, laß fahren den Streit, und zucke das Schwert nicht.

Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.

Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:

Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten,

Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun, und gehorch' uns.

215 

Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Euer Wort, o Göttin, geziemet es, wohl zu bewahren,
Welche Wut auch im Herzen sich hebt; denn solches ist besser.
Wer dem Gebot der Götter gehorcht, den hören sie wieder.

Sprach's, und hemmte die nervichte Hand an dem silbernen Hefte,

220 

Stieß in die Scheide zurück das große Schwert, und verwarf nicht

Athenäens Gebot. Sie wandte sich drauf zum Olympos,

In den Palast des donnernden Zeus, zu den anderen Göttern.

Doch der Peleide begann mit erbitterten Worten von neuem
Gegen des Atreus Sohn; denn noch nicht ruht' er vom Zorne:

225 

Trunkenbold, mit dem hündischen Blick, und dem Mute des Hirsches!
Niemals weder zur Schlacht mit dem Volke zugleich dich zu rüsten,
Noch zum Hinterhalte zu gehn mit den edlen Achaias,
Hast du im Herzen gewagt! Das scheinen dir Schrecken des Todes!
Zwar behaglicher ist es, im weiten Heer der Achaier

230 

Ihm sein Geschenk zu entwenden, der dir entgegen nur redet!

Volkverschlingender König! Denn nichtigen Menschen gebeutst du!

Oder du hättest, Atreide, das letzte Mal heute gefrevelt!

Aber ich sage dir an, und mit heiligen Eide beschwör' ich's!

Wahrlich bei diesem Scepter, der niemals Blätter und Zweige

235 

Wieder zeugt, nachdem er den Stamm im Gebirge verlassen;

Nie mehr sproßt er empor, denn ringsum schälte das Erz ihm

Laub und Rinde hinweg; und edele Söhne Achaias

Tragen ihn jetzt in der Hand, die Richtenden, welchen Kronion

Seine Gesetze vertraut: dies sei dir die hohe Beteurung!

240 

Wahrlich vermißt wird Achilleus hinfort von den Söhnen Achaias

Allzumal; dann suchst du umsonst, wie sehr du dich härmest,

Rettung, wenn sie in Scharen, vom männermordenden Hektor

Niedergestürzt, hinsterben; und tief in der Seele zernagt dich

Zürnender Gram, daß den besten der Danaer nichts du geehret!

245 

Also sprach der Peleid', und warf auf die Erde den Scepter,
Rings mit goldenen Buckeln geschmückt; dann setzt' er sich nieder.
Gegen ihn stand der Atreid' und wütete. Jetzo erhub sich
Nestor mit holdem Gespräch, der tönende Redner von Pylos,
Dem von der Zung' ein Laut wie des Honiges Süße daherfloß.

250 

Diesem waren schon zwei der redenden Menschengeschlechter

Hingewelkt, die vordem ihm zugleich aufwuchsen und lebten,

Dort in der heiligen Pylos; und jetzt das dritte beherrscht' er.

Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:

Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!

255 

Traun, wohl freun wird sich Priamos des, und Priamos Söhne,

Auch das Volk der Troer wird hoch frohlocken im Herzen,

Wenn sie das alles gehört, wie ihr durch Zank euch ereifert,

Ihr, die ersten Achaier im Rat, und die ersten im Kampfe.

Aber gehorcht! Ihr beide seid jüngeres Alters, denn ich bin!

260 

Denn schon vormals pflog ich mit stärkeren Männern Gemeinschaft,

Als ihr seid; und dennoch verachteten jene mich nimmer!

Solche Männer ersah ich nicht mehr, und ersehe sie schwerlich,

So wie Peirithoos war, und der völkerweidende Dryas,

Käneus auch, und der Held Exadios, auch Polyphemos,

265 

Oder wie Ägeus Sohn, der götterähnliche Theseus.

Traun, das waren die stärksten der lebenden Erdebewohner,

Waren selbst die stärksten und kämpften nur wider die stärksten,

Wider die Bergkentauren, und übeten grause Vertilgung.

Seht, und jenen war ich ein Kriegsgenoß, der aus Pylos

270 

Herkam, fern ans dem Apierland; denn sie riefen mich selber;

Und ich kämpfte das meinige mit. Doch jene vermochte

Keiner, so viel nun leben des Menschengeschlechts, zu bekämpfen.

Dennoch hörten sie Rat von mir, und gehorchten dem Worte.

Aber gehorcht auch ihr; denn Rat zu hören ist besser.

275 

Weder du, wie mächtig du seist, nimm jenem das Mägdlein;

Sondern laß, was ihm einmal zum Dank verliehn die Achaier:

Noch auch du, o Peleid', erhebe dich wider den König

So voll Trotz; denn es ward nie gleicher Ehre ja teilhaft

Ein bescepterter König, den Zeus mit Ruhme verherrlicht.

280 

Wenn du ein Stärkerer bist, und Sohn der göttlichen Mutter:

Ist er mächtiger doch, weil mehrerem Volk er gebietet.

Atreus Sohn, laß fahren den Zorn; und ich selbst will Achilleus

Anflehn, auch sein Herz zu besänftigen, ihn, der die große

Schutzwehr ist dem achaiischen Volk im verderbenden Kriege.

285 

Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet.
Aber der Mann will immer den anderen allen zuvor sein;
Allen will er gebieten im Heer, und alle beherrschen,
Allen Gesetz' austeilen, die niemand, mein' ich, erkennet!

290 

Wenn sie ja Lanzenkund' ihm verliehn, die ewigen Götter;

Stellen sie darum ihm frei, auch Schmähungen auszurufen?

Ihm in die Red' einfallend, begann der edle Achilleus:
Ja fürwahr, ein Feiger und Nichtiger müßt' ich genannt sein,
Wenn ich in allem mich dir demütigte, was du nur aussprichst!

295 

Andern gebeut' du solches nach Willkür; aber nur mir nicht

Winke Befehl; ich möchte hinfort dir wenig gehorchen!

Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.

Niemals heb' ich die Arme zum Streit auf wegen des Mägdleins,

Weder mit dir, noch andern; ihr gabt, und nehmet sie wieder.

300 

Aber so viel mir sonst bei dem dunkelen Schiffe sich findet,

Davon nimmst du mir schwerlich das mindeste, wider mein Wollen.

Oder wohlan, versuch' es! damit sie alle mit ansehn,

Wie alsbald an der Lanze dein schwarzes Blut mir herabträuft!

Also haderten beide mit widerstrebenden Worten,

305 

Standen dann auf, und trennten den Rat bei den Schiffen Achaias.

Peleus Sohn, zu den Zelten gewandt und schwebenden Schiffen,

Wandelte, samt Menötios' Sohn und seinen Genossen.

Doch der Atreid' entließ ein hurtiges Schiff in die Meerflut;
Wählete zwanzig hinein der Ruderer; bracht' auch Apollons

310 

Hekatomb'; und darauf des Chryses rosige Tochter

Führt' er hinein; und Gebieter des Schiffs war der weise Odysseus.

Alle nun eingestiegen, durchsteuerten flüssige Pfade.

Drauf hieß Atreus Sohn sich entsündigen alle Achaier:
Und sie entsündigten sich, und warfen ins Meer die Befleckung,

315 

Opferten dann für Apollon vollkommene Sühnhekatomben

Mutiger Stier' und Ziegen am Strand des verödeten Meeres;

Und hoch wallte der Duft in wirbelndem Rauche gen Himmel.

So war alles im Heere beschäftiget. Doch Agamemnon
Ließ nicht ruhn, was er zankend zuvor gedroht dem Achilleus;

320 

Sondern Talthybios schnell und Eurybates rief er ermahnend,

Die Herold' ihm waren und rasch aufwartende Diener:

Gehet hin zum Gezelte des Peleiaden Achilleus;
Nehmt an der Hand und bringt des Brises rosige Tochter.
Wenn er sie nicht hergäbe, so möcht' ich selber sie nehmen,

325 

Hin mit mehreren kommend; was ihm noch schrecklicher sein wird!

Jener sprach's und entließ sie, die drohenden Worte befehlend.
Ungern gingen sie beid' am Strand des verödeten Meeres,
Bis sie die Zelt' und Schiffe der Myrmidonen erreichten.
Ihn nun fanden sie dort am Gezelt und dunkelen Schiffe

330 

Sitzend; und traun, nicht wurde des Anblicks fröhlich Achilleus.

Beide bestürzt vor Scheu und Ehrfurcht gegen den König

Standen, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.

Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so:

Freude mit euch, Herold', ihr Boten Zeus und der Menschen!

335 

Nahet euch! Ihr nicht seid mir Verschuldete; nur Agamemnon,

Der euch beide gesandt um Brises rosige Tochter.

Auf denn, führe heraus das Mägdelein, edler Patroklos,

Und laß jene sie nehmen. Doch sei'n sie selber mir Zeugen,

Vor den seligen Göttern, und vor den sterblichen Menschen,

340 

Auch vor dem Könige dort, dem Wüterich: Wenn man hinfort noch

Meiner Hilfe bedarf, dem schmählichen Jammer zu steuern

Jenes Volks...! Ha, wahrlich, er tobt in verderblichem Wahnsinn,

Blind im Geiste zugleich vorwärts zu schauen und rückwärts,

Daß bei den Schiffen er sichre das streitende Heer der Achaier!

345 

Jener sprach's; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend,
Führt' aus dem Zelt, und gab des Brises rosige Tochter
Jenen dahin; und sie kehrten zurück zu den Schiffen Achaias.
Ungern ging mit ihnen das Mägdelein. Aber Achilleus
Weinend setzte sich schnell, abwärts von den Freunden gesondert,

350 

Hin an des Meeres Gestad', und schaut' in das finstre Gewässer.

Vieles zur trauten Mutter nun flehet er, breitend die Hände:

Mutter, dieweil du mich nur für wenige Tage gebarest,
Sollte mir Ehre doch der Olympier jetzo verleihen,
Der hochdonnernde Zeus! doch er ehret mich nicht, auch ein wenig!

355 

Siehe, des Atreus Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,

Hat mich entehrt, und behält mein Geschenk, das er selber geraubet!

Also sprach er betränt; ihn vernahm die treffliche Mutter,
Sitzend dort in den Tiefen des Meers beim grauen Erzeuger.
Eilendes Schwungs entstieg sie der finsteren Flut, wie ein Nebel;

360 

Und nun setzte sie nahe sich hin vor den Tränenbenetzten,

Streichelt' ihn drauf mit der Hand, und redete, also beginnend:

Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele?
Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen.

Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:

365 

Mutter, du weißt das alles; was soll ich es dir noch erzählen?

Thebe belagerten wir, Eëtions heilige Feste,

Und verwüsteten sie, und führeten alles von dannen.

Redlich teilten den Raub die tapferen Söhne Achaias,

Und man erkor dem Atreiden des Chryses rosige Tochter.

370 

Chryses darauf, der Priester des treffenden Phöbos Apollon,

Kam zu den rüstigen Schiffen der erzumschirmten Achaier,

Frei zu kaufen die Tochter, und bracht' unendliche Lösung,

Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon

Um den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,

375 

Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherrn der Völker.

Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,

Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.

Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;

Dieser entsandt' ihn mit Schmach, und befahl ihm drohende Worte.

380 

Zürnend vernahm es der Greis und wandte sich. Aber Apollon

Hörte des Flehenden Ruf, denn sehr geliebt war ihm jener.

Und nun sandt' er sein Todesgeschoß; und die Völker Achaias

Starben in Scharen dahin, da rings die Geschosse des Gottes

Flogen im weiten Heere der Danaer. Siehe da weissagt'

385 

Uns ein kundiger Seher den heiligen Rat des Apollon.

Eilend riet ich selber zuerst, den Gott zu versöhnen.

Aber der Atreion' ereiferte: schnell sich erhebend

Sprach er ein drohendes Wort, das nun der Vollendung genaht ist.

Jene geleiten im Schiff frohblickende Söhne Achaias

390 

Heim nach Chrysa zurück, auch bringen sie Gaben dem Herrscher

Doch mir nahmen nun eben die Herold' aus dem Gezelte

Brises Tochter hinweg, das Ehrengeschenk der Achaier.

O wenn du es vermagst, so hilf dem tapferen Sohne!

Steig empor zum Olympos, und flehe Zeus, wenn du jemals

395 

Ihm mit Worten das Herz erfreuetest, oder mit Taten.

Denn ich habe ja oft dich selbst im Palaste des Vaters

Rühmen gehört, wie du einst dem schwarzumwölkten Kronion,

Du von den Göttern allein, die schmähliche Kränkung gewendet,

Als vordem ihn zu binden die andern Olympier drohten,

400 

Here und Poseidaon zugleich, und Pallas Athene.

Doch du kamst, o Göttin, und lösetest ihn aus den Banden,

Rufend zum hohen Olympos den hundertarmigen Riesen,

Den Briareos nennen die Himmlischen, aber Ägäon

Jeglicher Mensch; denn er raget auch selbst vor dem Vater an Stärke.

405 

Dieser nun saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes.

Drob erschraken die Götter, und scheuten sich, jenen zu fesseln.

Setze nun, des ihn erinnernd, zu jenem dich, fass' ihm die Knie' auch,

Ob es vielleicht ihm gefallen den Troern Schutz zu gewähren,

Aber zurück zu drängen zum Lager und Meer die Achaier,

410 

Niedergehaun, bis sie alle sich sättigen ihres Gebieters,

Auch er selbst der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,

Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret!

Aber Thetis darauf antwortete, Tränen vergießend:
Wehe mir! daß ich, mein Kind, dich erzog, unselig Geborner!

415 

Möchtest du hier bei den Schiffen doch frei von Tränen und Kränkung

Sitzen; dieweil dein Verhängnis so kurz nur währet, so gar kurz!

Aber zugleich frühwelkend und unglückselig vor allen

Wurdest du! Ja, dich gebar ich dem Jammergeschick im Palaste!

Dies dem Donnerer Zeus zu verkündigen, ob er mich höre,

420 

Geh' ich selber hinauf zum schneebedeckten Olympos.

Du indes an des Meers schnellwandelnden Schiffen dich setzend,

Zürne dem Danaervolk, und des Kriegs enthalte dich gänzlich.

An des Okeanos Flut; und die Himmlischen folgten ihm alle.

 

Hierauf steig' ich empor zum ehernen Hause Kronions,

 

Zürnt' im Geist, und gedachte des schöngegürteten Weibes,

 

Kam und brachte gen Chrysa die heilige Sühnhekatombe.

Zogen sie ein die Segel, und legten ins schwärzliche Schiff sie;

435 

Warfen dann Anker hinaus, und befestigten Seil' am Gestade.

Aus auch lud man das Opfer dem treffenden Phöbos Apollon;

440 

Gab in des Vaters Hände sie hin, und redete also:



 

Sprach's, und gab in die Hände sie ihm; und mit Freuden empfing er
Seine geliebte Tochter. Auch ordneten jene des Gottes
Herrliche Sühnhekatomb' um den schöngebaueten Altar;
Wuschen darauf sich die Händ', und nahmen sich heilige Gerste.

 

Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest!
So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,
Wie du Ehre mir gabst, und furchtbar schlugst die Achaier;

 

Gib den Danaern nun der schmählichen Plage Genesung!



 

Zwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.

Sprengt' er darauf; ihn umstanden die Jünglinge, haltend den Fünfzack.

465 

Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.

Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.

470 

Wandten von neuem sich rechts und verteileten allen die Becher.

Schön anstimmend den Päan, die blühenden Männer Achaias,

475 





 

Voll nun schwellte der Wind des Segels Mitt', und umher scholl

Und es durchlief die Gewässer, den Weg in Eile vollendend.

485 

Hoch auf den kiesigen Sand, und breiteten drunter Gebälk hin;

Jener zürnt', an des Meers schnellwandelnden Schiffen sich setzend,
Peleus göttlicher Sohn, der mutige Renner Achilleus:

 

Niemals mehr in die Schlacht. Doch Gram zernagte das Herz ihm,

Als nunmehr die zwölfte der Morgenröten emporstieg;
Kehreten heim zum Olympos die ewigwährenden Götter

 

Ihres Sohns; sie enttauchte der Woge des Meers, und erhub sich

Fand nun den wartenden Zeus abwärts von den anderen sitzend,

500 

Seine Knie', und berührt' ihn unter dem Kinn mit der Rechten;

Vater Zeus, wenn ich je mit Worten dir, oder mit Taten,
Frommt' in der Götterschar; so gewähre mir dieses Verlangen:

 

Sterblichen ward! Doch hat ihn der Völkerfürst Agamemnon

Aber o räch' ihn du, Olympier, Ordner der Welt, Zeus!

510 

Jene sprach's; ihr erwiderte nichts der Wolkenversammler;
Lange saß er und schwieg. Doch Thetis schmiegte sich fest ihm
An die umschlungenen Knie', und flehete wieder von neuem:

515 

Ganz sei ich vor allen die ungeehrteste Göttin!



 

Stets mit mir, und saget, ich helf' im Streit den Troern.

Here; doch mir sei die Sorge des übrigen, wie ich's vollende.

525 

Heiligstes Pfand, denn nie ist wandelbar, oder betrüglich,

Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion;
Und die ambrosischen Locken des Königes wallten ihm vorwärts

 

So ratschlagten sie beid', und trennten sich. Siehe, die Göttin
Fuhr in die Tiefe des Meers vom glanzerhellten Olympos;
Zeus dann in seinen Palast. Die Unsterblichen standen empor ihm
Alle vom Sitz, dem Vater entgegen zu gehn; und nicht einer

 

Er nun nahte dem Thron, und setzte sich. Aber nicht achtlos
Hatt' es Here bemerkt, wie geheim ratschlagte mit jenem
Nereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.
Schnell mit kränkender Rede zu Zeus Kronion begann sie:

 




545 

Einzusehn; schwer würde dir das, auch meiner Gemahlin!

Früher erkennen denn du, der Unsterblichen oder der Menschen.

550 

Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet!
Nie doch hab' ich zuvor mich erkundiget, oder geforschet;
Sondern ganz in Ruhe beschließest du, was dir genehm ist.

 

Nereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.

Ihr dann winkend, vermut' ich, gelobtest du, daß du Achilleus

560 





 

Kaum wohl schätzten dich sonst die Unsterblichen all' im Olympos,

Jener sprach's; da erschrak die hoheitblickende Here;
Schweigend saß sie nunmehr, und bezwang die Stürme des Herzens.

 

Jetzo begann Hephästos, der kunstberühmte, zu reden,

Heillos traun wird solches zuletzt, und gar unerträglich,

575 

Mehr von der Freude des Mahls; denn es wird je länger, je ärger!

Unserem Vater zu nahn mit Gefälligkeit, daß er hinfort nicht

580 

Schmettert' er uns von den Thronen; denn er ist mächtig vor allen,

Bald wird wieder zu Huld der Olympier uns versöhnt sein.

585 

Duld', o teuerste Mutter, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!

Wann er dich straft; darin sucht' ich umsonst, wie sehr ich mich härmte,

590 

Schwang er mich hoch, bei der Ferse gefaßt, von der heiligen Schwelle.

Fiel ich in Lemnos hinab, und atmete kaum noch Leben;

595 





 

Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne
Schmausten sie; und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles,
Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leier Apollons,
Noch des Gesangs der Musen mit hold antwortender Stimme.

 





 

Dorthin stieg er zu ruhn mit der goldenthronenden Here.